Sonntag, 10. November 2019

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Quelle: Pixabay
"Darum geht es, um Sarah die Unbekannte, Sarah das ehrliche Mädchen. Sarah die zurückhaltende Dame, Sarah die Fantasiefrau, Sarah die bizarre Frau, Sarah die einsame Frau."

Eben nicht. In dem Roman "Es ist Sarah" der französischen Autorin Pauline Delabroy-Allard geht es nicht nur um Sarah, sondern um eine zerstörerische Liebe zwischen 2 Frauen, wovon eine ebendiese Sarah ist. 
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eine der beiden Frauen: alleinerziehende Mutter, Lehrerin, die eines Tages im Kreis von Freunden Sarah kennenlernt. Die Violistin Sarah kommt wie ein Wirbelwind in das Leben der jungen und zurückhaltenden Frau. Aus freundschaftlicher Zuneigung wird Liebe. Die beiden leben ihre Liebe, fernab jeglicher Konventionen. Denn sie haben genug mit sich allein zu tun. Da ist es schwierig, den Alltag in ihre Beziehung zu lassen. Dennoch lässt sich der Alltag nicht ignorieren. Insbesondere die Ich-Erzählerin spürt die Schwierigkeiten, Liebe, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen.
Sarah lebt und liebt mit einer Leidenschaft, die die beiden Frauen emotional an ihre Grenzen bringt. Nach etwa einem Jahr nimmt ihre Liebe zerstörerische Ausmaße an, die kaum noch zu ertragen sind.
Quelle: FVA
"Manchmal wird sie verrückt. Verrückt vor Wut, dann verrückt vor Kummer. Sie beginnt zu schreien, sie wirft sich auf mich, zerkratzt mir das Gesicht mit einem monströsen Ausdruck auf ihrem. Sie ist schlimmer als die Hexe aus dem Märchen. Sie wirft mir alles Mögliche vor, ihr die Zeit zu stehlen, ihre Jugend zu stehlen, ihr die Vorstellung zu stehlen, die sie von klein auf davon hatte, wie sie ihr Leben führen sollte. Sie sagt es nicht, aber ich höre es, es klingt in meinen Ohren, Diebin, Diebin, Diebin."
Dieser Roman wird in zwei Teilen erzählt. Der erste Teil behandelt die leidenschaftliche und zerstörerische Beziehung der beiden Frauen. Im zweiten Teil geht es um die Konsequenzen auf das Seelenleben der Ich-Erzählerin, die völlig aus der Bahn geworfen wird, mit allem bricht, was ihr im Leben wichtig war und an dem emotionalen Schmerz, der durch die Beziehung zu Sarah verursacht wurde, zugrunde geht.

Die Beziehung der beiden Frauen wird von Lust, Leidenschaft, Zerstörung und Schmerz bestimmt. Dies sind auch die Begriffe, die die Geschichte und den Sprachstil der Autorin dominieren. Der Text strahlt ebendiese Begriffe aus, angefangen von der ersten bis hin zur letzten Zeile. Die Handlung reißt den Leser mit, wobei sich die Emotionalität unweigerlich auf den Leser überträgt. 
Manch einem Leser mag dies zuviel Gefühl und Leidenschaft sein. Hinzu kommt die detailgetreue Beschreibung der erotischen Begegnungen der beiden Frauen. Doch für mich ergibt dies ein stimmiges Bild: Denn erzählt wird die Geschichte einer leidenschaftliche Liebe in all ihren Facetten, beschrieben in einer hochemotionalen Sprache.

Leseempfehlung!

