Montag, 13. Januar 2020

Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee

Quelle: Pixabay/olleaugust
Der amerikanische Autor Daniel Mendelsohn ist Professor für Altphilologie. In seinem Buch "Eine Odyssee" geht es, wie der Titel schon sagt, um das klassische Heldenepos aus der Antike. 

Odysseus brauchte 10 Jahre um aus dem Trojanischen Krieg nach Hause zu kommen. Während dieser 10 Jahre erlebte er mehr oder weniger spektakuläre Abenteuer. Am Ende kehrte er mit Hilfe der Götter in seine Heimat Ithaka zurück, wo sich seine Frau Penelope in seiner Abwesenheit diverser Annäherungsversuche seiner Konkurrenten erwehren musste. Ihre Ehre konnte sie retten. Sie konnte jedoch nicht vermeiden, dass sich Odysseus' Konkurrenten an Ithakas Hof einquartiert und durchgeschnorrt haben. Als Odysseus wieder in seine Heimat zurückkehrte, machte er kurzen Prozess mit den Schnorrern.
Dies ist meine persönliche Schmalspur-Version der Odyssee, die es im Original insgesamt auf 24 Gesänge (Strophen) und 12110 Verse bringt.

Worum geht es sonst noch in Daniel Mendelsohns "Eine Odyssee"?
Der Autor gibt ein Seminar über die Odyssee. Überraschenderweise wird auch sein Vater Jay, 81 Jahre und pensionierter Mathematiker, an diesem Kurs teilnehmen.
Das Seminar geht über mehrere Wochen, ist aber der Anfang eines Jahres, das Vater und Sohn einander näher bringen wird. Leider ist es auch das letzte Jahr im Leben von Jay Mendelsohn.
Quelle: Siedler
"Eine lange Reise, die wir beide einmal unternommen haben. Im Interesse von Präzision, auf die mein Vater großen Wert legte, sollte ich sagen, dass die Reise, die wir gemeinsam unternahmen, eine Heimkehr war. Die Geschichte beginnt mit einem Sohn, der aufbricht, seinen Vater zu retten, aber die Heimreise endet, wie das bei Reisen manchmal eben passiert, mit einem noch viel größeren Drama als demjenigen, das alles in Gang gesetzt hat."
Ich gestehe, ich hatte es in meinem bisherigen Leseleben nicht so sehr mit Sachbüchern. Was hat mich also dazu gebracht, zu diesem Buch zu greifen? 
Zunächst bin ich nicht nur Sachbuch-Muffel sondern auch ein Kulturbanause, wenn es um die alten Griechen geht. Wie vermutlich viele andere, habe ich nur ein rudimentäres Wissen, was die griechischen Klassiker angeht. Mein Interesse an den Klassikern ist groß, mein Respekt vor der Lektüre von Klassikern ist noch größer. Daher fand ich den Gedanken ganz charmant, ein Buch von einem Altphilologen zu lesen, der mir die Geschichte von Odysseus ein Stück näher bringt. Hinzu kam die Aussicht auf eine Verbindung zwischen dem antiken Heldenepos und dem Leben von heute. Denn Daniel Mendelsohn stellt in seinem Buch Parallelen zwischen dem alten Griechen und dem Leben seines Vaters Jay sowie der Vater-Sohn-Beziehung (Jay/Dan) her.

Wie hat Daniel Mendelsohn die beiden Aspekte umgesetzt?

Die Odyssee
Bei Daniel Mendelsohn würde ich auch gern in der Vorlesung sitzen. Er hat eine lebhafte Art, die Odyssee zu erläutern bzw. Interpretationsansätze zu vermitteln. Er weist auf viele sprachliche Eigenheiten hin, genauso wie auf Verbindungen zu anderen klassischen Werken der griechischen Antike. Zugegeben: Das kann manchmal zu einem Informations-Overflow führen. Gerade am Anfang des Buches, versucht man möglichst viel Wissen in sich aufzusaugen. Man sollte beim Lesen jedoch die Schwäche zulassen, nur ein Teil dessen zu verarbeiten, was man tatsächlich an Informationen mitbekommt. Denn machen wir uns nichts vor. Die Odyssee existiert seit etwa 3000 Jahren. Viele Gelehrte haben sich aufgrund unterschiedlicher Interpretationsansätze an die Köpfe gekriegt. Da kann man als Leser dieses Buches doch nicht erwarten, dass man das, wofür andere Jahre lang studiert haben, innerhalb von knapp 350 Seiten verinnerlicht. Mut zur Wissens-Lücke! Denn am Ende dieses Buches hat man immer noch reichlich Input zur Odyssee bekommen, dass man die Lektüre dieses Buches als Bereicherung empfindet.
"Der beste Pädagoge ist derjenige, der einen für Dinge begeistern kann, die er schön findet, sodass das Gefühl für die Schönheit dieser Dinge ihn überdauern wird. Und weil dem ein Bewusstsein von der Endlichkeit des Lebens zugrunde liegt, sind gute Lehrer gute Vaterfiguren."
Eine andere Form der Bereicherung erhält man durch die Darstellung der

