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Sonntag, 19. Juni 2022

Louise de Vilmorin: Belles Amours

Die adelige Louise de Vilmorin war eine französische Schriftstellerin, deren Leben heutzutage genügend Stoff für einschlägige Klatschblätter, die sich mit den Promis dieser Welt befassen, liefern würde. Louise war mal mit Antoine de St.Exupéry verlobt, geheiratet hat sie jedoch einen US-amerikanischen Millionär (Ehe 1) und später einen österreichisch-ungarischen Playboy (Ehe 2). Man munkelt, dass sie daraufhin diverse Affären mit den unterschiedlichsten Männern des öffentlichen Lebens hatte, u.a. Charles de Gaulle. Auf ihrem Familienschloss ging die Elite der französischen Künstler ein und aus. Und dass Louise ihren Roman „Belles Amours“ niemand geringerem als Orson Welles gewidmet hat, kommt sicherlich auch nicht von ungefähr. 

Wie in fast all ihren Romanen erzählt Louise de Vilmorin in „Belles Amours“ eine Geschichte aus der Welt der französischen Reichen und Schönen der 50er Jahre. 

 

Diesmal geht es um eine junge Frau, die zum Objekt der Begierde für gleich zwei Männer wird. Begehrt wird sie zunächst von Louis Duville, um die 30 Jahre alt, Spross einer reichen Familie und Schürzenjäger. Die Jagd nach Schürzen findet zunächst ein jähes Ende, als sich Louis Hals über Kopf in eben jene Madame verliebt. In Rekordzeit wird sich verlobt, der Termin der Hochzeit steht bereits fest, doch in der Nacht vor dem glücklichen Ereignis, macht sich die Braut davon. Ein alter Freund der Familie Duville und Hochzeitsgast ist Louis in die Quere gekommen. Mit der Liebe scheint es also bei Madame nicht weit hergeholt zu sein, denn diese erliegt in kurzen Momenten des Kennenlernens dem Charme des über 20 Jahre älteren Argentinier M. Zaguirre. Die Dame wird zu Mme. Zaguirre und lebt von da an in der Abgeschiedenheit des argentischen Anwesens ihres Mannes. Innerhalb kurzer Zeit kommt  Langeweile auf. Und wie es sich für reiche Jetsetter gehört, wird schon bald wieder nach Europa gereist.

Schon beginnen die Irrungen und Wirrungen einer vermeintlich glücklichen Ehe und einer Frau, die nicht weiß, was sie will. Doch dafür wissen die Kreise der gehobenen Gesellschaft, in der man sich bewegt, umso besser, was eine Frau des Standes einer Mme. Zaguirre will. Während ihres Aufenthaltes in Europa wird Mme. Zaguirre auch wieder dem einst verschmähten Louis begegnen. Nur so viel: er kommt nicht von ihr los – vielleicht ist es auch Rache an dem „guten Freund“ der Familie. Und sie weiß immer noch nicht, was gut für sie ist.

 

Es geht in diesem Roman um Liebe bzw. das, wofür sie gehalten wird. Die Frau, die im Mittelpunkt der Handlung steht, ist ein Objekt der Begierde, das es zu besitzen gilt. Das Objekt lässt sich auf dieses Spiel ein. Denn stellvertretend für die Frauen ihrer Zeit und ihrer gesellschaftlichen Kreise steht für sie der Versorgungsgedanke im Vordergrund und die damit verbundene Angst, plötzlich ohne die nötigen Mittel dazustehen, um ihren luxuriösen Lifestyle aufrecht zu erhalten. Von dem Ruf einer Dame mal abgesehen.

Man kann Louise de Vilmorin eine scharfe Beobachtungsgabe attestieren. Schließlich war sie in eben diesen gesellschaftlichen Kreisen zuhause und wusste daher, wie das menschliche Miteinander in der High Society ihrer Zeit funktionierte.

Dabei erzählt sie diese Geschichte mit großer Leichtigkeit, viel Esprit und Amüsement. Sie schien zumindest über den Dingen zu stehen und behielt die Oberhand im Spiel zwischen Mann und Frau – glaubt man ihrer Biografie. 

