Freitag, 15. September 2017

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater

Photo by Dimon Blr on Unsplash
Das ist jetzt mein dritter Roman innerhalb kurzer Zeit, in denen es um Protagonisten mit einer schwierigen Kindheit geht. Wobei "schwierig" noch harmlos ausgedrückt ist. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass mir solche Romane in diesem Jahr vermehrt in die Finger fallen. Entweder ist das Muttertier in mir besonders empfänglich für derartige Literatur, oder das Angebot dieser Bücher ist größer als in den Jahren zuvor. Steigt etwa die Anzahl derjenigen an, die Grund und Bedürfnis haben, ihre Kindheit zu verarbeiten?

In dem Roman "Mein fremder Vater" des Franzosen Sorj Chalandon, geht es um den Jungen Émile, der während seiner Kindheit unter dem gestörten Vater zu leiden hatte.
Der Autor hat, nachdem er diesen Roman veröffentlicht hat, folgende Sätze gesagt:
"Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde (...) Mein Vater war meine letzte Wunde. Ich brauchte dreiundsechzig Jahre, um dieses Buch zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich weitere schreiben werde." (Klappentext)
Dieser autobiografische Hinweis hat mich betroffen gemacht. Ich ahne, dass Schreckliches in seiner Kindheit geschehen ist. Und trotzdem war ich nicht auf den Schmerz vorbereitet, der sich in jeder Zeile dieses Romanes finden lässt.

Quelle: dtv
Das Buch beginnt mit der Beerdigung des Oberhaupts der Familie Choulans. Bereits hier stellt sich heraus, dass in dieser Familie einiges nicht stimmte. Die Sätze
"Sie sah nichts, meine Mutter. Nie hatte sie etwas gesehen." (S. 7)
lassen direkt am Anfang ein ungutes Gefühl entstehen. Was ist also in der Kindheit von Émile Choulans (alter ego Sorj?) geschehen?

Zu Beginn dieses Romans werden die familiären Verhältnisse geschildert: Émile lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung in Lyon. Mutter und Sohn leiden unter der Tyrannei des Vaters, der mit großer Brutalität über seine Familie herrscht. Der Vater scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Er leidet unter einem übergroßen Geltungsbewusstsein. Tatsächlich ist er eher der Verlierertyp. Er scheint keiner Arbeit nachzugehen. Die Wertschätzung, die ihm in der Gesellschaft verwehrt bleibt, erzwingt er sich bei seiner Familie. Entweder durch Brutalität oder durch Lügengespinste, die er seinem Sohn erzählt. 
Momentan hat sich der Vater eine Karriere als Geheimagent angedichtet. Er verkauft seine Lügengeschichten äußerst glaubwürdig. Sein 8-jähriger Sohn glaubt ihm diese Geschichten. Denn der Vater erzählt sie nicht nur, er lebt sie auch. Beschattungen, Verfolgungen, verschlüsselte Nachrichten, Kontakte zum CIA, Verschwörungstheorien, … nichts lässt der Vater aus. 
"Ich wohne am Quai des Soyeux, im zweiten Stock, und mein Zimmer geht zum Fluss hinaus, erzählte ich. Und dass mein Vater ein Spion sei. Ein ehemaliger Compagnon de la Chanson, Judolehrer, Fallschirmjäger und amerikanischer Pastor. Und für eine Geheimorganisation arbeite. Und dass mein Pate Kennedys Leibwächter sei, damit beauftragt, die Berliner Mauer niederzureißen." (S. 78)
Émile wird als Mitverschwörer von seinem Vater rekrutiert und muss sich einer harten Agentenausbildung unterwerfen. Hat man anfangs den Eindruck, dass der Vater die Geschichten nur erfindet, um seinen Sohn zu beeindrucken, wird man mit der Zeit feststellen, dass der Vater selbst an die Geschichten glaubt. Er bindet den Sohn komplett in sein vermeintliches Agentenleben und seine Verschwörungstheorien ein. Und Émile hat zu funktionieren. Jedes Versagen wird mit unvorstellbarer Brutalität bestraft. Ein Wunder, dass niemand in der Schule oder Nachbarschaft bemerkt, welche Qualen Émile erdulden muss. Die Mutter trägt dazu bei, die Misshandlungen zu vertuschen. Immer wieder ruft sie ihrem Mann bei seinen Gewaltausbrüchen zu „Nicht ins Gesicht“. Émile überlebt seine Kindheit irgendwie. 
"Ich kannte das schon. Auf Knien, die Hände im Nacken, das Gesicht zur Wand, die Tür im Rücken. Dann sperrte er die Tür zu. Zweimal. Es war dunkel. Er misshandelte mich nicht, sagte kein Wort. Räumte mich nur weg, wo ich hingehörte. ... Ich weinte vor Schmerz, wenn er mich geschlagen hatte. Auch vor Wut. Aber nie aus Verzweiflung. Die gehörte nicht zur Strafe." (S. 142)
Im 2. Teil des Buches sind bereits einige Jahre verstrichen. Émile ist mittlerweile verheiratet und hat selbst einen Sohn. Er wird seine Eltern noch ein paar Mal wieder treffen. Bei dem Versuch, Erklärungen zu den Vorfällen in seiner Kindheit zu finden, wird er jedoch scheitern.

Dieser Roman enthält ganz viel Schmerz und ein wenig Tragikkomödie.
Die Tragikkomödie zeigt sich unweigerlich bei der Geheimagentenfarce, die der Vater seinem Sohn auftischt. Teilweise gibt es völlig blödsinnige Situationen, die peinlich berühren. Der Vater kommt in seinem Geheimagentendasein auf Ideen, die man einem erwachsenen Menschen nicht zutrauen möchte. Er lebt am Rand der Gesellschaft. Er, der Looser und Querulant, hat in seinem Leben nichts Nennenswertes erreicht. Stattdessen baut er sich eine Scheinwelt auf, in der er über seine Familie herrscht und in der sein Sohn eine wichtige Rolle spielt - die des bewundernden Untertanen. Und der Vater sonnt sich dabei in dessen Bewunderung und gibt sich mit diesem bisschen Glanz zufrieden. Zu mehr wird es in seinem Leben auch nicht reichen.
"Ich hatte mich schon immer gefragt, was in unserem Leben falsch lief. Nie luden wir Leute zu uns ein. Mein Vater wollte das nicht. Wenn jemand an der Tür klingelte, hob er die Hand, um uns zum Schweigen zu bringen. Wartete bis derjenige aufgab, und horchte auf seine Schritte im Treppenhaus. Trat ans Fenster und beobachtete, hinter dem Vorhang versteckt, siegreich dessen Abzug über die Straße." (S. 47)
Bei diesem Roman schwankt man zwischen Unglauben, Fassungslosigkeit und Wut. Der körperliche und seelische Schmerz, dem Émile permanent ausgesetzt ist, kommt in jeder Zeile durch. Sorj Chalandons Schreibstil zeichnet sich durch vorwiegend kurze Sätze aus, die die Gefühlslage von Émile sehr intensiv vermitteln. Als Leser wird man kaum Gelegenheit haben, das Gelesene zu verarbeiten. Denn hier berichtet ein Kind mit einer Selbstverständlichkeit von seinen Misshandlungen, die sprachlos machen.
Und dann ist da noch Émiles Mutter, die ihren Sohn nicht vor dem Vater beschützt hat.  Stattdessen hat sie sich mit den familiären Verhältnissen arrangiert und sich eine Nische geschaffen, in der sie einigermaßen unbeschadet die Jahre mit ihrem Mann überstanden hat. "Nichts sagen, nicht auffallen und machen, was er sagt" - dies waren für sie die probaten Mittel im Umgang mit ihrem Mann. Dass ihr Familienleben nicht normal war, hat sie vor sich selbst geleugnet. Dieses Leugnen der Realität wird bei ihr bis ins hohe Alter reichen. Daher weiß ich nicht, über wen ich mich mehr aufregen soll. Über den seelisch gestörten Vater, oder über die seelisch gestörte Mutter.
"In mir war nichts mehr. Kein Zorn. Kein Schmerz. Mein Körper hat seine Fäuste überlebt. Mein Kopf war heil geblieben." (S. 225)

