Freitag, 18. Mai 2018

Bruce Dickinson: What does this button do? (Die Autobiografie)

Quelle: Pixabay/LenaSevcikova
Die legendäre Heavy Metal Band "Iron Maiden" wurde 1975 gegründet. Seit dieser Zeit gab es ein ständiges Kommen und Gehen, was die Mitglieder der Band angeht. Bruce Dickinson ist der aktuelle Sänger und gehört seit 1981 zu der Band (mit einer kurzen Unterbrechung).
Als Rocksänger erlebt man Einiges. Als Rocksänger und Pilot erlebt man noch mehr. Als Rocksänger, Pilot, Fechter, Bierbrauer, Romanautor, Radiomoderator, Drehbuchautor etc. erlebt man noch viel viel mehr. Grund genug, eine Autobiografie zu verfassen. Denn schreiben kann Bruce Dickinson, wie er bereits in vielen Songtexten, Romanen und Drehbüchern bewiesen hat.
Die Autobiografie beginnt mit seiner Kindheit, in der er sich in der Schule als bad boy präsentiert. Er musste häufig die Schule wechseln. Denn der Einzelgänger und Außenseiter hatte ein Problem mit der Disziplin und dem vorherrschenden Schulreglement. Schon früh entdeckte er seine Affinität zur Rockmusik. Nachdem er   größeres Talent beim Singen als beim Schlagzeug spielen (das er zuerst favorisiert hat) bewies, stieg er bei der Band "Samson" ein, mit denen er dann einige Jahre aufgetreten ist.
Quelle: Heyne
"Wer das Phänomen Iron Maiden nicht versteht, wird niemals begreifen, welchen Einfluss die Band auf das Leben unzähliger Menschen gehabt hat. Im Lauf der Jahre hat sie Millionen von Menschen immer wieder in ihrem Selbstwertgefühl bestätigt. Popmusik, Trends und die sinnlose Dekadenz sogenannter Celebritys, damit hatten Maiden nie etwas zu schaffen. Maiden - das war schon immer harte Arbeit, handfest, echt und vielschichtig, aber auch erdig und aggressiv." (S. 337)
1981 bewarb er sich als Sänger bei der Band "Iron Maiden" und wurde unter Vertrag gestellt. In Bruce Dickinsons Autobiografie folgen unzählige Seiten über das Miteinander der Bandmitglieder, Iron Maiden's Auftritten, die Studioarbeit zu neuen Alben, Tourneen etc. etc. etc. Denkt man an das Leben eines Rockstars, so denkt man an Sex, Drugs and Rock'n Roll. In Dickinsons Biografie gibt es kaum Sex, einige Drogen, dafür ganz viel Rock'n Roll. Jemand wie ich, der die Rockmusik der 80er und 90er Jahre gehört hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Dickinson gibt seine Erlebnisse in der Rockszene wieder. Für mich war das manchmal trotzdem verwirrend. Insbesondere, wenn er von einzelnen Personen aus der Musikszene berichtet. Oder über Iron Maiden Songs, von denen ich leider nur wenige kenne. Daher habe ich einige Passagen in diesem Buch als langatmig empfunden. Man hätte mit Sicherheit einiges weglassen können. Aber ich verstehe den Autobiografen. Die Entscheidung, was wichtig und unwichtig ist, fällt schwer, wenn man sich in dem Rückblick auf sein bisheriges spektakuläres Leben verliert. Insbesondere, wenn man keine Minute missen möchte und sein Leben mit Stolz, Selbstironie und einem breiten Grinsen  erzählt. Denn so kommt es einem vor, wenn man die Autobiografie von Dickinson liest.
"Was für ein durchgeknalltes Leben, dachte ich bei mir. Dann schaute ich nach links und sah Brian May, der mit geschlossenen Augen neben mir hockte und sehr wahrscheinlich etwas ganz Ähnliches dachte. Ich ließ ihn. Was für eine verrückte Welt, in der Tat." (S. 213)
Die besonderen Momente in diesem Buch waren für mich nicht die Eskapaden einer Rockband, sondern

  • Dickinsons Beschreibung eines Aufenthalts von Iron Maiden in Sarajewo zur Zeit des Balkankrieges: Seine Darstellung des Kriegsszenarios, in das die Band aus Leichtsinn und Naivität gerät, ist sehr intensiv. Zeuge der Kriebsgräuel zu werden, macht aus dem bis dahin fast schon oberflächlich wirkenden Rockstar einen nachdenklichen und ernsthaften Mann, der den Leser seine Betroffenheit spüren lässt.
  • Dickinsons Beschreibung seiner Krebserkrankung:
"Am 12. Dezember wurde bei mir Hals- und Kopfkrebs diagnostiziert, und die Welt hörte auf, sich zu drehen." 
Sein Umgang mit der Krankheit ist bewundernswert. Er empfindet die Krebstherapie als Herausforderung und Profession, die es zu meistern gilt. Dickinson lässt sich nicht unterkriegen und erträgt die Behandlung mit viel Optimismus. In der Art, wie er den Heilungsprozess beschreibt, macht er jedem Mut, der selbst mit diesem Schicksal konfrontiert wird.
"Auf die Frage 'Warum ich?' wusste niemand eine Antwort. In Wahrheit ist es vermutlich einfach nur verdammtes Pech, dachte ich. Niemand hatte es auf mich abgesehen, und der Krebs war nichts weiter als eine Anomalie. Ich überlegte, ob ich ihn hassen sollte, aber Hass über längere Zeit hinweg ist einfach nicht mein Ding. Was Wut angeht, bin ich eher der spontane, aufbrausende Typ. Ich entschied, dass das Leben zu kurz war, um den Krebs zu hassen. Also würde ich ihn lieber wie einen ungebetenen Gast behandeln und ihm so freundlich wie unmissverständlich die Tür weisen." (S. 417)
Bruce Dickinson ist heute 60 Jahre alt und singt immer noch für Iron Maiden - neben all den anderen Dingen, die er macht. Er hat viel zu erzählen. Und er scheint fast nicht glauben wollen, was er bisher alles in seinem Leben erlebt hat. Mit viel Humor und Augenzwinkern berichtet er von seiner unfassbar ungewöhnlichen Karriere. Und ich habe nicht den Eindruck, dass es das für ihn gewesen ist. Der Mann strotzt nur so vor Energie, die er hoffentlich noch in viele interessante Projekte investieren wird.

