Freitag, 22. Januar 2021

Colum McCann: Der Tänzer

Der Inhalt des Romans "Der Tänzer" von Colum McCann ist schnell und einfach zusammengefasst: Erzählt wird die Lebensgeschichte von Rudolf Chametowitsch Nurejew, der Ikone des klassischen Balletts. Er galt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als einer der besten Tänzer dieses Genres.
Doch so simpel sich diese Zusammenfassung des Inhalts anhören mag, umso spektakulärer ist das, was der irische Schriftsteller Colum McCann daraus gemacht hat.

Nurejew wurde 1938 in Sibirien geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Ufa, einer russischen Industriestadt. Hier nahm seine Ausbildung zum Balletttänzer ihren Anfang. Schnell war klar, dass Nurejew außergewöhnlich talentiert war. Es folgten in Kürze Engagements in Leningrad und Moskau sowie Auftritte im Ausland. 
Bei einem seiner Auslandsaufenthalte (1961, Paris) setzte er sich ab und beantragte politisches Asyl. Von da ab dominierte er die Welt des klassischen Balletts, machte sich jedoch nicht nur durch sein tänzerisches Können einen Namen. 
Quelle: Rowohlt
"Natürlich tanzte er perfekt: leicht und schnell, flüssig, mit gesammelter, beherrschter Form, doch da war noch etwas, das über das Körperliche hinausging - es war nicht nur in seinem Gesicht, seinen Fingern, seinem langen Hals, seinen Hüften, es war etwas Ungreifbares, etwas, das mit dem Kopf nicht zu erfassen war, eine kinetische Wildheit und Durchdrungenheit -, und als der Applaus erklang, emfpand ich geradzu ein wenig Hass auf ihn."
Der Ausnahmetänzer war für sein aufbrausendes Temperament und seine Arroganz berühmt berüchtigt. Er hatte den Ruf eines Exzentrikers, der in der Welt des Balletts und ihrem Orbit, Bewunderer um sich scharrte. Künstler, Politiker, Reiche und Schöne - alle suchten seine Nähe wie die Motten das Licht. Es gab jedoch nur sehr wenige Personen, die Nurejew an sich heranließ. Während er Menschen, die ihm nahe standen mit seiner Großzügigkeit überhäufte und in einer ungelenken Weise seiner Liebe zeigte, begegnete er allen anderen mit großer Verachtung. Es schien, als wollte Nurejew ausreizen, wie weit er mit seinem abweisenden und verletzendem Verhalten gehen konnte, bis seine Verehrer sich von ihm abwandten. Doch das geschah nie. Egal, welche Eskapaden sich Nurejew erlaubte, seine Gefolgschaft ließ es ihm durchgehen.
Nurejew starb im Alter von 53 Jahren (1993) an den Folgen von AIDS.

Colum McCann erzählt die Geschichte von Nurejew genauso virtuos, aber auch unberechenbar, wie sich der Tänzer zeitlebens präsentiert hat. Vom Anfang bis zum Ende - man weiß nie, was in diesem Roman als Nächstes passieren wird - selbst, wenn man glaubt die Lebensgeschichte Nurejews zu kennen. Es gibt unzählige Erzählperspektiven, u. a. mit wechselnden Ich-Erzählern. Diese Wechsel kommen unvorbereitet und sind lediglich an dem veränderten Sprachstil zu erkennen, der sich an dem jeweiligen erzählenden Charakter orientiert. Wer gerade erzählt, erschließt sich anhand des Inhalts des jeweiligen Abschnittes. Wir haben extrovertierte Charaktere, die nur so sprudeln vor lauter ausschweifender Erzähllust. Und es gibt die stillen, Introvertierten, die McCann nur sehr zögerlich erzählen lässt. Die Sprache wirkt reduziert. Die Wirkung dieser Textabschnitte entsteht durch das, was zwischen den Zeilen steht. 

Die erzählenden Charaktere sind Menschen, die dem Tänzer nahe standen, die also wichtig für den privaten Nurejew waren. Doch McCann lässt auch den Tänzer selbst zu Wort kommen. Dabei bestätigt Nurejew den Eindruck, den man durch die Schilderungen der anderen Charaktere von ihm gewonnen hat. Er gibt nur sehr wenig von seinem Innersten Preis. Doch das reicht aus, um seine Verletzlichkeit hinter der Fassade des arroganten Künstlers, der seinen Mitmenschen mit Verachtung begegnet, zu erkennen.
"Die französischen Kritiker sagen, dass Sie, wenn Sie tanzen, ein Gott sind.
Ich bezweifle das.
Sie zweifeln an den Kritikern?
Ich zweifle an den Franzosen.
(Allgemeines Gelächter)
Ich zweifle auch an den Göttern.
Wie meinen Sie das?
Ich würde sagen, die Götter sind so beschäftigt, dass ich und alle anderen ihnen scheißegal sind."
Neben den Perspektiven der verschiedenen Charaktere gibt es überraschende Einschübe über Aufzählungen, die Nurejews Kultstatus dokumentieren. Gleich zu Beginn gibt es eine Übersicht von Dingen sein, die Fans während seiner ersten Saison in Paris auf die Bühne geworfen haben. 
(z. B. russischer Tee, aus dem Louvre gestohlene Blumen, ein Nerzmantel, Mengen an Damenslips, erotische Fotos, Glasscherben, Todesdrohungen, Hotelschlüssel etc. etc.)
Diese Einschübe sind unterhaltsame Intermezzos. Denn man wundert sich, mit welchen Problemen und Problemchen sich ein Star herumschlagen muss.