© Renie

Donnerstag, 7. November 2019

Charles Lewinsky: Der Stotterer

Quelle: Pixabay / nonmisvegliate
Ein Mann mit dem klangvollen Namen Johannes Hosea Stärckle sitzt eine Gefängnisstrafe ab. Eigentlich spielt sein Name keine Rolle, zumal der Leser auch nicht sicher sein kann, ob dieser Name echt ist. Daher mache ich aus diesem Mann einen Halunken, Gauner und Bösewicht. Dieser Bösewicht sitzt also im Gefängnis und schreibt sich Briefe mit dem Gefängnisgeistlichen. Er stottert, doch dafür kann er geradezu brillant mit dem geschriebenen Wort umgehen. Diese Brillanz erschließt sich schon nach den ersten Sätzen aus den Briefen, die der Gauner dem Geistlichen schreibt.
Man bekommt nur den einen Teil der Korrespondenz mit. Die Antworten des Pfarrers ergeben sich aus den Briefen des stotternden Halunken. Es scheint, dass der Pfarrer seine Brillanz im Umgang mit dem geschriebenen Wort ebenfalls erkannt hat. Zumindest animiert er ihn zum Schreiben. Der Bösewicht soll sein Leben niederschreiben, woran er auch mit der Zeit Geschmack findet. Aus den Briefen an den Pfarrer wird mehr: der Gauner beginnt Tagebuch zu schreiben, denkt sich Geschichten aus, die seine schriftstellerischen Qualitäten unter Beweis stellen. Was hat sich der Pfarrer nur dabei gedacht? Schreiben als Läuterung? Kaum zu glauben, dass sich ein Mensch wie der stotternde Halunke ändern kann. 
Quelle: Diogenes
"In Ihrer Amtszeit habe ich mich oft darüber lustig gemacht, dass Sie einen besseren Menschen aus mir machen wollten. Ein besserer bin ich nicht geworden, ein anderer bestimmt. Dank Ihnen. Vom stotternden Hochstapler zum Möchtegernautor. Wobei die Schriftstellerei auch eine Art Hochstapelei ist, nur eben gesellschaftlich anerkannt und nicht strafbar."
Natürlich fragt man sich, für welches Verbrechen er sich schuldig gemacht hat, dass er eine Haftstrafe verbüßen muss. Anfangs lässt sich nur spekulieren: wer so mit geschriebenen Worten umgehen kann, muss auch versucht haben, etwas aus seinem Talent zu machen – nur leider im moralisch fragwürdigen Sinne.

Trotz des regen Briefverkehrs sind es gar nicht so sehr die spirituellen Qualitäten des Geistlichen, die den Halunken inspirieren. Vielmehr ist es der Spaß daran, sich mit dem geistlichen Intellekt zu messen und sich an der eigenen Überlegenheit gegenüber dem Seelsorger zu erfreuen. Denn zur Religion hat der Bösewicht ein gestörtes Verhältnis. Kein Wunder, bei jemandem, der in einer Sekte aufgewachsen ist und unter den religiösen Ambitionen eines streng gläubigen Vaters sowie des Sektenführers gelitten hat. 
Aber den Inhalt der Bibel beherrscht er immer noch rauf und runter, was man auch seinen Briefen anmerkt, die er gerne mit Bibelversen versieht. Für jede Situation ein passendes Bibelzitat parat. Und was nicht passt, wird passend gemacht.
Die eigentliche Religion des Gauners scheint die Philosophie zu sein, sein Prophet ist Schopenhauer. Schließlich ist der Stotterer ein Zyniker. Da hat Schopenhauer, der für seinen messerscharfen und gnadenlosen Zynismus berühmt-berüchtigt war, einiges zu bieten. Auch hier hat der böse Bube bei Bedarf immer ein Schopenhauer-Zitat für seine Korrespondenz parat. Und wenn nicht, wird schnell eines erfunden.
"Es ist meine Erfahrung, dass Weltanschauungen ein kurzes Verfallsdatum haben. Sie ändern sich zwar nicht automatisch, wenn der Wind dreht, aber wenn ein Sturm aufkommt, egal, aus welcher Richtung, sind sie schnell weggeblasen. Feste Meinungen, die sich keiner neuen Wirklichkeit anpassen, scheinen mir auch nicht erstrebenswert. Sie sind etwas, an dem sich Dumme und Hilflose festhalten. Oder Märtyrer."
Nach und nach enthüllt sich das Bild von einem Mann, der einfach nur schrecklich ist. Er hat ein Höllenvergnügen daran, Menschen zu manipulieren und auszunutzen, was er selbst als Kunst empfindet. Zugegebenermaßen sind seine Methoden schon sehr fantasievoll. Man staunt, welche Gedanken und Pläne ein Mensch entwickeln kann, um einem anderen zu schaden – entweder aus Rache oder als Broterwerb. 

"Der Stotterer" ist ein moderner Roman. Er spielt in der heutigen Zeit, irgendwo in einer JVA in Deutschland. Und die Machenschaften des stotternden Bösewichts gehen auch im Gefängnis weiter. Schließlich gilt es zu überleben und sich den Gefängnisalltag so angenehm wie möglich zu gestalten. 
"Ich bin nicht, was ich schreibe, und ich schreibe nicht, was ich bin. Ich erfinde."
Er ist ungemein stolz auf seine schriftstellerischen Fähigkeiten. Und als Leser kann man ihm diese Brillanz uneingeschränkt bescheinigen. Er ist wandelbar, jede Geschichte aus seinem Leben – egal, ob erfunden oder wahr – ist anders erzählt. Der Halunke könnte alles schreiben: Liebesbrief, Krimi oder hochgeistige Literatur. Und diese Wandelbarkeit in der Sprache hat für mich eine besondere Faszination dieses Romans ausgemacht.

