Montag, 22. Mai 2017

Kurban Said: Ali und Nino



Quelle: Pixabay/Etereuti
Man mag über den Eurovision Song Contest (früher: Grand Prix d'Eurovision de la chanson) sagen, was man will. Aber eines lässt sich nicht in Abrede stellen. Ohne den ESC hätte ich niemals gewusst, dass Baku die Hauptstadt von Aserbeidschan ist. Aserbeidschan hat in 2011 den ESC gewonnen, übrigens in Düsseldorf. (Der Siegertitel lautete damals "Running Scared" von Ell und Nikki - muss man sich nicht merken). Das Jahr darauf war der Austragungsort für den ESC also Baku.

Tatsächlich ist Baku weniger für seine musikalischen Talente als eher für seine Ölquellen bekannt, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts besonders intensiv sprudelten. So förderte Baku in 1901 etwa die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls. Den Ölbaronen ging es damals richtig gut, was sie auch gern, u. a. durch üppige Architekturen, zur Schau getragen haben. Wohlstand zieht die Menschen magisch an. Insofern wundert es nicht, dass Baku innerhalb kürzester Zeit einen enormen Bevölkerungszuwachs hatte. Baku bildete die Grenze zwischen Orient und Okzident. Die Stadt entwickelte sich zu einem bunten Gemisch unterschiedlicher Völker und Religionen.
Und in dieser wuseligen Stadt zu der damaligen Zeit bringt Kurban Said Nino, eine Christin georgischer Herkunft, und den Muslim Ali zusammen.
"Viele Geheimnisse birgt unsere Stadt. Ihre Winkel sind voll seltsamer Wunder. Ich liebe diese Wunder, diese Winkel, das nächtlich raunende Dunkel und das stumme Meditieren an den glutstillen Nachmttagen im Hofe der Moschee. Gott hat mich hier zur Welt kommen lassen als Muslim schiitischer Lehre, der Glaubensrichtung des Imam Dschafar. So er mir gnädig ist, möge er mich hier auch sterben lassen, in derselben Straße, in demselben Haus, in dem ich zur Welt kam. Mich und Nino, die eine georgische Christin ist, mit Messer und Gabel ißt, lachende Augen hat und dünne, duftige Seidenstrümpfe trägt." (S. 27)
Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Ali kurz vor seinem Schulabschluss steht. Nino wird ihren Abschluss ein Jahr später machen. Die beiden kennen sich seit Kindertagen. Sie scheinen füreinander geschaffen, eine gemeinsame Zukunft wird von beiden als unumstößliche Selbstverständlichkeit angesehen. Sie gehören einer Generation an, die gelernt hat, trotz Traditions- und Religionsverbundenheit auch andere Völker und Glaubensrichtungen zu tolerieren. Die weltoffene und europäisch geprägte Nino hat keinerlei Berührungsängste, wenn sie sich innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewegt. Für Ali jedoch ist das Leben in Baku eine ewige Gratwanderung zwischen der Einhaltung des muslimischen Verhaltenskodex und dem Leben in dem europäisch orientierten Teil der Gesellschaft. Doch seine Liebe zu Nino steht für ihn immer im Vordergrund.
Quelle: Ullstein

Die Politik macht den beiden einen Strich durch die Rechnung. Mit dem Beginn der Russischen Revolution machen die Kriegswirren auch vor Baku nicht halt. Ali und Nino sind gezwungen zu fliehen. (Der Grund für die Flucht ist mehr als spektakulär und wird daher von mir nicht genannt ;-)) Ihre Flucht führt sie in ein Bergdorf, in dem sie das einfache Leben der Dorfbevölkerung leben. Ali und Nino, beide Kinder aus wohlhabenden Familien, genießen die einsamen Verhältnisse und ihr gleichberechtigtes Leben als Mann und Frau. Eine weitere Station ihres Lebens ist Persien - ein Land, indem Nino lernen muss, sich den Gepflogenheiten des Landes anzupassen und sich ihrem Ehemann unterzuordnen. Sie ist in dieser Umgebung todunglücklich. Das Leben in einem Harem ist sterbenslangweilig, insbesondere wenn der einzige Mitbewohner ein Eunuch ist. Ali kann sich besser mit der streng muslimischen Umgebung arrangieren.

Als Aserbeidschan zur Republik ausgerufen und Baku zur Hauptstadt erklärt wird, zieht es Nino und Ali wieder zurück in die Heimat. Es scheint, als ob dies der einzige erreichbare Ort auf dieser Welt ist, an dem beide glücklich sein können. Aber das Glück währt nur von kurzer Dauer. Irgendwann stehen die Bolschewisten vor den Toren Bakus.
"'Mein Gott, unsere Straßen werden zu Schlachtfeldern. Das Theater zum Generalstabsquartier. Es wird bald schwerer sein, über die Nikolaistraße zu gehen, als früher nach China zu reisen. Um zum Lyzeum der Königin Tamar zu gelangen, wird man entweder die Weltanschauung ändern oder eine Armee besiegen müssen. Ich sehe euch bewaffnet auf dem Bauch durch den Gouverneursgarten kriechen und am Bassin, wo ich mich früher mit Ali Khan traf, wird ein Maschinengewehr aufgestellt sein. Wir wohnen in einer seltsamen Stadt.'" (S. 248)
"Ali und Nino" ist ein Buch der Konflikte: Religionen, Nationen, Generationen, Geschlechter. Hier wird nichts ausgelassen. Die tragische Geschichte der beiden Liebenden ist lediglich schmückendes Beiwerk. Kurban Said hat mich in eine Welt und eine Epoche geführt, die mir bisher völlig fremd war. Dabei sind die Konflikte, die der Autor schildert, völlig zeitlos und daher auch in unserer Zeit leider topaktuell. Wie wohltuend ist es da, wenn Kurban Said den Beweis antritt, dass es jederzeit möglich ist, Grenzen - egal welcher Art - zu überwinden.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat mich begeistert. Und doch gibt es einige Kritikpunkte, die meiner Begeisterung einen Dämpfer verpassen.

Kurban Said ist das Pseudonym eines österreichischen Autorenduos: die Publizistin Elfriede Ehrenfels (1894 - 1982) sowie der Literat Lev Nussimbaum (1905 - 1942). Nussimbaum konvertierte vom Judentum zum Islam. Er ist in Baku geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Insofern kann man seinen Schilderungen über das Leben in Baku als durchaus authentisch bezeichnen. Elfriede Ehrenfels hat in Österreich gelebt und den Islam sozusagen aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich daher, ob bei den Beschreibungen über den Islam nicht auf Klischees zurückgegriffen wurde, die der europäischen Sichtweise auf den Islam entsprechen. Diese Klischees finden sich leider reichlich in diesem Roman.

