Samstag, 17. August 2019

Lingyuan Luo: Die chinesische Orchidee

Quelle: Pixabay/Pexels
"Die ältesten Überlieferungen über Orchideen stammen aus dem Kaiserreich China und beziehen sich auf die Kultur von Orchideen aus der Zeit um 500 v. Chr. (Tsui Tsze Kang: Orchideenkultur im Kum Cheong (erschienen in der Song-Dynastie 1128–1283)). Der chinesische Philosoph Konfuzius (551–478 v. Chr.) berichtete über ihren Duft und verwendete sie als Schriftzeichen »lán« (chinesisch 蘭), was so viel wie Anmut, Liebe, Reinheit, Eleganz und Schönheit bedeutet." (Quelle: wikipedia)

Eine Musterbeispiel an Anmut, Liebe, Reinheit, Eleganz und Schönheit ist Lifei, die Protagonistin des Romans "Die chinesische Orchidee" der, in Deutschland lebenden Chinesin Luo Lingyuan. So poetisch der Titel auch klingt, die Geschichte, die hier erzählt wird, hat nur wenig mit Poesie zu tun.
Denn der Roman behandelt den Aufstieg und Fall einer Frau im modernen China. Es geht um Macht, Korruption und Emanzipationsversuche.

Lifei, Angestellte, Ehefrau von Li Rong und Mutter von Jinjin, ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie lernt einen einflussreichen Politiker kennen, wird seine Geliebte und findet sich auf einmal im Kreis der Mächtigen wieder, wenn auch demütig im Hintergrund. Das ist das, was mann von ihr erwartet. Unauffällig im Hintergrund verweilen und parat sein, wenn der Mächtige nach ihr verlangt. Dabei ist sie nicht allein, denn es gehört zum guten Ton, dass mächtige Männer sich mindestens eine Geliebte halten. Es gibt sogar eine eigene Bezeichnung für diese Frauen.
Quelle: Louisoder
"In Changsha sieht Lifei ihren Liebhaber häufiger. Um das Zusammensein unauffällig einzuleiten, lässt Kang sie oft zu Empfängen einladen. So lernt sie nicht nur die mächtigen Männer der Provinz kennen, sondern auch ihresgleichen. Die Geliebten der wichtigen Männer haben einen besonderen Namen: ernai - die 'zweite Brust' - werden sie in der Gesellschaft genannt. Diese Frauen besitzen eine mysteriöse Macht und führen ein luxuriöses Leben."
Lifeis neue Rolle ist ein Glücksgriff für sie und ihre Familie. Denn plötzlich eröffnen sich neue Möglichkeiten: Der Ehemann wird befördert, eine gute schulische Ausbildung für die Tochter ist garantiert. Wen wundert es da, wenn der Ehemann von Anfang an die „Karriere“ seiner Frau als ernai wohlwollend unterstützt hat, ja sogar als ihr Berater fungiert. Aber als ernai lebt frau gefährlich. Wird ein Politiker zu Fall gebracht, reißt er sein Umfeld mit sich in die Tiefe. Und Politiker in China werden häufig zu Fall gebracht. Sie bieten auch genügend Angriffsfläche. Korruption gehört zum guten Ton in der Politik Chinas. Man darf den Hals nur nicht zu voll kriegen und bei seinen korrupten Machenschaften zu offensichtlich sein. Früher war es einfacher, als Politiker in die eigene Tasche zu wirtschaften. Heutzutage muss man in China damit rechnen, von der "Disziplinarkommission" in die Mangel genommen zu werden. Die Zeiten ändern sich in China.
"Wer an die Disziplinarkommission geraten ist, macht eine Höllenfahrt und weiß nicht, ob er sie überleben wird."
Lifeis Wohltäter wird erwischt. Und schon ist es für sie mit dem Leben in Luxus und Wohlstand vorbei. Aber sie ist eine besondere Frau. Sie versteht es, ihr gutes Aussehen und ihre Intelligenz gewinnbringend einzusetzen. Sie hat ihre Zeit als ernai genutzt, um nicht nur Luxusgüter anzuhäufen, sondern auch Wissen. Schnell hat sie begriffen, welche Möglichkeiten sich ihr im Kreis der Mächtigen bieten. Und mit der Zeit wird sie zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau, die mit Unterstützung diverser Liebhaber in den Korruptionsmachenschaften der Politik mitmischt. Man kann sich denken, dass dies auf Dauer nicht gutgehen kann.
"Jeder im Land hilft seinen Freunden, vom kleinsten Beamten bis zum Gouverneur. Wer gut schmiert, der gut fährt. Auf allen Ebenen gibt es Geschenke und Belohnungen für gute Dienste, die man seinen Freunden erwiesen hat. Das gehört zur Kultur dieses Landes."
Diese Lifei ist also eine Frau, die gelernt hat, bei den Korruptionsspielchen mitzuspielen und daraus ihren Vorteil zu ziehen. Eigentlich müsste man ihr gegenüber Ablehnung verspüren. Aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Wir haben es mit einer Frau zu tun, die clever genug ist, um in einer von Männern dominierten Welt zurecht zu kommen. Sie nimmt sich ein großes Stück vom Kuchen, während andere Frauen sich damit zufrieden geben, ein paar Krümel zugeworfen zu bekommen. Lifei hat es verstanden, ihr persönliches Kapital einzusetzen: ihr gutes Aussehen, ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Intelligenz.
Sie scheint eine zerbrechliche Schönheit zu besitzen, auf die die Männer anspringen. Durch ihre Wandlungsfähigkeit ist sie in der Lage, in jeder Situation dem Frauenbild zu entsprechen, das der jeweilige Mann mit dem sie es gerade zu tun hat, vor Augen haben möchte. Und sie ist clever genug, aus den Möglichkeiten, die sich ihr bieten am Ende Kapital zu schlagen. Von der Sekretärin, Hausfrau und Mutter zur erfolgreichen Geschäftsfrau, und das innerhalb kürzester Zeit. Das soll ihr mal jemand nachmachen.

