Montag, 13. August 2018

Erich Hackl: Am Seil

Quelle: Pixabay/Pexels
Es gibt da diese Bücher, die klein und unscheinbar daher kommen, sich aber als literarische Naturgewalt erweisen. "Am Seil" von Erich Hackl ist solch ein Buch. Man wundert sich, dass in gerade mal 117 Seiten soviel Inhalt und Aussagekraft steckt.
Erich Hackl ist ein Autor, der sich Geschichten erzählen lässt - wahre Geschichten. Die Geschichtenerzähler sind in ihrem Leben durch ein besonderes Ereignis geprägt worden. Erich Hackl führt Gespräche mit diesen Menschen, interviewt sie. Und am Ende schreibt er ein Buch über diese besondere Geschichte. So auch in dem vorliegenden: "Am Seil".
Der Mensch, der sich erinnert ist Lucia Heilmann, Jüdin, die ihre Kindheit während der  Nazizeit in Wien verbracht hat. Sie ist mit dem Leben davongekommen. Genau wie ihre Mutter Regina. Wenn Reinhold Duschka nicht gewesen wäre, hätten Mutter und Tochter das gleiche Schicksal erlitten wie Millionen andere Juden, die dem Naziterror zum Opfer gefallen sind.
"..., daß Regina und Lucia auf Reinholds Gegenwart und auf seine Gesundheit angewiesen waren. Stieß ihm etwas zu, waren sie verloren. Regina kannte niemanden, der sie dann bei sich aufgenommen oder anderswo untergebracht hätte, ..."
Quelle: Diogenes

Wer war Reinhold Duschka?

Niemand besonderes. Ein Jedermann, Kunsthandwerker in Wien, passionierter Bergsteiger, lose befreundet mit Regina. Ein Merkmal zeichnet ihn besonders aus: er ist selbstlos. Als Regina eines Tages auf der Flucht vor den Nazis mit ihrer kleinen Tochter Lucia bei ihm vor der Tür steht, gewährt er ihnen ohne zu zögern Schutz. Er versteckt sie über einen Zeitraum von 4 Jahren in seiner Werkstatt. Sie leben auf engem Raum. Reinhold kümmert sich fast 24 Stunden am Tag um die beiden. Ständig droht die Gefahr, von den Nazis entdeckt zu werden. Reinhold geht das Risiko ein.
"'Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast...'" (S. 101)
Die Geschichte, die Erich Hackl hier nacherzählt, basiert auf den Erinnerungen an eine Zeit, die Lucia als Kind erlebt hat. Dementsprechend spiegelt sich hier die Sichtweise eines Kindes wieder, d. h. die Ereignisse, wie Lucia sie als Kind wahrgenommen hat. Reinhold war ihr Held. Liebevoll versuchte er Lucia trotz der angespannten Situation bei Laune zu halten.
Erfahrungsgemäß gibt es Lücken in der Erinnerung eines Kindes. Diese Lücken macht Erich Hackl kenntlich. Er und Lucia stellen in ihren Gesprächen Vermutungen an, die aber auch als solche deutlich werden.
Der Schreibstil gibt den Interviewcharakter wieder, wirkt häufig sehr nüchtern. Doch Hackl gelingt das Kunststück, trotz aller Nüchternheit eine große Emotionalität beim Leser hervorzurufen. Das ist ganz großes Erzählkino.

Fazit:
Ein kleine, grandios erzählte Geschichte, mit ganz viel wichtigem Inhalt, über einen stillen unscheinbaren Helden, der mit seiner Selbstlosigkeit und Zivilcourage, damals wie heute ein Vorbild ist. Leseempfehlung!

© Renie




Über den Autor:
Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. ›Auroras Anlaß‹ und ›Abschied von Sidonie‹ sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)

