Freitag, 16. Februar 2018

Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

Quelle: Pixabay / RyanMcGuire
Amerika(s Wirtschaft) geht den Bach runter - eine abstrakte Floskel, die in Lionel Shrivers Roman "Eine amerikanische Familie" Wirklichkeit wird. Welche Auswirkungen Schulden, Inflation und Geldpolitik auf den Mikrokosmos einer Familie haben können, demonstriert die Autorin mit einem unnachahmlichen und sehr vergnüglichen Sarkasmus.
Der Roman setzt im Jahre 2029 ein, also quasi demnächst. Von ferner Zukunft kann man nicht sprechen, steht sie doch fast vor unserer Tür.
Am Beispiel der Familie Mandible kann man sich ungefähr vorstellen, was mit dem Einzelnen passiert, wenn das Große und Ganze zusammenbricht.
Die Mandibles des Jahres 2029 haben sich halbwegs mit dem Alltag, der aus der verqueren Finanzpolitik Amerikas resultiert, arrangiert. Vieles, was sich in den Jahren zuvor bereits angekündigt hat, ist in 2029 Wirklichkeit geworden. Doch immer noch herrscht bei vielen Amerikanern das Verständnis, ihr Land sei heimlicher Herrscher dieser  Welt. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Weltpolitik hat sich geändert. Amerika wird in der Welt nicht mehr ernst genommen, der Dollar hat seinen Status, diejenige Währung zu sein, die die Weltwirtschaft dominiert, verloren. Amerika kann mit den anderen Ländern nicht mehr mithalten, China hat jetzt das Sagen. Dank einer eigentümlichen Schuldenpolitik, verabschiedet sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in die Isolation. Es gibt weder Export noch Import. Die Inflation schießt in unendliche Höhen.
"Seit Monaten schon beschrieben die Moderatoren die Ereignisse mit Begriffen wie Krise, Kollaps, Katastrophe und Kalamitäten, bis ihnen die K-Wörter ausgingen. Worte wie Unheil, Debakel, Verheerung, Not, Tragödie, Drangsal und Leiden verloren ihre Bedeutung, sie funktionierten nicht mehr, bezeichneten Erfahrungen, die nichts Besonderes waren. So litt auch die Sprache unter einer Inflation, und als sich alles immer noch weiter verschlechterte waren die Fernsehleute praktisch aufgeschmissen." (S. 272)
Quelle: Piper
Die derzeit 4 Generationen der Mandibles haben bis jetzt ein normales, mehr oder weniger sorgenfreies Leben geführt, da sie es zu mehr oder weniger Wohlstand gebracht haben. Den einzigen Ausreisser bildet der Älteste der Sippe, Urgroßvater TGM (Toller großer Mann), der es in jüngeren Jahren durch geschickte Spekulationsgeschäfte und Investitionen zu sehr viel Vermögen gebracht hat, und somit der Hoffnungsträger für die Zukunft der anderen Familienmitglieder ist, winkt doch eine hohe Erbschaft.
Doch die Inflation macht TGM und seinen Nachkommen einen Strich durch dir Rechnung. Innerhalb kürzester Zeit steht die Familie am finanziellen Abgrund. Sie sind gezwungen näher zusammenzurücken. Familienmitglieder, die sich früher geliebt und gehasst haben, die sich gern besucht haben, aber auch froh waren, wenn die Verwandschaft wieder weg war, müssen auf einmal auf engstem Raum zusammenleben. Das birgt Zündstoff, insbesondere, wenn die einzelnen Familienmitglieder einen unterschiedlichen Umgang mit der Krise pflegen. Optimisten treffen auf Pessimisten. Da sind diejenigen, die nicht wahr haben wollen, dass Amerikas Wirtschaft in den Supergau geschliddert ist, und diejenigen, die ahnen, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Da sind diejenigen, die nicht die nötige Sparsamkeit im Umgang mit dem wenigen, was die Familie noch hat, an den Tag legen, und diejenigen, die zum Hamster mutieren und  eine hohe Erfindungsgabe beweisen, wenn es darum geht, die Familie am Leben zu erhalten.
"Avery fühlte sich wie eine Idiotin. Sie war stolz darauf, angesichts der zu meisternden Schwierigkeiten eine gewisse Cleverness im täglichen Überlebenskampf entwickelt zu haben. Doch trotz all der abgebrochenen Fingernägel, weil sie jetzt selbst mit anfasste, flatterte da offenbar noch der Washingtoner Gesellschaftsschmetterling in ihr. Sie schien nach wie vor in einer Welt von Essensverabredungen, Kaffeekränzchen und Sammelaktionen für die Brustkrebsforschung zu leben, einer Welt, in der das Schlimmste, was einem passieren konnte, ein Gast war, der mit einer beleidigend billigen Flasche Rotwein zum Essen kam." (S. 330)
Einer der Realisten der Familie ist Willing, mit seinen 13 Jahren einer der jüngsten der Mandibles und ein Jugendlicher, der so völlig anders ist als andere Jugendliche seines Alters. Willing hat vor der Wirtschaftskrise Dinge getan, die andere als merkwürdig empfanden: Er hat sich für Amerikas Politik interessiert. Daher war er auch in der Lage, das Chaos und die Auswirkungen auf den Alltag vorherzusagen. Nur keiner hat ihm geglaubt, war er ja nur ein Jugendlicher mit verrückten Ideen. Zumindest seine Mutter Florence erkennt, dass er in den schrecklichen Zeiten zu einem Überlebenskünstler wird, an dem man sich durchaus orientieren sollte.
Der erste Teil des Romanes endet damit, dass die Großfamilie gezwungen ist, ihr Haus aufzugeben und in den nächstgelegenen Stadtpark zu ziehen, wie viele andere Familien auch.  Was dort passiert, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. 
An dieser Stelle gibt es in dem Roman einen Cut. Die Handlung setzt etwa 20 Jahre später wieder ein. Die Kinder Willing und seine Cousins und Cousinen sind erwachsen geworden. Dank einer stringenten Politik hat Amerika sein Chaos in den Griff bekommen. Doch der Alltag in Amerika nimmt Orwellsche Ausmaße an. Die Meisten nehmen dies hin und versuchen sich mit dem neuen  Leben zu arrangieren. Einige wenige - wozu auch Willing gehört - begeben sich auf die Suche nach einem besseren Ort in diesem verrückten Land.
"'Die Amerikaner leiden nicht unter Depressionen, .... Sie wollen nur die Wahrheit nicht sehen. Alle denken, wir befänden uns in einer vorübergehenden Krise und dass wir morgen wieder anfangen, in Cafés zu sitzen und Cappuccino zu schlürfen. Unsere früheren Wirtschaftskrisen waren auch irgendwann vorbei. Im schlimmsten Fall sorgen wir uns  um ein 'verlorenes Jahrzehnt'. Der Gedanke, alles zu verlieren und einen fortdauernden, unumkehrbaren Abstieg zu erleben, passt nicht zur Psyche dieses Landes.'" (S. 279)
Lionel Shrivers Roman ist ein Lehrstück der Ökonomie. Auf sehr amüsante und anschauliche Weise zeigt sie auf, wie die Prozesse innerhalb eines Wirtschaftssystem ineinandergreifen und welche Konsequenzen eine abstrakte Finanzpolitik auf den Mikrokosmos eines Familienalltags hat. Der amerikanische Traum wird zum Albtraum. Verzweiflung wird zum ständigen Begleiter im Leben der Familie Mandible. Die Autorin bedient sich dabei eines genüsslichen und manchmal süffisanten Sprachstils, der diesen Roman, den man fast schon als Dystopie bezeichnen kann, sehr amüsant und unterhaltsam macht. Man kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus. Insbesondere, wenn Familiencharaktere aufeinanderprallen und die Eitlen unter ihnen dabei manches Mal abgewatscht werden.
Alles in allem ist dieser Roman ein großer Spaß, jedoch mit ernstem Hintergrund, der zum Nachdenken anregt und den Leser mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Am Ende wird sich der Gedanke einschleichen, dass nicht viel fehlt, damit der hier skizzierte Albtraum zur Wirklichkeit wird. 
© Renie 