Fazit:
Wenn ich rückblickend daran denke, dass dieser Roman autobiografische Züge trägt, wird mir Angst und Bange. Wie kann ein Mensch, der als Kind solchen Grausamkeiten ausgesetzt war, ein normales Leben führen? Doch Émile, dem Hauptcharakter dieses Romanes ist es gelungen. Daher steckt in seiner Geschichte am Ende doch noch ein bisschen Hoffnung.
Ein intensiver Roman, der schmerzhaft berührt, und der sprachlos vor Entsetzen macht.

© Renie





Über den Autor:
Sorj Chalandon war Journalist bei der Zeitung ›Libération‹. Seine Reportagen über Nordirland und den Barbie-Prozess wurden mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Er veröffentlichte die Romane ›Le petit Bonzi‹ (2005), ›Une promesse‹ (2006, ausgezeichnet mit dem Prix Médicis) und ›Mon traître‹ (2008). Sein vierter Roman ›La légende de nos pères‹ (2009) erschien 2012 als erstes Buch in deutscher Übersetzung u.d.T. ›Die Legende unserer Väter‹. Der folgende Roman ›Retour à Killybegs‹ (2011; dt. ›Rückkehr nach Killybegs‹, 2013) wurde mit dem Grand Prix du roman de l’Académie francaise 2011 ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt 2011 nominiert. Auch der Roman ›Le quatrième mur‹ (2013; dt. ›Die vierte Wand‹, 2015) war für den Prix Goncourt nominiert. (Quelle: dtv)

Samstag, 9. September 2017

Nadja Losbohm: Die Tagebücher des Michael Iain Ryan

Pixabay/Hans
Bei der Auswahl meiner Lektüre verlasse ich mich oft auf mein Bauchgefühl. Dadurch bekommen auch Bücher eine Chance, die zu Genres gehören, die ich nicht so häufig lese, wie z. B. Fantasy. Bei "Die Tagebücher des Michael Iain Ryan" von Nadja Losbohm sagte mir mein Bauch, dieses Buch könnte etwas sein. Ich musste die Leseprobe nicht bis zum Ende lesen, damit klar war, dass dieses Buch mich packen wird. Und genauso war es, mein Bauch hatte mal wieder Recht gehabt.

Der Prolog dieses Romanes präsentiert dem Leser einen eigenartigen Mann: Michael Iain Ryan, Priester, 998 Jahre alt. Er lebt in der St. Marys Kirche, irgendwo auf dieser Welt. Hier bildet er Jäger aus, die die Kreaturen der Nacht bekämpfen. Er selbst kann selten in den Kampf eingreifen, denn er kann und darf die Kirche nicht verlassen. Würde er sich länger als eine Stunde außerhalb der Kirche aufhalten, würde er sterben. Wie ist er nun zu dem geworden, der er ist? Antwort auf diese Frage liefern seine Tagebücher.
Quellennachweis*

Band 1 der Tagebücher führt den Leser in Michaels Kindheit zurück. Seine ersten Lebensjahre verbringt Michael mit seiner Mutter und dem Vater in Frankreich. Michael hat einen engen Bezug zu seiner Mutter. Das Verhältnis zu seinem Vater ist von Distanz und Respekt, sogar Angst geprägt. Als Michael 8 Jahre alt ist, endet seine bisher friedliche Kindheit. Das Schicksal hat es so gewollt. Er kommt als Novize in ein Kloster, wo er die Jahre bis zum Erwachsenenalter verbringen wird. Das Kloster ist ein feindseliger Ort für einen Jungen wie Michael. Er, der dank seiner liebevollen Mutter eine glückliche Kindheit verbracht hat, wird auf einmal mit Hass und Grausamkeit konfrontiert. Novizen sind in diesem Kloster Menschen zweiter Klasse. Sie sind der Willkür der Mönche ausgesetzt, die ihre unterschiedlichsten Neigungen an den Novizen ausleben, immer unter dem Deckmantel des Glaubens. Insbesondere Michael wird zum bevorzugten Ziel der Grausamkeiten. Er ist den Oberen des Klosters hilflos ausgeliefert. Bei den anderen Novizen stößt er auf Ablehnung. Zu groß ist deren Angst, dass sie sich den Unwillen der Oberen zuziehen, wenn sie sich mit ihm abgeben.
"Ein Kloster gilt als eine Gemeinschaft, ein Verbund. Aber im Kloster von Gourin nahm man es damit nicht so genau. Im Gegenteil, jeder war sich selbst der Nächste." (Zitat aus dem Buch)
Dank der Erziehung durch seine Mutter, hat er die Religion anders erlebt als sie in dem Kloster vermittelt wird. An diesen Erinnerungen hält er fest. Sein Glaube hilft ihm, die Zeit in dem Kloster zu überstehen.

Das erste Tagebuch des Michael Iain Ryan konzentriert sich auf die Anfangszeit im Kloster und endet mit dem Ende der Novizenzeit. Nadja Losbohm hat dabei einen sehr atmosphärischen Roman geschaffen, der den Leser in das dunkelste „Mittelalter“ führt. Interessant ist dabei der Kontrast, der durch den Wechsel zwischen zwei Handlungssträngen entsteht: der damaligen und der heutigen Zeit, die Michael als 998-Jährigen zeigt. Michael ist natürlich mit der Zeit gegangen. So hat er die Vorzüge des Internets und der modernen Technologie schätzen gelernt und die Kirche, in der er lebt, entsprechend ausgestattet.
"Wie erleichtert man ist, einen weiteren Tag überlebt zu haben? Wenn man am Morgen den Tag scheut, weil man voller Angst ist vor dem, was vielleicht kommt und dann einfach nur froh ist, einen Tag hinter sich gebracht zu haben? So ist man nicht lebendig. So existiert man nur. Und genauso fühlte es sich für mich an." (Zitat aus dem Buch)
Nadja Losbohm muss einen enormen Recherchenaufwand betrieben haben. Die Beschreibung der damaligen Zeit und dem Leben im Kloster sind sehr detailliert und tragen zur atmosphärischen Stimmung dieses Roman bei. Spannung ist in diesem Buch von Anfang an gegeben und bleibt bis zum Schluss auf einem sehr hohen Niveau.