 

Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen. Die Seiten flogen nur so dahin und ich fühlte mich in einen Hollywood-Film der 50er Jahre hineinversetzt, Cary Grant und Grace Kelly lassen grüßen.  

Leseempfehlung!


© Renie


Louise de Vilmorin: Belles Amours (Dörlemann Verlag)

Sonntag, 3. April 2022

Franck Bouysse: Rauer Himmel

Quelle: Polar Verlag
Eine trostlose und düstere Landschaft, eigenbrötlerische und verschlossene Charaktere, Familiengeheimisse und Tod. Die Geschichte „Rauer Himmel“ von Franck Bouysse ist ein Kriminalroman der Extraklasse, der nicht nur durch seine literarische Sprache besticht. 

Schauplatz ist ein fiktiver Ort in den französischen Cévennen im Winter: Les Doges - ein einsamer Ort, der aus zwei Höfen besteht, die von den beiden Protagonisten Gus und Abel bewohnt werden, die ich mir in keinem anderen Szenario als in dieser Trostlosigkeit vorstellen kann. Die beiden Männer sind eigenbrötlerisch, ihr Leben richtet sich nach der Natur und den Jahreszeiten, sie vermeiden den Kontakt zu anderen Menschen.
Gus und Abel gehen sich zur Hand, wenn Arbeiten auf den Höfen anfallen, die allein nicht zu bewältigen sind, verbunden mit einem anschließenden Gespräch bei einem Gläschen Wein. Ansonsten geht man sich aus dem Weg. Denn jeder ist sich selbst genug. Leben und leben lassen.
Eines Tages wird Gus durch einen Schuss und Schreie aus der Richtung des Hofes von Abel aufgeschreckt. Dieser Vorfall ist der Anfang einer Kette von Ereignissen, die die Beziehung der beiden Männer in den darauffolgenden Wochen verändern wird. Das Miteinander der Männer wird mit einem Mal von Misstrauen geprägt sein, sie werden sich belauern, in der Überzeugung, dass der andere etwas zu verbergen hat. Welche Geheimnisse im Verborgenen liegen, zeigt sich erst zum Ende des Romans, so dass der Leser ausreichend Gelegenheit haben wird, sich in eigenen Spekulationen zu versuchen.
"Den Toten vergibt man viele Dinge, auch Dinge, die wir nicht vergeben sollten."
„Rauer Himmel“ ist ein unglaublich spannender Roman. Der trostlose Schauplatz legt dabei gleich zu Anfang den Grundstein für den Aufbau einer unheimlichen Stimmung. Wo nicht, wenn an einem Ort, der dermaßen abgeschieden und trostlos düster ist, passieren schreckliche Dinge? Diese gruselige Atmosphäre begleitet den Leser bis zum Schluss. Bemerkenswert ist dabei die hohe Sprachqualität dieses Romans. Sätze und Formulierungen scheinen mit Bedacht gewählt zu sein und verbergen eine tiefere Bedeutung. Wenn man sich Zeit nimmt und sich auf diese Bedachtsamkeit einlässt, wird man von der Atmosphäre dieses Buches komplett vereinnahmt.
Das lässt ein Ende dieses Romans, das ein paar Fragen zu der Handlung und seinen Charakteren leider nicht beantwortet, leicht verschmerzen.
„Rauer Himmel“ ist daher für mich ein unglaublich fesselnder Kriminalroman und in seiner Gesamtheit ein literarisches Kunstwerk, das mich begeistert hat.

© Renie





Sonntag, 27. Juni 2021

Julie Estève: Ich, Antoine

Wer keine Freunde hat, außer einem alten Plastikstuhl und ein Diktiergerät, hat ein Problem mit anderen Menschen oder andere Menschen mit ihm.
Dieser Jemand ist Antoine, Protagonist des Romans "Ich, Antoine" der französischen Autorin Julie Estève. 