Mittwoch, 8. August 2018

Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Quelle: Pixabay/Free-Photos
Das beschauliche irische Cork ist der Schauplatz von Lisa McInerneys Roman "Glorreiche Ketzereien". Mit knapp 125.000 Einwohnern ist diese Stadt die zweitgrößte der Republik Irland und ganz nebenbei Sitz des römisch-katholischen Bistums Cork and Ross. Im Bistum Cork and Ross leben rund 240.000 Einwohner, wovon etwa 220.000 der katholischen Kirche angehören. Das sind über 90 %. Kirche hat also einen hohen Stellenwert bei den Einwohnern Corks.
Der Titel "Glorreiche Ketzereien" sowie das Cover deuten darauf hin: auch in Lisa McInerneys Roman hat Religion einen hohen Stellenwert - wenn auch einen scheinheiligen.
Der Roman beginnt alles andere als christlich. Denn am Anfang steht ein Mord: Maureen Phelan, Ende 60/Anfang 70, erschlägt einen Einbrecher mit einer Devotionale. Was tun mit der Leiche? Wie praktisch, wenn frau einen Sohn hat, der das organisierte Verbrechen in Cork kontrolliert. Jim nimmt sich der Sache an, wenn auch widerwillig. Denn Mütter machen nichts als Ärger. Er beauftragt seinen Handlanger Tony Cusack mit den „Aufräumarbeiten“. Tony ist alleinerziehender Vater von 3 Kindern und Alkoholiker. Seine Erziehungsmethoden sind fragwürdig, in der Regel brutal, insbesondere seinem ältesten Sohn Ryan gegenüber. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Insofern wundert es nicht, wenn Ryan bereits mit 15 Jahren seine beachtliche Karriere als Drogendealer startet. Eine seiner Kundinnen ist Georgie, eine junge Prostituierte, deren Freund spurlos verschwunden ist. Womit wir wieder bei Maureen Phelan wären.
"Sie betrachtet den Mann, der da mit dem Gesicht auf den Fliesen lag. Unter ihm breitete sich Blut aus. Es rann in die Fugen. Da würde sie Stahlwolle brauchen. Natron. Bleiche. Wahrscheinlich noch was Stärkeres. Sie war da kein Experte. Für gewöhnlich schlich sie nicht auf leisen Sohlen durchs Haus und überraschte Eindringlinge, indem sie ihnen mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf schlug. Der hier war ihr erster."
Lisa McInerney führt uns mit ihrem Roman in Corks Kriminellenszene, die trotz aller Sünden nicht ihren Hang zur Religion verloren hat. Hier wird Bigotterie in Reinkultur betrieben, welche die Autorin auch mit großer Süffisanz beschreibt. Dabei reitet sie nicht nur auf der Schwäche ihrer Protagonisten herum. Sie lässt sich auch nicht nehmen, die katholische Kirche anzuprangern. Beispielsweise knöpft sie sich die Rolle der Kirche im Umgang mit befleckten schwangeren Mädchen in den 60er Jahren vor. Diese Kritik wird durch Maureen Phelan personifiziert, die selbst einmal in der Rolle der verzweifelten Sündigen war. 
"'... Man muss sich doch fragen, was mit diesem Land nicht stimmt, dass es immer neue tugendhafte alte Schachteln hervorbringt. ...'"
Der Sprachstil von Lisa McInerney ist herausragend: herrlich süffisant, mit einer großen Portion trockenem Humor. Freunde von John Irving werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Ihre Wortspielereien haben es in sich. Man muss manche Sätze tatsächlich mehrmals lesen, um den hintergründigen Sinn zu verstehen. Aber dann kommt man aus dem Genießen nicht mehr heraus.

Die Autorin mag ihre Charaktere. Auch wenn sie sie oft dumm dastehen lässt, an der Grenze zur Respektlosigkeit, wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihren Protagonisten deren Sünden verzeiht und dabei das Menschliche in den Vordergrund stellt. Sie reduziert sie nicht auf ihre Jobs (Dealer, Prostituierte, Kriminelle), sondern zeigt sie mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen und Gefühlen.
Mein Lieblingscharakter ist übrigens Maureen, die mich mit ihrer Scharfzüngigkeit und den Wortgefechten, die sie sich mit anderen liefert, köstlich unterhalten hat. 

Kleiner Hinweis an die Bloggerkollegen: Lisa McInerney ist eine von uns. Ihr Sprachtalent ist durch ihre Bloggerei entdeckt worden. Auf Empfehlung eines Schriftstellers hat sie sich zunächst an Kurzgeschichten herangewagt. „Glorreiche Ketzereien“ ist ihr Debütroman, für den sie 2016 u. a. für den Irish Book Award nominiert wurde. Tja, so kann’s gehen.

Und natürlich erhält das Buch von mir eine dicke fette Leseempfehlung!

© Renie



Über die Autorin:
Lisa McInerney, geboren 1981 in der irischen Provinz Connacht, machte zunächst als Bloggerin auf sich aufmerksam. Der Schriftsteller Kevin Barry ermutigte sie, neben ihrem Blog auch Kurzgeschichten zu schreiben. Ihre Erzählungen erschienen in verschiedenen Literaturzeitschriften, u.a. im Granta Magazine. Ihr Debütroman »Glorreiche Ketzereien« war 2016 für den Irish Book Award sowie den Dylan Thomas Award nominiert, ausgezeichnet wurde er mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction und dem Desmond Elliott Prize. Lisa McInerney lebt in Galway. (Quelle: Liebeskind)

Donnerstag, 2. August 2018

Fritz Mertens: Ich wollte Liebe und lernte hassen!

Quelle: Pixabay / geralt
Es steht ja viel Inspirierendes in der Bibel, aber auch Fragwürdiges. Und der nachfolgende Spruch gehört für mich zu Letzterem: 
Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald. (Neues Testament, Sprüche 13,24)

Der biblischen These nach zu urteilen, müssen Fritz Mertens Eltern ihren Sohn über alle Maßen geliebt haben. Und sie waren noch nicht einmal religiös. Doch sie brauchten Gottes Segen nicht, um ihren Sohn von klein auf zu züchtigen. Prügel waren an der Tagesordnung. Die Rute des Vaters war ein Gürtel, die Rute der Mutter war eine Reitgerte. Wenn es glimpflich abging, reichten Schläge mit der Hand und Tritte. Aber es ging selten glimpflich ab. So schleppte sich Fritz grün und blau geschlagen in die Schule, wenn überhaupt. Denn oft schaffte er es nicht in die Schule, musste er doch den Haushalt in Ordnung halten und in der Kneipe seiner Mutter von morgens (bestenfalls mittags) bis in die Nacht hinein arbeiten. Um Schmerzen und Müdigkeit ertragen können, entdeckte Fritz relativ jung Schmerz- und Aufputschmittel für sich. Weder die Lehrer noch die Nachbarn noch die Gäste von Mutters Kneipe haben sich an seinem desolaten Zustand gestört.
Als 20-Jähriger wird Fritz des Mordes an zwei Menschen angeklagt. 