Hinzu kommt ein sehr blumiger Sprachstil, der dem Orientfeeling gerecht werden möchte, und mich ein wenig an die Bücher von Karl May erinnert hat. Diesen Sprachstil muss man mögen, mir war es manchmal zuviel "Blume".

Fazit:
Eine großartige Geschichte, die Konflikte thematisiert, die damals wie heute aktuell sind. Kurban Said zeigt eine fremde und exotische Welt auf, die mir bisher unbekannt war. Leider finden sich in diesem Roman einige Klischees wieder, was vermutlich an der europäischen Sichtweise von Kurban Said liegt. Trotzdem kann ich diesen Roman Lesern empfehlen, die Spaß daran haben, in eine fremde Welt abzutauchen und neugierig gegenüber fremden Kulturen sind.

© Renie






Donnerstag, 11. Mai 2017

Junichiro Tanizaki: Der Schlüssel

Er will, aber er kann nicht immer, meistens dann nicht, wenn sie will. Sie will immer, aber nie so, wie er will. Das Sexualleben von Ehepaaren kann kompliziert sein. Insbesondere, wenn man die Dinge nicht beim Namen nennt. So geschehen in dem Tagebuch-Roman "Der Schlüssel" von Junichiro Tanizaki, indem ein Ehepaar im Japan der 50er Jahre versucht, seine sexuellen Vorlieben in Einklang zu bringen.
Dieser Roman hat seinerzeit für Furore gesorgt, zumal Herr Tanizaki die Dinge beim Namen genannt hat, was so manchem Zeitgenossen die Schamröte ins Gesicht getrieben hat. Dies hatte zur Folge, dass in Japan ein Verbot dieses Romanes angestrebt wurde.

Auch wenn dieser Roman einem Leser heutzutage mit Sicherheit keine Schamröte ins Gesicht treiben wird, ist er doch prickelnd unterhaltsam und sehr besonders. Was sich anfangs als ein Konflikt zwischen zwei Eheleuten darstellt, entwickelt zum Ende fast schon kriminalistische Züge.

Zwei Eheleute - "der Professor" und seine Frau Ikuko - schreiben Tagebuch. Da sie nicht miteinander reden können, nutzen sie die Tagebücher als Mittel zum Zweck. In der Hoffnung, dass der Partner heimlich das Tagebuch des anderen liest, vertrauen sie ihrem Tagebuch ihre Wünsche und Gedanken an. Großes Thema der Tagebücher ist das Sexualleben der beiden Eheleute. Er und sie gehen unterschiedlich mit diesem Thema um. Sie ist die Schamhafte, geprägt von der Erziehung durch ein traditionsbewusstes Elternhaus. Ihre Scham verbietet ihr, über dieses Thema zu sprechen. Er respektiert zähneknirschend ihre Zurückhaltung und versucht, ihr in seinem Tagebuch seine erotischen Wünsche und Träume zu vermitteln. Das Tagebuch wird somit zum probaten Mittel der Erotik-Kommunikation.
"OBWOHL WIR SEIT ÜBER ZWANZIG JAHREN VERHEIRATET SIND UND EINE TOCHTER HABEN, DIE IM HEIRATSFÄHIGEN ALTER IST, IST MEINE FRAU IM BETT IMMER NOCH STUMM WIE EIN FISCH, WECHSELT NICHT DAS KLEINSTE WORT MIT MIR. IST DAS EIN EHEPAAR? ICH SCHREIBE DAS, WEIL ICH DIE FRUSTRATION DARÜBER, DASS MIR JEDE GELEGENHEIT VERWEHRT WIRD, MIT IHR DIREKT ÜBER SCHLAFZIMMERDINGE ZU SPRECHEN, MICHT MEHR ERTRAGEN KANN." (S. 10)
Sie spricht zwar nicht über Sex, doch ihr Liebeshunger ist fast unstillbar. Sie fordert ihren Mann, wann immer er kann. Doch mit den Jahren kann er nicht immer. Das Schritthalten mit seiner Frau fällt ihm schwer, zumal seiner Standfestigkeit auch die nötigen Anreize fehlen.

Mit dem Äußern seiner Vorlieben im Tagebuch erhofft er sich, dass seine Frau auf ihn eingeht. Nur blöd, wenn sie ihm einen Strich durch die Rechnung macht, indem sie zwar von seinem Tagebuch magisch angezogen wird, jedoch ihre Neugier im Griff hat.
"Halb hasse ich meinen Mann, halb liebe ich ihn. Eigentlich passen wir nicht zusammen, aber deshalb suche ich mir nicht einfach einen anderen. Der Grundsatz der ehrsamen Ehefrau ist so tief in mir verankert, dass ich mich nicht darüber hinwegsetzen kann." (S. 24)
So wird spekuliert. Hat sie oder hat sie nicht in seinem Tagebuch gelesen? Genauso wenig wie sich sagen lässt, ob er in ihrem Tagebuch liest. Die beiden scheinen sich im Kreis zu drehen. Anstatt miteinander zu sprechen, machen sie die Kommunikationsprobleme mit sich selber aus. Beliebte Fragen sind dabei: Was meint er/sie jetzt mit dem, was sie sagt? Ist seine/ihre Aussage ernst gemeint? Er /sie muss doch etwas anderes mit seinem/ihrem Verhalten bezwecken? Nur was?
Das Miteinander der beiden basiert sozusagen auf wackeligen Spekulationen.

Ein wesentlicher Ansporn für die Standfestigkeit des Professors ist seine Eifersucht. Da kommt ihm der gut aussehende Verlobte der gemeinsamen Tochter gerade recht. Er treibt seine Frau in die Arme des Schwiegersohns in spe und befeuert seine Libido mit seiner Eifersucht.

So wird die Handlung ein flottes Hin und Her der Spekulationen zwischen den einzelnen Charakteren: wer mit wem, und ob überhaupt. Durch die Tagebucheinträge des Ehepaares, kommt der Leser in den Genuss, die Handlung aus zwei Sichtweisen mitzuerleben. Diese Sichtweisen stimmen jedoch nur in den wenigsten Punkten überein. Die Eheleute sind sich einfach mit den Jahren fremd geworden und tun sich schwer damit, sich in den anderen hineinzuversetzen.
"ALLERDINGS WIRD SIE, JE MEHR ICH BETONE NICHTS GELESEN ZU HABEN, NUR DENKEN, ICH HÄTTE DOCH GELESEN. SO IST SIE. UND DA SIE DOCH NUR GLAUBT, ICH HÄTTE IHR TAGEBUCH GELESEN, OBWOHL DEM NICHT SO IST, KÖNNTE ICH ES EBENSOGUT TATSÄCHLICH LESEN, DOCH DAS TUE ICH AUF KEINEN FALL." (S. 68)
Im Verlauf der Handlung macht jeder der Charaktere eine interessante Entwicklung durch.

