Mittwoch, 15. August 2012

Mikkel Birkegaard: Die Bibliothek der Schatten

Ich beginne heute mit Die Bibliothek der Schatten von Mikkel Birkegaard. Ein mystischer Fantasy-Thriller. Thriller lese ich normalerweise nicht gerne, aber es ist ein Buch aus meinem Lieblingsgenre. Und meine liebe Lesefreundin Mirella hat es für mich ausgesucht.
Und das erste Kapitel liest sich schon so wundervoll. Am liebsten würde ich es als Zitat schreiben, aber das wird zu lang. Deshalb nur die ersten zwei Absätze:

Luca Campellis Wunsch, umgeben von seinen geliebten Büchern zu sterben, ging an einem späten Oktoberabend in Erfüllung.
Natürlich ist das einer dieser Wünsche, die nie konkret ausgesprochen oder gedacht werden, aber jeder, der Luca in seinem Antiquariat gesehen hatte, wusste, dass es gar nicht anders sein konnte. Er bewegte sich zwischen den Bücherstapeln seines kleinen Ladens "Libri di Luca" wie in seinem Wohnzimmer und führte jeden Kunden ohne zu zögern exakt zu dem 'Regal oder Stapel, in dem das gewünschte Buch steckte. Lucas Liebe zur Literatur offenbarte sich jedem Kunden schon nach wenigen Sätzen, und dabei war es vollkommen unwesentlich, ob es sich um ein abgenutztes Taschentuch oder eine seltene Erstausgabe handelte. Ein solches Wissen zeugte von einem langen Leben mit Büchern, und Lucas Autorität und Souveränität, die er zwischen den Regalen des Antiquariates an den Tag legte, machten es einem schwer, ihn sich außerhalb der vertrauten Atmosphäre aus gedämpfter Andächtigkeit vorzustellen...

Traurigerweise stirbt Luca am Ende des ersten Kapitels: beim Lesen in seinem Antiquariat. Nach einiger Qual stirbt er am Ende doch glücklich.
Ich verrate damit nichts Wesentlich, da es auch in der Inhaltsangabe des Buches geschrieben steht.

Jon Campelli, 33, Jahre, von Beruf erfolgreicher Strafverteidiger bekam nach einem gewonnenen Gerichtsfall die Nachricht, dass sein Vater gestorben sei. Zur Beerdigung waren wenigstens 100 Personen in der Kapelle. Iversen, langjähriger Mitarbeiter von Luca Campelli, erzählte ihm, dass es sich um Freunde des "Libri di Luca" handelt.
Und nach der Beerdigung, als Jon in ein Lokal ging, um etwas zu trinken, wird es ganz kurios. Er vertiefte sich in die Akte eines neuen Klienten und wurde auf einmal von einem angetrunkenen Typen angemacht; was er sich denkt, hier so ohne Rücksicht zu nehmen, zu lesen:

"Stellen Sie sich mal vor, wie es wäre, wenn alle um Sie herum hemmungslos lesen würden", fuhr der Mann fort, nachdem er seine Flasche abgestellt hatte. "Die ganzen Worte und Sätze würden wie Schneeflocken in einem Sturm durch die Luft wirbeln." Der Mann hob die Hände vors Gesicht und fuchtelte herum. "Sie würden sich mischen, zu unverständlichen Phrasen verhaken, sich aufteilen, um sich dann wieder zu ganz neuen Worten und Abschnitten zu vereinen, die Sie in den Wahnsinn treiben, wenn Sie etwas zu verstehen versuchen oder Sinn in etwas finden wollen, das keinen Sinn mehr macht."

Und ein paar Seiten später wird es noch verzwickter. Jon besucht Iversen am Tag nach der Beerdigung im Antiquariat. Von Iversen hat er nach der Beerdigung schon erfahren, dass er das Antiquariat erbt. Nun wollten sie sich darüber genauer unterhalten. Und was er nun erfährt, noch dazu in einem Raum, den er bisher nie betreten durfte, ist kaum zu glauben. Noch dazu von ihm, der ja schon von Berufs wegen alles beweisen muss.
Iversen erzählt ihm, dass es tatsächlich Vorleser gibt, die die Gedanken der Zuhörenden manipulieren können.

"Wer sich auf diese Kunst versteht, nennt sich Lettore. Wir können einen Text beim Lesen so akzentuieren und aufladen, dass wir das Erleben des Zuhörers und seine Haltung zum Vorgelesenen beeinflussen können."

Das ist ja mal wieder die richtige Literatur für mich. Ich könnte schon wieder Sätze um Sätze rausschreiben. Ich finde so gut wie auf jeder Seite schöne Sätze, die des Zitierens wert sind. Aber ich werde mich am Riemen reißen.


Im nächsten Kapitel wird von Katherina berichtet, die eine Empfangende ist. Das bedeutet, sie kann lesende Stimmen hören. Durch Zufall hat sie herausgefunden, was die Stimmen bedeuten, die sie so oft hört. Sie saß eines Tages im Bus und musste auf einmal lachen, weil eine Stimme von einem Mädchen mit roten Zöpfen berichtete. Zeitgleich sah sie plötzlich einen Jungen mit einem Buch in der Hand mit eben jenem Mädchen drauf, der herzlich lachte.
Eines Tages kam sie an Luca Campellis Antiquariat vorbei, hörte eine wundervolle Stimme, trat ein und blieb. Luca brachte ihr bei, mit den Stimmen zu leben.
Und Katherina ist es nun, die dem ungläubigen Jon beweisen soll, dass das, was Iversen ihm in der Bibliothek erzählt hat, wahr ist.
Und Jon erhielt seinen Beweis; anhand des Buches "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury. Und in einem ruhigen Moment erlebt Jon, was es bedeutet, ein Empfänger zu sein.


Dieses Buch war das reinste Lesevergnügen. Während mich ja am Anfang die vielen schönen Passagen über das Lesen und die Bücher begeistert haben, hat mich dann die Geschichte voll gepackt, in der diese Passagen nicht mehr so oft vorgekommen sind. Aber "das Buch" spielt immer eine Rolle, so dass ich mich beim Lesen äußerst wohl gefühlt habe.
Mikkel Birkegaard spielt hier mit einer Möglichkeit, Menschen zu beeinflussen, über die ich gar nicht tiefer nachdenken möchte. Obwohl es sich wunderbar anhört, wenn diese Fähigkeiten nur zum Guten verwendet werden würde. Aber wo Licht ist, ist bekanntermaßen auch Schatten.

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