Sonntag, 28. Juni 2020

Dacia Maraini: Die stumme Herzogin

Quelle: Pixabay / Bru-nO
Marianna Ucrìa, eine italienische Adelige des 18. Jahrhunderts, ist die Protagonistin des Romans "Die stumme Herzogin" von Dacia Maraini. Es würde mich nicht wundern, wenn einem dieser Name nichts sagt. Denn wer kennt sich schon mit italienischem Adel dieser Ära aus. Dennoch lohnt es sich, sich mit der Herzogin Marianna vertraut zu machen. Und dazu hat man ausreichend Gelegenheit in diesem Klassiker der italienischen Literatur.
Der Titel des Romans erzählt es schon: Die Herzogin Marianna ist (taub)stumm. Sie wurde nicht taubstumm geboren. Ein Vorfall in ihrer Kindheit muss der Auslöser für ihre Behinderung gewesen sein. Und in ihrer Kindheit setzt dieser Roman ein. Wir lernen die Herzogin als kleines Mädchen kennen, das mit ihrer adeligen Familie - ihren Eltern und einer Vielzahl an Geschwistern - in Sizilien lebt. Von Kapitel zu Kapitel gewährt uns die stumme Herzogin einen Einblick in ihr Leben. Zwischen den einzelnen Episoden ihres Lebens gibt es teilweise große Zeitabstände, so dass man das Leben der Herzogin im Zeitraffer an sich vorüberziehen sieht. Sie wird mit 13 Jahren mit ihrem 30 Jahre älteren Onkel verheiratet. Eine Frau mit einem Makel wie sie ihn hat, hat nicht viele Möglichkeiten, was das Angebot an potenziellen Ehemännern betrifft und erst recht kein Mitspracherecht. Sie lebt mehr als 30 Jahre an der Seite des gewalttätigen und herablassenden Mannes und bekommt 5 Kinder mit ihm. Durch den Wohlstand ihres Ehemanns ist sie nach seinem Tod versorgt und kann den Versuch starten, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben, die jedoch selten mit den Vorstellungen ihrer Kinder und Geschwister, übereinstimmen.
"Die Vergangenheit war wie eine lange Schleppe, die sie unter ihrem Rock aufgewickelt hatte und die nur hin und wieder zum Vorschein kam. Die Zukunft war wie ein Nebelfleck, in dem bunte Lichter wie von einem Karussell aufleuchteten. Und sie stand dort, halb Igel, halb Hase, endlich einmal den Kopf frei von allen Lasten, in Gesellschaft von Leuten, denen ihre Taubheit herzlich gleichgültig war und die fröhlich mit ihr sprachen, indem sie großmütig unwiderstehliche Grimassen zogen."
Quelle: Folio Verlag
Die Herzogin ist eine faszinierende Person. Aufgrund ihrer Behinderung wächst sie anders auf als andere adelige Frauen dieser Zeit. Sie hört nichts, und sie kann nicht sprechen. Die einzige Möglichkeit, mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren, besteht in der Verwendung von Feder und Papier, die sie immer bei sich trägt. Sie scheint allein mit ihren Gedanken in einer Blase zu leben. Die wenigsten bekommen mit, welche geistreiche und intelligente Frau sich hier entwickelt. Da sie der beiden Fähigkeiten des Hörens und des Sprechens beraubt ist, konzentriert sie sich auf ihre verbleibenden Sinne. Sie malt und liest. Die Bücher, die sie verschlingt, sind nicht unbedingt das, was eine Frau in ihrer Position lesen sollte. Sie beschäftigt sich mit politischen und gesellschaftskritischen Schriften. Nur leider kann sie sich nicht darüber austauschen.

Dacia Maraini hat mit ihrer Erzählweise dieses sehr spezielle Leben der Herzogin perfekt wieder gegeben. Die Handlung wird aus der Sicht von Marianna erzählt. Dabei wird der Leser in ihre Gedankenwelt eingeschlossen. Im Fokus steht die Visualisierung des Geschehens. Dabei verwendet Frau Maraini einen Sprachstil, der vor lauter farbenprächtigen Bildern, die im Kopf entstehen, überbordet. Im krassen Gegensatz dazu steht die Stille, der man durch die Ich-Perspektive der Herzogin ausgesetzt ist. Denn Geräusche finden in diesem Buch so gut wie gar nicht statt. Das Lesen findet also "klangisoliert" statt.
"Heute regnet es. Das Land ist verschleiert: Jeder Busch, jeder Baum trieft vor Wasser, und das Schweigen, das Marianna gefangen hält, erscheint ihr heute ungerechter als sonst. Eine tiefe Sehnsucht nach den Klängen, die den Anblick der glänzenden Äste, der von Leben wimmelnden Landschaft begleiten, packt sie an der Kehle. Wie sich wohl der Gesang einer Nachtigall anhört? Sie hat so viele Male in Büchern gelesen, dass dies der süßeste Gesang sei, den man sich vorstellen kann, etwas das einem das Herz zum Klingen bringt. Aber wie?"
Die stumme Herzogin ist ein feministisches Buch. Denn wir haben es mit einer Protagonistin zu tun, die entgegen aller Widerstände versucht, sich aus dem gesellschaftlichen Korsett zu befreien. Von klein auf anders, bewahrt sie sich diese Andersartigkeit und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr eigenes Glück zu finden - unabhängig jeglicher gesellschaftlicher Konventionen. In Anbetracht der Zeit, in der die Herzogin tatsächlich gelebt hat, war dies ein mutiges Unterfangen. Denn zu jener Zeit war die Frau dem Manne untertan und diente bestenfalls als Dekoration, aber auf jeden Fall der Fortpflanzung. Mit 5 Kindern hat Marianna zumindest dieses Soll erfüllt. Und ansonsten war ihr Leben ein ewiger Kampf gegen den Versuch der Gesellschaft, Sie zu unterdrücken, weil sie a.) eine Frau war und b.) behindert war. Trotz aller Rückschläge, die sie während dieses Kampfes erdulden musste, hat sie zumindest in der Vorstellung von Dacia Maraini geschafft, ihren Weg zu gehen. Und man hofft, dass ihr dies auch im echten Leben gelungen ist.

Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 6. Juni 2020

Manuel Hirner: Symphonie der Stille

Quelle: Pixabay / susan-lu4esm
Wieder mal habe ich über den literarischen Tellerrand geblickt, und wieder mal hat es sich gelohnt. Ich habe mich aus meiner Komfortzone "Gegenwartsliteratur" heraus bewegt und habe einen Ausflug in das Genre "Fantasy" riskiert.
Diesmal habe ich mir Manuel Hirners Roman "Symphonie der Stille" vorgenommen. Der widersprüchliche Titel, genau wie Cover und Plot dieses Romans haben meine Neugierde geweckt.

Der von Geburt an taube Junge Luctu (12) soll die Menschheit retten. Denn diese wird von der Traumzone bedroht, welche sich nach und nach über die Erde ausbreitet und in der kein Leben bestehen kann. Die Ausbreitung der Traumzone nahm ihre Anfänge, als der Urzeitmolch Cudu in tiefem Schlaf versunken und seitdem nicht mehr aufgewacht ist. Luctu wurde auserkoren, den Molch mit einem Lied zu wecken. Denn die Überlieferung besagt, "dass nur das Lied des Tauben Cudu aufwecken und die Traumzone aufhalten könne."
Zugegeben, das hört sich sehr schräg an: Traumzone, Urzeitmolch, ein Gehörloser, der  musizieren und die Welt retten soll... Hier wird dem Leser, der bisher einen großen Bogen um Fantasyliteratur gemacht hat, einiges abverlangt, zumal die Sage um den Molch auch gleich zu Beginn dieses Roman erzählt wird. Der Gedanke, dieses Buch in die Ecke zu pfeffern, ist da doch sehr verlockend. Aber was sind schon sechs Seiten (so kurz dauert die einleitende Geschichte über den Molch Cudu), wenn man danach Hunderte von Seiten faszinierender und fantasievoller Spannung vor sich hat? Denn das erwartet den Leser in "Symphonie der Stille".
Quelle: A. Fritz Verlag
"Aller Schmerz der Welt schien in den Saiten der Violine gebannt, allein befreit durch den sachten Druck seiner Finger, und in einem jedem wuchs der Wunsch hinauszugehen, weg von all dem Leid der Menschen in ein Land der lebenden Träume, doch wohl wissend, dass jener Ort der Sehnsucht unerreichbar bliebe."
Ich behaupte frech, dass sich der Autor Manuel Hirner bei seinem Roman von berühmten Autoren-Kollegen inspirieren ließ, allen voran J. R. R. Tolkien oder Michael Ende. Die Ähnlichkeit zu der Herr der Ringe-Trilogie ist nicht von der Hand zu weisen. Es wäre jedoch unfair, in Manuel Hirner einen Nachahmungstäter zu sehen. Denn die Welt, die er in "Symphonie der Stille" schafft, ist eine eigene und kann durchaus mit der berühmten Vorlage mithalten.
Wie bei Tolkien ist ein Underdog dazu auserkoren, das Böse aufzuhalten. Dabei führt ihn sein Weg in die Traumzone. Unterstützung erhält er dabei von den unterschiedlichsten Charakteren, die ihn bei seiner Aufgabe begleiten und beschützen sollen. Es geht darum, dass Böse aufzuhalten. Denn die Traumzone erschafft ihre eigenen Kreaturen. Und diese sind den Menschen nicht wohlgesonnen. Mit viel Liebe zum Detail konzentriert sich der Autor dabei auf die Beschreibung dieser Kreaturen, so dass man sich jede Figur plastisch vorstellen kann. Gleichzeitig hat der Autor mit der Traumzone eine Welt erschaffen, die in großen Teilen ihren eigenen Naturgesetzen unterliegt. Menschen, Tiere, Natur haben sich den bösartigen Gegebenheiten der Traumzone angepasst, leider nicht zu ihrem Vorteil.
"'Es gibt viele Arten von Kreaturen in der Traumzone, vielleicht mehr als außerhalb. Die so denke ich größte Gruppe bilden jene, die aus anderen Wesen entstanden sind, wie die grauen Männer. Nicht alles stirbt, was in die Grenzen der Zone gerät, vieles verändert sich oder überlebt in einer anderen Form. Einige dieser Kreaturen sind mit den Jahren gigantisch groß geworden, viel größer, als es ihnen unter normalen Umständen möglich gewesen wäre. ..'"
Die Welt, die Manuel Hirner beschreibt ist bösartig geworden.
Und durch diese Welt kämpfen sich der taube Junge Luctu und seine Gefährten. Dabei erleben sie unglaubliche Abenteuer, deren Ausgang aufgrund der Fremdartigkeit der Welt, in der sie sich bewegen, für den Leser nicht vorherzusagen ist. Das sorgt für ungeheure Spannung.