Quelle: Diogenes
Die Anklage beauftragt einen Psychologen mit der Ausarbeitung eines Gutachtens über das Seelenleben des jungen Mannes. Der Psychologe fordert Fritz auf, sich seine Kindheitserinnerungen von der Seele zu schreiben. 

Das vorliegende Buch ist Fritzs Lebensbericht, der nahezu in seiner Urform belassen wurde. Der Verlag hat nur rudimentäre Änderungen vorgenommen, die Rechtschreibung, Grammatik und Verständnis betreffen. Das Ergebnis ist ein 100%-ig authentisches Zeugnis einer entsetzlichen Kindheit, das mir beim Lesen emotional einiges abverlangt hat. 
"Es ist nicht unser Verdienst, wenn wir nicht straffällig werden, wenn wir in unserem Leben niemanden durch unsere Schuld töten." (aus dem Vorwort, verfasst durch den Gutachter Reinhart Lempp)
Ich gehöre nicht zu denen, die einem Straftäter automatisch Absolution erteilen, sobald seine schwierige Kindheit in die Waagschale geworfen wird. Insofern habe ich zweimal überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt lesen soll. Ich war voreingenommen und habe fast schon damit gerechnet, dass in Fritz Mertens Lebensbericht um Verständnis für seine Morde gebuhlt wird. Doch das ist hier nicht der Fall. Das Buch ist keine Entschuldigung, sondern eher eine Erklärung. 
"Da Pappa, wenn er unter Alkohol war, zu einer brutalen Sau wurde, ging das meistens auch nicht ohne blaue Flecken ab. Ich fing deswegen an, Pappa die Pest zu wünschen, wenn er abends besoffen nach Hause kam. Das machte mich nicht nur körperlich fertig, sondern auch seelisch, denn ich hatte Angst vor ihm bekommen, und jedes Mal wenn er nach Hause kam, hatte ich ein Gefühl zwischen Angst, Hass und dem Wunsch, ihn umzubringen."
Es ist der ungeschönte Bericht eines Menschen über seine lieblose Kindheit, eine schmerzvolle Dokumentation über das Versagen unserer Gesellschaft. Denn wie kann es sein, dass Fritz' offensichtliche Spuren der Misshandlung von Nachbarn, Bekannten und Lehrern ignoriert wurden, und er in seinem Elend allein gelassen wurde?
Am Ende hat Fritz Mertens für sein Verbrechen gebüßt und hat wieder den Weg in die Gesellschaft gefunden, die ihn als Kind so sträflich ignoriert hat. Er ist Schriftsteller geworden - Fritz Mertens ist ein Pseudonym - und engagierte sich später gemeinnützig in der Jugendarbeit. Ob er die seelischen Wunden seiner Kindheit jemals überwunden hat, ist zu bezweifeln.

© Renie




Über den Autor:
Fritz Mertens, geboren 1963, ist das Pseudonym eines deutschen Autors, der nach einem Kapitalverbrechen als Jugendlicher einen Bericht über die Straftat verfasste. Zusammen mit seiner Frau eröffnete er 1998 ein gemeinnütziges Jugendzentrum. Mertens starb 2008 im Alter von 44 Jahren an einem Schlaganfall. (Quelle: Diogenes)

Freitag, 13. Juli 2018

Claire-Louise Bennett: Teich

Das Problem mit Klappentexten und Umschlaggestaltung eines Buches ist oft die hohe Erwartungshaltung, die beim Leser geschürt und dann nicht erfüllt wird. Und tatsächlich falle ich nach gefühlt Millionen Büchern, die ich in meinem bisherigen Leben gelesen habe, immer noch auf die Schönfärberei eines Buches herein.

Bei dem Roman "Teich", der englischen  Autorin Claire-Louise Bennett, ist es mir ähnlich ergangen. Hier sind ein paar Beispiele der Lobpreisungen:
"Vom Geheimtipp zur weltweit gefeierten literarischen Sensation" .... "mitreißend und kunstvoll" ... "eines der sensationellsten Debüts des Jahres" (Colum McCann) ... "Einfach umwerfend!" (The Guardian) ... etc. etc. etc.
Man ahnt es, der Roman hat mich nicht mitgerissen, feiern kann ich ihn auch nicht und umgeworfen hat er mich erst recht nicht.

Der Roman handelt von einer jungen Frau, die sich für ein Aussteigerdasein in einem abgelegenen Cottage an Irlands Westküste entscheidet. Hier lebt sie sehr spartanisch und allein vor sich hin. Ab und an trifft sie sich mit einem "Freund". Ob es der Eine oder Einer von Vielen ist, war mir nicht klar, was aber auch nicht relevant für die Handlung des Romanes ist, sofern man denn von Handlung reden kann.
Durch die Reduzierung auf das Wesentliche und wenigen Anreizen von der Außenwelt, verändert sich die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Sie konzentriert sich auf die "kleinen" Dinge des Lebens, indem sie ihnen eine Gewichtung beimisst, die für mich häufig zuviel des Guten war.