Der geistig behinderte Antoine ist in einem Dorf in Korsika aufgewachsen und hat den größten Teil seines Lebens hier verbracht. Immer war er der Dorftrottel. Die Menschen mochten ihn nicht, aber sie schenkten ihm viel Beachtung. Denn er war ein duldsames Opfer, das sich von ihnen bis aufs Blut quälen ließ. Und von diesen Quälgeistern gab es reichlich in diesem Dorf. Antoine kannte es nicht anders. Und das ist das nahezu Unerträgliche (für den Leser). Für Antoine waren die Verspottungen und Quälereien, das Normalste der Welt. Es gab nur sehr wenige Menschen, die nett zu ihm waren. Eine davon war Florence, ein junges Mädchen, das genau wie Antoine in diesem Dorf aufgewachsen ist. Eines Tages, in den 80er Jahren, verschwand sie und Jahre später erinnert sich Antoine an die Umstände ihres Verschwindens. Und darum geht es in diesem Roman.
Quelle: dtv
"Feinde geben dem Leben nen Sinn, wenn einem sonst keiner einfällt. Die einen haben die Schwarzen zum Feind, die anderen die Frauen, die nächsten die Araber, die Schwulen, die Juden oder diese Heinis aus Bastia, ich könnt jetzt ne endlos lange Liste aufzählen. Der Clou daran ist, Feinde sind immer andre Menschen. N Baum zum Beispiel kann nie der Feind sein. Ich hab zumindest noch nie gehört, wie jemand gesagt hat, mein größter Feind is n Feigenbaum!"
Es ist nicht einfach, Antoines Gedankengängen zu folgen. Denn seine Erinnerungen sind unsortiert, folgen keiner chronologischen Reihenfolge. Seine Sprache ist derb und einfach strukturiert - kein Wunder für einen Geistigbehinderten, der niemals gefördert wurde, wie man es in einer zivilisierten Gesellschaft der 80er Jahre erwartet hätte. Doch in dem Dorf in Korsika schlugen die Uhren anders. Feindseligkeit und Misstrauen prägten die Dorfgemeinschaft. Hier herrschte das Recht des Stärkeren und die Schwächeren blieben auf der Strecke. Wenn selbst Antoines eigener Vater meinte, dass so einer wie Antoine besser nie geboren wäre, ist klar, dass das Leben für unseren Protagonisten keine Möglichkeiten bereithielt.
"Mein Papa war gleich stinksauer auf mich. Hat gleich gemeint, dass ich n Mörder bin, er hätt mich mitm Kopfkissen ersticken sollen. Hab schon als Baby wie n Dorftrottel ausgeschaut, mein Kopf war schlicht überdimensional. Papa hat gesagt, es ist ne ganz schöne Strafe, wenn man so nen hässlichen Schwachkopf wie mich hat... Dass ich zwar ne Riesenbirne hab, aber trotzdem überhaupt nix drin ist."
Antoine erzählt scheinbar die Geschichte eines Verbrechens, denn die Umstände von Florences Verschwinden sind ungeklärt. Zwischen den Zeilen und durch winzige Andeutungen lässt sich erahnen, dass er mehr weiß, als er zunächst preisgibt. Erst nach und nach zeigt sich das ganze Ausmaß der Geschehnisse. Während sich also die Handlung entwickelt, ergeben sich für den Leser viele Verdächtigungen, von denen selbst Antoine nicht freigesprochen werden kann.
"Ich, Antoine" ist kein Wohlfühlbuch. An dieser Geschichte und seinem Protagonisten ist fast alles trostlos und hässlich. Aber gerade das hat für mich den Reiz dieses Romans ausgemacht. Bücher mit geistig behinderten Ich-Erzählern suggerieren immer ein liebenswertes Bild desjenigen ... zumindest war es bisher so bei denjenigen Büchern, die ich gelesen habe. Antoine ist nicht liebenswert. Er ist abstoßend und verlottert. Positive Emotionen und Mitgefühl sind ihm fremd, genauso wie der Dorfgemeinschaft, die ihm die Empathielosigkeit vorlebt. Antoine ist nicht liebenswert, aber als Opfer der Dorfgemeinschaft und angesichts seines trostlosen Lebens und seiner Chancenlosigkeit ist er definitiv bemitleidenswert.

