Mittwoch, 14. November 2018

Deb Spera: Alligatoren

Quelle: Pixabay/bobmann
"Einen Menschen töten ist leichter als einen Alligator töten, aber Geduld brauchst du für beides."
Gertrude Pardee eine der Protagonistinnen des Romanes "Alligatoren" von Deb Spera, hat sehr viel Geduld, genauso, wie sie viele Kinder und viele blaue Flecken hat - dank der speziellen Fürsorge ihres stets betrunkenen Mannes. Irgendwann wird sie feststellen, dass sie und ihre Kinder ohne Mann besser und leichter durchs Leben kommen.
"Es ist was Furchtbares, wenn die eigenen Kinder Angst vor der Welt haben, aber das müssen sie, wenn sie überleben wollen. Unsichtbare Dinge sind überall um uns rum, und es ist besser, wenn sie das jetzt schon lernen."
Der Roman spielt im Süden der USA, in den Jahren vor dem Börsencrash 1929, der eine Weltwirtschaftskrise zur Folge hatte. Der Süden der USA war bereits vor diesem Zeitpunkt von Armut und Hunger geplagt. Dies betraf viele Teile der Bevölkerung. Auf der einen Seite gab es die Plantagenbesitzer, denen es noch einigermaßen gut ging, auf der anderen Seite gab es einfache Menschen wie Gertrude Pardee und ihre Familie, die am Limit lebten und jeden Tag auf's Neue um ihr Überleben kämpfen mussten.
Quelle: HarperCollins

Hinzu kam die Diskriminierung der farbigen Bevölkerung. Auch wenn die Sklaverei bereits seit Jahrzehnten abgeschafft war, war sie doch noch in den Köpfen der Menschen verwurzelt. Es gab eine klare Rollenverteilung zwischen Schwarz und Weiß. Weiße waren Herrscher, Farbige waren Diener.
Zu diesen Gruppen gehören die beiden anderen Protagonistinnen dieses Romans:

Annie Cole
Ihre Familie gehört zu den wohlhabendsten in der Gegend. Ihr Mann Edwin und Sohn Eddie führen die Plantage der Familie. Annie selbst und der jüngste Sohn Lonnie betreiben eine Näherei. Plantage und Näherei liefern wertvolle Arbeitsplätze. Auch Gertrude wird hier eine Anstellung finden.

Oretta - genannt Retta - ist die gute Seele der Familie Cole, ist sie doch als Köchin angestellt und führt deren Haushalt. Retta arbeitet bereits ihr Leben lang für die Familie, gehört irgendwie dazu ... solange sie weiß, wo ihr Platz in der Rangordnung ist. Und als Farbige steht sie ganz am Ende.
"Die Zeiten ändern sich, aber die Menschen nie. Neger dürfen ruhig die ganze Arbeit machen, aber eine Meinung dürfen sie nicht haben."
Deb Spera erzählt die gemeinsame Geschichte dieser drei Frauen, die zwar völlig unterschiedlich sind, deren Schicksale sich jedoch nicht voneinander trennen lassen.

Die beiden weißen Frauen haben mit der Dominanz der Männer zu kämpfen. Gertrude ist ihrem trinkendem und brutalem Ehemann ausgeliefert und nimmt vieles auf sich, um ihre 4 Mädchen vor ihm zu schützen. Brutalität in der Ehe ist in dieser Zeit gesellschaftsfähig. Da Gertrude auf keinerlei Hilfe von Außen hoffen kann, nimmt sie ihr Schicksal schließlich selbst in die Hand. Sie zieht mit ihren Kindern in ein Haus in Rettas Nachbarschaft. Vermieterin ist Annie Cole, die Gertrude auch als Näherin einstellt.

Annies Mann ist der ehrgeizige und erfolgshungrige Edwin, der sich gern als Machtmensch sieht und die Bewunderung anderer genießt. Die Landwirtschaft läuft leider nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Trotzdem tut er die erfolgreiche und boomende Näherei, die von seiner Frau und seinem jüngsten Sohn betrieben wird, als Hirngespinst ab. Insbesondere seinen Sohn lässt er seine Verachtung spüren und sieht in dem stotternden Lonnie einen Schwächling. Edwin ist also ein Familiendespot, wie er im Buche steht. Es gibt in dieser Familie noch zwei, mittlerweile erwachsene Töchter. Die Beiden haben ihr Elternhaus bereits früh verlassen, da sie sich mit den Eltern überworfen haben. Sie meiden den Kontakt zu ihnen.

Dank einer Verfügung von Annies mittlerweile verstorbenem Vater, hat sie die alleinige Verantwortung für die Näherei, was ihrem Mann natürlich ein Dorn im Auge ist, neidet er ihr doch den Erfolg bei ihrer Arbeit.

Retta kennt die Coles-Kinder von klein auf und hat auch das konfliktbehaftete Familienleben begleitet. Sie lebt mit ihrem Mann Odell in einer harmonischen Ehe. Die beiden sind Seelenverwandte, die auch den frühen Tod der Tochter gemeinsam bewältigt haben.

Jede der drei Frauen für sich ist eine starke Persönlichkeit, auch wenn ihnen durch die Männer Grenzen aufgezeigt werden.

