Freitag, 15. Juni 2018

Wilson Collison: Tod in Connecticut

Quelle: Wikicommons
Wilson Collison muss eine Frau gewesen sein! Ich kann mir sonst nicht erklären, wie je"mann"d dermaßen einfühlsam über Frauen schreiben konnte (und kann). Wilson Collison (*1893; 1941) konnte es, wie er/sie in etlichen Romanen unter Beweis gestellt hat. Denn viele seiner /ihrer Romane haben eines gemeinsam: Die Protagonistin ist eine starke Frau in einer von Männern und gesellschaftlichen Konventionen bestimmten Welt.

Der Roman "Tod in Connecticut" könnte dem Titel nach ein Krimi sein, ist er aber nicht. Um dem Titel gerecht zu werden, stirbt natürlich jemand in diesem Buch: Leidenschaft, Eifersucht und Alkohol sind eine schlechte Kombination unter liebestollen Rivalen.
Die Frau, um deren Gunst gebuhlt wird, ist Nolya Noyes, eine junge Dame der amerikanischen High Society der 20er Jahre. Reiche und schöne Erbin, die sich durch ihren Wohlstand einige Freiheiten herausnehmen kann, jedoch Mädchen mit zweifelhaftem Ruf. Daher ist sie keine gute Partie. Von der Gesellschaft wird sie geduldet, schließlich ist man dies ihrem verstorbenen Vater - ehemals wichtiges Mitglied der Gesellschaft - schuldig. Bestenfalls findet man sie amüsant, so dass sie auf Parties ein gern gesehener Gast ist. Die Frauen belauern sie misstrauisch. Die Männer umschwirren sie wie die Motten das Licht. Und kaum einer der Gentlemen, der es nicht versucht hat, sie zu erobern. Was gäbe mann nicht um eine Nacht mit Nolya.
Quelle: Louisoder
"Menschen ... Menschen ... Sie bedeuteten ihr letztlich so wenig. Selbst Freunde ... auf eine distanzierte Art und Weise ... Freunde. Aber Menschen und Freunde hatten versucht, einen Kreis um sie zu ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einen endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen. Mehr nicht."
Das ist die offizielle Sicht der Dinge: Nolyas zweifelhafter Ruf - manche nennen sie ein Flittchen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Nolya ist sehr zurückhaltend, was die Gunst ihrer Zuneigung angeht. Für sie sind Männer Party-Begleiter und Gesellschafter - mehr nicht. Sie lebt allein in ihrer Wohnung, hoch über New York und hadert mit dem Alltag einer High Society Lady: Essensverabredungen, Parties, Geld ausgeben .... laangweilig. Sie lebt in den Tag hinein, auf der Suche nach dem tieferen Sinn ihres Lebens. So versinkt sie in Melancholie und sucht nach einer Möglichkeit, aus diesem Leben auszubrechen.
Zwei Männer nehmen in ihrem Leben eine wichtige Rolle ein:
Neil - Komponist, mal mehr, mal weniger erfolgreich, bester und einziger Freund von Nolya. Seine Gefühle für Nolya gehen für ihn über eine Freundschaft hinaus. Leider beruht dieser Gefühlszustand nicht auf Gegenseitigkeit.
Denn Nolya liebt Arthur Raymond - Sohn einer einflussreichen Familie, verheiratet, der unter der Fuchtel seines Vaters steht.
Nolya und Arthur haben eine Affäre. Doch Vater Raymond schiebt dem Ganzen einen Riegel vor.
Am Ende wird es zu einem Kräftemessen zwischen dem alten Raymond und Nolya kommen, bei dem beide um die Zukunft von Arthur ringen werden. Gibt es ein Happy End für Nolya? Ja, gibt es. Und was für eins. Nicht das, was man erwartet, aber dafür um vieles schöner.

Wilson Collison hat mit "Tod in Connecticut" einen Roman geschrieben, der hautsächlich von den Dialogen lebt, denn die haben es in sich. Herausragend sind die Gespräche zwischen Nolya und ihrem besten Freund Neil. Beide begegnen dem Leben mit Sarkasmus. Sie haben die falsche Moral der Gesellschaft in der sie leben verstanden und lassen keine Gelegenheit aus, dem Leben in dieser Gesellschaft mit Spott und Häme zu begegnen. Dabei sind sie schonungslos, nicht nur was die Lästerei über ihre Bekannten angeht, sondern auch sich selbst gegenüber. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, und konfrontieren sich mit Wahrheiten, die man nur einem besten Freund sagen kann. Die Dialoge in diesem Buch habe ich daher sehr genossen.
Ein weiterer Aspekt, der mir sehr gut gefallen hat, ist die Symbolik, die Wilson Collison als Stilmittel anwendet. Da stolpert man als Leser doch häufig über Banalitäten, die sich bei intensiverem Nachdenken als Momente mit tieferem Sinn erweisen. Da spiegelt auf einmal ein brennender Holzscheit im Kamin den inneren Konflikt eines unglücklich Verliebten wider. Herrlich!
"Er starrte wieder auf die brennenden Holzscheite. In weiter Ferne hörte er die gleichmäßigen, monotonen Rhythmen von Tanzmusik. Im Kamin zischte gerade ein tapferes, kleines Stück Holz mit blauer Flamme auf. Es zischte und flüsterte und sang. Was versuchte es zu sagen? Schrie es vor Schmerz auf und versuchte zu entkommen? Oder war es einfach nur trotzig und kämpfte darum, anders zu sein als all die anderen Scheite in den züngelnden Flammen, die so feierlich knisterten?" (S. 183)
Fazit:
Meine These: Wilson Collison muss eine Frau gewesen sein - auch wenn Wikipedia etwas anderes sagt. Mir gefällt die einfühlsame Darstellung seiner Protagonistin Nolya - einerseits von der Gesellschaft abgestempelt, andererseits jedoch eine starke Frau, die auf ihre Art gegen das Diktat der Gesellschaft ankämpft. Sie gibt nichts darauf und versucht ihren eigenen Weg zu gehen, so schwer dieser auch sein mag. Der Autor beschreibt die Seele einer außergewöhnlichen Frau. Der Mann war ein Frauenversteher (oder eine Frau ;-)). Das macht ihn zu einem außergewöhnlichen Schriftsteller seiner Zeit, wie er auch in "Tod in Connecticut" wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Leseempfehlung!