Fazit:
Chinesische zeitgenössische Literatur ist mir fremd. Ich habe gewisse Vorbehalte. Da China den Ruf hat, sehr empfindlich auf Kritik am System zu reagieren, kann ich mir vorstellen, dass ein Autor, der aufrichtig über das moderne Leben in China berichtet, ein großes Risiko eingeht und daher Kritik am System nur sehr milde äußert - wenn überhaupt.
Daher empfinde ich es als Bereicherung, wenn eine chinesische Autorin aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände in der Lage ist, kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.
So auch Luo Lingyuan, die seit fast 20 Jahren in Deutschland lebt und in dieser Zeit schon einige china-kritische Bücher veröffentlicht hat.
"Die chinesische Orchidee" ist ein echtes Highlight für mich. Ein Roman, der mir das Leben einer mutigen Frau in einer fremden, von Männern dominierten Kultur aufzeigt. Allgemein ist bekannt, dass China das Land der Korruption ist. Am Ende ist man aber doch verblüfft, in welchem Ausmaß und mit welcher Ignoranz dieses System gelebt wird. Die Autorin hat dieses Thema sehr spannend und authentisch umgesetzt, so dass man fast vergessen möchte, dass es sich bei Lifei und ihrer Geschichte um Fiktion handelt.

Leseempfehlung!

© Renie


Montag, 5. August 2019

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

Quelle: Pixabay/Paul_Henri
"Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war's."
Dies ist der erste Satz des Romans „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale. Und wäre „Das Dickicht“ ein Kinofilm, wäre er mit Sicherheit von Quentin Tarrantino gedreht worden. Ein Western, der spannend, grotesk, skurril, humorvoll und vor allem blutig ist.
Joe R. Lansdale war mir bis dahin als Thriller-Autor ein Begriff, der seine Geschichten vorzugsweise im tiefsten Süden Amerikas angesiedelt hat. Aber, dass er auch ein Meister anderer Genres ist, stellt er mit „Das Dickicht“ unter Beweis. 

Die glorreichen Wildwest-Zeiten stehen kurz vor ihrem Ende. Der Fortschritt hält in Texas langsam Einzug. Tatsächlich trifft man auf die ersten Ölbohrtürme, Automobile und Telefone. Dennoch sind Lansdales Protagonisten immer noch in guter alter Wildwest-Manier zu Pferd unterwegs und die Zeichen des Fortschritts werden mehr als exotisch wahrgenommen.
Mit Wildwest-Romantik hat Lansdales Western also herzlich wenig zu tun. Kein strahlender Held und Retter der Schwachen. Kein makelloses, quasi auf den Leib geschneidertes Cowboy-Outfit der Protagonisten, das schlimmstenfalls durch einen Blutfleck, verursacht durch eine saubere Schusswunde, verunreinigt wird – selbstverständlich auswaschbar. Bei Lansdale sind die Menschen schmuddelig, ihre Kleidung ist zusammengeklaut, passen irgendwie, meistens gar nicht, erfüllen aber ihren Zweck. Gestorben wird dreckig, brutal und qualvoll. Meistens durch Schüsse, die dem Erschossenen einige Körperteile wegballern. Hinzu kommt, dass bei Lansdale diejenigen, die töten und verletzen eine unvorstellbare Fantasie bei der Auswahl ihrer Mittel zutage legen.
Wer zart besaitet ist, braucht an dieser Stelle nicht weiterlesen. Denn der Roman ist eh nichts für ihn. Wer aber neugierig auf einen unkonventionellen Western ist, sollte  unbedingt weiterlesen.
Quelle: Heyne
"Allmählich wurde ich, wohin ich auch ging, mit dem Tod konfrontiert, und wenn ich es nicht selbst miterlebte, wurde mir davon erzählt."
In „Das Dickicht“, erzählt aus der Sicht des 16-jährigen Jack Parker, geht es um die Entführung von Jacks Schwester Lula. Zur falschen Zeit am falschen Ort und schon wird die 14-Jährige von üblen Kerlen zur Gespielin zwangsrekrutiert. Die üblen Kerle sind steckbrieflich gesuchte Mörder und Bankräuber. Auf ihre Ergreifung (Dead or alive) steht ein Kopfgeld aus – eines der wenigen Argumente, mit denen Jack zwei Kopfgeldjäger überzeugen kann, ihm bei der Befreiung von Lula zu helfen. Die beiden Kopfgeldjäger sind ein Farbiger und ein Zwerg. Jack muss nehmen, was er kriegen kann. Denn mit Hilfe der Sheriffs ist in einer gesetzlosen Zeit nicht zu rechnen. Also begeben sich die Drei auf eine waghalsige Verfolgungsjagd, die über mehrere Tage geht. Dabei wird ihr ungewöhnliches Grüppchen mit der Zeit um weitere Aussenseiter der Gesellschaft ergänzt. Am Ende kommt es natürlich zum Showdown, bei dem es einige Tote sowohl bei den Verfolgern als auch bei den Verfolgten geben wird. 

