Mittwoch, 11. März 2020

Jonathan Coe: Middle England

Quelle: Pixabay/pixel2013
"'... Manche Leute finden ja, wir sind eine ganze Nation harmloser Spinner.'"
"..., die Hecken am Straßenrand, die Pubs, die Gartenzentren, die Mini-Märkte, also alles, was das moderne England so kennzeichnete."
"'Nostalgie ist die englische Krankheit. ... Die Engländer sind von ihrer verdammten Vergangenheit besessen - und wir haben gesehen, wohin das führt. ...'"
Dies sind die Worte eines Mannes, der es wissen muss. Denn er ist Brite. Manche würden ihn als Nestbeschmutzer bezeichnen, hält er doch mit seinen fast schon gehässigen Äußerungen über seine Landsleute nicht hinter dem Berg. Es geht um Jonathan Coe.
In seine Büchern beschäftigt sich der britische Autor, gern mit den Briten und dessen Alltag. Dabei ist er für seinen gnadenlos bissigen Humor in seiner Heimat berühmt berüchtigt.
Quelle: Folio Verlag

Auch sein aktueller Roman „Middle England“ ist eine Gesellschaftssatire auf das englische Königreich, geschildert am Beispiel von mehreren Protagonisten, die miteinander verwandt, befreundet oder bekannt sind. Die Handlung findet während der Jahre 2010 bis 2018 statt. Schauplätze sind vorwiegend Birmingham, welches das Zentrum der West Midlands ist (mittiger geht fast nicht in UK) sowie London. Gemessen an den aktuellen Ereignissen um den Austritt der Engländer aus der EU, kann man diesen Roman durchaus als Pre-Brexit-Roman bezeichnen. Zumindest wird hier im Detail durchleuchtet, wie es zu dem Brexit kommen konnte.

Die Handlung ist geprägt vom Alltag der Protagonisten. Das hört sich erstmal unspektakulär an. Doch man lernt schnell, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Und vor allem die Lustigsten. Lustig zumindest für den Außenstehenden. Denn die Protagonisten in diesem Roman erweisen sich alle als tragische Gestalten, denen das Leben in der britischen Gesellschaft ein Schnippchen schlägt. Dabei werden sie von Coe dermaßen klischeehaft überzeichnet dargestellt, dass ich manches Mal schallend gelacht habe. 
Die Charaktere bilden dabei einen Querschnitt durch die britische Gesellschaft inklusive sämtlicher politischer Ausrichtungen.
"'Es gibt im ganzen Land höchstens zwölf Leute, die verstehen, wie die EU funktioniert, oder gar, wie ihre Bestimmungen mit dem globalen Wirtschaftssystem verzahnt sind. Du verstehst es nicht, und ich verstehe es erst recht nicht, und wenn du glaubst, dass die Menschen in drei Monaten besser Bescheid wissen werden, lebst du im Wolkenkuckucksheim. Die Menschen werden so abstimmen, wie sie es immer tun - mit dem Bauch. ...'"
Jonathan Coe ist ein Meister der Satire. Das „Opfer“ seiner Satire ist die britische Gesellschaft, deren Entwicklung in Zeiten des Pre-Brexit der Autor akribisch herausarbeitet. Als Europäer, der das Theater um den Brexit bestenfalls in der Presse mitverfolgt hat, bekommt man einen ungefähren Eindruck, welcher gesellschaftliche Wandel in Großbritannien stattgefunden hat.
Anfangs konzentriert sich dieser Roman auf das Leben und den Alltag in Großbritannien, doch je näher wir uns in der Handlung dem tatsächlichen Beschluss zum Austritt aus der EU nähern, umso politischer wird der Roman. Denn Coe bindet politische Ereignisse und Stimmungen in die Handlung ein. Seine Protagonisten bekommen direkt oder indirekt mit, welche Auswirkungen der Brexit auf ihr Leben haben wird. 
Insofern bezeichne ich den satirischen Roman „Middle England“ als visionäres Lehrstück zum Thema „Brexit“, das einen Höllenspaß macht – vorausgesetzt, man ist kein Engländer. Denn Jonathan Coe zerpflückt in seinem Buch gnadenlos die englische Seele. Und das kann fies wehtun.
"'Wir sind komplett und hoffnungslos am Arsch. Es ist ein einziges Chaos. Alle rennen herum wie kopflose Hühner. ... Niemand hat damit gerechnet. Niemand war darauf vorbereitet. Niemand weiß, was ein 'Brexit' eigentlich ist. Niemand weiß, wie das geht. Vor eineinhalb Jahren nannten das alle noch 'Brixit'. Niemand weiß, was 'Brexit' bedeutet.'"
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen. Die von mir zitierten Textpassagen aus dem Roman beweisen es: Jonathan Coe geht erbarmungslos mit der britischen Gesellschaft um. Als Nicht-Brite kann man darauf nur mit Schadenfreude reagieren. Doch Vorsicht, lieber Leser: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!

Leseempfehlung!

© Renie


Dienstag, 10. März 2020

Martha Hall Kelly: Und am Ende werden wir frei sein

Quelle: Pixabay/CarlottaSilvestrini
Drei Frauen, drei Schicksale, ein Krieg und die Zeit danach. Darum geht es in dem Roman „Und am Ende werden wir frei sein“ der Amerikanerin Martha Hall Kelly.
Ihr Roman beruht auf wahren Begebenheiten. Reale Personen lieferten die Vorlage für Charaktere in diesem Buch.