© Renie


Weitere Romane von Wilson Collison, die ich gelesen habe:

Das Haus am Kongo 

Die Nacht mit Nancy 






Freitag, 8. Juni 2018

Charlotte Perkins Gilman: Ihrland

Quellennachweis*
Die Amerikanerin Charlotte Perkins Gilman (geb. 3. Juli 1860) war eine Frauenrechtlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter war Gelegenheitsarbeiterin, der Vater Buchhändler und Schriftsteller, der seine Familie früh im Stich ließ. Im Alter von 24 heiratete Charlotte, verließ ihren Mann jedoch bereits nach vier Jahren. Nach 10 Jahren wurde die Ehe geschieden. Ein, in der damaligen Zeit unvorstellbarer Schritt. Während ihrer Ehe litt Charlotte unter Depressionen. Sie versuchte die Krankheit durch Schreiben zu kompensieren. Nach der Scheidung lernte sie die sozialistische Schriftstellerin Helen Campbell kennen, die sie in die Frauenbewegung einführte. Charlotte besuchte Frauenkongresse auf der ganzen Welt, die sie durch ihre flammenden Reden für die Frauenrechte bereicherte. Denn sie galt als begnadete Rhetorikerin. Die damalige Frauenbewegung kämpfte für grundsätzliche und politische Rechte der Frau, wie z. B. das Recht auf Bildung, das Recht auf Erwerbstätigkeit sowie das Frauenwahlrecht, das im Übrigen in Deutschland im November 1918 rechtlich festgeschrieben wurde. In diesem Jahr feiern wir also den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts in Deutschland.

Aus ihrem Einsatz für die Rechte der Frau heraus, hat Charlotte Perkins den utopischen Roman "Ihrland" (im Original "Herland") geschrieben, der 1915 veröffentlicht wurde. Darin geht es um ein sagenhaftes Land, in dem nur Frauen leben.

Die Geschichte wird aus der Sicht eines Mannes erzählt: Van - einer von drei Freunden, die auf einer Expedition irgendwo in Südamerika unterwegs sind. Hier hören die Männer das erste Mal von diesem verheißungsvollen Land. Von Abenteuerlust und Phantasie gepackt, begeben sich die Drei auf die Suche nach diesem Paradies. Natürlich entdecken sie das Land der Frauen und erleben einen Kulturschock. Für die Männer bricht eine Welt zusammen. Stellvertretend für das Frauenbild der Männer aus der damaligen Zeit lässt Charlotte Perkins Gilman die drei Freunde so einige Frauenklischees vertreten. Das ist lustig. Und wieder einmal mehr bestätigt sich der Verdacht, dass die Frau für den Mann ein unbekanntes Wesen ist.
"Als ich in meiner Lektüre so weit gekommen war, ging ich zu Somel, um mehr zu erfahren. Ich war mittlerweile so mit ihr befreundet wie kaum jemals zuvor in meinem Leben mit einer anderen Frau. Sie war eine sehr angenehme Seele, die einem das nette, sanfte Muttergefühl gab, das ein Mann in einer Frau mag, und doch besaß sie auch die klare Intelligenz und Zuverlässigkeit, von denen ich anzunehmen pflegte, dass sie männliche Eigenschaften waren."
Männer sind in Ihrland überflüssig. Oh Wunder der Evolution - die Frauen haben gelernt sich auch ohne männliches Dazutun fortzupflanzen. Sie haben dabei eine Kultur geschaffen, die ohne jegliche Form der Aggressivität auskommt. Die Frauen praktizieren ein friedliches Miteinander, in dem das Wohl der Gemeinschaft und ihr Fortbestand an erster Stelle stehen. Aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung sind sie heute in der Lage, ein perfektes Leben zu führen. Diese Perfektion stößt bei bei den drei Eindringlingen auf Misstrauen. 
Von Anfang an werden die drei Männer von den Frauen mit Respekt behandelt. Allerdings dürfen sie Ihrland nicht verlassen. Die Zeit, die die Freunde mit den Frauen verbringen, wird genutzt, um gegenseitig voneinander zu lernen. So erfahren die Männer (und Leser), wie Ihrland entstanden ist, welche Lebensphilosophie hinter der Gesellschaft steckt, wie Ihrland organisiert ist und wie der Fortbestand gesichert ist. Die Frauen sind nicht so vermessen, ihre Gesellschaft als das Non Plus Ultra anzusehen. Stattdessen sind sie wissbegierig, was die Welt angeht, aus der die Männer kommen. So kommt es zum gemeinsamen Austausch. Die Männer versuchen, den Frauen ihre Welt schmackhaft zu machen, was leider nicht gelingt. Denn schon durch das einfachste Nachfragen der Frauen, werden die Schwächen der Männerwelt aufgezeigt, und das Überlegenheitsgefühl der Männer gegenüber den Frauen bekommt einen heftigen Dämpfer.
"Ich war natürlich immer stolz auf mein Land gewesen. Jeder ist es. Im Vergleich zu den anderen Ländern und Völkern, die ich kannte, schienen mir die Vereinigten Staaten von Amerika immer, um es gelinde zu sagen, so gut wie das beste von allen zu sein. Aber ebenso wie ein klarsichtiges, intelligentes, ehrliches und wohlmeinendes Kind durch unschuldige Fragen häufig das Selbstwertgefühl von jemandem ankratzen kann, so taten es auch diese Frauen ohne den geringsten Anschein einer bösen Absicht oder von Spott, indem sie ständig Diskussionspunkte vorbrachten, denen wir bestmöglich auszuweichen versuchten."
Am Ende des Buches werden die Männer Ihrland wieder verlassen müssen. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihrem Aufenthalt in der Welt der Frauen gelernt haben.

