Freitag, 11. Januar 2019

Silke Knäpper: Das Lieben der Anderen

Quelle: Pixabay/jarmoluk
Dieser eine Buchstabe, der den Unterschied macht, kann kein Zufall sein. "Das Leben der Anderen" - wer denkt nicht an den deutschen Spielfilm aus 2006, wenn er den Titel des Romans von Silke Knäpper liest: "Das Lieben der Anderen"
Wie im Film geht es in diesem Roman um Überwachung, Kontrolle und einen unfassbaren Eingriff in die Privatsphäre.
Das wäre aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Denn die Person, die sich in Silke Knäppers Roman anmaßt, das Leben eines Anderen zu kontrollieren, tut dies nicht, weil sie, von wem auch immer, dazu aufgefordert wurde und dafür bezahlt wird, sondern weil sie von einer fixen Idee besessen ist.
Quelle: Klöpfer und Meyer
"Das Leben der anderen war erfüllt, dachte Helen, und aufregend. Bunt. Nicht so blass wie ihr eigenes Dasein, das ihrem schmächtigen Körper glich, so hager und androgyn, unweiblich, flachbrüstig, ohne Höhen und Tiefen."
Helen ist Durchschnitt: Sie hat ein durchschnittliches Aussehen, lebt ein durchschnittliches Leben, ist unsichtbar. Sie wird von Anderen nicht wahrgenommen. Ihr bisher einziger Lebensgefährte hat sie vor Jahren verlassen. Freunde hat sie keine. Sie arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten - von irgendetwas muss der Mensch schließlich leben. Es gibt nichts, was ihr Leben besonders macht. Da wird sie eines Tages Zeugin eines Selbstmordes, bleibt aber dabei anonym. Claire, eine Frau aus der Nachbarschaft, die alles hat, was Helen nicht hat, bringt sich um. Und von einem Moment auf den anderen, schlüpft Helen in die Rolle der Toten. Wie das geht? Unauffällig und zunächst subtil. Keiner findet heraus, dass Helen den Haustürschlüssel von Claire an sich genommen hat. Sie stöbert in Claires Leben herum und redet sich mit der Zeit ein, dass sie einen Anspruch auf deren Leben hat, inklusive Lebenspartner Simon, der als Psychotherapeut eine eigene Praxis betreibt. Anfangs versucht Helen, Simon als Patientin zu erobern. Dieser hat zwar während seiner Ehe mit Claire bei anderen Frauen nichts anbrennen lassen. Helen hält er jedoch auf Distanz. Warum sollte er sich auch auf sie einlassen. Sein Ehrenkodex als Therapeut verbietet es ihm. Außerdem ist sie nicht sein Typ. Doch irgendetwas hat sie an sich ...
"Aber irgendetwas beunruhigte ihn an dieser Patientin. ... Er suchte nach Worten, um die seltsame Anziehung zu umschreiben, die Helen auf ihn ausübte. Ungreifbar, ätherisch, androgyn. Kontrolliert, auch das. Dabei ängstlich-nervös und zart. Sie hatte etwas Klirrendes an sich, etwas Zerbrechlich-Kaltes."
Silke Knäpper lässt die Handlung aus 2 Perspektiven ablaufen. Zum Einen kommt man in den Genuss der verqueren und irrationalen Sichtweise von Helen, die sich immer mehr in das fremde Leben und die (nicht vorhandene) Beziehung zu Simon hineinsteigert. Dem gegenüber steht die Rationalität von Simon, die im Verlauf der Handlung in Hilflosigkeit und Verzweiflung mündet. Auch wenn man sein notorisches Fremdgehen während seiner Ehe nicht gut heißen kann, bleibt er doch das Stalking-Opfer einer Verrückten.

Silke Knäppers Roman hat das Potenzial zu einem Psychothriller. Der Roman ist zwar in keiner Weise reißerisch, doch trotzdem herrscht eine Spannung, die es in sich hat. Die Darstellung der Entwicklung von Helen ist bemerkenswert. Vom anfänglichen Durchschnitts-Mauerblümchen zur selbstbewussten, aber verblendeten und fanatischen  Frau. Dieses Selbstbewusstsein besitzt sie jedoch nur, weil sie in die Rolle und das Leben einer Toten geschlüpft ist. Man wird erstaunt sein, zu welchen Gedankengängen die besessene Helen fähig ist, um Simon zu erobern. Man wird aber genauso erstaunt sein, zu welchen Rachehandlungen sie fähig ist, sobald sie erkennt, dass Simon, das Objekt ihrer Begierde, partout nicht zu ihrem Glück zu zwingen ist.

"Das Lieben der Anderen" ist ein spannender Roman über ein Thema, das jeden treffen kann, ob man möchte oder nicht.
Leseempfehlung!