Der Autor Charles Lewinsky hat sich mit diesem Aspekt seines Protagonisten auf ein sehr riskantes Terrain begeben. Da darf man sich als Autor keine schriftstellerischen Schwächen erlauben. Wer vorgibt, dass sein Protagonist schriftstellerisch brillant ist, muss auch den Beweis dafür liefern. Und das ist Lewinsky ohne Zweifel gelungen. 

Leseempfehlung!

© Renie



Mittwoch, 9. Oktober 2019

Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten

Quelle: Pixabay/PublicDomainPictures
Am 4. April 1968 erschoss James Earl Ray im amerikanischen Memphis den Bürgerrechtler Martin Luther King. Rays anschließende Flucht führte ihn nach Lissabon, der Hauptstadt Portugals, die er als Zwischenstation nutzen wollte, um sich in eine der portugiesischen Kolonien in Afrika abzusetzen und somit vor dem Gesetz unterzutauchen. Der spanische Autor Antonio Muñoz Molina verbrachte etwa 40 Jahre später den ersten von mehreren Aufenthalten in Lissabon. Inmitten der Schaffensphase seines Romans "Der Winter in Lissabon" zog es ihn ebenfalls in Portugals Hauptstadt. Hier wollte er seinen Roman unter dem Einfluss des Flairs dieser Stadt mit der richtigen Würze versehen. Dieser Besuch hat gerade mal schlappe 3 Tage gedauert. 