© Renie





Über den Autor:
Bruce Dickinson ist seit über dreißig Jahren der Leadsänger von Iron Maiden, hat darüber hinaus auch eine erfolgreiche Karriere als Solokünstler und diverse andere Betätigungsfelder. Iron Maiden sind mit über 90 Millionen verkauften Alben und über 2.000 Konzerten eine der erfolgreichsten Rockbands aler Zeiten. Bruce Dickinson lebt in London, England. (Quelle: Heyne)

Freitag, 11. Mai 2018

Heinrich Steinfest: Die Büglerin

Quelle: Pixabay/RitaE
Nachdem ich den Roman "Die Büglerin" von Heinrich Steinfest beendet habe, stelle ich fest, dass ich mit der Protagonistin Tonia Schreiber einige Gemeinsamkeiten habe. Wir sitzen im Kino oder Theater am liebsten auf einem Platz am Gang. Schließlich wollen wir die ersten sein, die den Notausgang stürmen können, sollte Gefahr im Verzug sein. Man weiß ja nie, welche bösen Absichten Menschen im Publikum haben können. Dann gehen wir grundsätzlich kurz vor Beginn eines Termins oder einer Veranstaltung noch mal schnell auf die Toilette. Würden wir das nicht tun, müssten wir unter Garantie zwischendurch. Wir könnten dann ja etwas verpassen.
Und wir empfinden Bügeln als Strafe. Ich drücke mich meistens vor dieser Strafe und lasse lieber andere bügeln. Wohingegen Tonia sich selbst diese Strafe auferlegt hat: Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Büglerin und bestraft sich dadurch selbst.
"..., weil auf dem Plan des Lebens ihr Name auf der Seite derer stand, die für ein Unglück vorgesehen waren. Etwas, von dem sie seit Kindheit an hundertprozentig überzeugt gewesen war." (S. 45)
Quelle: Piper
Wie kam es zu dieser Bestrafung?
Tonia ist eine starke und außergewöhnliche Frau mit einer ungewöhnlichen Kindheit. Als Tochter zweier angesehenen Botanikern hat sie einen großen Teil ihrer Kindheit auf dem Meer verbracht. Durch die Forschungsreisen ihrer Eltern lernte sie die ganze Welt kennen. Ihr Zuhause war ein Segelschiff, auf dem die Familie lebte. Ihre Klassenzimmer waren die Ozeane und die Länder, die sie bereisten. Unterrichtet wurde sie von ihrer Mutter und vom Leben in unterschiedlichen Kulturen. Selbstverständlich spricht sie mehrere Fremdsprachen und hat einen Wissenshorizont, der seinesgleichen sucht. Doch irgendwann holte die Familie das österreichische Rechtswesen ein, das die Familie an die Schulpflicht erinnerte. Tonia ging also auf ein Internat, ihre Eltern bereisten weiterhin die Welt. Kurz darauf verunglückten ihre Eltern tödlich und Tonia war plötzlich Waise, die durch das nicht unerhebliche Erbe ihrer Eltern finanziell abgesichert war. Sie konnte ihre Ausbildung fortsetzen und wurde Meeresbiologin.