"Der Tänzer" ist nicht nur als biografischer Roman zu verstehen. Denn die Handlung, die den Lebensweg Nurejew beschreibt, wird begleitet von der neuzeitlichen Geschichte Russlands. Nurejew ist 1961 aus der Sowjetunion geflohen. Seine Engagements im Ausland, die der russische Staat seinem prominenten Aushängeschild erlaubte, boten ihm die Möglichkeit sich abzusetzen. Die Menschen, die er in der Heimat zurückließ, rückten durch seine Flucht in den Fokus des Überwachungsstaats. Auch diese Menschen haben ihren Anteil an der Handlung in diesem Buch. Durch ihre Erzählung geben sie nicht nur wieder, welchen Einfluss sie auf Nurejews Entwicklung hatten sondern stehen auch stellvertretend für das Leben in der Sowjetunion in der Zeit vom 2. Weltkrieg bis hin zum Ende des Regimes.

Das Ende dieses Romans ist fulminant und hat mich tief berührt. Nurejew ist 1993 an den Folgen seiner AIDS Erkrankung gestorben. Diesem Roman nun einen Schluss mit den letzten Atemzügen Nurejews am Krankenbett zu schreiben, wäre zu einfach und zu leicht zu durchschauen gewesen. Colum McCann wählt ein Ende für seinen Roman, das einem Ausnahmekünstler wie Nurejew würdig ist. Gäbe es bei mir eine Rangliste der besten Schlussszenen in Romanen, stünde das Ende von "Der Tänzer" an erster Stelle und lange käme erstmal nichts. 

Doch bis man in diesem Roman am Ende angelangt ist, hat man erstmal das Lesevergnügen von knapp 460 Seiten Fabulierkunst vor sich: Die Geschichte eines beeindruckenden Künstlers auf beeindruckende Weise erzählt! Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 10. Januar 2021

Andreas Kollender: Mr. Crane

Quelle: Pixabay/GregMontani
Da musste ich erst den Roman eines deutschen Autoren lesen, um zu lernen, dass es Ende des 19. Jahrhunderts einen amerikanischen Schriftsteller namens Stephen Crane gab, dessen Romane und Erzählungen heutzutage als Klassiker der amerikanischen Literatur gehandelt werden. Scheinbar kenne ich mich doch nicht in dem Maße mit amerikanischer Literatur aus, wie ich immer angenommen bzw. gehofft habe;-)
Der Roman, der mich auf den Weg der Erkenntnis gebracht hat, ist "Mr. Crane" von Andreas Kollender.

Stephen Crane (geboren 1871) war - wie der Roman von Andreas Kollender beschreibt - zeitlebens ein charismatischer und lebenslustiger Abenteurer, der diese Lebenslust jedoch nicht lange genießen durfte. Denn Crane starb im Jahre 1900 mit gerade mal 29 Jahren an Tuberkulose. 
Cranes bekanntester Roman ist "Die rote Tapferkeitsmedaille", mit dem er 1895 seinen literarischen Durchbruch erzielte und der ihm den Weg in ein turbulentes Leben ebnete. Der junge Autor wurde als Kriegsberichterstatter engagiert und wurde in diverse Krisengebiete der damaligen Zeit entsendet. 
Die letzten Tage seines Lebens verbrachte der todkranke Crane in einem Sanatorium in Badenweiler (Schwarzwald), wo er trotz schlechter Prognosen immer noch auf Heilung hoffte.
Quelle: Pendragon
"Das Leben sei schön, sagte Mr. Crane, es komme immer darauf an, wohin man sehe. Komme darauf an, wo das Rettungsboot sich gerade befinde, auf dem Wellenkamm oder im Tal, umschlossen von grauem Wasser."
"Mr. Crane" erzählt unter anderem die Geschichte von Cranes Zeit in Badenweiler. Eigentliche Protagonistin ist jedoch die Krankenschwester Elisabeth, die zum Zeitpunkt des Aufenthalts des Amerikaners für dessen Pflege zuständig ist. Die junge Frau, die die Bücher von Crane geradezu verschlungen hat, verliebt sich in ihren Patienten. Sie sieht ihn als Seelenverwandten und stößt bei Crane ebenfalls auf Interesse. 
Die Handlung dieses Romans findet auf 2 Zeitebenen statt. 14 Jahre später - Elisabeth ist mittlerweile zur Oberschwester in dem Sanatorium in Badenweiler aufgestiegen - erinnert sie der Umgang mit einem Soldaten, der als Kriegsverletzter in ihre Obhut kommt, an die sehr intensive Zeit mit Stephen Crane, die gleichzeitig die letzten Tage seines Lebens waren.

Bei diesem Roman bin ich wieder mal auf Klappentext und Verlagsbeschreibung reingefallen. In diesem Fall bin ich jedoch positiv überrascht worden. Was ich als Liebesroman begonnen habe, der scheinbar den Fokus auf den Schriftsteller Stephen Crane richtet, hat sich zu viel mehr entwickelt. Im Mittelpunkt steht für mich nicht Stephen Crane, sondern Krankenschwester Elisabeth, die die Romanze mit ihrem Stephen als Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ergreift - auch, wenn es ihr zu dem Zeitpunkt der Romanze noch nicht bewusst ist. Crane wird dadurch für mich zum Nebendarsteller, der mich aber dennoch zu unterhalten weiß. Denn durch seine Erinnerungen an die Abenteuer, die er erlebt hat, macht er mich neugierig auf seine Bücher. In vielen von ihnen hat er seine Erlebnisse verarbeitet. 

"Mr. Crane" ist gleichzeitig ein Buch gegen den Krieg, wobei die Sichtweise von Elisabeth eine große Rolle spielt: der Krieg ist ein Spiel von Männern, bei dem es um Ruhm und Ehre geht. Dieser männliche Wunsch nach Heldentum ist für Elisabeth nicht ernst zu nehmen und wird von ihr in dem Handlungsverlauf mehr als einmal der Lächerlichkeit preisgegeben - wenn auch auf sehr subtile Weise. 