© Renie

Samstag, 5. Januar 2019

Vera Buck: Das Buch der vergessenen Artisten

Quelle: Pixabay/Bru-nO
Der Titel "Das Buch der vergessenen Artisten" ist Programm. Denn in diesem 750 Seiten starken Schmöker von Vera Buck geht es um vergessene Artisten und Künstler. Diese Menschen waren selbst zu Lebzeiten nur bei einigen wenigen bekannt, was jedoch ihre Besonderheiten und Talente nicht herabmindern darf. Vera Buck führt uns in ihrem Roman in das Schausteller-Milieu zur Zeit des Nationalsozialismus. In einem Interview betont sie, wieviel Recherche-Arbeit sie in dieses Buch investiert hat. Denn tatsächlich sind die Menschen, über die sie schreibt, in Vergessenheit geraten. Selbst in Zeiten von www und Wikipedia musste die Autorin ordentlich kramen, um an die wenigen überlieferten Informationen über diese Menschen zu gelangen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. "Das Buch der vergessenen Artisten" gehört für mich zu einem meiner Lesehighlights in 2018.
Quelle: Limes

Der Roman beginnt im Leben von Mathis Bohnensack, Schausteller, ehemals Virtuose an der Durchleuchtungsmaschine. Im Jahr 1935 ist er 48 Jahre alt. Er, seine Lebensgefährtin Meta, die als Kraftfrau auftritt sowie Metas geistig zurückgebliebener Bruder Ernsti, kampieren zusammen mit anderen Schaustellern vor den Toren Berlins.
"Meta hob verschiedene schwere Kugeln über den Kopf und hielt einen erwachsenen Mann mit ausgestreckten Armen auf einem Stuhl hoch. Mit einer Kette im Genick konnte sie einen 200 Pfund schweren Stein anheben. Sie zerbrach Nägel und Eisenstäbe, als wären es trockene Stöckchen."
Das Leben eines Schaustellers zur Zeit der Nationalsozialisten ist gefährlich. Die Gefahren entstehen jedoch nicht durch die teilweise aberwitzigen Kunststücke, die die Schausteller beherrschen. Die Gefahren, die von den politischen Machthabern und deren Schergen ausgehen, sind weitaus größer. Noch sind viele von den Künstlern geduldet, tragen doch viele durch ihre Engagements in den Clubs von Berlin zu einer schillernden und dekadenten Künstlerszene bei, in der sich auch die Nazis gerne tummeln. Doch mit Zunahme der Macht der Nationalsozialisten werden die Gefahren für die Schausteller, die selten dem idealen Menschenbild der Machthaber entsprechen, größer. Nach und nach "verschwinden" die Weggefährten von Meta und Mathis. Es ist, als hätte es sie nie gegeben. Mathis sieht sich in der moralischen Pflicht, gegen das Vergessen dieser besonderen Menschen vorzugehen. Er möchte ein Buch der vergessenen Artisten schreiben, welches die Lebensgeschichten seiner Schaustellerkollegen dokumentiert.
"'Es ist nicht fertig, nein. Vielleicht hätte ich es nie fertig bekommen. Wann immer ich denke, dass ich einen Punkt setzen könnte, kommt mir eine weitere Lebensgeschichte in den Sinn, die es wert wäre, aufgeschrieben zu werden.'"
Mathis ist im Alter von 15 Jahren zum Rummel gekommen. Dies erfährt man in einem 2. Handlungsfaden, der Mathis' Werdegang bei den Schaustellern schildert. Er ist einer von unzähligen Söhnen eines Bohnenbauerns. Mit einem verkrüppelten Bein, als Ergebnis einer Kinderlähmung, ist Mathis leider der schwächste Sohn in der Familie und damit auch der Unnützeste. Daher wird er von keinem vermisst, als er sich still und heimlich den Schaustellern anschließt, die eines Tages in seinem Dorf, mit dem bezeichnenden Namen Langweiler, auftreten. Meister Bo und dessen Röntgenapparat haben es ihm angetan. Er wird Bos Assistent und entwickelt eine Kreativität bei den Auftritten mit der Röntgenmaschine, die ihresgleichen sucht. Leider ist sich Mathis - wie alle anderen auch - der gesundheitlichen Gefahren, die von dem ungeschützten Umgang mit Röntgenstrahlen ausgehen, nicht bewusst. Die Konsequenzen werden sich erst später zeigen.

Während der Leser das Leben von Mathis, Meta und Ernsti in Berlin zur Zeit der Nazis verfolgt, kommt er gleichzeitig in den Genuss, durch Rückblenden auf Mathis Werdegang der letzten 30 Jahre, eine Abhandlung über die Geschichte des Schaustellertums zu bekommen. Natürlich hält sich Vera Buck dabei ganz dicht an Mathis und Metas Leben. Denn irgendwann treffen die beiden aufeinander und man wundert sich, dass solch unterschiedliche Menschen ein Paar werden. Er, der zurückhaltende und schüchterne junge Mann, von schwächlicher Statur; und sie, die muskelbepackte und impulsive Naturgewalt. Aber gleichzeitig entführt die Autorin den Leser an faszinierende Orte, die von der Geschichte des Schaustellertums nicht zu trennen sind. Sie bringt uns an Orte wie Zürich, mit seinem Panoptikum, Wien mit seinem Prater, Paris mit seinen Folies Bergère, München mit seinem Oktoberfest etc. etc. etc. Und es sind nicht nur die Orte, die faszinieren, sondern auch die Mischung der Charaktere, die dem Leser begegnen. Vera Buck bringt fiktive und reale Personen zusammen. Durch ihre Recherchearbeit zu diesem Roman ist sie auf viele real existierende Schausteller getroffen, die sich einen Namen in der Szene gemacht haben - auch wenn dieser bei den wenigsten Lesern bekannt ist bzw. in Vergessenheit geraten ist.
Ein paar Beispiele gefällig?
Siegmund Breitbart - der "Eisenkönig" und jüdischer Kraftathlet
Cora Eckers - eine "dicke, bärtige Zwergin"
Rosendo Fibolo - "das menschliche Nadelkissen"
Charlotte Rickert - eine Kraftfrau, die so ganz nebenbei als einzige Frau bei den olympischen Spielen 1936 beim Gewichtheben angetreten ist und ihren männlichen Konkurrenten demonstriert hat, wozu frau in der Lage ist
(Der Roman endet mit einer interessanten Übersicht der historischen Personen, die in die Handlung eingebunden sind. Allein diese Liste ist es schon wert, diesen Roman zu lesen)
"Es gab da ein Problem mit dem Männerbild, das Adolf Hitler in Deutschland postulieren wollte. Und das rührte daher, dass jeder Hanswurst sah, wie wenig Hitler selbst seine Kriterien erfüllte."
Es ist nicht nur die Faszination des Schaustellertums, die dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Einmal mehr wird der Finger in die nie verheilende Geschichtswunde, die durch den deutschen Nationalsozialismus verursacht wurde, gelegt. Und das ist gut so. Somit wird "Das Buch der vergessenen Artisten" zu einem Buch "Gegen das Vergessen", was es moralisch wertvoll macht.
Dabei wird der moralische Aspekt auf sehr ansprechende Weise vermittelt. Denn es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, was auf die gelungene Kombination aus der Darstellung des exotischen Schaustellerlebens und dem Sprachstil der Autorin zurückzuführen ist. Vera Buck beweist Humor, wo er angebracht ist, Respektlosigkeit gegenüber den Machthabern, Feingefühl gegenüber Artisten, von denen manche körperliche Gebrechen zu einer Attraktion machen, um überleben zu können. Die starken Frauen sind bei Vera Buck nicht nur aufgrund ihrer Körperkräfte und Muckis stark. Das Buch liest sich weg wie nichts. Hier ist keine Seite zuviel. Ich war schon ein bisschen traurig, als ich das Buch beendet habe. Die Geschichte hätte ewig weitergehen können.