Die Protagonisten in diesem Buch sind natürlich der Junge und seine Gefährten. Dennoch lohnt es sich, einen Blick auch auf andere Charaktere zu werfen. Von Königen bis zu einfachen Leuten ist hier alles vertreten. Und das Zusammenspiel der Figuren ist dabei sehr komplex und ausgefeilt. Und wie es sich gehört, haben wir natürlich auch mindestens einen Schurken unter den Menschen. Wer das sein könnte, lässt sich nur vermuten. Denn scheinbar hat nahezu jeder Charakter in diesem Roman seine eigenen Geheimnisse, die es zu erkunden gilt.
Ein großes Ärgernis gab es allerdings für mich in diesem Roman: Wir erfahren nicht, wie die Geschichte um den tauben Jungen, der die Welt retten will, ausgehen wird. Denn die Geschichte hört sehr abrupt auf und schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Auch hier gibt es eine frappierende Ähnlichkeit zu der Tolkien-Trilogie. Nur, dass man bei Tolkien sicher sein konnte, dass die Geschichte zu Ende geschrieben wurde. Bei "Symphonie der Stille" bin ich mir nicht sicher und hoffe, dass die Geschichte weitergeht.

Fazit:
Dieser Roman ist unglaublich spannend und steckt voller kreativer Phantasie. Die Lektüre hat einfach nur Spaß gemacht, so dass mich die Ähnlichkeit zu anderen berühmten Fantasygeschichten in keinster Weise gestört hat. Was mich jedoch gestört hat, ist das offene Ende, das bei mir einen unfertigen Eindruck der Geschichte hinterlässt. Wo bleibt nur die Fortsetzung?

© Renie




Donnerstag, 28. Mai 2020

William Kent Krueger: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Quelle: Pixabay
In dem Roman "Für eine kurze Zeit waren wir glücklich" von William Kent Krueger tritt der Tod im Jahre 1961 in dem kleinen amerikanischen Städtchen New Bremen urplötzlich und ungewöhnlich häufig auf: als Mord, als Selbstmord, als Unfall.
Unmittelbar betroffen von den Todesfällen sind die beiden Brüder Frank Drum (13 Jahre, Ich-Erzähler) und sein jüngerer Bruder Jake. Ein bisschen viel Tod für Jungs in diesem Alter. Obwohl gerade diese beiden mit dem Tod häufiger in Berührung kommen. Denn ihr Vater, Nathan, ist der Pastor in diesem Ort. Dennoch sind sie nicht vorbereitet auf das, was die Kette an Todesfällen mit sich bringt. Ihre Welt in New Bremen ist auf einmal alles andere als in Ordnung.

Die Umstände dieser Todesfälle sind mehr als fragwürdig. Und wie das nun mal so ist, wenn Erwachsene und Kinder zusammenleben, wollen die Erwachsenen die Kinder vor den bösen Dingen in dieser Welt schützen. Aus falscher Rücksichtnahme halten sie sich den Jungs gegenüber bedeckt und möchten keine Informationen Preis geben. Doch sie haben die Rechnung ohne Frank gemacht. Er sucht nach Wahrheiten.
Quelle: Piper