Freitag, 9. Februar 2018

H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau



Quelle: Pixabay/Free-Photos
Der Plot "Held landet auf einsamer Insel" ist ein Evergreen. Was früher bei Daniel Dafoe mit seinem "Robinson Crusoe" gezogen hat, zieht auch heute noch. Ich denke da z. B. an Tom Hanks und Volleyball Wilson in "Cast away - Verschollen). Die Vorstellung, auf einer einsamen Insel zu stranden, ist schon unheimlich genug. Aber was ist, wenn sich die Insel doch nicht als so einsam erweist, wie angenommen.

Als Edward Prendick, der Protagonist des erstmalig 1896 veröffentlichten Romans "Die Insel des Dr. Moreau" von H. G. Wells auf besagter Insel landet, ist er zunächst nicht allein. Das Schiff, mit dem er unterwegs war, hat Schiffbruch erlitten. Mit zwei weiteren Passagieren dümpelt er zunächst in einem Rettungsboot tagelang über den Ozean, natürlich knapp bei Wasser und Lebensmitteln. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen, so dass Edward am Ende allein von einem Frachtschiff aufgegabelt wird - mehr tot als lebendig. Montgomery, ein Passagier dieses Frachters, päppelt ihn wieder einigermaßen auf. Das Frachtschiff soll Montgomery, dessen seltsamen Diener sowie diversem Viehzeug auf Dr. Moreaus Insel absetzen. Diese Insel liegt fernab jeglicher Schiffsroute. Montgomery und der ewig betrunkene Kapitän des Frachters sind sich nicht ganz grün. Des Kapitäns Aversion gegen Montgomery richtet sich auch gegen Edward. Als das Schiff vor der Insel ankert, gehen nicht nur Montgomery und Anhang von Bord. Auch Edward wird genötigt, das Schiff zu verlassen.
Quelle: Kirchner PR/kunstanstifter
"Einiges ertrug ich nur schwer, obgleich ich ein Mann von mildem Temperament bin. Aber auf jeden Fall hatte ich, als ich dem Kapitän Einhalt gebot, vergessen, daß ich nur ein Stück menschlichen Strandguts war, von meinen Hilfsquellen abgeschnitten, mit unbezahlter Passage, nichts als ein Obdachloser, der von der Güte - oder dem spekulativen Unternehmungsgeist des Schiffseigners - abhängig war. Er erinnerte mich mit beträchtlichem Nachdruck daran." (S. 32)
So landet Edward unfreiwillig auf dieser Insel, bewohnt von Dr. Moreau, Montgomery sowie diversen unheimlichen Kreaturen. Dr. Moreau hat etwas zu verbergen, das definitiv mit diesen Wesen  zusammenhängt. Tatsächlich erweisen sich diese Kreaturen als Ergebnis von Dr. Moreaus Experimenten: es sind Tiere, die etwas Menschliches an sich haben? Oder Menschen, die etwas Tierisches an sich haben? Erst mit der Zeit gibt der fanatische Dr. Moreau das Geheimnis um seine Experimente und seine Motivation Preis.

Da hängt der arme Edward nun auf dieser Insel fest. Die Kreaturen sind ihm nicht geheuer, und den Menschen traut er auch nicht. Natürlich wird die Situation am Ende eskalieren.

"Die Insel des Dr. Moreau" ist vielen als Klassiker ein Begriff. Es gibt Klassiker, die verlangen dem Leser einiges ab, oft ziehen sich die Geschichten durch einen schwer lesbaren Sprachstil wie Kaugummi. Und dann gibt es Klassiker, denen merkt man die Jährchen, die sie bereits auf dem Buckel haben, nicht an. Sprachlich unterscheiden sie sich in nichts von Büchern aus der heutigen Zeit. Für mich gehört "Die Insel des Dr. Moreau" definitiv zur letzten Kategorie. Die Geschichte liest sich weg wie nichts. Und vom Anfang bis zum Ende durchzieht diese Geschichte ein leichter Grusel. Das beschriebene Szenario ist unheimlich. H. G. Wells schmückt seine Beschreibungen dabei sehr farbenfroh aus, so dass der eigenen Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind.
"Er war tot; und gerade als er starb, tauchte der Rand der Sonne weißglühend im Osten über der Bucht auf, schleuderte Strahlen über den Himmel und verwandelte das dunkle Meer in einen wogenden Aufruhr blendenden Lichts. Wie eine Glorie umgaben die Strahlen das eingefallene Gesicht." (S. 202)
Abbildung aus "Die Insel des Dr. Moreau"
(Nicole Riegert, Ill.)
In der vorliegenden Ausgabe des kunstanstifter Verlages ist diese spannende Geschichte mit den Illustrationen von Nicole Riegert versehen. Alle paar Seiten trifft man auf eine ganzseitige Illustration, die das Geschehen eindrucksvoll untermalt. Nicole Riegert wendet dabei die Technik des Holzschnittverfahrens an. Ihre Bilder, die in Grün- und Blautönen gehalten sind, spiegeln dabei das unheimliche Szenario wieder. Die dezente Farbgebung bildet einen Kontrast zu der kraftvollen und farbenfrohen Sprache von H. G. Wells. Die Darstellung der Figuren ist Nicole Riegert besonders gut gelungen, unterstreichen sie doch das Groteske der Kreaturen.

