Freitag, 21. September 2018

William Boyd: Die Fotografin

Quelle: Pixabay/Bru-nO
Der schottische Schriftsteller William Boyd scheint ein Schlitzohr zu sein. Zumindest hat er Spaß daran, seinen Mitmenschen einen Bären aufzubinden: 1998 sorgte er mit seiner Biografie über den expressionistischen Maler Nat Tate (1928 bis 1960) in New York für Furore. Viele Promis rühmten sich, Nat Tate zeitlebens persönlich gekannt zu haben. Kaum einer, der nicht die Gemälde von Nat Tate zu schätzen wusste. ABER: Nat Tate hat es nie gegeben. Er, genauso wie seine Gemälde, sind ein Fantasieprodukt von William Boyd. Den Namen Nat Tate leitete Boyd von den beiden britischen Kunstmuseen National Gallery und Tate Gallery ab. Als der Schwindel herauskam, gab es einen riesigen Skandal, bei dem sich William Boyd mit Sicherheit eins ins Fäustchen gelacht hat.

Die Biografie über den Maler, den es nie gegeben hat, ist nur eines von unzähligen Büchern, die der vielseitige William Boyd bisher veröffentlicht hat. Er schreibt Komödien, Gesellschaftsromane, Kriegsromane oder auch Thriller. Und immer wieder schreibt er über interessante Persönlichkeiten ihrer Zeit. Wie auch in dem von mir gelesenen Roman "Die Fotografin".
Hier präsentiert Boyd Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts auf sehr ansprechende Weise, indem er sie anhand des faszinierenden Lebens der englischen Fotografin Amory Clay erzählt.
"Mein siebzig Jahre währendes Leben war erfüllt, unendlich traurig, faszinierend, komisch, absurd und beängstigend - manchmal jedenfalls -, schwierig, schmerzlich und voller Glück. Anders gesagt, kompliziert."
Quelle: Piper
Amory wurde 1908 geboren - in einer Zeit, in der es undenkbar war, dass eine Frau den Beruf der Fotografin ergreift. Und doch hat Amory allen Widerständen zum Trotz genau diesen Berufsweg gewählt. Das nötige Talent hatte sie dazu.
Als Kind erlebte sie den 1. Weltkrieg, tummelte sich in ihrer Anfangszeit als Fotografin in London und dem Berlin der 30er Jahre. Sie erlebte den 2. Weltkrieg, war während der deutschen Besatzungszeit in Paris und zog schließlich der Liebe und Karriere wegen nach New York. Auch der Vietnamkrieg der 60er Jahre war eine Etappe in ihrem Fotografenleben. Ihr Leben war von Aufregung geprägt, selten ist sie zur Ruhe gekommen. Fast wie eine Getriebene war sie immer auf der Suche nach dem ultimativen Foto, wobei sie Fotografie nicht nur als journalistisches Mittel der Dokumentation sondern auch als Kunstform ansah.

Über Amory Clay gibt es viel zu berichten. William Boyd hat seinen 555 Seiten starken Roman in insgesamt 8 Abschnitte (Bücher) aufgeteilt, zuzüglich Prolog und Abschlusskapitel. Jeder dieser Abschnitte ist ein Genuss für sich und behandelt eine wichtige Etappe in Amory Clays Leben, angefangen bei ihrer Kindheit bis hin zu ihrem letzten Lebensabschnitt. Viele ihrer Fotos befinden sich in diesem Buch, die ihr eindrucksvolles Leben dokumentieren und einen besonderen Augenschmaus darstellen. Darunter befinden sich nicht nur journalistische Aufnahmen, sondern auch sehr persönliche, über ihr Leben und ihre Weggefährten. 
"Unter den wenigen Bildern, die ich geschossen habe, gab es ein paar Farbfotos - Kodachrome-Dias, sie waren teuer, setzten sich aber allmählich durch. Doch obwohl mir klar war, dass bunte Bilder die Welt zeigen, wie sie ist, wollte ich die Welt lieber so, wie sie nicht ist - einfarbig. Das war eigentlich mein Medium, und es wurde mir so deutlich bewusst, dass ich mich fragte, ob nicht etwas Entscheidendes verlorenging, als alle Welt sich der Farbfotografie zuwandte. 
William Boyd konzentriert sich nicht nur auf Amorys Rolle als Fotografin sondern beschreibt eine moderne Frau, die mit all ihrem Mut, Selbstbewusstsein und Kampfgeist eine Vorbildfunktion für jede Frau einnehmen könnte, sowohl damals als auch heute.

Die Stimmung in diesem Roman ist von Nostalgie bestimmt. Die Geschehnisse werden aus der Sicht von Amory geschildert. Sie schwelgt dabei in Erinnerungen. Der sehr lebhafte Sprachstil Boyds verstärkt den Eindruck, dass es sich bei Amory um eine sehr temperamentvolle, intelligente, eigensinnige und humorvolle Frau gehandelt haben muss, die ihren eigenen Weg gegangen ist. 