Die Handlung setzt im Jahr 1939 ein. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges steht kurz bevor. In New York lebt Caroline Ferriday, Schauspielerin ohne Engagement, Tochter aus gutem Hause und Mitglied der gehobenen Gesellschaft. Sie arbeitet ehrenamtlich im französischen Konsulat und hilft französischen Familien bei der Einreise in die USA. Immer mehr Franzosen verlassen ihre Heimat. Denn Europa steht kurz vor Ausbruch des Krieges. Die Spendenlust der High Society von New York ist groß. Charity gehört zum guten Ton.
Quelle: Limes Verlag
"Sie betrachtete die Möglichkeit, sich wohltätig zu engagieren, wie andere eine Kuchenplatte."
Zur gleichen Zeit im polnischen Llubin erleben die 16-jährige Kasia und ihre Familie den Einmarsch der Deutschen. Ihr Alltag ist plötzlich von Angst und Drangsalierung durch die deutschen Besatzer geprägt. Immer mehr Menschen werden deportiert. Auch Kasia sowie ihre Mutter und Schwester werden eines Tages in einen Zug nach Ravensbrück verfrachtet. Die Frauen haben keinen Schimmer, was sie hier erwarten wird.

In Deutschland lebt indessen Herta Oberheuser. Sie wächst in Düsseldorf auf und lässt sich zur Ärztin ausbilden. Der Nationalsozialismus hat bei ihr ganze Arbeit geleistet. Herta hat sich das nationalsozialistische Gedankengut bedingungslos zu eigen gemacht. Doch eine Sache geht ihr gegen den Strich. Als Frau darf sie den Beruf des Arztes nicht in der kompletten Bandbreite ausüben wie ein Mann. Ihre Karrieremöglichkeiten sind dadurch beschränkt. Da bietet sich die Gelegenheit, in der Forschung im Lager Ravensbrück zu arbeiten. Dass sie mit ihren Forschungen Verbrechen an der Menschlichkeit begeht, ignoriert sie völlig. Ganz im Gegenteil: Herta "forscht" aus rassenideologischer Überzeugung. 
"Die Operationen fanden zum Wohle Deutschlands statt."
Die Handlungen dieses Buches gehen über das Ende des 2. Weltkrieges hinaus. Diesen Fortgang braucht der Leser auch. Denn zum Einen ist die Frage noch nicht beantwortet, wann und wie die separaten Handlungsstränge der drei Frauen zusammenkommen werden: Abgesehen vom Aufeinandertreffen von Herta und Kasia in Ravensbrück gibt es keinen gemeinsamen Nenner, erst recht nicht mit der Geschichte von Caroline in New York.
Zum Anderen will man Antworten auf die Frage nach den Motiven einer Herta. Man kann die Beweggründe für ihre Handlungen in Ravensbrück einfach nicht nachvollziehen, will aber dennoch Hertas Unmenschlichkeit verstehen können.
Nach Kriegsende wird Herta wird in den sogenannten Ärzte-Prozessen 1947 in Nürnberg zur Rechenschaft gezogen und verurteilt. (wikipedia: Ravensbrück-Prozesse

Quelle: Wikimedia Commons
"Der See war zornig. Schaumgekrönte Wellen jagten über die Oberfläche. Wurde er vom Wind aufgewühlt oder vom Zorn der Menschen, deren Asche wir ins Wasser gekppt hatten, damit sie am Grund des Sees versickerte? Welchen Vorwurf würde man mir machen? Ich hatte die Stelle einer Lagerärztin aus purer Notwendigkeit angenommen. Es war zu spät für die Verlorenen, die mit ihren knochigen Fingern auf mich zeigten und Zeugnis gegen mich ablegen wollten."
Martha Hall Kelly geht in der Geschichte um die drei Frauen jedoch noch weiter. Ihr Roman endet in den 50er Jahren. Am Ende fügen sich schließlich die Handlungsstränge zusammen.
Denn Caroline engagiert sich mittlerweile in einer französischen Organisation, die sich nach dem Krieg mit der Betreuung Überlebender der Konzentrationslager befasste (ADIR). Durch eine Hilfsaktion, die sie ins Leben ruft, erwirkt sie, dass die Opfer der menschlichen Experimente in Ravensbrück, darunter auch Kasia und ihre Schwester, in die USA reisen dürfen. Sie werden dort medizinisch betreut, um die Schäden an Körper und Seele zu mildern.