Der Tod der Eltern war nicht der einzige Schicksalsschlag, den sie zu verkraften hatte. Jahre später befindet sich Tonia zur falschen Zeit am falschen Ort und erleidet dadurch den nächsten Verlust, der ihr weiteres Leben beeinflussen wird. Sie gibt sich eine Mitschuld an diesem Verlust. Grund genug für sie, sich lebenslang zu bestrafen. Ihre Selbstbestrafung ist das Bügeln. Eine merkwürdige Form der Vergeltung. Aber Tonia zieht es durch. Der größte Teil dieses Romanes konzentriert sich auf ihre Zeit als Büglerin. Tonia lebt zurückgezogen und bescheiden. Mit großer Disziplin widmet sie sich dem Bügeln. Der Perfektionismus, der sie schon immer ausgezeichnet hat, findet auch beim Bügeln Anwendung. Sehr zur Freude ihrer Auftraggeber. Denn keiner bügelt wie Tonia. 
"Als erstes begann Tonia die Wäsche ihrer Vermieterin zu bügeln, wobei die Vermieterin sehr bald diese etwas unheimliche, aber auch anziehende Mischung aus Präzision und Magie - man könnte auch sagen: aus Materialität und Transzendenz - erkannte. Wie sehr also nicht nur eine korrekte, sorgsame Arbeit vorlag, sondern Tonia zudem etwas in diese gebügelte Wäsche hineinlegte, was den Hemden und Blusen eine Schönheit verlieh, die auf den Träger überging." (S. 96)
Keiner blickt hinter ihr Geheimnis. Manch einer wundert sich, warum eine Frau wie Tonia, die ihre Herkunft und Ausbildung nicht vollständig verbergen kann, einen derartigen Job ausübt. Doch Tonia gelingt es immer, ihr Geheimnis zu bewahren. Eines lässt sie jedoch nicht los: die Frage nach dem Sinn des Unglücks, das sie zum Bügeln gebracht hat und die Motive des Hauptverantwortlichen für dieses Unglück. Tatsächlich zeigt der Roman "Die Büglerin" mit der Zeit Ansätze eines Kriminalromans. Denn Tonia begibt sich auf die Suche nach den Motiven des Hauptverantwortlichen und erhält dabei Unterstützung eines Mannes, der ihr Liebhaber sein könnte, es aber nicht ist, weil ihre gemeinsame Freundschaft den beiden mehr als alles andere bedeutet. 

Eine wunderschöne Geschichte, fast schon eine Tragödie, die dank des Sprachstils von Heinrich Steinfest zu etwas ganz Besonderem wird. Der Autor hat mich mit seiner phantasievollen Sprache verzaubert. Er ist ein Freund ungewöhnlicher Vergleiche, die mich oft zum Lächeln gebracht haben. Hinzu kommt ein bissiger, fast schon boshafter, aber stets subtiler Humor, der mir sehr viel Freude bereitet hat. Heinrich Steinfest konfrontiert den Leser mit vielen Gedanken, die das Leben und das Miteinander betreffen. Diese philosophischen Ansätze regen zum Nachdenken an. "Die Büglerin" ist also kein Buch, das man so schnell vergessen wird. Denn es beschäftigt noch lange, nachdem man es beendet hat. Ein Lesehighlight!!!

© Renie





Montag, 7. Mai 2018

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

Quelle: Pixabay/MustangJoe
Ich habe noch nie eine Kreuzfahrt mitgemacht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das unbedingt möchte. Denn eine Kreuzfahrt mit einem Luxusdampfer erscheint mir Fluch und Segen zugleich. Segen - da man mit jedem denkbaren und undenkbaren Luxus überhäuft wird. Fluch - weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, mit über 1000 Menschen auf einem Schiff gepfercht zu sein und die einzige Rückzugsmöglichkeit für mich in einer ca. 15 qm kleinen Innenkabine (ohne Fenster) besteht. Wenn mir allerdings jemand eine derartige Reise schenken würde, würde ich nicht lange überlegen. Denn einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul - insbesondere wenn der Gaul ein wertvolles Rassepferd ist.
Genau dies ist David Foster Wallace, dem Autor des Essays "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich", passiert. Er erhielt den Auftrag einer amerikanischen Zeitung, seine Eindrücke über eine Luxuskreuzfahrt zu Papier zu bringen. Selbstverständlich wurde ihm der All-Inclusive-Trip finanziert. Erwartet wurde von ihm nichts, außer schonungsloser Offenheit gepaart mit dem berüchtigten David Foster Wallace Humor. Also hat er sich "geopfert" und eine Seereise von Florida in die Karibik und wieder zurück gemacht. Zusammen mit über 1500 Landsleuten, größtenteils Kreuzfahrtveteranen, die meine schlimmsten Befürchtungen, was das Publikum auf einem Luxusliner betrifft, bestätigt haben.
Herausgekommen ist ein Essay über eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff, dem Bordleben sowie der Reisegefährten, vor denen sich David Foster Wallace nicht verstecken konnte.
Der Autor glänzt dabei durch bitterbösen und schwarzen Humor. Schonungslos zieht er seine Mitreisenden und das Luxusschiffsleben durch den Kakao, macht dabei auch nicht Halt vor seiner eigenen Person. Er ist nicht der neutrale Beobachter, sondern er ist Opfer. Er wird mit dem Luxus, der ihm auf dem Dampfer begegnet förmlich erschlagen. Als Neuling an Bord lässt er kein Fettnäpfchen aus. Es gibt nunmal eine Etikette auf einem Luxusliner, die ihm natürlich völlig fremd ist und gegen die er häufig - mehr oder weniger absichtlich - verstößt. Was David Foster Wallace während seiner Reise erlebt hat, hätte manch anderen in die Flucht geschlagen. Doch wohin fliehen? Denn die Fluchtmöglichkeiten auf einem Schiff sind nun mal begrenzt.