Charlotte Perkins hat eine utopische Welt kreiert, die auf der Frage basiert: Was wäre, wenn Frauen die Welt beherrschen würden? Eine Frage, die schon so häufig gestellt wurde, und immer wieder gestellt werden wird. Die Antwort der Autorin ist dabei sehr komplex und liefert die unterschiedlichsten Denkanstöße, die mann und frau teilweise weiterverfolgen möchten, teilweise jedoch auch als Humbug abtun werden. Doch jeder so, wie er kann. Lesenswert ist dieses Buch alle Male.

Einziger Wermuthstropfen: Ich habe dieses Buch in einer Übersetzung gelesen, die etliche Mängel in Stil und Ausdruck aufweist. Das ist nicht schön, insbesondere wenn man bedenkt, dass Charlotte Perkins für ihre Rhetorik berühmt war. Dadurch wird die Übersetzung ihrem Talent leider nicht gerecht, was sehr schade ist.

© Renie


"Ihrland" von Charlotte Perkins Gilman
(im Original: Herland)




#WomeninSciFi
Ich habe dieses Buch im Rahmen des Projektes "Women in SciFi" gelesen, das meine Bloggerkollegin Bingereader auf ihrem Blog vor einiger Zeit ins Leben gerufen hat. Lieben Dank für die Einladung, Sabine. Ohne dich wäre mir nie bewusst geworden, wieviele großartige Science Fiction Autorinnen es gibt. Ein Genre, das eindeutig mehr Beachtung verdient, insbesondere, wenn Frauen darüber schreiben.



*Quellennachweis: creative commons (creative commons) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons




Freitag, 1. Juni 2018

Maggie O'Farrell: Ich bin, ich bin, ich bin

Quelle: Pixabay/jclk8888
„Fast gestorben zu sein ist nichts Einmaliges oder Besonderes. Der Tod begegnet uns ständig; wohl jeder, wage ich zu vermuten, war ihm schon einmal nahe, vielleicht ohne es zu merken. Der Luftzug des Lasters, der zu dicht an einem Fahrrad vorbeifegt, der übermüdete Arzt, der die Dosis in letzter Sekunde noch einmal überprüft, der angetrunkene Fahrer, der sich dann doch überreden lässt, die Autoschlüssel abzugeben, …. .“
Stimmt, ich habe den Tod bisher selten bemerkt. Doch je tiefer ich in dieses Buch eingetaucht bin, umso mehr Situationen fielen mir ein, in denen ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin.
Die irische Autorin Maggie O’Farrell hat viele ihrer Begegnungen mit dem Tod in ihrem sehr persönlichen und autobiografischen Buch „Ich bin, ich bin, ich bin“ geschildert. Dabei sind 17 Kapitel entstanden, die über Episoden ihres Lebens berichten, in denen sie mit dem Tod in Berührung kam. Es sind selten die spektakulären Situationen, aus denen andere einen Nerven zerfetzenden Thriller produzieren würden, sondern eher Situationen, in denen das Schicksal es einfach nicht gut mit ihr meinte, und die jeden treffen könnten: eine unbekannte Virusinfektion, an der sie als Kind fast gestorben ist; jugendlicher Leichtsinn, Fehlgeburten, Todesangst um ihr eigenes Kind ...

Quelle: Piper
Dabei geht es Maggie O’Farrell gar nicht so sehr darum, ihre Erfahrungen mit dem Tod zu verarbeiten, sondern aufzuzeigen, welchen Einfluss diese Situationen auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit haben.

Und so zeigt sich das Bild einer starken Frau, die gelernt hat, Schicksalsschläge zu akzeptieren und ihr Leben weiterzuleben, in der Freude, dem Tod bis jetzt immer wieder ein Schnippchen geschlagen zu haben.
"Als Kind dem Tod so nah gewesen zu sein und dann das Leben neu geschenkt zu bekommen, hat mich viele Jahre lang verwegen gemacht, nonchalant gegenüber dem Risiko, geradezu tollkühn. .... Das lag nicht etwa daran, dass mein Leben für mich keinen Wert gehabt hätte, im Gegenteil, ich wollte um jeden Preis alles mitnehmen, was es zu bieten hatte. Mein Beinahesterben mit acht machte mich unbekümmert gegenüber dem Tod, vielleicht etwas zu unbekümmert. Ich wusste, irgendwann würde er mich ereilen, und die Vorstellung schreckte mich nicht; seine Nähe hatte fast etwas Vertrautes."
Maggie O’Farrells Geschichten sind sehr intim. Dabei offenbart sie eine Verletzlichkeit, die man nur Menschen zeigt, denen man sehr nahe steht. Diese Verletzlichkeit überträgt sich auf den Leser, und man versucht sich in Maggie hineinzuversetzen, fragt sich, wie man an ihrer Stelle handeln würde, und ob man die Kraft hätte, mit dem gleichen Optimismus aus ähnlichen Situationen hervorzugehen. Fragen, die sich selten beantworten lassen.