Der Professor, mit dem man anfangs Mitleid haben kann, verliert an Sympathiepunkten, da er scheinbar nur noch hormongesteuert handelt und sich in seinem Eifersuchtswahn verliert.

Ikuko tut die Verbindung zu dem Schwiegersohn gut. Sie scheint selbstbewusster zu werden und sich von den, durch ihre Erziehung auferlegten Moralvorstellungen zu lösen, was sich auch an Äußerlichkeiten bemerkbar macht. Ihr Kimono wird durch ein schickes Kostüm abgelöst.

Der Schwiegersohn entwickelt sich vom gutaussehenden Frauentraum zu einem Liebhaber, der Sehnsucht nach seiner Liebsten hat, aber den das schlechte Gewissen gegenüber ihrem Ehemann plagt. Stellt sich nur die Frage, warum er kein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Verlobten hat.

Seine Verlobte , also die Tochter von Ikuko und ihrem Gatten, war für mich von Anfang bis zum Ende des Romanes ein einziges Rätsel. Sie macht bei dem Verwirrsspiel mit und hält quasi die Hand über dem Techtelmechtel ihrer Mutter und ihrem Verlobten. Einerseits scheint sie dieses Possenspiel ihrer Liebsten abzuschrecken, andererseits mischt sie jedoch fleißig mit. Ein Verhalten, das für mich nicht nachvollziehbar ist. 

Die vorliegende Ausgabe des cass verlags ist im Doppelpack übersetzt worden, was für mich sehr gelungen ist. Jürgen Stalph gibt die Einträge des Ehemannes wieder, von Katja Cassing stammt die Übersetzung von Ikukos Einträgen. So verleiht jeder der beiden Übersetzer seinem Part einen persönlichen Stil, was die Tagebucheinträge sehr authentisch macht. Es fällt leicht, sich innerhalb der Einträge zu orientieren, da auch die Schrift des Buches einen Unterschied zwischen Mann und Frau macht.

Fazit:
Ein ungewöhnliches Buch, insbesondere in Anbetracht der Zeit zu der es erstmalig veröffentlicht wurde. Was in den 50er Jahren die Gemüter erhitzt hat, trägt heutzutage eher zur Belustigung bei. Sehr unterhaltsam sind die Spekulationen, denen sich die Charaktere hingeben. Dadurch wir dieser Roman zu einem echten Verwirrspiel, das sich erst zum Ende hin aufklären wird. Leseempfehlung!

© Renie






Über den Autor:
Junichiro Tanizaki (1886–1965) war Mitglied der Japanischen Akademie der Künste, Träger des Kaiserlichen Preises für Dichtung und lange Jahre Nobelpreiskandidat. 1956, im Jahr seines Erscheinens, löste Kagi (»Der Schlüssel«) in Japan eine Pornographiedebatte aus. Tanizaki war damals siebzig. Zu dem vielfach geforderten Verbot des Romans kam es aber nicht. In den Folgejahren wurde das Werk in alle Kultursprachen der Welt übersetzt, auch mehrfach verfilmt. (Quelle: cass verlag)

Sonntag, 7. Mai 2017

Hermann Hesse, Marie Wolf (Ill.): Kinderseele


Kandierte Feigen hatten es dem damals 11-jährigen Hermann Hesse angetan. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und schwups, stiebitzt er sie aus dem Arbeitszimmer seines Vaters. Die Folge sind Seelenqualen und Angst vor Entdeckung und Strafe. Jahre später verarbeitet Hesse dieses gravierende Erlebnis in seiner Erzählung "Kinderseele".
Die Kindheit von Marie Wolf, die die vorliegende Ausgabe der Edition Büchergilde illustriert hat, fand ca. 100 Jahre später statt, um genau zu sein, in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts. Die Kindheit verändert sich im Laufe der Zeit, doch die Ängste eines Kindes bleiben die gleichen - egal um welche Epoche es sich handelt.

So ist es Marie Wolf mit ihren Zeichnungen gelungen, die Erzählung aus einer Zeit, wo noch "Zucht und Ordnung" herrschte, auf eine lässigere und scheinbar ungezwungere Zeit zu adaptieren.

Ihre Zeichnungen sind im Stil der 90er gehalten: farbenfroh und verspielt. Dabei beweist Marie Wolf sehr viel Sinn fürs Detail. So findet man Karottenhosen, Bonanzaräder, Gameboys, Ballonjacken. Dieses bunte Szenario bildet einen krassen Kontrast zu dem doch eher düsteren Umfeld, das Hermann Hesse in seiner Erzählung schildert. Sein Wohnhaus gleicht einer Gruft, in dunklen Farben gehalten und Stille, die ihn fast erdrückt. Sein Tagesablauf ist von strengen Regeln geprägt. Drei Mahlzeiten im Kreis der Familie, Hausaufgaben, Unterricht und natürlich der sonntägliche Kirchgang bzw. der Besuch der Sonntagsschule mit anschließendem Familienspaziergang. Kindsein war damals nicht leicht. Vermutlich gab es damals keine Kinder mit ADHS oder mit (zu) viel Energie. Denn die wurde im Keim erstickt. Kindsein bestand damals aus dem strikten Einhalten von Regeln, Gottesfurcht und das Ehren von Vater und Mutter.
"Da mit dem Duft von Stein und feuchter Kühle überströmte mich plötzlich Erinnerung, hundertfach. O Gott! Es roch nach Strenge, nach Gesetz, nach Vater und Gott." (S. 51)
Quelle: Kirchner PR/Edition Büchergilde
Insbesondere sein (Über-)Vater hatte einen großen Teil zu Hesses Kindersorgen und Angst beigetragen. In seiner Beschreibung erinnert der Vater eher an einen Gott. Zwischen Vater und Sohn herrschte eine riesengroße Distanz, die allein der Vater überbrücken konnte. Doch statt Liebe und Zuneigung ließ er den kleinen Hermann nur Strenge spüren. Er präsentierte sich selbst als tadellos und unbescholten - ein Mann von Zucht und Ordnung sowie Hüter von Sitte und Moral. Und Hermann war darauf bedacht, ein folgsamer Sohn zu sein, und es seinem Vater recht zu machen. Teilweise hasste Hermann seinen Vater für dessen Perfektion und Anspruch an ihn, der unmöglich zu erfüllen war. Und aus diesem Zorn heraus, stahl er seinem Vater todesmutig ein paar kandierte Feigen, damals eine Köstlichkeit, heute kann man wahrscheinlich kein Kind damit locken. Erschrocken über seine eigene Dreistigkeit, litt er die folgenden Tage Höllenqualen. Sein schlechtes Gewissen machte ihm zu schaffen, seine Frömmigkeit trug ihr Übriges dazu bei, und natürlich war da noch die Angst vor Entdeckung und Strafe, die am Ende auch eintraten.
"Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand." (S. 20)
Jedes Kind, egal in welcher Zeit es lebt, kennt dieses Gefühl. Eine vermeintliches "Bagatellvergehen" entwickelt sich zu einer "Todsünde". Hesse beschreibt diese Seelenqualen, die er damals durchmachte, sehr eindrucksvoll. Die Nöte einer Kinderseele sind damals wie heute in etwa die gleichen. Nur das Verhältnis zwischen Eltern und Kinder hat sich bei den meisten Familien heutzutage etwas entspannt. Die Kluft zwischen Vater und Sohn ist nicht mehr so groß wie in Hesses Kindheit. Fast scheint es, als ob heutzutage ein Vater-Sohn-Verhältnis auf Augenhöhe angestrebt wird. Die Bereitschaft zur Diskussion mit seinem Kind ist bei der heutigen Erziehung deutlich gestiegen - auch, wenn dies nicht immer pädagogisch ratsam ist.