Wie so häufig in den Ausgaben des kunstanstifter Verlages wird auch diesem Klassiker durch die modernen Illustrationen ein zeitloses Gewand verpasst. Klassiker sind für sich schon etwas Besonderes. Doch in dieser Variante erhalten Sie noch ein "Sahnehäubchen". Ich bin begeistert.

© Renie




Über die Illustratorin:
Nicole Riegert, geboren 1980, studierte Buchkunst/Grafikdesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie Ihr Diplom ablegte und 2010 als Meisterschülerin abschloss. Seitdem sind vielfältige Bilderbücher für verschiedene Verlage entstanden, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Nicole Riegert arbeitet als Grafikdesignerin und Illustratorin für Buch-, Zeitschriftenverlage, Firmen und Institutionen. Sie lebt mit Ihrer Familie in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)





Freitag, 2. Februar 2018

Gerdt Fehrle: Wie Großvater den Krieg verlor

Quelle: Pixabay/Walle1886
Der Geschichtsunterricht in meiner Schulzeit war laaaangweilig. Mein Lehrer konnte mich leider nicht für Geschichte begeistern. Das macht sich jetzt, Jahre später, bemerkbar. Ich habe mit einigen geschichtlichen Wissenslücken zu kämpfen. Das ist mit ein Grund, warum  ich gern zeitgeschichtliche Romane lese. Das, was mein Lehrer  nicht geschafft hat, schafft so mancher Autor mit seinem Buch - wie auch Gerdt Fehrle mit seinem  Roman "Wie Großvater den Krieg verlor".
"Sie hießen beide Otto."
Mit diesem Satz beginnt der Roman. Und die beiden Ottos sind die Großväter eines kleinen Jungen, dem sie Geschichten aus ihrem Leben erzählen - Geschichten, die die Familie betreffen und Geschichten, die Deutschland betreffen. Verheiratet sind die beiden Ottos mit zwei Gertruds, die ebenfalls ihren Beitrag zu den Geschichten für den Jungen leisten. Damit man die beiden Großelternpaare auseinanderhalten kann, gibt der Autor Gerdt Fehrle den Opas die Namen "Otto Nullacht" und "Otto Elf". Ihrem Namen nach sind die beiden 1908 bzw. 1911 auf die Welt gekommen. Doch die Geschichten, die die beiden ihrem Enkel erzählen, setzen bereits 1870 ein. Somit ergibt sich anhand der Erzählungen ein schillerndes Porträt von der damaligen Zeit bis hin in die 60er Jahre, inklusive zweier Weltkriege. Es sind in der Regel Familiengeschichten, also Geschichten, die über mehrere Generationen überliefert worden sind.
Quelle: Louisoder
"Das tat er am allerliebsten. Den Erwachsenen lauschen. Egal, was er zu hören bekam. Erinnerungen, Märchen, Lieder, Worte. Den tiefen, pastoralen Bass von Otto Nullacht, das hohe Fisteln von Otto Elf, den Spott, den beide Gertruds pflegten, auch sie so unterschiedlich, wie zwei Frauen ihrer Zeit nur unterschiedlich sein konnten, und doch in vielem ähnlich. Alles Gesprochene begeisterte den Knaben. Worte entführten ihn, trösteten ihn, halfen ihm. Die Geschichten der Großeltern öffenten ihm ein Fenster, unterbrachen die Stille, in der das Kind lebte, ohne es zu ahnen, füllten einen leeren Raum." (S. 20)
Auch wenn es sich zunächst so anhört, ist dieser Roman jedoch keine reine Ansammlung von Erzählungen. Zwischen den Erzählungen findet Familienleben statt. Der Roman ist aus der Sicht des Jungen erzählt. Und der Leser bekommt eine Ahnung davon, welches Miteinander in dieser deutschen Familie herrschte.
Der Junge verbringt scheinbar viel Zeit mit seinen Großeltern. Das Verhältnis scheint eher von Respekt als von Nähe und Zuneigung geprägt zu sein. Doch dieser Umstand scheint ein Merkmal für viele der Kriegsgenerationen zu sein. Gefühle wurden nicht gezeigt und waren ein Zeichen von Schwäche, was im Nachhinein den Eindruck der Gefühlskälte erweckt. Doch es sind die kleinen Dinge, die darauf hindeuten, dass zwischen Großeltern und Enkel doch eine enge Bindung vorhanden ist: das ist das Bonbon, das der Opa dem Jungen zusteckt, oder die Freude an gemeinsamen Spaziergängen, bei denen der Junge einen Großteil der Geschichten erzählt bekommt.
Der Junge ist um die 5 Jahre alt. Wie die meisten Jungen seines Alters hat er viel Fantasie, so dass die Geschichten bei ihm bleibenden Eindruck hinterlassen und ihn beschäftigen. Teilweise kann er die Geschichten nicht verarbeiten, insbesondere wenn es Erzählungen sind, die für einen 5-Jährigen in gewissem Maße blutrünstig sind.
"Der Knabe begriff nichts. Er verstand weder die Bedeutung des Wortes Jude noch die Aufregung, die die Erwachsenen ergriff, wenn davon die Rede war, noch, wie man von etwas sprechen und Geschichten erzählen konnte, wovon man doch eigentlich überhaupt nichts wusste. Das alles war seltsam, und da die Geschichten, die mit diesem Wort zu tun hatten, immer traurig waren oder verkrampft klangen, und weil alle Menschen um ihn herum schlechte Laune, rote Köpfe und diesen komischen Blick bekamen, wenn von diesem Wort die Rede war, mochte er sie gar nicht hören." (S. 236)
Der Junge hat keinen Namen. Gerdt Fehrle bezeichnet ihn als den "Knaben", was den Anschein von Anonymität erweckt. Doch betrachtet man die gesamten Charaktere dieses Romans mit ihren Allerweltsnamen wie Otto und Gertrud, stellt man fest, dass die Familie stellvertretend für viele andere Familien in Deutschland steht. In jeder Familie werden Geschichten überliefert. Und ich gestehe, auch wenn nicht alle Geschichten in diesem Roman schön sind, haben ich beim Lesen doch ein gewisses Maß an Geborgenheit empfunden, fühlte ich mich doch sehr an meine eigene Kindheit und meine Großeltern erinnert (die aber weder Otto noch Gertrud hießen ;-)). Auch wenn meine Großeltern schon vor vielen Jahren gestorben sind, sind mir ihre Geschichten immer noch präsent, und ich ertappe mich immer wieder gern dabei, dass ich diese Geschichten meinem Sohn weitererzähle.