Die Charaktere
Man hat den Eindruck, dass inmitten einer Gesellschaft von skrupellosen und selbstsüchtigen Menschen, die nach dem Motto „Fressen oder Gefressen werden“ leben, die Außenseiter die einzigen menschlichen Menschen sind. Blickt man hinter die Fassade von Jacks Kopfgeldjägern, zeigen sich Charaktere, die zwar ebenfalls nicht zimperlich sind, wenn es um ein Menschenleben geht, aber dennoch tiefgründige Seiten offenbaren. Insbesondere der Zwerg ist ein Brunnen an Lebensweisheit und Wissen.
Jack hat anfangs natürlich seine Schwierigkeiten, mit den Männern zurechtzukommen, die nicht vor Gewalt zurückschrecken, wenn sie erforderlich ist. Er ist anfangs noch ein Kind, der von jetzt auf sofort seinen Mann stehen muss. Durch seine christliche Erziehung gerät Jack in manchen Gewissenskonflikt während er mit seinen Begleitern auf der Straße der Gewalt unterwegs ist. Aber er scheint an diesen Konflikten zu reifen und tut am Ende das, was getan werden muss. 
Die Truppe, die mit der Zeit größer wird, wächst am Ende zusammen. Hat man sich anfangs nur geduldet, da man ein gemeinsames Ziel hatte, stehen am Ende Freundschaften auf Lebenszeit.
"In gewissem Maße ist es mit der Sünde wie mit Kaffee. Als ich klein war und zum ersten Mal davon kostete, fand ich ihn bitter und ekelhaft, aber später machte ich dann immer etwas Milch rein, und irgendwann trank ich ihn schwarz. Mit der Sünde ist es genauso. Erst süßt man sie ein wenig mit Lügen, und irgendwann schmeckt sie einem unverdünnt."
Der Humor
Die Geschichte an sich ist für einen Western nicht ungewöhnlich. Gut gegen Böse, und am Ende gewinnen die Guten.
Was sie jedoch ungewöhnlich macht, ist die Art, wie sie erzählt wird. Denn trotz aller Brutalität und Gewalt schwingt eine gehörige Portion Galgenhumor durch. Lansdale hat nicht mit Situationskomik gespart. Es sind nicht nur seine ungewöhnlichen Charaktere, die für Skurrilität sorgen, sondern insbesondere ihre Dialoge. Die Protagonisten schenken sich nichts und liefern sich verbale Schlagabtausche, die richtig Spaß machen.

Leseempfehlung!

© Renie



Dienstag, 30. Juli 2019

Dag Solstadt: T. Singer

Quelle: Pixabay/Sorbyphoto
Mit "T. Singer" hat der norwegische Schriftsteller Dag Solstadt eine rätselhafte Geschichte über einen rätselhaften Mann geschrieben. 
Er schildert das Leben seines Protagonisten T. Singer, an dem eigentlich so gar nichts besonderes ist, aber dennoch unendlich viele Rätsel aufgibt.

Anfangs präsentiert sich Singer als ewiger Student, der mehr oder weniger planlos vor sich hin studiert und in den Tag hineinlebt. Irgendwann gelangt er an einen Punkt, an dem er seinem Leben eine neue Wendung geben möchte. Er wird Bibliothekar und nimmt eine Stelle in Nottoden an, tiefstes dunkelstes Norwegen, irgendwo in der Telemark. Nottoden ist ein kleiner Ort, der nicht viel zu bieten hat. Vor zig Jahren hat der Norwegische Großkonzern Norsk Hydro Nottoden als Firmensitz auserkoren. Es gab ambitionierte Unternehmenspläne für Notodden, die jedoch alle im Sande verlaufen sind. Übrig geblieben ist nur ein nichtssagender Ort, der seinen Einwohnern nicht viel zu bieten hat. Doch die sind zufrieden. In Nottoden lernt Singer Merete kennen. Scheinbar verlieben sich die beiden ineinander. Denn man wird den Verdacht nicht los, dass die beiden nur die eigene Vorstellung von dem jeweils anderen lieben. Sie heiraten. Merete bringt ihre kleine Tochter Isabella mit in die Ehe. Kennenlernen werden sich Merete und Singer nie.
Quelle: Dörlemann
"Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist."
Singer ist als Person nicht zu charakterisieren. Man erfährt, was er nicht möchte. Man erfährt jedoch noch nicht einmal im Umkehrschluss, was er möchte. Er scheint sich den Vorstellungen, die Merete von ihm hat, anzupassen. Aber warum er das macht, bleibt ein Rätsel. Die Ehe ist zum Scheitern verurteilt. Man wundert sich nicht. Und kurz bevor Singer und Merete sich scheiden lassen, stirbt sie bei einem Autounfall und lässt Singer als Witwer zurück. Ist mann ein Witwer, wenn die Scheidung schon beschlossene Sache war? Ist mann in der Verpflichtung ein Stiefvater zu sein, wenn die Stieftochter mit der Scheidung aus seinem Leben verschwunden wäre, und er auch vorher keinen Bezug zu dem Kind hatte? Singer weiss keine Antwort auf diese Fragen. Ich auch nicht. Er entschließt sich, Isabella bei sich zu behalten. Eine rätselhafte Entscheidung, denn ihn verbindet nichts mit dem Kind, außer den paar Jahren, die sie unter einem Dach gelebt haben. Er geht mit Isabella nach Oslo, wo er eine Stelle als Bibliothekar annimmt.
"Singer hielt ehrerbietig und ängstlich Abstand zu ihr. Was war das? Er fühlte sich überflüssig, doch gleichzeitig war er da, in derselben Wohnung wie das fünfzehnjährige Mädchen, das er versorgte."
In Isabella scheint Singer seine Meisterin gefunden zu haben. Sie steht ihm in Verschlossenheit in nichts nach, was ihn zu wurmen scheint. Denn er versucht sie aus ihrer Reserve zu locken. Nicht, dass er Gefühle für das Mädchen hegt. Warum er sich also um sie bemüht, bleibt ein weiteres Rätsel. Die beiden leben nebeneinander her. Singer scheint Isabella gleichgültig zu sein. Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau und sie verschwindet aus seinem Leben. Und was bleibt zurück? Singer. Nur wer Singer ist, bleibt bis zum Ende des Romans ein Rätsel.