Die 17 Episoden werden aus der Ich-Perspektive in einer sehr eindringlichen Sprache erzählt. Manchmal wechselt die Autorin in die neutrale 3. Person Singular und bezeichnet sich dabei als die Frau oder das Mädchen. Sie schafft in diesen Momenten einen emotionalen Sicherheitsabstand zu dem Geschehen – wahrscheinlich ihre Art, um manche Gedanken und Erinnerungen überhaupt ertragen zu können.

Fazit:
Ein sehr intimes und ungewöhnliches Buch. Maggie O’Farrell beschreibt ihr Leben anhand von lebensbedrohlichen Situationen. Dabei zeichnet sich das Bild einer starken Frau ab, die trotz aller Todesmomente, die ihr widerfahren sind, gelernt hat, mit Freude an ihrem Leben festzuhalten und jeden Moment zu genießen, als ob es ihr letzter wäre. Ein Buch, das mich sehr berührt hat und noch lange beschäftigen wird.

© Renie



Über die Autorin:
Maggie O'Farrell wurde 1972 in Nordirland geboren und wuchs in Wales und Schottland auf. Ihr achtes Lebensjahr verbrachte sie nach einer lebensbedrohlichen Virusinfektion im Krankenhaus. Für ihre bislang sieben Romane wurde sie u.a. mit dem Somerset Maugham Award und dem Costa Novel Award ausgezeichnet. Zusammen mit dem Schriftsteller William Sutcliff und den drei gemeinsamen Kindern lebt sie heute in Edinburgh. (Quelle: Piper)

Samstag, 26. Mai 2018

Jean-Gabriel Causse: Arthur und die Farben des Lebens

Quelle: Pixabay/Tulpenmeer
Rot steht für die Liebe, Grün für die Hoffnung, Blau für die Sehnsucht, Gelb für Neid, Grau für Weisheit etc. etc. etc. Die Symbolik der Farben lernen wir von Kindheit an. Jeder hat mindestens eine Lieblingsfarbe. Farbe ist immer irgendwo und irgendwie vorhanden. Farbe kann unterschiedlich wahrgenommen werden. Man kann Farbe sehen, fühlen, schmecken und hören - das behauptet zumindest das "Comité Français de la Couleur" - eine französische Vereinigung, die sich mit der soziologischen, kulturellen, historischen und industriellen Bedeutung von Farben befasst sowie deren Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Welche Bedeutung Farbe für den Menschen hat, merkt man spätestens dann, wenn die Farbe einfach verschwunden und alles nur noch in Grautönen sichtbar ist - wobei Grau auch eine Farbe ist, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

Jean-Gabriel Causse, der Autor des Romanes "Arthur und die Farben des Lebens", ist ein Farbspezialist. Er ist als Farbdesigner in der Modebranche tätig und darüber hinaus Mitglied besagter "Comité Français de la Couleur". In seinem Roman behandelt er das Thema einer farblosen Welt auf sehr charmante Weise.
"In den Nachrichten wird über die Ausschreibung eines Wettbewerbs berichtet. Es geht um den Entwurf für eine neue französische Fahne, damit sie nicht länger mit der von Italien, Belgien, Irland und anderen Ländern verwechselt wird." (S. 97)
Quelle: C. Bertelsmann
Eine der Besonderheiten dieses Romanes sind die Protagonisten, allen voran Arthur. Der junge Mann mit der Figur eines Rugbyspielers ist tief gesunken. Ein intellektuelles Elternhaus, eine hervorragende Schulbildung, sein gutes Aussehen machten Arthur das Leben zunächst leicht. Alles, was er anfasste gelang. Mit 30 Jahren zeigt seine Erfolgskurve jedoch abwärts. Sein Alkoholkonsum, bei dem er noch nie besonders zurückhaltend war, wirft ihn aus der Bahn. Binnen kurzer Zeit verliert er alles, was er sich aufgebaut hat, inklusive seines Jobs. Seine anhaltende Arbeitslosigkeit lässt ihn mittlerweile nicht mehr zimperlich sein, was die Wahl seiner Einkommensquelle angeht. So landet der ehemalige Starvertriebler eines Startup-Unternehmens in einer alten Buntstiftfabrik in einem Pariser Vorort, die jedoch nach kurzer Zeit mangels Nachfrage den Betrieb schließen muss.

Im Haus gegenüber von Arthurs Wohnung lebt Charlotte mit ihrer kleinen Tochter Louise. Charlotte ist blind und arbeitet als Radiomoderatorin. Sie ist Spezialistin für Farbe und ihre Radiosendungen zu diesem Thema sind sehr beliebt. So gut wie keiner weiß, dass sie blind ist. Wer würde einer Blinden schon ihre Expertise über Farben und deren Bedeutungen abnehmen. Doch Charlotte ist eine Synästhetikerin. Sie ist in der Lage, unterschiedliche Wahrnehmungsbereiche zu koppeln. Sie nimmt Farbe nicht über das Sehen wahr, sondern empfindet sie als eine Mischung aus Duft und Geschmack.
"'... Orange zum Beispiel riecht süß wie die Frucht, aber sein Geschmack ist sauer. Gelb ist noch saurer, wenn es sich um Zitronengelb handelt, aber es kann auch fein sein wie ein Eigelb und nach Narzissen oder Ginster duften. Weiß schmeckt wie Milch oder Hähnchen, und sein Geruch ist der von Kokosnuss oder manchen Orchideen. Schwarz duftet nach Lakritz und Kaffee, aber manchmal riecht es auch wie verbrannte Reifen oder angebranntes Essen.'" (S. 187 f.)
Ajay, ein indischer Taxifahrer in New York, ist ebenfalls Synästhetiker. Er kann Farbe sehen, nimmt sie aber intensiver über das Gehör wahr. Bei ihm gibt es eine Verbindung zwischen der Wellenlänge der Farben und der Töne.
Die Geschichte spielt hauptsächlich in Paris. Eines Morgens sind die Farben verschwunden. Den Anfang hat Gelb gemacht, was jedoch zunächst nicht weiter schlimm ist. Denn wer braucht schon gelb. Da gibt es wichtigere Farben. Doch der Farbschwund macht auch vor dem Rest der Farbpalette nicht halt. Und die Welt befindet sich fortan in einem grauen (oder besser: Grauen erregenden ;-)) Zustand.