Alles in allem, hat mir das Buch sehr viel Spaß gemacht. Die geschichtlichen Hintergründe werden auf sehr ansprechende Weise vermittelt und bilden den Rahmen für die bewegte Lebensgeschichte von Amory Clay.

Wer sich jetzt näher mit Amory Clay beschäftigen möchte, dem sei jedoch gesagt: Oops, he did it again ;-)

© Renie


Donnerstag, 13. September 2018

George Saunders: Lincoln im Bardo

Quelle: Pixabay/dennisflarsen
Meine übliche Herangehensweise an ein Buch besteht darin, mich grob über den Inhalt zu informieren. Dabei lasse ich Klappentexte, Rezensionen etc. außen vor. Ich möchte mich nicht vorab beeinflussen lassen. Allerdings war mein erster Gedanke, als ich den Roman "Lincoln im Bardo" von George Saunders das allererste Mal aufgeschlagen habe: "Ach, du Schande! Hättest du dich mal vorher schlau gemacht. Da hast du dich wohl von dem Prädikat "Man Booker Prize 2017" blenden lassen."

Nach den ersten Seiten habe ich dieses Buch gehasst, ein paar Seiten später wollte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Und am Ende war ich süchtig danach und habe es in Rekordzeit gelesen.

Der erste Eindruck deutet darauf hin, dass dieser Roman eine Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen ist. Das ist gewöhnungsbedürftig und nicht leicht zu lesen, zumal diese Gesprächsfetzen von einer Vielzahl unterschiedlicher Personen kommen (irgendwo habe ich die Zahl 160 gelesen), die sich gerade am Anfang weder zuordnen noch auseinanderhalten lassen. Hinzu kommen Auszüge aus Texten von fiktiven und realen Chronisten aus der Zeit von Abraham Lincoln (1809 - 1865). Auf den ersten Blick ist das Buch ein großes chaotisches Durcheinander. Es gibt nur selten Fließtext, bestenfalls erinnert die Textform an ein Drehbuch oder ein Theaterstück. Erstaunlich, dass sich beim Lesen ein Sog entwickelt hat, der mich geschmeidig durch die Handlung gleiten ließ.
Quelle: Randomhouse/Luchterhand
"Oh, wie pathetisch! - abgezehrt, von eingegrabenen Zügen unsagbarer Traurigkeit gezeichnet, das Aussehen eines einsamen Mannes, einer Seele mit so tiefem Kummer, so tiefer Bitternis, dass kein menschliches Mitgefühl je heranreichen könnte. Dies war weniger der Präsident der Vereinigten Staaten, besagte mein gewonnener Eindruck, als vielmehr der traurigste Mensch der Welt."
Und darum geht es in diesem Buch:
Nachdem Willie, der 11-jährige Sohn von Abraham Lincoln (16. Präsident der USA), gestorben ist, findet er sich auf dem Friedhof wieder. Sein Zustand scheint eine Übergangsstation zwischen dem Leben und dem, was danach kommt, zu sein ( = Bardo: ein Begriff aus dem tibetischen Buddismus, der einen Bewusstseinszustand zwischen dem Diesseits und dem Jenseits bezeichnet - ganz grob erklärt). Hier trifft er auf unzählige Gestalten, die hier ebenfalls wandeln, die Einen bereits seit Jahren, die Anderen erst seit Kurzem. Alle habe eines gemein: sie sehen sich nicht als "tot" an. Stattdessen sind sie in einer Warteposition, um wieder in ihr altes Leben zurückzukehren oder auf, ihnen nahestehende Menschen zu warten, die ebenfalls irgendwann das Zeitliche segnen werden. Willie unterscheidet sich von den anderen Gestalten. Er ist jung, und er erhält Besuch von seinem Vater. In der Nacht nach der Beerdigung seines Sohnes, kommt Lincoln nochmal allein zur Gruft, in der sein Sohn begraben ist. Voller Trauer und Verzweiflung will er Abschied nehmen. Und das, was anschließend in dieser Nacht geschieht, lässt sich nicht mit Vernunft und gesundem  Menschenverstand erklären. Nur soviel: auch Geister haben Gefühle.
"Während die Toten sich in unvorstellbaren Mengen häuften und sich Kummer zu Kummer gesellte, klagte eine Nation, die bislang wenig Opfer bringen musste, Lincoln wegen schlechter, zaudernder Kriegsführung an." (S. 297)
Abraham Lincoln erleidet diesen tragischen Verlust zu einer Zeit, in der sein Land zweigeteilt ist und einen Bürgerkrieg führt. Er wird in seiner Rolle als Präsident 100%ig gefordert. Doch hier zeichnet sich ein nahezu unlösbarer Konflikt zwischen trauerndem Vater und Staatsoberhaupt ab. Die politische Lage lässt dem Privatmenschen nicht viel Freiraum. Und doch nimmt er sich die Freiheit zu trauern, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Gleichzeitig wird ihm bewusst, welche Auswirkungen der Krieg auf die Bürger seines Landes hat. Mit jedem gefallenen Soldaten gibt es Menschen, welche dieselbe schmerzhafte Trauer erdulden müssen, wie er selbst, durch den Verlust seines Sohnes.