Die Autorin hat sich über lange Zeit mit der Recherche zu diesem Roman befasst. Sie ist zu den Schauplätzen gereist, hat mit Zeitzeugen gesprochen und einiges an Material gesichtet, das sich mit Ravensbrück und seinen Insassen befasst. Viele der Protagonisten in ihrem Roman sind realen Personen nachempfunden. Allen voran Caroline, die als Caroline Ferriday ihr Leben tatsächlich so gestaltet hat, wie die Autorin es beschreibt. Anfangs scheint das Leben der Figur Caroline oberflächlich zu verlaufen. Als Dame der gehobenen Gesellschaft lebt sie ein Leben inmitten von Parties, Galas, Kaffeekränzchen und Restaurauntbesuchen. Auch wenn ihre Events unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit laufen, steht das Vergnügen im Vordergrund. Dieser Handlungsstrang bildet daher einen krassen Gegenpol zu den Geschichten um Kasia und Herta. Zunächst habe ich Carolines Auftritt als störend empfunden, war jedoch mit Fortschreiten der Handlung froh, dass die Autorin mir einen Ausflug in die Oberflächlichkeit gönnte. Denn sobald sich die Geschichte nach Ravensbrück verlagerte, war ich froh, eine Atempause von den geschilderten Grausamkeiten in Aussicht zu haben. 
"Stundenlang beobachtete ich den Vogel, dem Luzia und ich am ersten Tag im Revier beim Nestbau zugeschaut hatten. Ich fand ihn niedlich, bis ich bemerkte, dass der kleine Zaunkönig sein neues Zuhause mit weichen Büscheln aus Menschenhaar auspolsterte und blonde, rotbraune und rote Strähnen zwischen die Zweiglein flocht."
Martha Hall Kelly hat sich bei der Darstellung ihrer Protagonistin Caroline einen literarischen Freiraum gegönnt, indem sie ihr einen Seelenverwandten hinzugeschrieben hat: Paul Rodierre, den es nie gegeben hat. Zwischen Caroline und Paul bahnt sich eine enge Verbindung an, die das normale Maß einer Freundschaft übersteigt. Sagen wir, dass Caroline und Paul Seelenverwandte und füreinander bestimmt sind, allen Widrigkeiten zum Trotz. Diese Verbindung wird bis zum Ende des Romans anhalten - mal mehr, mal weniger eng. Ob sie sich am Ende kriegen, ist irrelevant. Gegen die schriftstellerische Freiheit der Autorin ist nichts einzuwenden. Doch mich hat die Art der Darstellung der Caroline/Paul Beziehung gestört: zu viel Flirterei und Liebesgeplänkel, zu viel Herzschmerz, zu viele Zufälle und zu häufig stellt sich die Frage „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?“.
Ich habe diesen Part des Romans als störend empfunden. Wollte die Autorin ihren Roman mit diesem Ausflug in die romantische Gefühlswelt einem breiteren Publikum schmackhaft machen? Sie selbst begründet die fiktive Beziehung zwischen Caroline und Paul mit der Verdeutlichung des engen Bezugs von Caroline zu Frankreich bzw. der Dramatisierung der damaligen Ereignisse in diesem Land. Beides nehme ich ihr nicht ab. Der gewünschte Effekt ist bei mir zumindest nicht eingetreten. Denn Carolines Bezug zu Frankreich ist nebensächlich und die historischen Ereignisse sind an Dramatik sowieso nicht zu überbieten. Daher bedeutete der Caroline/Paul-Teil für mich leider eine Deklassierung dieses ansonsten sehr gelungenen Romans.

Mein Fazit:
Es gibt ein Haar in der Suppe: die romantische Darstellung der Beziehung zwischen den Protagonisten Caroline und Paul waren mir zu trivial und stufen diesen Roman leider ein wenig herab. Trotzdem ist dieser Roman absolut lesenswert. Denn allein schon die fesselnden Geschichten der drei Frauen, die hier erzählt und auf wahren Begebenheiten basieren, machen diesen Roman zu etwas so Besonderem, dass ich am Ende auch über die gefühlsduselige Romantik hinwegsehen kann.
Lesempfehlung!

© Renie





Freitag, 6. März 2020

Terézia Mora: Auf dem Seil

Quelle: Pixabay/Pixaline
„Eigentlich“ ist ein Wort, das man eigentlich nicht verwenden sollte. Erst recht nicht in der Kommunikation und am besten gar nicht in einer Rezension. Wenn man "eigentlich" googelt, erhält man neben den Links auf die gängigen Nachschlageportale der deutschen Sprache auch Hinweise auf Portale der Anti-"eigentlich"-Fraktion. Deren Bedenken können sein:
- "eigentlich" hat "Chamäleoncharakter", weil es Aussagen mehrdeutig macht
- "eigentlich" führt zu Unklarheit, lässt Interpretationsspielraum
- "eigentlich" kann abwertend sein
- Wer "eigentlich" benutzt, drückt sich vor klaren Aussagen
Nach Abwägung dieser Bedenken kann man nur zu dem Schluss kommen, dass "eigentlich" ein "Giftpfeil der Kommunikation" ist.

Nun zu dem Roman, den ich eigentlich besprechen will: "Auf dem Seil" von Terézia Mora
Ich kann es drehen wie ich es will. Doch nachdem ich "Auf dem Seil" von Terézia Mora gelesen habe, komme ich nicht daran vorbei, in meiner Rezension das Wörtchen "eigentlich" zu benutzen - mehrfach.
Quelle: Luchterhand

Darius Kopp, ehemals IT-Experte aus Berlin, hat sich nach dem Tod seiner Frau von seinem bisherigen Leben verabschiedet. Über mehrere Monate reist er durch Europa. Am Ende strandet er in Sizilien, die Asche seiner Frau im Gepäck. Der Roman setzt ein, als Darius bereits seit einigen Monaten in Sizilien lebt. Er hält sich durch Jobs über Wasser, ist menschenscheu und antriebslos geworden. Das Nötigste reicht ihm zum Leben. Er will mit seinem vergangenen Leben abschließen und hat den Kontakt zu seinen Freunden und Verwandten abgebrochen. Eigentlich. Denn eines Tages steht seine Nichte vor der Tür. 
"Die Anwesenheit eines Anderen bracht die Zeit wieder in Gang."
Die 17-Jährige ist von zu Hause abgehauen und hat sich dabei an ihren Onkel erinnert. Als schwarze Schafe der Familie haben sie vermutlich einiges gemeinsam. Aus einem spontanen Kurzbesuch wird ein längerer Aufenthalt, während dessen die Nichte es schafft, ihren verschlossenen Onkel aus seiner Lethargie herauszureißen. Er entwickelt so etwas wie Verantwortungsgefühl für sie - auch, wenn er es eigentlich nicht wahrhaben will. Am Ende begleitet er sie wieder zurück nach Deutschland, wo er in langsamen Schritten wieder zurück in sein altes Leben zurückkehrt.