Vater-Sohn-Beziehung
Jay war zeitlebens ein verschlossener und ernsthafter Mensch, der seinen Söhnen (Dan hat noch einen Bruder) einen Mordsrespekt, wenn nicht sogar Angst eingeflößt hat. Stärke zeigen, in allen Lebenslagen. Diesen Anspruch hatte Jay nicht nur an sich, sondern natürlich auch an seine Mitmenschen. Seine Verächtlichkeit gegenüber Schwäche konnte sehr verletzend sein, wobei er seinen Söhnen gegenüber jedoch nie ausfallend geworden ist. Seine Kritik war eher eine stille und zurückhaltende, die aber gerade deswegen umso heftiger spürbar war.
Jay ist ein Bücherwurm. Es gab quasi nichts, was er sich nicht selbst aneignen konnte. Und darauf war er stolz. Nur bei einem Punkt hatte er Nachholbedarf: das Erlernen von Latein und das Lesen der griechischen Klassiker. Wie sein Sohn Dan hat Jay schon früh sein Interesse an der Altphilologie entdeckt. Aus unbekannten Gründen schlug er jedoch den Weg der Mathematik ein - an und für sich kein falscher Weg, denn auch hier hat er großes Talent. Umso mehr freut es ihn, dass Dan sich für den Studienzweig der Altphilologie entscheidet.
Nun taucht also der Vater bei seinem Sohn in der Vorlesung auf. Eine unangenehme, wenn nicht gar peinliche Situation für den Sohn. Von Woche zu Woche sitzt ihm also sein Vater wortwörtlich im Nacken - auf einem Stuhl in einer Ecke des Seminarraums verfolgt Jay die Vorlesung. Dabei hält er nicht mit Kritik hinter dem Berg. Nicht an der Unterrichtsmethodik seines Sohnes sondern an Odysseus, dem Helden selbst.
"Mein Vater machte ein Gesicht, als hätte er die Dinge bessser im Griff gehabt als Odysseus, als hätte er die zwölf Schiffe mit ihren Besatzungen heil nach Hause gebracht. Du gibst also zu, sagte er, dass er alle Männer verloren hat? 

Ja, sagte ich, fast trotzig. Ich kam mir wie ein Elfjähriger vor, und Odysseus war ein frecher Klassenkamerad, zu dem ich halten würde, auch wenn das hieß, dass ich mit ihm bestraft würde."
Jay liefert interessante Denkansätze und trägt somit zur Diskussion der Studenten über den Lernstoff bei. Dan kann einfach den Missmut über die Teilnahme seines Vaters an seinem Seminar nicht ablegen, obwohl er häufig durch dessen Beiträge überrascht wird. Im Verlauf des Seminars entdeckt Dan viele Facetten an seinem Vater, die ihm bis dato nicht bewusst waren. Und so zeichnet sich ab, dass die bisherige Vater-Sohn-Beziehung neu definiert wird.

Dazu trägt auch eine gemeinsame Kreuzfahrt bei, welche die beiden im Anschluss an das Seminar unternehmen werden. Die Grundidee für diese Reise war zunächst, die Seminarinhalte mit Leben zu füllen, indem man die Originalschauplätze der Odyssee besucht. Doch tatsächlich wird diese Reise ein weiterer Beitrag, um die Vater-Sohn-Beziehung in einem völlig anderen Licht aufleben zu lassen.

Die Parallelen, die Daniel Mendelsohn zwischen der Odyssee und einem persönlichen Teil seines Lebens herstellt, sind in diesem Buch überall zu finden. Jay ist Dans Odysseus. Jays Leben im Ganzen, aber auch das letzte Jahr, indem sich Vater und Sohn näher kommen, ist die Odyssee. Es gibt Charaktere in der Odyssee, die auf Protagonisten im Leben von Dan und Jay adaptiert werden können.
Der grobe Aufbau der Odyssee sowie stilistische Mittel finden sich in der Erzählung über die Vater-Sohn-Beziehung wieder.
Mendelsohn zieht seine Kreise in der Erzählung. Er kommt vom "Hündchen" aufs "Stöckchen". Zu manchen Gegebenheiten holt er weit aus, kramt in der Vergangenheit, findet aber immer den Weg zurück in das Seminar über die Odyssee und der Beschreibung des letzten Lebensjahres seines Vaters.
"Der Zukunft können wir uns nur zuwenden, wenn wir uns mit unserer Vergangenheit versöhnt haben."
Fazit:
Ich bin restlos begeistert von diesem Buch. Es ist lebhaft geschrieben. Durch den steten Wechsel zwischen den Erläuterungen zur Odyssee und der Vater-Sohn-Beziehung kommt es zu keinerlei Ermüdungserscheinungen innerhalb des wissenschaftlichen Teils, was ich anfangs befürchtet hatte. Tatsächlich habe ich zwischenzeitlich vergessen, dass es sich um ein Sachbuch handelt. Es gab Entwicklungen in der Geschichte um die Vater-Sohn-Beziehung, in der ich die Fantasie des Autors bewundert habe. Aber von wegen Fantasie. Dies ist eine Geschichte aus dem echten Leben und für mich der Beweis, dass das Leben die schönsten Geschichten schreibt.

Leseempfehlung!

© Renie




Donnerstag, 2. Januar 2020

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Quelle: Pixabay/Kranich17
Durch die Adern der amerikanischen Schriftstellerin Louise Erdrich fließt Indianerblut. Ihr Großvater mütterlicherseits war Häuptling der Chippewas in North Dakota. Ihr indianisches Erbe findet sich in ihren Werken wieder. Für eines dieser Werke - " The Round House" - wurde sie 2012 mit dem National Book Award ausgezeichnet.

Das große Thema in Erdrichs Romanen ist also das Leben der Indianer. Dabei siedelt sie ihre Romane in der Zeit nach 1912 bis zur Gegenwart an. Mit Wildwest-Romantik, Cowboy und Indianer-Kämpfpen haben ihre Romane daher herzlich wenig zu tun. 