Der Plot an sich ist schon faszinierend. Noch faszinierender ist jedoch, was der Autor Jean-Gabriel Causse daraus macht. Er bezaubert durch eine märchenhafte Handlung: Louise, die Tochter von Charlotte, hat eine Gabe, die die Farben nach und nach wieder zurückbringen. Dabei bedient sie sich spezieller Buntstifte, die leider nicht mehr hergestellt werden und daher nur sehr schwer zu bekommen sind - insbesondere, wenn die chinesische Mafia ebenfalls hinter diesen Stiften her ist. Und mit jedem Buntstift, der sich findet, bekommt die graue Welt einen weiteren Farbkleks.
"'... Farben können uns begeistern, uns überraschen, uns trösten, uns neue Energie schenken, uns entspannen, uns rühren, uns kreativer machen und dadurch auch auf unser Umfeld ausstrahlen. Denkt nur daran, wie froh es euch macht, wenn euch jemand Blumen schenkt und ihr aufmerksam ihre Farben betrachtet.'" (S. 277)
Jean-Gabriel Causse erzählt diese Geschichte mit viel Leichtigkeit. Dank seiner quicklebendigen Phantasie fühlt man sich an eine Kindergeschichte erinnert. Ihm gelingt dabei das Kunststück, Leichtigkeit mit Tiefsinn in Einklang zu bringen. Seine Geschichte hat dabei fast schon philosophische Ansätze und regt zum Nachdenken an. Insbesondere diejenigen Momente, in denen Causse die Auswirkungen der Farblosigkeit auf das Leben inszeniert, sind sehr intensiv.

Fazit:
Ein verzaubernder Roman, der die "Farben des Lebens" intensiv leuchten lässt. Leseempfehlung!

© Renie





Über den Autor:
Jean-Gabriel Causse, geboren 1969, ist Mitglied des "Comité Français de la Couleur". er ist als Farbdesigner u.a. in Japan tätig und lebt in Paris und Tokio. Sein Buch Die unglaubliche Kraft der Farben (Hanser, 2015) war ein internationaler Bestseller. (Quelle: C. Bertelsmann)

Freitag, 18. Mai 2018

Bruce Dickinson: What does this button do? (Die Autobiografie)

Quelle: Pixabay/LenaSevcikova
Die legendäre Heavy Metal Band "Iron Maiden" wurde 1975 gegründet. Seit dieser Zeit gab es ein ständiges Kommen und Gehen, was die Mitglieder der Band angeht. Bruce Dickinson ist der aktuelle Sänger und gehört seit 1981 zu der Band (mit einer kurzen Unterbrechung).
Als Rocksänger erlebt man Einiges. Als Rocksänger und Pilot erlebt man noch mehr. Als Rocksänger, Pilot, Fechter, Bierbrauer, Romanautor, Radiomoderator, Drehbuchautor etc. erlebt man noch viel viel mehr. Grund genug, eine Autobiografie zu verfassen. Denn schreiben kann Bruce Dickinson, wie er bereits in vielen Songtexten, Romanen und Drehbüchern bewiesen hat.
Die Autobiografie beginnt mit seiner Kindheit, in der er sich in der Schule als bad boy präsentiert. Er musste häufig die Schule wechseln. Denn der Einzelgänger und Außenseiter hatte ein Problem mit der Disziplin und dem vorherrschenden Schulreglement. Schon früh entdeckte er seine Affinität zur Rockmusik. Nachdem er   größeres Talent beim Singen als beim Schlagzeug spielen (das er zuerst favorisiert hat) bewies, stieg er bei der Band "Samson" ein, mit denen er dann einige Jahre aufgetreten ist.
Quelle: Heyne
"Wer das Phänomen Iron Maiden nicht versteht, wird niemals begreifen, welchen Einfluss die Band auf das Leben unzähliger Menschen gehabt hat. Im Lauf der Jahre hat sie Millionen von Menschen immer wieder in ihrem Selbstwertgefühl bestätigt. Popmusik, Trends und die sinnlose Dekadenz sogenannter Celebritys, damit hatten Maiden nie etwas zu schaffen. Maiden - das war schon immer harte Arbeit, handfest, echt und vielschichtig, aber auch erdig und aggressiv." (S. 337)
1981 bewarb er sich als Sänger bei der Band "Iron Maiden" und wurde unter Vertrag gestellt. In Bruce Dickinsons Autobiografie folgen unzählige Seiten über das Miteinander der Bandmitglieder, Iron Maiden's Auftritten, die Studioarbeit zu neuen Alben, Tourneen etc. etc. etc. Denkt man an das Leben eines Rockstars, so denkt man an Sex, Drugs and Rock'n Roll. In Dickinsons Biografie gibt es kaum Sex, einige Drogen, dafür ganz viel Rock'n Roll. Jemand wie ich, der die Rockmusik der 80er und 90er Jahre gehört hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Dickinson gibt seine Erlebnisse in der Rockszene wieder. Für mich war das manchmal trotzdem verwirrend. Insbesondere, wenn er von einzelnen Personen aus der Musikszene berichtet. Oder über Iron Maiden Songs, von denen ich leider nur wenige kenne. Daher habe ich einige Passagen in diesem Buch als langatmig empfunden. Man hätte mit Sicherheit einiges weglassen können. Aber ich verstehe den Autobiografen. Die Entscheidung, was wichtig und unwichtig ist, fällt schwer, wenn man sich in dem Rückblick auf sein bisheriges spektakuläres Leben verliert. Insbesondere, wenn man keine Minute missen möchte und sein Leben mit Stolz, Selbstironie und einem breiten Grinsen  erzählt. Denn so kommt es einem vor, wenn man die Autobiografie von Dickinson liest.
"Was für ein durchgeknalltes Leben, dachte ich bei mir. Dann schaute ich nach links und sah Brian May, der mit geschlossenen Augen neben mir hockte und sehr wahrscheinlich etwas ganz Ähnliches dachte. Ich ließ ihn. Was für eine verrückte Welt, in der Tat." (S. 213)
Die besonderen Momente in diesem Buch waren für mich nicht die Eskapaden einer Rockband, sondern