"Auf dem Seil" ist der letzte Teil einer Trilogie. Der Protagonist Darius Kopp präsentiert sich in diesem Teil als ein verschlossener Typ. Da ich die beiden vorherigen Teile nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie dieser Charakter in den anderen beiden Romanen angelegt war. Hier ist er der, vom Schicksal erschütterte Mann, der sämtliche Einflüsse, die von Außen kommen, auf ein Mindestmaß reduziert hat. Er versucht, sich auf sich selbst zu besinnen. Kommunikation ist ihm ein Gräuel geworden. Daher spricht er nicht viel. Und wenn er spricht, meint er eigentlich etwas anderes als das, was er ausspricht. Oder er lässt Gedanken einfach unausgesprochen. Diese Eigenart seiner Kommunikation macht die Autorin deutlich, indem sie den Part des "Übersetzers" übernimmt, bzw. Kopps unausgesprochenen Gedanken zitiert. Als Leser betrachtet man die Geschichte daher aus 2 Blickwinkeln. Zum Einen aus der Position, die Darius' jeweiliges Gegenüber einnimmt, zum Anderen aus Darius' Gedankenwelt heraus.
"Guter, alter, stinkender Raps.
Habe ich das laut gesagt? Offenbar ja, denn Olli und auch Lore schauten irritiert.
Verzeihung, sagte Darius Kopp, der sich mit einem Mal in sehr guter Laune wiederfand. ... (Ich rede wie ein geselliger, vielversprechender Mensch.)"
Eigentlich ist dieser stilistische Kniff, den die Autorin gewählt hat, eine faszinierende Besonderheit dieses Romans. Doch tatsächlich wird die permanente Anwendung dieses Kniff mit der Zeit sehr ermüdend. Denn in diesem Roman gibt es so gut wie keine Satzzeichen der wörtlichen Rede. Das macht es mühsam, den Unterschied zwischen dem, was Darius sagt und dem, was Darius denkt, auszumachen. Im echten Leben habe ich Schwierigkeiten mit Menschen, die nicht sagen, was sie denken. Daher hat es mich in diesem Buch natürlich auch gestört. Eigentlich muss ich mich nicht mit einem Protagonisten solidarisieren oder schlimmer noch identifizieren. Wenn mir ein Protagonist "unsympatisch" ist, hat er zumindest Ecken und Kanten, an denen ich mich stoßen kann. Doch die Autorin macht Darius Kopp durch den stilistischen Kniff der unausgesprochenen Gedanken zu einem - im wahrsten Sinne des Wortes - nichtssagenden Protagonisten.

Fazit:
Eigentlich ist die Geschichte eines Aussteigers, der wieder ins Leben zurückkommt gut. Denn die Entwicklung des Protagonisten von eben diesem Aussteiger zu einem Mann, der wieder am Leben teilnimmt, ist gut umgesetzt. Doch da ich meine Schwierigkeiten mit der Kommunikationsfähigkeit des Protagonisten hatte, konnte mich "Auf dem Seil" als ein Roman der "unausgesprochenen Gedanken" eigentlich nicht wirklich überzeugen.

© Renie

Donnerstag, 5. März 2020

Hans-Willi Schroiff: Tod im Schacht

Ich lebe im Ruhrgebiet. Daher bin ich ein bisschen Stolz auf die Bergbau-Tradition in dieser Region, die bis ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Noch älter ist das sogenannte Aachener Revier, indem bereits ein Jahrhundert zuvor Kohle abgebaut wurde, und das somit zu einem der ältesten Steinkohlereviere Europas zählt. Inmitten des Aachener Reviers liegt Kohlscheid - Heimat von Hans-Willi Schroiff, der aus Verbundenheit zu diesem Ort den historischen Krimi "Tod im Schacht" geschrieben hat.

Die Handlung dieses Kriminalromans ist im Januar des Jahres 1878 angesiedelt. In Kohlscheid sind zwei merkwürdige Todesfälle aufgetreten. Das zuständige Kommissariat in Aachen schickt den preußischen Beamten Friedrich von Bodmer zur Aufklärung dieser Todesfälle nach Kohlscheid. Die Ermittlungen scheinen komplizierter zu sein, als ursprünglich angenommen. Und natürlich wird es nicht bei den beiden Mordopfern bleiben.
"Da schickte ihm Soiron statt eines kooperativen Vertreters seiner Zunft diesen preußischen Spürhund ins Haus, der ihm keineswegs geneigt schien, die Dinge nach dem rheinischen Prinzip des 'Leben-und-leben-lassens' zu regeln, sondern mit preußischer Akribie und Systematik das System gehörig in Unordnung bringen würde."
Der Autor Hans-Willi Schroiff hat mit "Tod im Schacht" einen soliden Krimi geschrieben. Ein stetig ansteigender Spannungsbogen, ein geheimnisvoller Plot, der eine oder andere Cliffhanger, geheimnisvolle Verwicklungen und am Ende ein Showdown - gäbe es ein Lehrbuch für Krimi-Schreibende, würde ich sagen, der Autor, hat sich eng an dieses Lehrwerk gehalten. Doch Schreiben nach Lehrbuch lässt nicht viel Platz für Überraschungen. Insofern sind Aufbau und Handlungsverlauf vorhersehbar. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch und soll daher mein einziger Kritikpunkt bleiben.
Denn die eigentliche Stärke dieses Romans liegt in der Gestaltung der Charaktere sowie der Schilderung des Lokalkolorit.