Der Sprachstil:
Mir hat der poetische Sprachstil von Gerdt Fehrle sehr gut gefallen. Denn die Sprache vermittelt in diesem Roman sowohl Ruhe als auch Seelenwärme, zwei angenehme Begriffe, die man mit Geschichten, die Großeltern ihren Enkeln erzählen, gern verbindet.

Leichte Schwierigkeiten hatte ich jedoch mit einem anderen Aspekt des Sprachstils.
Gerdt Fehrle wurde in Stuttgart geboren und hat sein Leben - genau wie die Familie in seinem Roman - südlich des Weißwurstäquators verbracht, womit ich die Mainlinie meine. Das merkt man dem Sprachstil stellenweise unweigerlich an. Denn Gerdt Fehrle lässt die Großeltern in ihrem Dialekt reden. Dadurch bin ich häufig an die Grenzen meiner fremdspachlichen Fähigkeiten gelangt. Für mich, die nördlich des Weißwurstäquators lebt, ist Schwäbisch (ich glaube, dass es Schwäbisch ist) eine echte Herausforderung. Netterweise wird bei einigen wörtlichen Reden die Übersetzung im Nachsatz gleich mitgeliefert. Das ist jedoch nicht der Regelfall.
Letztendlich jammere ich jedoch auf hohem Niveau, denn die Sätze im Dialekt beeinträchtigen das Gesamtverständnis für den Roman in keiner Weise.
"'Oddo hair uff', bat sie. Denn ihr reichte es ohnehin. In ihr stieg wieder diese blanke Wut auf, die sie immer verspürte, wenn Otto zu großspurig wurde, zu laut, zu selbstgefällig, diese stumme Wut, die sie von innen heraus vergiftete, ihr Herz angriff und sie eines Tages töten würde." (S. 83)
Fazit:
Ein beeindruckender Roman über deutsche Geschichte und die großen und kleinen Dramen in einer Großfamilie, der viele Leser an die eigenen Familiengeschichten erinnern wird. Leseempfehlung!

© Renie




Über den Autor:

Gerdt Fehrle wurde in Stuttgart geboren und wuchs in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb auf. Er studierte Deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Konstanz. Für seinen Erstlingsroman „Milan“ erhielt er den Konstanzer Literaturförderpreis. Heute lebt und arbeitet Fehrle als PR-Berater, Verleger und Schriftsteller in München und auf der Schwäbischen Alb. (Quelle: Louisoder)

Mittwoch, 24. Januar 2018

Bernhard Schlink: Olga

Quelle: Pixabay/Printeboek
Der Roman "Olga" von Bernhard Schlink ist ein Wohlfühlbuch. Es gehört für mich zu den Büchern, bei denen du nach den ersten Zeilen schon weißt, dass du dich in der Geschichte verlieren wirst. Tiefenentspannung tritt ein. Die Geschichte lässt dich nicht los. Und du liest, und liest, und am Ende bist du traurig, dass die Geschichte einen Schluss hat. Und du bist voller Eindrücke und weißt nicht, was du als nächstes lesen sollst. Denn keines deiner Bücher auf deinem SuB scheint nur ansatzweise an das gerade Gelesene heranzukommen.
Also schreibst du erstmal eine Rezension...;-)

Olga's Geschichte beginnt zum Ende des 19. Jahrhunderts, als sie gerade mal 1 Jahr alt ist. Gleich zu Anfang erfährt der Leser, dass Olga ein braves Kind ist, ein kleines Mädchen, das gerne still steht und einfach nur ihre Umgebung betrachtet. Sie lässt die Welt auf sich wirken. Und dabei saugt sie alles an Eindrücken auf, die sich ihr bieten. Auch als sie älter wird, lässt ihre Wissbegier nicht nach. Dank der Hilfe einer Nachbarin lernt Olga lesen und schreiben, noch bevor sie in die Schule kommt. Mit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern ist es zunächst vorbei mit der besonderen Förderung. Olga zieht zu ihrer Großmutter in ein Dorf in Pommern. Die alte Frau hat nicht viel übrig für den Wissensdurst ihrer Enkelin. In dem Dorf lebt auch die reiche Familie Schröder. Sohn Heinrich und Tochter Viktoria freunden sich mit Olga an. 
"Viktoria hat einen schmollenden Zug um den Mund, der verrät, dass sie, wenn mit der Welt nicht im Frieden, verdrießlich werden kann. Olga hat zu ihrem festen Kinn starke Wangenknochen und eine breite, hohe Stirn, ein kraftvolles Gesicht, an dem der Blick sich desto mehr freut, je länger er auf ihm verweilt. Beide schauen gewichtig, bereit zu heiraten, Kinder zu kriegen und ein Haus zu führen. Sie sind junge Frauen. Herbert will ein junger Mann sein, ist aber noch ein Bub, klein, stämmig, kräftig, der die Brust hebt und den Kopf reckt und die beiden Mädchen doch nicht überragt und auch nie überragen wird." (S. 22)
Quelle: Diogenes
Mit den Jahren werden Olga und Heinrich ein Paar. Denn Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Olga, das Mädchen, das am liebsten stillsteht und die Welt betrachtet, verliebt sich in Heinrich, der, seit er laufen kann, nicht still stehen möchte. Denn die Welt hat viel zu bieten, das es zu erforschen gilt. Die Heimat ist Heinrich zu klein. Ihn zieht es in die Welt hinaus. Die Verbindung zwischen Olga und ihm wird nicht gern gesehen. Heinrichs Familie ist gegen diese Beziehung. Sie wünschen sich für ihren Sohn eine standesgemäße Ehefrau und drängen ihn zu einer Entscheidung gegen ein Leben mit Olga. Heinrich entzieht sich dieser Entscheidung, indem er sein Heil in der Flucht sucht. Er bereist die Welt. Alles, was er auf seinen Reisen erlebt, ist immer noch nicht genug und gibt ihm nur einen Vorgeschmack auf die Größe dieser Welt. Seine letzte Reise führt ihn in die Arktis, von der er leider nicht zurückkehren wird.