Illustration: Marie Wolf
Marie Wolf verpasst ihren Figuren Tierköpfe. So hat der kleine Hermann den Kopf eines Äffchens mit dicken runden Kulleraugen, seine Schwestern haben die Köpfe von Zicken (Mädchen halt ;-)). Den Vater ziert ein Adlerkopf mit einer "Vokuhila"-Frisur. (Danke an Marie Wolf, dass sie auf dieses Symbol der 90er Jahre nicht verzichtet hat). Der Adler war schon immer ein Symbol der Macht, so dass Marie Wolfs Auswahl für die Vaterfigur mehr als passend ist. (Die Mutter ist im Übrigen die personifizierte Kuh, was mir als Mutter schon ein bisschen weh tut ;-)) 


Fazit:
Hermann Hesse ist immer lesenswert. Seine Erzählung "Kinderseelen" ist ein sehr persönliches Buch, welches demonstriert, dass Kindsein und Kindsein-Lassen in der Welt der Erwachsenen eine fast unlösbare Herausforderung ist, damals wie heute. Die farbenfrohen Illustrationen im Stil der 90er Jahre von Marie Wolf unterstreichen die Zeitlosigkeit dieser Erzählung und gewähren einige Erinnerungsmomente an eine Zeit, in der viele Leser selbst noch Kind waren.
Ein wunderschönes und immer aktuelles Buch!

© Renie








Über den Autor:
Hermann Hesse (1877–1962) wurde 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur und 1955 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem Der Steppenwolf, Siddhartha, Unterm Rad, Peter Camenzind und Narziß und Goldmund. (Quelle: Edition Büchergilde)



Über die Illustratorin:
Marie Wolf, geboren 1991, studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Seit ihrem Abschluss 2014 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin. Nach Die Wahrheit und dem Kalender Telling Time, einer Zusammenarbeit mit Mehrdad Zaeri, erscheint nun ihr zweites Buch bei der Büchergilde. Weitere Informationen finden Sie unter: www.thisisnoteden.com (Quelle: Edition Büchergilde)

Samstag, 29. April 2017

Lucas Grimm: Nach dem Schmerz

Quelle: Pixabay/falco
In zwei Jahren werden wir den 30. Jahrestag der Maueröffnung feiern. Die Machenschaften des ehemaligen DDR-Regimes liegen also schon lange zurück, haben aber immer noch, nach so langer Zeit, große Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen. Von diesen Auswirkungen erzählt der spannend-düstere Thriller "Nach dem Schmerz" von Lucas Grimm.

Die Kindheit der heute 34-jährigen Star-Cellistin Hannah Gold nahm ein brutales Ende, als sie im Alter von 7 Jahren im Keller der russischen Botschaft in Ostberlin aufs grausamste gefoltert wurde. Ihr Vater, Max Gold, musste dabei zusehen. Als hoher DDR-Funktionär war er Geheimnisträger vieler brisanter Informationen über Ost und West. Mit der Gewalt an seiner Tochter versuchte man, bestimmte Geheimnisse aus ihm herauszupressen, die er jedoch nicht Preis geben konnte oder wollte. Hannah kam damals mit dem Leben davon, ihr Vater nach Sibirien, wo er während seiner Gefangenschaft verstarb.

Heute, nach 27 Jahren, ist Hannah zwar eine gefeierte Cellistin, doch aller Ruhm lenkt nicht davon ab, dass sie damals in Berlin massive seelische Schäden erlitten hat, die sie ihr Leben lang begleiten werden. Einige Zeit nach dem entsetzlichen Vorfall stellte man fest, dass sich Hannahs Schmerzempfinden verändert hatte. Sie kann bis heute keine körperlichen Schmerzen empfinden.
"'... Noch vor vier, fünf Jahren habe ich in den Fingerkuppen die Saiten gespürt. Ich habe gespürt, wenn ich über die Windungen geglitten bin. Seitdem wird es immer weniger. Ich fühle die Saiten nicht mehr. Weißt du, was das heißt? Vielleicht ist es egal, wenn man Bläser ist, oder Paukist, aber nicht, wenn man ein Streichinstrument spielt. Das ist wie ein Koch, der seinen Geschmackssinn verliert. Irgendwann werde ich gar nichts mehr fühlen.'" (S. 186)
Quelle: Piper
Hannah versucht, mit ihrer Vergangenheit ins Reine zu kommen. Denn die Frage, die sie permanent begleitet und nicht zur Ruhe kommen lässt, ist die nach der Schuld ihres Vaters. Konnte er die heiß begehrten Geheimnisse, die der Anlass für ihre Folterei waren, nicht zur Verfügung stellen, weil er sie nicht hatte? Oder wollte er die Informationen nicht zur Verfügung stellen, weil diese ihm wertvoller erschienen als die Gesundheit seiner Tochter?
Sie erhofft sich Antworten auf diese Fragen, indem sie herausfinden will, um welche Geheimnisse es damals ging.

Auch heute noch scheinen diese Informationen einen unermesslichen Wert zu haben. Warum tauchen auf einmal Leute auf, die sich immer noch für diese Informationen interessieren und auch nicht davor zurückschrecken, diese mit aller Gewalt zu erhalten.