Aus der ehemaligen Zweckbeziehung (Annie als Arbeitgeberin von Retta und Gertrude; Retta als Unterstützung für Gertrude und ihre Mädchen) wächst mit der Zeit ein intensiveres Verhältnis zwischen den Frauen, das von einem Geheimnis um Annies Mann überschattet wird. Als Leser ahnt man, was Edwin zu verbergen hat. Was es mit Edwin auf sich hat, wird immer deutlicher, je tiefer man in die Handlung dieses Romans eintaucht. Und zum Ende kommt es zum klassischen Showdown zwischen Mann und Frau.
"Für irgendwen in dieser Stadt braut sich was zusammen. Noch ist nichts passiert, aber es wird was passieren."
"Alligatoren" ist ein atmosphärischer Südstaatenroman, wie man ihn sich vorstellt: Hitze, Fliegen, Sümpfe, Baumwolle, Mystik und Aberglauben. Hier findet sich alles, was das Südstaatenherz begehrt. Hinzu kommt eine unterschwellige Spannung, die diesen Roman durchzieht. Und im Mittelpunkt stehen 3 starke Frauen unterschiedlicher Herkunft, denen es gelingt, trotz der Dominanz der Männer ihren eigenen Weg zu gehen. Ein großartiger Roman!

© Renie

Freitag, 9. November 2018

Aka Morchiladze: Der Filmvorführer

Quelle: Pixabay/falco
"Er war ein ehrenhafter Mann, der beste überhaupt. Was er hatte, war eine merkwürdige, unausgesprochene Würde."
Der, von dem hier die Rede ist, heißt Islam Sultanow. Der Mann mit der "merkwürdigen, unausgesprochenen Würde" ist Filmvorführer in einer ländlichen Kleinstadt in Georgien. Trotzdem er hier schon seit vielen Jahren lebt, wird er von den Bewohnern immer noch misstrauisch beäugt. Er lebt nahezu isoliert in einem kleinen Zimmer neben dem Vorführraum. Es wird viel spekuliert über Islam. Nur die wenigsten wissen, warum er in dieser Kleinstadt lebt. Einer von ihnen ist Beso, 40 Jahre jünger als Islam, ein Kind als die Beiden sich kennenlernen. Trotz des hohen Altersunterschied verbindet beide eine tiefe Freundschaft. Islam hat nicht immer als Filmvorführer gearbeitet. Er stammt aus einem russischen Adelsgeschlecht, welches von den Kommunisten bei der Machtübernahme in Russland fast ausgerottet wurde. Einzig Islam überlebte und wurde, nachdem er einige Jahre in einem Straflager verbracht hat, von den Kommunisten zwangsausgesiedelt. So ist er in dieser Kleinstad in Georgien gelandet. 

Vielleicht sind seine persönlichen Erfahrungen auch der Grund, dass er mit der Isolation gut leben kann. Die Freundschaft zu Beso genügt ihm. Und vielleicht sind auch die Erfahrungen von Islam der Grund, warum Beso unbeschadet durch den Afghanistankrieg kommt. Die Geschichte von Beso und Islam beginnt in den 70er und 80er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Georgien noch zur Sowjetunion. Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschieren und somit einen 10 Jahre andauernden Stellvertreterkrieg gegen die USA, Saudi-Arabien und Pakistan einläuten, werden die georgischen Männer ebenfalls rekrutiert. Der schützende Einfluss von Islam reicht sehr weit, bis in das Kriegsgebiet und rettet Beso das Leben. Islam wird über Jahre der väterliche Ratgeber von Beso sein.
"Afghanistan bedeutete den Tod. In unsere Stadt wurden in den letzten acht Jahren drei junge Männer tot zurückgebracht. Keiner von ihnen war Soldat, alle arbeiteten als Fahrer. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was Afghanistan war. Ich wußte nur, daß dort Krieg herrschte und daß man unsere Jungs dorthin schickte, und die Gefallenen in Zinksärgen zurückbrachte."
Das Leben in Georgien wird nicht nur durch die Politik sondern insbesondere durch Traditionen bestimmt. Traditionen, die einem Westeuropäer teilweise sehr befremdlich vorkommen. Beso wird in diesem Roman oft sagen "Bei uns ist das so.". Er ist mit diesen Traditionen aufgewachsen und stellt sie auch nicht in Frage. Genausowenig wird er die politische Entwicklung seines Landes in Frage stellt - nicht weil er sie befürwortet, sondern weil er sie mit fast schon stoischer Gelassenheit hinnimmt, da dies seinem Naturell entspricht.
"Ich begriff, daß dieses Land in Wirklichkeit völlig anders war. Vielleicht spürte das damals jeder Mensch, aber nicht alle wollten es sich anmerken lassen. Denn wenn du dir etwas anmerken läßt, dann mußt du auch handeln."
Der Roman ist ein Rückblick auf das Leben von Beso. Der Anfang spielt dabei in der heutigen Zeit. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass Beso, mittlerweile Familienvater,  als Chauffeur für eine internationale Organisation arbeitet und verschwunden ist. Peter, der Mann, dem Beso als Fahrer zugeteilt war, fühlt sich verantwortlich für den Georgier und begibt sich auf die Suche nach ihm. Dabei gelangt er an ein Schreibheft, indem Beso seine Geschichte aufgezeichnet hat. Der Text wirkt auf den Leser sehr authentisch. Stellenweise ist er sehr einfach strukturiert und formuliert, erscheint dadurch fast kindlich. Beso hat seine Geschichte in Englisch niedergeschrieben, also einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, was die Schlichtheit des Textes erklärt. Was jedoch zählt, ist der Inhalt seiner Geschichte, die er mit viel Ruhe und Gelassenheit erzählt. Die politischen Rahmenbedingungen treten dabei in den Hintergrund. Im Vordergrund steht die Entwicklung von Beso und das Leben, das ihm die Freundschaft seines väterlichen Freundes Islam ermöglichen konnte.