Der Leser wird am Ende dieses Romanes nicht erfahren, wie Michael es geschafft hat, das stolze Alter von 998 Jahren zu erreichen. Er wird jedoch immer wieder über Andeutungen stolpern, die auf ein dämonisches Geheimnis von Michael hinweisen, von dem er selbst als Kind nichts geahnt hat und das unter Umständen dazu beigetragen hat, dass die Mönche ihn so behandelt haben, wie sie es taten. 
" ... und man mich selbst dann bestrafte, wenn ich keinen Fehler begangen hatte. Sie taten es einfach, weil ich der war, der ich war, und weil ich das in mir trug, von dem der Prior meine, es wäre in mir." (Zitat aus dem Buch)
Stattdessen erwartet den Leser ein fieses Ende - fies, weil der Roman an einer Stelle aufhört, die den Leser aus der Handlung herausreißt. Mit dem Ende zeichnet sich eine interessante Entwicklung im Leben des Michael Iain Ryan ab, die man jedoch in diesem Roman nicht mehr erleben darf. Den Hinweis „Fortsetzung folgt“ wird man daher hassen, weil man unbedingt wissen möchte, wie das Leben des Michael Iain Ryan weitergehen wird. Aber die mittlerweile 998 Lebensjahre von Michael deuten darauf hin, dass es noch ein paar Tagebücher von ihm geben wird, denen ich jetzt schon entgegenfiebere.

Fazit:
Ein Fantasyroman, der mich von der ersten Seite an gefesselt hat und die Geschichte eines ungewöhnlichen Mannes erzählt. Die Fantasyelemente halten sich in Grenzen, stattdessen konzentriert sich die Autorin in dem ersten Band der Tagebücher auf die historischen Aspekte. Ich schätze, dass sich diese Verteilung in den nachfolgenden Büchern ändern wird. Ein Roman, der mich neugierig auf weitere Bände aus dieser Reihe macht. Leseempfehlung!

© Renie





Über Nadja Losbohm:
1982 in Hennigsdorf geboren, zog es die Autorin im Alter von 6 Jahren nach Berlin, wo sie noch heute lebt & arbeitet. Zu ihren bisherigen Werken zählen der Fantasy-Roman "Alaspis – Die Suche nach der Ewigkeit", die Fantasy-Romance-Buchreihe "Die Jägerin", das Kinderbuch „Hamster Stopfdichvoll & seine Freunde“ und die für den Deutschen Phantastik Preis 2017 nominierte Anthologie „Die Magie der Bücher“. „Die Tagebücher des Michael Iain Ryan (Band 1)" ist Nadja Losbohms zehntes Buch. (Quelle: neobooks)





*Quellennachweis Buchcover:
Coverdesign: Tom Jay – www.tomjay.de
Fotos:
Titelbild: © FernandoCortes- Shutterstock.com
Rahmen: © KatyaKatya - Fotolia.com
Hintergrund: © lava4images - Fotolia.com

Arturo Pérez-Reverte: Der Preis, den man zahlt

Quelle: Wikimedia commons
Spätestens mit seinem Roman "Der Club Dumas" ist Arturo Pérez-Reverte zumindest unter den Bibliophilen zum Kult-Autor geworden, sind doch Bücher in diesem Thriller, der erstmalig 1993 erschienen ist, das bestimmende Element. Leider gehöre ich zu den wenigen Bibliophilen, die nicht von diesem Roman "umgehauen" worden sind. Doch Bücher, die das Siegel "Perez-Reverte" tragen, verdienen immer Aufmerksamkeit. Denn der spanische Autor ist einer der meistgelesenen in seinem Land. In seinem aktuellen Roman "Der Preis, den man zahlt", erschienen im Insel Verlag, geht es diesmal nicht um Bücher, sondern um einen Helden, Typ James Bond, der auf geheimer Mission in Spanien zur Zeit des Bürgerkrieges unterwegs ist.
"Die Damenwelt pflegte Gefallen zu finden an seinem eleganten Auftreten in Kombination mit dem attraktiven Profil und dem gewinnenden, kühlen Lächeln, das er, tausend Mal geprobt und auf den Millimeter genau austariert, Frauen gegenüber einsetzte wie eine Visitenkarte." (S. 35)
Den Vergleich zu James Bond habe ich bewusst gewählt. Denn Lorenzo Falcó kann locker mit 007 mithalten. Der gleiche Typ Mann: charismatisch, mordsgefährlich, kaltblütig, skrupellos (falls erforderlich) und natürlich ein Womanizer. Ian Fleming hätte seine Freude an Falcó gehabt. Einen kleinen Unterschied - abgesehen von der Nationalität - gibt es zwischen den beiden: James gehört zu den Guten; Falcó gehört zu denjenigen, die am meisten zahlen. Im Moment sind dies die Falangisten, Mitglieder der faschistischen Bewegung in Spanien, die ihre Anfänge in den 30er Jahren hatte.
Quelle: Suhrkamp/Insel

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Mitten im spanischen Bürgerkrieg erhält Falcó die Aufgabe, den Gründer der Falange, so ganz nebenbei Francos Bruder, aus dem Gefängnis in Alicante zu befreien. Alicante gehört zu der militärischen Zone der Republikaner. Insofern kann ein Angehöriger der Falange - also die Gegenseite - nicht einfach in diese Zone reinspazieren und einen der Lieblingsgefangenen der Republikaner befreien. Falcó erhält also den Auftrag zu einer geheimen Mission. Vor Ort soll er von Angehörigen der Republikaner unterstützt werden. Dies sind Ginès Montero, seine Schwester Cari sowie Eva Brengel, eine Deutsche mit spanischen Wurzeln. Während Falcó nur einen Job macht, gehen die drei Anderen mit viel Idealismus an die Aufgabe heran. Sterben für die gute Sache, ist eine Option, die die Drei durchaus in Betracht ziehen, natürlich mit einer gehörigen Portion Bürgerkriegsromantik, die die Unerfahrenheit der drei deutlich macht. 
"... Falangisten, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, die sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit gegenseitig umbrachten. Mutige, entschlossene junge Leute, die einen wie die anderen, die sich oftmals kannten und sogar Kommilitonen oder Kollegen gewesen waren, miteinander getanzt, Kinos und Cafés besucht, Freunde und sogar die Liebste geteilt hatten. Er hatte gesehen, wie sie mordeten, wie sie äußerst methodisch einen Vergeltungsschlag nach dem anderen landeten. Manchmal voller Hass und manchmal mit dem kalten Respekt vor einem Gegner, den man kannte und schätzte, auch wenn er aus dem falschen Schützengraben schoss. Er oder ich, das war die Devise. Das Leitmotiv. Entweder sie oder wir." (S. 102 f.)
Der Angriff auf das Gefängnis wird vorbereitet. An der Aktion sind auch die Deutschen sowie die Italiener beteiligt. Der 2. Weltkrieg ist im Übrigen noch nicht ausgebrochen. Deutschland sortiert noch seine Unterstützer innerhalb Europas. Der Angriff verläuft natürlich nicht wie ursprünglich vorgesehen. Stattdessen gerät Falcó in Verwicklungen und Kompetenzgerangel zwischen den einzelnen Organisationen der Franco-Anhänger.