In seinem aktuellen Roman "Schwindende Schatten", um den es in meiner Buchplauderei geht, erzählt er zum Einen James Earl Rays Geschichte, zum Anderen gewährt er einen tiefen Einblick in seine eigene schriftstellerische Arbeit sowie sein Seelenleben. Ray und Molina sind also die Protagonisten dieses Romans. Sie sind sich nie begegnet und haben keine Gemeinsamkeiten - abgesehen von dem Aufenthalt in Lissabon. Was hat Molina bewogen, sich auf diese schriftstellerische Verrücktheit einzulassen? Wie passen die unterschiedlichen Themen zusammen? Ein faszinierendes Rätsel, das durch den Roman „Schwindende Schatten“ hoffentlich gelöst wird.
Quelle: Penguin
"Für jemand, der von der Mitte des Platzes oder von den Kolonnaden aus um diese menschenleere Zeit zum Fluss hin schaut, muss ich eine einsame Silhouette sein, vollkommen abstrakt, die Hieroglyphe einer menschlichen Erscheinung, ein Schatten. Mit einem Mal kommt mir der Gedanke, dass vielleicht auch er einmal eine solche Silhouette war, eines Morgens im Mai vor fünfundvierzig Jahren, in dieser unveränderlichen Landschaft des leer gefegten viereckigen Platzes, der Bögen aus weißem Stein, gegenüber der Fluss, das Bronzepferd auf dem Sockel und der König mit dem Helmbusch, ..." 
Die beiden Geschichten werden parallel erzählt. Netterweise hält sich Molina an eine strikte Aufteilung seiner Kapitel: die ungeraden Kapitel behandeln sein Schriftstellerleben inkl. Schaffenskrisen. Die geraden Kapitel schildern die Flucht von Ray nach seiner verstörenden Tat. Insbesondere mit diesem Part hat mich Molina geflasht. Er lässt Ray selbst erzählen. Dabei taucht der Leser in die Gedankenwelt eines psychisch labilen Mannes. Man bekommt eine ungefähre Ahnung, was Ray dazu getrieben hat, das Attentat zu verüben. Eine schwere Kindheit, eine rassistisch geprägte Umgebung, kriminelle Veranlagung, Haftstrafen etc. etc. etc. Die Gedankenwelt des Ray ist jedoch schwer zu verstehen. Denn im Großen und Ganzen wird man das Gefühl nicht los, dass er sich seine eigene, leider völlig irrationale, Realität geschaffen hat, in der er nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen lebt. Er ist auf der Suche nach Anerkennung und Berühmtheit, die ihm das Verbrechen, das er begangen hat, verschaffen soll. Armer Wicht! Denn er überschätzt sich selbst, dichtet sich Fähigkeiten an, die er im Leben nicht besitzt bzw. besaß. Soviel zum interessanten Teil dieses Buches.
"Jeden Sonntag suchte er um neun Uhr abends eine Bar, die einen Fernseher hatte, um sich die Sendung FBI: Die zehn meistgesuchten Verbrecher anzusehen. Auf dem Höhepunkt der Sendung wurde rückläufig die Liste der zehn in den Vereinigten Staaten meistgesuchten Verbrecher präsentiert. Jeden Sonntag erwartete er, seinen Namen und sein Foto vom Haftbefehl auf der Liste zu entdecken."
Molina hat sein Schriftstellerdasein und die damit verbundenen Schaffenskrisen zum Anlass genommen, aus dem Schriftsteller-Nähkästchen zu plaudern. Schade, dass ihm diese Plauderei nicht gelungen ist. Denn leider fühlt man sich oft gelangweilt, zumal der Autor seine ganze Energie auf die Beschreibung eben dieser Schaffensprozesse verwendet. Dabei steht ihm seine Detailverliebtheit im Weg. Denn akribisch genau seziert er die Prozesse, beschreibt sein Gefühlsleben als Schriftsteller in einer Intensität, die mir stellenweise zuviel war. Stilistische Mittel wie Endlos-Aneinanderreihungen und verschachtelte Sätze, machen das Lesen nicht einfach. Dennoch blitzt zwischendurch immer wieder das schriftstellerische Können von Molina durch. Es gab tatsächlich Sätze, die mich innehalten ließen. Molina ist nicht umsonst ein angesehener Schriftsteller in Spanien, der bereits einige wichtige Literaturpreise absahnen konnte. Insofern schwankt man bei der Lektüre dieses Romans zwischen Faszination über die verquere Gedankenwelt eines Mörders und Langeweile bei der Schilderung des Schriftstellerdaseins eines bekannten Autors. Man kommt nicht umhin, zwischendurch immer wieder die Frage nach den Parallelen zwischen den beiden Handlungssträngen zu stellen. Eine Antwort wird man nicht so ohne weiteres erhalten, auch wenn man sich noch so sehr Mühe gibt.
"Ein Roman ist ein Geisteszustand, ein warmes Interieur, in das man sich zurückzieht, solange man schreibt; wie ein Kokon, den man Faser für Faser von innen webt und in den man sich einschließt, die Außenwelt jenseits dieser lichtdurchlässigen Hülle nur noch als vage Helligkeit wahrnehmend."
Mit der Zeit verwischt die strikte Unterteilung der beiden Handlungsstränge. Der Roman, der Anlass für den ersten Besuch von Molina in Lissabon war, ist mittlerweile geschrieben. Der Autor reist jedoch später wieder dorthin, um über den Aufenthalt von Ray in Lissabon zu recherchieren und daraus eine Geschichte entstehen zu lassen. Der Roman wird zu einem Matrjoschka-Buch - will heißen: Ich habe ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch ("Ein Winter in Lissabon") gelesen. Dann habe ich ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch (die Entstehung von "Schwindende Schatten"), über ein Buch (Rays Geschichte), in dem der Protagonist (Ray) ein Buch (im Gefängnis) schreibt, gelesen. Und ich bin sicher, dass ich irgendein Buch vergessen habe. Verwirrend!

Fazit:
Ich schwanke zwischen Langeweile und Faszination. Auf jeden Fall ist dieser Roman eine interessante Leseerfahrung und Herausforderung an den anspruchsvollen Leser.

© Renie

Freitag, 27. September 2019

Marie Luise Kaschnitz, Karen Minden (Ill.): Eisbären

Quelle: Kirchner PR/kunstanstifter
Als Walther und seine Frau vor fünf Jahren zusammenkamen, war ihre Hochzeit schnell beschlossene Sache. Bei Walther war es Liebe, bei ihr war es der Versorgungsgedanke und die Angst vor dem Alleinsein. Dank ihrer scheinbar großen schauspielerischen Leistung nahm Walther ihr die vorgetäuschten Gefühle ab. Bis zum heutigen Tag. Denn irgendetwas ist passiert, dass Walther plötzlich an ihrer Liebe zu ihm zweifelt. Doch die Dinge haben sich bei ihr geändert. Aus anfänglich bestenfalls freundschaftlichen Gefühlen für ihren Mann ist mittlerweile innige Liebe geworden. Das Einzige, was sie sich also vorzuwerfen hat, ist die Unaufrichtigkeit zu Beginn ihrer Ehe und die vorgetäuschten Gefühle. Doch das ist Schnee von Gestern. Denkste. Denn eines Nachts steht Walther an ihrem Bett und verlangt nach der Wahrheit. Zwischen den beiden Eheleuten entwickelt sich ein Gespräch über Zweifel und Beteuerungen. Die Beiden befinden sich in einer verzweifelten Situation, steht doch mit einem Mal ihre Partnerschaft und Liebe auf dem Prüfstand.