Quelle: Randomhouse/Luchterhand
In dem Roman finden sich einzelne Episoden ihres Daseins sowie gedankliche Ausschweifungen, die teilweise erstaunlich viel Tiefgang besitzen. Dieser Tiefgang gab mir Grund zur Hoffnung, dass das Buch doch noch bei mir punkten kann. Leider wurde ich brutal aus diesem Tiefgang gerissen, indem die Ich-Erzählerin sich auf Banalitäten konzentriert, denen sie eine viel zu hohe Gewichtung beimisst, und bei denen ich das Buch gern in die Ecke gepfeffert hätte.
Ein Beispiel: Da folgt ihre Betrachtung von Tomatenmark auf die Schilderung eines besonderen Momentes mit ihrem Freund.
"O Tomatenmark! Als du mir endlich einfällst, denke ich an etwas Üppiges, Frisches, Spritziges. Aber ach, als ich die Tür öffne und nach dir greifen will, stehst du knittrig und kalt im Licht der Kühlschranklampe da, und obwohl du längst noch nicht abgelaufen bist, musst du mit viel Nachdruck herausgepresst werden."
Ich hätte gern erfahren, was die Ich-Erzählerin dazu gebracht hat, in dieses Cottage zu ziehen. Leider ist diese Information bei mir nicht angekommen. Man erfährt auch sehr wenig über sie. In Ansätzen beschreibt sie selbst ihre Charakterzüge oder begründet ihre Verhaltensweisen. Leider reicht dies nicht aus, um sich ein Bild von ihr zu machen. Am Ende hatte ich nur eine eigenbrötlerische, ein wenig verlotterte Frau vor Augen, der die Einsamkeit nicht gut tut.
"Inzwischen dürfte für jedermann ersichtlich sein, dass meine Gedanken ständig um ein imaginäres Anderswo kreisen und fast nie ums Hier und Jetzt. Aber niemand kann wissen, welcher Trip gerade im Kopf eines anderen abläuft, deshalb wirkt meine Art, auf die Dinge zu reagieren, manchmal so konfus, sprunghaft, wenig nachvollziehbar oder gar kränkend."
Eines muss man Claire-Louise Bennett allerdings zusprechen. Sie besitzt eine herausragende Fähigkeit, mit Sprache umzugehen. Sie begegnet Banalem mit viel Poesie. So setzt sie das Unscheinbare im Alltag auf unvergleichliche Art in Szene. Diese sprachliche Fähigkeit gibt mir Hoffnung auf den nächsten Roman der Autorin. Auch wenn mir "Teich" nicht gefallen hat, werde ich ihr noch eine Chance geben. Für mich ist die Sprache in einem Buch wichtig. Und mit "Teich" hat die Autorin bewiesen, dass sie damit virtuos umgehen kann.

© Renie




Über die Autorin:
Claire-Louise Bennett wuchs in Wiltshire, im Südwesten Englands, auf. Sie studierte Literatur und Theaterwissenschaften an der University of Roehampton und lebt heute in Galway, an der irischen Westküste. »Teich« erschien zuerst in einem kleinen irischen Verlag und wurde als eines der faszinierendsten Erzähldebüts 2016 mehrfach als »Buch des Jahres« ausgezeichnet. (Quelle: Luchterhand)



Samstag, 7. Juli 2018

Sinclair Lewis: Main Street

Quelle: Wikimedia Commons
Percy Bresnahan ist eine Berühmtheit - zumindest in Gopher Prairie, einem amerikanischen Provinznest zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn P. B. ist ein berühmter Automobilhersteller und Vorbild der Einwohner von Gopher Prairie. P. B. hat bewiesen, dass jeder, der aus Gopher Prairie kommt, ungeahnte Möglichkeiten hat, wenn er sie nur ergreift. Er ist sozusagen der Inbegriff des Amerikanischen Traums.

Nahezu jede Kleinstadt hat einen Helden vorzuweisen. Da spielt es keine Rolle, dass sowohl Percy Bresnahan als auch Gopher Prairie der Phantasie von Sinclair Lewis entsprungen sind. Sein Roman „Main Street“ spielt in eben diesem Gopher Prairie. Der Literaturnobelpreisträger von 1930 und gleichzeitig erster amerikanischer Autor, der diesen Preis erhielt, hat mit „Main Street“ einen Roman geschrieben, der wahrscheinlich nie an Aktualität einbüßen wird – solange es Kleinstädte gibt. 