Dieser Roman ist sehr spannend gemacht, was nicht nur an der Geschichte sondern auch an dem Sprachstil von Arturo Pérez-Reverte liegt. Die Kaltblütigkeit, die sein Charakter Falcó an den Tag legt, findet sich auch in dem Sprachstil des Autors wieder. Mit wenig Leidenschaft, fast schon abgeklärt und gelassen, beschreibt er Szenen, die dem Leser die Nackenhaare hochstehen lassen. Hier wird einmal mehr deutlich, dass Töten ein Handwerk ist. 
"Aufs Geratewohl oder im Affekt zu töten, das bekam jeder Trottel hin. Oder weil man sich für unantastbar hielt, was in diesen Zeiten sehr häufig vorkam. Auf angemessene Weise, fehlerfrei, professionell zu töten war jedoch nicht dasselbe. Eine andere Kategorie. Dazu brauchte man ein hohes Maß an Zielstrebigkeit, Gespür für die richtige Gelegenheit, Urteilsvermögen und einen gewissen Grad an Übung." (S. 82)
Interessant ist die Entwicklung von Falcó. Erscheint er anfangs als kaltblütiger Profi-Agent, der über Leichen geht, entdeckt er zum Ende seine schwache und loyale Seite. Über Leichen geht er aber immer noch. Nicht unschuldig an seiner Wandlung ist dabei Eva, die Deutsche.
Ja, "Bond-Girls" gibt es in diesem Roman auch. Die beiden wichtigsten sind Cari und Eva. Ok, von Cari lässt Falcó die Finger (noch ein Unterschied zu 007, der ja bekanntlich nichts anbrennen lässt), auf Eva lässt er sich jedoch ein. Und Eva ist ein Bond-Girl der besonderen Güte. Sie ist nicht nur schön sondern erweist sich auch als gefährlich.

Der Roman "Der Preis, den man zahlt" präsentiert eine Episode der spanischen Geschichte. General Franco war mir natürlich ein Begriff, wer kennt ihn nicht. Aber was seinerzeit in Spanien los wahr, und wer gegen wen und warum gekämpft hat, wusste ich nicht mehr. Mein Geschichtsunterricht liegt schon zulange zurück. Daher habe ich die Lektüre dieses Romans als Auffrischkurs genutzt, um mich mit der jüngsten spanischen Geschichte auseinanderzusetzen, allerdings nicht ohne Unterstützung von Wikipedia, das mir einiges über die Bürgerkriegsparteien verraten hat.

Fazit:
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen. Es ist ein spannender Agententhriller, der durch die Kaltblütigkeit des Protagonisten sowie durch den Sprachstil des Autors besticht. Konnte mich der legendäre Roman "Der Club Dumas" nicht ganz so abholen wie andere Bibliophile, dieser Roman konnte es. Mit "Der Preis, den man zahlt" bin ich zum Fan von Arturo Pérez-Reverte geworden.

© Renie



Über den Autor:
Arturo Pérez-Reverte, geboren 1951 im spanischen Cartagena, ist einer der erfolgreichsten Autoren Spaniens. Sein Werk wurde in 41 Sprachen übersetzt, sein Roman Der Club Dumas ist ein Weltbestseller und wurde von Roman Polanski mit Johnny Depp in der Hauptrolle unter dem Titel Die neun Pforten verfilmt. Arturo Pérez-Reverte arbeitete 21 Jahre als Kriegsreporter. Seit 2003 ist er Mitglied der Real Academia Española. (Quelle: Suhrkamp/Insel)




Donnerstag, 7. September 2017

Birgit Vanderbeke: Wer dann noch lachen kann

Quelle: Pixabay/Alexas_Fotos
"Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust am Leben."
Dies ist ein Zitat von Werner Finck, einem deutschen Kabarettisten, Schauspieler und Schriftsteller (*1902 - † 1978).
Man sollte meinen, dass sich die Protagonistin des Romanes "Wer dann noch lachen kann" von Birgit Vanderbeke, dieses Zitat zueigen gemacht hat. Denn trotzdem ihre Kindheit ein einziger Grund zum Heulen war, hat sie es doch geschafft, wieder Lust am Leben zu finden.

Über den Roman
Vor einigen Jahren hatte die Ich-Erzählerin (ohne Namen) des Romanes einen Autounfall. Die Schmerzen, die sie durch die Verletzungen erlitten hat, ist sie nie losgeworden, obwohl die Wunden schon lange verheilt sind. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Monsieur Mounier, einem Therapeuten, den man aufgrund seiner ungewöhnlichen Methoden durchaus als Wunderheiler bezeichnen könnte. Der erste und einzige Termin dauert lediglich eine Stunde. Auf wundersame Weise sind ihre Schmerzen verschwunden. Zwischen der Erzählerin und Monsieur Mounier scheint es eine Verbindung zu geben, die sich nicht logisch erklären lässt. Allein durch sein Handauflegen hat er erkannt, dass ihr Schmerz viel tiefer sitzt und eine andere Ursache hat als der Unfall, der schon lange zurück liegt.
"Ich hätte gern gesagt, das ist lange her, aber plötzlich dachte ich, Mounier hat vielleicht recht, vielleicht ist das gar nicht so lange her und vorbei, vielleicht tun alle nur so, als ob das alles vergangen wäre, und in Wirklichkeit ist es gar nicht weit weg, sondern hier und jetzt." (S. 83)
Und die Erzählerin erinnert sich. Ich nenne sie von jetzt an der Einfachheit halber Karline. Die Erinnerungen sind die Gedanken eines Kindes und machen einen Großteil dieses Romanes aus. Dem Leser wird eine Kindheit offenbart, die tiefe seelische Wunden bei Karline hinterlassen hat.

Quelle: Piper
Der Roman beginnt kurz nach der Flucht der Familie in den Westen, unmittelbar nach dem Bau der Berliner Mauer. Die erste Zeit verbringt die Familie - Vater, Mutter und Karline - in einem Auffanglager, siedelt später in eine Mietwohnung um und baut sich mit der Zeit eine neue Existenz in der BRD auf. Der Vater macht Karriere in der Pharmaindustrie. Die Mutter kümmert sich um Kind und Haushalt. Man wird nicht verstehen, warum, aber die Mutter entdeckt Pharmazeutika als probates Mittel zur Kindererziehung. Karline erhält regelmäßig Medikamente, die sie in erster Linie ruhig stellen sollen. Was bringt die Mutter nur dazu, ihrem Kind die Tabletten zu verabreichen? Karline macht nicht den Eindruck, als ob sie die Mittel nötig hat. Sie ist ein lebhaftes Kind, steckt voller Fantasie. Doch nichts deutet darauf hin, dass sie eine Erkrankung hat. Hinzu kommt, dass die Mutter dem Kind die Medikamente in Eigeninitiative verabreicht. Es gibt keinen Arzt weit und breit, der die Medikamente verschrieben hat. Das Urteil der Mutter über Karline verwundert und verstört: Das Kind gehört in die Klapse! Sehr schnell stellt sich die Frage, ob die Mutter nicht versucht, ihre Tochter ruhig zu stellen, um sie vor dem cholerischen und gewalttätigen Vater zu schützen, der mit seiner Dominanz sowohl Mutter als auch Tochter permanent einschüchtert und bedroht.
"Das Kind dort unten hört auf zu schreien. Es ist wieder kein Indianer gewesen, aber es hat erst ganz zum Schluss angefangen zu schreien. ... Ein Schlag für die richtige Antwort, zwei Schläge für die falsche. Das Kind dar nichts sagen außer Ja oder Nein." (S. 14 f.)
Karline wächst also in dem Glauben auf, dass sie nicht normal ist, und dass sie tatsächlich in die Klapse gehört. Einzig ihre Fantasie und ihr Humor bewahren sie davor, dass sie zu einem seelischen Wrack wird. Sie tröstet sich damit, Fantasiefiguren zu erschaffen, mit denen sie sich nachts unterhält und die ihr in ihrem Kummer beistehen. In ihrer Fantasie wird sie von diesen Figuren Karline genannt.