  • Dickinsons Beschreibung eines Aufenthalts von Iron Maiden in Sarajewo zur Zeit des Balkankrieges: Seine Darstellung des Kriegsszenarios, in das die Band aus Leichtsinn und Naivität gerät, ist sehr intensiv. Zeuge der Kriebsgräuel zu werden, macht aus dem bis dahin fast schon oberflächlich wirkenden Rockstar einen nachdenklichen und ernsthaften Mann, der den Leser seine Betroffenheit spüren lässt.
  • Dickinsons Beschreibung seiner Krebserkrankung:
"Am 12. Dezember wurde bei mir Hals- und Kopfkrebs diagnostiziert, und die Welt hörte auf, sich zu drehen." 
Sein Umgang mit der Krankheit ist bewundernswert. Er empfindet die Krebstherapie als Herausforderung und Profession, die es zu meistern gilt. Dickinson lässt sich nicht unterkriegen und erträgt die Behandlung mit viel Optimismus. In der Art, wie er den Heilungsprozess beschreibt, macht er jedem Mut, der selbst mit diesem Schicksal konfrontiert wird.
"Auf die Frage 'Warum ich?' wusste niemand eine Antwort. In Wahrheit ist es vermutlich einfach nur verdammtes Pech, dachte ich. Niemand hatte es auf mich abgesehen, und der Krebs war nichts weiter als eine Anomalie. Ich überlegte, ob ich ihn hassen sollte, aber Hass über längere Zeit hinweg ist einfach nicht mein Ding. Was Wut angeht, bin ich eher der spontane, aufbrausende Typ. Ich entschied, dass das Leben zu kurz war, um den Krebs zu hassen. Also würde ich ihn lieber wie einen ungebetenen Gast behandeln und ihm so freundlich wie unmissverständlich die Tür weisen." (S. 417)
Bruce Dickinson ist heute 60 Jahre alt und singt immer noch für Iron Maiden - neben all den anderen Dingen, die er macht. Er hat viel zu erzählen. Und er scheint fast nicht glauben wollen, was er bisher alles in seinem Leben erlebt hat. Mit viel Humor und Augenzwinkern berichtet er von seiner unfassbar ungewöhnlichen Karriere. Und ich habe nicht den Eindruck, dass es das für ihn gewesen ist. Der Mann strotzt nur so vor Energie, die er hoffentlich noch in viele interessante Projekte investieren wird.

© Renie





Über den Autor:
Bruce Dickinson ist seit über dreißig Jahren der Leadsänger von Iron Maiden, hat darüber hinaus auch eine erfolgreiche Karriere als Solokünstler und diverse andere Betätigungsfelder. Iron Maiden sind mit über 90 Millionen verkauften Alben und über 2.000 Konzerten eine der erfolgreichsten Rockbands aler Zeiten. Bruce Dickinson lebt in London, England. (Quelle: Heyne)