Eine Kreuzfahrt ist "schrecklich amüsant", wobei die Betonung auf "schrecklich" liegt.  Hier gibt es von vielen Dingen zu viel: zuviel Luxus, zuviel Essen, zuviel Vergnügen, zuviel Menschen, zuviel Bespaßung. Jeder, der sich an Bord eines Luxusliners begibt, gibt jede Verantwortung für das eigene Vergnügen ab. Hier gibt es Profis, die dafür bezahlt werden, dass sie die Passagiere bespaßen. Auf das Wie der Bespaßung hat man keinen Einfluss. Man wird permanent mit "Vergnügen" konfrontiert. Man entkommt ihm einfach nicht. Und am Ende der Reise wird man sagen, dass es Spaß gemacht hat, dass man verwöhnt wurde, dass man erholt ist. Was auch sonst? Bei dem Preis, den man für die Reise bezahlt hat. 
"Egal, ob unten im Gewusel des Hafens oder ganz oben an der Reling von Deck 12, ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass ich ein amerikanischer Tourist bin und dadurch per se ein stiernackiger, lauter, vulgärer, großkotziger Fettsack, eitel, verwöhnt, gierig und zugleich gepeinigt von Scham und Verzweiflung. In diesem Sinne ist der amerikanische Tourist wirklich einzig auf der Welt: ein bovines Herdentier und ein Fleischfresser." 
Der zweite Teil des Titels des Essays "aber in Zukunft ohne mich" sagt natürlich aus, zu welcher Erkenntnis der Autor gekommen ist. Es gab Dinge in David Foster Wallaces Leben (er starb in 2008), die brauchte er nicht, wozu definitiv eine Kreuzfahrt zählte. Aber hinterher ist man immer schlauer. Und er hat es schließlich versucht.
Das Essay ist erstmalig im Jahre 1997 veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Edition Büchergilde aus dem Jahre 2018 werden die Erlebnisse des Autors von den ganzseitigen Illustrationen von Chrigel Farner begleitet, die für sich schon ein Erlebnis sind. Der Illustrator hat sich dabei akribisch an den Text gehalten und diesen mit plakativen Zeichnungen versehen. In Chrigel Farners Illustrationen finde ich mein Wunschdenken zu einer Kreuzfahrt wieder: das Meer in sämtlichen Blauschattierungen, die man sich vorstellen kann, idyllische Inselparadiese, Stille und Einsamkeit. Denn die Zeichnungen sind größtenteils menschenleer, vereinzelt findet sich darin eine Handvoll Passagiere oder Crewmitglieder. Die Menschenmassen auf dem Luxusdampfer hinterlassen kaum Spuren. Die Illustrationen bilden dadurch einen wohltuenden Kontrast zu dem turbulenten Geschehen, das David Foster Wallace in seinem Essay wiedergibt. 

Fazit:
David Foster Wallace geht in seinem Essay mit gewohnt bissigem Humor auf Freud und Leid einer Luxuskreuzfahrt ein. Überzeugungskreuzfahrer werden ihn dafür verteufeln, Zweifler, Neider und Kreuzfahrtgegner werden ihn bejubeln. Die wunderschönen Illustrationen von Chrigel Farner stellen eine Kreuzfahrt dar, wie sie sein sollte und sind für sich ein Genuss. Wie schade, dass die Realität anders aussieht.


© Renie





Über David Foster Wallace im Autorenschaufenster bei Whatchareadin .....

Über Chrigel Farner (Ill.):
Chrigel Farner wurde 1972 in Schaffhausen, Schweiz, eingebürgert. Während seiner Zeit in Dublin bricht er, inspiriert durch die Reportagen des Magazins Egg and Hole, sein Studium ab und widmet sich ganz der Zeichnung und Malerei. Er tingelt nach Berlin, um Schlagzeug zu spielen. Mit seinen Illustrationen ist zuletzt D. W. Lovelaces King Kong erschienen. (Quelle: Büchergilde)

Sonntag, 29. April 2018

Trinkende Frauen (Leah Odze Epstein, Caren Osten Gerszberg (Hrsg.))

Ich habe da diese Tasche - eine Bookletta. Viele meiner Blogger-Kolleginnen werden die Marke kennen. Eine rumänische Firma, die als Trägerin ihrer Taschen die Leserin auserkoren hat. Die Besonderheit einer Bookletta ist das Seitenfach in Buchgröße mit einem Sichtfenster. Wir wissen doch alle, wie dekorativ Bücher sind. Man kann sie nicht nur lesen, sie sehen auch noch gut aus. Das Buch wird zum Bestandteil der Tasche, die ich stolz mit mir herumtrage. Denn ein Eyecatcher ist sie alle Male. Ich schwöre, jeder, der mir begegnet, wirft einen Blick auf die Tasche mit dem Buch darin, das ich gerade lese. 
Jetzt habe ich aber ein Buch gelesen, bei dem ich hin- und hergerissen war, ob ich meine Bookletta damit bestücken soll: "Trinkende Frauen" - Erfahrungsberichte von Frauen über ihren Umgang mit Alkohol. Herausgegeben wurden diese Geschichten von Leah Odze Epstein und Caren Osten Gerszberg, zwei US-Amerikanerinnen, die mit ihrem Blog "Drinkingdiaries.com" sehr erfolgreich sind. In Deutschland hat sich der Münchner Verlag Louisoder der "Trinkenden Frauen" angenommen. Das Buch ist vor Kurzem erschienen.