"Die Stadt war mir fremd geworden, bei Nacht wirkte sie besonders bedrohlich, und ich radelte mit dem Gefühl durch die menschenleeren Straßen, dass überall ringsum Gefahr lauerte. Die unbeleuchteten Fenster waren wie dunkle Augen, die mich beobachteten. In den Schatten, die das Mondlicht warf, lauerte Schreckliches."
Frank lebt mit seiner Familie seit ca. 5 Jahren in New Bremen. In den letzten Jahren sind sie häufig umgezogen, je nach dem, für welche Gemeinde Vater Nathan zuständig  war. New Bremen liegt den Jungs am Herzen. Nicht zuletzt, weil ihre Mutter hier aufgewachsen ist und die Großeltern hier leben. Die beiden Jungs haben noch eine ältere Schwester, Ariel, die in Kürze aufs College gehen wird. Ariel hat das musikalische Talent ihrer Mutter geerbt. Sie setzt sogar noch einen drauf. Während die Mutter den örtlichen Kirchenchor leitet und für die Kirchenmusik zuständig ist, ist Ariel zu Höherem fähig. Man sagt ihr eine große Karriere als Musikerin und Komponistin voraus.
Die Kinder werden eng im christlichen Glauben erzogen. Der Beruf des Vaters dominiert das Familienleben. Doch Ruth, die Mutter, zweifelt. Sie ist nun mal die Frau des Pastors. Diese Rolle zwingt sie notgedrungen, sich dem Gemeindeleben zu widmen. Ich-Erzähler Frank beginnt ebenfalls zu zweifeln, als ein fürchterlicher Schicksalsschlag die Familie ereilt.
"Wird ein Verlust zur Tatsache, dann ist er wie ein Stein, den man in der Hand hält. Er hat Gewicht, Umfang, Konsistenz. Er ist fassbar, man kann ihn einschätzen, mit ihm umgehen. Man kann sich damit geißeln oder ihn wegwerfen."
Mit "Für eine kurze Zeit waren wir glücklich" hat der Amerikaner William Kent Krueger einen sehr vielschichtigen Roman gezaubert.
Es gibt viele unterschiedliche Aspekte dieses Romans, die unbedingt erwähnt werden sollten:
- Das Leben der Familie Drum unter dem Einfluss des Glaubens
Der Glauben der Familie wird auf eine harte Probe gestellt. Jedes einzelne Familienmitglied sieht sich angesichts der Todesfälle mit der Frage konfrontiert, ob es einen Gott gibt.
- New Bremen: Ein Ort mit Geschichte: 
Einige der Einwohner stammen von Indianern ab, gegen die vor zig Jahren Krieg geführt wurde. Die Vorbehalte der weißen Bevölkerung gegenüber ihren indianischen Mitbewohnern sind immer noch groß. Dementsprechend ist man schnell dabei, wenn es darum geht, die Schuld an den Todesfällen den Indianern zuzuschreiben.
- Die Nachwirkungen des 2. Weltkrieges
Viele der Männer New Bremens waren im Krieg; unter den seelischen Folgen haben viele heute noch in unterschiedlicher Ausprägung zu leiden: einige trinken, einige sind gewalttätig, einige wenden sich der Religion zu
- Familienzusammenhalt und Geschwisterliebe:
Der Alltag der Drums läuft unbeschwert ab, der Umgang der Familienmitglieder ist ein sehr liebevoller. Der Zusammenhalt ist extrem, wird aber brüchig als ein Schicksalsschlag  die Familie ereilt. Nicht nur der Glauben an Gott wird auf die Probe gestellt, sondern auch der Glauben an die Familie. Einzig die beiden Jungs schaffen es, aneinander festzuhalten. Sie sind sich mehr Freunde als Brüder. Und diese Freundschaft hält sie aufrecht.
- Ein literarischer Krimi
Kein Zweifel, dieser Roman ist ein literarischer Krimi. Bis zum Schluss bleibt offen, wer für die Kette der Todesfälle verantwortlich ist. Dabei werden im Verlauf der Handlung Geheimnisse aufgedeckt, die die Moral in New Bremen in Frage stellen. William Kent Krueger hat sich bisher als Krimi-Autor einen Namen gemacht. Mit "Für eine kurze Zeit waren wir glücklich" hat er sich ein neues Genre vorgenommen. Dennoch merkt man diesem Buch die schriftstellerische Vergangenheit des Autors an. Und das ist gut so. Denn "Für eine kurze Zeit waren wir glücklich" ist eine brillante Mischung aus fesselndem Krimi und anspruchsvoller Gegenwartsliteratur.