Eine Besonderheit dieses Romanes sind die Charaktere, i. d. R. sind dies Tote im Bardo. Sie bilden einen Querschnitt der damaligen (oder auch heutigen?) amerikanischen Gesellschaft. Es sind Arme und Reiche, Weiße und Farbige, Ehrenwerte und Kriminelle, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Moralische und Unmoralische...
Und jeder hat eine Geschichte zu erzählen - die Geschichte der letzten Jahre seines Lebens sowie die Umstände des persönlichen Ablebens. Dabei kommen Geschichten zu Tage, die traurig sind, skurril, lustig, abstoßend, Mitleid erregend. Die Geschichten beinhalten sehr viel schwarzen Humor. Doch bei aller Skurrilität, die George Saunders seinen Charakteren angedichtet hat, hat man stets den Eindruck, dass er ihnen sehr viel Sympathie und Verständnis entgegenbringt. Er stellt Fehler in den Vordergrund, welche Menschen menschlich machen.
"Bei uns allen, die wir hier sind, ist es natürlich für jede Änderung zu spät. Alles ist getan. Wir sind unstoffliche Schatten, und da sich das Urteil darauf bezieht, was wir in der vorherigen (stofflichen) Welt getan (oder nicht getan) haben, befindet sich jegliche Besserung für immer außerhalb unserer Möglichkeiten. Unser Tun dort liegt hinter uns; wir warten nur darauf, dafür zu bezahlen." (S. 246)
Fazit:
Ich habe bisher noch nichts Vergleichbares gelesen. George Saunders hat mit "Lincoln im Bardo" eine bizarre Geschichte entworfen. Gesunder Menschenverstand ist hier fehl am Platze. Stattdessen lässt man sich als Leser auf ein eigentlich gruseliges Kammerspiel ein, das die Vorlage für einen Horrorfilm liefern könnte. Belohnt wird man dafür mit einer beeindruckenden Geschichte über einen Vater und seinen Sohn, über einen Staatsmann und seinen Krieg, über Liebe, Verlust, Trauer und Mitgefühl. Eine Geschichte, die unter die Haut geht, die lustig ist, die spannend ist, die schräg ist, die nachdenklich stimmt, und die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

© Renie



Über den Autor:
... George Saunders gilt als einer der besten Shortstory-Autoren der Gegenwart und neben David Foster Wallace als einer der bedeutendsten modernen Autoren Amerikas. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York. Das Echo auf seinen ersten Roman »Lincoln im Bardo« war überwältigend: Man Booker Prize 2017, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und Spiegel-Bestseller. (Quelle: Randomhouse / Luchterhand)

Donnerstag, 6. September 2018

Bernhard Strobel: Im Vorgarten der Palme

Quelle: Pixabay/skeeze
Das saftige Rasengrün, die grell leuchtenden Lilien, Tagetes, Zinnien, über deren Blüten die Bienen und Hummeln kreisten, unentschlossen, in welchen Kelch des üppigen Büffets sie ihre Saugrüssel zuerst stecken sollten, die Bäume mit ihren behaglichen Schatten unter den dichten Kronen. Wem würden bei einem solchen Anblick unter der strahlenden Nachmittagssonne nicht die Knie weich werden?
... und Herr über dieses idyllische Vorstadtparadies ist Leidegger, dessen Kleinod in dieser botanischen Herrlichkeit seine Palme im Vorgarten ist. Sie hegt und pflegt er. In diesem Paradies führt er mit Ehefrau Martina und der gerade geborenen Tochter ein fast perfektes Leben.

Aber, wie jeder weiß, gehen Geschichten, die im Paradies spielen, selten gut aus. Bei dem einen ist es eine Schlange mit Apfel, die den Frieden stört. Bei Leidegger ist es eine SMS auf seinem Handy, die von seiner Frau Martina gelesen wird. Und schon ist das paradiesische Zusammenleben dahin. Bernhard Strobels Roman "Im Vorgarten der Palme" behandelt den dramatischen Konflikt zwischen den beiden Eheleuten, der aus einer eigentlich unverfänglichen Nachricht heraus entstanden ist. Ist dieser Konflikt tatsächlich dramatisch? Es kommt auf das Auge des Betrachters bzw. Lesers an. Ist die Nachricht tatsächlich unverfänglich? Auch hier kommt es auf das Auge des Betrachters an. Martina betrachtet diese Nachricht auf jeden Fall mit anderen Augen als ihr Mann.
Quelle: Kirchner PR/Droschl

Wer aufgrund der angedeuteten Dramatik mit einem Rosenkrieg rechnet, ist schief gewickelt. Wie gehen die Eheleute also miteinander um?