Unterstützung erhalten sowohl Hannah als auch ihre Feinde von dem Journalisten David Berkoff, der sich vor einiger Zeit einen Namen als Kriegs- und Enthüllungsreporter gemacht hat, seinen besten Zeiten aber schon lange hinterher rennt. Er ist eher ein abgewrackter Schreiberling als ein strahlender Starreporter, wozu sein Alkohol- und Drogenkonsum einiges beiträgt. So spielt er also ein doppeltes Spiel, das er sich fürstlich entlohnen lassen möchte. Er präsentiert sich Hannah als Retter und Unterstützer in der Not und hofft so, an die wichtigen Informationen zu geraten, für die seine Auftraggeber bereit sind zu töten.
"Aber die meiste Zeit war sein Alkoholpegel hoch genug gewesen, um zu glauben, er sei nicht wirklich bestechlich. Er könnte sich moralisch sauber halten. Wenn der Pegel allerdings, wie jetzt, unter ein Promille fiel, sah er, dass das eine Lüge war." (S. 123)
Hannah und Berkhoff geben eine interessante Paarung ab. Beide sind mit einem labilen Seelenkostüm ausgestattet, beide ecken bei ihren Mitmenschen an, beide sind auf ihren eigenen Willen fixiert und versuchen, diesen ohne Rücksichtnahme auf andere durchzusetzen.

Auffällig ist, dass in Lucas Grimms Thriller kein Charakter dabei ist, auf den man als Leser mit Sympathie reagiert: Hannah hat mit ihrer Schmerzlosigkeit etwas von einem Freak, Berkhoffs unmäßiger Alkoholkonsum ist ekelerregend, sein falsches Spiel gegenüber Hannah liefert auch keine Sympathiepunkte, und seine Auftraggeber nebst Entourage sind die Verkörperung von Skrupellosigkeit und Boshaftigkeit.

Dieser Thriller ist megaspannend. Lucas Grimm beschreibt in seinem Roman einige dunkle Abgründe, in die sich ein Mensch begeben kann. Beim Lesen wird man kein Wohlgefühl empfinden sondern eher Beklemmung und Fassungslosigkeit über die geschilderten Machenschaften. Besonders gelungen sind die Verfolgungsjagden in dieser Geschichte. Verfolgt wird i. d. R. Hannah. Da der Roman u. a. aus ihrer Perspektive geschrieben ist (eine weitere Erzählperspektive ist die von Berghoff), spürt man die Bedrohung, der Hannah ausgesetzt ist, fast schon körperlich. Der Adrenalinpegel steigt daher beim Lesen fast schon ins Unerträgliche an.
"Sie spürte, dass ihre Wut stärker wurde. Wechsel von Moll zurück nach Dur. Irgendeine schwere Tonart. Fis-Dur, weil es mit seinen sieben Kreuzen synästhetisch Wut bedeutet." (S. 34)
Eine Besonderheit dieses Thrillers ist seine Sprache. Denn Lucas Grimm unternimmt - ganz im Sinne seiner Protagonistin - immer wieder sprachliche Ausflüge in die Musik, indem er Stimmungen in Tonarten beschreibt. Dadurch ergibt sich ein faszinierender Kontrast zwischen der Schönheit von Musik und der Hässlichkeit der hier geschilderten menschlichen Abgründe.

Fazit:
Ein sehr gelungener Thriller, der uns Einblick in verstörende seelische Abgründe verschafft und durch seine kontrastreiche Sprache besticht. Der Leser wird unter Hochspannung gesetzt, zum Durchatmen kommt er erst zum Ende des Romans. Leseempfehlung!

© Renie





Über den Autor:
Lucas Grimm ist das Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautors, der sein Leben jahrelang als Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Entrepreneur gefristet hat. Nach einem Schicksalsschlag ist er mehrere Monate durch Amerika, Indien, Tansania und Israel gereist und hat begonnen zu schreiben. 2017 erschien sein erster Roman "Nach dem Schmerz".



Donnerstag, 20. April 2017

Sven Amtsberg: Superbuhei

Quelle: Pixabay / AmberAvalona
Nachdem ich die ersten Seiten aus Sven Amtsbergs "Superbuhei" gelesen hatte, war dieses Buch für mich bereits ein Kultbuch. Von dieser Meinung bin ich auch bis jetzt nicht abgewichen. Natürlich stellt sich mir die Frage, wie ich überhaupt darauf komme? Was macht einen Roman eigentlich zu einem Kultbuch? Gibt es diesen Begriff überhaupt? Welche Eigenschaften hat ein Kultbuch? Für mich könnten es diese hier sein, allesamt in "Superbuhei" zu finden:
  • ein ungewöhnlicher Protagonist, vorzugsweise als Ich-Erzähler, der mit seinem Leben hadert
  • ein Milieu, fernab von der "heilen Welt": Kneipe, Alkohol, Drogen, trostloses Umfeld
  • Nostalgie, in Form von Musik, die man in seiner Kindheit gehört hat
  • unzählige Klebezettel, die die beeindruckendsten Textstellen markieren und darauf hinweisen, dass der Autor sehr viel zu sagen hat
"Es stimmt schon, dass das Leben ohne Alkohol leichter ist. Es fühlt sich nur nicht so an." (S. 47)
Jesse Bronske ist der ungewöhnliche Protagonist und Ich-Erzähler aus "Superbuhei". Dass er mit seinem Leben hadert ist unbestreitbar. Der Mann hat wirklich Probleme, angefangen beim Alkohol bis hin zu Paranoia und Depressionen.
Er betreibt das "Klaus Meine", eine Kneipe in dem Supermarkt "Superbuhei" in Hannover. Man ahnt es, er ist Scorpions-Fan, insbesondere zu dem Sänger der Scorpions, Klaus Meine, verspürt er eine tiefe Verbundenheit. In der Kneipe läuft den lieben langen Tag die Musik der Scorpions - nichts anderes. Den Stammgästen - andere Gäste verirren sich nicht hierhin - ist dies egal. Ihnen liegt nur daran, in möglichst schneller Zeit einen Alkoholpegel zu erreichen, der das Leben für sie erträglicher macht. Das "Klaus Meine" öffnet morgens um 10 Uhr. Bis abends, zum Geschäftsschluss, haben die Stammgäste Zeit, sich die Kante zu geben, woran sie auch intensiv arbeiten.