Samstag, 23. Mai 2020

Jeremy Tiang: Das Gewicht der Zeit


Quelle: Pixabay/Engin_Akyurt

Malaysia - ein Land von faszinierender Vielfalt, so zumindest wird dieser kleine Staat in Südostasien auf der offiziellen Tourismus Website des Landes angepriesen. Doch wie überall auf dieser Welt gilt auch hier: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Diesen Eindruck von Malaysia vermittelt der Roman "Das Gewicht der Zeit" von Jeremy Tiang. Der Autor ist in Singapur geboren und lebt in den USA.
In seinem Roman geht es um die Geschichte Malaysias und Singapur von den 50er Jahren bis in die Gegenwart.
Wir lernen ein geheimnisvolles Land kennen, das bis zur eigenen Unabhängigkeit im Jahre 1957 politischer Spielball diverser Länder war, u. a. Großbritannien, China, Japan, Indonesien, Thailand. Während eines in der Historie kurzen Zeitraums von nicht einmal 150 Jahren, haben diese Staaten vergeblich versucht, sich Malaysia zueigen zu machen. Die langjährige Präsenz dieser Länder und ihre Eigenheiten haben Spuren hinterlassen. Die Bevölkerung Malaysias setzt sich aus einem bunten Völkergemisch zusammen.
Malaysia gilt heutzutage ökonomisch und politisch als eines der stabilsten Länder Südostasiens. Doch das war nicht immer so.
Quelle: Residenz Verlag
"Was für einen Wert hatte Demokratie, wenn man nur zwischen mehr oder weniger schlechten Möglichkeiten wählen konnte?"
Jeremy Tiang erzählt die Geschichte von Malaysia am Beispiel von 6 Personen, denen jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet ist.  Er konzentriert sich dabei auf die Zeit zwischen den 50er und 90er Jahren. Auf den ersten Blick scheinen nur wenige dieser Protagonisten einen Bezug zueinander zu haben:
Jason: Vater und verlassener Ehemann, mittlerweile 76 Jahre; die Handlung um Jason spielt im Singapur der heutigen Zeit
Siew Li: Mutter und kommunistische Widerstandskämpferin; die Handlung um Siew Li spielt in den 50er Jahren
Nam Teck: Sohn, Automechaniker und Widerstandskämfer in den 60er Jahren
Revathi: Journalistin aus London mit malayischen Wurzeln, die sich in den 70er Jahren auf Recherchereise nach Malaysia begibt, um über ein Verbrechen an der Menschlichkeit aus dem Jahre 1948 zu recherchieren
Stella: Tochter, Cousine und Lehrerin, die in den 70er Jahren in Malaysia zu Unrecht inhaftiert ist
Henry: Sohn, Schriftsteller, Bruder und Freund, der in den 90er Jahren aus familiären Gründen nach Singapur reist
"Die Hitze war wie ein Schaufelschlag ins Gesicht, ein stumpfer Gegenstand, der auf ihren Körper einprügelte. Die Erinnerung kam zurück. Sie wappnete sich gegen die Temperatur, aber die feuchtigkeitgesättigte Luft erwies sich als unerwartet aggressiv .... Doch die Einheimischen schienen ungerührt, vermieden jede schnelle oder überflüssige Bewegung, gingen ihrem Alltag nach, als wäre dieses Land nicht ein einziger Backofen."
Wenn man in die einzelnen Handlungsstränge eintaucht, rätselt man, welche Verbindungen es zwischen den Charakteren gibt. Denn diese Verbindungen existieren. Nicht alle Protagonisten sind miteinander verwandt. Das wäre zu einfach. Und es ist meist nicht das Offensichtliche, das diese Charaktere miteinander verbindet. Daher steckt dieser Roman voller Überraschungen.
Gleichzeitig konzentriert sich der Autor auf die Geschichte des Landes und stellt die chaotischen politischen Entwicklungen dar, mit denen Malaysia und seine Einwohner zu kämpfen hatten. Dabei bekommt man den geschichtlichen Hintergrund nicht auf dem Silbertablett serviert. Denn Jeremy Tiang setzt beim Leser einiges an Hintergrundwissen voraus. Das macht er allerdings in einer Art und Weise, die nicht fordernd ist, sondern eher die Neugierde des Lesers anregt. Man will wissen, wer gegen wen und warum gekämpft hat, und wodurch Feindschaften, die einem in diesem Buch begegnen, entstanden sind. Die Geschichte Malaysias lässt einen also nicht los. Wissenslücken wollen geschlossen werden. Und wer kennt sich schon in der nötigen Tiefe mit der Geschichte Malaysias aus? Da hilft nur eins: Google und Wikipedia. Aber man sucht sich gern diese Hilfestellungen. Denn die Geschichten der Protagonisten sind einfach zu faszinierend, als dass man sie nicht in den politischen und historischen Kontext Malaysias einbinden möchte.
Dabei bedient sich Jeremy Tiang einer Sprache, die den Leser durch ihre Lebhaftigkeit durch das Buch eilen lässt. Die unterschiedlichen Schicksale und Geschichten der einzelnen Protagonisten gehen zunahe und verdeutlichen, wie sehr das Leben eines Einzelnen von der Willkür politischer Gruppierungen abhängig ist.
"Das ist der Vorteil des Älterwerdens: angesichts der Summe der erlittenen Verwundungen erscheint die einzelne Verletzung weniger bedeutend."
Fazit:
Ein fesselnder Malaysia-Roman, der nicht nur als Familienroman betrachtet werden darf, sondern gleichzeitig als historischer und politischer Roman. Die Geschichten und Schicksale der einzelnen Charaktere fügen sich zu einem bunt schillernden Gesamtbild zusammen. Am Ende des Romans bleibt folgender Eindruck: Malaysia scheint tatsächlich ein Land von faszinierender Vielfalt zu sein.

© Renie

Samstag, 9. Mai 2020

Frédéric Brun: Perla

"Mondaufgang am Meer" - Caspar David Friedrich
Der Roman "Perla" von Frédéric Bruns ist ein Buch über Liebe, Trauer und Schönheit.
Von dem Einband dieses Buches blickt mich eine wunderschöne Frau an. Sie hat ein bezauberndes Lächeln. Und dennoch strahlt ihr Blick eine Traurigkeit aus, die mir - noch bevor ich eine Seite in diesem Buch gelesen habe - zunahe geht.