Die Handlung des Romanes findet auf 2 Ebenen statt: Zum Einen wird der Leser mit den Kindheitserinnerungen konfrontiert; zum Anderen präsentiert sich dem Leser eine mittlerweile erwachsene Karline, die verheiratet ist und selbst Kinder hat. Die seelischen Schäden, die sie durch ihre Kindheit erlitten hat, sitzen sehr tief und sie wird ein Leben lang damit beschäftigt sein, diese Kindheit zu verarbeiten. Trotzdem hat sie eine optimistische Ausstrahlung. Und indem sie versucht, über ihre Geschichte zu lachen, lebt sie weiter mit "viel Lust am Leben".
"Es gibt nur einen einzigen Menschen, der auf Sie aufpassen kann. Das sind Sie. Sonst niemand." (S. 7)
Birgit Vanderbeke hat mit diesem Roman das Bild einer gestörten Familie gezeichnet. Die seelischen Grausamkeiten, die zum Alltag der Familie gehören, sind verstörend. Man ist sich nicht sicher, wem man die größeren Vorwürfe machen soll: dem cholerischen Vater, der sein Kind derartigen Grausamkeiten aussetzt; oder der Mutter, die ihr Kind nicht vor dem Vater geschützt hat.

Die Autorin hat sich bei der Darstellung der Kindheitserinnerungen auf eine kindliche Sprache eingelassen, die unbeschwert wirkt und voller Sprachwitz steckt. Das macht das tatsächliche Geschehen in dieser Familie umso fürchterlicher. Man freut sich mit der erwachsenen Karline, dass sie es endlich geschafft hat, einen großen Schritt zur Verarbeitung ihrer Kindheit zu machen. Umso verstörender ist daher das Ende des Romanes, das wie ein Paukenschlag im Sinne von "Schlimmer geht immer" daher kommt.

Fazit:
Dies ist ein Roman, der sich nicht schnell verarbeiten lässt und der lange in Erinnerung bleiben wird. Bewundernswert ist dabei der Optimismus, den die Autorin Birgit Vanderbeke, mit ihrem Sprachwitz vermittelt. Kaum zu glauben, dass jemand, der so gelitten hat, immer noch lachen kann. Aber es scheint zu funktionieren.

© Renie







Über die Autorin:
Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität. Mehr Infos zur Autorin unter www.birgitvanderbeke.com (Quelle: Piper)










Freitag, 1. September 2017

Rodrigo Hasbún: Die Affekte

Quelle: Pixabay/Kaniri
Hans Ertl war in den 30er/40er Jahren Kriegsberichterstatter und Kameramann, gern gebucht von Leni Riefenstahl und Generalfeldmarschall Erwin Rommel. Das hat ihn nach dem Krieg nicht beliebt gemacht. Mit Einmarsch der Alliierten in Deutschland wurde er vorübergehend mit einem Berufsverbot belegt, das ihn von da an nur noch als Fotograf arbeiten ließ. In Deutschland als Nazi-Sympatisant abgelehnt, entschließt er sich mit seiner Familie 1952 nach Bolivien auszuwandern. Er zieht mit seiner Frau und den 3 Töchtern nach La Paz. Seine Tochter Monika wird sich später dem bolivianischen Untergrund anschließen, und in Deutschland als "Che Guevaras Rächerin" bekannt sein, die bei dem Versuch den ehemaligen SSler und BND Mitarbeiter Klaus Barbie zu entführen, scheitern wird.
Von der behüteten Tochter eines Auswanderers zur gesuchten Terroristin. Wie konnte es dazu kommen? "Die Affekte" von Rodrigo Hasbún, ein Roman über die Auswandererfamilie Ertl, sucht nach Erklärungen.
" ..., sie, das unverstandene Kind, die chaotische, rebellische, Jugendliche, die Frau, die später alles Augenmaß verlor und sich nicht mehr im Griff hatte und am Ende sich selbst und anderen Leid zufügte." (S. 41)
Der Roman wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. In erster Linie sind es die Töchter, die über ihr Leben in Bolivien berichten und die Auswirkungen, die die Auswanderung auf ihre Familie hatte. 
Der Roman beginnt mit der Rückkehr Hans Ertls von einer der unzähligen Expeditionen, die er als Kameramann mitgemacht hat. Eine weitere Expedition steht an: die Erforschung der verschollenen Stadt Paititi im Urwald von Bolivien.
Monika, die Älteste der 3 Schwestern, war bereits als Kind psychisch labil. Hans Ertl beschließt, Monika und Heidi (die Mittlere der drei Schwestern), mit auf die Expedition zu nehmen. Er erhofft sich dadurch, Monika bei der Bewältigung ihrer psychischen Probleme zu unterstützen. Trixi, die jüngste Tochter, bleibt zuhause in La Paz bei ihrer Mutter. Mutter Ertl scheint die ewig Daheimgebliebene zu sein. Was sie mit ihrem Mann Hans verbindet, bleibt unklar. Zumindest ist sie immer da, wenn er von seinen Expeditionen zurückkehrt. Aber glücklich und zufrieden mit ihrem Leben scheint sie nicht zu sein.

Quelle: Suhrkamp
Es gibt keinen kontinuierlichen Handlungsstrang in diesem Roman. Der Handlungsstrang wird zwischenzeitlich unterbrochen und setzt an anderer anachronistischer Stelle wieder ein. Das Bild, das sich von den Familienmitgliedern ergibt, setzt sich daher zusammen wie ein Puzzle. Im Verlauf des Romanes ergeben sich einzelne Facetten, die am Ende ein großes Ganzes ergeben, wobei der Focus eindeutig auf der Entwicklung von Monika liegt.
"An den Tagen, wo sie gut drauf war, beneidete ich die Leichtigkeit meiner Schwester, ihre Fähigkeit, mit jedem gut auszukommen. Wie es sein konnte, dass diese gute Laune eine so fürchterliche Kehrseite hatte, war etwas, das mir nicht in den Kopf wollte. Es wollte mir nicht in den Kopf, dass das fröhliche und das verzweifelte Mädchen ein und dieselbe Person sein sollten." (S. 23 f.)
Monika ist unverkennbar das Kind ihres Vaters. Mit der gleichen Leidenschaft und fast schon Besessenheit verfolgt sie ihre Ziele. Beide sind Charakterköpfe, die sich für die Dinge aufreiben, die ihnen wichtig sind. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass Monika Papas Liebling ist. Doch je älter sie wird, umso häufiger und heftiger prallen Vater und Tochter aufeinander, so dass sie am Ende nicht mehr miteinander können.
Sie schließt sich irgendwann einer Hilfsorganisation in Bolivien an. Hier setzt sie sich mit viel Engagement und Vehemenz für die Armen in Bolivien ein. Aber alles, was sie bei ihrer Wohltätigkeit erreicht, scheint immer zu wenig im Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit. Der Weg von der gemäßigten Hilfsorganisation in die Radikalität ist daher für sie nicht weit. Es dauert nicht lange, und Monika wird Mitglied einer bolivianischen Terrormiliz, die sich nicht davor scheut, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Und so ist aus der behüteten Tochter des Kameramannes Hans Ertl eine militante Terroristin geworden, rebellisch und unverstanden bis an ihr Lebensende.