Habe ich dieses Buch gemocht? Ich weiß es nicht. Es ist schon ein großes Kunststück, einen Protagonisten zu schaffen, der so gar nicht zu charakterisieren ist. Doch genau das hat der Autor Dag Solstadt hinbekommen. Singer lässt sich nicht beschreiben - weder äußerlich noch innerlich. Er lässt sich bestenfalls erahnen, wobei jeder Wesenszug, den man Singer andichtet, von Zweifeln begleitet wird. Es herrscht eine große Distanz zwischen Leser und Singer, wozu der häufige Wechsel zwischen der Erzählperspektive Singers und einer auktorialen Erzählperspektive in diesem Roman noch beiträgt. Diese Distanz zum Protagonisten sowie der vergebliche Versuch, ihn zu charakterisieren machen diesen Roman zu etwas Besonderem: einem experimentellen Leseerlebnis, das den Leser fordert, da er stetig bemüht sein wird, das Rätsel um das Wesen des Protagonisten zu lösen.

© Renie


Samstag, 13. Juli 2019

Mathijs Deen: Unter den Menschen

Quelle: Pixabay/Skitterphoto
"Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha."
Der Bauernsohn, der hier eine Frau sucht, ist kein Exemplar der populären TV-Verkupplungsserie, auch wenn der Verdacht nahe liegt. Unser Bauer ist Jan. Sein Hof befindet sich an Hollands Nordseeküste, einsam gelegen, direkt hinter dem Deich. Manche bezeichnen diesen Ort als Idylle, für andere ist dies ein Ort, wo der Hund begraben liegt. 
Hier lebt Jan, ohne Hund und Katze und sonstigem Viehzeug. Aber dafür mit ganz viel Fläche, die es zu beackern gilt. Das ist sein Leben: Ackern. Seine sozialen Kontakte sind gleich Null. Es kann vorkommen, dass er wochenlang mit keinem Menschen redet. Er hat keine Verwandten mehr – seine Eltern sind vor einiger Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Zuviel Einsamkeit schlägt aufs Gemüt. Das erkennt auch Jan. Daher entschließt er sich, seinen desolaten Zustand mittels Kontaktanzeige zu verändern.
Quelle: mare
"Er schaltet den Fernseher wieder aus, legt sich aufs Sofa und versucht sich zu erinnern, wann er zum letzten Mal mit jemandem gesprochen hat, und über was. Ihm fällt nur der Fahrer ein, der die Rüben abgeholt, hat, und das war im November, vor gut einem Monat."
Doch er, der Eigenbrötler, der er mit den Jahren geworden ist, war zunächst nicht auf das vorbereitet, was da kommt: Wil, die auf seine Anzeige geantwortet hat, das Subjekt seiner Wahl, und die seinen Hof nun im Sturm okkupiert.