Warum fällt es mir so schwer, das Buch offen mit mir herumzutragen? Bei "Fifty Shades of Grey" würde es mir auch nichts ausmachen. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr komme ich zu dem Schluss, dass ich einfach Angst davor habe, in irgendeiner Weise mit Alkohol in Verbindung gebracht zu werden. Werden mir die Leute, die mein Buch sehen, ins Gesicht blicken und denken "die gönnt sich auch gern mal Einen!"
Wie peinlich! Aber es ist doch so. Ich bin dem Alkohol nicht abgeneigt, bin mehr so der Genuss- und Geselligkeitstrinker. Je älter ich werde, desto mehr hasse ich, die Kontrolle über mich zu verlieren. Insofern trinke ich in Maßen, aber gern - wie wahrscheinlich die meisten unter meinen Lesern. Und trotzdem ist da dieses schlechte Gefühl in mir, wenn ich darüber in der Öffentlichkeit spreche, wie jetzt gerade in diesem Moment, während ich hier schreibe. Wahrscheinlich bin ich auch ein Fall für die Drinking Diaries, von denen 28 Erfahrungsberichte in diesem Buch "Trinkende Frauen" veröffentlicht wurden. Denn hier schreiben Frauen wie du und ich.
"Wir trinken aus verschiedenen Gründen Alkohol: um den Durst zu stillen, um zu entspannen, weil er uns schmeckt, um ein Essen abzurunden, weil wir süchtig danach sind, zur Selbstmedikation, als Teil einer Zeremonie oder eines Rituals, um zu feiern oder um zu trauern. Wir trinken, wenn wir glücklich sind. Wir trinken, wenn wir unglücklich sind. Und dann gibt es noch die Abstinenzler, für die das Nicht-Trinken genauso ein Thema sein kann wie für andere das Trinken."
Das Buch beginnt mit einem Vorwort der beiden Herausgeberinnen, indem sie über das Thema "Alkohol" in unserer Gesellschaft philosophieren. Sie erzählen von dem überwältigendem Zulauf auf ihren Blog "Drinkingdiaries.com", der sie veranlasst hat, eine Auswahl von 28 Erzählungen in einem eigenen Buch zu veröffentlichen. Dabei haben sie diese Geschichten in folgende Struktur gebracht:

Teil 1: Kindheit
Erste Erfahrungen mit Alkohol

Teil 2: Beziehungen
Der Stellenwert von Alkohol in Partnerschaften und Freundschaften

Teil 3: Kultur und Gesellschaft
In jeder Kultur wird anders mit Alkohol umgegangen. Doch getrunken wird überall.

Teil 4: Familie
Alkohol kann verbinden und zerstören.

Teil 5: Bekenntnisse
Alkoholikerinnen

Die Erzählungen der "Trinkenden Frauen" haben mich sehr berührt, weil ich wahrscheinlich viele Überschneidungen mit meinen eigenen Erfahrungen gesehen habe. Und ich garantiere, dass dies jeder anderen Leserin genauso gehen wird. Denn jede Geschichte ist anders. In der Vielfalt dieser sehr persönlichen Erlebnisberichte wird sich jede Leserin wiederfinden.

Die Geschichten, die hier erzählt werden, sind durch die Bank weg in einem sehr ansprechenden Sprachstil geschrieben. Die Frauen, die hier berichten, verstehen ihr Handwerk. Denn sie haben allesamt irgendetwas mit "Schreiben" zu tun: freiberufliche Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Bloggerinnen, Dozentinnen, die Schreibseminare geben, Frauen, die Schreib-Workshops abhalten, Lektorinnen, Literaturkritikerinnen ..... Die Reihe ist noch länger. Wer sich für die einzelnen Frauen interessiert, kann mehr über sie am Ende des Buches erfahren.

Fazit:
Ich habe gelacht und geweint, habe mich geärgert und war auch manchmal fassungslos. Und immer hat mich das Buch nachdenklich gestimmt: bevor ich es begonnen habe, während ich es gelesen habe und immer noch, seit ich es vor ein paar Tagen beendet habe. Ich danke dem Louisoder Verlag für dieses ungewöhnliche und wundervolle Buch, insbesondere, dass sie den Mut hatten, es überhaupt zu veröffentlichen. Denn Thema und Titel des Buches wecken negative Assoziationen, was den Verkauf eines solchen Buches nicht einfach macht. Da bedarf es schon einiger Werbung für dieses Buch, die ich hiermit gerne mache. Denn das Buch hat es mehr als verdient, gelesen zu werden!
(Und jetzt gönne ich mir ein Gläschen Wein und verkrümle mich zusammen mit meinem nächsten Buch an meine Lieblingsleseplatz und lasse es mir gut gehen.)

© Renie








Ich habe das Buch dann schließlich doch in meiner Bookletta herumgetragen. Buch und Tasche haben es mir einfach gemacht ;-)

Donnerstag, 26. April 2018

Kent Haruf: Lied der Weite

Quelle: Pixabay/skeeze
Holt, Great Plains, Colorado - eine fiktive Kleinstadt mit allen Bosheiten, Antipathien und Auseinandersetzungen, aber auch Freundschaften, Nettigkeiten und Geborgenheit, die das Zusammenleben von Menschen mit sich bringt. Holt ist der Schauplatz des Romanes "Lied der Weite" von Kent Haruf, erstmalig erschienen im Jahr 1999 und jetzt von Diogenes wieder entdeckt. 