Zuhause wartet Olga auf ihn. Völlig untypisch für die Frauen ihrer Generation, hat sie gelernt auf eigenen Füßen zu stehen. Sie ist Lehrerin geworden und lebt ihr eigenes Leben. Ist Herbert der Getriebene, ist sie die, in sich Ruhende. Sie ist zufrieden, mit dem, was sie erreicht hat. Sicher wäre es schöner, Herbert an ihrer Seite zu wissen. Aber sie akzeptiert seine Eigenheiten, wie sie auch jeden Schicksalsschlag akzeptiert, der ihr in ihrem Leben widerfährt.
"Olga mochte, wenn Herbert etwas nicht verstand, nicht erklären, nicht ausdrücken konnte. Er war stark, ließ sich nicht einschüchtern und nicht unterkriegen, und so einen Mann wollte sie. Zugleich wollte sie zu ihrem Mann nicht nur aufschauen, sondern hatte ihm gerne etwas voraus." (S. 68)
Die Jahre vergehen, Olga erlebt und überlebt die beiden Weltkriege. Und sie wartet immer noch auf Herbert. In der Zwischenzeit hat sich ihr Leben geändert. Sie unterrichtet nicht mehr, stattdessen arbeitet sie als Näherin. Ferdinand, das Kind eines ihrer Auftraggeber, entwickelt eine innige Beziehung zu Olga. Auch nachdem sie zu alt ist, um noch zu arbeiten, reisst der Kontakt zwischen den beiden nicht ab. Das Verhältnis erinnert an das einer Großmutter zu ihrem Enkel.
Mit 94 Jahren stirbt Olga. Ihr Tod reisst eine schmerzhafte Lücke in das Leben von Ferdinand. Er wird sich ein Leben lang an sie erinnern. Später gelangt er an Briefe, die Olga einst ihrem Herbert geschrieben hat. Die Briefe schildern ihre Gefühle und Gedanken, die sie in all den Jahren beschäftigt haben und offenbaren manches Geheimnis.

Der Roman hat einen besonderen Aufbau. Er ist in drei Teilen geschrieben. Im ersten Teil erfährt der Leser die Geschichte über Olga aus der Sicht eines Erzählers. Da erzählt jemand eine Geschichte, über eine Frau, die er mal gekannt hat, oder von der er gehört hat. Der Sprachstil ist dabei sehr reduziert und konzentriert sich auf das Wesentliche. Wörtliche Rede findet so gut wie nicht statt. Und doch gelingt Bernhard Schlink das Kunststück, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, die von trauriger Melancholie geprägt sind. Der Leser verliert sich dabei gern in der Geschichte um diese, für die damalige Zeit, so besondere Frau.
Mit dem zweiten Teil findet ein Wechsel in der Erzählperspektive statt. Plötzlich ist es Ferdinand, der von "seiner" Frau Rinke (Olga) erzählt, von der Zeit, die er mit ihr verbracht hat, von den Geschichten, die sie ihm erzählt hat. Die Erzählung wird lebhafter. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Person Olga, sondern das Verhältnis zwischen Ferdinand und ihr.

Der dritte Teil besteht aus Olgas Briefen an Herbert. Sie hat ihm jahrelang geschrieben, selbst dann noch, als er bereits seit Jahren verschollen war und auch keine Hoffnung mehr auf seine Rückkehr bestand. Den letzten Brief an Herbert schreibt sie kurz vor ihrem Tod. Diese sehr persönlichen Briefe haben mich zutiefst berührt. Manches Mal standen mir die Tränen in den Augen. Denn Olga offenbart in diesen Dokumenten ihr Herz und ihre Seele. Anfangs hegt sie noch die Hoffnung, dass Herbert zu ihr zurückkehren wird. Doch die Hoffnung schwindet mit der Zeit und macht Verzweiflung Platz. Olga geht jedoch mit diesem Schicksalsschlag um, wie sie ihr ganzes Leben bewältigt hat. Egal wie groß ihr Schmerz ist, am Ende nimmt sie ihn als gegeben hin und versucht, mit dem zufrieden zu sein, was sie hat.
"'So ist das, Kind. Du kannst aus dem, was dir gegeben ist, nicht das Beste machen, wenn du es nicht annimmst.'" (S. 151)
Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass man sich beim Lesen dieses Romanes in Rührseligkeit verliert. Bernhard Schlink lässt zunächst vieles um Olga offen und beschäftigt somit den Leser. So ganz nebenbei werden sich im Verlauf der Geschichte ein paar Geheimnisse abzeichnen. Es tauchen Fragen auf, die man beantwortet haben möchte. Das macht auch die Spannung in diesem Buch aus. Und Schlink liefert Antworten - wenn auch überraschende ;-)

Fazit:
Ein Roman mit einem ungewöhnlichen Aufbau, einem wohltuenden Sprachstil sowie einer Geschichte über das berührende Schicksal einer starken Frau. Ein Roman, den man nicht vergessen wird.

© Renie




Über den Autor:
Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Der 1995 erschienene Roman ›Der Vorleser‹, 2009 von Stephen Daldry unter dem Titel ›The Reader‹ verfilmt, in über 50 Sprachen übersetzt und mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, begründete seinen schriftstellerischen Weltruhm. (Quelle: Diogenes)



Donnerstag, 18. Januar 2018

Angela Stoll: Die Lügen des Horatio Harthorn

Quelle: Pixabay/darkmoon1968
Wenn es kracht und qualmt und stinkt, wenn dampfbetriebene Maschinen die Szenerie bestimmen, wenn Science Fiction auf Historienroman trifft, Abenteuer- auf Kriminalroman, wenn Vertrautes auf Verfremdetes trifft, und Fiktionales in vertrauter Form dargestellt wird .... dann liest man Steampunk.
Angela Stoll hat mit ihrem Buch "Die Lügen des Horatio Harthorn" ein Paradebeispiel für dieses Fantasygenre gezaubert.