Besagte Main Street bildet das Herzstück von Gopher Prairie. Mehr hat das Nest im Westen der USA nicht zu bieten. Nichtsdestotrotz sind die Einwohner über alle Maßen stolz auf ihre kleine Stadt. Schwer nachvollziehbar, denkt sich auch Carol Kennicott, die frisch verheiratet mit Will Kennicott, dem Arzt aus Gopher Prairie, aus der Großstadt in eben diesen Ort zieht. Carols Erwartungen sind hoch. Denn Will hat Gopher Prairie in allen vorstellbaren und unvorstellbaren Farben angepriesen. 
Quelle: Randomhouse/Manesse
So ist Carols Enttäuschung nicht verwunderlich. 
"Ihr standen nur drei Möglichkeiten offen: Kinder bekommen, ihre Laufbahn als Reformerin beginnen oder sich so fest in die Ortsgemeinschaft einfügen, dass Kirchenarbeit, Leseklub und Bridgepartien sie ausfüllen würden." 
Doch die resolute junge Frau versucht sich mit ihrem Leben als Arztfrau in einem Provinznest zu arrangieren. Sie hofft sogar, das gesellschaftliche Leben mit ihrem Charme und Esprit zu beleben sowie das triste Stadtbild auf Vordermann zu bringen - Pläne, an denen sie sich die Zähne ausbeißen wird. Denn die Einwohner von Gopher Prairie geben viel auf ihr (nicht) vorhandenes gesellschaftliches Leben. So begegnen sie Carol nach anfänglicher Neugierde mit viel Skepsis. Carol wird sich 10 Jahre ihres Lebens mit den eigenbrötlerischen Einwohnern rumschlagen. Dabei wird sie auf Snobs, bibelfeste Scheinheilige, eingebildete Damen der Gesellschaft sowie Hütern von Moral und Anstand treffen. Die Gopher Prairierianer haben eines gemeinsam: Neuerungen kommen ihnen nicht ins Städtchen. 
(Gopher Prairie heißt übrigens wörtlich übersetzt "Taschenratten- oder Erdhörnchen-Prairie" wie ich den Anmerkungen am Ende des Buches entnehmen konnte.)

Sinclair Lewis wusste, wovon er schrieb. Er ist selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen und hat seine Erinnerungen in „Main Street“ einfließen lassen. Sein Roman ist eine Satire auf das Leben in einer Kleinstadt. Doch trotz aller Kritik stellt er die Charaktere, so eigen sie auch sein mögen, in einer sehr liebevollen Weise dar. Die Menschen sind ihm ans Herz gewachsen und auch der Leser findet die eine oder andere nette Eigenschaft an den Einwohnern von Gopher Prairie. Fast hat man den Eindruck, dass Sinclair seine Charaktere mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt. Sinclair Lewis hat nicht nur die Menschen geliebt, sondern auch Landschaft seiner Heimat Minnesota schien einen ganz besonderen Reiz auf ihn auszuüben. Mit viel Wortgewalt vermittelt er deren  atemberaubende Schönheit.
"Mrs. Bogart gehörte nicht zum ätzenden Typ 'guter Einfluss'. Sie war von der weichen, klammen, dicken, seufzenden, an Verdauungsstörungen leidenden, anhänglichen, melancholischen und deprimierend zuversichtlichen Sorte. Auf jedem Hühnerhof finden sich ein paar alte, ungehaltene Hennen, die Mrs. Bogart ähneln, und wenn die sonntags zum Mittagessen als Frikassee mit großen Klößen auf den Tisch kommen, tut das der Ähnlichkeit keinen Abbruch."
Carol hat es schwer. Sie bemüht sich die Stadt und ihre Einwohner zu lieben, was man ihr  jedoch nicht leicht macht. Aufgewachsen in Minneapolis hat sie eine sehr gute Schulbildung genossen. Nach Beendigung der Schule hat sie sich zur Bibliothekarin ausbilden lassen. Diesen Beruf hat sie auch noch kurze Zeit ausgeführt, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Sie ist geistreich, witzig und vor allen Dingen selbstbewusst. Eine Frau, die sich schwer darin tut, sich ihrem Mann unterzuordnen – was man in der damaligen Zeit vom weiblichen Geschlecht erwartet hat, und was für die Frauen von Gopher Prairie eine Selbstverständlichkeit ist und niemals in Frage gestellt wird. Anfangs wirkt Carol wie ein Wirbelwind in der Kleinstadt, der die Menschen aus ihrer routinierten Lethargie reißt. Doch ihre Energie erhält schnell einen Dämpfer als sie merkt, dass sie als Zugezogene und Angeheiratete auf dem Präsentierteller lebt und noch lange nicht akzeptiert wird. Also versucht sie auf subtilere Weise und durch das Schmieden von Allianzen ihre Pläne zur Rundumerneuerung der Stadt umzusetzen. 
"Hatte sie tatsächlich geglaubt, sie könnte ein Saatkorn der Liberalisierung in das Bollwerk der Mittelmäßigkeit pflanzen?"
Was mich an diesem Roman verblüfft hat, ist seine Aktualität. Wir sprechen von einem Roman, der erstmalig 1920 veröffentlicht wurde. Die Probleme, die es damals in Amerika gab, sind auch heute noch zu finden – wenn auch in abgewandelter Form: Fremdenfeindlichkeit – Klassendenken – Angst vor dem Neuen – Spießbürgertum.
Und tatsächlich ist das Thema dieses Romanes keines, das den USA vorbehalten ist. Gopher Prairie gibt es überall auf der Welt.