Freitag, 11. Mai 2018

Heinrich Steinfest: Die Büglerin

Quelle: Pixabay/RitaE
Nachdem ich den Roman "Die Büglerin" von Heinrich Steinfest beendet habe, stelle ich fest, dass ich mit der Protagonistin Tonia Schreiber einige Gemeinsamkeiten habe. Wir sitzen im Kino oder Theater am liebsten auf einem Platz am Gang. Schließlich wollen wir die ersten sein, die den Notausgang stürmen können, sollte Gefahr im Verzug sein. Man weiß ja nie, welche bösen Absichten Menschen im Publikum haben können. Dann gehen wir grundsätzlich kurz vor Beginn eines Termins oder einer Veranstaltung noch mal schnell auf die Toilette. Würden wir das nicht tun, müssten wir unter Garantie zwischendurch. Wir könnten dann ja etwas verpassen.
Und wir empfinden Bügeln als Strafe. Ich drücke mich meistens vor dieser Strafe und lasse lieber andere bügeln. Wohingegen Tonia sich selbst diese Strafe auferlegt hat: Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Büglerin und bestraft sich dadurch selbst.
"..., weil auf dem Plan des Lebens ihr Name auf der Seite derer stand, die für ein Unglück vorgesehen waren. Etwas, von dem sie seit Kindheit an hundertprozentig überzeugt gewesen war." (S. 45)
Quelle: Piper
Wie kam es zu dieser Bestrafung?
Tonia ist eine starke und außergewöhnliche Frau mit einer ungewöhnlichen Kindheit. Als Tochter zweier angesehenen Botanikern hat sie einen großen Teil ihrer Kindheit auf dem Meer verbracht. Durch die Forschungsreisen ihrer Eltern lernte sie die ganze Welt kennen. Ihr Zuhause war ein Segelschiff, auf dem die Familie lebte. Ihre Klassenzimmer waren die Ozeane und die Länder, die sie bereisten. Unterrichtet wurde sie von ihrer Mutter und vom Leben in unterschiedlichen Kulturen. Selbstverständlich spricht sie mehrere Fremdsprachen und hat einen Wissenshorizont, der seinesgleichen sucht. Doch irgendwann holte die Familie das österreichische Rechtswesen ein, das die Familie an die Schulpflicht erinnerte. Tonia ging also auf ein Internat, ihre Eltern bereisten weiterhin die Welt. Kurz darauf verunglückten ihre Eltern tödlich und Tonia war plötzlich Waise, die durch das nicht unerhebliche Erbe ihrer Eltern finanziell abgesichert war. Sie konnte ihre Ausbildung fortsetzen und wurde Meeresbiologin.

Der Tod der Eltern war nicht der einzige Schicksalsschlag, den sie zu verkraften hatte. Jahre später befindet sich Tonia zur falschen Zeit am falschen Ort und erleidet dadurch den nächsten Verlust, der ihr weiteres Leben beeinflussen wird. Sie gibt sich eine Mitschuld an diesem Verlust. Grund genug für sie, sich lebenslang zu bestrafen. Ihre Selbstbestrafung ist das Bügeln. Eine merkwürdige Form der Vergeltung. Aber Tonia zieht es durch. Der größte Teil dieses Romanes konzentriert sich auf ihre Zeit als Büglerin. Tonia lebt zurückgezogen und bescheiden. Mit großer Disziplin widmet sie sich dem Bügeln. Der Perfektionismus, der sie schon immer ausgezeichnet hat, findet auch beim Bügeln Anwendung. Sehr zur Freude ihrer Auftraggeber. Denn keiner bügelt wie Tonia. 
"Als erstes begann Tonia die Wäsche ihrer Vermieterin zu bügeln, wobei die Vermieterin sehr bald diese etwas unheimliche, aber auch anziehende Mischung aus Präzision und Magie - man könnte auch sagen: aus Materialität und Transzendenz - erkannte. Wie sehr also nicht nur eine korrekte, sorgsame Arbeit vorlag, sondern Tonia zudem etwas in diese gebügelte Wäsche hineinlegte, was den Hemden und Blusen eine Schönheit verlieh, die auf den Träger überging." (S. 96)
Keiner blickt hinter ihr Geheimnis. Manch einer wundert sich, warum eine Frau wie Tonia, die ihre Herkunft und Ausbildung nicht vollständig verbergen kann, einen derartigen Job ausübt. Doch Tonia gelingt es immer, ihr Geheimnis zu bewahren. Eines lässt sie jedoch nicht los: die Frage nach dem Sinn des Unglücks, das sie zum Bügeln gebracht hat und die Motive des Hauptverantwortlichen für dieses Unglück. Tatsächlich zeigt der Roman "Die Büglerin" mit der Zeit Ansätze eines Kriminalromans. Denn Tonia begibt sich auf die Suche nach den Motiven des Hauptverantwortlichen und erhält dabei Unterstützung eines Mannes, der ihr Liebhaber sein könnte, es aber nicht ist, weil ihre gemeinsame Freundschaft den beiden mehr als alles andere bedeutet. 

Eine wunderschöne Geschichte, fast schon eine Tragödie, die dank des Sprachstils von Heinrich Steinfest zu etwas ganz Besonderem wird. Der Autor hat mich mit seiner phantasievollen Sprache verzaubert. Er ist ein Freund ungewöhnlicher Vergleiche, die mich oft zum Lächeln gebracht haben. Hinzu kommt ein bissiger, fast schon boshafter, aber stets subtiler Humor, der mir sehr viel Freude bereitet hat. Heinrich Steinfest konfrontiert den Leser mit vielen Gedanken, die das Leben und das Miteinander betreffen. Diese philosophischen Ansätze regen zum Nachdenken an. "Die Büglerin" ist also kein Buch, das man so schnell vergessen wird. Denn es beschäftigt noch lange, nachdem man es beendet hat. Ein Lesehighlight!!!