Irgendwo in einem britischen "Land der Technik und Vernunft" - wir schreiben das Jahr 1899 - verspürt Horatio Harthorn, ein wohlhabender und angesehener Händler, plötzlich Sehnsucht nach seinem Sohn Alan. Alans Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, woraufhin Horatio seinen Sohn in die Obhut seines Bruders gegeben hat. Mittlerweile lebt Alan bereits seit 15 Jahren bei seinem Onkel auf dem Land. Seinen mächtigen Vater kennt er nur durch Zeitungsartikel. Endlich ist es soweit, sein Vater holt ihn zu sich in die Stadt. Horatios derzeitige Ehefrau konnte ihm bisher keine Kinder schenken. Bleibt also die Frage, wer einmal sein Vermächtnis antreten wird. Damit kommt Alan auf den Plan. In der Stadt angekommen, wird Alan von seinem Vater zunächst mit offenen Armen empfangen. Für Alan, der sich all die Jahre nach seinem Vater gesehnt hat, geht ein Traum in Erfüllung. Doch Horatio ist nicht der liebevolle Vater, der er zunächst vorgibt zu sein. Nach Außen stellt er den erfolgreichen Geschäftsmann dar, der sich aufopferungsvoll um seine Angehörigen kümmert. Doch in Wirklichkeit ist er ein Tyrann, der Spaß daran hat, seine Untergebenen - wozu er auch seine Familie zählt - zu quälen. Dabei schreckt er auch nicht vor den grausamsten Methoden zurück. Alan werden schon nach kurzer Zeit die Augen geöffnet.
"Alan schien ein guter Kerl zu sein, kein bisschen wie sein Vater. Aber wenn er die Erwartungen seines Vaters auch nur einigermaßen erfüllen wollte, musste er so werden wie er: boshaft, gemein und ein Menschenschinder."
Quelle: Verlag in Farbe und Bunt
Die Charaktere:
Alan hat, abgesehen von seinem Aussehen, nur wenig mit seinem Vater gemeinsam. Ist Horatio skrupellos, grausam und böse, ist Alan eher ein Menschenfreund. Er ist freundlich, höflich, zeigt Empathie und Mitgefühl. Andere Menschen sind Alan wichtig, Horatio sind andere Menschen egal. Horatios Grausamkeiten machen auch vor seinem Sohn nicht halt. Doch Alan steht im Konflikt mit seinem Vater nicht allein. Überraschend erhält er Unterstützung von Rose, mit der er aufgewachsen ist, und die ihn heimlich und ohne sein Wissen in die Stadt begleitet hat. Rose ist die Tochter von Alans Amme. Die Zukunftsmöglichkeiten, die sich einem Mädchen auf dem Lande bieten, sind für Rose erschreckend. Daher nimmt sie ihr Leben in die Hand und will ihr Glück in der Stadt versuchen.
Die Geschichte wird zum Einen aus der Sicht von Alan erzählt, der sein neues Leben mit seinem Vater beschreibt, zum Anderen aus der Sicht von Rose. 
Der Neuanfang in der Stadt verläuft für sie nicht so, wie sie gehofft hat. Ganz im Gegenteil, sie gerät in große Gefahr, die sie nur mit fremder Hilfe meistern kann: Hap, einem schwerfälligen und geistig zurückgebliebenem Gleichaltrigen sowie einer mysteriösen Lady. Beide hüten Geheimnisse, die im Verlauf der Handlung aufgelöst und großen Einfluss auf das Geschehen nehmen werden.
"Aus der Nähe betrachtet wirkte die mit Wasserstoff gefüllte Hülle des Flugschiffes groß wie ein Haus. Der Lärm der Motoren folterte die Ohren und machte jede Unterhaltung unmöglich. Und erst der Gestank!"
Die Fantasyelemente:
Horatio besitzt eine Flotte dampfbetriebener Flugschiffe. Mit einem dieser Schiffe lässt er Alan in die Stadt holen. Flugschiffe gehören zum Alltag dazu. Auf den Straßen der Stadt ist mächtig viel los, denn Dampfkutschen bestimmen das Straßenbild. Man bedenke, die Handlung spielt in einer Zeit, in der Motoren erst in den Anfängen steckten. Doch für die Figuren in diesem Roman sind die knatternden und stinkenden Maschinen eine Selbstverständlichkeit.
Ein weiteres Fantasyelement sind übersinnliche Fähigkeiten, die manche Menschen in diesem Roman besitzen. Da hier das "Gesetz von Wissenschaft und Logik" herrscht, müssen diese Menschen ihre Fähigkeiten geheim halten.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin Angela Stoll dieses Fantasyelement intensiver ausgebaut hätte. Doch der Leser erfährt nur, dass es diese Fähigkeiten sowie das Gesetz gibt, nicht jedoch die Hintergründe. 

Fazit:
Fast vergaß ich, dass "Die Lügen des Horatio Harthorn" ein Fantasyroman ist. Die Handlung hätte genauso gut in einem Abenteuer- oder Historienroman stattfinden können. Zwischendurch wurde ich jedoch durch die Fantasyelemente wieder in das richtige Genre geholt. Angela Stoll ist ein Roman gelungen, der mir sehr viel Spaß gemacht hat, wozu auch ihre sehr bildhafte Sprache beigetragen hat. Die Steampunk-Stimmung, die sie sehr authentisch vermittelt, hat mich vom Anfang bis zum Ende begleitet. Hinzu kommt ein Spannungsbogen, der von der ersten Seite an vorhanden ist und permanent auf hohem Niveau gehalten wird. Daher wollte ich das Buch, einmal begonnen, nicht weglegen. Ein Steampunk-Roman, der mir richtig schön den Kopf "freigedampft" hat und alles andere vergessen ließ.

© Renie


Freitag, 12. Januar 2018

Matthew Quick: Anstand




Quelle: Pixabay/GDJ

Nimmt man den Roman "Anstand" von Matthew Quick in die Hand, fühlt man sich unweigerlich beobachtet. Der Mann auf dem Cover fixiert den Leser mit seinem Blick. Dabei wirkt er nicht besonders vertrauenserweckend. Sein verlebtes Gesicht deutet darauf hin, dass er einiges durchgemacht hat. Und er ist Amerikaner. Für mich könnte er Trump-Wähler sein, nur dass die Handlung des Buches "Anstand" in Obamas Amerika angesiedelt ist. Nichtsdestotrotz ist der Hauptprotagonist David Granger Republikaner (Trumps Partei), Waffennarr und Vietnamveteran. Dementsprechend verhält er sich auch - zunächst ....