Fazit: 
Main Street ist ein zeitloser und amüsanter Klassiker, den es sich auf alle Fälle zu lesen lohnt.
© Renie




Über den Autor:
Sinclair Lewis (1885-1951), geboren in einer Kleinstadt in Minnesota, studierte in Yale und arbeitete als Journalist und Lektor in New York, San Francisco und Washington. Seit dem Erfolg seines Romans «Main Street» konnte er von der Schriftstellerei leben. 1926 erregte er großes Aufsehen mit seiner Ablehnung des Pulitzerpreises, der ihm für seinen Roman «Arrowsmith» zuerkannt worden war; 1930 erhielt er als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis. (Quelle: Randomhouse/Manesse)









Freitag, 29. Juni 2018

Tracy Chevalier: Der Neue

Quelle: Pixabay/6557056

Was bin ich im Englischunterricht mit Shakespeare gequält worden. Aber wie bei so vielen literarischen Werken, die  mir in der Schule aufgezwungen wurden, weiß ich erst jetzt, diese zu schätzen. Interessant finde ich daher ein Projekt, das in Deutschland im April 2016 startete, anlässlich des 400. Todestages von Shakespeare: International bekannte und erfolgreiche Autoren haben die Möglichkeit, ein Werk von Shakespeare auf ihre spezielle und persönliche Art und Weise neu zu erzählen. Der Knaus Verlag - als deutscher Partner dieses Projektes (federführend ist The Hogarth Press, UK) - hat bereits etliche Shakespeare Neuerzählungen veröffentlicht. Eine davon stammt von Tracy Chevalier, welche sich mit "Der Neue" der Tragödie "Othello" angenommen hat.

"Othello", in seiner ursprünglichen Form, ist schnell erzählt: Im Großen und Ganzen geht es um Liebe, Verrat und Eifersucht. Also Themen, die immer aktuell und für einen Bestseller gut sind. Othello ist ein schwarzer Feldherr im Venedig des 15. Jahrhunderts, der sich in die schöne Desdemona verguckt ... und sie sich auch in ihn. Auch andere haben ein Auge auf Desdemona geworfen. Der böse Bube in dieser Geschichte ist Jago, ein Untergebener Othellos und Meister der Intrige. Ob durch Eifersucht, Fremdenhass oder purer Boshaftigkeit ... Jago schafft es am Ende, unter Mithilfe anderer Beteiligter, die er schachfigurengleich in seinem Intrigenspiel einsetzt, dass Othello übelst eifersüchtig auf Desdemona wird und die Arme am Ende umbringt. Falsche Entscheidung! Denn nachdem er erfährt, dass Desdemona unschuldig war, nimmt er sich selbst auf spektakuläre Weise das Leben.

Quelle: Random House/Knaus
Tracy Chevalier hat in ihrer Version einen Schauplatz gewählt, der herzlich wenig mit dem malerischen und prunkvollen Shakespeare-Venedig zu tun hat: ein amerikanischer Schulhof im Amerika der 70er Jahre; und ihr "Othello" ist kein Feldherr sondern ein 14-jähriger farbiger Schüler.
"Was auch immer er in diesem Moment dachte (wahrscheinlich, dass er auf einem von weißen Menschen wimmelnden Schulhof der einzige Schwarze und der einzige Neue war), als er auf die an der Tür zum Schulgebäude wartenden Lehrer zuschlenderte, strahlte er das Selbstbewusstsein eines Menschen aus, der seinen Körper kennt und sich darin wohlfühlt."
Bei der Namensgebung hat sich die Autorin an dem Original orientiert:
Othello = Osei, ein afrikanischer Diplomatensohn, der seinen ersten Tag an dieser Schule verbringt; und man wundert sich, welche Tragödien sich auf einem Schulhof abspielen können
Desdemona = Dee, wohlbehütete Tochter, gutaussehend, Lehrerliebling, die von Osei magisch angezogen wird, da er für sie ein anderes Leben als ihres verkörpert; so ganz nebenbei sieht er auch noch gut aus, hat wenig pubertäres und rüpelhaftes Gehabe an sich, wie andere Jungs seines Alters
Jago = Ian, der Schrecken der Schule, leicht gestört, hat Spaß daran, andere zu schikanieren und zu manipulieren; definiert sich über die Angst, die andere vor ihm haben
(Dies sind die 3 Hauptcharaktere. Auch die Nebencharaktere sind von Tracy Chevalier selbstverständlich in Bezug zum Original angelegt.)

Osei hat seinen ersten Tag an der Schule in dieser amerikanischen Kleinstadt. Er ist der einzige Farbige. Dementsprechend trifft er auf viel Be- und Verachtung. 
Kaum zu glauben, aber auch im Lehrerkollegium hält man sich nicht mit rassistischen Äußerungen zurück. Nur wenige Kinder begegnen ihm freundlich. Eine davon ist Dee, die sich schnell in ihn verguckt. Die Empfindungen beruhen auf Gegenseitigkeit und bereits in der ersten Pause, wird die Beziehung klar gemacht. Dee und Osei „gehen“ also miteinander. Ian passt nicht, dass Osei so viel Beachtung erhält. Daher spinnt er ein Netz aus Intrigen. Und mit Schulschluss kommt es zum Supergau.
"Als der schwarze Junge an diesem Morgen den Schulhof betrat, hatte Ian sofort gespürt, dass sich etwas zu verschieben begann. Als wäre der Boden, auf dem er stand, in Bewegung geraten, unberechenbar wie ein Erdbeben. In all den Jahren an dieser Schule hatten sich feste hierarchische Strukturen gebildet, mit Anführern und Gefolgsleuten. Alles lief rund - und jetzt war plötzlich dieser Junge gekommen, ein einziger Junge, der alles aus dem Gleichgewicht brachte."
Bei Tracy Chevaliers Roman war ich von Anfang an gespannt, ob sie sich auch beim Ende an Shakespeares Theaterstück orientiert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es zum Schluss Tote geben wird. Wir befinden uns schließlich auf einem Schulhof mit 14-Jährigen, die i. d. R. aus „normalen“ Verhältnissen kommen. Hätte sie die Geschichte irgendwo in einem sozialen Brennpunkt angesiedelt, hätte ich mit allem gerechnet. Daher war ich sehr gespannt über ihre Auflösung, werde aber an dieser Stelle nicht spoilern.