Die Entwicklung von Elisabeth hat mir ausgesprochen gut gefallen: aus der sittsamen und duldsamen Frau, die in einer von Männern dominierten Ära lebt, wird am Ende eine selbstbewusste Frau, die ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, ungeachtet dessen, was die Gesellschaft von einer Frau ihrer Zeit erwartet.

"Mr. Crane" war also eine Überraschung für mich, da sich hinter dem "biografischen Liebesroman" ein vielschichtiger Entwicklungsroman verbarg, der durch den Mythos Crane und seine Erinnerungen noch eine besondere Note erhielt. Großes Erzählkino!

© Renie


Sonntag, 3. Januar 2021

Chris Kraus: Scherbentanz

Quelle: Pixabay/TanteTati
Wikipedia sagt: "Eine Literaturverfilmung, von der Literatur detaillierter als Filmadaption betrachtet, ist die Umsetzung einer literarischen Vorlage im Medium Film."
Zuerst kommt also der Roman und danach der Film. Der deutsche Regisseur und Schriftsteller Chris Kraus zäumt das Pferd jedoch scheinbar gern von hinten auf: erst der Film und dann der Roman. Sein erster Film "Scherbentanz" kam 2002 in die Kinos. Erst ein Jahr später veröffentlichte Chris Kraus den gleichnamigen Roman. 

Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist Jesko, Anfang 30, Spross der deutschen Zementfabrikanten-Familie Solm, baltische Wurzeln, Mode-Designer mit Hang zum Tragen von Männerröcken, ein Zyniker wie er im Buche steht, das schwarze Schaf der Familie und todkrank.
Jesko hat nicht mehr lange zu leben, bestenfalls sind es noch Monate. Denn eine Krebserkrankung hat ihm einen Strich durch seine Zukunftspläne gemacht. Die bisherigen Therapieversuche sind gescheitert, eventuell könnte noch die Knochenmarkspende eines Verwandten sein Leben verlängern. Familie hat er reichlich, aber keiner scheint in das nötige Knochenmarkprofil zu passen. 
"'Ein Meter achtzig. Ungefähr siebzig Kilo. Dünn. Schmächtig. Leukämie. Anfang dreißig. Hat Angst, dass sich die ganze Welt, wenn er die Deckung auch nur für eine Sekunde aufgibt, in ein Chaos verwandelt. Trägt Röcke. Aus Wut vielleicht. Von Beruf Schneider. Wäre lieber Coco Chanel oder so. ... Hält nette kleine Beobachtungen für das einzig Wichtige im Leben. Legt sich mit allen an, die anderer Ansicht sind. ...'"
Die Hoffnung von Jeskos Familie lastet nun auf Käthe, Jeskos Mutter. Die Sache hat nur einen Haken: Käthe ist seit Jahren von dem Familienpatriarchen Gebhard, der Jeskos Vater ist, geschieden. Zudem ist sie geistig nicht ganz auf der Höhe, weshalb ihr Verhalten unberechenbar ist und sie äußerst aggressiv werden lässt. Insbesondere Ex-Mann und Familienoberhaupt Gebhard musste schon einiges einstecken. Auch Jesko und sein älterer Bruder Ansgar hatten in ihrer Kindheit unter den Ausbrüchen von Käthe zu leiden, was nun die Entscheidung für Jesko, die Hilfe von Käthe in Anspruch zu nehmen, nicht einfach macht. Am Ende siegen Jeskos Lebenswille sowie Geld und Einfluss der wohlhabenden Familie, um Käthe auf dem Anwesen der Familie Solm einzuquartieren. Auch Jesko wird für die nächsten Wochen hier wohnen. Schließlich gilt es zu prüfen, ob Käthe überhaupt als Knochenmarkspender geeignet ist. In dieser Zeit des Wartens passiert so einiges in dieser Familie. Der Leser lernt nach und nach die einzelnen Familienmitglieder kennen und solche, die es werden wollen. Dabei stellt sich heraus, dass es Geheimnisse in dieser Familie gibt, über die man nicht sprechen möchte.
"Das Gehirn meiner Mutter ist einen anderen Weg gegangen. Es hat sich aus einen vielversprechenden mentalen Hyperzyklus in pure Materie zurückverwandelt, in ein heißes, klebriges Stück Teer, aus dem es kein Entrinnen gab für die wenigen Gedanken, die noch hinauswollten."
"Scherbentanz" ist Kopfkino pur. Denn man merkt diesem Roman an, dass hier ein Filmemacher am Werk war. Ich habe selten einen Roman gelesen, der dermaßen präzise Bilder vor dem geistigen Auge entstehen lässt. Die Geschichte birgt natürlich sehr viel Potenzial für eine Verfilmung: eine verkorkste und reiche Familie, die von ihren Geheimnissen aus der Vergangenheit eingeholt wird, schräge Charaktere, Emotionen, bissiger Humor und Tragik.

Die Charaktere in diesem Roman sind gewöhnungsbedürftig, teilweise sogar klischeehaft, was ich jedoch mochte, da die Klischees sehr originell rübergebracht werden. Der Protagonist und Ich-Erzähler Jesko ist natürlich besonders, da er sich im Verlauf der Handlung von einem todgeweihten, zynischen Ekel zu einem Charakter entwickelt, der sensibel und verletzlich ist, und völlig andere Seiten von sich zeigt, als man es ihm anfangs zugetraut hätte. 