Die Kurzgeschichte "Eisbären" gibt dieses nächtliche Gespräch unter Eheleuten wieder. Erzählt wird allein aus ihrer Perspektive. Sie versucht, Walther von ihren Gefühlen zu überzeugen, indem sie Erinnerungen an glückliche Momente heraufbeschwört, die Beweis für ihre intensive Bindung sind. Ob sie ihren Mann von ihrer Liebe überzeugen kann? Man wünscht es ihr.
"Walther, sagte sie, nicht Schatz, nicht Liebling, sie nannte nur seinen Namen, aber sie streckte im Dunkeln ihre Arme nach ihm aus. Aber ihr Mann kam nicht herüber, um sich zu ihr auf den Bettrand zu setzen. Er blieb, wo er war und wo sie nicht einmal die Umrisse seiner Gestalt wahrnehmen konnte."
Das Gespräch findet im dunklen Schlafzimmer statt. Daher fehlt jeglicher visueller Bezug zu der Situation. Die Handlung besteht ausschließlich aus dieser ernsthaften Unterhaltung und konzentriert sich voll und ganz auf die Emotionen, die diese Situation beherrschen.
Hier kommen die Illustrationen von Karen Minden ins Spiel. Durch ihre Bleistiftzeichnungen erwachen die Erinnerungen und die Gefühle der Eheleute zum Leben. Dabei wirken ihre Figuren eigentümlich reduziert, was nicht nur an den Grautönen liegt. Es gibt so gut wie keine Mimik bei den Charakteren. Und dennoch strahlen die Illustrationen eine Ausdruckskraft aus, die mir sehr nahe gegangen ist.

Ich bin ein großer Freund illustrierter Geschichten. Hier steht in aller Regel der Text im Mittelpunkt und wird durch Illustrationen ergänzt. Doch in "Eisbären" ist das anders. Das ist das erste Mal, dass ich die Illustrationen intensiver erlebt habe als den Text.

Die Geschichte von Marie Luise Kaschnitz (1901 bis 1974) ist dabei sehr empfindsam und emotional. Doch die Aussagekraft der Illustrationen von Karen Minden überbietet den Text um einiges mehr. "Eisbären" ist daher eine Augenweide, die einen besonderen Platz in meinem Buchregal erhalten wird.

© Renie

Donnerstag, 19. September 2019

Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium

Quelle: Pixabay/TitanicaArt
In dem Klappentext zu dem Roman mit dem fast unaussprechlichen Titel "Das Grabenereignismysterium" des Norwegers Thure Erik Lund findet sich folgender Hinweis:
"Das Grabenereignismysterium ist eine skurrile, böse Satire auf Norwegen und das Norwegischsein - 'ein Buch, das sich kein Norweger wünscht, wir aber alle verdienen.' (Dagens Næringsliv)"
Augenscheinlich handelt es sich hierbei also um ein Buch für und über Norweger. Rückblickend kann ich dies bestätigen. Norweger bzw. Seelenverwandte der Norweger werden sich diesem Buch verbunden fühlen.

Da wird ein Norweger, der sich selbst als Geistesmensch bezeichnet, vom norwegischen Kulturministerium damit beauftragt, ein Gutachten über die Kulturdenkmäler Norwegens zu erstellen: Welche gibt es? In welchem Zustand befinden sie sich? Wie können sie der Welt zugänglich gemacht werden? Welches Potenzial haben sie hinsichtlich touristischer Attraktivität. Also begibt sich der Norweger auf eine 5-monatige Reise, während der er ausreichend Gelegenheit findet, über Land und Leute zu philosophieren. Das Gutachten fällt nicht so aus, wie die Politik es sich erhofft haben. Für die Geisteshaltung, die der begutachtende Norweger an den Tag legt, wird er angefeindet und ist gezwungen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. 
Quelle: Droschl