Die Autorin inszeniert ihre Version wie ein Theaterstück. Wie im Original gibt es 5 Kapitel (Akt 1 bis 5), die in einzelne Szenen unterteilt sind. Zu Beginn jeder Szene erhält man zunächst einen Überblick: wer befindet sich wo und ist womit beschäftigt. Der Schauplatz konzentriert sich dabei hauptsächlich auf das Klassenzimmer und den Schulhof. Hier interagieren die einzelnen Charaktere. Durch Wechsel in der Erzählperspektive erfährt der Leser, was die einzelnen Charaktere fühlen bzw. was sie zu ihrem Handeln antreibt. Im Unterschied zum Original lässt Tracy Chevalier einzelne Szenen wiederholen, indem sie diese aus der Sicht unterschiedlicher Perspektiven schildert. Dadurch wird das Geschehen intensiver wahrgenommen.

Wenn man Shakespeares Othello kennt, weiß man, was passieren wird. Trotzdem durchzieht diesen Roman eine ungeheure Spannung, unterschwellig meint man, ein Brodeln zu verspüren. Man kann fühlen, dass sich etwas anbahnen wird. Schaurig schön!
"Er würde sie nicht zur Rede stellen, wollte nicht ertragen müssen, dass sie ihm noch mehr Lügen auftischte, ihn behandelte, als wären sie zusammen und dann doch wieder so, als wäre er nur der Schwarze auf diesem weißen Schulhof. Das schwarze Schaf. Angeschwärzt und auf der Schwarzen Liste gelandet. Es war ein schwarzer Tag."
Mit einer Sache hatte ich meine Schwierigkeiten. Wir reden hier von 14-Jährigen pubertierenden Schülern. Bei Tracy Chevalier entwickeln diese Schüler Gedankengänge und Ideen, die manch ein Erwachsener nicht entwickeln würde. Diese Reife und Fähigkeit, Gefühle in komplexen Aussagen zu erfassen, hat mich teilweise befremdet. Insbesondere Ian, der Intrigant, formuliert seine Geisteshaltung in einer Art, die man eher von einem ausgewachsenen, hochintelligenten Psychopathen erwarten würde, aber nicht von einem 14-Jährigen. Daran muss man sich gewöhnen. Diese Gestaltung der Charaktere ist wahrscheinlich der Inszenierung geschuldet, die Tracy Chevalier in ihrem Roman vermitteln wollte. 
Sicherlich gibt es noch mehr in diesem Roman zu entdecken. Ich kann mir vorstellen, dass eine Deutsch- oder Englischklasse großen Spaß an einer Gegenüberstellung von Roman und Theaterstück hätte. 

Tracy Chevalier gibt dem Originalwerk einen verblüffenden neuen Anstrich und beweist, dass Shakespeare immer zeitgemäß ist und seine Aktualität nie verlieren wird. Leseempfehlung!

© Renie









Freitag, 22. Juni 2018

Donal Ryan: Die Lieben der Melody Shee

Quelle: Pixabay/rmac8oppo

Ich habe einen neuen Lieblingsschriftsteller: den Iren Donal Ryan, von dem ich seinen, vor Kurzem im Diogenes Verlag erschienenen Roman "Die Lieben der Melody Shee" (im Original "All we shall know" (2016)) verschlungen habe.
Der Autor präsentiert in diesem Roman eine vielschichtige Story, eine Protagonistin, die es dem Leser nicht leicht macht und einen ausdrucksstarken Sprachstil. Alles Dinge, die einen Roman für mich lesenswert machen. Kaum zu glauben, dass Ryans erste Romane insgesamt 47mal abgelehnt worden sind. Doch Qualität setzt sich zum Glück immer durch.

Die Story
Zunächst geht es in der Geschichte um Schuld und Sühne - wie passend für einen Roman, der in einer erzkatholischen Umgebung spielt.
Melody Shee lebt mit ihren 33 Jahren in einem irischen Dorf, in der Nähe von Limerick. Sie ist verheiratet und schwanger, jedoch nicht von ihrem Mann, sondern von ihrem 17-jährigen Nachhilfeschüler Martin. Martin ist ein Traveller (das irische Pendant zu unserem landläufigen Ausdruck "Zigeuner"). Pat, Melodys Mann verlässt sie natürlich - vielleicht schmeißt sie ihn auch raus. Sie zieht die Schwangerschaft durch, spielt jedoch mit dem Gedanken, sich umzubringen. Zu groß ist der Druck, dem sie ausgesetzt ist. Der Leser begleitet sie dabei von Schwangerschaftswoche zu Schwangerschaftswoche und nimmt teil an ihren Gedanken. Denn Melody erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive.