So schräg die Charaktere in "Scherbentanz" sind, so geradlinig ist der Sprachstil in diesem Roman. Ich mag es, wenn ein Autor nicht lange palavern muss, um Bilder in meinem Kopf entstehen zu lassen. Hier sitzt jeder Satz. Chris Kraus gelingt es, mit wenigen Worten, aber viel Wortwitz das Kopfkino zum Laufen zu bringen. Der schwarze Humor, der dem Leser dabei begegnet, trägt zur Unterhaltung bei. Dennoch verliert dieser Roman nie seine Ernsthaftigkeit.

Schön sind auch die Überraschungen in diesem Buch, welche häufig klitzekleine Momente sind (bspw. in einem Nebensatz), die jedoch einen umso größeren Effekt auf die Handlung haben. Das sorgt für Spannung, so dass in diesem Buch immer etwas los ist.

Fazit:
Eine schräge Geschichte mit schrägen Charakteren in einer geradlinigen Sprache erzählt. Ein unglaublich guter Roman!

© Renie


Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mick Herron: Real Tigers

Quelle: Pixabay/Peggy_Marco
Der Autor, der sich bei der Namensgebung seiner Krimireihe um den Ermittler Jackson Lamb bisher gerne der Tierwelt bedient hat, hat wieder zugeschlagen. Mit "Real Tigers" ist dem britischen Autor Mick Herron ein neues Husarenstück geglückt.
Angefangen hat alles mit Pferden, danach kamen Wildkatzen - zunächst Löwen und nun Tiger -, und mittendrin befindet sich  immer ein Lamm. Besagtes Lamm ist der Protagonist dieser Krimiserie und hat nichts, aber auch gar nichts mit dieser niedlichen Spezies zu tun. Denn Jackson Lamb ist streng genommen ein Held zum Abgewöhnen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen: als Leser wird man von diesem Charakter magisch angezogen - ähnlich wie von einem ekligen Insekt, das man angewidert, aber fasziniert aus der Nähe betrachten möchte. 
"Lamb starrte ihn gefühlt eine volle Minute lang an, und da Lamb Lamb war, hätte es durchaus eine volle Minute sein können, bevor er anfing zu lachen. Und da er nun mal Lamb war, erfasste das Lachen seinen ganzen Körper: Er bebte von Kopf bis Fuß, und sein Gewieher erfüllte den Raum. Mit zurückgeneigtem Kopf sah er aus wie ein bösartiger Clown. An der Stelle, wo ein Hemdknopf abgeplatzt war, lugte ein behaarter Streifen Bauch hervor."
Quelle: Diogenes
Jackson Lamb geht gar nicht, weder als Chef - es sei denn, Menschenverachtung und Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeitern werden als Führungsqualitäten angesehen - und menschlich erst recht nicht. Der Mann besitzt weder innere noch äußere Werte. Doch dafür ist er als Agent unschlagbar und mit allen Wassern gewaschen. Mit dieser fürchterlichen Mischung aus Ekelpaket und brillantem Ermittler haben seine Mitarbeiter tagtäglich zu kämpfen, insbesondere da die Brillanz eines Jackson Lamb so gut wie nie hinter seiner großmäuligen und schmierigen Fassade zum Vorschein kommt. Es muss schon viel passieren, dass dieser in Geheimagenten-Aktion tritt. In dem vorliegenden Fall "Real Tigers" ist dies die Entführung einer Mitarbeiterin. Lamb und seine Truppe mit dem vielsagenden Namen "Slow Horses" (Lahme Gäule) macht also mobil. 

Warum "Slow Horses"? In Anlehnung an die Londoner Büro-Adresse dieser Einheit (Slough House), hat sich diese Abwandlung aufgrund der Besonderheit dieser Truppe etabliert. Die Einheit von Lamb ist das Auffangbecken für Ermittler, die sich in ihrer bisherigen Karriere nicht mit Ruhm sondern eher mit Mist bekleckert haben. Für ihre Fehler werden sie ausrangiert, kommen zu Lamb und werden mit anspruchslosen Aufgaben betreut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Langeweile freiwillig den Dienst quittieren - was bisher aber noch keiner gemacht hat. Die Leidensfähigkeit eines britischen Beamten scheint enorm zu sein.
Der Entführung der Kollegin scheint die lahmen Gäule jedoch auf Trab zu bringen, insbesondere wenn Jackson Lamb die Peitsche schwingt.
Hinter der Entführung steckt ein niederträchtiges Komplott übler Charaktere aus Politik und britischem Geheimdienst. Diesmal wird es bei Mick Herron also politisch.
"'..., das klingt nach politischem Kram. Und das ist genau der Kram, in den man sich tunlichst nicht einmischen sollte.'"
Es ist schon eine Weile her, dass ich "Dead Lions", den Vorgänger von "Real Tigers", gelesen habe. Doch sobald ich die erste Seite von "Real Tigers" aufgeschlug, hat es sich angefühlt, als ob ich nach Hause gekommen wäre. Nach wenigen Sätzen war ich wieder gefangen in der Welt der lahmen Gäule. Was diese Krimi-Serie auszeichnet, ist zunächst einmal das schräge Setting sowie der Unsympath Jackson Lamb, der zusammen mit einem Team aus tragischen Gestalten, den Geheimdienst aufmischt. Der Aufbau dieses Teils ähnelt denen, der anderen Romane dieser Krimireihe. Mick Herron greift also auf eine bewährte Vorgehensweise zurück. Doch tatsächlich kann ich davon nicht genug bekommen, solange die Spannung stimmt. Und die stimmt in "Real Tigers" definitiv. Relativ kurze Kapitel, die gerne mit einem Cliffhanger enden sowie Tempowechsel in der Erzählung sorgen dafür, dass dem Leser nicht langweilig wird. Mick Herron zieht im Zusammenspiel mit der Handlung gerne mal das Tempo an. Wenn es also zur Sache geht - denn auch ein lahmer Gaul kann zum Schlachtross werden -, fährt Mick Herron das Erzähltempo bis zur Atemlosigkeit hoch. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. 
"Es geht nicht nur darum, dass man ab und an über ein Minenfeld tanzen muss, mein Junge, hatte irgendein alter Sack zu ihm im Parlament gesagt. Die Kunst ist, dass du's mit einem Lächeln auf der Visage tust."
Hinzu kommt der knochentrockene Humor in diesem Roman. Trotz aller Aversionen, die Jackson Lamb hervorruft, ist durch sein sehr spezielles Auftreten und seinen eigentümlichen Verhaltensweisen für Spaß gesorgt. Der unberechenbare Lamb sorgt für schräge und lustige Überraschungsmomente. Und dank verblüffender Lebensweisheiten, die zwar ironisch gemeint sind, lernt der Leser noch für's Leben. 