Leseempfehlung! Leseempfehlung! Leseempfehlung!

© Renie

Freitag, 28. Dezember 2018

Juan Pablo Villalobos: Ich hatte einen Traum

Quelle: Pixabay/Jeffdiabolus
"Wir haben ein Flüchtlingsproblem" - ein Satz, der in Deutschland häufig zu hören ist. Was auch immer dieses Problem sein mag, ist es doch nichts im Vergleich zu den Problemen, die Flüchtlinge selber haben. Flucht ist immer mit Angst verbunden. Und wie groß die Angst sein muss, dass ein Mensch seine Existenz aufgibt, um auf eine ungewisse Zukunft in einem völlig fremden Land, sogar völlig fremder Kultur, zu bauen, ist für mich unvorstellbar.
Noch viel weniger kann ich mir vorstellen, dass sich Kinder und Jugendliche gezwungen sehen, ihr Zuhause und ihre Familie zu verlassen, ganz einfach, weil die Angst um ihr Leben keine andere Entscheidung zulässt. Tatsächlich passiert dies in Mittelamerika täglich. In den letzten 5 Jahren haben etwa "189.000 Minderjährige ihre Heimat Guatemala, Honduras oder El Salvador verlassen, und wurden in den USA als 'unbegleiteter Minderjähriger' erfasst." (aus dem Buch) Diese Kinder und Jugendlichen träumen von einer Zukunft, zumindest von einem Leben in Sicherheit. Wenn sie Glück haben, lebt in den USA, dem Ziel ihrer Flucht,  bereits ein Verwandter. Der Fluchtweg führt sie dabei über Mexiko. Sind sie einmal über die Grenze in die USA gelangt, kommen sie in Auffangstationen, wo zunächst einmal ihr Status "unbegleiteter Minderjähriger" festgelegt wird. Der offizielle Flüchtlingsstatus gemäß Genfer Konventionen steht ihnen nicht zu. Daher haben sie auch keinen Anspruch auf jegliche Flüchtlingsrechte, allen voran das Recht auf Nichtabschiebung. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 definiert, welche Angst einem Menschen zugestanden wird, dass er sich offiziell "Flüchtling" nennen darf: "die begründete Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung". Die flüchtigen Kinder und Jugendlichen Mittelamerikas treibt eine andere Angst um. Denn sie kommen aus Ländern, mit den höchsten Mordraten der Welt.
© Marius Kowalski
"... Mordraten, die die Zahlen mancher Länder übertreffen, in denen offener Krieg herrscht." 
Nahezu alle dieser "unbegleiteten Minderjährigen" haben bereits am eigenen Leib erfahren, was es heißt, um das eigene Leben bzw. das, seiner Angehörigen zu fürchten. Sie werden in ihrer Heimat nicht aufgrund ihrer Rasse, Religion etc. bedroht, sondern einfach, weil ihr Alltag von skrupellosen Menschen dominiert wird, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Wer kann es den Kindern und Jugendlichen also verdenken, wenn sie ihrem persönlichen Albtraum entfliehen wollen, mit der Hoffnung auf eine Zukunft in Sicherheit?
"Aber ich fühlte mich nicht mehr sicher, ich hatte Angst, dass sie mir an der nächsten Ecke auflauern und mich umbringen würden. Sie haben Taschenmesser, andere Messer, vielleicht sogar Schusswaffen. Ich habe gehört, dass sie andere Jungs zusammengeschlagen haben, und ich habe mir Sorgen gemacht, dass sie mir oder meiner Familie etwas antun könnten, denn dort kann alles passieren, man ist vor nichts sicher, manchmal bringen sie die ganze Familie um, und das machte mir am meisten Angst."
Juan Pablo Villalobos, mexikanischer Autor, ist einigen von ihnen begegnet und hat sich von ihren Träumen erzählen lassen - sowohl von ihren Albträumen zuhause und während der Flucht in die USA als auch von ihren Zukunftsträumen. In seinem Buch "Ich hatte einen Traum" lässt er sie zu Wort kommen.