Quelle: HarperCollins
Die Geschichte beginnt mit dem Krankenhausaufenthalt des 68-jährigen Grangers. Der Mann ist schwer krank und hat gerade eine Gehirnoperation hinter sich. Ob es nun an seiner OP liegt, oder ob er schon immer so war: Der Ich-Erzähler Granger nimmt kein Blatt vor den Mund. Er meckert, misstraut jedem und ist froh, so bald wie möglich, das Krankenhaus verlassen zu können. Denn er hat zwei Missionen zu erfüllen.
  • Mission 1: das Verhältnis zu seinem Sohn verbessern
  • Mission 2: sich mit seinem Erzfeind aus dem Vietnamkrieg aussöhnen
"Im Krankenhaus behandelten mich die Ärzte, als wäre ich ein Champignon: Sie ließen mich im Dunkeln und speisten mich mit Mist ab." (S. 7)
Mission 1:
Granger ist schon seit langem Witwer. Seine Ehefrau, die unter Depressionen litt, hat sich vor einigen Jahren das Leben genommen. Zu seiner Familie gehören Sohn Hank, dessen niederländische Ehefrau sowie Enkelin Ella. Hank ist das genaue Gegenteil von seinem Vater. Ist der Alte ein harter konservativer Knochen, ist Hank für seinen Vater ein unmännliches linksliberales Weichei. Die nichtamerikanische Schwiegertochter ist der Feind. Einzig Enkelin Ella ist Grangers Sonnenschein. Für sie würde er alles tun.

Episoden aus der Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt wechseln sich mit Davids Erinnerungen an die letzten 50 Jahre ab. Der Vietnamkrieg war für ihn ein prägendes Ereignis. Mit 68 Jahren hat er immer noch nicht die posttraumatische Belastung aus dem Krieg ablegen können. Zu entsetzlich waren die Ereignisse, an denen er beteiligt war. Die Angst um sein Leben hat ihn in all den Jahren nie verlassen. Daher rührt auch seine "Begeisterung" für Waffen. Er ist immer bewaffnet, sein Waffenarsenal ist beeindruckend. Seine Kleidung besteht aus Tarnanzügen. Granger ist allzeit bereit, sich und seine Lieben zu verteidigen.
Im Verlauf der Handlung lernen Hank und der Leser überraschende Seiten an Granger kennen, die so gar nicht zu dem Bild des knochenharten Vietnamveteranen und stockkonservativen Republikaners passen. Langsam schaffen Vater und Sohn, ihr Verhältnis auf ein akzeptables Niveau zu bringen.
"Zwei Klasseschwule, die 'Danke für deinen Einsatz' sagen, sind mir allemal lieber als eine Million ignorante Hetero-Arschlöcher, die Kriegsveteranen die kalte Schulter zeigen. Von mir aus können die Schwulen rumvögeln, so viel sie wollen, solange sie patriotisch sind, weil das wahre amerikanische Freiheit ist. Liebe dein Land. Punkt, aus." (S. 71)
Mission 2:
Gleich zu Beginn des Romanes erwähnt Granger den Namen Clayton Fire Bear, der auf einen indianischen Ursprung hindeutet. Dieser Name wird im Verlauf der Geschichte mehrfach genannt. Doch lange macht Granger ein Geheimnis um seinen Erzfeind aus dem Vietnamkrieg. Erst zum Ende erzählt er, was zwischen ihm und dem Indianer in Vietnam vorgefallen ist. Er begibt sich auf Wiedergutmachungstour, in der Hoffnung, dass Clayton Fire Bear ihm nach all den Jahren verzeihen kann.

Der Roman lebt von der Entwicklung des Protagonisten David Granger. Als ich dieses Buch begonnen habe, war ich nicht darauf vorbereitet, was auf mich zukommt. Grangers Entwicklung war nicht vorhersehbar, umso mehr war ich angenehm überrascht, als sich der Primitivling mit den stockkonservativen Ansichten als ein einigermaßen netter Kerl erwies, der besondere Freunde hat, clever ist (sein beruflicher Erfolg bestätigt dies), einfühlsam und sentimental. Sicher, ich musste mich an seine Eigenheiten gewöhnen. Doch die meisten dieser Eigenheiten sind seinem Einsatz im Vietnamkrieg geschuldet und den daraus resultierenden psychischen Konsequenzen.
"Nur die Guten sterben jung, und ich hatte böse gelebt. Ich habe Dinge getan, die Sie sich nicht mal vorstellen können." (S. 19)
Wie ich bereits erwähnte nimmt Granger kein Blatt vor den Mund. Er spricht die unterschiedlichsten Themen an, die die amerikanische Gesellschaft (und nicht nur die amerikanische) beschäftigen. Dabei tummelt er sich als Erzkonservativer in den unterschiedlichsten Klischees, wobei er mich mit seinen Ansichten überraschte. Es scheint, dass auch Republikaner Menschen sind - zumindest wenn sie David Granger heißen.

Seine Ausdrucksweise ist schon sehr deftig, teilweise benutzt er Wörter, von denen man Kindern erzählt, dass man diese nicht sagen darf. Das mag manchen Leser abstoßen, ich fand es jedoch sehr originell und musste oft über Grangers kernige Sprüche lachen.

Anfangs dachte ich, er spricht den Leser direkt an und lässt ihn Teil an seinen Gedankengängen haben. Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass er sich tatsächlich mit einer Figur in diesem Roman austauscht, was mich ein Stück weit an Verhöre durch den Geheimdienst erinnert hat. Natürlich habe ich mich gefragt, ob diese Gespräche Fantasieprodukte als eine Folge seiner Gehirn-OP sind; oder ob die Gespräche tatsächlich stattgefunden haben. Diese Frage hat mich bis zum Ende des Romans beschäftigt.

Fazit:
Ein Roman, der mich positiv überrascht hat. Das Foto auf dem Cover assoziiert einen anderen Granger als der, der sich im Verlauf der Handlung präsentiert. Der "harte Knochen" wird zum empfindsamen Mann mit viel Herz. Eine großartige Entwicklung des  Charakters, die mich begeistert hat.

© Renie



Über den Autor:
Matthew Quick wurde in Oaklyn, New Jersey geboren. Er studierte Anglistik, arbeitete als Englischlehrer und reiste anschließend lange durch Südamerika und Afrika.

Die Verfilmung seines Debüts "Silver Linings" gewann einen Golden Globe und den Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin. Der New York Times Bestseller-Autor hat neben anderen Auszeichnungen den PEN/Hemingway Award Honorable Mention erhalten und ist in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Ehefrau in North Carolina. (Quelle: Harper Collins)



Freitag, 5. Januar 2018

Marc-Uwe Kling: QualityLand

Quelle: Pixabay/geralt
In welcher Welt leben wir? Und wo geht die Reise hin? Mögliche Antworten auf diese Fragen liefert die Satire "QualityLand" von Marc-Uwe Kling.