Mein Fazit:
Spannend, lustig und schräg. Mit Mick Herron und seinen Slow Horses wird es nie langweilig. Eine Krimi-Serie der besonderen Art!

© Renie





Sonntag, 13. Dezember 2020

Florian L. Arnold: Die Zeit so still

Quelle: Pixabay/harutmovsisyan
Eine Stimmung wie bei Edgar Allan Poe, Lebensumstände wie bei George Orwells "1984", dazu eine Seuche, die an was wohl? erinnert. Mit anderen Worten: schaurig-schön und düster, bedrückend und realistisch ... das ist die Novelle "Die Zeit so still" von Florian L. Arnold.

Die Geschichte, welche der Autor erzählt, könnte in Kürze Wirklichkeit werden. Darum geht es:
Eines Nachts begegnen sich zwei Fremde in einer Straßenbahn. Der Eine ist der Fahrer der Bahn, der Andere ein Fahrgast - überhaupt der erste seit sehr langer Zeit. Denn in der Stadt, in der wir uns befinden, ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen. Es herrschen Ausgangssperren. Die Menschen in dieser Stadt dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen, denn eine tödliche Seuche wütet seit geraumer Zeit in dieser Gegend. Die Oberen dieser Stadt sahen sich gezwungen, einen Lockdown über die Stadt zu verhängen, der jenen, den wir selbst momentan in Corona-Zeiten erleben, als einen Wellness-Aufenthalt zuhause erscheinen lässt. In dieser Stadt werden die Menschen überwacht. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird streng bestraft. 
Quelle: Mirabilis
"Anfangs war ja nicht alles von Grund auf anders geworden.
Das hätte ihm damals mal jemand sagen sollen:
daß das alles von Grund auf anders sein wird und daß es weichen wird, dieses anfängliche Amüsement in ihm über den so aufgeregten Tonfall allerorten und den Zorn der Befürworter harter Maßnahmen und den Zorn derer, die diese Maßnahmen ablehnten ..."
Wir wissen nicht, seit wann die Menschen in der Isolation leben müssen. Vermutlich sind es bereits Jahre. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Einer, der sich über die Ausgangssperre hinwegsetzt, ist der einsame Fahrgast der Straßenbahn. Das Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten ist zunächst von Misstrauen geprägt. Zu groß ist die Furcht vor Denunziantentum. Doch im Verlauf der Nacht, in der die beiden Männer diese Stadt durchqueren, entwickelt sich das Misstrauen zu Nähe. Die Beiden beichten sich in dieser Nacht ihre persönlichen Geschichten.

Das Szenario, das wir hier erleben dürfen, erscheint surreal. Zwei Männer, die in einer beleuchteten Straßenbahn durch die stockdunkle Nacht fahren. In der Straßenbahn, auf engstem Raum, findet die Handlung in Form eines Gespräches statt. Außerhalb dieses erleuchteten Kokons herrscht Düsternis, die Stadt ist wie ausgestorben, als ob es hier kein menschliches Leben mehr gäbe. Das ist so schaurig, dass allein bei der Vorstellung dieses Szenarios der Adrenalinspiegel steigt. Und immer wieder ertappt man sich dabei, Parallelen zu unserer heutigen Zeit zu suchen.

Aber diese Novelle würde auch ohne den Bezug auf die realen Corona-Gegebenheiten funktionieren. Nicht umsonst habe ich zu Beginn meiner Besprechung den Vergleich zu Edgar Allan Poe herangezogen. Denn Stimmung und Szenerie haben große Ähnlichkeiten mit den Kurzgeschichten des Großmeisters der Schauerliteratur. Der Autor Florian L. Arnold erzeugt mit einer unglaublichen Sprachgewalt eine Stimmung, die einerseits beklemmend ist, aber dennoch durch die Bilder, die in der Phantasie entstehen, fasziniert.

Wenn man die erste Seite des Textes aufschlägt, wird man an ein sehr reduziertes Gedicht erinnert:
Im weiteren Verlauf finden sich kurze Textabschnitte, die sich jedoch mit der Zeit verdichten und kompakter werden. Diese Gestaltung ist geschickt gewählt, lassen sich doch hier Parallelen zu der Handlung sehen: aus der anfänglichen Isolation, die von Leere, Langeweile und Untätigkeit bestimmt ist - also einer erzwungenen reduzierten Lebensweise - wählt einer der Protagonisten (der spätere Fahrgast) einen Weg, der deutlich mehr zu bieten hat. Die Ereignisse, an denen er während seines Weges beteiligt ist, sind keineswegs besonders. Doch sie sind immer noch mehr als das Nichts, das er allein in seiner Wohnung hatte. Unser Protagonist kehrt also ins Leben zurück. Und gleichzeitig werden auch die einzelnen Textabschnitte dieser Novelle großzügiger. Dieses stilistische Mittel habe ich als ungewöhnlich empfunden. Und dafür hat es mich umso mehr begeistert.