Fazit:
Ein wohltuend schlichter Roman. Beso beschreibt sein Leben in Georgien in einer Gelassenheit, die die Handlung in diesem Roman dahinplätschern lässt. Egal, ob Traditionen oder politische Querelen, so ist nun mal das Leben.
Ein Buch, das einerseits durch diese ganz besondere Freundschaft zwischen den beiden Männern besticht und gleichzeitig einen tiefen Einblick in die georgische Kultur gewährt.

© Renie




Über den Autor:
Aka Morchiladze (1966 in Tiflis geboren) ist einer der meistgelesenen Autoren Georgiens. Er studierte Georgische Geschichte an der Staatlichen Universität Tiflis; anschließend lehrte er dort als Dozent. Außerdem arbeitete er viele Jahre als Journalist. Insgesamt veröffentlichte er zwanzig Romane und drei Sammlungen mit Kurzgeschichten. Seine Bücher wurden in Georgien zu Best sellern und teilweise verfilmt. Aka Morchiladze wurde fünfmal mit dem wichtigen georgischen Literaturpreis Saba ausgezeichnet, zuletzt 2012. Der Filmvorführer stammt aus dem Jahr 2009. Im Weidle Verlag ist der Roman Reise nach Karabach erschienen, übersetzt von Iunona Guruli. (Quelle: Weidle Verlag)

Sonntag, 4. November 2018

Christine Mangan: Nacht über Tanger

Quelle: Pixabay/MonicaVolpin
"Nacht über Tanger" von Christine Mangan - ein Roman, der es in sich hat: ein entspanntes Lesen ist das nicht. Eher ein angespanntes. Denn der Roman ist herrlich nervenaufreibend und zum Nägelkauen spannend.
Es geht um die Freundschaft zweier Frauen - Alice und Lucy. Ihre "Freundschaft" begann in den 40/50er Jahren auf der Highschool, wo sie Zimmergenossinnen waren. Es fällt mir schwer, von einer Freundschaft zu sprechen. Denn tatsächlich handelt es sich hier um ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis. Alice, Tochter reicher Eltern, die leider vor einigen Jahren verstorben sind, ist die Schwache in dieser Beziehung. Der Tod ihrer Eltern hat sie in ein seelischen Tief gestürzt, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat. Sie ist psychisch angeschlagen, ohne Selbstbewusstsein. Das Gegenteil von ihr ist Lucy, ebenfalls Waise. Sie ist taff, selbstbewusst und gibt in der Beziehung der beiden Mädchen den Ton an. Mit beiden stimmt etwas nicht. Lucys Zuneigung zu ihrer Freundin ist obssessiv und manipulativ. Sie wäre gern wie Alice (was ihre Herkunft angeht, denn Alice kommt aus einer wohlhabenden Familie). Alice hat sie durchschaut, hat aber nicht die Kraft, gegen Lucy aufzubegehren.
"Es war mein sehnlichster Wunsch, dass alles wieder so war wie früher; vor dieser schrecklichen Nacht. Diese Hoffnung lebte noch immer in mir, wenn auch verborgen in meinem leeren Herzen. Doch ihre Körperhaltung, ihr Art, sich zu bewegen - wie ein verängstigter, eingesperrter Vogel, fand ich -, machten mich stutzig, und ich fragt mich, ob das Problem gar nicht die Geheimnisse waren, die wir teilten, sondern vielmehr etwas völlig anderes." 
Quelle: Blessing
Die Geschichte der Anfänge ihrer Freundschaft erfährt man in der Retroperspektive. Denn eigentlich spielt der Roman in Tanger (1956), wo sich die beiden Frauen ein paar Jahre nach ihrer gemeinsamen Schulzeit wiedersehen. Alice ist mittlerweile verheiratet und mit ihrem Mann nach Marokko gezogen. Lucy steht eines Tages bei Alice überraschend vor der Tür. In den letzten Jahren scheint viel geschehen zu sein. Man erfährt, dass es damals an der Schule ein mysteriöses Ereignis gab, welches die Ursache für das abrupte Ende der Freundschaft war. Doch für Lucy scheint die Freundschaft noch lange nicht vorbei zu sein. Heute wie damals hat Alice nicht die Kraft, sich gegen Lucy zur Wehr zu setzen. Alice scheint Menschen, die Besitzansprüche auf sie erheben wollen, förmlich anzuziehen. Denn Ehemann John hat sie wegen ihres Vermögens geheiratet. Solange er mit Alice zusammen ist, braucht er sich keine Sorgen um seine finanzielle Zukunft zu machen. So betrachten sich Lucy und John gegenseitig als Störfaktoren, wenn es darum geht, Alice zu vereinnahmen. 
"Mein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her; dem Ehepaar; und ich kam zu dem Schluss, dass irgendwas nicht stimmte - ich konnte es spüren, denn es füllte den Raum aus, knisternd, zischend, es schrie förmlich danach, bemerkt zu werden."
Die Geschichte wird im Wechsel aus der Sicht von Lucy und Alice erzählt. Das ist hochinteressant. Denn dieselben Ereignisse sind noch lange nicht dieselben Ereignisse. Und man wird das Gefühl nicht los, dass beide Frauen nicht ganz richtig im Kopf sind. Die Autorin macht das ganz geschickt: Jede der Frauen wirkt im ersten Ansatz völlig normal und weckt Sympathie. Doch auf einmal kommt eine klitzekleine Andeutung im Text, die Zweifel an der jeweiligen Person weckt. Nach und nach stellt sich heraus, was damals in der Schule passiert ist. Scheinbar kann jede der Frauen zu allem fähig sein.
Das Lesen wird von der ersten Zeile an von einer unterschwelligen Spannung begleitet. (Daher das "angespannte Lesen", s. o.) Hier bahnt sich etwas an. Und schnell ist man sich sicher: Mindestens eine(r) der Protagonisten wird auf der Strecke bleiben. 