Nehmen wir unseren Alltag mit all den Dingen, die uns das Leben leichter und schöner machen: Computer, Internet, Online-Shopping, Social Media, etc. etc. etc. Wir haben uns bereits an die angenehmen Vorzüge dieser Errungenschaften gewöhnt und nutzen sie mit einer Selbstverständlichkeit, die sie nicht mehr aus unserem Leben wegdenken lässt. Das hält uns jedoch nicht davon ab, über diese Dinge zu schimpfen. Das Argument "Zeitfresser" wird gerne in diesem Zusammenhang genannt. Oder aber auch "der gläserne Nutzer". Jeder von uns (oder sagen wir die meisten) hat Angst, zuviel von sich im Internet preiszugeben. Die Angst, dass die eigenen Daten von wem auch immer im Netz missbraucht werden, ist unterschwellig vorhanden. Aber ich schwöre, egal, was wir uns vorstellen oder befürchten, es ist nichts im Vergleich zu dem, was in QualityLand zum Alltag gehört. Die Fantasie kennt keine Grenzen und Marc-Uwe Klings Fantasie geht weit über die Vorstellungskraft des Lesers hinaus.
Quelle: Ullstein

Klappentext:
"In der Zukunft läuft alles rund: Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt. Das selbstfahrende Auto weiß, wo du hinwillst. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Superpraktisch! Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen - denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: OK."
Ist das nicht toll? Ein Leben in QualityLand scheint die nächste Ausbaustufe zu unserem heutigen Alltag zu sein.
Herrlich, man muss sich über nichts Gedanken machen. Das übernehmen künstliche Intelligenzen für uns, die wir geschaffen haben. Es geht jedoch das Gerücht, dass sich die künstlichen Intelligenzen mittlerweile selbst erschaffen ;-).

Die Satire "QualityLand" ist ein Sammelsurium an witzigen und fantastischen Ideen des Autors. Egal, womit wir in unserem Alltag zu tun haben, Kling nimmt es und setzt noch einen drauf. Dies schafft beim Leser große Verblüffung. Zum Einen, weil er trotz allem Unbehagens im Umgang mit Internet, Social Media usw. bisher nie so weit wie Kling gedacht hat. Und zum Anderen, weil er feststellt, wie dicht wir mit unserem heutigen Alltag an Klings Szenario dran sind.
"'... Ich sag Ihnen mal was. Die Bestsellerlisten anzuführen ist keine Kunst. Das ist nur EDV! Wir kriegen gigantische Datenmengen von allen QualityPads geliefert: Wer liest welches Buch, welche Stellen werden übersprungen, welche öfter gelesen, dazu noch die Auswertung der Gesichtszüge von jedem einzelnen Leser bei jedem einzelnen Wort, und daraus errechnen ich und meine Kollegen die neuesten Bestseller. ...'" (S. 67 f.)
Einige Charaktere in "QualityLand":
In QualityLand hat man das uns bekannte System der Familiennamen abgeschafft. Stattdessen trägt jeder Einwohner den Beruf des Vaters als Nachnamen. Menschen und deren Bedeutung werden über ihren Beruf bestimmt. Nur blöd, wenn der Vater arbeitslos war. Dann entsteht ein Name wie Peter Arbeitsloser - einer der Hauptcharaktere in Klings Satire, der am Ende heldenhaft gegen das System ankämpft. Unterstützt wird er dabei von ausrangierten Maschinen und Rechnern, die bei Peter zur Verschrottung vorstellig geworden sind. Denn dieser betreibt einen Laden, indem er Elektronik verschrottet. Doch Peter hat ein Herz und Mitleid für nutzlos gewordene Maschinen, insbesondere, wenn diese menschlicher wirken als der größte Teil der Bewohner von QualityLand. Das Zusammenspiel zwischen Peter und den Maschinen erinnert ein Stück weit an Romane von Terry Pratchett.
Ein weiterer Charakter in diesem Roman ist Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand, kurz Martyn Vorstand. Man ahnt, Martyn ist mit einem einflussreichen und mächtigen Vater gesegnet (bzw. verflucht). Martyn ist nicht gerade ein cleveres Bürschchen, daher hat er eine Karriere für sich gewählt, die seinen beschränkten geistigen Fähigkeiten entspricht: er ist in die Politik gegangen. Dank des Einflusses seines Vaters führt Martyn ein sorgenfreies Leben. Doch das wird sich im Verlauf der Handlung ändern.
QualityLand steht kurz vor den Wahlen. Der Spitzenkandidat der aktuellen Regierungspartei ist John of Us, ein Android, der den Wahlkampf auf die einzige Art betreibt, die ihm möglich ist, nämlich logisch. Der Gegenkandidat ist ein Mensch. Wer am Ende die Wahl gewinnen wird, bleibt bis zum Ende offen.
"'... ihr habt einen Präsidenten bestellt und einen bekackten Klugscheißer geliefert bekommen.'" (S. 77)
Wenn man diese Satire liest, muss man sich auf eines gefasst machen. Und das ist ganz viel Humor. Ich habe selten einen Roman erlebt, bei dem ich so häufig lauthals losgelacht habe. Bei den meisten lustigen Büchern, gewöhnt man sich irgendwann während der Lektüre an deren Humor. Über Dinge, die man am Anfang urkomisch fand, liest man im Verlauf der Handlung hinweg. Das wird bei "QualityLand" nicht passieren. Die komischen Momente nehmen selbst zum Ende des Buches nicht ab und überraschen immer wieder aufs Neue.
"'... Man könnte sogar behaupten, in QualityLand gelte der Grundsatz: Je bescheuerter, desto erlaubter.'" (S. 237)
Fazit:
Die sicherlich sehr originelle Handlung habe ich in diesem Buch als nebensächlich betrachtet. Viel interessanter und faszinierender war für mich die Beschreibung von QualityLand und seinem Alltag, der so viel Ähnlichkeit mit unserem eigenen Leben hat. Die grenzenlose Fantasie von Marc-Uwe Kling ist einfach nur verblüffend. Er schafft Szenarien, die man sich in seinen wildesten Träumen nicht vorgestellt hätte. Das Buch "QualityLand" ist ein riesengroßer Spaß, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack. Denn von der Zukunft, wie sie hier prophezeit wird, sind wir nicht mehr weit entfernt.

© Renie



Über den Autor:
Marc-Uwe Kling singt Lieder und erzählt Geschichten. Sein Geschäftsmodell ist es, kapitalismuskritische Bücher zu schreiben, die sich total gut verkaufen. Seine Känguru-Geschichten wurden 2010 mit dem Deutschen Radiopreis und 2013 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. (Quelle: Ullstein)