Fazit:
"Ich, Antoine" von Julie Estève ist ein ungewöhnlicher Roman. Die Hässlichkeit und Trostlosigkeit, die in der Geschichte von Antoine verpackt sind, machen ihn zu einem Unwohlfühl-Buch. Aber gerade das macht für mich den Reiz dieses Buches aus. 
Leseempfehlung!

© Renie



Freitag, 22. Januar 2021

Colum McCann: Der Tänzer

Der Inhalt des Romans "Der Tänzer" von Colum McCann ist schnell und einfach zusammengefasst: Erzählt wird die Lebensgeschichte von Rudolf Chametowitsch Nurejew, der Ikone des klassischen Balletts. Er galt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als einer der besten Tänzer dieses Genres.
Doch so simpel sich diese Zusammenfassung des Inhalts anhören mag, umso spektakulärer ist das, was der irische Schriftsteller Colum McCann daraus gemacht hat.

Nurejew wurde 1938 in Sibirien geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Ufa, einer russischen Industriestadt. Hier nahm seine Ausbildung zum Balletttänzer ihren Anfang. Schnell war klar, dass Nurejew außergewöhnlich talentiert war. Es folgten in Kürze Engagements in Leningrad und Moskau sowie Auftritte im Ausland. 
Bei einem seiner Auslandsaufenthalte (1961, Paris) setzte er sich ab und beantragte politisches Asyl. Von da ab dominierte er die Welt des klassischen Balletts, machte sich jedoch nicht nur durch sein tänzerisches Können einen Namen. 
Quelle: Rowohlt
"Natürlich tanzte er perfekt: leicht und schnell, flüssig, mit gesammelter, beherrschter Form, doch da war noch etwas, das über das Körperliche hinausging - es war nicht nur in seinem Gesicht, seinen Fingern, seinem langen Hals, seinen Hüften, es war etwas Ungreifbares, etwas, das mit dem Kopf nicht zu erfassen war, eine kinetische Wildheit und Durchdrungenheit -, und als der Applaus erklang, emfpand ich geradzu ein wenig Hass auf ihn."
Der Ausnahmetänzer war für sein aufbrausendes Temperament und seine Arroganz berühmt berüchtigt. Er hatte den Ruf eines Exzentrikers, der in der Welt des Balletts und ihrem Orbit, Bewunderer um sich scharrte. Künstler, Politiker, Reiche und Schöne - alle suchten seine Nähe wie die Motten das Licht. Es gab jedoch nur sehr wenige Personen, die Nurejew an sich heranließ. Während er Menschen, die ihm nahe standen mit seiner Großzügigkeit überhäufte und in einer ungelenken Weise seiner Liebe zeigte, begegnete er allen anderen mit großer Verachtung. Es schien, als wollte Nurejew ausreizen, wie weit er mit seinem abweisenden und verletzendem Verhalten gehen konnte, bis seine Verehrer sich von ihm abwandten. Doch das geschah nie. Egal, welche Eskapaden sich Nurejew erlaubte, seine Gefolgschaft ließ es ihm durchgehen.
Nurejew starb im Alter von 53 Jahren (1993) an den Folgen von AIDS.

Colum McCann erzählt die Geschichte von Nurejew genauso virtuos, aber auch unberechenbar, wie sich der Tänzer zeitlebens präsentiert hat. Vom Anfang bis zum Ende - man weiß nie, was in diesem Roman als Nächstes passieren wird - selbst, wenn man glaubt die Lebensgeschichte Nurejews zu kennen. Es gibt unzählige Erzählperspektiven, u. a. mit wechselnden Ich-Erzählern. Diese Wechsel kommen unvorbereitet und sind lediglich an dem veränderten Sprachstil zu erkennen, der sich an dem jeweiligen erzählenden Charakter orientiert. Wer gerade erzählt, erschließt sich anhand des Inhalts des jeweiligen Abschnittes. Wir haben extrovertierte Charaktere, die nur so sprudeln vor lauter ausschweifender Erzähllust. Und es gibt die stillen, Introvertierten, die McCann nur sehr zögerlich erzählen lässt. Die Sprache wirkt reduziert. Die Wirkung dieser Textabschnitte entsteht durch das, was zwischen den Zeilen steht. 