In seinem Vorwort schreibt Hans-Willi Schroiff, dass er mit "Tod im Schacht" eine Hommage an seine Heimat schaffen wollte. Und das ist ihm definitiv gelungen. Er führt uns durch vermutlich jedes damalige Sträßchen und Gässchen dieses Ortes. Seine Protagonisten, allen voran ein kauziger Kohlscheider Polizist namens Amkreutz, sind einzigartige Originale, manche an der Grenze zur Skurrilität. Dorfpolizist Amkreutz hat die Aufgabe, den vornehmen und arrogant wirkenden Städter von Bodmer bei dessen Ermittlungen vor Ort zu unterstützen. Das Zusammenspiel der beiden ist sehr gelungen dargestellt. Zwei Kulturen prallen damit aufeinander. Der leicht hochnäsige und versnobbte Preusse hat es mit der rustikalen Landbevölkerung zu tun.
"Dieser Amkreutz, dachte von Bodmer, ist ja wirklich ein Unikum. Vor allem seine typisch rheinische Angewohnheit, jedes mögliche Thema mit allen denkbaren Trivialitäten endlos zu dehnen und dem Gesprächspartner einen Schwall von Nichtigkeiten aufzudrängen. Aber hier im Rheinland war offensichtlich die Fähigkeit zum ziellosen, assoziativen Schwadronieren den Menschen angeboren - und bei Amkreutz handelte es sich definitiv um eine genetisch besonders intensiv ausgestattete Spezies."
Hinzu kommt, dass einige der Protagonisten im Dialekt sprechen. Manche mehr, manche weniger. Bei den Beiträgen der Hardcore-Dialektiker liefert der Autor die Übersetzung gleich mit, so dass auch ein "preußischer" Leser, der des Kohlscheider Dialektes nicht mächtig ist, nicht resignieren muss.

Hans-Willi Schroiff scheint sich eng an die historischen Vorgaben zu halten. Ich vermute, dass seine Recherche für diesen Roman sehr zeitintensiv war. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Der Autor vermittelt einen lebensechten Zeitgeist, so dass man sich als Leser mit Leichtigkeit in die damalige Zeit zurückversetzt sieht.

Mein Fazit:
"Tod im Schacht" ist ein Kriminalroman wie er im Lehrbuch steht. Der Fokus liegt in diesem Roman auf der Gestaltung der Charaktere und dem Schauplatz. Hans-Willi Schroiff wollte mit diesem Roman eine Hommage an seine Heimat schreiben. Das ist ihm definitiv gelungen.

© Renie

"Tod im Schacht" von Hans-Willi Schroiff
ISBN: 978-3-9820213-4-8

Mittwoch, 26. Februar 2020

Peter Zantingh: Nach Mattias

Es gibt Fragen, die möchte man sich nicht stellen. Es sind "Was wäre, wenn"- Fragen wie "Was wäre, wenn ich morgen vom Auto überfahren werde?"; "Mit dem Flugzeug abstürze?"; "Oder einem Terroranschlag zum Opfer falle?"; "Oder jemand, der mir nah steht, von einem Moment auf den anderen nicht mehr da ist?" Oder, oder, oder ...

Diese aufwühlenden Fragen und damit verbundenen Gedanken verursachen großes Unbehagen. Denn wer beschäftigt sich schon gern mit dem Tod. Dennoch kann man sich nicht von diesen Gedanken freisprechen, denn sie sind immer latent vorhanden - mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Und irgendwann kommt jeder in die Situation, in der er sich mit der Frage konfrontiert sieht: "Was wäre, wenn ich oder jemand, der mir nah steht, nicht mehr wäre?" 
Und um diese und ähnliche Fragen geht es in dem Roman "Nach Mattias" des niederländischen Autors Peter Zantingh.

Derjenige, der hier gerade gestorben ist, ist Mattias. Wir wissen nicht, wie alt Mattias war, als er starb, können aber den Aussagen über ihn entnehmen, dass er in den Zwanzigern oder Dreißigern war. Wir wissen auch zunächst nicht, warum oder woran Mattias gestorben ist. Das ist auch nicht wichtig. Die Konsequenz für Mattias ist dieselbe. Viel wichtiger ist, was sein Tod bei den Leuten auslöst, die ihn liebten, die ihm zumindest nah waren oder auch nur flüchtig mit ihm zu tun hatten. 
Quelle: Diogenes

"Ein guter Freund liest mit gesenktem Blick etwas vom Blatt ab. Immer voller Pläne, sagt er. Er hatte immer was Großes vor. Vielversprechendes, Termine. Immer wieder mit was Neuem befasst.
Ein Zweiter übernimmt, als dem Ersten die Stimme versagt. Er liest: Er wollte was. Wenn es ihm zu lange dauerte, wurde er ungeduldig. Scharrte mit den Hufen. Kommt, ihr Loser. ...
Sie möchte sich erheben. Nein. So war er nicht." 
Am Beispiel von acht Charakteren, denen jeweils ein oder zwei Kapitel in diesem Buch gewidmet sind, erleben wir, wie diese Menschen mit dem Verlust von Mattias umgehen bzw. was die Trauer mit ihnen macht. Wir erfahren, welches Leben sie führen oder geführt haben - mit und ohne Mattias. Allen voran sind dies Mattias' Lebensgefährtin, sein bester Freund, seine Großeltern und seine Mutter, aber auch irgendjemand, den Mattias irgendwoher kannte. Natürlich überwiegen in diesem Buch Traurigkeit und Betroffenheit. Doch gleichzeitig wird man hier auch Hoffnung finden. Denn ein Verlust kann auch einen Neuanfang bedeuten.