In ihrem aktuellen Roman "Die Wunder von Little No Horse" geht es um den Stamm der Ojibwe, der in dem Reservat "Little No Horse" angesiedelt wurde. Protagonist dieses Romans ist Agnes alias Father Damien Modeste.
Agnes, die für kurze Zeit in einem Kloster lebte, jedoch ihren Glauben an Gott nicht mit den ihr auferlegten Regeln einer Nonne in Einklang bringen konnte, sucht ihr Heil außerhalb der Klostermauern. Der Zufall will, dass sie in die Identität eines gerade verstorbenen Priesters schlüfen kann, der sich gerade auf dem Weg nach Little No Horse befand, um den dort lebenden Indianern geistlichen Beistand zu leisten und christliche Ordnung in das heidnische Leben dieser Menschen zu bringen.
Agnes wird also unbemerkt zu Father Damien, lebt sich in Little No Horse ein und wird ein wichtiger Bestandteil der indianischen Gemeinschaft. Er ist neugierig und aufgeschlossen gegenüber der fremden Kultur. Das Leben der Indianer ist eine Gratwanderung, gilt es doch einerseits, die indianische Kultur zu bewahren und andererseits, sich dem, von den Weißen für sie vorgesehenen Leben anzupassen.
Quelle: Aufbau
"Es ist schwer, jemanden zu hassen, der einen liebt. Egal, was sie einem antun, man erwidert es mit einem Geflecht dieser beiden Gefühle. Nicht dem einen, nicht dem anderen. Aber schmerzvoll ist es."
Der Roman wird in zwei Zeitebenen erzählt. Er beginnt 1996. Damien ist mittlerweile ein gebrechlicher alter Priester, der sein Leben gelebt hat. Er erhält Besuch von Father Jude, der die Aufgabe hat, die Heiligsprechung einer ehemaligen Nonne aus Little No Horse vorzubereiten. Dafür befragt Jude Menschen, die diese Schwester zeitlebens gekannt haben. So auch Father Damien. Im Rahmen dieser Befragungen erinnert sich Damien an sein Leben in Little No Horse. Es gibt also einen stetigen Wechsel zwischen der Gegenwart und den Episoden aus Father Damiens Leben. Dabei lernen wir Menschen kennen, die Damien begleitet haben und ihm ans Herz gewachsen sind. Leider ist es mir nicht gelungen, den Charakteren nahe zu kommen. Durch die episodenhafte Schilderung hat man kaum Gelegenheit, sich mit den einzelnen Personen vertraut zu machen. Da ist der Figurenstammbaum zu Beginn des Buchs eine große Hilfe, die ich bis zum Ende des Romans ständig in Anspruch nehmen musste.

Die Charaktere in diesem Roman sind von Louise Erdrich sehr liebevoll angelegt. Man spürt die Verbundenheit der Autorin mit den Indianern. Daher scheint es verwunderlich, dass Louise Erdrich bei vielen Charakteren, die Grenze zur Skurrilität überschreitet und man manchmal den Eindruck hat, dass sie diese Figuren der Lächerlichkeit Preis gibt. Hier hätte ich von der Autorin einen respektvolleren Umgang mit ihren Charakteren erwartet.

In gewisser Weise versteht Louise Erdrich, den Leser zu faszinieren. Dabei ist das "Wie", also die Art und Weise, wie sie die Geschichte erzählt entscheidend. Denn ihr Sprachstil ist malerisch bildhaft. Sie schafft Bilder im Kopf, die verzaubern können. Gleichzeitig legt sie einen Humor zutage, der mir viele kleine besondere Momente in diesem Roman beschert hat, die an Situationskomik nicht zu überbieten waren. Probleme hatte ich da eher mit dem "Was", also den Inhalten. Denn in diesem Roman findet sich eine gehörige Portion indianischer Mystik wieder, auf die man sich als Leser einlassen muss. Da kann einem der gesunde Menschenverstand bei der Lektüre im Weg stehen. So auch mir. Diesen magischen Realismus, der für Louise Erdrichs Romane bezeichnend ist, muss man also mögen.
"Die Stimmen mischten sich mit ihren Sinnen, drangen ihr in den Kopf. Sie bemühte sich, ruhig zu atmen, nicht in Panik zu geraten, doch da wurde sie schon von einer gewaltigen Schwäche verschlungen und hörte oder wusste, auch das war nicht sicher - gab es jenseits der Erfahrungen, die sie bisher hatte machen dürfen, Geister? ... Sie bekreuzigte sich und öffente die Tür der einsamen Hütte, aus der ihr der Gestank von Gespenstern entgegenschlug."
Bleibt zum Schluss noch die Frage, was es mit der Wandlung von Agnes zu Damien auf sich hat. Merkwürdigerweise war dies in diesem Roman über lange Zeit kein relevantes Thema. Agnes wird zu Damien und keinen stört es, am wenigsten Agnes? Hier habe ich gehofft, dass der Agnes/Damiens Konflikt deutlicher herausgearbeitet wird. Doch über lange Strecken ist diese Wandlung als gegeben hingenommen worden und spielte keine Rolle. Erst zum Ende wird dieser Handlungsfaden noch einmal aufgegriffen, und wir lernen das Seelenleben der Agnes ein bisschen besser kennen. Magischer Realismus hin oder her. Dieser Aspekt hat mich dann doch ein wenig milder in meinem Urteil über dieses Buch gestimmt. 

© Renie


Sonntag, 22. Dezember 2019

Helga Flatland: Eine moderne Familie

Quelle: Pixabay/eommina
Norwegen war in diesem Jahr das Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Wie zu erwarten ist der Buchmarkt daher mit vielen Veröffentlichungen norwegischer Autoren geflutet worden. Viele haben gejubelt. Ich nicht. Denn ich werde mit der norwegischen Literatur einfach nicht warm. Und ich versuche es seit Jahren. So auch in diesem mal wieder. Nach mehreren Enttäuschungen bzw. mittelmäßigen Leseerlebnissen, bin ich nun endlich auf den einen Roman gestoßen, der mich mit allem versöhnt, was ich bisher aus Norwegen gelesen habe. Mein persönlicher Gral unter den modernen norwegischen Romanen ist für mich "Eine moderne Familie" von Helga Flatland.