Es ist Perla. Mutter des Autors.
"Perla, ich werde immer eine Mappe auf dem Rücken tragen, die Mappe eines Kindes, das zur Schule des Lebens aufbricht. Du packst mir immer noch etwas hinein. Eine Mutter ist unsterblich."
Quelle: Faber und Faber
Frédéric Brun hat mit diesem Roman ein Buch über seine Mutter geschrieben. Er beginnt ihn unmittelbar nach dem Tod von Perla. In Gedanken an das Leben mit ihr wird ihm bewusst, dass sie ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte vor ihrer Familie abgeschirmt hat: 1944 kam sie für sieben Monate nach Auschwitz. Und wie so viele Überlebende der Konzentrationslager sah Perla sich außer Stande, ihre Erinnerungen an diese Zeit mit anderen Menschen zu teilen - auch nicht mit ihrer Familie. 
"Perla verzichtete in ihrer Depression auf das Leben. Das war ihre Art, das Unverständnis über die Welt sichtbar werden zu lassen. Was gibt es nach Auschwitz noch zu erklären? Was ich davon in Erinnerung behalte, ist ihre Krankheit. Ich habe den Eindruck, dass sich meine Mutter so verständlich machen wollte, weil sie nicht fähig war, das Erlebte anders zu artikulieren, davon zu sprechen oder ein Buch darüber zu schreiben. Die Depression war umso vieles eindeutiger als alles reden. Sieben Monate in ihrem Leben bedeuteten letztendlich jahrzehntelange Qual. Wieviel benötigt ein Mensch, um ein anderes menschliches Wesen zu zerstören? Eine Woche, einen Tag, eine Stunde?" 
Um seiner Mutter auch nach ihrem Tod verbunden zu bleiben, begibt sich Frédéric Brun in die Vergangenheit und versucht zu verstehen, was mit Perla geschehen ist. Er stellt sich seine Mutter im Konzentrationslager vor, ihren Kampf ums Überleben, ihren Hunger, ihre Qual. Seine Gedanken werden ihm keine Erkenntnisse bringen, was ihr in diesen schrecklichen Monaten widerfahren ist. Über Mutmaßungen wird er nicht hinauskommen. Die Reise in Perlas Vergangenheit bringt ihn seiner Mutter Stück für Stück näher. Am Ende dieses Buches wird er mit der Trauer über den Verlust seiner Mutter leben können. Er wird anerkennen, dass Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verbunden sind, und dass Perla immer ein Teil von ihm und seinen Nachkommen sein wird.

In dem Buch "Perla" schildert also der Autor seine Gedanken über das Leben seiner Mutter, seinem eigenen Leben, dem Leben an sich. Das Buch ist dabei in mehrere Kapitel unterteilt, die sich auf einzelne Gedankengänge konzentrieren. Mit Ende eines Kapitels werden diese Gedankengänge unterbrochen und an anderer Stelle wieder aufgenommen.
Diese Gedankengänge sind
- Schilderungen über das Leben mit Perla, die unter Depressionen litt und sich in ihren düsteren Phasen aus dem Familienleben zurückzog
- Mutmaßungen über das Leben und den Alltag in Auschwitz
- Reflexionen über Frédéric Bruns Leben und den Einfluss seiner Mutter auf seine Entwicklung
- Gedanken zu den 4 Friedrichen der Romantik, deren Werke und Philosphie Wegbereiter für das  nationalsozialistische Gedankengut waren und - welch Ironie - gleichzeitig Inspiration für Bruns Schriftstellerei und sein Leben bedeuten: die Schriftsteller und Philosophen Schlegel, Novalis und Hölderlin sowie der Maler Caspar David Friedrich.

Frédéric Bruns Gedanken besitzen dabei eine Intensität und Tiefgründigkeit, die unter die Haut gehen. Von der ersten Zeile an wird in diesem Buch deutlich, welche Erschütterung Perlas Schicksal und ihr Tod für sein eigenes Leben bedeuten. Dabei verwendet er eine Sprache, die hochemotional und unfassbar poetisch ist.

In diesem Roman liegen Traurigkeit und Schönheit sehr dicht beieinander. Es ist nicht nur der Text, der berührt, sondern auch alte Schwarzweiß-Fotografien mit Motiven des Konzentrationslagers in Auschwitz. Demgegenüber stehen Abbildungen von Gemälden von Caspar David Friedrich. Somit treffen menschenverachtende Grausamkeit auf die wohltuende stille Schönheit, die Friedrichs Bilder ausstrahlen. Und Frédéric Brun stellt damit eine Frage, die sich wohl niemals beantworten lässt:
"Wie ist es möglich, dass Novalis, die deutschen Dichter und die Hitlergeneräle den gleichen Stammbaum haben?"
Fazit:
Der Titel diese Romans ist Programm. Denn dieses kleine Büchlein mit gerade mal 122 Seiten ist durch seine berührende Geschichte, seine tiefgründigen Gedanken und seinen  Abbildungen und Fotografien eine Perle von einem Buch. Hässlichkeit und Schönheit, Glück und Traurigkeit liegen dicht beieinander und machen dieses Buch zu einem ganz besonderen Leseschatz.

© Renie

Samstag, 25. April 2020

Christine Wunnicke: Nagasaki, ca. 1642

Quelle: Pixabay/xethrocc
"Kommt man in der einen Welt nicht auf seine Kosten, dann eben in einer anderen."
(aus "Candide oder der Optimismus" von Voltaire)

Einer, der in der einen Welt nicht auf seine Kosten kommt, und daraufhin sein Glück in der anderen Welt sucht und hoffentlich findet, ist Abel van Rheenen, ein Niederländischer "Dolmetsch".