Steht Jesse nicht hinter der Theke seines "Klaus Meine", lebt er mit Mona zusammen, einer Kassiererin aus dem Superbuhei. Beide wohnen in dem Haus von Monas verstorbenen Eltern. Home sweet home ist anders. Denn das Haus überzeugt eher durch Schmuddeligkeit als durch Heimeligkeit. Baufällig und marode steckt der Mief von zig Jahren in seinen Mauern. Das Haus ist vollgespickt mit Dingen, die Monas toten Eltern gehörten. Eine Käfersammlung und Monas Sonnenbank im Wohnzimmer, tragen ihr Übriges zum (Un-)Wohlfühlfaktor bei.
"Wir streiten oft. Vor allem sonntags, wenn der ganze Tag in seiner Ödnis und Weite vor uns liegt. Nicht selten habe ich dann das Gefühl, sie gäbe mir die Schuld für die Langeweile, so wie sie auch mich dafür verantwortlich macht, dass unser Leben nun einmal ist, wie es ist. Dass es nur wenig von den Filmen hat, die sie im ZDF zeigen. Unser Leben ist eher wie RTL II." (S. 84)
Man fragt sich, welche Zukunftsperspektive Jesse hat? Und so wie er sich in diesem Roman präsentiert, bleibt als einzige Antwort: "Gar keine". Sein Leben besteht aus Eintönigkeit und Durchschnittlichkeit. Es gibt keine herausragenden Ereignisse, die auf eine rosige Zukunft hoffen lassen. Jesse versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben, indem er sich krampfhaft auf die Suche nach seinen verborgenen Talenten begibt, die seinem eintönigem Durchschnittsdasein einen tieferen Sinn geben sollen. Vom Tennisspielen bis hin zu schriftstellerischen Ambitionen war schon alles dabei. Gebracht hat es nur nichts.

Wenn die Gegenwart mies ist, die Zukunft auf nicht hoffen lässt, fragt man sich, was in Jesses Vergangenheit passiert ist, dass er sich in dieser Situation befindet.
Der Leser erfährt durch Jesse, dass er in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Die Familie Bronske bestand aus den Eltern, Jesse und seinem Zwillingsbruder Aaron. Die "Flucht aus der Eintönigkeit" schien auch ein Thema zu sein, das seine Eltern beschäftigt hat. Allerdings jeden für sich. Der Vater versucht sein Glück als erfolgloser Elvis-Imitator, die Mutter sucht ihr Glück bei einem anderen Mann.

Die Zwillinge sind bereits im jugendlichen Alter als die Mutter die Familie verlässt. Sie bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Jahre später hat sich die Eingeschworenheit jedoch in Luft aufgelöst. Jesse fühlt sich als Erwachsener von seinem Zwillingsbruder bedroht. Man fragt sich, wie es dazu gekommen ist, dass Jesse diesen Hass auf seinen Bruder entwickelt hat. Diese Frage könnte wahrscheinlich Aaron beantworten. Also wartet man als Leser auf das Erscheinen von Aaron. Dieser lässt allerdings auf sich warten. Die Bedrohung durch ihn ist zwar ständig präsent, aber eben nur die Bedrohung. Denn Aaron selbst bleibt im Hintergrund und nimmt zunächst persönlich keinen Einfluss auf die Handlung.
"Mutter hatte uns oft von Kain und Abel erzählt. Wir hatten ihr immer versprechen müssen, nie so zu werden. Was wir getan haben, trotzdem frage ich mich, was, wenn wir doch so werden würden, wer wäre dann wer? Bin ich der, der erschlägt? Oder der, der erschlagen wird?" (S. 44)
"Superbuhei" ist ein stimmungsgeladenes Buch. Es beginnt als lustiges Buch mit einem sehr skurrilen Humor. Man trifft auf viele Lebensweisheiten, die fast schon philosophische Ansätze haben. (Alcäus lässt grüßen: In vino veritas!) Dieser Humor wird von der unterschwelligen Bedrohung durch Aaron begleitet. Irgendwann kippt die Stimmung. Jesse zeigt plötzlich Verhaltensweisen, die den Leser an seinem Geisteszustand zweifeln lassen und seine Aussagen bezüglich seines Bruders in Frage stellen.

Zum Ende fragt man sich, ob man sich nicht tatsächlich in einem Thriller oder Horrorroman befindet. Denn dank Jesse und seinem merkwürdigen Verhalten wird die Stimmung unheimlich gruselig.

Sven Amtsberg lässt uns schließlich mit einem ganz fiesen Ende zurück - offen wie ein Scheunentor und mit ganz viel Raum für Spekulationen.

Noch eine Anmerkung zu dem Bezug zu den Scorpions. Der Sound dieser Band aus Hannover begleitet den Leser durch das komplette Buch. Mir ist der eine oder andere Song hier begegnet, dessen Melodie ich nicht aus dem Kopf bekommen habe. Allen voran natürlich das Gepfeife aus "Winds of Change". Sven Amtsberg hat auch die einzelnen Kapitel mit Songtitel der Scorpions versehen. Wer also bis dato nicht viel mit den Scorpions am Hut hatte, wird spätestens nach diesem Buch ein besonderes Augenmerk auf diese Band haben.

Beenden möchte ich meine Rezension mit der Wikipedia-Definition zu "Kultbuch"

Wikipedia sagt:
In einem Kultbuch wird das Lebensgefühl einer speziellen (meist jugendlichen) Gruppe besonders eindringlich widergespiegelt und von dieser Gruppe jeweils sehr geschätzt.
(Das trifft auf Superbuhei nur bedingt zu: widergespiegeltes Lebensgefühl einer Gruppe ja, von ihr geschätzt, definitiv nein)
Der Begriff hat sich in den 1970er Jahren im (west)deutschen Sprachgebrauch herausgebildet und ist die analoge Bildung zum Kultfilm. Kultbücher gelten als unverwechselbare Werke (das ist Superbuhei definitiv), sind auf eine bestimmte Leserschaft ausgerichtet (stimmt, Superbuhei ist kein Mainstream-Buch) und können zu Bestsellern werden (das hoffe ich doch). .......

Für mich hat "Superbuhei" definitiv das Zeug zu einem Kultbuch. Daher gibt es von mir natürlich auch eine Leseempfehlung!