Es gibt noch eine weitere Besonderheit in der Gestaltung des Textes: Die Novelle hat unzählige Randbemerkungen. Dies sind Textbruchstücke unterschiedlicher Quellen und können z. B. allgemeine Parolen der Behörden dieser Stadt sein, die im Zusammenhang mit der Seuche stehen, aber auch Funkmitschnitte, welche die Aktivitäten des Überwachungen dokumentieren oder einfach nur Gedanken, die unseren Protagonisten für einen kurzen Moment durch den Kopf schießen. Das ist einerseits originell und hat andererseits den Effekt, dass man sich intensiver mit der Geschichte auseinandersetzt, da man die einzelnen Randbemerkungen mit dem jeweiligen Handlungsstatus in Einklang bringen möchte.

Diese Ausgabe von "Die Zeit so still" ist von dem Autor Florian L. Arnold gestaltet worden. Sowohl die Illustration des Umschlags als auch die vorhandenen Schwarz-Weiß-Grafiken in diesem Buch stammen von ihm. Die Grafiken unterstreichen dabei perfekt die beklemmende Stimmung in diesem Buch genauso wie das Überwachungsszenario. Jede Grafik hat ein kreisrundes Format, das mich doch sehr an den überwachenden Blick durch ein Teleobjektiv erinnert hat

Fazit:
Die Novelle "Die Zeit so still" erzählt eine schaurig-schöne Geschichte, die dystopisch und unglaublich realistisch ist. Bemerkenswert ist dabei die Sprachgewalt des Autors genauso wie die ungewöhnliche Gestaltung dieses Buches. Es fällt mir schwer, mit meiner Rezension diesem Buch nur ansatzweise gerecht zu werden. Wer diese Geschichte nicht liest, dem entgeht etwas.

© Renie


Sonntag, 29. November 2020

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Mit "Maschinen wie ich" hat sich Ian McEwan eines Themas angenommen, das momentan in der Literatur eine starke Präsenz hat - und nicht nur dort: Künstliche Intelligenz.
Doch der Schriftsteller begegnet dem Thema in einer Art, die wenig mit Science Fiction, Dystopien oder Roboter-Romantik zu tun hat. Denn bei McEwan wird gemenschelt, wovon sich auch Maschinen mit ihren künstlichen Intelligenzen nicht ausnehmen lassen. 

Man stelle sich folgendes Scenario vor: Der Paketdienst liefert ein lang ersehntes Paket an Charlie, einem Londoner Mit-Dreißiger und Protagonist dieses Romans. Inhalt des Paketes ist ein jungfräulicher und nackiger Roboter in Menschengestalt, quasi ein Wunderwerk der Forschung und Technik: Adam , einer der "ersten wirklich funktionsfähigen künstlichen Menschen mit überzeugender Intelligenz und glaubhaftem Äußeren". Charlies Adam ist nicht nur nagelneu, er sieht auch noch gut aus. Adams Schöpfer haben sich viel Mühe bei der Konstruktion des Androiden gegeben, zumindest was das Äußerliche angeht. Denn die inneren Werte müssen vom neuen Besitzer noch konfiguriert werden, genauso wie die Charaktereigenschaften, des innovativen Produktes. Jeder Adam also nach der Façon des neuen Besitzers. 
Quelle: Diogenes
"Künstliche Menschen würden uns anfangs ähnlicher werden, dann genau wie wir und schließlich mehr als wir sein, deshalb können sie uns niemals anöden. Sie würden uns zwangsläufig stets aufs Neue überraschen, auch auf unerfreuliche Weisen, die wir uns nicht einmal vorstellen konnten. Tragödien waren möglich, Langeweile nicht."
So legt sich Charlie also ins Zeug, um aus Adam einen Vorzeige-Roboter zu machen. Dabei erhält er Unterstützung von seiner Nachbarin Miranda, die nebenbei noch eine gute Freundin ist, wenn nicht noch mehr. Und man wundert sich nicht, dass die Ansichten über die Eigenschaften einer fleischgewordenen Maschine bei Mann und Frau unterschiedlich aussehen. Maschine Adam wird das dritte Rad am Wagen dieser Zweierkonstellation aus Charlie und Miranda. So menschlich sich Adam auch präsentiert, darf man nicht außer Acht lassen, dass er nicht nur als anregende und innovative Gesellschaft angeschafft worden ist, sondern auch diverse andere Pflichten innerhalb der Gemeinschaft von Charlie und Miranda übernimmt. Inwieweit sich Adams Einsatz auszahlen wird, bleibt bis zum Ende des Romans spannend. 

Der Roman spielt in London, im Jahre 1982. Dabei nimmt Ian McEwan es mit der Chronologie der Zeitgeschichte nicht so genau. Neben der Falkland-Krise zwischen England und Argentinien tauchen in der Handlung auf einmal Handy und Internet auf, die man eigentlich erst mindestens 10 Jahre später auf dem Schirm hatte. Genauso lässt er mal eben Alan Turing, ein Pionier der frühen Computerentwicklung und Informatik, der sich zu Lebzeiten eingehend mit künstlicher Intelligenz beschäftigt hat, am Geschehen teilnehmen. Nur dass Turing bereits 28 Jahre zuvor gestorben ist. Fällt dieser Kunstgriff nun unter schriftstellerische Freiheit? Egal. Lassen wir McEwan den Spaß. Für mich war diese freizügige Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehr originell. McEwan definiert den Begriff der Science Fiction für sich neu. Warum nicht?!! 