Dies ist die Schmalspurzusammenfassung des Inhalts dieses Romans. Hätte der Autor an meiner Stelle eine Beschreibung wiedergegeben, wäre diese wahrscheinlich viel ausschweifender und kurioser ausgefallen. Denn er legt in diesem satirischen Roman einen unnachahmlichen Sprachstil an den Tag: eigentümliche Wortkreationen, die jedes Scrabblebrett sprengen würden; Schachtelsätze in rekordverdächtiger Länge. Man ahnt es.... Das Lesen dieses Buches ist eine Herausforderung. Im Nachhinein schwanke ich zwischen Faszination über die Kreativität des Autors bei der Wortschöpfung und leider aber auch Langeweile. Denn machen wir uns nichts vor, von Lesefluss kann bei der Lektüre keine Rede sein. Dafür zwingt einen der ausufernde Sprachstil des Autors in die Knie.
"... und so bekam das Gutachten eine dramatischere Ausprägung, ja, in Wirklichkeit war es eine lange Beschimpfung des Norwegischen, nicht des falschen urtümlichen Norwegischen, dessen Definition Touristen, Filmproduzenten, Featureschreiberlinge und erlebnisorientierte Verbrauchsmenschen zustande gebracht hatten, sodass sie es mochten, und die es deshalb für passend hielten, sondern dieses andere, das schwache, unsichere, doppelgesichtige, genierte, zurückgezogene Norwegische, das gegenüber allen anderen auch fremdenfeindlich, nicht gastfreundlich, unwirtschaftlich, isolationistisch, selbstbewusst war ..."
Was den satirischen Aspekt dieses Romans betrifft: Dieser Roman ist für Norweger gemacht. Ich habe keinen Bezug zu Norwegen, bin daher auf das angewiesen, was man sich über die Mentalität der Norweger anlesen kann. Ist der hier beschriebene Umgang der Norweger mit ihren Kulturgütern typisch norwegisch? Ich glaube nicht. Die hier geschilderten Ambitionen sind meines Erachtens typisch für jedes touristische Land: Man will zeigen, was man hat. In einer Art und Weise, die sich am Ende auszahlt. Auch der Typ Mensch, den der Protagonist verkörpert – er bezeichnet sich als Geistesmensch, ich bezeichne ihn als Eigenbrötler – ist eine Spezies, die Norwegen nicht allein für sich beanspruchen kann.

Vielleicht ist dieser Roman daher doch nicht so norwegisch, wie es anfangs scheint. Auf jeden Fall war es schwierig für mich, die Satire vollständig zu verstehen. Über einige  wenige Ansätze bin ich leider nicht hinausgekommen.

Kann ich diesen Roman empfehlen? Jein. Er ist amüsant, wortschöpferisch kreativ, aber auch stellenweise langweilig. Und natürlich mehr oder weniger norwegisch.Tatsächlich ist dieser Roman in seinem Heimatland hochgelobt. Eine renommierte norwegische Tageszeitung setzte ihn auf die Liste der 25 besten Bücher der letzten 25 Jahre. Die Norweger werden wissen, warum.

© Renie


Donnerstag, 12. September 2019

Uwe Schönhar: Kein Kniefall vor dem Teufel

Quelle: Pixabay/congerdesign
In "Kein Kniefall vor dem Teufel" erzählt der Autor Uwe Schönhar deutsche Geschichte am Beispiel seines Vaters Siegfried. Er plaudert quasi aus dem Familiennähkästchen. Eine schöne Idee. Und diese Biografie hätte so gut sein können .... tja, wenn da dieser eigentümliche Sprachstil nicht wäre. Doch dazu später mehr.