Diese Frage lässt sich nur aus der Sicht von Leidegger beantworten. Denn die tagelange Auseinandersetzung mit Martina findet selten im Gespräch der Eheleute statt, sondern hauptsächlich auf der non-verbalen Ebene. Leidegger vermutet, Leidegger spekuliert, Leidegger unterstellt, Leidegger nimmt vorweg. Hier wird das Problem, das zwischen den Eheleuten vorherrscht, selten beim Namen genannt. Der Konflikt lebt von Andeutungen, Mutmaßungen und Interpretationen, die jeder mit sich selber austrägt.
Aus Erfahrung wusste er, dass Martina dazu neigte, die Pflanzen zu überwässern. Er hatte sie mehr als einmal gebeten, die Palme zu verschonen und sie allein seiner Obhut zu überlassen. Plötzlich ertappte er sich bei einem Gedanken: Goss sie aus Langeweile oder wollte sie mit diesem Gießen etwas bewirkten? Was konnte sie damit bewirken wollen? Sollte es sich um eine Drohung handeln? Beabsichtigte sie, weil sie sich nicht in der Lage sah, Leidegger körperlich zuzusetzen, an seiner Stelle die Palme zu traktieren? Gleich einem lästigen Insekt fächelte er den Gedanken beiseite, so abwegig kam er ihm vor.

Und Leidegger entwickelt sich zu einem wahren Interpretationskünstler. Der Roman gibt seine inneren Diskussionen wieder, seine Spekulationen, seine Gefühlslage. Er seziert und analysiert das Verhalten seiner Frau. Und das macht diesen Roman aus. Denn hier werden sehr akribisch die Endlosdiskussionen, die Leidegger innerlich führt, wiedergegeben. Das hat anfangs einen gewissen Unterhaltungswert. Insbesondere wenn sich Leidegger dabei als Spießer, der keiner sein möchte, präsentiert und sich selbst in der Rolle des überlegenen Strategen im Krieg mit seiner Frau sieht, was er natürlich nicht ist.

Doch mit der Zeit musste ich feststellen, dass mich diese endlosen Selbstdiskussionen anfingen, zu langweilen. Am Ende frage ich mich, ob dieses sicherlich sehr originelle Thema eines Ehekonfliktes ausreichend Potenzial für einen Roman liefert. Die Handlung ist überschaubar. Es passiert nicht viel. Ehefrau Martina bleibt für den Leser im Hintergrund. Das Buch wird daher durch den inneren Kampf von Leidegger bestimmt. Dieser Aspekt nutzt sich nur leider mit der Zeit ab.
Herausragend ist jedoch für mich der Sprachstil des Autors Bernhard Strobel. Seine fantasievollen Satzkonstruktionen und seine fast schon poetischen Vergleiche haben mir sehr viel Freude gemacht. Der Sprachstil wirkt sehr opulent und schwelgerisch.

Wer also Freude an fantasievoller Sprache hat, ist mit diesem Roman sehr gut aufgehoben, sollte sich jedoch darauf einstellen, dass die Handlungen überschaubar sind.

© Renie




Über den Autor:

Freitag, 31. August 2018

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

Quelle: Pixabay / Pexels

Allein die Entstehungsgeschichte zu „Der Sonnenschirm des Terroristen“ könnte die Vorlage zu einem Krimi sein.
Iori Fujiwara hat diesen Roman geschrieben, weil er Geld brauchte. Na gut, wer braucht das nicht. Aber in seinem Fall nahm seine Finanzknappheit lebensbedrohliche Ausmaße an. Denn er hatte Spielschulden bei den Yakuza, der japanischen Mafia, die ja bekanntlich nicht zimperlich ist, wenn es um das Eintreiben ihrer Forderungen geht.
Also hat er aus der Not heraus ein Buch geschrieben, in der Hoffnung, dass die Tantiemen für die Begleichung seiner Schulden ausreichend sind. Seine Rechnung ging auf. Denn innerhalb kürzester Zeit hat er mal eben 2 japanische Literaturpreise abgesahnt. Einer davon war mit 10 Mio Yen (irgendwas zwischen 75 und 80 TEUR) dotiert. Ob die Yakuza mit in der Jury saßen?
Zumindest hätten sie Geschmack bewiesen. Denn dieser Krimi ist ein Besonderer. Seine Entstehungsgeschichte ist eine Besondere und seine Machart ebenso. 