Wir schreiben in etwa das Jahr 1642 und befinden uns in Nagasaki. Vor kurzem ist das Handelsschiff "Middelburg", das unter der Flagge der niederländischen Ostindien-Kompanie die Weltmeere umsegelt, hier eingetroffen. An Bord befindet sich Abel, ein junger Holländer, der die japanische Sprache einigermaßen beherrscht. Daher soll er bei den ersten Kontakten zu den Japanern als Übersetzer fungieren. Die Holländer haben ein Auge auf die kulturellen Errungenschaften sowie exotische Handelsware der Japaner geworfen. Je wertvoller und exotischer desto besser. Im Gegenzug wollen Sie ihre eigenen europäischen Waren in Japan an den Mann bringen. Unter dem Deckmantel der Völkerverständigung versuchen sie herauszufinden, welche Vorteile sie aus den Japanern herauskitzeln können. (Der Gedanke der Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen geisterte auch damals schon durch die Köpfe der Europäer.) Doch in den Japanern der Zeit um 1642 haben sie ihre Meister gefunden. Die gehen sehr clever mit den merkwürdigen Europäern um, geben nur ein Mindestmaß von sich Preis und halten die Europäer an der kurzen Leine, ohne dass ihnen dies auffällt. Doch einer von ihnen ist nicht auf den Kopf gefallen: Abel, der Dolmetsch. Er ist ein cleveres und neugieriges Kerlchen, das verstehen will, wie die Japaner "funktionieren". Seinen Lehrmeister findet er dabei in dem Samurai Seki Keijiro, aktueller Inspektor des Handelsstützpunkts in Nagasaki und bekannter japanischer Schwertkämpfer a. D.
Quelle: Kirchner PR/Berenberg
"Seit gut zwanzig Jahren hatte Keijiro keinen Haarschneider empfangen, da er dies, wie so vieles, nicht nötig hatte. Er trug seine Haare, wie Haare nun einmal wuchsen, und wenn alles ins Gesicht hing, drehte er einen neuen Knoten, und wenn sie zu lang wurden, schnitt er sie ab. Er sah aus wie ein Räuber. Und jung, sagten die Mägde. So gut erhalten, der edle Herr Seki, wie eingelegter Rettich. Kaum grau auf dem Kopf mit siebenundfünfzig Jahren, und steht da wie ein Birkenbaum, obwohl er immer nur sitzt."
Dieser Samurai ist ein sehr spezieller Charakter. Er ist faul. Jede überflüssige Bewegung kostet ihn Überwindung. Am liebsten hat er seine Ruhe. Er hat etwas von einer tyrannischen Diva. In seinem Haushalt, in dem er mit Frau, Schwiegervater und Bediensteten lebt, zittern die Menschen vor seinen Launen und versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen.
Sein Verhalten ändert sich, als er Abel begegnet. Der quirlige und neugierige Niederländer weckt sein Interesse und seine Lebensgeister. Denn er bietet Abwechslung zu seinem Alltag als pensionierter Samurai. Und so lernen sie gegenseitig voneinander. Denn wir haben es mit zwei Figuren zu tun, die sich zwar über die Merkwürdigkeiten der anderen Kultur wundern, aber wissbegierig genug sind, diese Eigenarten verstehen zu wollen.

Diese Geschichte erinnert mich an einen Schelmenroman im Stile eines "Der abenteuerliche Simplicissimus"(ET 1668; Autor: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen), der in etwa zur gleichen Zeit spielt wie Christine Wunnickes Roman. Tragik und Komödie liegen hier dicht beieinander. Generell scheint "Nagasaki, ca. 1642" eine Geschichte der Kontraste zu sein. die japanische Kultur trifft auf die europäische Kultur; Jung trifft auf Alt; Moral trifft auf "Unsittlichkeit" (gemessen an den damaligen moralischen Grundsätzen).
Christine Wunnicke schildert diese Kontraste mit einem Augenzwinkern. Ihre Charaktere bewegen sich dabei an der Grenze zur Skurrilität. Sie sind nicht ernst zu nehmen. Kraft ihrer Funktionen und Ämter wird ihnen zwar von ihren Mitmenschen ein gewisses Maß an Respekt gezollt, doch tatsächlich stolpern sie von einem Fettnäpfchen ins andere. Das ist sehr lustig und macht das Aufeinanderprallen der Kulturen zu einem großen Spaß.
"'Wer mag Huren nicht?', fragte Abel. 'Aber sie sind nicht unbedingt meine ... Benehmens-Bewunderungen, Nachahmungsangelegenheiten, meine ...'
'Vorbilder', seufzte der Inspektor." 
Mein Fazit:
Ein sehr originelles Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft, in dem das Aufeinanderprallen zweier Kulturen in sehr amüsanter Weise erzählt wird. Pointe folgt auf Pointe. Fettnapf folgt auf Fettnapf. Man kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus. Nur schade, dass dieses Buch nur etwas mehr als 100 Seiten hat. Von dieser Art humorvoller historischer Geschichte hätte ich einiges mehr vertragen können.
Leseempfehlung!