Dieser Roman ist weder reißerisch noch spektakulär, weder spannend, noch beschäftigt er sich mit abstrusen Problemen der Protagonisten, die fernab jeglicher Realität sind (die Probleme, nicht die Protagonisten).
Nein, er ist wohltuend unspektakulär. Ein Roman, der aus dem Leben gegriffen ist. Denn hier geht es um - wie der Buchtitel schon sagt - eine modernen Familie.

Wobei ... einen spektakulären Aspekt gibt es: gleich am Anfang eröffnen die, seit über 40 Jahren verheirateten Eltern ihren erwachsenen Kindern bei einem gemeinsamen Urlaub anlässlich des 70. Geburtstags des Vaters, dass sie sich trennen werden.
"'Es ist eine wohlüberlegte Entscheidung. Wir haben beide ein Gefühl von Leere, daß wir aus einander und aus dieser Ehe alles herausgeholt haben, was möglich war. ... Wir sehen im anderen keine Zukunft mehr.'"

Quelle: Weidle
Der Roman beginnt also mit einem Paukenschlag. Nun sollte man meinen, dass mit dem, was folgt, genüsslich auf die Ehe der beiden Eltern eingegangen wird bzw. auf die Entwicklung der Beziehung des Ehepaares. Schließlich will man doch wissen, was die Beiden dazu getrieben hat, ihre 40-jährige Ehe ad acta zu legen. Jeder andere Familienroman hätte sich mit der Beantwortung dieser Frage befasst. Amerikanische Autoren sind z. B. ganz groß in der Abhandlung dieser Thematik. Aber die Norwegerin Helga Flatland konzentriert sich in dem, was nach dem Paukenschlag kommt, auf die anderen Familienmitglieder: Zwei Töchter, Liv und Ellen sowie Håkon, der Sohn. Hier geht es also um die "Scheidungskinder" - auch wenn diese schon erwachsen sind und eigene Familie bzw. Partner haben.
Diese drei Charaktere gehen unterschiedlich mit der Ankündigung ihrer Eltern um.
Liv, die Älteste, selbst Mutter von 2 Kindern, glücklich verheiratet, kommt am wenigsten damit zurecht. Sie empfindet die Trennung ihrer Eltern als persönlichen Angriff auf ihr eigenes Lebensmodell, welches sie dem ihrer Eltern nachempfunden hat: Die Familie steht im Mittelpunkt des Lebens und gibt gleichzeitig den Rahmen vor, innerhalb dessen man sein Leben gestaltet.
"'Wir hören nicht auf, ohne es zu Ende zu bringen, wie viele Male habt ihr nicht Varianten dieses Ausspruchs von sowohl Mama als auch Papa gehört? Aber selbst geben sie einfach auf, auf der Zielgeraden - schmeißen alles über Bord, wofür sie gestanden haben, was sie gepredigt und hervorgebracht haben. Doch, das ist falsch, und es ist ein Verrat an uns, die wir sie ernst genommen haben, die zugehört und tatsächlich versucht haben, nach den Werten, die sie uns ständig einbleuten, zu leben.'"
Ellen hingegen reagiert mit Unverständnis und Zorn. Doch eigentlich ist sie zornig auf sich selbst, da sie als Frau versagt (ihre Gedanken). Denn Ellen versucht mit ihrem Lebensgefährten Nachwuchs zu bekommen. Scheinbar strebt sie ebenfalls das Lebensmodell ihrer Eltern an. Sie scheint aus ihrer Erziehung mitgenommen zu haben, dass zum Leben Kinder dazugehören bzw. Kinder erst eine Beziehung komplett machen. Dass ihre Beziehung zu ihrem Partner kinderlos bleibt, empfindet sie als persönliches Versagen. Dieser Gedanke zerrüttet sie. Obwohl Ellen eine moderne und selbstbewusste Frau ist, nimmt sie es als selbstverständlich, dass frau sich hautsächlich über die Mutterrolle definiert.
Dann haben wir noch den "Kleinen", Håkon, der eine monogame Partnerschaft ablehnt und sich dem traditionellen Familienbild gegenüber verweigert. Er will sich nicht binden, denn eine Bindung versteht er als Fremdbestimmung, die seinen Freigeist einschränkt. Er ist quasi der Hippie-Typ, der freie Liebe und Selbstverwirklichung predigt.

Der Roman behandelt die Jahre nach der unglaublichen Veröffentlichung der Eltern und konzentriert sich dabei auf die Kinder, die sich langsam mit der Trennung ihrer Eltern arrangieren. 
Die Erzählperspektiven wechseln innerhalb der drei Kinder. Dadurch gewinnen wir einen Eindruck, wie unterschiedlich man "Familie" betrachten kann.
Die drei Charaktere versuchen, ihren eigenen Begriff von Familie zu leben: Liv, die als Muttertier nach Perfektion strebt; Ellen, die unbedingt Muttertier sein möchte; Håkon, der sich selbst als Familie genug ist. Ob alles so läuft, wie sie es sich vorstellen? Wohl kaum.

Was mich an dem Buch gefesselt hat, waren die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen man eine Familie betrachten kann. Hier wird das Thema "Familie" von allen Seiten beleuchtet. Soziologisch gesehen ist Familie nicht mehr als eine Lebensgemeinschaft, die auf verwandschaftlichen Verhältnissen beruht. Doch die Realität ist komplexer. Und die drei Trennungskinder dieser Familie zeigen, wie kompliziert "Familie" sein kann, und wie unterschiedlich "Familie" wahrgenommen wird.  

Helga Flatland spricht mir, einem Familienmenschen, damit aus der Seele und macht diesen Roman zu einem sehr persönlichen Roman. Ich bin begeistert!