Von Anfang an fühlte ich mich an die legendären Philip Marlowe Geschichten von Raymond Chandler erinnert: Typ einsamer (und alkoholisierter) Wolf klärt ein Verbrechen auf.
Ich sah auf meine Hände. Anders als sonst zitterten sie nicht. Kein Wunder: Ich hatte die ganze Nacht praktisch durchgetrunken. Mit soviel Alkohol im Blut sah ich vielleicht halbwegs wie ein anständiger Mensch aus, dachte ich, und warf einen Blick in den Spiegel. Aber nein. Alles, was ich sah, war ein vom Alter gezeichneter, ausgelaugter Alkoholiker.
Fujiwaras „einsamer Wolf“ ist jedoch kein Privatdetektiv, er hat einen anderen Hintergrund. Welcher genau das ist, klärt sich mit Fortschreiten der Handlung. Zumindest kennt der Ich-Erzähler Shimamura die Abläufe der Polizeiarbeit sehr genau. Als er Zeuge eines Bombenattentats wird, weiß er, was zu tun ist, um unerkannt vom Tatort zu verschwinden. Spätestens hier wird bewusst, dass Shimamura in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit der Polizei hatte, die ihn zwangen unterzutauchen. Shimamura war in den 60er Jahren in den Studentenunruhen aktiv. Durch seine damalige Beteiligung an einem Bombenattentat kam er auf die Fahndungsliste der Polizei. Grund genug, sich mit falschem Namen ein neues Leben in der Unauffälligkeit aufzubauen. Durch Shimamuras Erinnerungen erfährt der Leser, was damals wirklich passiert ist. 

Unter den Toten des gegenwärtigen Bombenanschlags befinden sich zwei seiner engsten Freunde aus der Studentenzeit. Zufall? Zumindest Grund genug, dass sich Shimamura in der Pflicht sieht, das Verbrechen auf eigene Faust aufzuklären. Dabei erhält er Unterstützung von der Yakuza, die ein ganz eigenes Interesse an dem Bombenattentat haben.
'Irgendwo passiert was. Zur selben Zeit passiert woanders auch was. Zufall? Nein, in den meisten Fällen stellt sich heraus, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat, ..."
Der Roman hat mich durch seine stetige unterschwellige Spannung überzeugt. Es gibt so gut wie keine Hochspannungsmomente. Und trotzdem war ich gefesselt und bin völlig in der Handlung versunken.
Ich fühlte mich ein bisschen an ein Puzzlespiel erinnert, in dem man versinkt, an dem man sich festbeißt und die Welt um sich herum vergisst.
Und wie bei einem Puzzlespiel ist man auf der Suche nach den wichtigen Teilen, die dazu beitragen, dass man am Ende ein Gesamtbild hat. Fujiwara liefert viele Hinweise, die ich anfangs nicht miteinander in Einklang bringen konnte. Doch mit der Zeit ließen sich die Hinweise richtig anordnen. Man wird unweigerlich als Leser gefordert, kombiniert, verwirft die Hinweise wieder. Am Ende hat man tatsächlich das Gefühl, selbst zur Aufklärung beigetragen zu haben. 

Leseempfehlung!

© Renie



Über den Autor:
Iori Fujiwara (1948–2007), von der Romanistik kommender Krimi-Autor. Den Sonnenschirm des Terroristen soll der Kettenraucher und passionierte Mahjongg-Spieler verfasst haben, um mit den Tantiemen und möglichen Preisgeldern Spielschulden tilgen zu können. Tatsächlich erhielt Fujiwara 1995 für den Roman den mit 10 Millionen Yen dotierten Edogawa-Ranpo-Krimipreis und ein Jahr später den Naoki-Literaturpreis. Im selben Jahr 1996 noch wurde der Roman fürs Fernsehen verfilmt. Fujiwara starb im Mai 2007 an Speiseröhrenkrebs. (Quelle: cass verlag)

Sonntag, 19. August 2018

Ayobami Adebayo: Bleib bei mir

Quelle: Pixabay/DigitalMarketingAgency
"Kein Gott ist wie eine Mutter, denn keiner ist so für ihr Kind da wie sie, wenn das Kind leidet."
Bei diesem Zitat handelt es sich um ein nigerianisches Sprichwort aus dem Roman "Bleib bei mir" von Ayobami Adebayo.
In Nigeria werden also Mütter mit Göttern verglichen. Ein eigenartiger Vergleich.