Auch Wil hat ihr Päckchen zu tragen. Sie ist ein Mensch, der bis jetzt unter seiner Willenlosigkeit gelitten hat. Ihre Gutmütigkeit gegenüber anderen hat dazu beigetragen, dass sie immer für andere da war und sich nach deren Willen orientiert hat. Das hat ihr nicht gutgetan. Auf Anraten ihres Psychotherapeuten nimmt sie, die sich bis jetzt immer von anderen Menschen leiten ließ, ihr Leben nun selbst in die Hand. Der einzige Wille nach dem sie sich zukünftig richten wird, ist ihr eigener. Ihr schwebt ein Neuanfang irgendwo am Meer, in der Einsamkeit, vor. Und da kommt Jan mit seiner Kontaktanzeige ins Spiel. Sie zieht überfallartig bei ihm ein, was ihn doch sehr überfordert, zumal er auch wenig dabei mitzureden hat. Denn er hat zwar den Wunsch nach einem Zusammenleben mit einer Frau, weiß jedoch nicht, wie das geht. Denn Zusammenleben bedeutet Veränderung. Und damit kann er nur sehr schwer umgehen. In sehr langsamen Schritten lernen Wil und Jan aufeinander zuzugehen. Leider wählen sie dabei nicht den direkten Weg. Denn ihr Zusammensein birgt einiges an Konfliktpotenzial, das sie sich immer wieder voneinander entfernen lässt.
Der Roman behandelt also die Entwicklung der Beziehung von Jan und Wil, zweier Menschen, die nie gelernt haben, sich auf andere einzulassen. Die Handlung wird aus wechselnder Erzählperspektive erzählt, bestimmendes Thema ist dabei die Einsamkeit der Menschen. Jeder wirkt für sich isoliert. Gerade zu Beginn des Romans wird diese Isolation überdeutlich. Dazu trägt auch bei, dass außer den beiden so gut wie keine handelnden Figuren in dieser Geschichte stattfinden. Die Handlung wird von den beiden dominiert. Nur selten kommt es zu Interaktionen mit anderen Menschen, bspw. Dorfbewohnern, bei denen Wil aneckt. Oder Wils Mutter, die seit einem Schlaganfall geistig verwirrt ist und in der Vergangenheit lebt.
"'... du musst dir klarmachen, dass ich hier bin, um nicht nur in mein, sondern auch in dein Leben Ordnung zu bringen, dass ich es satthabe, mir von anderen vorschreiben zu lassen, was ich zu tun habe, und deshalb will ich, dass wir jetzt und hier an diesem Frühstückstisch über uns und den Hof verhandeln....'"
Das Zusammenleben von Wil und Jan ist ein ständiger Lernprozess, wobei Jan mit der Zeit den aktiveren Part bei der Annäherung zu Wil übernimmt. Es ist fast schon rührend, wie sehr er sich bemüht, das Zusammenleben mit Wil möglich zu machen. Die beiden scheinen mit der Zeit die Rollen zu tauschen. Wil, die anfangs den Hof im Sturm besetzt hat, verschließt sich mit der Zeit. Und Jan, der anfangs die Besatzungsphase von Wil fast stoisch erduldet hat, öffnet sich mit der Zeit. Denn er will, dass die Beziehung funktioniert. Eine wunderschöne Entwicklung, die der Autor seinen Protagonisten hier widerfahren lässt!
Trotz aller Einsamkeit und Traurigkeit über die Schwierigkeiten seiner Protagonisten, sich zu einem gemeinsamen Leben zusammenzuraufen, gelingt es dem Autor, eine gehörige Portion Situationskomik in dieser Geschichte unterzubringen. Es gibt diese Momente, die man sich bildlich vorstellen kann und in denen Dinge passieren, die zum Brüllen komisch sind. Dafür habe ich dieses Buch geliebt. Denn diese Kombination aus Einsamkeit, Traurigkeit und Situationskomik ist sehr gelungen und macht das Buch zu einem Spaß mit ernstem Hintergrund. Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 6. Juli 2019

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

Quelle: Pixabay/sabinevanerp
"Ich bin das älteste Haus in der Straße. Irgendwo hinterm Leopoldplatz soll es noch ältere geben, aber das habe ich natürlich nicht gesehen. Ich habe überhaupt nur gehört, was hier auf meinem Hof, zwischen meinen Wänden geredet wurde, und nur gesehen, was da geschehen ist, und das reicht mir auch."
Regina Scheers Roman "Gott wohnt im Wedding" spielt, wie der Titel schon sagt, in Berlins Stadtteil Wedding, der sich in den letzten Jahren vom schmuddeligen Kiez zum Shabby chic Hipster Viertel gewandelt hat. Die Handlung des Romans konzentriert sich dabei jedoch auf die Zeit, als sich der Wedding gerade im Umbruch befand, also mehr shabby als chic war.