Der Autor Rodrigo Hasbún widmet sich einem kleinen Kapitel der deutschen und bolivianischen Geschichte, das für viele in Vergessenheit geraten ist, so auch für mich. Als ich diesen Roman begonnen habe, war mir nicht bewusst, dass die Familie Ertl wirklich existent war. Doch mit fortschreitender Seitenzahl in diesem Buch packte mich die Neugier und eine Ahnung, dass es bei dieser Geschichte einen Bezug zur Realität gibt, den ich natürlich recherchiert habe. Und siehe da, auf einmal bekam die Handlung einen ganz anderen Stellenwert für mich. Was vorher so fantastisch erschien, so z. B. die Expedition im bolivianischen Urwald, die für mich zwangsläufig mit einer Indiana Jones-Romantik verknüpft war, wurde auf einmal Wirklichkeit.
"Es stimmt nicht, dass die Erinnerung ein sicherer Ort ist. Auch dort werden Dinge unkenntlich und gehen verloren. Auch dort entfernen wir uns am Ende von den Menschen, die wir am meisten lieben." (S. 135 f.)
Rodrigo Hasbún hat einen bemerkenswerten Sprachstil. Völlig schnörkellos und nüchtern beschreibt er die Auswanderung und den Niedergang der Familie Ertl. Die Auswanderung stellt die Familie vor eine harte Bewährungsprobe, die sie am Ende nicht bestehen wird. Es ist dabei erstaunlich, wie es dem Autor allein durch seinen Sprachstil gelingt, diese extreme Emotionalität, denen die einzelnen Charaktere unterworfen sind, völlig emotionslos wiederzugeben. Das ist sprachlich gesehen ganz großes Kino.

Fazit:
Ein hochinteressantes Buch, das einen Einblick in ein Stück Zeitgeschichte gewährt, die bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Der Bezug zur Realität und die Entwicklung der Charaktere macht die erzählte Familiengeschichte um einiges eindringlicher als sie ohnehin schon ist. Hinzu kommt der bemerkenswerte Sprachstil des Autors. Also rundum ein Buch, das ich gerne weiterempfehle!

© Renie




Über den Autor:
Rodrigo Hasbún ist Jahrgang 1981, Bolivianer palästinensischer Herkunft mit Wohnsitz im texanischen Houston. Die Zeitschrift Granta nennt ihn einen der besten spanischsprachigen Nachwuchsautoren seiner Generation. Die Affekte ist Hasbúns preisgekrönter zweiter Roman, sein erster in deutscher Übersetzung. (Quelle: Suhrkamp)



Dienstag, 29. August 2017

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

Quelle: Pixabay / geralt
Das Buch "In Gesellschaft kleiner Bomben" des indisch-stämmigen Autors Karan Mahajan scheint wie eine Bombe eingeschlagen zu haben. Erschienen ist es im letzten Jahr und hat seitdem die Kritiker weggeblasen: 
  • Gewinner des Young Lions Fiction Award 2017 (USA)
  • Gewinner des Rosenthal Family Foundation Award der AAoAL 2017 (USA)
  • Gewinner des Bard Fiction Prize 2017 (USA)
  • Gewinner des Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017 (USA)
  • Gewinner des Muse India Young Writer Award 2016 (Indien)
  • Auf der Shortlist für den National Book Award 2016 (USA)
  • Auf der Shortlist für den Tata Literature Live »Book of the Year« Prize 2016 (Indien)
  • Auf der Longlist für den FT/Oppenheimer Emerging Voices Award 2017 (USA)
  • Eines der 10 besten Bücher 2016 (New York Times)
  • Auf den Jahresbestenlisten von ...."
  • etc., etc., etc.        (Quelle: culturbooks)

Der Titel "In Gesellschaft kleiner Bomben" ist zunächst einmal irritierend, hat er doch etwas Verharmlosendes an sich. Dabei kann von Verharmlosung in diesem eindringlichen Roman nicht die Rede sein. Denn, ob kleine Bombe oder große Bombe ... das Ergebnis ist das Gleiche: Tod, Trauer, Schmerz, Wut, Veränderung.
"'... Ich denke, die kleinen Bomben, von denen wir ständig hören, die auf unbekannten Märkten explodieren, fünf oder sechs Menschen töten, sind schlimmer. Durch sie konzentriert sich der Schmerz auf das Leben einiger weniger. Es ist besser, großzügig zu töten, als dabei zu geizen.'"
Der Roman beginnt mit der Explosion einer Bombe auf einem Markt irgendwo in Indien. Zu den Opfern zählen zwei Kinder, die Söhne der Familie Khurana. Der Leser wird dieses Attentat nicht nur einmal sondern mehrfach erleben: aus Sicht der beiden Brüder, aus Sicht des überlebenden muslimischen Freundes der Brüder, aus Sicht des zuhause wartenden Vaters und aus Sicht des terroristischen Bombenlegers. Mit jeder neuen Sichtweise wird das Entsetzen über diesen Anschlag und seine schrecklichen Konsequenzen für den Leser intensiver.
Nachdem die Bombe gezündet ist, widmet sich die Handlung den Jahren nach dem Attentat, in denen Bomben zum indischen Alltag scheinbar dazugehören. Karan Mahajan liefert dabei Antworten zu den unterschiedlichsten Fragen: 
Wie gehen die Eltern Khurana mit dem Verlust ihrer Kinder um? 
Schweißen Schmerz und Trauer das Elternpaar zusammen, oder entfernen sie sich voneinander? 
Was ist mit dem muslimischen Jungen, der überlebt hat und dessen Eltern? 
Überwiegt die Erleichterung oder das schlechte Gewissen, dass sie mit einem blauen Auge davongekommen sind? 
Wie geht die muslimische Familie damit um, derjenigen Religion anzugehören, die das Attentat zu verantworten hat?
Wie kommt man mit der Angst zurecht, dass man wiederholt in solch ein schreckliches Ereignis verwickelt wird - was in Indien durchaus im Bereich des Möglichen liegt?
Warum hat ein Terrorist, der etliche Menschen auf dem Gewissen hat, keinerlei Schuldgefühle? 
Und warum kann er seine Karriere als Bombenleger nicht an den Nagel hängen, selbst wenn er erkennt, dass seine kleinen Bomben nicht viel bewirken in seinem Kampf gegen die Ungerechtigkeit?
Fragen über Fragen, mit denen sich Karan Mahajan in seinem Roman befasst und die dem Leser einige Denkanstöße versetzen.
"Später berichteten sämtliche Zeugen, einen alles überstrahlenden Stern gesehen zu haben. Dann folgte eine lange Stille, bevor die Schreie losgingen, als hätten sich die Leute, sogar als sie Schmerzen hatten, erst gegenseitig beobachtet, um herauszufinden, was zu tun sein."
Quelle: Culturbooks
Der Roman ist ein Sammelsurium an Handlungsebenen und Erzählperspektiven. Im Verlauf der Geschichte tauchen immer weitere Charaktere auf, die in irgendeiner Form von dem Attentat betroffen sind - direkt oder indirekt bzw. als Täter oder Opfer. Zeitweise verliert man die einzelnen Charaktere aus den Augen, sie geraten tatsächlich in Vergessenheit. Doch im weiteren Verlauf des Romanes tauchen sie irgendwann wieder auf. Oft nehmen sie dann eine Rolle ein, die fast schon unglaublich ist, z. B. werden Opfer zu Tätern. Der Autor versäumt auch nicht, ein Szenario zu kreieren, das verdeutlicht, wie einfach es doch ist, aus einem durchschnittlichen Leben heraus eine terroristische Karriere einzuschlagen. Im Grunde genommen könnte in jedem von uns terroristisches Potenzial stecken.