Yejide, die Protagonistin dieses Romans, gehört zu einer Generation Frau in Nigeria, die sich ein Stück weit in Richtung Emanzipation bewegt hat. Allerdings nur ein kleines Stück. Trotz eines Studiums und ihrem beruflichen Erfolg, ist ihr Leben doch den übermächtigen Traditionen unterworfen. Die Traditionen begegnen ihr in Form ihrer Schwiegermutter, deren Glückseligkeit über die Hochzeit zwischen Yejide und ihrem Sohn Akin durch die anhaltende Kinderlosigkeit der Beiden getrübt ist. Man sollte erwähnen, dass sich in ihrem Weltbild und somit auch dem des traditionellen Nigerias eine Frau über ihre Mutterschaft definiert. Je mehr Kinder sie zur Welt bringt, umso besser. Eine Frau, die auch noch Enkelkinder vorweisen kann, wird zur Naturgewalt. Daher ist Schwiegermutters Druck auf Yejide und Akin entsprechend hoch, wobei - wen wundert's - Yejide die Schuld für die Kinderlosigkeit zugesprochen wird. 
"' ... Los, sag schon, Yejide, hast du Gott je auf einer Entbindungsstation gesehen? Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann und verdienst es nicht, eine Frau genannt zu werden. ...'"
Quelle: Piper
Die Eheleute führen ein modernes Leben. Beide sind beruflich und finanziell erfolgreich. Ihre Hochzeit war eine Liebesheirat. Im Prinzip könnten sie sich auch ein Leben ohne Kinder vorstellen - wenn da nicht dieser enorme Druck der Gesellschaft wäre. 
Doch in Nigeria gibt es die Möglichkeit, derartige Probleme der Kinderlosigkeit in den Griff zu bekommen. Selbst, wenn die Reproduktionsmedizin versagt, gibt es immer noch eine Lösung: eine zweite Ehefrau. Die Schwiegermutter lässt nichts unversucht, um ihren Sohn Akin von dieser Idee zu überzeugen. Dem widerstrebt zwar der Gedanke. Doch im seinem inneren Kampf zwischen modernem Denken sowie Liebe zu Yejide und Gehorsam gegenüber seiner Mutter, siegt der Gehorsam. Yejide wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Aus Angst, ihren Mann zu verlieren, steigert sie sich in ihren Kinderwunsch hinein. Sie lässt nichts unversucht. Der Wunsch nach einer Schwangerschaft wird zur Besessenheit. Aus Verzweiflung lässt sie sich sogar auf ein fragwürdiges Ritual eines traditionellen Heilers ein, was zeigt, wie tief auch eine moderne Frau in der Tradition, in der sie aufgewachsen ist, verwurzelt ist. 
"Als ich im elften Monat schwanger war, beschloss ich, den Berg der beispiellosen Wunder noch einmal aufzusuchen."
Der Roman behandelt die Entwicklung der Ehe von Yejide und Akin, Yejides Kampf gegen Ehefrau Nr. 2 sowie die seelischen Wunden, die sie erleidet. Die Handlung nimmt Wendungen an, die mich überrascht haben, und die an Tragik nicht zu überbieten waren. Natürlich nimmt die Ehe von Yejide und Akin Schaden. Ob es für die Beiden in diesem Buch eine Zukunft gibt, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Die Handlung findet über einen Zeitraum von mehreren Jahren statt. Sie wird aus wechselnden Perspektiven erzählt: Zum Einen aus der Sicht von Yejide, zum Anderen aus der Sicht von Akin. Es wird deutlich, dass die Beiden sich lieben. Aber dennoch schaffen sie es nicht, dem Druck, der auf Yejide ausgeübt wird, gemeinsam stand zu halten. Die Verzweiflung, die Yejide an den Tag legt, war für mich permanent spürbar. Doch je verzweifelter Yejide ist, umso hilfloser wirkte Akin auf mich. Hinzu kommt, dass beide während der Leidenszeit nicht aufrichtig miteinander umgehen. Insbesondere Akin hat seine Geheimnisse, die sich erst zum Ende des Romans offenbaren.
"Ich weiß noch, wie ich beim Zusammenfalten der Zeitung dachte, dass sich die Situation spätestens in ein paar Wochen geklärt haben würde. Ich ging davon aus, das Militär wäre sich der eigenen Unpopularität bewusst und würde noch vor Jahresende in die Kasernen zurückkehren. Hätte mir an diesem Morgen jemand gesagt, dass Nigeria noch sechs Jahre lang eine Militärdiktatur bleiben würde, hätte ich gelacht."
Das Leben in Nigeria wird nicht nur von Traditionen dominiert. Auch die Politik hat einen ungeheuren Einfluss auf den Alltag der Menschen. Die Handlung spielt zu einer Zeit (1987 bis 2008), in der das Land von politischen Unruhen erschüttert wird. Umsturz folgt auf Umsturz. Ständig ändert sich das politische Machtgefüge. Politik ist ein bestimmendes Thema im Umgang miteinander. Denn die Menschen leben in großer Unsicherheit bis hin zur Angst. 
Die Autorin Ayobami Adebayo äußert in ihrem Roman viele Kritikpunkte an ihrem Land. Dennoch liebt sie ihr Land und respektiert dessen Traditionen. Denn Tradition muss nicht schlecht sein, solange man eine gesunde Balance zwischen Moderne und Althergebrachtem findet. 

Die Autorin hat mich durch ihre poetische und feinsinnige Spache verzaubert. Insbesondere ihre fantasievollen Vergleiche habe ich sehr genossen. 
Die Geschichte hat mich gefangengenommen. Es ist immer spannend, einen Einblick in fremde Kulturen zu erhalten, insbesondere, wenn er in einer Intensität vermittelt wird wie hier. Ayobami Adebayo beschreibt das Leben ihrer Protagonisten auf eine Weise, die unter die Haut geht. Auch wenn ich den Titel "Bleib bei mir" anfangs kitschig fand, musste ich am Ende feststellen, dass es keinen passenderen Titel gibt. "Bleib bei mir" - ein Ausspruch, der die Verzweiflung der Protagonisten in drei einfache Worte fasst. 