© Renie


Sonntag, 8. Dezember 2019

Shobha Rao: Mädchen brennen heller

Quelle: Pixabay/dileepp89
Wer sich mit meinen Rezensionen beschäftigt, weiß, dass ich Bücher liebe, die mich in eine fremde Kultur entführen. Eine dieser Kulturen, die für mich jedoch bis jetzt völlig rätselhaft ist und vermutlich auch bleiben wird, ist die indische Kultur. Das liegt mit Sicherheit nicht an der Qualität der Bücher, die ich über Indien gelesen habe. Ganz im Gegenteil: ich habe schon viele indische Leseschätze entdeckt. Aber das Leben und der Alltag in Indien, der mir hier präsentiert wird, zeigt selten Gemeinsamkeiten mit dem europäischen Leben, also dem Leben wie ich es lebe. Ich schwanke häufig zwischen Faszination über Exotik und gleichzeitig Irritation über Schilderungen, die ich als indische Realität wahrnehme. Einer dieser Romane ist "Mädchen brennen heller" der indischen Autorin Shobha Rao. Man verstehe mich nicht falsch. Dieser Roman ist grandios geschrieben. Ich habe ihn verschlungen. Doch er verdeutlicht mir einmal mehr, dass ich wohl behütet inmitten einer Wohlstandskultur aufgewachsen bin, was man von den Protagonistinnen dieses Romans nicht behaupten kann.
In diesem Debütroman der jungen Autorin, die im Alter von 7 Jahren mit ihren Eltern von Indien nach Amerika ausgewandert ist, geht es um die Geschichte zweier Mädchen, deren Freundschaft den Rahmen für die eigentliche Handlung bildet.
Quelle: Elster und Salis
"Was für Idiotinnen wir doch alle sind. Wir Mädchen. Angst vor den verkehrten Sachen, zur verkehrten Zeit. Angst vor einem verbrannten Gesicht, wenn doch draußen, dort draußen, Feuer auf dich warten, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Männer, die ein Zündholz an deine benzingetränkten Kleider halten. Flammen, Flammen rings um dich, die deine eben erst entstandenen Brüste auffressen, deinen eben erst blutenden Körper. Und Flammenmeere, weit wie die Welt. Die darauf warten, dich zu vernichten, dich zu Asche zu machen - und selbst der Wind, sogar der Wind, meine Kleine, schaut dir beim Brennen zu, will es, weht über dich hinweg und durch dich hindurch. Verstreut dich, weil du ein Mädchen bist und weil du Asche bist." 
"Mädchen brennen heller" ist ein moderner Roman. Er spielt in unserer Zeit. Kaum zu glauben. Denn eigentlich hätte diese Geschichte auch vor eingen Hundert Jahren passieren können.

Eines der Mädchen in diesem Roman ist Purnima, genannt Puri. Sie lebt als Älteste von 5 Geschwistern mit ihrer Familie in einem kleinen indischen Dorf. Die Familie ist arm, der Vater bestreitet den Unterhalt der Familie als Weber. Die Mutter ist vor einiger Zeit verstorben. Daher nimmt Puri die Funktion der Köchin, Putzfrau und Erzieherin der Kleinen im Haushalt ihres Vaters ein. Puri ist mit ihren 16 Jahren schon längst im heiratsfähigen Alter. Daher bietet ein Heiratsvermittler sie auf dem freien Heiratsmarkt zum Verkauf an. Nur dass derjenige, der sie nimmt, nicht für sie bezahlen muss. Nein, der potenzielle Ehemann kriegt nicht nur ein, hoffentlich in jeder Hinsicht williges Frauchen, das für sein Wohlbefinden und das seiner Familie sorgt. Er bekommt auch noch Geld dafür, dass er dem Vater der Braut, die Tochter abnimmt. Denn Frauen sind in diesen Gesellschaftsschichten Indiens eine Belastung. Sie sind wertlos, ein nutzloser Esser zuviel. Ein Vater ist froh, wenn er seine Tochter los ist, was er sich daher etwas kosten lassen muss. Als Ehemann wird mann dafür entschädigt, dass mann dem Schwiegervater die Belastung abnimmt. Und als Frau kommt frau vom Regen in die Traufe. War sie in Vaters Haushalt als Putzfrau und Köchin für Vaters Wohlbefinden zuständig - Misshandlungen inklusive - ist sie jetzt für das Wohlbefinden des Ehemanns und dessen Familie zuständig - ebenfalls Misshandlungen inklusive. Wenn der Vater dann noch seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinem Schwiegersohn nicht nachkommt, läuft es richtig mies für die Frau.
So geschehen bei Puri.
"Da lachte ihr Vater kurz auf. 'So ist das doch mit Mädchen, oder?', sagte er. 'Wann immer sie am Rand von irgendwas stehen, kannst du einfach nicht anders. Du denkst: Ein Stoß. Mehr bräuchte es nicht. Nur ein kleiner Stoß.'"
Doch für Puri lief nicht immer alles schlecht. In der Zeit vor ihrer Eheschließung lernt sie Savita kennen, die kurzzeitig für Puris Vater am Webstuhl arbeitet. Puri und Savita sind ungefähr im gleichen Alter. In kürzester Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Mädchen eine zarte Freundschaft. Sie träumen gemeinsam von einem besseren Leben. Denn auch Savita kommt aus einer armen Familie, noch ärmer als die von Puri. Savita ist ganz anders als Puri. Sie ist selbstbewusster, wirkt unabhängiger, ist ein fröhlicher Mensch. Ein Stück weit gelingt es ihr, Puri mit ihrer Lebensfreude anzustecken. Doch der gemeinsame Weg der beiden Mädchen trennt sich nach kurzer Zeit. Sie verlieren sich aus den Augen. Beide werden vom Schicksal gebeutelt. An der Dominanz der Männer in ihrem Leben wird sich nichts ändern. Und wenn man als Leser glaubt, dass die beiden Mädchen bisher in ihrem Leben genug mitgemacht haben, wird man eines Besseren belehrt. Denn schlimmer geht in Indien scheinbar immer.
Die beiden Mädchen schildern ihren Weg unabhängig voneinander. Die Autorin Shobha  Rao widmet große Abschnitte dieses Romans dem jeweiligen Mädchen, in dem es sie erzählen lässt, was das Leben und insbesondere die Männer mit ihr machen. Der Alltag der Mädchen ist von Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung geprägt. In dieser patriarchalischen Gesellschaft ist ihr Leben keinen Pfifferling wert, und das bekommen sie in jeglicher Form zu spüren. Trotz aller Verzweiflung und Mutlosigkeit gibt es jedoch immer wieder den kleinen Funken Hoffnung, der durch die Erinnerung an die Momente der Freundschaft der beiden Mädchen aufblitzt. Man sollte meinen, dass diese Hoffnungsfunken die Mädchen am Leben halten, auch wenn sie keinerlei Kontakt mehr zueinander haben und auch nicht wissen, was aus der anderen geworden ist.
Puri ist diejenige, die die Kraft aufbringt, sich auf die Suche nach ihrer Freundin zu begeben. Eine Aufgabe, die unlösbar erscheint.