Bei McEwan finde ich es immer wieder phänomenal, mit welcher Leichtigkeit er Stimmungen kreieren kann. Auch in "Maschinen wie ich" werden sämtliche Stimmungen angesprochen, die man sich vorstellen kann. Zu Beginn schwingt beim Lesen ein leichter Grusel und mulmiges Gefühl mit. Die Szene, in der Adams Akku das erste Mal geladen wird, um ihn in Betrieb nehmen zu können, würde einem Horrorfilm alle Ehre machen. Da sitzt ein äußerlich Mensch gewordener Roboter regungslos in Charlies Küche. Charlie belauert jeder Veränderung dieses Objektes. Das hat etwas von Auferstehung von den Toten (The Walking Dead lässt grüßen). 
Später wird Adam immer menschlicher. Er ist vom Hersteller so programmiert, dass er permanent lernt, insbesondere aus seinen Interaktionen und den Informationen, die er aus seinem Umfeld mitnimmt. Dieses Lernen bezieht sich nicht nur auf das Verarbeiten von Fakten, sondern gleichzeitig entwickeln sich Adams Gefühlsleben und Moral weiter. Ja, es ist kaum zu glauben, aber bei McEwan hat auch ein Roboter Gefühle. 
Es kommt zu slapstickhaften Szenarien. Insbesondere Charlie fällt es schwer, die Grenze zwischen Maschine und Mensch zu ziehen. Da kommt auch schon mal Eifersucht ins Spiel, wenn Charlie plötzlich mit Maschine Adam als Mann konkurrieren muss. 
Die Weiterentwicklung von Adam zum Individuum mit eigenen Moralvorstellungen ist nicht aufzuhalten. Dies birgt Konfliktpotenzial zwischen Charlie, Miranda und Adam. Denn scheinbar ist Maschine Adam der bessere Mensch in dieser Gemeinschaft. Gerade zum Ende zieht die Spannung an. Denn dem Konflikt zwischen einem Roboter mit einem Gewissen und seinen Besitzern, die eine weitaus großzügigere Auslegung von Moral haben als er, ist nicht mehr mit guten Worten beizukommen.
"In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben."
Die Charaktere
Charlie ist ein Mittdreißiger, der bisher mit seinem Leben nichts Gescheites anzufangen wusste. Er legt eine naive Gleichgültigkeit an den Tag, wenn es um sein Leben und seine Zukunft geht. Sein Leben wirkt ziellos. Er lebt vor sich hin, will Spaß haben (wozu die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leistet), kommt irgendwie klar. Verantwortung ist nichts für ihn. Er träumt den Traum der Selbstverwirklichung. Nur, wer er ist, und was es zu verwirklichen gilt, ist ihm dabei nicht klar.
In dem Moment, wo sich Miranda und er näher kommen, fängt Charlie an umzudenken. Was die Liebe nicht alles ausmachen kann!
Als eingefleischter Nerd legt er sich Adam als neues technisches Spielzeug zu (eine Erbschaft bewirkt, dass er über die notwenigen finanzielle Mittel verfügt). Doch Charlie hat Schwierigkeiten, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu ziehen. Je "menschlicher" Adam wird, umso schwieriger ist es für Charlie, ihn als das zu betrachten, was er ist: eine Maschine.
Und auch ich hatte Schwierigkeiten, Adam auf Dauer als Maschine zu betrachten. Zugegeben, gerade am Anfang, als Adam noch völlig unbefleckt auf das Leben losgelassen wird und seiner Umgebung mit einer herzerfrischenden Naivität begegnet, fällt dies noch leicht. Doch je mehr Adam lernt, ein Mensch zu sein, verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Aufgrund seiner unumstößlichen Moralvorstellungen mutiert Adam zu einem immer besseren Menschen. Und als Leser lernt man, dass auch Maschinen Gefühle haben. 

Mein Fazit:
Das Thema "Künstliche Intelligenz" ist irgendwie und überall präsent. Aber dennoch habe ich mich bisher mit diesem Thema nur oberflächlich auseinandergesetzt. Daher bin ich begeistert, dass ich hier viele Denkansätze gefunden habe, die bei mir zwar unterschwellig vorhanden waren, aber erst durch diesen Roman herausgekitzelt wurden. Ian McEwan ist wieder zur Höchstform aufgelaufen, in dem er ein Thema, das in unserer Gesellschaft immer mehr Raum einnimmt, auf eine unnachahmlich spritzige und charmante Weise präsentiert hat. Es ist ihm dabei gelungen, niemals die Ernsthaftigkeit in der Betrachtung dieses Themas außer Acht zu lassen. Ian McEwan hat es einfach drauf und bleibt damit auf der Liste meiner Lieblingsschriftsteller ganz weit oben. 

© Renie

Sonntag, 22. November 2020

Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Die amerikanische Autorin Margaret Goldsmith (1895 - 1971) erzählt in ihrem feministischen Roman "Patience geht vorüber" die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und zeichnet gleichzeitig ein Bild der deutschen sowie der englischen Gesellschaft in der Zeit von 1918 bis 1930.

Zu Beginn der Handlung hat die Protagonistin Patience gerade ihr Abitur bestanden. Sie ist die Tochter einer britischen Adeligen und eines deutschen Arztes. Die Familie lebt in Berlin. Patience ist zweisprachig aufgewachsen - ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse. 