Quelle: Diogenes
"Pat hatte Sex mit Prostituierten: Das ist Fakt. Ich hatte Sex mit einem Jugendlichen, einem Schutzbefohlenen: Auch das ist Fakt. Welche Worte hätten etwas an der Tatsache ändern sollen, dass wir zu solchen Dingen fähig waren? Menschen tun einander Schlimmeres an, aber viel schlimmer wird es nicht. Wir haben Greueltaten begangen. In unserem Einfamilienhaus hat ein Holocaust stattgefunden, eine Auslöschung der Liebe."
Da Melody in einer erzkatholischen Kleinstadt lebt, bleibt der Skandal nicht lange verborgen. Es wird nicht nur hinter Melodys Rücken getratscht. Sie wird auch öffentlich angefeindet. Die junge Frau durchlebt einen Zwiespalt. Sie fühlt sich hin- und hergerissen zwischen den Gedanken, sich umzubringen, das Baby zu bekommen, sich wieder mit ihrem Mann zu versöhnen. Auslöser für diesen Zwiespalt ist nicht ihre Schwangerschaft, sondern ihr bisheriges Leben. Als junge Frau hat man es nicht leicht in diesem Umfeld. Das Sagen haben die Männer und deren Mütter. Denn Wert und Ansehen einer Frau steigen mit ihrer Mutterschaft. Melody ist schon immer angeeckt, weil sie sich mit der Einflussnahme der Gesellschaft auf ihr Leben nicht abfinden wollte. Genauso wenig wie sie sich mit dem ihr vorbestimmten Leben als Mutter und Ehefrau nicht abfinden will.
Der junge Traveller ist mittlerweile weitergezogen. Melody lernt ein junges Mädchen aus seinem Clan kennen - Mary -, die einen ähnlichen schweren Stand in ihrer Gemeinschaft hat wie Melody in ihrer Kleinstadt. Melody nimmt sich ihrer an. Die beiden Frauen geben sich gegenseitig Kraft, eine Freundschaft entwickelt sich.
So ganz nebenbei erhält die Geschichte dadurch neue Impulse. Denn der Autor intensiviert seine Darstellung der Gemeinschaft der Traveller. Und plötzlich befindet man sich mitten in einem Streit zwischen Traveller-Clans, die ihre Konflikte nach ihren eigenen Gesetzen lösen. Und Melody und Mary befinden sich mittendrin.

Die Protagonistin
Melody ist nicht nur die junge Frau, die gegen Sitte, Moral und Anstand verstößt. Nein, ihre Erinnerungen, mit denen sie den Leser konfrontiert, zeigen, dass sie in ihrer Jugend Schuld auf sich geladen hat. In einem Moment der Schwäche hat sie einen Verrat begangen, der entsetzliche Folgen hatte. Mit dieser Schuld muss Melody nun leben. Wer sich schuldig fühlt und ertappt wird, neigt dazu in Abwehrhaltung zu gehen. Melodys darauf folgendes Leben ist eine einzige Abwehrhaltung. Sie setzt sich gegen alles zur Wehr: ihre Umgebung, das für sie vorbestimmte Leben, ihren Ehemann Pat. Trotz einer Heirat aus Liebe wird der Ehealltag zum Kriegsgebiet. Sie ist kein einfacher Mensch, ihre Gefühlsausbrüche sind zum Fürchten. Pat kann ihr nichts Recht machen, auch wenn er es unbedingt möchte - was Melody noch mehr antreibt, ihn ihren Frust über ihr Leben spüren zu lassen.
Melody ist auch keine einfache Protagonistin. Sie gehört sicher nicht zu denen, die man vor lauter Sympathie ins Herz schließen wird. Bestenfalls entwickelt man Mitleid aufgrund des Drucks, den sie durch ihre Umgebung erfährt. Doch man kommt ihr langsam näher. Denn je tiefer man in ihre Gedanken eintaucht, umso mehr wird man sie verstehen.
"Ich zischte meine Antwort durch zusammengebissene Zähne. Ja, Pat, bist du. Du bist absolut ekelhaft. Und da war es, ausgesprochen und gehört, gemeint und geglaubt, und es würde nie wieder erschütternd sein, und ab diesem Punkt hinderte uns nichts mehr daran, uns jeder Gemeinheit, jeder Schlechtigkeit hinzugeben; unsere Sprache verkam. Wir suhlten uns darin. Wir ließen unsere Wut zu einem wahnsinnigen lebendigen Biest werden. Sie wurde unser Kind, unser fleischgewordener Schmerz."
Die Sprache
Donal Ryan hat einen sehr plakativen und kraftvollen Sprachstil. Er lässt Bilder im Kopf entstehen, die bedrückend, sogar schwermütig sein können. Dies gelingt ihm, indem er seine Sprache mit Vergleichen und opulenten Beschreibungen arbeiten lässt, die einen starken Kontrast zu dem Geschehen bilden. Es entsteht ein bildgewaltiges Kopfkino, dessen Stimmungen sich auf den Leser übertragen. Mich hat seine Sprache fasziniert, und ich hoffe, diesen Stil auch in weiteren seiner Romane zu finden.

Fazit:

Eine unglaubliche Geschichte, erzählt in einer unglaublichen Sprache. Unbedingt lesen!

© Renie





Über den Autor:
Donal Ryan, geboren 1976 in Nenagh, Tipperary, studierte Bauingenieurwesen und Jura; er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Castletroy, Limerick. Für ›Die Gesichter der Wahrheit‹ wurde Ryan mit dem Irish Book Award, mit dem Guardian First Book Award und dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)