Die Hoffnungsschimmer, in Form der Freundschaft der beiden Mädchen machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Denn in dieser Geschichte wird dem Leser stellenweise harter Tobak geboten. Es werden Grausamkeiten geschildert, die fernab jeglicher Vorstellungskraft liegen. Und so, wie die beiden Mädchen diese Situationen, dank der Erinnerung an ihre Freundschaft, überstehen, nimmt man als Leser diese kleinen Momente der Hoffnung dankbar an. Denn sie werden mit einer Poesie geschildert, die sich wie Balsam auf die Leserseele legt.

Der Sprachstil von Shobha Rao ist über weite Strecken sehr gefällig und flüssig. Nichts, was den Leser großartig fordert. Wozu auch? Der Inhalt ist fordernd genug. Aber dennoch gibt es diese kleinen Momente im Text, die magisch sind. Hier ist ein Beispiel:
"Die Frau lächelte zurück. Und da - als die Frau lächelte, ihr winzigen Zähne zeigte, gar nicht groß, aber blendend, Perlen, die strahlendsten Perlen, als wären die Austern, denen sie entstammten, verliebt gewesen ..."
Bei aller Begeisterung für diesen Roman, gibt es doch den einen kleinen Wermuthstropfen: Man weiß leider von Anfang an, wie sich die Geschichte um die beiden Mädchen entwickeln und auf welches Ende dieser Roman hinauslaufen wird. Ich schreibe dies der Unerfahrenheit von Shobha Rao als Romanautorin zu. Der Verlauf der Handlung spricht dafür, dass das Grobgerüst der Geschichte bereits im Vorfeld stand und die Autorin dieses Gerüst anschießend mit Inhalt gefüllt hat. Das ist an sich nicht ungewöhnlich. Nur als Leser will ich überrascht werden, zumindest sollte die handwerkliche Tätigkeit des Schreibens nicht zu offensichtlich sein. Das ist hier leider der Fall.
Aber Schwamm drüber! Da dieser unglaubliche Roman mich gefesselt und beschäftigt hat, und ich jede Zeile verschlungen habe, bekommt er dennoch von mir eine Höchstwertung.

Leseempfehlung!

© Renie




Sonntag, 24. November 2019

André de Richaud: Der Schmerz

Quelle: Pixabay/Fruehlingswiese
Bei der Suche nach Hintergrundinformationen zu dem Buch "Der Schmerz" des Franzosen André de Richaud  bin ich über eine gewagte Aussage gestolpert: Scheinbar war dieses Werk der Grund dafür, dass  Albert Camus Schriftsteller wurde. Man mag es glauben oder nicht. Aber meine Neugier auf diesen besonderen Roman war geweckt.
Die Zeitgenossen Camus und de Richaud waren etwa gleich alt. Beide kamen aus der Provence. Und beide waren Schriftsteller. Wurde Camus zu Lebzeiten als Schriftsteller gefeiert - 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur -, musste de Richaud zeitlebens mit der Missachtung seines schriftstellerischen Könnens zurechtkommen. Erst heute, etwa 50 Jahre nach seinem Tod, findet de Richauds Werk nach und nach Beachtung. Besser spät als nie. Denn wer "Der Schmerz" gelesen hat, wundert sich nicht, warum Camus hier seine Inspiration gefunden hat.