© Renie

Mittwoch, 15. April 2020

Antonio Moresco: Das kleine Licht

Quelle: Pixabay/Sonyuser

Ich kenne niemanden, der die Geschichte "Der kleine Prinz" von Antoine de St. Exupéry nicht mag. Spätestens bei dem Satz "Zeichne mir ein Schaf" bekommen die meisten einen verklärten Gesichtsausdruck vor lauter Rührung. Daher sind Titel und Buchbeschreibung von Antonio Morescos Roman "Das kleine Licht" für mich ein echter Marketing-Coup. Denn jedem, der von "Der kleine Prinz" angefixt wurde, wird auch dieses Buch ins Auge stechen. Titel und Buchbeschreibung sorgen dafür.
In "Das kleine Licht" lebt ein namenloser Ich-Erzähler in völliger Einsamkeit in einem verlassenen Bergdorf. Nachts beobachtet er auf der anderen Seite des Tals ein einzelnes Licht, dass jede Nacht zur selben Zeit angeht und die ganze Nacht brennt. Tagsüber erkennt der Mann auf die Entfernung, dass das Licht aus einer einzelnen Hütte inmitten der Wälder am gegenüberliegenden Berghang kommen muss. Den Mann, der die Einsamkeit gesucht und nicht erwartet hat, dass außer ihm menschliches Leben in den Bergwäldern existiert, lässt das Geheimnis um das Licht nicht los. Irgendwann macht er sich auf den Weg zu dieser Hütte. Er findet einen kleinen Jungen, der hier allein lebt und jede Nacht dieses Licht anzündet.
"Kein einziges Anzeichen menschlichen Lebens.
Erst als das Dunkel noch dicher wird und die ersten Sterne hell werden, scheint auf der anderen Seite der engen, steil abfallenden Schlucht auf einem flacheren, wie ein Sattel mitten in die Wälder eingegrabenen Stück des Bergzugs gegenüber jede Nacht, jede Nacht und immer zur gleichen Zeit unversehens ein kleines Licht auf."
An dieser Stelle endet jedoch die Ähnlichkeit zu "Der kleine Prinz". Denn ein Autor eines Kalibers von Antonio Moresco schreibt nun mal keinen Abklatsch. Und das ist gut so.

Der Roman erinnert an eine Dystopie. Wir erleben Zerstörung und Verfall. Die Orte sind verlassen, die Natur holt sich ihren Platz zurück. Die wenigen Menschen, mit denen der Ich-Erzähler in Berührung kommt, sind verwahrlost und scheinen ums Überleben zu kämpfen. Die Landschaft wird von Erdstößen heimgesucht. Unzählige Fragen tauchen auf, auf die es keine Antwort gibt: wer ist der Ich-Erzähler? Warum lebt er hier? Was ist die Ursache für den Verfall seiner Umgebung?
Und natürlich stellt sich die Frage, wie der kleine Junge in die einsame Hütte gekommen ist, ob sich jemand um ihn kümmert, und wie er allein zurechtkommt.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler begibt man sich auf die Suche nach Antworten. Und dabei zieht man gedankliche Kreise, die sich zunächst um den kleinen Jungen in seiner Hütte drehen, aber dann immer größer werden und sich schließlich mit dem menschlichen Sein auseinandersetzen. Nun muss man wissen, dass der Autor in seiner Heimat und darüber hinaus bekannt dafür ist, sich in seinen Büchern, mit existenziellen Fragen zu beschäftigen. In "Das kleine Licht" thematisiert er den Kreislauf des Lebens, wobei Moresco die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen lässt. Das hört sich kompliziert, vielleicht abgehoben an. Aber wenn man Moresco liest, muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Autor seine Leser zu gedanklichen Höchstleistungen herausfordert. Versüßt wird der gedankliche Kraftakt durch Morescos mikroskopische Sprache. Dabei lässt er Bilder entstehen, die an Präzision nicht zu überbieten sind und tatsächlich an einen Blick durch ein Vergrößerungsglas erinnern.
"Unentwegt sterben sie und entstehen sie neu und sterben sie wieder, jedes Ding in seinem eigenen Kreis des erschaffenen Schmerzes. Ihre Pflanzenzellen fahren fort, schweigend und verzweifelt zu kämpfen und sich zu vermehren und sich zu vervielfältigen, und so werden sie es weiterhin tun, auch wenn es die Menschen nicht mehr geben wird, wenn sie vom Angesicht dieses kleinen, in den Galaxien verlorenen Planeten verschwunden sein werden, es wird nur noch diese Drangsal der Zellen geben, die kämpfen und sich fortpflanzen, solange noch ein wenig Licht von unserem kleinen Stern ausgehen wird." 
Fazit:
Es ist nicht einfach, diesen Roman zu beschreiben. Die Geschichte wird mich durch ihre Rätselhaftigkeit noch eine Weile beschäftigen. Am Ende schwanke ich zwischen Ratlosigkeit und Faszination über die Einzigartigkeit dieser Geschichte. Denn eines ist sicher. Etwas Vergleichbares habe ich bisher noch nicht gelesen.

© Renie