© Renie



Über die Autorin:
Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, geboren 1988 in Lagos, studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben unter anderem bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie. Ihre Geschichten erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Ihr Debütroman »Bleib bei mir« wurde von der Kritik hoch gelobt, war für den Baileys Women's Prize for Fiction nominiert und wurde in dreizehn Länder verkauft. (Quelle: Piper)

Montag, 13. August 2018

Erich Hackl: Am Seil

Quelle: Pixabay/Pexels
Es gibt da diese Bücher, die klein und unscheinbar daher kommen, sich aber als literarische Naturgewalt erweisen. "Am Seil" von Erich Hackl ist solch ein Buch. Man wundert sich, dass in gerade mal 117 Seiten soviel Inhalt und Aussagekraft steckt.
Erich Hackl ist ein Autor, der sich Geschichten erzählen lässt - wahre Geschichten. Die Geschichtenerzähler sind in ihrem Leben durch ein besonderes Ereignis geprägt worden. Erich Hackl führt Gespräche mit diesen Menschen, interviewt sie. Und am Ende schreibt er ein Buch über diese besondere Geschichte. So auch in dem vorliegenden: "Am Seil".
Der Mensch, der sich erinnert ist Lucia Heilmann, Jüdin, die ihre Kindheit während der  Nazizeit in Wien verbracht hat. Sie ist mit dem Leben davongekommen. Genau wie ihre Mutter Regina. Wenn Reinhold Duschka nicht gewesen wäre, hätten Mutter und Tochter das gleiche Schicksal erlitten wie Millionen andere Juden, die dem Naziterror zum Opfer gefallen sind.
"..., daß Regina und Lucia auf Reinholds Gegenwart und auf seine Gesundheit angewiesen waren. Stieß ihm etwas zu, waren sie verloren. Regina kannte niemanden, der sie dann bei sich aufgenommen oder anderswo untergebracht hätte, ..."
Quelle: Diogenes

Wer war Reinhold Duschka?

Niemand besonderes. Ein Jedermann, Kunsthandwerker in Wien, passionierter Bergsteiger, lose befreundet mit Regina. Ein Merkmal zeichnet ihn besonders aus: er ist selbstlos. Als Regina eines Tages auf der Flucht vor den Nazis mit ihrer kleinen Tochter Lucia bei ihm vor der Tür steht, gewährt er ihnen ohne zu zögern Schutz. Er versteckt sie über einen Zeitraum von 4 Jahren in seiner Werkstatt. Sie leben auf engem Raum. Reinhold kümmert sich fast 24 Stunden am Tag um die beiden. Ständig droht die Gefahr, von den Nazis entdeckt zu werden. Reinhold geht das Risiko ein.
"'Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast...'" (S. 101)
Die Geschichte, die Erich Hackl hier nacherzählt, basiert auf den Erinnerungen an eine Zeit, die Lucia als Kind erlebt hat. Dementsprechend spiegelt sich hier die Sichtweise eines Kindes wieder, d. h. die Ereignisse, wie Lucia sie als Kind wahrgenommen hat. Reinhold war ihr Held. Liebevoll versuchte er Lucia trotz der angespannten Situation bei Laune zu halten.
Erfahrungsgemäß gibt es Lücken in der Erinnerung eines Kindes. Diese Lücken macht Erich Hackl kenntlich. Er und Lucia stellen in ihren Gesprächen Vermutungen an, die aber auch als solche deutlich werden.
Der Schreibstil gibt den Interviewcharakter wieder, wirkt häufig sehr nüchtern. Doch Hackl gelingt das Kunststück, trotz aller Nüchternheit eine große Emotionalität beim Leser hervorzurufen. Das ist ganz großes Erzählkino.

Fazit:
Ein kleine, grandios erzählte Geschichte, mit ganz viel wichtigem Inhalt, über einen stillen unscheinbaren Helden, der mit seiner Selbstlosigkeit und Zivilcourage, damals wie heute ein Vorbild ist. Leseempfehlung!