Ich habe über die Autorin gelesen, dass sie Creative Writing studiert und zur Gothic Literature (läuft in Wikipedia unter Schauerliteratur) promoviert hat. Es hat sich gelohnt, denn Christine Mangan beherrscht diese Disziplin par excellence: "Nacht über Tanger" ist richtig richtig schaurig, aber schaurig genial.
"Jetzt fiel mir auf, dass Tanger in vielerlei Hinsicht eine Geisterstadt war. Nur war sie nicht tot, leer und öde, sondern lebendig. Sie blühte und quoll über vor Erinnerungen an die großartigen Denker, die durch ihre Gassen geschlendert waren. Die hier nachgedacht und Tee getrunken hatten und inspiriert worden waren. Sie war ein Zeugnis, ein Grabmal derjenigen, die vorher hier gewesen waren. Doch die Stadt machte nicht den Eindruck, als sei schon alles vorbei. In ihr blühte und schäumte noch immer etwas, das darauf wartete, entdeckt oder freigesetzt zu werden. Ich konnte es spüren, an dem Kribbeln in meinen Händen."
Bemerkenswert ist auch die Stimmung, die diesen Roman durchzieht. Neben der permanenten unterschwelligen Spannung, der man ausgesetzt ist, meint man auch "Tanger" zu spüren: unerträgliche Hitze, grelles Sonnenlicht, das pulsierende Leben in einer arabischen Stadt, exotische Gerüche, fremde Menschen, die etwas Bedrohliches an sich haben. Die Autorin zieht hier sämtliche Register und hat damit einen Roman geschaffen, der der Bezeichnung Schauerliteratur alle Ehre macht.
Lesempfehlung!

© Renie



Über die Autorin:
Christine Mangan, geboren 1982, hat Creative Writing studiert und am University College Dublin zur Gothic Literature promoviert. Nacht über Tanger ist ihr erster Roman, der sich in 20 Länder verkauft hat. Die Filmrechte gingen an die Produktionsfirma von George Clooney. Christine Mangan lebt in Brooklyn, New York, und schreibt an ihrem zweiten Rom (Quelle: Blessing)

Samstag, 27. Oktober 2018

Tom Rachman: Die Gesichter

Quelle: Pixabay/NadineDoerle
Kind oder kein Kind? Das ist eine Frage, die sich jeder irgendwann mal in seinem Leben stellen wird. Bereichern Kinder das Leben, oder schränken Kinder das Leben ihrer Eltern ein? Welche Opfer müssen Eltern bringen und sind diese Opfer  gerechtfertigt?
Als Tom Rachman den Roman "Die Gesichter" geschrieben hat, war er kinderlos. Und ebendiese Fragen haben ihn beschäftigt. Sowohl Elternschaft als auch Autoren-Dasein fordern Opferbereitschaft und Hingabe. Was ist, wenn nicht genügend davon für beide Rollen vorhanden ist? Was ist, wenn die Vaterrolle zugunsten der schriftstellerischen Karriere auf der Strecke bleibt, und somit auch die Zuwendung für das Kind? Was macht das mit dem Kind?
In der Vater-Sohn-Beziehung, die im Mittelpunkt seines Romanes "Die Gesichter" steht, hat Tom Rachman diese Ausgangssituation für seine Protagonisten zugrunde gelegt.
Quelle: dtv

Bear Bavinsky ist ein gefeierter Maler und eine Naturgewalt. Er ist charismatisch, humorvoll und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Und ganz nebenbei macht er sich die Welt, wiedewiedewie sie ihm gefällt. Und ihm gefallen Frauen. Viele davon. Monogamie passt nicht in sein Lebenskonzept. Im Laufe der Jahre wird er es auf 17 Kinder bringen, von mehreren Frauen, mit denen er verschiedene Familien gründet, oft nacheinander, aber oft auch zeitgleich. Eines dieser Kinder ist Pinch, eigentlich Charles. Mit Pinch und Ehefrau Natalie, lebt Bear in Rom. Die Geschichte setzt 1955 ein, als Pinch 5 Jahre alt ist. Natalie ist deutlich jünger als ihr Mann. Als sich die beiden kennenlernten, war sie eine junge ambitionierte Künstlerin, die Töpferei als Kunstform betrieben hat. Mittlerweile vernachlässigt sie ihre Kunst, um sich um Bear und Pinch zu kümmern. Der charismatische Bear erdrückt die beiden mit seiner Präsenz. Er steht immer und gern im Mittelpunkt, Natalie ist dabei eine Randfigur, "nur" seine Ehefrau und ist daher für die Kunstszene als Künstlerin nicht existent. Pinch leidet unter dem großen Ego seines Vaters, er weiß es nur noch nicht. Bereits mit 5 Jahren ist er ständig auf der Suche nach Anerkennung durch seinen Vater, die er selten bekommt.
Dieses Streben nach Anerkennung wird auch nie nachlassen. Zunächst versucht Pinch in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, lässt jedoch seine Malversuche bleiben, als er ihn nicht damit beeindrucken kann. Da nützt auch nicht, dass Natalie ihm Talent bescheinigt. Das Einzige, was zählt, ist Bears Anerkennung, die Pinch jedoch nicht erhält.
"Ich konnte kein Maler sein, und jetzt darf ich nicht mal Kritiker werden. Ich bin ein Angeber, ein Simulant, ein Versager."
Der Roman ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die chronologisch aufeinanderfolgen, jedoch in unregelmäßigen Zeitsprüngen.
Hier begleitet der Leser Pinch - der Roman ist aus dessen Sicht geschrieben - ein Leben lang, bis hin zu dessen Tod.
Und ein Leben lang sucht Pinch nach Anerkennung bei seinem Vater. Als Maler konnte er ihn nicht überzeugen. Um mit der Kunstszene verbunden zu bleiben, strebt er ein Kunststudium an, zudem er jedoch nicht zugelassen wird. Am Ende bleibt ihm ein Leben in der Mittelmäßigkeit. Er wird Fremdsprachen unterrichten - wieder nichts, mit dem er bei seinem Vater punkten kann.