Die Geschichte spielt in den 60er Jahren und wird in mehreren Handlungssträngen erzählt. Zum Einen ist da die 17-jährige Victoria Roubideaux. Das Mädchen ist schwanger und wird daher von ihrer lieblosen Mutter vor die Tür gesetzt wird. Victoria will das Kind behalten und sucht Hilfe bei der Lehrerin Maggie Jones. Sie bringt Victoria bei den beiden Mc Pheron-Brüdern unter. Die Brüder haben ihr ganzes langes Leben miteinander verbracht. Sie betreiben eine Rinderfarm, sind am liebsten gemeinsam einsam und leben zusammen wie ein altes Ehepaar. Sie sind nicht gewohnt, Fremde um sich zu haben. Nach anfänglichen Bedenken, eine schwangere 17-Jährige bei sich wohnen zu lassen, willigen sie schließlich doch ein. Victoria zieht bei den Männern ein, und die Drei raufen sich mit der Zeit zusammen, gewöhnen sich aneinander, so dass sie am Ende das Zusammenleben nicht mehr missen wollen.
"Die beiden sind so gutherzig, wie Männer überhaupt nur sein können. Sie sind vielleicht schroff und ungehobelt, aber das hat nichts zu bedeuten, es liegt nur daran, dass sie schon so lange allein sind. Stell dir vor, du müsstest ein halbes Jahrhundert allein leben, so wie sie. Das würde nicht spurlos an dir vorübergehen. Lass dich also von ihrer rauhbeinigen Art nicht abschrecken. Ja, sie haben ihre Ecken und Kanten. Die sind eben nie geglättet worden." (S. 156)
Quelle: Diogenes
Maggie ist die Kollegin von Tom Guthrie, der mit seinen beiden Jungs, 9 und 10 Jahre, ebenfalls in Holt lebt. Seine Ehefrau, die man anfangs als seelisch angeschlagene Person kennenlernt, verlässt ihre Familie und zieht nach Denver. Das Zusammenleben zwischen den beiden Eheleuten scheint nicht zu funktionieren. Kent Haruf rückt leider nicht mit den Hintergründen zu den Problemen der Eheleute heraus. Die beiden Jungs halten zusammen wie Pech und Schwefel. Auch wenn sie ihre Mutter vermissen, versuchen sie an den Alltagsroutinen festzuhalten. Jeden Morgen Zeitungen austragen, danach Schule, nachmittags die Tiere zuhause füttern. Kindsein in Holt scheint nicht leicht zu sein. Es gibt Erwachsene, die behandeln die Kinder sehr verächtlich und spielen ihre angebliche Überlegenheit aus. Den beiden Jungs steht ihre gute Erziehung im Weg, um sich gegen diese Erwachsenen zur Wehr zu setzen. Glücklicherweise gibt es auch Mitbewohner in Holt, die den Kindern sehr wohlwollend begegnen und sie ernst nehmen.
Der Vater Tom hat neben den Mühen, seinen Kindern ein ansprechendes Zuhause zu bieten, Probleme an seiner Arbeitsstätte. Er gerät mit einem Schüler aneinander, der die schwangere Victoria (hier schließt sich der Kreis wieder) gemobbt hat. Am Ende erntet der Schüler einen Schulverweis, was wiederum dessen Eltern auf den Plan ruft, die im Übrigen ein identisches asoziales Verhalten zeigen wie ihr Sproß. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
"Sie sah sich um. Häuser und kahle Bäume. Sie ließ sich in der Kälte auf den Verandaboden sinken, lehnte den Rücken an die kalten Bretter der Hauswand. Ihr war, als verflüchtigte sie sich, als wanderte sie ziellos umher in kummervoller, ungläubiger Benommenheit. Sie schluchzte ein wenig. Sie starrte zu den stillen Bäumen hinaus, auf die dunkle Straße, zu den Häusern gegenüber, in denen sich Menschen in den hellen Zimmern ganz normal bewegten, und wenn der Wind seufzte, wanderte ihr Blick hinauf in die schwankenden Bäume. Sie saß da, schaute hinaus, rührte sich nicht." (S. 41)
Auch wenn es sich durch die gerade geschilderten Schicksale vielleicht nicht so anhören mag, aber das Leben in Holt ist unaufgeregt. Wahrscheinlich sind die persönlichen Dramen, das Einzige, was in Holt für Abwechslung sorgt. Ein unaufgeregtes Kleinstadtleben wird von Kent Haruf auch in einem unaufgeregten Sprachstil geschildert. Seine Sprache strahlt sehr viel Ruhe aus - keine einschläfernde Ruhe, sondern eine wohlige Ruhe, die einen melancholisch macht und ganz warm ums Herz werden lässt.

Da sich während der Lektüre viele Fragen zu den Charakteren auftun, die jedoch nur selten beantwortet werden, verlangt dieses Buch nach einer Fortsetzung, in der die Unklarheiten hoffentlich bereinigt werden. Und siehe da, die Fortsetzung ist vom Verlag bereits für Januar 2019 angekündigt. Ich bin gespannt.

Eine Anmerkung noch zum Titel: Ich habe mich gefragt, wie man solch ein wundervolles Buch mit einem kitschigen Titel versehen kann und habe ein wenig recherchiert: "Lied der Weite" kommt in die Nähe der Übersetzung des Original-Titels "Plainsong" (wenn man die wortwörtliche Übersetzung zugrunde legt), wobei "plain" als Substantiv "Ebene" oder "Flachland" bedeutet. "Plainsong" ist jedoch auch ein musikalisch-religiöser Begriff und bedeutet "Cantus Planus" (= ebener Gesang, lat.), was im Zusammenhang mit diesem Buch passender erscheint. Ein Cantus Planus ist ein gregorianischer einstimmiger Choral, der rhythmisch gleichförmig vorgetragen wird; Gleichförmigkeit bedeutet Unaufgeregtheit - genau das Merkmal, welches ich in diesem Buch so genossen habe, und welches sich hoffentlich auch im kommenden Roman um die Bewohner des Städtchens Holt wiederfinden wird.