Im Mittelpunkt steht ein Haus und seine Bewohner. Einer der Protagonisten ist tatsächlich dieses Haus – ein heruntergekommenes Mehrfamilienhaus, gebaut im Jahre 1890. Es hat schon einiges in seinem bisherigen Dasein gesehen, u. a. zwei Weltkriege, und natürlich auch unzählige Menschen, die hier ein- und wieder weggezogen sind. Momentan besteht der große Teil der Bewohner aus Sinti- und Roma-Familien, die versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Es sind maßgeblich Frauen, die in diesem Haus eine Rolle spielen. Allen voran die alte Gertrud, die fast schon ein Jahrhundert in diesem Haus lebt. Keine andere weiß mehr über die Geschichte des Hauses und dessen Bewohner als sie.
Quelle: Penguin
"Von den Leuten hier ist wohl kaum einer im Wedding geboren, vielleicht die kleinen Kinder oder manche der Mütter; die meisten tragen die Landschaften, aus denen sie kommen, noch in den Augen, in den Gesten, in der Schwere ihrer Körper. Sie sind hierher verschlagen worden, durch Kriege, durch Armut, auf der Suche nach einem besseren Leben, und vielleicht ist das hier jetzt ihr Zuhause."
Gleich zu Beginn fällt die Vielschichtigkeit des Romans auf. Regina Scheer packt die unterschiedlichsten Themen an, allen voran ... Judentum während des Nationalsozialismus, die Entwicklung des Lebens in Israel, die jüngste Geschichte der Sinti und Roma, der Wandel des Wedding unter dem Einfluss von Immobilienhaien, die Zusammengehörigkeit der Einwohner, Wedding als Dorf.
Dabei konzentriert sich die Autorin auf die einzelnen Lebenswege der Bewohner des Hauses, die von diesen Themen beeinflusst werden bzw. worden sind. Das kann sehr spannend sein: Gertrud hat beispielsweise ein Geheimnis, dass sie mit Leo, einem jüdischen Bekannten aus der Zeit des Nationalsozialismus, verbindet. Leo konnte damals dem Holocaust entkommen, indem er nach Israel ausgewandert ist. Jetzt, nach über 70 Jahren, taucht er wieder in Berlin auf, um den Nachlass seiner verstorbenen Frau zu regeln. Dabei wandelt er auf den Pfaden seiner Erinnerung, die ihn unweigerlich zu dem alten Haus in der Utrechter Straße im Wedding führen und somit vor Gertruds Tür. 
Leider kann die Schilderung dieser Lebenswege beim Lesen auf Dauer ermüden. Aufgrund der Vielzahl von Charakteren innerhalb der Sinti- und Roma-Familien können ihre Darstellungen sehr ausufernd sein. Sicherlich eröffnet die Autorin dem Leser einen Blick auf die Probleme, die sich einer Flüchtlingsfamilie in Deutschland stellen, angefangen bei den Vorurteilen und Steinen, die diesen Menschen in den Weg gelegt werden, während sie versuchen, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Leider ist man jedoch schnell durch die Vielzahl der Charaktere überfordert, deren Schicksale sich teilweise ähneln. Daher droht am Ende Langeweile, so dass hier weniger mehr gewesen wäre.

Der Roman ist auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte, die auf kleinem Raum im Wedding stattgefunden hat. Hier werden viele Geschehnisse und historische Personen benannt. Doch auch hier wird man förmlich von der Flut der Ereignisse, Personen und Jahreszahlen erschlagen. Daher ist auch hier der Grat zwischen Faszination und Langeweile ein sehr schmaler.

Ich möchte jedoch nicht außer Acht lassen, dass bei allem Erzählten immer eine große Portion Empathie der Autorin durchschwingt. Denn Regina Scheer legt den Fokus auf die Menschen und das Menscheln. Die Bewohner des Stadtteils Wedding kümmern sich umeinander, sehen sich als verantwortlich für ihre Mitbewohner. Das ist ein sehr wohltuender Aspekt an diesem Buch, der natürlich auch eine Verbindung zu dem Titel des Romans herstellt.

Mein Fazit:
In diesem Roman hat mir der Spannungsbogen gefehlt. Regina Scheer konzentriert sich auf die Lebenswege der Protagonisten, die mit Sicherheit jeder für sich sehr interessant sind, doch in der Masse zuviel. Die empathische Art der Autorin berührt an vielen Stellen. Natürlich war auch die ausgefallene Idee, ein Haus zu einem Protagonisten zu machen, ein sehr gelungene Überraschung. Doch am Ende wäre weniger mehr gewesen. Denn der Stoff, den sie hier zu Papier gebracht hat, hätte mindestens für einen weiteren Roman gereicht. 

© Renie

Mittwoch, 3. Juli 2019

Lukas Hartmann: Der Sänger

Der Ohrwurm "Ein Lied geht um die Welt" ist bereits über 80 Jahre alt. Der damalige Interpret dieses Liedes war ein "kleiner Mann, ganz groß": Joseph Schmidt, ein begnadeter Sänger in den 30er Jahren, der mit seiner Stimme die ganze Welt begeisterte. Und davon nicht nur die Frauenwelt, aber diese besonders.
Doch Joseph Schmidt hatte für die damalige Zeit einen Makel. Das war nicht seine geringe Körpergröße von 1,54 m - auch wenn dies selbst sein Selbstwertgefühl beeinträchtigte -, sondern Schmidt gehörte der falschen Religion an. Joseph Schmidt war Jude. Und so groß war die anfängliche Begeisterung der Nationalsozialisten für den Sänger dann doch nicht. Denn Josef Schmidt sollte - Promi-Status hin oder her - wie jeder andere Jude behandelt werden, sprich "Endlösung".
Es hat lange gedauert, bis Joseph Schmidt erkannt hat, dass seine einzigartige Stimme und seine Berühmtheit keinen Schutz vor Verfolgung boten. Im letzten Moment entschloss er sich zur Flucht aus Deutschland, besser noch aus Europa. Nachdem ihm die Ausreise von Frankreich nach Übersee verwehrt wurde - er hatte mit seiner Entscheidung zur Flucht zu lange gezögert - suchte er Schutz in der neutralen Schweiz.
"Hitlers Krieg verschlang alles, er hatte auch ihn schon verschlungen, seine Kräfte aufgezehrt, und die Nazis würden nicht ruhen, bis er, der Jude, endlich schwieg."
Quelle: Diogenes
Lukas Hartmann erzählt in seinem Roman "Der Sänger" die Geschichte der Odyssee von Joseph Schmidt. Auch wenn er sich dabei auf den Sänger konzentriert und anhand von Josephs Träumen und Erinnerungsfragmenten ein Bild des Tenors zeichnet, steht am Ende doch das Flüchtlingsthema im Fokus. Denn es gibt erschreckende Parallelen zwischen dem Umgang mit Flüchtlingen damals wie heute.