Dabei fällt zunächst auf, wie emotionslos und distanziert, die Kinder und Jugendlichen ihre Geschichten wiedergeben. Sie sind zwischen 10 und 17 Jahren und ihnen ist Schreckliches widerfahren. Dient diese Art, ihre Geschichte zu erzählen, ihrem  Selbstschutz, um den seelischen Schmerz nicht wieder und wieder erdulden zu müssen? Auf jeden Fall lösen diese Emotionslosigkeit und Distanz beim Leser das genaue Gegenteil aus. Man kann sich vor ihren Schicksalen nicht verschließen. Die Geschichten gehen sehr sehr nahe.
Die Kinder und Jugendlichen scheinen während der Flucht in einem eigenen Mikrokosmos zu leben. Dabei beweisen sie eine Willensstärke, die sie seltsam erwachsen erscheinen lässt. Ihr Denken ist nur davon bestimmt, den Weg unbeschadet in das gelobte Land zu schaffen. Wem kann ich vertrauen? Wem muss ich misstrauen? Andere Gedanken, außer dem Traum von einer besseren Zukunft, lassen sie nicht zu. Dieser Traum scheint ihnen die Kraft zu geben, um die Gefahren auf ihrem Weg zu meistern.
"Vielleicht kann ich ja Pilot werden, wenn ich groß bin."
Fazit
Der Autor gibt die Geschichten dieser Kinder ungeschönt wieder. Die Emotionslosigkeit der Kinder auf der Flucht geht dabei sehr nahe. Juan Pablo Villalobos ist mir aufgrund seines humoristischen Romans "Ich verkauf dir einen Hund" ein Begriff. Doch in "Ich hatte einen Traum", inmitten des Flüchtlingsdramas um die Kinder Mittelamerikas, ist dem Autor nicht nach Lachen zumute. Ganz im Gegenteil! Der Autor prangert die Situation in Mittelamerika und den USA an, zu Recht. Dabei wird er in einem sehr aussagekräftigen Nachwort von seinem Journalistenkollegen Alberto Arce unterstützt, der die Hintergründe zu diesem Drama liefert. 

Mir hat gefallen, dass Villalobos am Ende des Buches in wenigen Sätzen erwähnt, was aus jedem der interviewten Kinder und Jugendlichen geworden ist. Und sie haben es alle geschafft, am Ende durften sie in den USA bleiben. Für wie lange, bleibt jedoch bei vielen offen. Denn die USA macht es Menschen, die immigrieren wollen, nicht einfach. Und das Risiko, am Ende doch ausgewiesen zu werden, bleibt bestehen.

© Renie








Freitag, 21. Dezember 2018

Lucky Whineberg: Amys Weihnachtsbriefe

Quelle: Pixabay/photosforyou
Alle Jahre wieder lese ich zur Einstimmung auf Weihnachten eine Weihnachtsgeschichte. Da kann der vorweihnachtliche Rummel noch so stressig sein. Eine Weihnachtsgeschichte holt mich runter und macht mich tiefenentspannt. Von Charles Dickens bis Renate Bergmann, ich habe schon viele gelesen. Und ich freue mich, wenn ich wieder eine neue Geschichte entdecke, so wie die Erzählung "Amys Weihnachtsbriefe", von der ich behaupte, dass jeder Familienmensch sie lieben wird.

"Amys Weihnachtsbriefe" von Lucky Whineberg beginnt am Tag vor Weihnachten, in einer Küche. Hier versucht sich Amy, die Ich-Erzählerin, an der Zubereitung des Weihnachtstruthahns - streng nach Mutters Rezept. Diese ist vor 2 Monaten gestorben - an Krebs. Die Familie ist mit dieser Krankheit vorbelastet. Ein jüngerer Bruder von Amy ist vor einigen Jahren an Leukämie gestorben. Auch der Vater lebt nicht mehr.
Von ehemals 7 Familienmitgliedern sind nur noch 4 übrig: Amy und ihre Geschwister Elise, Cathleen und Jamie. Und gerade zu Weihnachten wird ihnen der Verlust ihrer Angehörigen, insbesondere der Mutter, schmerzlich bewusst. 
Die vier Geschwister sind so unterschiedlich wie Menschen nur sein können. Die Mutter hat die Familie zusammengehalten. An Weihnachten wurde häufig gestritten. Wenn Charakterköpfe aufeinanderprallen, ist nun mal Stimmung in der Bude, wenn auch keine besinnliche. Und trotzdem war jedes Weihnachten am Ende doch wunderschön, nicht zuletzt durch die Fürsorge der Mutter. 