© Renie




Über den Autor:
Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. ›Auroras Anlaß‹ und ›Abschied von Sidonie‹ sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)

Mittwoch, 8. August 2018

Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Quelle: Pixabay/Free-Photos
Das beschauliche irische Cork ist der Schauplatz von Lisa McInerneys Roman "Glorreiche Ketzereien". Mit knapp 125.000 Einwohnern ist diese Stadt die zweitgrößte der Republik Irland und ganz nebenbei Sitz des römisch-katholischen Bistums Cork and Ross. Im Bistum Cork and Ross leben rund 240.000 Einwohner, wovon etwa 220.000 der katholischen Kirche angehören. Das sind über 90 %. Kirche hat also einen hohen Stellenwert bei den Einwohnern Corks.
Der Titel "Glorreiche Ketzereien" sowie das Cover deuten darauf hin: auch in Lisa McInerneys Roman hat Religion einen hohen Stellenwert - wenn auch einen scheinheiligen.
Der Roman beginnt alles andere als christlich. Denn am Anfang steht ein Mord: Maureen Phelan, Ende 60/Anfang 70, erschlägt einen Einbrecher mit einer Devotionale. Was tun mit der Leiche? Wie praktisch, wenn frau einen Sohn hat, der das organisierte Verbrechen in Cork kontrolliert. Jim nimmt sich der Sache an, wenn auch widerwillig. Denn Mütter machen nichts als Ärger. Er beauftragt seinen Handlanger Tony Cusack mit den „Aufräumarbeiten“. Tony ist alleinerziehender Vater von 3 Kindern und Alkoholiker. Seine Erziehungsmethoden sind fragwürdig, in der Regel brutal, insbesondere seinem ältesten Sohn Ryan gegenüber. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Insofern wundert es nicht, wenn Ryan bereits mit 15 Jahren seine beachtliche Karriere als Drogendealer startet. Eine seiner Kundinnen ist Georgie, eine junge Prostituierte, deren Freund spurlos verschwunden ist. Womit wir wieder bei Maureen Phelan wären.
"Sie betrachtet den Mann, der da mit dem Gesicht auf den Fliesen lag. Unter ihm breitete sich Blut aus. Es rann in die Fugen. Da würde sie Stahlwolle brauchen. Natron. Bleiche. Wahrscheinlich noch was Stärkeres. Sie war da kein Experte. Für gewöhnlich schlich sie nicht auf leisen Sohlen durchs Haus und überraschte Eindringlinge, indem sie ihnen mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf schlug. Der hier war ihr erster."
Lisa McInerney führt uns mit ihrem Roman in Corks Kriminellenszene, die trotz aller Sünden nicht ihren Hang zur Religion verloren hat. Hier wird Bigotterie in Reinkultur betrieben, welche die Autorin auch mit großer Süffisanz beschreibt. Dabei reitet sie nicht nur auf der Schwäche ihrer Protagonisten herum. Sie lässt sich auch nicht nehmen, die katholische Kirche anzuprangern. Beispielsweise knöpft sie sich die Rolle der Kirche im Umgang mit befleckten schwangeren Mädchen in den 60er Jahren vor. Diese Kritik wird durch Maureen Phelan personifiziert, die selbst einmal in der Rolle der verzweifelten Sündigen war. 
"'... Man muss sich doch fragen, was mit diesem Land nicht stimmt, dass es immer neue tugendhafte alte Schachteln hervorbringt. ...'"
Der Sprachstil von Lisa McInerney ist herausragend: herrlich süffisant, mit einer großen Portion trockenem Humor. Freunde von John Irving werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Ihre Wortspielereien haben es in sich. Man muss manche Sätze tatsächlich mehrmals lesen, um den hintergründigen Sinn zu verstehen. Aber dann kommt man aus dem Genießen nicht mehr heraus.

Die Autorin mag ihre Charaktere. Auch wenn sie sie oft dumm dastehen lässt, an der Grenze zur Respektlosigkeit, wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihren Protagonisten deren Sünden verzeiht und dabei das Menschliche in den Vordergrund stellt. Sie reduziert sie nicht auf ihre Jobs (Dealer, Prostituierte, Kriminelle), sondern zeigt sie mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen und Gefühlen.
Mein Lieblingscharakter ist übrigens Maureen, die mich mit ihrer Scharfzüngigkeit und den Wortgefechten, die sie sich mit anderen liefert, köstlich unterhalten hat. 

Kleiner Hinweis an die Bloggerkollegen: Lisa McInerney ist eine von uns. Ihr Sprachtalent ist durch ihre Bloggerei entdeckt worden. Auf Empfehlung eines Schriftstellers hat sie sich zunächst an Kurzgeschichten herangewagt. „Glorreiche Ketzereien“ ist ihr Debütroman, für den sie 2016 u. a. für den Irish Book Award nominiert wurde. Tja, so kann’s gehen.

Und natürlich erhält das Buch von mir eine dicke fette Leseempfehlung!

© Renie



Über die Autorin:
Lisa McInerney, geboren 1981 in der irischen Provinz Connacht, machte zunächst als Bloggerin auf sich aufmerksam. Der Schriftsteller Kevin Barry ermutigte sie, neben ihrem Blog auch Kurzgeschichten zu schreiben. Ihre Erzählungen erschienen in verschiedenen Literaturzeitschriften, u.a. im Granta Magazine. Ihr Debütroman »Glorreiche Ketzereien« war 2016 für den Irish Book Award sowie den Dylan Thomas Award nominiert, ausgezeichnet wurde er mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction und dem Desmond Elliott Prize. Lisa McInerney lebt in Galway. (Quelle: Liebeskind)