Die erzählenden Charaktere sind Menschen, die dem Tänzer nahe standen, die also wichtig für den privaten Nurejew waren. Doch McCann lässt auch den Tänzer selbst zu Wort kommen. Dabei bestätigt Nurejew den Eindruck, den man durch die Schilderungen der anderen Charaktere von ihm gewonnen hat. Er gibt nur sehr wenig von seinem Innersten Preis. Doch das reicht aus, um seine Verletzlichkeit hinter der Fassade des arroganten Künstlers, der seinen Mitmenschen mit Verachtung begegnet, zu erkennen.
"Die französischen Kritiker sagen, dass Sie, wenn Sie tanzen, ein Gott sind.
Ich bezweifle das.
Sie zweifeln an den Kritikern?
Ich zweifle an den Franzosen.
(Allgemeines Gelächter)
Ich zweifle auch an den Göttern.
Wie meinen Sie das?
Ich würde sagen, die Götter sind so beschäftigt, dass ich und alle anderen ihnen scheißegal sind."
Neben den Perspektiven der verschiedenen Charaktere gibt es überraschende Einschübe über Aufzählungen, die Nurejews Kultstatus dokumentieren. Gleich zu Beginn gibt es eine Übersicht von Dingen sein, die Fans während seiner ersten Saison in Paris auf die Bühne geworfen haben. 
(z. B. russischer Tee, aus dem Louvre gestohlene Blumen, ein Nerzmantel, Mengen an Damenslips, erotische Fotos, Glasscherben, Todesdrohungen, Hotelschlüssel etc. etc.)
Diese Einschübe sind unterhaltsame Intermezzos. Denn man wundert sich, mit welchen Problemen und Problemchen sich ein Star herumschlagen muss.

"Der Tänzer" ist nicht nur als biografischer Roman zu verstehen. Denn die Handlung, die den Lebensweg Nurejew beschreibt, wird begleitet von der neuzeitlichen Geschichte Russlands. Nurejew ist 1961 aus der Sowjetunion geflohen. Seine Engagements im Ausland, die der russische Staat seinem prominenten Aushängeschild erlaubte, boten ihm die Möglichkeit sich abzusetzen. Die Menschen, die er in der Heimat zurückließ, rückten durch seine Flucht in den Fokus des Überwachungsstaats. Auch diese Menschen haben ihren Anteil an der Handlung in diesem Buch. Durch ihre Erzählung geben sie nicht nur wieder, welchen Einfluss sie auf Nurejews Entwicklung hatten sondern stehen auch stellvertretend für das Leben in der Sowjetunion in der Zeit vom 2. Weltkrieg bis hin zum Ende des Regimes.

Das Ende dieses Romans ist fulminant und hat mich tief berührt. Nurejew ist 1993 an den Folgen seiner AIDS Erkrankung gestorben. Diesem Roman nun einen Schluss mit den letzten Atemzügen Nurejews am Krankenbett zu schreiben, wäre zu einfach und zu leicht zu durchschauen gewesen. Colum McCann wählt ein Ende für seinen Roman, das einem Ausnahmekünstler wie Nurejew würdig ist. Gäbe es bei mir eine Rangliste der besten Schlussszenen in Romanen, stünde das Ende von "Der Tänzer" an erster Stelle und lange käme erstmal nichts. 

Doch bis man in diesem Roman am Ende angelangt ist, hat man erstmal das Lesevergnügen von knapp 460 Seiten Fabulierkunst vor sich: Die Geschichte eines beeindruckenden Künstlers auf beeindruckende Weise erzählt! Leseempfehlung!