Das Buch beschreibt die Zeit der 2 Weltkriege bis hin zur Nachkriegszeit und den 50er Jahren. Anhand seiner Familie, allen voran Vater Siegfried, geb. 1926, beschreibt Uwe Schönhar das Leben in Deutschland während dieser Zeit unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Aspekten: Kindheit, Familie, Bildung, Politik. Schönhar würzt seine lehrreichen Abhandlungen durch viele Anekdoten über seinen Vater sowie seine Familie. Das ist gelebte Geschichte, die einfach nur Spaß macht.
Die Entwicklung des Nationalsozialismus und das Leben unter Hitler und während des 2. Weltkrieges nehmen sehr viel Raum in diesem Buch ein. Nationalsozialismus und Hitler mit Spaß in Verbindung zu bringen ist wagemutig und fragwürdig. Doch Schönhar gelingt an dieser Stelle der Balanceakt zwischen Witz, Ironie und Ernsthaftigkeit.
Gleichzeitig zieht der Autor immer wieder Verbindungen zu unserer heutigen Zeit und lässt seine persönliche Meinung über Gesellschaft und Politik einfließen. Dadurch erhält sein Buch einen essayistischen Charakter.
"Gesetze sind aber auch dafür da Polizisten zu schützen und nicht nur die Bürger. Freilich können festgeschriebene Rechtsbestimmungen durchaus mal in Frage gestellt werden - die hessische Landesverfassung sah beispielsweise bis vor Kurzem offiziell noch die Todesstrafe vor, deren Verhängung jedoch seit Inkrafttreten des Grundgesetzes (1949) vom Bundesrecht massiv ausgetrickst wurde. So konnten auch hessische Schwerverbrecher immerhin auf ein erbauliches Lebenslang im Bau bauen, statt zu baumeln."
Wikipedia definiert ein Essay als "eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema."

Keine Frage, Schönhars Abhandlung ist geistreich. Doch leider hat er es mit dem Geistreichtum übertrieben. Schuld daran ist sein eigentümlicher Sprachstil. Uwe Schönhar betreibt Wortakrobatik, was ganz amüsant sein kann. Denn er ist dabei bissig, wortgewandt und lustig. Doch leider übertreibt der Autor. Teilweise gewinnt man den Eindruck, dass Uwe Schönhar sich mehr auf seine witzigen Satzkreationen konzentriert als auf das, was er sagen möchte. Er ist stets bemüht, seinem Witz noch einen draufzusetzen. Hier wäre es besser gewesen, wenn der Autor sich zurückgenomen hätte. 
Anfangs habe ich diesen Erzählstil noch als unterhaltsam und besonders empfunden. Später war ich gelangweilt und wurde der Sprache überdrüssig. Daher habe ich dieses Buch nur in kleinen Dosen gelesen. Wäre die Geschichte, die Schönhar erzählt nicht so interessant, warmherzig und persönlich, hätte ich das Buch sicherlich abgebrochen.

Mein Fazit:
Sprachlich wäre weniger mehr gewesen. Inhaltlich kann man nicht genug von der Geschichte bekommen. Kann ich dieses Buch also empfehlen? Jein ;-)

© Renie

Mittwoch, 4. September 2019

Giosuè Calaciura: Die Kinder des Borgo Vecchio

Quelle: Pixabay/Hans
Der Roman "Die Kinder des Borgo Vecchio" von Giosuè Calaciura steckt voller Rätsel. Eines der leichteren Rätsel sind Schauplatz und Zeitpunkt der Handlung: 
Schauplatz ist ein Dorf irgendwo in Italien - enger kann ich ihn nicht eingrenzen. Das Geschehen muss irgendwann in den letzten Jahren stattgefunden haben, zumindest gab es bereits moderne Errungenschaften wie das Handy. Und den Euro gab es vermutlich auch schon.

Das Zusammenleben in diesem Dorf ist von Grausamkeit und Unbarmherzigkeit geprägt. Insbesondere die Kinder haben unter diesem Leben zu leiden. Wahrscheinlich sind sie sich dessen gar nicht bewusst, kennen sie doch nichts anderes als dieses Leben. 

Wer mit seiner Kindheit so richtig in die Sch… gegriffen hat, ist Cristofaro, der sich jeden Tag aufs Neue fragen muss, ob er die nächste Nacht überleben wird. Als persönlicher Prügelknabe des eigenen Vaters, der seinen Sohn jeden Abend zusammenschlägt, wie andere die Nachrichten im Fernsehen ansehen, sind die Überlebenschancen für ihn sehr gering.
Quelle: Aufbau Verlag
"Im Borgo Vecchio wusste man, dass Cristofaro jeden Abend das Bier seines Vaters weinte. Wenn die Nachbarn nach dem Abendbrot vor dem Fernseher saßen, hörten sie sein Jaulen, das sämtliche Geräusche des Viertels verschluckte. Sie drehten den Ton leiser und lauschten. Anhand der Schreie konnten sie erahnen, wo die Faust zuschlug, harte, treffsichere Hiebe." 
Vielleicht geht es Celeste sogar noch schlimmer als Cristofaro. Als Tochter der Dorfhure erhält sie von klein auf Anschauungsunterricht in Sachen Liebespraktiken, in dem sie bei jedem „Termin“ ihrer Mutter auf den Balkon verbannt wird, wo sie durch ein Guckloch live und in Farbe mitbekommt, wie ihre Mutter für den Unterhalt der Familie sorgt. Zumindest muss Celeste nicht um ihr Leben bangen wie Cristofaro, ganz sicher aber um ihre Zukunft. 
Dann haben wir noch Mimmo, der relativ unbehelligt von seinem Vater vor sich hin lebt. Der Vater ist der Metzger im Dorf und verwendet viel Zeit darauf, seine Kunden zu betrügen. Da bleibt keine Zeit für einen Sohn, der wahrscheinlich nicht ganz richtig im Kopf ist. 
Das Vorbild und der Held der Kinder ist Totó, Dorfganove, vor dem jeder im Dorf Respekt hat, denn er ist derjenige mit der Knarre. In den Fantasien der drei Kinder wird Totó zum Retter von Cristofaro.