© Renie





Über den Autor:
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award (für ›Lied der Weite‹) ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. (Quelle: Diogenes)


Den ersten Teil aus der Holt-Trilogie habe ich ebenfalls gelesen: Unsere Seelen bei Nacht ...

Freitag, 20. April 2018

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Quelle: Pixabay/brogers718
Ein Buch über Freundschaft und das Erwachsenwerden in New Yorks Brooklyn der 70er Jahre. Im Mittelpunkt dieses sehr einfühlsamen Romans "Ein anderes Brooklyn" der Amerikanerin Jacqueline Woodson, stehen 4 Freundinnen, die ihre Kindheit und Jugend in diesem Viertel verbringen. Sie erleben die Veränderung von Brooklyn. Die ehemals beliebte Wohngegend verkommt, die Weißen fühlen sich in einem hispano- und afroamerikanisch-geprägten Umfeld nicht mehr wohl und ziehen weg. Das Straßenbild ändert sich. Kriminalität und Drogen bestimmen den Alltag. Nicht gerade eine ansprechende Umgebung für Kinder. Wie schaffen es also die Mädchen in Brooklyn zurecht zu kommen? Die Antwort lautet: Gemeinsam. Denn gemeinsam sind sie stark, sind für einander da und bilden eine Einheit gegen die Anderen.
Sylvia, Angela, Gigi und August - vier Mädchen mit unterschiedlichen Begabungen und einem Traum - Herauszukommen aus Brooklyn und aus ihrer Begabung etwas zu machen.
Ob es den Mädchen gelingt, ihren Traum zu leben, hofft und wünscht man ihnen.
Quelle: Piper

Ich-Erzählerin August erzählt von der gemeinsamen Kindheit im Rückblick, anhand von Erinnerungsfragmenten. Sie konnte etwas aus ihrem Leben machen, ist sie doch heute Anthropologin und bereist die ganze Welt. Sie kommt zur Beerdigung ihres Vaters wieder nach Brooklyn. Damit beginnt der Roman. Der Gegensatz zwischen dem Brooklyn von heute und damals könnte nicht krasser sein. Sie erinnert sich an die ersten Jahre in Brooklyn, als die Kinder noch auf der Straße spielen konnten und das Leben auf der Straße noch mit großer Leichtigkeit ablief. Mit den Jahren wird das Straßenleben feindseliger: Drogen, Verbrechen, Bandenkriege. Und mittendrin die 4 Mädchen, die sich gegenseitig Kraft und Mut geben.
"In der großen Hitze des Sommers beobachteten wir, wie Kinder die Heroinsüchtigen umkreisten und darauf wetteten, ob sie umfielen oder nicht. Einmal rannte ein kleiner Junge die Straße entlang und hielt eine verbogene Spritze, die er eben gefunden hatte, wie einen Revolver gezückt."
August erzählt mit großer Wärme von ihren drei Freundinnen. Sie scheint die Einzige in dem Quartett zu sein, die sich nicht durch eine besondere Fähigkeit hervortut. Sie ist weder besonders hübsch, noch besonders schlau, noch tänzerisch oder schauspielerisch begabt. Das spielt jedoch keine Rolle. Denn den Freundinnen ist jeglicher Neid fremd. Ganz im Gegenteil. Sie träumen gemeinsam davon, dass jede von ihnen es schafft, aus Brooklyn herauszukommen.
Der Roman könnte ein Tagebuch sein, welches den Leser an den Gefühlen und Ängsten der Ich-Erzählerin teilhaben lässt. In kleinen, manchmal nur 5 Zeilen großen Abschnitten, gibt sie ihre Erinnerungen wieder. Das wirkt bruchstückhaft, bleibt es aber nicht. Denn am Ende ergeben diese Bruchstücke ein großes Ganzes, das ein eindrucksvolles Bild von dieser Kindheit in Brooklyn widerspiegelt.
"Mein Bruder und ich wuchsen zwar ohne Mutter, aber dennoch wohlbehütet auf. Mein Bruder hatte den Glauben, an den mein Vater ihn herangeführt hatte, und ich hatte lange Zeit Sylvia, Angela und Gigi, mit denen gemeinsam ich das Aufwachsen als Mädchen in Brooklyn schulterte wie einen Sack voller Steine, den wir uns weiterreichten: Da. Hilf mir tragen."
Der Sprachstil ist dabei sehr poetisch, fast schon magisch. Denn Jacqueline Woodson versteht es, den Leser mit ihrer eindringlichen Sprache zu fesseln. Ich habe mich mit diesem Buch sehr wohl gefühlt und war am Ende schon ein bisschen traurig, dass die Geschichte zu Ende war.
Jacqueline Woodson hat bisher Kinder- und Jugendliteratur geschrieben. "Ein anderes Brooklyn" ist ihr erster Roman für Erwachsene, und ich bin neugierig, was sie sonst noch an Romanen zaubern wird.