Die zentralen Fragen, die sich bei der Lektüre dieses Romans stellen, sind:
Welche Spuren hinterlässt ein Mensch? Welche Erinnerungen an diesen Menschen bleiben bestehen? Was bewirkt der Verlust eines Menschen bei den Hinterbliebenen? 

Dies sind Fragen, die sich unmöglich allgemeingültig beantworten lassen. Anhand der Art und Weise wie Peter Zantinghs Protagonisten gelebt haben und "Nach Mattias" leben werden, entwickeln sich jedoch Denkansätze, die den Leser zur Selbstreflexion bewegen. Und dadurch wird dieser Roman zu einem sehr persönlichen und aufwühlenden Buch für den Leser. 

Dieses Buch kann wehtun, denn die Geschichten der einzelnen Charaktere kratzen an der eigenen Seele. Peter Zantingh hat mit seinen unterschiedlichen Protagonisten einen Querschnitt aus dem sozialen Umfeld eines jeden Lesers geschaffen. Daher ist es fast nicht zu vermeiden, dass man sich selbst anstelle des einen oder anderen Charakters sieht. Und man stellt sich die "Was wäre, wenn"- Fragen, die man am liebsten nicht stellen würde, weil sie einen Tabu-Bereich des eigenen Inneren betreffen. Und allein die Vorstellung des Verlusts eines lieben Menschen ist unerträglich.
"Nein, das Schwerste von allem, ..., sei der Verlust von Erinnerungen. Weil ich heute mit dem Akt des Erinnerns den schwarzen Schleier der Gegenwart über sie legte. Und der bleibe: Beim nächsten Mal sei es schon eine Erinnerung an diese Erinnerung, eine Kopie einer Kopie. Bis eines Tages alle Formen und Farben weg seien."
Und jetzt werde ich persönlich, was ich sonst in meinen Buchbesprechungen vermeide. Aber hier geht es nicht anders:
Mich hat dieser Roman bis ins Mark erschüttert. Ich bin in einem Alter, das man optimistisch als die zweite Hälfte des Lebens bezeichnet (pessimistisch gesehen ist es wohl eher das letzte Drittel). Hinzu kommt, dass mir meine Gesundheit vor ein paar Jahren einen üblen Streich gespielt hat, was mir damals die eigene Sterblichkeit mehr als bewusst gemacht hat. (Zurückgeblieben sind Gott sei Dank nur ein paar seelische Narben). Daher taucht die Frage ohne Antwort, wieviel Zeit mir mit meinen Lieben "theoretisch" noch bleiben "könnte" (ein Hoch auf den Konjunktiv!), immer wieder auf. Doch ein Gutes hat diese Frage. Gepaart mit meiner persönlichen Erfahrung ist sie ist für mich eine Mahnung, bewusster zu leben und ich sehe mich in der Pflicht - sowohl mir, auch meinen Lieben gegenüber -, jede Minute des Lebens zu genießen, als wäre es die Letzte.

Und diesen Gedanken nehme ich auch aus "Nach Mattias" mit.

Mein Fazit:
Ein Buch, das wehtut, auf das man sich einlassen muss, das aber am Ende sehr viel zu geben hat! Leseempfehlung!

© Renie
Buchbotschafterin (aus Überzeugung) für den Roman "Nach Mattias"




Samstag, 22. Februar 2020

Alex North: Der Kinderflüsterer

Quelle: Pixabay

"Wenn die Tür halb offen steht, ein Flüstern zu dir rüberweht.
Spielst du draußen ganz allein, findest du bald nicht mehr heim. 
Bleibt dein Fenster unverschlossen, hörst du ihn gleich daran klopfen. 
Denn jedes Kind, das einsam ist, holt der Flüsterer gewiss."
Das beschauliche englische Örtchen Featherbanks wird die neue Heimat von Schriftsteller Tom Kennedy und seinem Sohn Jake (6). Jakes Mutter Rebecca ist im Jahr zuvor gestorben. Tom ist mit der alleinigen Erziehung seines Sohnes überfordert. In Featherbanks wollen Vater und Sohn neu anfangen und ins Leben zurückfinden.
Auch Featherbanks blickt auf eine traurige Vergangenheit zurück:
Vor etwa 20 Jahren ging hier der Kinderflüsterer um: ein sadistischer Serienmörder tötete mehrere kleine Jungs. Der Polizeibeamten Pete Willis konnte den Kinderflüsterer damals zur Strecke bringen. Der Mörder wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Kurz bevor Tom und Jake nach Featherbanks ziehen, verschwindet wieder ein kleiner Junge, Neil. Es gibt eine Gemeinsamkeit zum damaligen Fall: das Flüstern. Wochen vor seinem Verschwinden erzählte Neil, dass nachts vor seinem Fenster ein Monster war, das ihm durch die Dinge, die er ihm zugeflüstert hat, schreckliche Angst gemacht hat. Was als Albtraum eines Kindes abgetan wurde, scheint nun Wirklichkeit zu werden.
Auch diesmal wird Pete Willis in den Fall eingebunden. Die Ähnlichkeiten zu dem damaligen Fall des Kinderflüsterers sind einfach zu groß.
Quelle: blanvalet
"Es war unbeschreiblich. Er hatte eine Tür aufgeschoben, die er nie mehr würde schließen können, und eine Erfahrung gemacht, die nur wenige andere auf diesem Planeten je machten. Auf diese Reise konnte man sich weder vorbereiten, noch gab einem jemand praktische Tipps - es gab keine Landkarte, die einen hier hindurchmanövrierte. Die konkrete Tötungshandlung hatte ihn hinaus in ein unkartiertes Meer aus Emotionen katapultiert, in dem er jetzt dahintrieb."
In der Handlung findet ein ständiger Wechsel in der Erzählperspektive statt: Witwer Tom, Söhnchen Jake und der Polizeibeamte Pete Willis führen uns durch die Geschichte. Aber auch der anonyme Mörder gewährt dem Leser einen Einblick in seine dunkle Seele, was an diesen Stellen natürlich besonders unheimlich ist.
Nervenkitzel ist in diesem Thriller daher garantiert.