Der Autor zeichnet dabei kein verklärtes Bild des Ausnahmemusikers. Ganz im Gegenteil. Joseph Schmidt zeigt gerade zu Beginn des Romans viele Facetten, die bei mir auf Ablehnung stießen. Er war ein schwächlicher Mensch, der in anderen Sphären zu leben schien. Er war nicht für die Realität gemacht, schien auch nicht alltagstauglich zu sein. Er benötigte Menschen, die sich um ihn kümmerten und ihm die lästigen Dinge des Alltags abnahmen. Dies waren insbesondere Frauen. Denn sein Ruhm und sein Schmalz in der Stimme machten sexy. Da schaute frau auch großzügig über seine geringe Körpergröße hinweg. Josephs Frauenverschleiß war nicht ohne. Pech, wenn eine von ihm ein Kind bekam. Aber dies war kein Problem, das sich nicht mit Geld lösen ließ. Davon abgesehen, dass Joseph menschlich nicht fähig gewesen wäre, die Vaterrolle zu übernehmen. Denn er war kaum in der Lage, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
"Er war ja nicht bloß Sänger, sondern, wenn es sein musste, auch Schauspieler. Nicht auf der Bühne, die seine Kleinheit verriet, aber im Film, wo man das Publikum mit Tricks täuschen konnte, und im wirklichen Leben, wo er zu viele Frauen, die an seiner Berühmtheit teilhaben wollten, im Stich gelassen hatte."
Dieser Roman heißt nicht umsonst "Der Sänger". Denn Joseph Schmidt war Musik und lebte Musik. Sein Denken wurde von Musik bestimmt. Alles andere trat in den Hintergrund. Umso verstörender war es für Joseph, als er in die grausame Realität gezwungen wurde und feststellen musste, dass ihm seine Stimme und seine Musik nicht helfen konnten. Ganz im Gegenteil, der Promi-Status wurde von denjenigen, die über seine Rettung in der Schweiz entscheiden sollten, als Makel betrachtet. Die neutrale Schweiz machte keinen Unterschied zwischen prominentem Juden und "Otto Normal" Juden. Nicht zuletzt wollte die Schweiz sich ein Hintertürchen offenhalten, sollten die Deutschen doch einen Weg über die Alpen finden.
Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich mit diesem Roman nicht warm geworden. Denn die Charaktereigenschaften, die Joseph Schmidt zugeschrieben werden, sind bei mir auf Ablehnung gestoßen. Doch Lukas Hartmann hat seinen Protagonisten Schmidt eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen lassen. Auf einmal wird aus dem Ausnahmesänger ein armer kranker Flüchtling, der in erbärmlichen Verhältnissen in einem Schweizer Übergangslager leben muss.
"'Ich weiß nicht, ob ich noch an die Musik glauben soll. Sie war mein Leben, ihr habe ich alles untergeordnet. Wer lässt denn all das Üble zu, das uns zu wehrlosen Opfern macht?'"
Joseph Schmidt verliert im Verlauf der Handlung seine Identität. Nicht nur diejenigen, die über sein Leben und seine Zukunft entscheiden, sprechen ihm diese ab. Nein, auch "Der Sänger" gibt sich auf und sieht sich selbst nur noch als Flüchtling. Zwischendurch blitzen noch kleine Hoffnungsgedanken an eine Rückkehr zu seinem alten Leben auf. Doch Josef Schmidt scheint zu verlöschen.
Damit hat Lukas Hartmann einen Nerv bei mir getroffen, der mich zum Innehalten und Nachdenken gebracht hat. Joseph Schmidts Entwicklung vom Individuum zum Flüchtling steht stellvertretend für Menschen, die heutzutage auf der Flucht sind. Sie sind gezwungen ihr altes Leben hinter sich zu lassen, von dem auch kaum jemanden interessiert, wie dieses Leben ausgesehen hat. Stattdessen mutieren sie zu einer fremden Spezies... der Spezies "Flüchtling".

Man kann diesen Roman natürlich mit viel verklärter Nostalgie-Romantik betrachten. Für viele wird dies wahrscheinlich auch der Grund sein, dieses Buch zu lesen. Joseph Schmidts vergangener Promi-Status zieht immer noch beim Leser. Aber viel wichtiger ist für mich die Entwicklung dieses Romans: von einem biografischen Roman über einen prominenten Sänger hin zu einem zeitkritischen Roman, der die Flüchtlingsthematik in der Schweiz und natürlich Deutschland und sonst wo, eindringlich zur Sprache bringt.
Leseempfehlung!