"In Gesellschaft kleiner Bombe" ist eine Studie über die indische Gesellschaft. Dass sich diese Gesellschaft nach einem Kastensystem strukturiert, sollte allgemein bekannt sein. Erschreckend ist jedoch, dass ein System, das auf eine viertausendjährige Geschichte zurückblickt und nur geringe Reformen erfahren hat, immer noch in den Köpfen der meisten Inder fest verankert ist. In dem Indien von Karan Mahajan spielt die Herkunft eines Menschen eine wichtige Rolle und entscheidet über sein Ansehen in der Gesellschaft. Ungerechtigkeit und Vorurteile bestimmen das Miteinander der indischen Bevölkerung. In diesem Roman versuchen viele der Charaktere "mehr Schein als Sein" vorzugeben, in der Hoffnung, von einer niederen Herkunft abzulenken. Wenn man dann noch Moslem in einer hinduistischen Gesellschaft ist, wird man bestenfalls noch geduldet, aber niemals anerkannt. Seit den 70er Jahren kommt es zwischen Hindus und Moslems immer wieder zu Ausschreitungen, die leider ihren Höhepunkt im Kaschmirkonflikt 1989 gefunden haben und immer noch anhalten - mal mehr, mal weniger heftig. Mittlerweile sind über 29000 Zivilisten in diesem Konflikt getötet worden. Der Konflikt zwischen Moslems und Hindus ist ein Politikum, das insbesondere in Zeiten eines indischen Wahlkampfes gern instrumentalisiert wird.
"... - ja, er hasste den Regierungschef, weil er das Schlimmste der Hindus repräsentierte, den Glauben an ihre eigene Unverwundbarkeit, der immer dann aufkam, wenn es ihnen gut ging, wenn sie schnelles Geld machten, ein Glaube, dass man mit allem durchkam, solange man Geld hatte."
Während ich dies schreibe, wird mir wieder einmal bewusst, wie vielschichtig dieser Roman doch ist. Je intensiver man sich mit der Geschichte beschäftigt, umso mehr Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen kristallisieren sich heraus. Die bisher von mir angesprochenen Aspekte sind tatsächlich nur ein Teil dessen, was dieser Roman zu bieten hat.

Nicht vergessen möchte ich den Sprachstil von Karan Mahajan. Der Autor ist ein Freund schwelgerischer Vergleiche. Dadurch schafft er Bilder, die das Kopfkino des Lesers auf Hochtouren laufen lässt. Die Bilder, die sich dabei auftun, können sehr verstörend und intensiv sein, denn Karan Mahajan beschönigt nichts. Ganz im Gegenteil. Seine bildhaften Vergleiche und Metaphern tragen dazu bei, dass man ein ohnehin schon bedrückendes Szenario als noch hässlicher empfinden kann.
"Menschen drückten und drängten, während die Züge durch ihre Strecken aus Scheiße und Pisse rasten, Plastik und Gummi hinter sich eigentümlich verbrannten und damit die Luft würzten. Der Bahnhof war so aufgebläht mit Menschen, dass der Verlust einiger kaum tragisch oder gar wichtig wäre."
Fazit:
Wenn es nach der New York Times geht, gehört dieser Roman zu den 10 Besten in 2016. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Urteil soweit gehen würde. Eines ist jedoch klar. Dieser Roman wird mich noch lange Zeit beschäftigen. Es ist kein Lesestoff, den man einfach beenden wird und zum nächsten Buch übergehen wird. Dafür liefert Karan Mahajan zu viele Denkanstöße, die es zu verarbeiten gilt. Ein Roman, den ich deshalb sehr gern weiterempfehle!

© Renie



Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der »Best Young American Novelists« 2017. Sein erster Roman, »Family Planning« (»Das Universum der Familie Ahuja«), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers.

»In Gesellschaft kleiner Bomben« stand u.a. auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017 (Quelle: Culturbooks)

Montag, 21. August 2017

Franziska Walther: Hoch hinaus

Quelle: Kirchner PR / kunstanstifter
Kinderbuchzeit auf meinem Blog! Diesmal geht es um das Bilderbuch "Hoch hinaus" von Franziska Walther, die mir mit ihren wundervollen Illustrationen aus "Werther Reloaded", das ich vor einiger Zeit gelesen und besprochen habe, sehr gut in Erinnerung geblieben ist. Ein Blick auf das jetzige Buch "Hoch hinaus" genügt - das ist unverkennbar der Zeichenstift von Franziska Walther.

Wie immer, wenn ich ein Kinderbuch bespreche, hole ich mir Unterstützung bei einem Spezialisten. Da sich mein Sohn mit seinen 12 Jahren nicht von diesem Buch angesprochen fühlte, habe ich mir ein Kind bei einer Freundin "ausgeliehen": Luca, 5 Jahre.

In dem Buch geht es um den abenteuerlustigen und von Fernweh geplagten Elch Erasmus und seinem Traum vom Fliegen.
Bis auf eine Seite Text besteht das Buch ausschließlich aus Illustrationen. Der Text ist als Vorwort zu verstehen und erklärt, wie es zu der Geschichte um den Elch Erasmus gekommen ist. 

Luca kennt diesen Text nicht, da ich ihn nicht beeinflussen wollte und er sich voll und ganz auf die Bilder konzentrieren kann.


aus "Hoch hinaus" von Franziska Walther (Quelle: kunstanstifter)


Renie: Was meinst du, was das für ein Tier ist?
Luca lacht, als er dieses Bild sieht: 
Luca: Ein Reh!
(Ok, dicht dran)
Renie: Das Reh heißt Erasmus. Magst du das Reh?
Luca: Ja, es ist lustig mit seiner dicken Nase.