Neben dem Thrill steht auch die Vater-Sohn-Beziehung von Tom und Jake im Fokus. Tom muss trotz seiner Trauer als Vater funktionieren. Plötzlich muss er lernen, Jakes Alltag allein zu organisieren. Er ist überfordert mit dieser Aufgabe. Leider macht Jake es ihm nicht leicht. Der Kleine ist verschlossen, zeigt Verhaltensweisen, die Tom irritieren und mit denen er nur sehr schlecht umgehen kann. Jake hat eine Fantasiefreundin. Ein kleines Mädchen, das scheinbar nur in seinem Kopf existiert, ist seine enge Vertraute. Jake tut sich schwer damit, Kontakt zu anderen Kindern zu knüpfen. Sei es aus Trauer oder aus anderen Gründen. Nichtsdestotrotz versuchen Vater und Sohn zusammenzuhalten. Denn egal wie irritierend Jakes Verhalten manchmal für Tom ist, die beiden lieben sich abgöttisch.

Durch die Perspektive des Polizeibeamten Pete Willis blicken wir in die Vergangenheit und auf den damaligen Fall des Kinderflüsterers. Pete ist ein disziplinierter Mensch, dessen Leben von Routinen bestimmt ist. Er steht kurz vor der Pensionierung und ist trockener Alkoholiker. Er hat mit Ereignissen aus seiner Vergangenheit zu kämpfen, die ihm Albträume bescheren und sein Leben immer noch beeinflussen. Der damalige Fall des Kinderflüsterers lässt ihn nicht los. 
"Jake und ich liefen durch das Haus, rissen Türen und Schränke auf, schalteten Lampen an und wieder aus, zogen Vorhänge auf und zu. Unsere Schritte hallten von den Wänden wider; davon abgesehen herrschte immer noch Stille. Noch während wir uns von Zimmer zu Zimmer vorarbeiteten, wurde ich das Gefühl nicht los, als wären wir nicht allein. Als würde irgendwer um einen Türrahmen spähen, wenn ich mich nur im richtigen Moment umdrehte. Es war ein blödsinniges, irrationales Gefühl, aber es war nun mal da."
Alex North beherrscht das Thriller-Handwerk par excellence. Denn die Handlung dieses Romans wird von Anfang bis zum Ende von einem unterschwelligen Grusel begleitet. Es gibt diese großartigen Thriller-Momente, die andeuten, dass schreckliche Dinge passieren werden und mich beim Lesen in eine angespannte Lauerstellung versetzten. Das ist genau das, was ich von einem guten Thriller erwarte.

Was ich bei einem guten Thriller nicht benötige, sind blutrote plakative Gewaltorgien. Die findet man hier auch nicht. Bevor ich mich für diesen Roman entschieden habe, war ich mir nicht sicher, ob ich mit Morden und Gewalt an Kindern umgehen kann. Darin geht es schließlich in diesem Roman. Doch Alex North verzichtet auf die Beschreibung der Todesumstände der Kinder. Das hat er nicht nötig. Er deutet nur dezent an, der Rest spielt sich im Kopf des Lesers ab. Daher bleibt jedem selbst überlassen, wieviel Raum er seinen Fantasien geben möchte.

Fazit:
Unglaublich spannend, das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Leseempfehlung!

© Renie

Mittwoch, 19. Februar 2020

Abbas Khider: Palast der Miserablen

Quelle: Pixabay/mikecook1
Im Irak herrscht Krieg. Das ist nichts Neues. Denn im Irak herrscht immer Krieg. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob sich die Aggression gegen andere Länder oder eigene Bevölkerungsgruppen richtet. Der Irak ist und bleibt ein hochexplosives Pulverfass. Wie es sich auf bzw. in diesem Pulverfass leben lässt schildert Abbas Khider in seinem Roman „Palast der Miserablen“.