Pinch war schon immer ein Eigenbrötler. Schüchtern, ohne jegliches Selbstvertrauen, hat er von klein auf Schwierigkeiten, sich auf Menschen einzulassen, wozu nicht nur die Frauen zählen. Daher lassen sich diejenigen Personen, die er auch als Erwachsener als Freunde bezeichnen kann, an einer Hand abzählen. Immer wieder versucht er in seiner Rolle als Sohn eines berühmten Vaters bei anderen Aufmerksamkeit zu erregen. Mit den Jahren findet er sich mit seinem durchschnittlichen Leben ab, wobei ihm auch immer wieder seine regelmäßigen Ausflüge in die, für sich wiederentdeckte Malerei helfen. In diesen Momenten verliert er sich und lässt sein gewöhnliches Leben für kurze Zeit hinter sich. Aber immer treibt ihn die Frage um, ob seine künstlerischen Fähigkeiten vor den Augen des Vaters bestehen können.
"Um als Künster Erfolg zu haben, braucht es ein seltenes Zusammentreffen von Persönlichkeit, Talent und Glück - alle in eine einzige Lebensspanne gebündelt. Was für ein Typ mein Dad doch war! Pinch sagt sich, dass er vielleicht die nötige Fertigkeit besessen hätte, doch das allein genügt nicht: Ihm fehlt es an Persönlichkeit. Die Kunstwelt wird ihm immer verschlossen bleiben."
Tom Rachman hat mit "Die Gesichter" einen sehr berührenden Roman geschrieben. Anfangs konzentriert er sich auf die Naturgewalt Bear und stimmt den Leser darauf ein, welch ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis sich hier anbahnen wird. Nach dieser Einstimmung wird die Geschichte aus der Sicht von Pinch erzählt. Es tut beim Lesen fast schon weh, wenn Pinch seine Bemühungen um Anerkennung und die damit verbundenen Enttäuschungen schildert. Der Verlauf der Handlung schildert Pinchs Leben als Erwachsener. Bear tritt fast in den Hintergrund. Aber nur fast. Denn auch wenn er keinen großen Anteil an der Handlung hat, ist sein übermächtiger Einfluss auf Pinch trotzdem spürbar. Mit den Jahren passiert nicht viel im Durchschnittsleben von Pinch. Sobald man als Leser jedoch meint, dass Pinch sich mit seinem "gewöhnlichen" Leben abgefunden hat, nimmt die Handlung eine Entwicklung an, die mehr als überraschend ist. Auf einmal entsteht ein Sog, der mitreisst, verblüfft und fesselt. Es scheint, dass sich Pinch am Ende seines Lebens von dem Einfluss seines Vaters befreien wird, und er Anerkennung erhält, allerdings nicht in der Form, wie er und der Leser es erwartet haben. Ein sehr versöhnliches Ende, das den Leser mit einem guten Gefühl zurücklässt.
"Kritiker nennen irgendwas wichtig, bis es wichtig ist, was sie selbst dann wiederum wichtig macht."
Besonders und hochinteressant sind die Einblicke die Tom Rachman in die Kunstszene gewährt. Er beschreibt diese Gemeinschaft fernab von jeglicher Künstlerromantik. Hier wird deutlich, dass die Kunstszene eine Tummelplatz für Über-Egos und Eitelkeiten ist. Und am Ende geht es immer nur ums Geld.

Fazit:
Ganz großes Erzähl-Kino. Ein sehr persönlicher Roman, der berührt, mitreisst und überrascht.
Leseempfehlung!

© Renie






Über den Autor:
Tom Rachman, geboren 1974 in London, wuchs in Vancouver auf. Er war Auslandskorrespondent der Associated Press in Rom, die ihn u. a. nach Japan, Südkorea, Ägypten und in die Türkei entsandte. Später arbeitete er als Redakteur des International Herald Tribune in Paris. Rachmans erster Roman ›Die Unperfekten‹ wurde gleich nach Erscheinen zu einem internationalen Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in London. (Quelle: dtv)