© Renie




Dienstag, 25. Juni 2019

Dacia Maraini: Drei Frauen

Quelle: Pixabay/Lolame
Im gleichnamigen Roman von Dacia Maraini leben "Drei Frauen" in der Hauptstadt Italiens zusammen unter einem Dach: Oma Gesuina, ihre Tochter Maria und deren Tochter Lori. Aus den sich wechselnden Perspektiven der drei Frauen eröffnet sich eine konfliktbeladene, aber auch berührende Geschichte, die den Zeitraum eines Jahres innerhalb dieser Familie beschreibt.

Oma Gesuina war in jungen Jahren eine Schauspielerin. Als sie mit Maria schwanger wurde, war es vorbei mit ihrer Karriere. Sie hat ihre Tochter allein großgezogen. Heute hängt sie immer noch ihren Träumen von damals nach. Sie scheint kaum gealtert zu sein. Ihre Devise „Alt werden, jung bleiben“ lebt sie konsequent. Sie sieht für ihre 60 Jahre noch knackig aus, versucht ihren Hang zur Romantik mit diversen Online-Liebhabern auszuleben. Und sie erzählt von ihrem Alltag innerhalb ihrer Familie, indem sie ihre Gedanken in ein Diktiergerät spricht.
Quelle: Folio Verlag

Betrachtet man Gesuina, wundert man sich, wie es zu einer Tochter wie Maria gekommen ist. Außer dem Hang zur Romantik, den beide jedoch auf unterschiedliche Weise ausleben, haben Maria und ihre Mutter wenig gemeinsam. Maria sorgt für den Unterhalt der Familie, indem sie als Übersetzerin von Romanen arbeitet. Sie verliert sich dabei in den Geschichten, die sie übersetzt. Ihr Herz gehört einem Franzosen, mit dem sie regelmäßig verreist. Einen Alltag hat diese Beziehung bisher noch nicht erlebt bzw. überlebt. So leben Maria und ihr Liebhaber die meiste Zeit des Jahres ihr eigenes Leben. Einzig die Briefe, die sie sich schreiben, geben Maria die Kraft, mit ihrer Verantwortung als alleinige Ernährerin der Familie zurechtzukommen.
"Maria ist zerbrechlich wie ein rohes Ei. Sobald man sie berührt, ist sie verletzt. Aber sie hat auch die Perfektion eines Eies, die makellos glatte Schale. Doch wenn man nicht aufpasst, rollt es über die Tischkante, fällt auf den Boden und zerbricht."
Von den beiden anderen Frauen in diesem Haushalt ist kaum mit Unterstützung zu rechnen. Oma Gesuina lässt es sich gut gehen. Und Lori, die Jüngste in diesem Dreiergespann, ist mit Schule und Erwachsenwerden beschäftigt. Lori ist der Rebell in der Familie. Das, was ihrer sanftmütigen Mutter fehlt, hat sie zu viel. Lori bewegt sich mit einer Wut durch den Alltag, die andere gern vor den Kopf stößt. Dabei strahlt sie eine Energie aus, die eindeutig zeigt, dass sie das Enkelkind ihrer Oma ist.

Wohingegen Maria ihre Gedanken über ihr Leben und ihre Familie in den Briefen an den Franzosen niederschreibt – der Leser liest also mit -, schreibt Lori Tagebuch. Auch hier liest der Leser mit.

Eines Tages steht der Franzose vor der Tür und quartiert sich für ein paar Tage bei den drei Frauen ein. Keine von ihnen rechnet damit, dass er in der Lage ist, das Leben der Drei durcheinander zu wirbeln. Doch genau das passiert. Rollen werden vertauscht, Wunden werden zugefügt. Ob es sich hierbei um bleibende Wunden handelt, bleibt bis zum Schluss des Romans Spekulation.
"Drei Generationen unter einem Dach, die sich nur ertragen, weil es nicht anders geht. ... Das Gefühlsleben der Familie ist kompliziert, immer wieder gibt es Überraschungen. Man liebt und hasst sich gleichzeitig. Manchmal ist die Nähe erdrückend, fast unerträglich, gleichzeitig denkt man mit Schrecken an den Moment der Trennung."
Dieser wundervolle Roman hat mich gefangen genommen. Die Charaktere haben mich fasziniert.
Drei Frauen, die sehr unterschiedlich sind, aber dennoch eine Einheit bilden. Durch den Wechsel der Erzählperspektiven, ist man den Frauen ganz nah. Man blickt in ihr tiefstes Innneres, leidet und lacht mit ihnen. Und man durchlebt ihre Entwicklung innerhalb eines Jahres, die ihnen einiges abverlangt. Oma Gesuina wird von der unbeschwerten, leichtlebigen junggebliebenen Alten zu einer Frau, die auf einmal Verantwortung übernehmen muss. Aus dem rebellischen, pubertierenden und jungen Mädchen Lori wird eine ernsthafte junge Frau, die ebenfalls Verantwortung übernehmen muss. Innerhalb eines Jahres ist ihre Kindheit und Jugend vorbei. Und Maria, die zu Beginn dieses erzählten Jahres die Stärkste in dieser Dreierkonstellation war, ist am Ende die Schwächste. Wie es dazu gekommen ist, möchte ich jedoch nicht verraten.

Ich beurteile ein Buch immer danach, ob ich es gern gelesen habe, oder nicht. Hier gibt es keine Zweifel und kein Zögern. Ich habe dieses Buch geliebt!

© Renie