Die Geschwister wollen an ihrem traditionellen Familienweihnachtsfest festhalten. Mittlerweile sind sie in alle Winde verstreut und wollen sich im Haus ihrer Kindheit treffen, um hier gemeinsam Weihnachten zu feiern. Da erreicht sie eine Hiobsbotschaft: Elise ist bei ihrer Ankunft zusammengebrochen und ins Krankenhaus eingeliefert worden. Bei den Geschwistern läuten sämtliche Alarmglocken, denn sie haben einen fürchterlichen Verdacht, was die Ursache von Elises Zusammenbruch angeht. Und das Weihnachtsfest nimmt für die Geschwister einen Verlauf, den sie sich so nicht vorgestellt haben.
"Bitte lieber Gott, mach, dass alles gut wird! Mach, dass wir Elise mitnehmen können, dass ihr nichts fehlt. Mach, dass es endlich, endlich Weihnachten wird!"
Ich bin ein Familienmensch und habe diese Erzählung daher sehr genossen. Im Mittelpunkt steht der Zusammenhalt der Geschwister, die das Weihnachtsfest zum Anlass nehmen, sich auf das Besondere zu besinnen, das sie verbindet. Da können sie noch so unterschiedlich sein, sich streiten und unterschiedliche Lebenswege einschlagen haben. Am Ende überwiegt immer die Liebe zueinander. Und der Umgang der Geschwister miteinander macht mir wieder einmal deutlich, was Familie bedeutet:  Das Leben kann es noch so mies mit dir meinen ... es gibt immer jemanden, der für dich da ist. Dieses Urvertrauen kannst du nur in einer Familie finden.
"Es war nicht alles perfekt in all unseren gemeinsamen Jahren, aber vieles war gut. Ich wusste in diesem Moment, dass die traurigen Erinnerungen verblassen und dass die guten bleiben würden."
Lucky Whineberg hat eine stimmungsvolle Erzählung geschrieben. Dabei trifft sie genau das richtige Maß an Melancholie und Sentimentalität. Von Anfang an befindet man sich als Leser im Weihnachtsmodus, was ein sehr schönes Gefühl ist. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich an das Weihnachten meiner Kindheit gedacht habe, so dass mir während des Lesens ganz warm ums Herz geworden ist. Stimmung, Gefühl und Herzenswärme sind die Dinge, die ich an einer guten Weihnachtsgeschichte schätze. Und davon gibt es in Lucky Whinebergs Erzählung reichlich.

Leseempfehlung!

© Renie







Freitag, 14. Dezember 2018

James Baldwin: Beale Street Blues

Quelle: Pixabay/ahkeemhopkins
"Es gehört zum Wesen des Blues, große Tragik mit Schönheit zu verbinden und selbst dem schrecklichsten Leid noch Poesie abzugewinnen ....." 
Diese Aussage von Daniel Schreiber, Verfasser des Nachwortes zu "Beale Street Blues" von James Baldwin, bringt es auf den Punkt. Denn er beschreibt in einem Satz die Essenz dieses Romans: Tragik und Leid, vereint mit Schönheit und Poesie.
Dieser Roman kommt also wie ein Blues daher. Tatsächlich geht es hier jedoch nicht um Musik, sondern um menschliche Schicksale.

Eine Beale Street gibt es in jeder Stadt Amerikas. Denn sie steht stellvertretend für die Schwarzenviertel in diesen Städten. Die "echte" Beale Street befindet sich in New Orleans. In der Beale Street New Yorks lebt Tish (Ich-Erzählerin) mit ihrer Familie: Vater Joseph, Mutter Sharon und Schwester Ernestine. Tish ist die jüngere der beiden Schwestern. Mit Anfang 20 beschließt sie, ihren Freund Fonny zu heiraten. So weit, so gut. Aber nichts ist gut. Denn Fonny sitzt unschuldig im Gefängnis und wartet auf einen Prozess, den er unmöglich gewinnen kann. Denn er ist ein Farbiger. Das reicht, um ihn der Willkür der weißen Behörden auszuliefern, die sich entweder gleichgültig gegenüber der Schuld- bzw. Unschuldsfrage zeigen, oder aus Hass gegenüber anderen Hautfarben kein anderes Ziel vor Augen haben, als Fonny für lange Jahre ins Gefängnis zu bringen.
"Und ich schäme mich nicht für Fonny. Wenn überhaupt, dann bin ich stolz auf ihn. Er ist ein Mann. Das merkt man an der Art, wie er mit dieser Scheiße umgeht. Angst hab ich allerdings schon manchmal - keiner hält die Scheiße mit der sie uns bewerfen, ewig aus."
Tish's Familie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf, um Fonny frei zu bekommen. Ihre Bemühungen sind sehr kostspielig. Doch die Familie hält zusammen. Sie kämpft leider allein auf weiter Flur. Denn von Fonnies eigener Familie kommt nicht viel Unterstützung. Ganz im Gegenteil. Die bigotte Mutter verteufelt ihren einzigen Sohn, die beiden Schwestern halten zu ihrer Mutter. Einzig der Vater versucht, seinen Sohn zu unterstützen.

Fast Tag für Tag besucht Tish Fonny im Gefängnis. Eine Stunde am Tag, mehr Zeit lässt man den beiden nicht. Tish ist bemüht, Fonny Hoffnung zu geben, was anfangs auch gelingt. Denn die Beiden bekommen ein Baby. Grund genug für Fonny, an dem Glauben an einen guten Ausgang seiner Tragödie festzuhalten. Doch mit der Zeit schwindet sein Optimismus, und es wird immer schwieriger für ihn, an ein positives Ende zu glauben.
"Wahrscheinlich kommt es nicht so oft vor, dass zwei Menschen lachen und sich dabei lieben können, sich lieben, weil sie lachen, lachen, weil sie sich lieben. Die Liebe und das Lachen sitzen an derselben Stelle, da gehen nur nicht viele Leute hin."
Die Schilderung der Liebe zwischen Tish und Fonny ist für mich ein Fels in der "Lesebrandung". Denn das dominante Gefühl in diesem Roman ist Hass, hervorgerufen durch übelste Diskriminierung. Es liegt zwar nahe, dass in diesem Roman die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung angeprangert wird. Doch dies ist nur ein Teilaspekt. Tatsächlich macht der farbige Autor James Baldwin keinen Unterschied bei der Hautfarbe. Denn hier diskriminiert jeder jeden, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht. Die Diskriminierung kann subtil stattfinden, in Gedanken oder durch Worte, die zunächst wie selbstverständlich erscheinen.