Auf der nächsten Seite im Buch sieht man die Augen von Erasmus in der Nahansicht. In seinen Augen spiegeln sich 2 Vögel, die er am Himmel sieht.

aus "Hoch hinaus" von Franziska Walther (Quelle: kunstanstifter)
Renie: Was siehst du in Erasmus' Augen?
Luca: Rasmus hat Angst.
Renie: Sieh noch mal genauer hin.
Luca: Der hat ja Tüten voller Gold in seinen Augen.
(Darauf war ich nicht vorbereitet)
Renie: Sehen so Tüten voller Gold aus?
Luca: Stimmt, Gold sieht anders aus. Was ist es dann?
Renie: Es sind Vögel. Erasmus beobachtet sehnsüchtig die Vögel, die am Himmel fliegen. Wahrscheinlich wünscht er sich gerade, selbst fliegen zu können.
Luca: Die Vögel sehen aber komisch aus.
(Glücklicherweise sitzen wir gerade in einem Strandkorb am Meer. Nachdem Luca die vorbeifliegenden Möwen genauer betrachtet, ist er einverstanden: Das sind eindeutig Vögel in dem Buch!)

Renie: Erasmus folgt den Vögeln. Der Weg ist weit. Es geht bergauf und bergab, es wird dunkel, in der Ferne sieht er eine Stadt. An einem See spiegelt sich der dicke, gelbe Mond im Wasser.
Luca: Der Mond ist nicht dick, er ist nur groß.
Renie: Erasmus schwimmt durch den See.
Luca: Können Rehe in echt schwimmen?
Renie: Ich glaube schon.
Luca: Pferde können schwimmen.
Renie: Dann können Rehe das bestimmt auch.

Irgendwann kommt Erasmus in die Stadt.
Luca: Das war aber ein weiter Weg. Und der Rasmus hat den langen Weg durchgehalten.
Renie: Ohne müde zu werden und ohne zu schlafen.
Luca: Tiere schlafen nicht. Pferde schlafen auch nicht. Das habe ich mal in einem Film gesehen.

Luca betrachtet die Bilder der Stadt, mit seinen Bewohneren und Erasmus mittendrin.
Luca: Sieh mal, da haben ganz viele Leute Panik. Es gibt aber auch Leute, die nett zu Rasmus sind. Da schenkt ihm jemand einen Apfel. Jetzt geht der Rasmus in ein Kaufhaus. Er möchte sich etwas zum Anziehen kaufen.
Renie: Erasmus schlendert durchs Kaufhaus, treppauf und treppab. Am Ende landet er auf dem Dach, wo er in der Ferne wieder die Vögel sieht. Die Tür fällt zu und sperrt Erasmus auf dem Dach aus. Er weiß zunächst nicht, wie er aus der blöden Situation herauskommen soll. Mittlerweile wird es dunkel und Erasmus schläft ein.
Siehst du, Luca, Erasmus schläft. Von wegen "Tiere schlafen nicht";-)
Luca: Der schläft nicht. Er hat nur die Augen zu.
Renie: Erasmus träumt vom Fliegen: wie ein Vogel, mit einem Fesselballon, mit Luftballons.
Da kommt ihm eine Idee. (zeichnerisch dargestellt durch eine Glühbirne, die über ihm schwebt.)
Luca: Warum ist da eine Lampe über seinem Kopf?
Renie: Weil Erasmus ein Licht aufgeht. Das sagt man so und bedeutet, dass jemand eine Idee zu der Lösung eines Problems hat.
Luca: Cool!

Und dann kommt der Teil des Bilderbuches, bei dem sich Luca schlapp gelacht hat: 
Erasmus bläst sich auf. Er wird immer kugeliger. Sein Gesichtsausdruck wird immer angestrengter.
Luca: Rasmus sieht aus, als ob er auf dem Klo sitzt und Groß macht.
Renie: Irgendwann platzt das Fell von Erasmus an zwei Stellen auf und heraus treten vier "Luftblasen", die aus ihm ein Reh mit Flügeln machen. Und Erasmus nimmt Anlauf und fliegt mit den Vögeln davon.
- Ende -
Luca: Schade

Renie: Ist das nicht großartig, dass Erasmus seinen Traum vom Fliegen wahr gemacht hat? Die Vögel haben ihn ja brennend interessiert. Er ist den Vögeln bis in die Stadt gefolgt und hat sich gewünscht, wie die Vögel fliegen zu können. Das ist ihm dann gelungen.
Luca: Ich wünschte, ich wäre ein Meerjungmann. Dann könnte ich unter Wasser atmen.


Renie: Was hat dir an dem Buch am besten gefallen?
Luca: Na, dass der Rasmus fliegen kann.

Renie: Und was hat dir nicht so gut gefallen?
Luca: Dass die Tür auf dem Dach zugefallen ist, und dass die Polizei nicht gekommen ist. Die müssen doch kommen und den Rasmus retten.
Renie: Die wären bestimmt noch gekommen. Aber Erasmus hat sich ja am Ende selbst geholfen.

Renie: Wie haben dir die Bilder und Farben in dem Buch gefallen?
Luca: Gut. Es gibt viele Farben. Aber zwei Farben mochte ich nicht so sehr. Da ist viel mit Rosa und Lila gemalt. Das sind Mädchenfarben.
(Irgendwie habe ich mit dieser Antwort gerechnet ;-))

Mein Eindruck von den Illustrationen:
Auf mich wirkten die Zeichnungen sehr fröhlich. Insbesondere Erasmus ist ein lustiger Kerl, der einem beim Betrachten ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Mimik ist sehr beeindruckend und aussagekräftig. Man muss ihn einfach gern haben. Auffällig ist, dass die Zeichnungen sehr reduziert wirken. Sie konzentrieren sich auf die wesentlichen Elemente, die notwendig sind, um den Handlungsablauf zu verstehen. Aber diese wenigen Dinge sind sehr farbenfroh dargestellt. Es stimmt schon, lila und rosa sind dominierende Farben in diesem Buch. Diese Farbgebung scheint typisch für Franziska Walther zu sein. Auch in "Werther reloaded" ist dieses Farbschema zu finden. Mich haben die Lila- und Rosatöne nicht gestört. Aber ich bin ja auch ein Mädchen.

Fazit:
Ein liebevoll gestaltetes Bilderbuch mit einem Helden, den man - egal ob Erwachsener oder Kind - ins Herz schließt. Kinder werden ermuntert, an ihren Träumen festzuhalten. Denn der liebenswerte Elch Erasmus beweist, dass Träume wahr werden können. Und wer weiß, vielleicht treffe ich Luca eines Tages als Meerjungmann wieder.

© Renie



Im Anschluss an unser Gespräch wollte Luca unbedingt einen Flughafen malen. Denn irgendwo muss Rasmus schließlich landen können!





Über die Autorin und Illustratorin:
Franziska Walther, geboren 1980, ist eine Diplom-Designerin, Illustratorin und Architektin mit Sitz in Hamburg und Weimar. Unter dem Namen SEHEN IST GOLD® illustriert und gestaltet Franziska Bücher, Magazine, Broschüren und Buchumschläge für Verlage und Agenturen. Eine Leidenschaft für Bücher, Bild und Schrift sowie deren Symbiose zeichnet ihre Arbeit aus.
Franziska erhielt für ihre Arbeiten im Bereich Illustration und Buchgestaltung zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, unter anderem den Joseph-Binder-Award 2012 in Gold für das Buch »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« und den German Design Award 2017 in der Kategorie Books and Calendars für »Werther reloaded«. (Quelle: kunstanstifter)