Der Schriftsteller weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er bis zu seinem 23. Lebensjahr im Irak gelebt. Der irakische Alltag, geprägt von Kriegstreiberei und Verfolgung ist ein Teil seines Lebens.
Quelle: Hanser
"' ... Erst acht Jahre Krieg gegen den Iran, dann eine kleine Pause, bis Kuwait dran war. Das hat zum zweiten Golfkrieg geführt, der wiederum den Aufstand im Süden und Norden zur Folge hatte. Davor, danach oder dazwischen noch unzählige weitere Kampfhandlungen: Regierung gegen Opposition, Opposition gegen Opposition, Araber gegen Kurden, Araber gegen Araber, Muslime gegen Christen, Volk gegen Volk und so weiter. Die Liste an Kriegen, Schlachten und Massakern ist endlos und wird jeden Tag länger.'"
Protagonist in Khiders Roman ist der junge Iraker Shams Husssein, der im Süden des Landes geboren wird und hier einen Teil seiner Kindheit verbringt. Irgendwann ist seine Familie, die der Bevölkerungsgruppe der Schiiten angehört, gezwungen, den Landstrich zu verlassen. Saddam Hussein lässt den Süden des Irak „säubern“. Die Schiiten stehen auf seiner „Abschussliste“.
Die Familie lässt sich in Bagdad nieder. Hier befinden sie sich zwar in unmittelbarer Nähe zu den Tyrannen, können jedoch im Großstadt-Völkergewirr untertauchen. 
Im sogenannten "Blechviertel" bauen sie sich ein neues Zuhause auf. Das "Blechviertel" ist ein Wildwuchs an Bebauungen inmitten der Müllhalden Bagdads. Die Familie ist hier über Jahre sicher und schafft es, zu einem geregelten Alltag zurückzufinden. Die Kinder - Shams hat noch eine ältere Schwester - gehen sogar in die Schule und haben die Möglichkeit, einen Abschluss zumachen. Shams träumt von einem Studium, das ihn auch davor bewahren würde, zum Militärdienst eingezogen zu werden.
"Die Schule war also keine Option, sondern ein Muss. Nur so konnte ich weiterarbeiten und Geld verdienen, ohne zum Militär gehen zu müssen oder mich verstümmeln zu lassen." 
Doch das Leben in Bagdad wird immer schwieriger. Dank der Kriegstreibereien von Saddam Hussein ist der Irak vom Rest der Welt isoliert. Ein Embargo sorgt dafür, dass die Versorgung der Bevölkerung mehr als erbärmlich ist.
Und mittendrin lebt Shams, der versucht, ein normales Leben zu führen, Geld zu verdienen, seine Familie zu versorgen, erwachsen zu werden. Er schöpft Kraft aus seiner Leidenschaft für Literatur und seinen heimlichen Treffen mit Gleichgesinnten. Es ist zwar schier unmöglich an Bücher zu kommen, die nicht der Zensur unterworfen sind, ganz zu schweigen von dem Embargo,  das wirklich alle Güter des täglichen Lebens betrifft. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch.
"Es war herrlich, die Welt draußen für ein paar Stunden einfach vergessen zu können. Die Zeit in unserer kleinen Zuflucht fühlte sich jedoch immer weniger wie ein Teil unseres Lebens an und dafür mehr und mehr so, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. Wir entfernten uns aus unserer Gegenwart und wurden zu neuen Menschen mit ganz anderen Problemen als Hunger, Arbeitssuche oder Krankheit. Stattdessen debattierten wir über das richtige Versmaß, schräge Metaphern oder gackerten einfach herum."
Irgendetwas muss bei Shams Streben nach einem normalen Leben schief gelaufen sein. Das zeigt ein zweiter Handlungsstrang in diesem Roman. Denn gleich zu Beginn erfahren wir, dass Shams im Gefängnis sitzt. Während er sich also an seine Kindheit und Jugend erinnert, bangt er um sein Leben. Was ist also passiert, dass sein Schicksal diese Richtung angenommen hat?

In Anbetracht des Ausgangs dieser Geschichte mag man es kaum glauben. Doch trotz allen Elends bedient sich Khider eines sehr quirligen und lebendigen Sprachstils. Er passt seine Sprache der jeweiligen Lebensphase seines Protagonisten an und vermittelt dadurch unterschiedliche Stimmungen: die Unbeschwertheit während Shams Kindheit in seinem Heimatdorf; Shams Verwirrung und Überforderung mit dem neuen Leben in Bagdad - erschwerend kommen in dieser Phase noch die Irrungen und Wirrungen der Pubertät hinzu; später der junge Erwachsene, der mit großer Ernsthaftigkeit durchs Leben geht und sich Gedanken über seine Zukunft macht; und letztendlich der Gefangene, der voller Verzweiflung und Angst kurz davor ist, mit dem Leben abzuschließen.
Diese "Stimmungsschwankungen" im Erzählstil nehmen der Geschichte den Schwermut und machen das Schreckliche, das Shams widerfährt, für den Leser einigermaßen erträglich. 

Aufgrund der persönlichen Geschichte von Abbas Khider, der selbst mehrfach im Irak inhaftiert war, liegt natürlich die Frage nach dem autobiografischen Anteil in diesem Roman auf der Hand.

In einem Interview, das er vor einigen Jahren mit der Zeitschrift "Zenith" geführt hat, antwortete der Schriftsteller auf die Frage, wie autobiografisch seine Romane seien:
"Ich schreibe über Themen, die real sind, aber wenn ich meine Autobiografie schreiben würde, bräuchte ich 1.000 Seiten. Außerdem schreibe ich Literatur, versuche aber die Stimmung meiner Zeit, meiner Generation wiederzugeben. Es ist also alles autobiografisch, selbst das Erfundene."

Auf "Palast der Miserablen" angewandt bedeutet dies für mich: Das Thema ist real. Khider gibt definitiv die Stimmung seiner Generation wieder. Die Frage nach dem autobiografischen Anteil ist für mich jedoch nicht relevant. Denn es ist eine Geschichte, die das Leben im Irak geschrieben hat, egal, ob es Khiders eigene oder eine fiktive Geschichte ist. Fesselnd ist sie auf jeden Fall. Und so, oder so ähnlich wird es gewesen sein.
Leseempfehlung!

© Renie