Dienstag, 23. Oktober 2018

Wolf Wondratschek: Selbstbild mit russischem Klavier

Quelle: Pixabay/StockSnap
Eine Zufallsbekanntschaft aus einem Wiener Kaffeehaus - das ist Suvorin. Der Russe, früher ein berühmter Pianist, ist heute alt, verarmt und vergessen. Die Jahre seines Erfolges liegen schon lange zurück. Suvorin ist einsam. Seine Frau, die ihn ein Leben lang begleitet hat, ist vor ein paar Jahren gestorben. Suvorin ist krank. Seine Vergangenheit als erfolgreicher Pianist und das damit verbundene exzessive Leben fordern mittlerweile ihren Tribut.
Suvorin hat Geschichten zu erzählen. Die Geschichte seines außergewöhnlichen Lebens und die Geschichte seiner Musik.
Diese Geschichten erzählt Suvorin in mehr oder weniger regelmäßigen Treffen mit dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller. Von diesen Treffen und Suvorins Erinnerungen handelt Wolf Wondratscheks Roman "Selbstbild mit russischem Klavier".
Da saß ein heimatloser alter Russe, dem so gut wie jedes Vergnügen von den Ärzten verboten worden war, dem sie Gymnastikstunden verschrieben und, in seinen Augen eine noch schlimmere Zumutung, das Schwimmen in einer Badeanstalt empfohlen hatten, und gönnte sich eine Erinnerung an das Leningrad seiner Jugend, an das von Dichter geschaffene Unvergängliche, Verse einer in dunklen Farben schmelzenden Poesie, gefährlich schön und so, wie er sie aufsagte, selbst Musik.
Ist es anfangs Mitleid, dass den Schriftsteller zuhören lässt, wächst mit der Zeit sein Interesse an Suvorins Leben. Mit steigendem Interesse wächst die Zuneigung für diesen außergewöhnlichen Mann. Und am Ende verbindet die beiden Männer eine Beziehung, die der einer Freundschaft am nächsten kommt.
Quelle: Ullstein Buchverlage

Der russische Pianist berichtet von seinen Anfängen in den 60er Jahren, von den Restriktionen und der Kontrolle durch das kommunistische System in der Sowjetunion, von seiner Ehe und natürlich von seiner Musik. Dabei erklärt er seine Leidenschaft für die Musik und welche Bedeutung diese für sein Leben hat. Seine tiefsinnigen Ausführungen zur Musik sind ganz besondere Momente in diesem Roman. Denn sie nehmen fast schon philosophische Ausmaße an. So viel ist klar. Surovin hat keine Musik gemacht, weil ihm der Erfolg viel bedeutete. Stattdessen liegen seine Motive tiefer begründet.

Äußerlich mag Surovin den Anschein erwecken, dass er ein gebrechlicher alter Mann ist. Aber geistig ist er jung geblieben. Er genießt es, von seinem Leben zu berichten. Einmal angefangen ist er fast nicht mehr zu bremsen. Seine Erinnerungen werden zu Monologen, in denen er sich ungern unterbrechen lässt. Und zwischendurch blitzt immer wieder der Schalk in ihm durch, da er sich genüsslich über seine Zeitgenossen und Erlebnisse mit ihnen lustig macht.
Was für eine schöne Sprache das Deutsche sein kann, wenn man es nicht brüllt. Lauschen! Was für ein Wort! Da ist alles drin, die einen Menschen ganz erfüllende Aufmerksamkeit, das Intime, man ist mit dem, was man hört, allein. Wie man Vögeln lauscht, dem Atem eines schlafenden Kindes.
Wolf Wondratschek schildert das Aufeinandertreffen der beiden Männer in einer sehr poetischen Sprache, die eine sehr melancholische, fast schon traurige Stimmung vermittelt. Das Buch lässt sich jedoch nicht leicht lesen. Wörtliche Rede lässt sich kaum als solche erkennen, da der Autor auf Anführungszeichen verzichtet. Daher ist es schwierig, zwischen den Aussagen von Suvorin und denen des Ich-Erzählers zu unterscheiden. Hier ist beim Lesen 100%ige Aufmerksamkeit gefragt. Lässt die Konzentration für einen Moment nach, läuft man Gefahr, den Faden zu verlieren.
Surovin hat ein eindrucksvolles Leben geführt, wie seine Erzählungen beweisen. Und dennoch stellen sich für mich mit der Zeit einige Längen in dem Roman ein. Es scheint, ich bin einem Suvorin-Erinnerungs-Overflow erlegen, der meine Aufmerksamkeit am Ende in die Knie gezwungen hat. Schade.

Fazit:
Eine großartige Geschichte, die der Autor sehr stimmungsvoll umsetzt. Sein Sprachstil ist eigenwillig. Leider tauchen zum Ende einige Längen auf, so dass ich diesen Roman nur bedingt empfehlen kann.

© Renie



Über den Autor:
Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Von 1964 bis 1965 war er Redakteur der Literaturzeitschrift Text und Kritik. Seit 1967 lebt er als freier Schriftsteller in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick; Ende der Achtzigerjahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Neben München ist seit Mitte der 1990er-Jahre Wien sein zweiter Wohnsitz, wo er gegenwärtig vorwiegend lebt. (Quelle: Ullstein Buchverlage)



Donnerstag, 18. Oktober 2018

Jessie Burton: Das Geheimnis der Muse

Quelle: Pixabay/Mampu
Eine Geschichte um zwei Frauen, einem Gemälde, dem Spanischen Bürgerkrieg und dem London der 60er Jahre ... Jessie Burton erzählt in ihrem Roman "Das Geheimnis der Muse" ebendiese Geschichte in 2 Handlungssträngen auf unterschiedlichen Zeitebenen. Wie der Titel schon sagt, geht es hierbei um ein Geheimnis, dessen Auflösung mich während der kompletten Lektüre beschäftigt hat.