Aber in der Regel taucht sie bei Baldwin mit aller Wut und Brutalität auf. Diese Wut und Brutalität findet sich auch in seinem Sprachstil wieder. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich angenommen, dass dieser Roman von einem jungen Mann geschrieben wurde, der seine Wut über die Ungerechtigkeit in dieser Welt hinausschreit. (Tatsächlich war Baldwin 49 Jahre alt, als er diesen Roman schrieb)

Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, benennt die Dinge beim Namen und zeigt sie ungeschönt in all ihrer Hässlichkeit. Das Lesen dieses Romanes wühlt daher auf. Um so besonders und wohltuend sind daher die Momente seiner poetischen und liebevollen Schilderung der Beziehung von Tish und Fonny sowie das Miteinander und der starke Zusammenhalt ihrer Familie.

Fazit:
Ein Roman, der die Diskriminierung in der Gesellschaft aufs Heftigste kritisiert. Er fasziniert durch den Sprachstil des Autors, dem es gelingt, Kraft und Wut mit Poesie zu vereinen.
Leseempfehlung!

© Renie



Über den Autor:
James Baldwin (1924-1987) in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Er war der erste schwarze Künstler auf einem Cover des ›Time Magazine‹. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich. (Quelle: dtv)


Donnerstag, 6. Dezember 2018

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

Es gibt Begriffe, die man ohne Nachdenken und wie selbstverständlich verwendet. Einer davon ist für mich der Ausdruck "Blütezeit". "Eine Frau in der Blütezeit ihres Lebens". Nicht ganz so poetisch kann man auch sagen "Eine Frau in ihren besten Jahren". Doch "Blütezeit" und "die besten Jahre" sorgen bei mir für Irritationen. Was bedeuten diese Begriffe eigentlich? Ich habe mich durch Google gearbeitet, um eine allgemein gültige Definition für diesen verheißungsvollen Zeitraum herauszufinden. Das ist u. a. dabei herausgekommen:
- Im Forum "Sexualität" einer bekannten Online-Partnerschaftsvermittlung gibt es mehrere Erklärungsansätze, natürlich aus sexueller Sicht: Frauen ab Ende 20 bis zum Einsetzen der Wechseljahre ... Frauen über 40, weil sie einen eigenen Kopf, Erfahrung, eigenen Stil und jede Menge Energie haben .... Frauen zwischen 45 und 56: diese Frauen sind anspruchsvoll, was dem anspruchsvollen Liebhaber wiederum zugute kommt (das meint zumindest Steve, Alter: unbekannt)
- auf einer Internetseite, die sich mit den großen und kleinen Problemen des Lebens befasst, meint der Opa einer 30-Jährigen: "natürlich in den 30ern" (da wollte er seiner Enkelin, die bei ihrem 30. Geburtstag in eine tiefe Depression versank, wohl einen Gefallen tun)
- die Bild-Zeitung beruft sich auf eine britische Studie und behauptet, Frau ist mit 31 Jahren am schönsten (Schönheit ist also mit Blüte bzw. den besten Jahren gleichzusetzen?!)
- und dann gibt es da noch den Onlineshop, der Damenpullis mit dem Aufdruck "Die besten Jahre kommen doch nach 45!" im Sortiment hat.

Dies ließe sich jetzt endlos fortführen, beantwortet jedoch nicht meine Frage. Ich will nicht wissen, wann meine besten Jahre sind, sondern was sie zu den besten Jahren macht.
Quelle: Diogenes
"'... Die Blütezeit des Lebens ist schwer zu fassen. Wenn ihr erwachsen werdet, ihr kleinen Mädchen, müsst ihr gut aufpassen, damit ihr eure Blütezeit erkennt - in welches Alter sie auch fallen mag ...'"
Eine, die sich in ihrer Blütezeit befindet, ist Miss Jean Brodie, Protagonistin aus Muriel Sparks gleichnamigen Roman. Ich glaube, sie weiss selbst nicht so genau, was ihre Blütezeit ausmacht. Aber immerhin kokettiert sie mit diesem Begriff. Als Leser stolpert man häufig über das Wort "Blütezeit".