© Renie





Montag, 7. Mai 2018

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

Quelle: Pixabay/MustangJoe
Ich habe noch nie eine Kreuzfahrt mitgemacht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das unbedingt möchte. Denn eine Kreuzfahrt mit einem Luxusdampfer erscheint mir Fluch und Segen zugleich. Segen - da man mit jedem denkbaren und undenkbaren Luxus überhäuft wird. Fluch - weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, mit über 1000 Menschen auf einem Schiff gepfercht zu sein und die einzige Rückzugsmöglichkeit für mich in einer ca. 15 qm kleinen Innenkabine (ohne Fenster) besteht. Wenn mir allerdings jemand eine derartige Reise schenken würde, würde ich nicht lange überlegen. Denn einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul - insbesondere wenn der Gaul ein wertvolles Rassepferd ist.
Genau dies ist David Foster Wallace, dem Autor des Essays "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich", passiert. Er erhielt den Auftrag einer amerikanischen Zeitung, seine Eindrücke über eine Luxuskreuzfahrt zu Papier zu bringen. Selbstverständlich wurde ihm der All-Inclusive-Trip finanziert. Erwartet wurde von ihm nichts, außer schonungsloser Offenheit gepaart mit dem berüchtigten David Foster Wallace Humor. Also hat er sich "geopfert" und eine Seereise von Florida in die Karibik und wieder zurück gemacht. Zusammen mit über 1500 Landsleuten, größtenteils Kreuzfahrtveteranen, die meine schlimmsten Befürchtungen, was das Publikum auf einem Luxusliner betrifft, bestätigt haben.
Herausgekommen ist ein Essay über eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff, dem Bordleben sowie der Reisegefährten, vor denen sich David Foster Wallace nicht verstecken konnte.
Der Autor glänzt dabei durch bitterbösen und schwarzen Humor. Schonungslos zieht er seine Mitreisenden und das Luxusschiffsleben durch den Kakao, macht dabei auch nicht Halt vor seiner eigenen Person. Er ist nicht der neutrale Beobachter, sondern er ist Opfer. Er wird mit dem Luxus, der ihm auf dem Dampfer begegnet förmlich erschlagen. Als Neuling an Bord lässt er kein Fettnäpfchen aus. Es gibt nunmal eine Etikette auf einem Luxusliner, die ihm natürlich völlig fremd ist und gegen die er häufig - mehr oder weniger absichtlich - verstößt. Was David Foster Wallace während seiner Reise erlebt hat, hätte manch anderen in die Flucht geschlagen. Doch wohin fliehen? Denn die Fluchtmöglichkeiten auf einem Schiff sind nun mal begrenzt.

Eine Kreuzfahrt ist "schrecklich amüsant", wobei die Betonung auf "schrecklich" liegt.  Hier gibt es von vielen Dingen zu viel: zuviel Luxus, zuviel Essen, zuviel Vergnügen, zuviel Menschen, zuviel Bespaßung. Jeder, der sich an Bord eines Luxusliners begibt, gibt jede Verantwortung für das eigene Vergnügen ab. Hier gibt es Profis, die dafür bezahlt werden, dass sie die Passagiere bespaßen. Auf das Wie der Bespaßung hat man keinen Einfluss. Man wird permanent mit "Vergnügen" konfrontiert. Man entkommt ihm einfach nicht. Und am Ende der Reise wird man sagen, dass es Spaß gemacht hat, dass man verwöhnt wurde, dass man erholt ist. Was auch sonst? Bei dem Preis, den man für die Reise bezahlt hat. 
"Egal, ob unten im Gewusel des Hafens oder ganz oben an der Reling von Deck 12, ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass ich ein amerikanischer Tourist bin und dadurch per se ein stiernackiger, lauter, vulgärer, großkotziger Fettsack, eitel, verwöhnt, gierig und zugleich gepeinigt von Scham und Verzweiflung. In diesem Sinne ist der amerikanische Tourist wirklich einzig auf der Welt: ein bovines Herdentier und ein Fleischfresser." 
Der zweite Teil des Titels des Essays "aber in Zukunft ohne mich" sagt natürlich aus, zu welcher Erkenntnis der Autor gekommen ist. Es gab Dinge in David Foster Wallaces Leben (er starb in 2008), die brauchte er nicht, wozu definitiv eine Kreuzfahrt zählte. Aber hinterher ist man immer schlauer. Und er hat es schließlich versucht.
Das Essay ist erstmalig im Jahre 1997 veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Edition Büchergilde aus dem Jahre 2018 werden die Erlebnisse des Autors von den ganzseitigen Illustrationen von Chrigel Farner begleitet, die für sich schon ein Erlebnis sind. Der Illustrator hat sich dabei akribisch an den Text gehalten und diesen mit plakativen Zeichnungen versehen. In Chrigel Farners Illustrationen finde ich mein Wunschdenken zu einer Kreuzfahrt wieder: das Meer in sämtlichen Blauschattierungen, die man sich vorstellen kann, idyllische Inselparadiese, Stille und Einsamkeit. Denn die Zeichnungen sind größtenteils menschenleer, vereinzelt findet sich darin eine Handvoll Passagiere oder Crewmitglieder. Die Menschenmassen auf dem Luxusdampfer hinterlassen kaum Spuren. Die Illustrationen bilden dadurch einen wohltuenden Kontrast zu dem turbulenten Geschehen, das David Foster Wallace in seinem Essay wiedergibt. 

Fazit:
David Foster Wallace geht in seinem Essay mit gewohnt bissigem Humor auf Freud und Leid einer Luxuskreuzfahrt ein. Überzeugungskreuzfahrer werden ihn dafür verteufeln, Zweifler, Neider und Kreuzfahrtgegner werden ihn bejubeln. Die wunderschönen Illustrationen von Chrigel Farner stellen eine Kreuzfahrt dar, wie sie sein sollte und sind für sich ein Genuss. Wie schade, dass die Realität anders aussieht.


© Renie





Über David Foster Wallace im Autorenschaufenster bei Whatchareadin .....

Über Chrigel Farner (Ill.):
Chrigel Farner wurde 1972 in Schaffhausen, Schweiz, eingebürgert. Während seiner Zeit in Dublin bricht er, inspiriert durch die Reportagen des Magazins Egg and Hole, sein Studium ab und widmet sich ganz der Zeichnung und Malerei. Er tingelt nach Berlin, um Schlagzeug zu spielen. Mit seinen Illustrationen ist zuletzt D. W. Lovelaces King Kong erschienen. (Quelle: Büchergilde)