© Renie



Dienstag, 17. April 2018

Christina Röckl: Kaugummi verklebt den Magen

Quelle: Kirchner PR/kunstanstifter
"Wenn man einen Apfelkitsch (=Kerngehäuse eines Apfels) isst, wächst einem ein Apfelbaum aus dem Popo."
.....
"Vorsicht vor Ohrenkneifern - die krabbeln ins Ohr, fressen sich bis zum Gehirn durch und kommen am Ende aus der Nase wieder raus."
......
"Wenn du nicht aufisst, gibt es morgen schlechtes Wetter."
.....
"Wenn eine Frau mit 30 Jahren noch nicht verheiratet bist, kriegt sie nie einen Mann."
.....
Manche Gerüchte halten sich hartnäckig und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Denn Erwachsene sind sehr traditionsbewusst, wenn man bedenkt, welchen liebevollen Blödsinn sie Kindern erzählen. Und was noch komischer ist: Trotzdem die Kinder irgendwann herausfinden  werden, dass ihre Eltern geflunkert haben, werden auch sie die gleichen Lügenmärchen ihren Kindern einmal erzählen. Na ja, vielleicht nicht alles, aber vieles davon. Und selbst, wenn sie sie nicht weitererzählen, werden sie die Prophezeiungen ihrer Eltern und Großeltern niemals vergessen. Und die Unwahrheiten werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder präsent sein. (So wie bei mir, s. Einleitung)

Christina Röckl räumt mit diesen Flunkereien in ihrem sehr kurzweiligen Buch "Kaugummi verklebt den Magen" auf sehr amüsante Weise auf. Sie treibt es mit diesen besonderen Geschichten auf die Spitze, durchleuchtet jede These, fragt nach Hintergründen und sucht nach dem Fünkchen Wahrheit, das hinter der einen oder anderen Behauptung stecken könnte. Dabei sucht sie sich Hilfe bei 3 Erwachsenen - ich nenne sie Prof. Dr. Dr. Gernegroß, Prof. Dr. Alleswisser und Dr. Dr. Pinocchio (der mit der langen Nase). Die Drei sind auf Sendung. Live im Fernsehen warnen sie den Zuschauer (und natürlich den Leser dieses Buches) vor den Gefahren, die im Alltagsdschungel auf uns lauern. Themen der Sendung in Christina Röckls Buch sind:
  • der Kaugummi
  • das Schielen
  • Fernsehkonsum und seine Folgen
  • das Nasepopeln
Dank intensiver Recherche klären die drei Akademiker den Zuschauer (und Leser) über alles Wissenswerte im Zusammenhang mit diesen Gefahren auf - natürlich mit Unterstützung überbordender Phantasie, die den Zuschauer (und Leser) lachen und zweifeln lässt. Denn wer weiß, vielleicht ist doch das eine oder andere Fünkchen Wahrheit dabei ;-)

Ich habe mich auf jeden Fall köstlich amüsiert und hatte viele Aha-Erlebnisse. Am Ende habe ich in meinen Erinnerungen gekramt und habe außer den bereits genannten Behauptungen in der Einleitung noch einige andere zutage gebracht, die ich zu meiner Schande auch bereits schon an meinen Sohn weitergegeben habe (was ich nicht glauben wollte, aber er hat es mir bestätigt).

Dank der unbändigen Fabulierfreude von Christina Röckl ist das Buch ein Riesen-Vergnügen. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie sich geradezu in das Ausschmücken der Unwahrheiten sowie das Drumherum-Erzählen hineingesteigert hat und dabei selbst viel Spaß hatte. Dies äußert sich auch in einem wahren Farbrausch, mit denen sie ihre Texte illustriert. Da ist viel los in den Bildern. Daher sollte man sich Zeit für dieses Buch nehmen, denn es wäre schade um jedes Detail, das man übersehen könnte.

Dieses lustige Buch ist für jede Altersklasse geeignet: für Erwachsene, damit sie sich erinnern und an die eigene Nase packen; für Kinder, damit sie früh genug lernen, dass auch Erwachsene viel Blödsinn erzählen können. Und dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was ein Erwachsener erzählt.

Und was die Flunkereien angeht, die man mir als Kind aufgetischt hat

- Bisher musste ich mein Sitzverhalten nicht ändern, geschweige denn Löcher in meine Unterbuxen und Hosen schneiden. Der Wald aus Apfelbäumen lässt immer noch auf sich warten.

- Ohrenkneifer heißen eigentlich Ohrwürmer und wurden von der Antike bis zur Neuzeit in pulverisierter Form als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht. Sie fressen andere Insekten und Pflanzenteile. Nur derjenige, der Stroh im Kopf hat, läuft Gefahr, ein gefundenes Fressen für einen Ohrenkneifer zu sein.

- Manche Gerüchte halten sich hartnäckig ... das mit dem Wetter und dem Aufessen ist so eines.

- Und was das Heiraten bis 30 angeht: Tja liebe Omi, ich habe trotzdem einen Mann abgekriegt, und was für einen!

© Renie




Über die Autorin:
Mit "Und dann platzt der Kopf" schloss Christina Röckl ihr Masterstudium in Illustration bei ATAK/Georg Barber ab. Das Bilderbuch wurde für den Giebichenstein Designpreis nominiert und zusammen mit Ergebnissen eines von ihr geleiteten Comicworkshops im Vogtlandmuseum Plauen ausgestellt. Auslöser für das Projekt war für sie die große Frage, weshalb Slimer eine Seele hat, ein Haufen Schleim aber nicht.

Christina Röckl lebt und arbeitet in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)