Miss Brodie ist Lehrerin an einer Mädchenschule in Edingburgh. Sechs ihrer Schülerinnen werden sich als die Brodie-Clique herauskristallisieren. Diese Mädchen stehen im Fokus der Erziehungs- und Lehrbemühungen von Miss Brodie. Die Clique wird über Jahre Bestand haben. Zu Beginn des Romans sind die Mädchen um die 10 Jahre alt. Der Kontakt untereinander und zu ihrer Lehrerin wird bis ins Erwachsenenalter anhalten.
Die Erziehungsmethoden von Miss Brodie sind unkonventionell, gemessen an der Zeit in der der Roman spielt (40/50er Jahre). Sie hält sich selten an den Lehrplan und versucht die Mädchen auf das Leben vorzubereiten, was vom Grundsatz her zu befürworten wäre. Nur Miss Brodie hat ihre ganz eigenen Vorstellungen, was das Leben betrifft. Eine Frau hat selbstständig zu sein, romantisch und der Politik zugewandt. Dabei will Miss Brodie ein leuchtendes Vorbild für ihre Mädchen sein. Sie ist unverheiratet, sorgt für sich selbst, hat Affären, träumt von der großen romantischen Liebe und begeistert sich für den Faschismus. Hitlers Auftreten in der Politik kann sie viel Positives abgewinnen, was sie jedoch später revidieren wird. Sie befindet sich in der Blütezeit ihres Lebens, an der sie die Mädchen teilhaben lässt. So infiltriert sie nach und nach die Gedanken und Phantasien der Mädchen mit ihrer eigenen speziellen Sichtweise über das Leben einer Frau. Anfangs lassen sich die Mädchen von ihrer Lehrerin beeinflussen. Doch mit zunehmendem Alter, spätestens mit Einsetzen der Pubertät, entwickeln die Mädchen ihren eigenen Kopf.
"Für Miss Brodie gab es nichts, was sie nicht noch lernen konnte - damit brüstete sie sich. .. Sie dehnte sich aus, diese Blütezeit der Miss Brodie, war immer noch im Werden begriffen, als die Mädchen schon längst im Teenageralter waren. Und über die Grundsätze, die am Ende ihrer Blütezeit herrschten, hätte sie sich am Anfang sehr gewundert."
Muriel Sparks Sprachstil zeichnet sich durch Eleganz und Präzision aus. Sie hält sich nicht mit ausschweifenden Beschreibungen auf, sondern schafft es, mit wenigen Worten ein buntes Szenario vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen zu lassen. 

Darüberhinaus wendet sie in ihrem Roman einen stilistischen Kniff an. Trotzdem die Handlung in den 40er Jahren einsetzt und über viele Jahre verlaufen wird, verschafft sie dem Leser anhand von Zeitsprüngen in die Zukunft regelmäßige Einblicke, was aus den einzelnen Mädchen der Brodie-Clique werden wird. Und auch wenn der Eindruck naheliegt, dass Miss Brodie die Protagonistin dieses Romanes ist, sind es doch die Mädchen und ihre Entwicklung, die die Handlung dominieren. Miss Brodie ist dabei jedoch immer präsent, wenn nicht körperlich, dann im Denken der Mädchen.

Mein Fazit:
Ein Roman über eine bemerkenswerte Frau, deren Lebenseinstellung man nicht in jedem Punkt teilen muss, die aber durch ihr Selbstbewusstsein und ihre Willensstärke in einer Zeit, in der die Gleichberechtigung der Frauen noch nicht weit fortgeschritten war, beeindruckt. Der Fokus liegt dabei nicht auf dieser einzelnen Frau, sondern auf ihren Schützlingen und deren Erwachsenwerden. Der präzise und elegante Sprachstil von Muriel Spark hat dazu beigetragen, dass ich die Geschichte mit großem Vergnügen gelesen habe.


Und was hat es jetzt mit der "Blütezeit" auf sich?
Ich bin immer noch ratlos. Doch eines weiß ich mit Gewissheit: Die Blütezeit meines Lebens werde ich wahrscheinlich erst benennen können, wenn ich im Sterben liege. Schließlich kann ich heute noch nicht wissen, was das Leben noch an blühenden Momenten für mich bereit hält. Und da werden noch etliche kommen. Ich freue mich darauf!

© Renie




Über die Autorin:
Muriel Spark, geboren 1918 in Edinburgh, Autorin von Romanen, Theaterstücken, Kinderbüchern und Gedichten. Zahlreiche ihrer Bücher wurden verfilmt. 1986 wurde sie zum Commandeur des Arts et des Lettres ernannt, 1993 zur Dame Commander of the British Empire; 1999 erhielt sie den Ehrendoktortitel für Literatur der Oxford University. ›Die Blütezeit der Miss Jean Brodie‹ wurde mit Maggie Smith in der Titelrolle verfilmt. Muriel Spark, die 2006 in Florenz verstarb, wird gerade international wiederentdeckt und gefeiert. (Quelle: Diogenes)

Montag, 26. November 2018

Eckhart Nickel: Hysteria

Quelle: Pixabay/pixel2013
"Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht."
Dies ist der erste Satz aus Eckhart Nickels Roman "Hysteria".
Nun ja, wenn's nur die Himbeeren wären. Aber mit der ganzen Geschichte stimmt etwas nicht.
Dieser Roman ist eine Dystopie, ist aber ganz dicht an unserer Gegenwart dran.

Worum geht es in diesem sehr speziellen Roman?
Die Künstlichkeit hält Einzug in unser Leben. Was heutzutage z. B. die Tomaten sind, die nicht mehr nach Tomaten schmecken, aber dafür wie gemalt aussehen, ist in diesem Roman das kleinste Übel. Denn hier wird die "Verbesserung" von Lebensmitteln fast schon als Kunstform betrieben und beeinflusst unser Leben. Das vorrangige Ziel dieser "Verbesserung" ist die Wahrung unserer Natur. Die Natur und deren Produkte werden künstlich nachempfunden, um so nicht auf die natürlichen und begrenzten Ressourcen zurückgreifen zu müssen. Aber wenn dies so einfach wäre. Natürlich gibt es durchaus vernünftige Ansätze. Aber vieles, was entwickelt wird, weist mehr oder weniger offensichtliche Mängel auf. Da ist der wässrige Geschmack der Tomate durchaus noch zu tolerieren. 
Quelle: Piper
"'... Eine hochmoderne Arche Noah, ein multidimensionales Terrarium mit allen Tier- und Pflanzenarten der lebendigen Welt. Jede Spezies hat ihre Nische, ihren Raum, ihr ureigenes Biotop. .. Und wie schön unsere Kreaturen sind! Sie werden sprachlos sein, weil Sie ihresgleichen nicht einmal in alten Büchern oder Filmen jemals so gesehen haben. Und alles ist wirklich und lebendig.... das Beste beider Welten. Absolute Vollkommenheit und absolute Natürlichkeit friedlich vereint. Ein Meisterwerk, fraglos.'"
Es gibt da dieses "Kulinarische Institut", das federführend in der Disziplin der "Künstlichkeit" ist. Zum Einen hat es sich auf die Fahne geschrieben, Perfektion bei der Nachbildung zu erlangen. Zum Anderen sieht es sich auch als Bewahrer der Natur. 
Und in diesem Institut passieren scheinbar mysteriöse Dinge.