Nach einem kurzen Intermezzo in einer deutschen Behörde, wird Patience journalistisch tätig. Ihre Zweisprachigkeit ist ihrem beruflichen Werdegang dabei sehr förderlich. Während sie sich im Beruf sehr zielstrebig durchs Leben bewegt, scheint Patience im privaten Bereich ein wenig orientierungslos zu sein. Ihre erste große Liebe ist ihre beste Freundin, mit der sie erste sexuelle Erfahrungen sammelt, was jedoch nicht bedeutet, dass sie eine körperliche Abneigung gegenüber Männern verspürt. Ganz im Gegenteil. Diese Zweigleisigkeit überfordert Patience allerdings.
Quelle: AvivA
"Alles ging wie ein Kreisel im Kopf herum. Innerlich: deutsche Grübelei; äußerlich: gelassene angelsächsische Haltung, die ihre Verstörtheit nicht im geringsten verriet. Aber die große Spaltung zwischen dem Inneren und dem Äußeren wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Etwas mußte geschehen."
Irgendwann bricht sie ihre Zelte in Berlin ab und geht nach London. Eine Anstellung bei einer Zeitung macht dies möglich. Mittlerweile ist sie zu einer selbstbewussten jungen Frau geworden, die ihren eigenen Stil gefunden hat. Sie strahlt eine gewisse Exzentrik aus, da sie das Leben nun lebt, wie sie es für richtig hält, ungeachtet dessen, was die Gesellschaft als schicklich ansieht. Dennoch bleibt sie immer diskret, bei dem, was sie tut. Doch diese Exzentrik erweist sich als Fassade. Denn im tiefsten Inneren ist Patience rastlos und auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben Erfüllung bringt. Und dieses etwas wird sie zum Ende des Romans finden.

Patience geht nicht nur vorüber, sie sitzt auch zwischen den Stühlen: kulturell und gefühlsmäßig. Als Tochter eines Deutschen und einer Engländerin hat sie von kleinauf beide Kulturen und ihre Eigenarten mitbekommen. Egal, wo ihr Lebensmittelpunkt gerade war, Patience hat sich stets der anderen Kultur verbunden gefühlt, was sie immer zum Außenseiter gemacht hat.
Diese Zerrissenheit zeigt sich auch in ihrem Liebesleben. Denn Patience liebt zunächst Frauen, wird sich aber später zum anderen Geschlecht orientieren.
"Und alles, was mit Freiheit zusammenhing, alles was auch nur im geringsten nach Freiheit schmeckte, war ihr ein Fetisch geworden. 'Technik ist alles', keine dauernden Bindungen, keine Verantwortung in menschlichen Beziehungen, so viel vom Leben nehmen, wie möglich, und so wenig wie möglich geben."
Patience ist - gemessen am damaligen Zeitgeist - eine ungewöhnliche Frau: Sie ist selbstbewusst, steht ihre Frau bei der Arbeit in einer Männerdomäne und ist dabei von keinem Mann abhängig. Ganz im Gegenteil. Im Zusammensein mit Männern behält sie immer die Oberhand und ist mit ihrer exzentrischen Art sehr provokant. Mit der Zeit weiß sie, was sie will und geht zielstrebig ihren Weg, um dies zu erreichen. 

In einem sehr informativen Nachwort dieses Romans erfahren wir, dass es auffällige Parallelen zwischen dem Leben von Patience und ihrer Schöpferin Margaret Goldsmith gab. Die amerikanische Schriftstellerin, die 1895 in Amerika auf die Welt kam, wuchs in Berlin auf. Genau wie Patiences Lebensweg war auch ihrer für die damalige Zeit ungewöhnlich. Ihre berufliche Karriere verlief sehr zielstrebig. So wurde ihr Anfang der 30er Jahre eine Führungsposition im diplomatischen Dienst zugesprochen, was sie zu eine der ersten Amerikanerinnen machte, die Karriere in dieser Männerdomäne erlangte.
Margart Goldsmith lebte genau wie Patience in mehreren Kulturen. Sie ist in der Welt herumgekommen, nicht zuletzt aufgrund ihres beruflichen Werdegangs. Diese Erfahrungen fließen in ihrem Roman auf sehr humorvolle Art ein. Die Autorin schildert die Eigenarten der unterschiedlichen Kulturen aus der Sicht von Patience, die mal als Deutsche in England lebt und mal als Engländerin in Deutschland. Margaret Goldsmiths Schreibstil ist dabei sehr lebhaft und quirlig, was dieses Buch sehr modern erscheinen lässt. Kaum zu glauben, dass dieser Roman erstmalig 1931 veröffentlicht wurde.

Leider war für mich das Ende dieses Romans schwer nachvollziehbar. Die selbstbewusste Patience, die sich bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend über gesellschaftliches Rollendenken hinweggesetzt hat, findet ihre Erfüllung am Ende in einer Rolle, die jeglicher feministischer Denkweise widerspricht. Gemessen an der heutigen Zeit ist dieses Ende für mich nicht stimmig. Doch hinsichtlich der damaligen Zeit lässt sich nur mutmaßen, dass die Autorin trotz aller Modernität und feministischer Einstellung eine Frau ihrer Zeit geblieben ist und das vorherrschende Rollendenken im tiefsten Inneren nicht ablegen konnte.

Mein Fazit:
Patience hat mal eben im Vorübergehen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Denn mit "Patience geht vorüber" habe ich einen Roman über die Entwicklung einer Frau gelesen, die nach anfänglichen Startschwierigkeiten in ihr Erwachsenenleben, den für sie richtigen Lebensentwurf gefunden hat. Hätte Patiences Geschichte in unserer heutigen Zeit gespielt, könnte man dieses Buch als einen von vielen Entwicklungsromanen abtun. Doch in Anbetracht der Zeit, in der der Roman spielt, erhält Patiences Geschichte eine völlig andere Bedeutung und macht diesen Roman zu einem lesenswerten und ungewöhnlichen Stück Frauenliteratur.

© Renie