© Renie



Über den Autor:
Sven Amtsberg, geboren 1972 in Hannover, lebt in Hamburg und ist Autor, Veranstalter und Moderator diverser Entertainmentformate.
Er betreibt das Autorendock, eine private Autorenschule, an der Dozenten wie Juli Zeh, Clemens Meyer oder Tilman Rammstedt Seminare geben. Für das Hamburger Abendblatt schrieb er die wöchentliche Kolumne "Amtsbergs Ansichten". Zuletzt erschien sein Erzählband "Paranormale Phänomene. Fast wahre Geschichten", nun folgt mit "Superbuhei" sein Romandebüt. (Klappentext)

Montag, 17. April 2017

Christine Wunnicke: Katie

Quelle: Pixabay / Mysticsartdesign
"Eine herrlich übersinnliche Geschichte, und das Beste: Es ist alles wahr. Wirklich."
Florence Cook, die Protagonistin dieses Romanes, war zu ihrer Zeit ein berühmtes Medium. Ein Medium bezeichnet eine Person, die bei einer spiritistischen Sitzung oder Séance in Kontakt mit Toten oder Geistern treten und deren Nachrichten aus dem Jenseits ins Diesseits übermitteln kann. Dies geschieht, indem das Medium von dem Toten oder Geist "besessen" wird ("Poltergeist" lässt grüßen). Der Tote spricht nun durch das Medium zu den Teilnehmern der Séance im Diesseits. Es gibt allerdings auch Tote und Geister, die zu schüchtern sind, um mit der Nachwelt zu plaudern. Diese wissen dann durch Stühlerücken, schwebender Gegenstände oder ähnlichem zu beeindrucken. Man mag es glauben oder nicht, doch unterhaltsam ist es alle Male. Zwischen 1850 und 1890 boomten die Séancen. Sie fanden im kleinen intimen Kreis statt oder wurden als Massen-Event gestaltet. Ein Star der Londoner Szene war in dieser Zeit Florence Cook.
Von Florence handelt dieser ungewöhnliche Roman von Christine Wunnicke. Stellt sich nun die Frage, wer "Katie" ist und welche Rolle sie in dem gleichnamigen Roman spielt. 
"'Ihre Florrie wird eine Hübsche werden", hatte der Arzt zu Mutter gesagt, und es hatte bedrohlich geklungen. Kaum eine ist hübsch, wusste Florence, dass sie deshalb berühmt wird. Und wenn doch, geht es moralisch schief. Das heißt dann 'berüchtigt'." (S. 15)
Katie ist eine ungewöhnliche Frau mit einer strahlenden Erscheinung. "Ungewöhnlich" - weil sie schon lange tot ist; "strahlende Erscheinung", weil sie als ebendiese im Diesseits erscheint. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hat sie sich Florence als Medium ausgesucht und geistert nun im viktorianischen puristischem London umher. 
Quelle: Kirchner PR/Berenberg

Florence (oder Florrie) ist ein junges Mädchen aus behütetem Elternhaus, das die Rolle des Mediums in Perfektion beherrscht.

Einen großen Anteil an ihrem Ruhm hat ihre ehrgeizige Mutter, die schnell erkennt, dass Florries Talent sehr lukrativ sein kann.

So groß der Hype um die parapsychologische Szene auch war, gab es natürlich auch Zweifler. Insbesondere Wissenschaftler versuchten, diese übersinnlichen Veranstaltungen entweder als Humbug zu entkräften oder einen Beweis für die Echtheit der Erscheinung zu finden. Einer davon war Sir William Crookes (man beachte die Namensähnlichkeit zu Florence Cook). Crookes war britischer Physiker, Chemiker, Wissenschaftsjournalist und Parapsychologe - also durchaus ein Fachmann auf dem Gebiet der Geistererscheinungen. Anfangs ein Skeptiker, hat er sich in seinen letzten Lebensjahren vom Spiritismus begeistern lassen. Ob Florence /Katie ihren Teil dazu beigetragen haben, den Wissenschaftler zu überzeugen? Denn in Christine Wunnickes Roman treffen Crooke und Florence aufeinander, als der, bis dahin erfolglose Wissenschaftler, mit einem Gutachten über Florence und ihre Glaubwürdigkeit beauftragt wird. Als Forschungsobjekt von ihrer Mutter zur Verfügung gestellt, zieht Florence in das Haus des Forschers, wo sie am Crookesschen Familienleben teilnimmt. 
"Crookes merkte, wie sein Hals zu schwellen begann. Dies geschah ihm in letzter Zeit öfter. Er wusste nicht, ob es Zorn war oder sein inneres, ängstliches Abdrücken der Luft. Er schätzte, den Spiritismus nicht sehr. Nur wenig hatte er bislang darin dilettiert, kaum drei-, viermal selbst gesessen. Doch in Gelehrtenkreisen war ihm nicht zu entkommen." (S. 27)
Sir William Crookes sieht Florrie als Möglichkeit, aus seinem Forscherdurchschnittsdasein herauszukommen. Auf die eine oder andere Weise will er Ruhm erlangen. Entweder als derjenige, der Florrie als Betrügerin entlarvt oder als derjenige, dem es gelingt, das Geheimnis einer Geistererscheinung zu lösen.

Zusammen mit Florrie zieht auch Katie in das Haus der Familie Crookes ein. Hier geistert sie umher und beglückt die Bewohner des Hauses auf die eine oder andere Art. Katies Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman. Sie war zu Lebzeiten eine sehr sinnliche Frau, was sie auch als Tote nicht abgelegt hat. Insbesondere die männlichen Bewohner des Wissenschaftlerhaushaltes erleben Katie von dieser ganz besonderen Seite.

Ist sie nun Wirklichkeit, eine Ausgeburt der Fantasie oder fauler Zauber? Crookes gibt alles, um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Und auch als Leser ist man sich nicht sicher, was es mit der strahlenden Erscheinung von Katie auf sich hat. Auch bei Florrie hat man große Zweifel. Einerseits sieht man sie als kindliches Opfer, von ihrem Umfeld ausgenutzt, allen voran natürlich ihre ehrgeizige Mutter. Andererseits erstaunt sie aber durch ihre unberechenbaren Handlungen. Liegt ihre Unberechenbarkeit an einer tatsächlichen Besessenheit durch den Geist Katie oder an ihrer Durchtriebenheit? Oder gar an einer psychischen Erkrankung? Man weiß es nicht, wird es auch bis zum Ende dieses Romanes nicht in Erfahrung bringen. 
"Zuschauer waren aufgesprungen und strebten zur Bühne. Sie reckten die Hände nach Katie. Sie lächelte. Ihre Zähne strahlten. Sie neigte sich ein wenig vor und näherte ihre Hände den Händen der Zuschauer, ohne sie indes zu berühren. Die Geste hatte etwas Spöttisches, etwas Segnendes, etwas sehr Hübsches an sich." (S. 151)
Dieser Roman ist mit all seiner Übersinnlichkeit ein sehr lustiger Roman, was auf die Gestaltung der Charaktere zurückzuführen ist. 
Christine Wunnicke versetzt uns in ein Kabinett der Skurrilitäten. Keiner ihrer Charaktere erzeugt Sympathien. Bestenfalls für Florence empfindet man Mitleid, das sich jedoch in Grenzen hält. 
Fast schon süffisant macht die Autorin sich über ihre Charaktere lustig. Das ist ansteckend und hat einen sehr hohen Unterhaltungswert. 