Das zum Rahmen der Handlung. Der Roman beginnt mit Himbeeren und Bergmann. Bergmann ist der Ich-Erzähler dieses Romans, der auch den Zustand der Beeren in Frage stellt. Er ist hypersensibel, d. h. seine Sinneswahrnehmungen sind stärker ausgeprägt als bei anderen Menschen. Dadurch nimmt er Reize und Veränderungen in sehr extremer Weise auf.
So, wie Bergheim die Geschichte schildert, kommt er fast schon autistisch rüber, was das Lesen nicht einfach macht. Er ist dermaßen auf die Reize seiner Umwelt konzentriert, dass er diese auch in den kleinsten Details schildert.
Bergmann landet nun in diesem Institut. Aber warum er dort landet, ist mir nicht klargeworden. Hat es an den Himbeeren gelegen? Keine Ahnung. Er ist auf jeden Fall irgendetwas auf der Spur. Was er jetzt sucht, wird bis zum Ende des Romans nicht deutlich. Was den Eindruck der autistischen Schilderungen angeht, haben diese im weiteren Verlauf des Romans keinen Bestand, genausowenig, wie Bergmanns Hypersensibilität. Die tritt tatsächlich in den Hintergrund. Einerseits wurde das Lesen dadurch leichter, andererseits fand ich es schade, dass dieser wichtige Aspekt des Protagonisten vernachlässigt wurde. 
"Bergheim fiel wieder einmal auf, wie gut sauber gehaltenen Tiefgaragen rochen. Der Geruch von Waschmittel verband sich mit Benzin, einer Note von Wandfarbe und frisch verputztem Zement. Hier war auch noch Magnesium im Spiel. Falls ihn jemand fragen sollte, wie seine Wohnung im Idealfall zu riechen habe, dann so reinlich wie hier."
Wer allerdings glaubt, dass die Handlung sich von jetzt an auf die Aufdeckung des Geheimnisses um das Institut konzentriert, liegt falsch. Denn tatsächlich besteht der größte Teil des Romans aus Erinnerungen des Protagonisten Bergmann an seine Studentenzeit. Und, oh Wunder, in dem Institut läuft er seiner Studentenliebe und einem Freund aus dieser Zeit über den Weg. Die beiden sind in irgendeiner Form in die geheimnisvollen Geschehnisse in dem Institut involviert. Die Welt ist klein. 

Im letzten Viertel des Romans geht es dann endlich zur Sache. Hier kommt dann auch Spannung auf, und es gibt so etwas wie einen Showdown. Das Geheimnis wird gelüftet, hat aber vermutlich wenig damit zutun, dass Bergheim in dieses Institut gegangen ist. 

Insgesamt lässt sich sagen: Eine gute Idee, die vom Autor schlecht umgesetzt wurde. "Der geheime Einzug der Künstlichkeit in unsere Welt" ist ein sehr interessantes Thema, finden sich doch bereits viele offensichtliche Ansätze in unserer heutigen Welt. So geheim ist dieser Einzug daher eigentlich nicht. Aber, egal. Leider legt der Autor den Fokus auf Bergheim und seine Erinnerungen. Der dystopische Gedanke liefert dabei lediglich den Rahmen. Bergmann ist für mich jedoch nicht greifbar. Anfangs der Eindruck des autistischen Verhaltens, zwischendurch ein Mensch, der sich mit seinen Erinnerungen beschäftigt, die zwar künstlich, durch irgendein Zauber-Gadget hervorgerufen werden, aber dadurch immer noch ein lang andauernder Rückblick auf die Vergangenheit bleiben. Und zum Ende entwickelt Bergmann heldenhafte Anwandlungen. Das ist mir zu diffus. Dieser Roman hat für mich zuviele Ansätze, die nicht konsequent weiterverfolgt werden. 

Dieser Roman hat es zwar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 geschafft.  Dennoch konnte er mich nicht überzeugen. Schade!

© Renie



Über den Autor:
Eckhart Nickel, geboren 1966 in Frankfurt/M., studierte Kunstgeschichte und Literatur in Heidelberg und New York. Er gehörte zum popliterarischen Quintett »Tristesse Royale« (1999) und debütierte 2000 mit dem Erzählband »Was ich davon halte«. Nickel leitete mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift Der Freund in Kathmandu. Heute schreibt er vorwiegend für die FAS, die FAZ und ihr Magazin. Bei Piper erschien u.a. die »Gebrauchsanweisung für Portugal«. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017 wurde er für den Beginn von »Hysteria« mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet und war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. (Quelle: Piper)