De Richauds Roman führt uns in ein französisches Dorf in der Provence, zur Zeit des 1. Weltkrieges. Die Männer mussten in den Krieg ziehen. Der Alltag zuhause wurde von Frauen, Kindern und Alten bestimmt. In diesem Dorf lebt die Kriegswitwe Thérèse Delombre zusammen mit ihrem kleinen Sohn Georget. Sie hat eine Sonderstellung in dem Dorf, war sie doch mit dem Dorfadeligen verheiratet. Als Frau einfacher Verhältnisse hat sie mit ihm eine gute Partie gemacht. Nun ist er tot. Der Krieg war für ihn schnell vorbei, sein Leben somit leider auch.
Quelle: Dörlemann
"Selbst in den Furchen der vernachlässigten Felder schienen sich mehr Steine anzusammeln. Waren auch sie aus Angst vor dem Kanonenfeuer in dieses milde, sonnige Land gekommen? Wer weiß. Jedenfalls bemächtigten sich hier nach und nach Pflanzen, Vögel und Steine des männerverlassenen Dorfes, während sich an der Front alle der neuesten Mittel bedienten, die der menschliche Erfindergeist hervorgebracht hatte."
Die verwitwete Thérèse widmet nun all ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung ihrem kleinen Sohn. Als Witwe eines Adeligen genießt sie den Respekt der Dorfbewohner - noch, muss man leider sagen.
Thérèse fühlt sich einsam. Sie ist eine Frau, die mitten im Leben steht,  und ihr fehlen Liebe und Romantik. So überschüttet sie Georget mit Zärtlichkeiten, die sie an anderer Stelle nicht loswerden kann. Bis zu dem Moment, wo sie sich auf einen deutschen Kriegsgefangenen einlässt. Die beiden haben eine Liebesaffäre. Die Verbindung ähnelt einer Zweckgemeinschaft. Das Körperliche steht im Vordergrund, Gefühle werden vorgegaukelt. Zumindest Thérèse glaubt eine Zeitlang an die Aufrichtigkeit dieser Gefühle.
Georget ist auf einmal das dritte Rad am Wagen. Er vermisst seine Monopolstellung im Gefühlsleben seiner Mutter, was ihm allerdings nicht wirklich bewusst ist.

Und eines Tages passiert das, was passieren muss: Das Geheimnis um die Liebesaffäre zwischen Thérèse und dem Deutschen wird aufgedeckt. Vergessen ist der Sonderstatus, den Thérèse als angeheiratete Adelige im Dorf hat. Denn sie hat sich mit dem Feind eingelassen. Eine Todsünde. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
"Er kannte kein anderes Gesicht als das seiner Mutter, das oft vor Tränen glänzte, er liebte die Einsamkeit und stille Spiele. An der Gesellschaft gleichaltriger Jungen fand er keinen Gefallen, vergnügte sich stundenlang mit Bändern und Spitze und fuhr sich genüsslich mit der Zunge über die Lippen, wenn seine kleinen, stets sauberen Hände über Samt und Seide glitten. Gewiss hätte der Hauptmann, wenn er ihn so gesehen hätte mit gesenktem Blick, die Augen bereits dunkel vor Besorgnis, gegen die Mütter gewettert, die ihre Söhne zu mädchenhafter Schüchternheit erziehen. Aber der Hauptmann war im Krieg gefallen, und seine Frau machte in diesem Moment zu ihrer eigenen Freude und ihrer eigenen Qual, den Buben, den er ihr geschenkt hatte, zum Ebenbild ihres eigenen ruhelosen und verstörten Wesens."
Die Besonderheit an diesem Roman ist das Zusammenspiel zwischen den beiden Protagonisten Thérèse und Söhnchen Georget.
Thérèse ist eine Mutter, die ihrer Mutterrolle entweder zu sehr oder gar nicht gerecht wird. Anfangs überhäuft sie Georget mit ihrer Liebe. Sie trifft bewusst die Entscheidung, die Liebe, die sie einem Mann nicht geben kann, auf Georget zu übertragen. Das ist pervers. Sie verzärtelt ihren Sohn, sie bindet ihn an sich, sie vereinnahmt ihn komplett. Sie wird sogar eifersüchtig, wenn sie seine Zuneigung plötzlich mit anderen Menschen teilen muss. Natürlich kann Georget ihr nicht das geben, was ihr ein erwachsener Mann geben kann. Und als der deutsche Kriegsgefangene auftaucht, ist Georget abgeschrieben. Thérèses Muttersein reduziert sich plötzlich auf ein notwendiges Mindestmaß. Sie ist auf einmal nicht mehr Georgets Vertraute. Und auch er muss lernen, Zuneigung zu teilen. Aber als Sohn seiner Mutter kommt er mit dieser Situation nicht zurecht. Als Kind versteht er auch noch nicht genau, was gerade passiert. Er ahnt jedoch, dass das Verhalten seiner Mutter nicht angemessen ist und gegen den dörflichen Kodex von Sitte und Moral verstößt.
"Thérèse Delombre ahnte, dass er ihr bei der ersten Verfehlung ein erbarmungsloser und grausamer Richter sein würde und spürte zugleich, dass sie am Rande eines Abgrunds stand."
Die Dorfgemeinschaft ist die Hüterin von Sitte und Anstand. Bemerkenswert ist die feindselige Stimmung, die in diesem Dorf vorherrscht. Fast scheint es, dass die Dorfbewohner darauf lauern, dass ein Skandal eintritt, der sie berechtigt, sich als moralische Instanzen hervorzutun. Als alleinstehende Frau hat Thérèse keine Chance. Da ist jeder Fehltritt ein gefundenes Fressen. Und wenn dann noch Neid ins Spiel kommt, ob der gesellschaftlichen Stellung von Thérèse ist die Schadenfreude nicht weit, natürlich unter dem Deckmantel der Moral.

De Richaud lässt kein gutes Haar an seinen Charakteren. Die Menschen im Dorf sind scheinheilig. Thérèse strotzt nur so vor Egoismus und Einfältigkeit. Sie versagt völlig in ihrer Verantwortung ihrem Kind gegenüber. Georget entwickelt einen ähnlichen Egoismus wie seine Mutter. Einzig ihm kann man noch ein wenig Mitleid entgegenbringen, ist er doch das Opfer seiner Erziehung.

Bleibt noch der unglaubliche Sprachstil von De Richaud zu erwähnen, dessen Poetik, insbesondere, was die Beschreibung der Natur, Umgebung und Stimmungen angeht, verzaubert. Er lässt Bilder im Kopf entstehen, die die menschlichen Abgründe, die man beim Lesen entdeckt, dann doch nicht gar so tief erscheinen lassen. Faszinierend!

Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 17. November 2019

Roberta Bergmann & Selma Lagerlöf: Herrn Arnes Schatz

Märchenhaft, schaurig, schön … das sind die drei Attribute, die ich der erstmalig 1904 erschienenen Erzählung „Herrn Arnes Schatz“, geschrieben von Selma Lagerlöf, bescheinige. Die schwedische  Autorin war die erste Frau,  die den Literaturnobelpreis erhielt (1909). Bekannt ist sie hierzulande vermutlich eher durch ihr Buch „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“.
War die Geschichte um den putzigen Nils Holgersson für Kinder gedacht, sollten diese von "Herrn Arnes Schatz" jedoch die Finger lassen. Zu gruselig und schaurig.
Hier geht es um einen Raubüberfall mit viel Meuchelei, in dem die Gemeuchelten den Lebenden erscheinen – quasi als Unterstützung bei der Verbrechensaufklärung. Das Ganze eingebunden in das Schweden des 16. Jahrhunderts, vermutlich zur Zeit des 30-jährigen Kriegs, und schon haben wir eine spannende, gruselige und düstere Geschichte, die mich sehr an den Stil von Edgar Allan Poe, dem Großmeister der Gruselgeschichte, erinnert hat. Herrlich!
aus "Herrn Arnes Schatz"
von Roberta Bergmann (Ill.), Selma Lagerlöf
"Warum muss ich immerzu an die Dinge denken, die ich nicht erinnern will, dachte Sir Archie bei sich. Es ist, als würde jemand hinter mir herschleichen und sie mir einflüstern. Mir ist, als würde ein Netz um mich gesponnen, das alle meine Gedanken einfängt und mir nur diesen einen lässt, dacht Sir Archie. Ich sehe nicht, wer das Netz auswirft, aber ich höre seine schleichenden Schritte hinter mir."
Dieses Buch ist zudem eine Augenweide. Denn die Illustrationen von Roberta Bergmann lassen keine Fantasien offen. Sie bieten eine perfekte Untermalung der gruseligen Stimmungen, die in dem Text vermittelt werden. Ich weiß nicht, was ich mehr genossen habe. Den Text oder die Betrachtung der Illustrationen? Auf jeden Fall macht die Gestaltung von Roberta Bergmann dieses Buch zu einem gruseligen Großen und Ganzen, das keine Wünsche bei dem Grusel-affinen Leser offen lässt.
Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 10. November 2019

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Quelle: Pixabay
"Darum geht es, um Sarah die Unbekannte, Sarah das ehrliche Mädchen. Sarah die zurückhaltende Dame, Sarah die Fantasiefrau, Sarah die bizarre Frau, Sarah die einsame Frau."

Eben nicht. In dem Roman "Es ist Sarah" der französischen Autorin Pauline Delabroy-Allard geht es nicht nur um Sarah, sondern um eine zerstörerische Liebe zwischen 2 Frauen, wovon eine ebendiese Sarah ist. 
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eine der beiden Frauen: alleinerziehende Mutter, Lehrerin, die eines Tages im Kreis von Freunden Sarah kennenlernt. Die Violistin Sarah kommt wie ein Wirbelwind in das Leben der jungen und zurückhaltenden Frau. Aus freundschaftlicher Zuneigung wird Liebe. Die beiden leben ihre Liebe, fernab jeglicher Konventionen. Denn sie haben genug mit sich allein zu tun. Da ist es schwierig, den Alltag in ihre Beziehung zu lassen. Dennoch lässt sich der Alltag nicht ignorieren. Insbesondere die Ich-Erzählerin spürt die Schwierigkeiten, Liebe, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen.
Sarah lebt und liebt mit einer Leidenschaft, die die beiden Frauen emotional an ihre Grenzen bringt. Nach etwa einem Jahr nimmt ihre Liebe zerstörerische Ausmaße an, die kaum noch zu ertragen sind.
Quelle: FVA
"Manchmal wird sie verrückt. Verrückt vor Wut, dann verrückt vor Kummer. Sie beginnt zu schreien, sie wirft sich auf mich, zerkratzt mir das Gesicht mit einem monströsen Ausdruck auf ihrem. Sie ist schlimmer als die Hexe aus dem Märchen. Sie wirft mir alles Mögliche vor, ihr die Zeit zu stehlen, ihre Jugend zu stehlen, ihr die Vorstellung zu stehlen, die sie von klein auf davon hatte, wie sie ihr Leben führen sollte. Sie sagt es nicht, aber ich höre es, es klingt in meinen Ohren, Diebin, Diebin, Diebin."
Dieser Roman wird in zwei Teilen erzählt. Der erste Teil behandelt die leidenschaftliche und zerstörerische Beziehung der beiden Frauen. Im zweiten Teil geht es um die Konsequenzen auf das Seelenleben der Ich-Erzählerin, die völlig aus der Bahn geworfen wird, mit allem bricht, was ihr im Leben wichtig war und an dem emotionalen Schmerz, der durch die Beziehung zu Sarah verursacht wurde, zugrunde geht.

Die Beziehung der beiden Frauen wird von Lust, Leidenschaft, Zerstörung und Schmerz bestimmt. Dies sind auch die Begriffe, die die Geschichte und den Sprachstil der Autorin dominieren. Der Text strahlt ebendiese Begriffe aus, angefangen von der ersten bis hin zur letzten Zeile. Die Handlung reißt den Leser mit, wobei sich die Emotionalität unweigerlich auf den Leser überträgt. 
Manch einem Leser mag dies zuviel Gefühl und Leidenschaft sein. Hinzu kommt die detailgetreue Beschreibung der erotischen Begegnungen der beiden Frauen. Doch für mich ergibt dies ein stimmiges Bild: Denn erzählt wird die Geschichte einer leidenschaftliche Liebe in all ihren Facetten, beschrieben in einer hochemotionalen Sprache.

Leseempfehlung!

© Renie