Mein einziger Kritikpunkt an diesem Roman bezieht sich auf den Sprachstil: Im Großen und Ganzen konnte mich Christine Wunnicke durch ihren locker-leichten Sprachstil überzeugen. Allerdings versucht sie in einigen Passagen dieses Romanes dem wissenschaftlichen Charakter gerecht zu werden. Insbesondere in den Szenen um Crookes schmückt sie ihren Sprachstil mit wissenschaftlichen Fachtermini aus, die mir zu viel des Guten sind. Dies mag an meiner fehlenden naturwissenschaftlichen Ader liegen. Leser mit einer entsprechenden Neigung werden mit Sicherheit ihren Spaß daran haben. 

© Renie




Über die Autorin:
Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München. Sie schreibt Hörspiele, biografische Literatur und Romane. 2002 erhielt sie für ihre Biografie des Kas­tratensängers Filippo Balatri, »Die Nachtigall des Zaren«, den Bayerischen Staatsförderungspreis für Literatur. Für den Roman »Serenity« bekam sie 2008 den Tukan-Preis. Ihr Roman »Der Fuchs und Dr. Shimamura« – ihr zweites Buch im Berenberg-Programm – war 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert (Longlist). (Quelle: Berenberg)

Mittwoch, 12. April 2017

André Milewski: Die Totentafel

Quelle: Pixabay/ESD-SS
Wer mich und meinen Blog kennt, weiß, dass meine zweite Leseheimat die Lesecommunity Whatchareadin ist. Hier bin ich schon auf viele Buch-Affine und somit Gleichgesinnte gestoßen. Bei Whatchareadin tummeln sich nicht nur Leser sondern auch Autoren. Einer davon ist André Milewski. Wir sind uns virtuell schon häufiger in diversen Threads begegnet. Auf der Leipziger Buchmesse trafen wir uns dann live und in Farbe. Hier hatte ich das Vergnügen, Andrés aktuellen Thriller "Die Totentafel", den er kurz zuvor veröffentlicht hat, kennenzulernen. Und eines ist schon mal klar: aus diesem Lesestoff werden in Hollywood Filme gedreht.


„Die Totentafel“ ist ein Thriller, dessen Handlung uns nach New York führt, genauer: ins  Metropolitain Museum of Art, noch genauer: in die ägyptische Abteilung dieses Museums.

Der Einstiegsmord dieses Thrillers ist schon sehr spektakulär. Der Mörder hat sich  Anregungen für seine Tat scheinbar beim ägyptischen Totenkult gesucht. Der Tote ist ein Archäologe des Museums. Natürlich bleibt es nicht bei der einen Leiche. Die Aufklärung des Verbrechens übernimmt Detective Heather Rollins. Zusätzlich zu dem Kriminalfall macht André Milewski einen zweiten Handlungsstrang auf: Detective Heather hat sich von ihrem Mann und Kollegen David getrennt. Momentan steuern beide auf eine schmutzige Scheidung zu. Heather und ihr Noch-Ehemann tragen den Scheidungskrieg nicht nur vor Gericht aus. Der Konflikt überträgt sich auch auf ihre Arbeit, so dass aus ehemaligen Kollegen erbitterte Feinde geworden sind.
"Blut fehlte. Das war das Erste, was Heather auffiel, als sie am Tatort ankam. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden, der immer noch jungfräulich weiß schimmerte." (S. 7)
Der Thriller wird aus der Sicht von Heather erzählt. Kurzzeitig gibt es jedoch einen Wechsel in der Erzählperspektive. Und hier hat sich André Milewski ein besonderes Schmankerl einfallen lassen: Der Leser schlüpft in die Rolle des Täters und verfolgt dadurch dessen Gedankengänge oder nimmt teil an seinen Gesprächen. Trotzdem lässt sich nicht vorhersagen, wer der Täter ist. 

Die Handlung wird von einer permanenten unterschwelligen Spannung begleitet, die allein schon dem Szenario geschuldet ist: New York im Winter, die ägyptische Abteilung im Museum, die Exponate, allen voran der Nachbau eines Tempels und natürlich die Totentafel, die eine wichtige Rolle in diesem Thriller spielt. Bei einigen Schlüsselszenen und natürlich beim Wechsel der Erzählperspektive auf den Täter steigt die Spannung extrem an.
"Heather atmete tief durch, drehte sich von der Säule weg und stellte sich direkt in den Durchgang zum Tempel. Das Licht hatte mittlerweile ins Bläuliche gewechselt. Langsam schritt Heather weiter auf den kleinen Tempel zu, dessen Eingang tiefschwarz vor ihr lag. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie war sich nicht sicher, ob dort in der Dunkelheit des Tempels der Schütze lauerte oder ob dieser bereits geflüchtet war." (S. 226)
Die Aufklärung des Verbrechens erweist sich als echte Überraschung. Die subtilen Spuren, die André Milewski während der Handlung auslegt, führen den Leser auf etliche falsche Fährten, so dass man am Ende durch die Enthüllung des Mörders völlig überrumpelt wird. 

Ich habe einen Kritikpunkt der Rubrik „Jammern auf hohem Niveau“: Ich hätte mir gern ausführlichere Informationen über die Totentafel gewünscht, dem Artefakt, das eine wichtige Rolle in diesem Thriller spielt. Als alter „Indiana Jones“-Fan hätte ich mir ein sagenumwobenes Geheimnis um diese Tafel gewünscht. Im Ansatz ist dieses Geheimnis vorhanden, lässt allerdings für meinen Geschmack zu viel Raum für Spekulationen.

Fazit:
Ein sehr gelungener Thriller, der durch seinen Aufbau und den Spannungsbogen überzeugt. Die Handlung durchläuft vom Anfang bis zum Ende eine unterschwellige Spannung, die sich jedoch in gewissen Schlüsselszenen und dem Wechsel der Erzählperspektive ins Extreme steigert. Hinzu kommt der interessante Charakter der Heather Rollins. Hier hat sich der Autor viel Spielraum für weitere Thriller mit ihr gelassen, die er hoffentlich auch noch schreiben wird. 

© Renie


"Die Totentafel" von André Milewski (CreateSpace Independent Publishing Platform)
ISBN: 978-1543281651