Im Andalusien der 30er Jahre trifft die talentierte, doch verkannte Malerin Olive Schloss auf den Künstler und Revolutionär Isaac Robles. Sie ist Engländerin, 19-jährig, und lebt mit ihren Eltern zurückgezogen auf einem Landgut in der Nähe des Dorfes Arazuelo. Die Familie ist wohlhabend. Vater Harold ist Kunsthändler. Den einzigen Kontakt zu den Einheimischen haben sie über das Geschwisterpaar Teresa und Isaac Robles. Teresa kümmert sich um den Haushalt der Familie Schloss. Olive hält ihr Talent unter Verschluss. Einzig die beiden Geschwister kennen Olives Geheimnis. Olive lebt zu einer Zeit, in der  die Malerei eine Männerdomäne ist und Frauen jegliches Talent für die Kunst abgesprochen wird. Zu den Ignoranten zählt auch Olives Vater, der sich lieber von den Malkünsten von Isaac verzaubern lässt und ihn als seine Entdeckung feiert. Er vermittelt Isaacs Bilder an die weltweit bekannte Kunstsammlerin Peggy Guggenheim.
"Er hatte immer die Meinung vertreten, dass Frauen natürlich einen Pinsel in die Hand nehmen und malen könnten, aber sie hätten einfach nicht das Zeug dazu, Kunst zu schaffen."
Quelle: Suhrkamp/Insel Verlag
Der spanische Bürgerkrieg macht auch vor Arazuelo nicht Halt und hat katastrophale Auswirkungen auf das Leben der Protagonisten.

Etwa 30 Jahre später, im London der Swinging Sixties fängt Odelle Bastien, frisch aus Trinidad eingetroffen, eine Stelle in dem Londoner Skelton Institute of Art an. Sie hat den Traum, Schriftstellerin zu werden. Ihre Vorgesetzte Marjorie Quick ist eine charismatische alte Dame, sehr stilvoll, vornehm und resolut. Eines Tages taucht im Skelton ein Bild auf, das Quick völlig aus der Bahn wirft. Mit der Zeit wird klar, dass es sich hierbei um das verschollene Gemälde "Rufina und der Löwe" von Isaac Robles handelt.
Man ahnt, dass Quick einen Bezug zu dem damaligen Geschehen in Andalusien hat. Nur welcher, lässt sich nicht so leicht herausfinden. Die Autorin Jessie Burton lässt den Leser im Unklaren, lässt aber viel Platz für Spekulationen, die auch durch den stetigen Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen gefördert werden. Erst zum Ende wird klar, welche Rolle Quick damals gespielt hat, und was es mit dem Gemälde auf sich hat.
"'... Spaniens Vergangenheit ist ein Stück Fleisch, das am Haken des Metzgers verwest. Als der Bürgerkrieg zu Ende war, verbot man den Menschen, zurückzublicken: Sie sollten die Schmeißfliegen nicht sehen, die um das Fleisch schwirrten. Und bald merkten die Spanier, dass sie gar nicht mehr dazu imstande waren, den Kopf zu drehen, und auch, dass es keine erlaubte Sprache gab, ihren Schmerz auszudrücken. Aber die Bilder wenigstens sind noch da. Guernica, die Werke von Dalí und Miró - und jetzt Rufina und der Löwe, eine Allegorie Spaniens, eines wunderschönen Landes, das im Krieg mit sich selbst ist, das seinen Kopf in den Händen hält, das dazu verdammt ist, bis in alle Ewigkeit von Löwen gejagt zu werden.'"
Bei diesem Roman punkten die Geschichte und der Aufbau. Die mysteriöse Geschichte um das Gemälde ist faszinierend. Der stetige Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen ist kurzweilig. Hinzu kommen Charaktere, die mit Stärken und Schwächen gezeigt werden. Die Schwächen geben allen Grund zur Kritik an der jeweiligen Person. Trotzdem wird es keine Parteiname für einzelne Charaktere geben. Das ist ungewöhnlich, neigt man als Leser doch dazu, seine Gunst je nach Sympathie und Antipathie zu verteilen. Doch das wird hier nicht passieren.
Wer mit literarischem Anspruch an den Sprachstil und dieses Buch herangeht, ist hier fehl am Platze. Die Sprache wird bei diesem Roman zur Nebensache. Doch die Autorin sorgt mit einem geschmeidigen und lebhaften Sprachstil dafür, dass ein guter Lesefluss garantiert ist, und man sich als Leser voll und ganz von der Geschichte verzaubern lassen kann.

Fazit:
Fesselnde Unterhaltung durch eine faszinierende Geschichte! Daher Leseempfehlung!

© Renie



Über die Autorin:
Jessie Burton, 1982 in London geboren, hat Englisch und Spanisch in Oxford sowie Schauspiel an der Central School of Speech and Drama studiert. Ihr erster Roman Die Magie der kleinen Dinge (2014) wurde mehrfach ausgezeichnet, derzeit wird er von BBC One fürs Fernsehen verfilmt. 2016 erschien ihr neuer Roman Das Geheimnis der Muse. Ihre Bücher wurden in 38 Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller. Jessie Burton lebt in London und arbeitet an ihrem dritten Roman. Außerdem erscheint im Herbst 2018 ihr erstes Kinderbuch. (Quelle: Suhrkamp/Insel Verlag)