Jetzt komme ich zu den großen Rätseln dieses Romans.
Gibt es eine Handlung in diesem Roman? Nicht wirklich. Bestenfalls geht die Handlung in die Richtung, dass es mit Cristofaro und seinem prügelnden Vater nicht weitergehen kann wie bisher. Der rote Faden in diesem Buch läuft darauf hinaus, dass sich unter der Gluthitze der Sonne Italiens etwas anbahnt, was auch immer das sein wird. Man ahnt nur, dass der Ganove Totó dabei eine Rolle spielen wird.

Aber tatsächlich ist die Handlung Nebensache. Denn der Autor hält den Leser durch ausufernde Symbolik und Metaphern auf Trab. Die ersten Seiten faszinieren durch den eindringlichen Sprachstil des Autors. Sofort denkt man an die Anmerkung einer italienischen Tageszeitung zu diesem Roman: "Eines der schönsten und grausamsten Bücher des Jahres". Diese Behauptung möchte man zunächst gerne unterschreiben. Doch es dauert nicht lange, da stolpert man über die ersten religiösen Ansätze und findet sich in einem Buch wieder, das sich eng an der biblischen Geschichte orientiert. Je bibelfester der Leser ist, um so besser wird er mit diesem Buch zurechtkommen. Mich haben die spirituellen Verbindungen überfordert, daher war ich sehr dankbar, dieses Buch in einer Leserunde bei Whatchareadin gelesen zu haben. Zum Einen war ich nicht allein mit meiner Ratlosigkeit, zum Anderen gab es Teilnehmer in der Leserunde, die ein fundiertes religiöses Wissen hatten und daher mit ihren Erklärungen ein wenig für Erleuchtung sorgen konnten.
Ich kann nur mutmaßen, dass der Autor aufzeigen will, dass in der Religion Gut und Böse sehr dicht beieinander liegen. Über meine Spekulation lässt sich jedoch streiten – wie die Leserunde gezeigt hat.
"Der Brotgeruch zog über den Platz und machte den abendlichen Eifer der in Marktkisten gepferchten Zitrusfrüchte zunichte, die eine letzte Duftspur in der Nacht hinterlassen wollten, er zerstörte die Illusion von Frühling, die sich im duftenden Geheimnis der Frangipaniblüten verbarg, vereinnahmte die Kreuzungen und machte sich in den Gassen und Tavernen breit, auf dass niemand seiner Umarmung entkäme."
Bei aller Verwirrung, was die religiöse Symbolträchtigkeit dieses Buches angeht, möchte ich jedoch betonen, dass der Sprachstil von Giosuè Calaciura für vieles entschädigt hat. Denn Schreiben kann der Mann. Er vermittelt Gefühle und Stimmungen, die bis ins Mark gehen. „Die Kinder des Borgo Vecchio“ ist kein Wohlfühl-Buch. Stattdessen wird man mit einer Grausamkeit konfrontiert, die an die Nerven gehen kann. Die Welt im Borgo Vecchio ist schrecklich. Aber Schrecken übt Faszination aus, insbesondere wenn er dermaßen poetisch beschrieben wird, wie Giosuè Calaciura es getan hat. Grausamkeit und Schönheit liegen sehr dicht beieinander.

Eine Leseempfehlung wage ich nicht auszusprechen. Denn dieses Buch ist ein symbolträchtiges Experiment, das den Leser (heraus)fordert. Daher sollte man sich als Leser auf einiges gefasst machen. Bei dem einen wird es gut ankommen. Bei dem anderen wird es für Irritationen sorgen. Ich liege irgendwo dazwischen.

© Renie