© Renie


Freitag, 2. Oktober 2020

Elsa Koester: Couscous mit Zimt

Quelle: Pixabay/tinakirk
Romane mit schmackhaften Titeln wie "Der Duft von Apfeltarte, "Ein Sommer voller Himbeereis" oder "Koriandergrün und Safranrot" assoziieren appetitliche Geschichten voller Leichtigkeit. Nicht selten sind diese Bücher der Trivialliteratur zuzuordnen.
Daher war ich sehr erstaunt, im Programm der Frankfurter Verlagsanstalten, also einem Verlag, den ich als Garant für  anspruchsvolle Literatur kennen- und schätzen gelernt habe, den Titel "Couscous mit Zimt" zu entdecken. Diese Diskrepanz zwischen "verdächtigem" Romantitel und renommiertem literarischem Ruf des Verlags hat mich neugierig gemacht, weshalb ich meine Vorbehalte mutig über Bord geworfen habe. Und jetzt, nachdem ich diesen Roman gelesen habe, steht fest: Trivial ist der Roman "Couscous mit Zimt" von Ella Koester ganz sicher nicht.

Worum es geht:
Der Roman erzählt die Geschichte der Frauen der Familie Bellanger, etwa von den 50er/60er Jahren bis in die Gegenwart. 

1. Generation: Lucille, eine Französin, die mit ihrer Familie lange Jahre in in der französischen Kolonie Tunesien gelebt hat und nach der Unabhängigkeit dieses Landes wieder nach Paris zurückgeht und hier bis zu ihrem Tod im hohen Alter von 105 Jahren leben wird. Lucille wird von der Familie "Mamie" genannt.

2. Generation: Solange und Marie, Töchter von Lucille, die Mädchen sind in Tunesien geboren und haben hier die ersten Jahre ihres Lebens verbracht. Insbesondere Marie wird Tunesien ihr Leben lang als ihre Heimat ansehen.

3. Generation: Lisa, Tochter von Marie, ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mittlerweile ist sie Anfang 30. Sie hat eine enge Bindung zu ihrer Mutter Marie, die ihr viele Geschichten über ihre Kindheit sowie ihrer Familie erzählt. Über die Jahre hatte Lisa durch wenige Besuche in Frankreich nur sporadischen Kontakt zu ihrer französischen Großmutter Lucille. 
"Lisa hat nicht an den Geruch gedacht, denn natürlich, die Wohnung riecht nach Piment, Paprika und Zimt, gemischt mit abgestandenem Zigarettenqualm und modrigem Moschus, nach alter Frau in ungewaschenem Hauskleid mit Blümchenmuster. Natürlich, die Wohnung riecht nach Mamie."
Lisa soll nun die Wohnung ihrer Großmutter in Paris aufzulösen. Vor einiger Zeit ist diese im hohen Alter von 105 Jahren gestorben und hat diese Wohnung ihren beiden Töchtern Solange (Lisas Tante, die in der Nähe von Paris lebt) und Marie (Lisas Mutter) hinterlassen. Tante Solange hat sich nach dem Tod von Lucille sofort von ihrer Schwester auszahlen lassen. Daher ist die Pariser Wohnung nun in Maries alleinigem Besitz. Doch sie hat sich nie um diese Wohnung gekümmert. Nun ist sie selbst verstorben und hat ihrer Tochter Lisa die Aufgabe der Wohnungsauflösung in Paris überlassen.

Lisa reist also nach Paris. Hier wird sie mit Erinnerungen konfrontiert, die sowohl schön aber auch schmerzhaft sind. Die Frauen der Familie Bellanger waren und sind keine einfachen Menschen. Es ist offensichtlich dass das Familienleben bei jeder Generation Wunden hinterlassen hat.