Dienstag, 16. Oktober 2018

Mick Herron: Slow Horses

Quelle: Pixabay/Hans
Auch wenn der Romantiker unter den Spionage-Affinen es gerne glauben möchte ... aber nicht jeder britische Geheimagent ist ein knackiger James Bond. Denn es gibt da die "Slow Horses". Das sind jene Agenten, die im Dienst an der britischen Krone versagt haben, in welcher Form auch immer. Einem Geheimagenten kündigt man nicht. Die Versager unter den Geheimdienstlern werden strafversetzt und haben sich fortan mit äußerst anspruchslosen und stumpfsinnigen Tätigkeiten rumzuschlagen, i. d. R. am Schreibtisch. In Mick Herrons Roman "Slow Horses" geht es um eben diese Agenten.
Abgesehen von den anspruchslosen Aufgaben, stellt man den Slow Horses einen Arbeitsplatz zur Verfügung, der an Schäbigkeit nicht zu überbieten ist. Strafe muss sein.
"'... In Slough House zu sitzen bedeutet, nicht mehr gebraucht zu werden.'"
Die Truppe, um die es in diesem Roman geht, ist im Slough House untergebracht (slough = Sumpf). Hierbei handelt es sich um ein unscheinbares Gebäude mitten in London. Die Büroräume sind deprimierend. Das Interieur ist muffig und angeranzt. Hier versumpfen fünf Männer und drei Frauen unter der Führung von Jackson Lamb in ihrem langweiligen Arbeitsalltag. Im Laufe der ersten Kapitel erfährt der Leser, aus welchem Grund sie den Slow Horses zugeordnet wurden. Einzig die Vorgeschichte von Jackson Lamb bleibt zunächst im Unklaren. Jackson Lamb ist ein alter erfahrener Geheimagent, der mit seinem schlechten Aussehen, seiner mangelnden Körperhygiene sowie seinen katastrophalen Umgangsformen kokettiert. Er ist ein Chef, wie ihn keiner haben möchte, auch wenn er seine Mitarbeiter nur selten bei der Arbeit stört.
Der größte Teil der Slow Horses hat resigniert und sich mit dem Dasein in der Versenkung abgefunden. Sie sehen sich selbst als Verlierer, die keinen Grund haben, ein bisschen Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Nur zwei von ihnen wollen nicht akzeptieren, dass sie ausrangiert wurden.
Quelle: Diogenes
"Es war das Starren auf den Computerbildschirm. Dafür war sie eigentlich nicht zum Secret Service gegangen, aber darauf war es hinausgelaufen. Ja, sie hatte das Gefühl, als wäre sie dort gestrandet, als hätte sie keine andere Zukunft als jene, die jeden Morgen hinter der Tür mit der abblätternden Farbe von Slough House auf sie wartete und sich endlos, Minute um Minute, hinzog, bis sich die Tür beim Hinausgehen wieder hinter ihr schloss. Und die Zeit dazwischen verbrachte sie mit der Wut über die Ungerechtigkeit der Welt."
Anfangs lässt man sich von dem Autor Mick Herron tatsächlich einlullen. Er beschreibt seine Protagonisten und ihren Werdegang - zugegebenermaßen - auf sehr humorvolle Weise. Doch fragt man sich, was "Slow Horses" zu einem Agentenroman macht. Als das wird er schließlich verkauft.
Und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und eine Entführung bestimmt das Geschehen. Die Handlung nimmt mächtig an Fahrt auf und wird sehr sehr spannend.
Man ahnt es, die Slow Horses werden aus ihrer Lethargie gerissen und schalten sich in die Aufklärung des Verbrechens ein. Und am Ende wird alles gut. Die Guten gewinnen und die Bösen haben das Nachsehen.

Doch das wäre zu einfach und hätte die Serie um das Ober-Slow Horse Jackson Lamb, die aus diesem Roman entstanden ist, nicht zu dem gemacht, was sie in England ist: ein unglaublicher Erfolg und eine mehrfach ausgezeichnete Agentenserie, deren Verfilmung geplant ist.

Denn Mick Herron macht aus einem Krimi, bei dem es um eine Entführung geht, ein Psycho- und Intrigenspiel innerhalb des britischen Geheimdienstes. Die beteiligten Abteilungen arbeiten gegeneinander. Handlungen und Entscheidungen werden von den Ambitionen einzelner Geheimdienststrategen bestimmt. Und mittendrin ist Jackson Lamb mit seinen Slow Horses, die als Versager ihrer Aussenseiterrolle mehr als gerecht werden. Das macht Spaß, insbesondere wenn man feststellt, dass selbst, wenn ein Gaul lahm ist, er immer noch ein cleverer Gaul sein kann.
"Irgendjemand muss immer bezahlen. Schau zu, dass nicht du es bist."
Mick Herron erzählt die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Das ist oft verwirrend, zumal er gerade zu Beginn eines neuen Abschnittes den Leser im Unklaren lässt, welcher der Protagonisten gerade die Handlung bestimmt. Darüberhinaus hat er die gemeine Angewohnheit, Abschnitte zu beenden, indem er den Ausgang einer Szene offen lässt und erst seitenweise später für Auflösung sorgt. Dadurch wird man als Leser durch die Handlung getrieben, schließlich will man wissen, ob sich Vermutungen, die man entwickelt hat, am Ende bewahrheiten.

Fazit:
Ein Geheimagenten-Roman, mit Geheimagenten, die so gar nicht dem Geheimagenten-Klischee entsprechen. Eine Geschichte, die aufgrund der Charaktere sehr viel Spaß macht und durch seine Spannung überzeugt. Ich hoffe, dass es noch weitere Romane über die Slow Horses geben wird. Ich bin Fan geworden.

© Renie



Über den Autor:
Mick Herron, geboren 1963 in Newcastle-upon-Tyne, studierte Englische Literatur in Oxford, wo er auch lebt. Seine in London spielende ›Jackson-Lamb‹-Serie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem ›CWA Gold Dagger for Best Crime Novel‹, dem ›Steel Dagger for Best Thriller‹ und dem ›Ellery Queen Readers Award‹. (Quelle: Diogenes)