Betrachtet man die ersten Kapitel dieses Romans, mag man jedoch zunächst nicht glauben, welche Konflikte die Frauen der Familie Bellanger austragen mussten. 
"Versteht das denn niemand, dass eine Frau es satthat, immer wieder wie ein Elefant durch die Gegend zu laufen, über neun Monate, um dann schon wieder jemanden an der Brust hängen zu haben, erst an der Brust und dann am Rockzipfel, über Jahre und Jahre? Wo gibt es das denn bitte sonst in der Natur, alle Tiere werden schneller selbstständig, einfach alle, nur diese kleinen Gören von Menschen nicht!" 
Der Einstieg in diesen Roman beginnt mit einem Kapitel, in dem die hochbetagte Lucille auf ihr Leben zurückblickt. Dabei präsentiert sie sich als eine Person, die zeitlebens ihre Frau gestanden hat, die selbstbewusst war und das Leben geliebt hat. Im Gegensatz zu vielen Frauen ihrer Generation hing ihr Lebensglück nicht vom Muttersein ab. Diese Einstellung macht sie sehr sympathisch. Trotzdem will man ihr die offen zur Schau gestellte Abneigung gegenüber Kindern nicht so recht abnehmen. Lucille scheint diesbezüglich Witze zu machen, die den Leser fröhlich einstimmen und ihn auf eine falsche Fährte locken. Nach diesem Einstieg in den Roman rechnet man mit einer Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt ein entspanntes und liebevolles Miteinander zwischen einer Mutter und ihren Töchtern steht. So wie sich Lucille dem Leser präsentiert hat, wird sie in dieser Familie zwar den Ton angeben. Doch da man sie als liebevolle Matriarchin einschätzt, gesteht man ihr dies gerne zu. 
Später wird sich dann herausstellen, dass der erste Eindruck nicht der richtige ist.

Die Erzählperspektive wechselt zwischen den Frauen der Familie Bellanger, maßgeblich kommen hier Enkelin Lisa und ihre Mutter Marie zu Wort. Die Perspektive von Lisa bewegt sich in der Gegenwart, unterbrochen von ihren Erinnerungen an die wenigen Besuche bei ihrer Großmutter sowie an die letzten Jahre mit ihrer Mutter Marie, die ihr Leben lang unter dem Einfluss ihrer Mutter Lucille zu leiden hatte. Maries Erinnerungen hingegen konzentrieren sich auf ihre  Kindheit in Tunesien und das Erwachsenwerden in Paris. Im Mittelpunkt steht dabei der Einfluss von Lucille, den diese ihr Leben lang auf Marie hatte. 

Dabei wird von Lucille ein völlig anderes Bild gezeigt, als jenes aus dem ersten Kapitel. Schenkt man den Erinnerungen von Marie Glauben, wundert man sich nicht, warum Marie ihr Leben lang mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Denn mit einer Mutter wie Lucille war es schwierig, als Tochter zu bestehen. 
"Sie war eine Lügnerin, hat sie gesagt. Lisa hat sie nicht verteidigt. Solange hat ihre Mutter angegriffen, und sie hat nichts gesagt. Weil sie sich nicht ganz sicher war. Vielleicht stimmt es ja. Lisas Mutter hat oft gelogen. Wenn sie getrunken hat, und sie hat oft getrunken oder Geschichten verdreht, und vielleicht hat sie diese Geschichte verdreht, fragen kann Lisa sie jedenfalls nicht mehr."
Es fällt nicht leicht, in diesem Roman Partei zu ergreifen. Denn auch Tante Solange gibt ihre Einschätzung über Mutter Lucille zum Besten. Zwar hat sie ihre Mutter als schwierig und eigenwillig in Erinnerung, hat aber dennoch eine völlig andere Sichtweise als ihre Schwester Marie, was die Mutter-Töchter-Beziehungen angeht. Die Wahrheit über Lucille und ihrem Verhältnis zu ihren Töchtern scheint also im Auge des Betrachters zu liegen.

Diese Thematik des Mutter-Tochter-Konflikts, in der die Autorin mit unterschiedlichen Sichtweisen spielt, hat mir ausgesprochen gut gefallen. 

Für mich hätte das konfliktgeladene Zusammenspiel der starken Frauencharaktere ausreichend Potenzial für einen herausragenden Roman gehabt. Doch die Autorin wollte scheinbar mehr, weswegen sie weitere unterschiedliche Themen in diesem Roman verpackt hat.

Einzig das Thema "Pieds Noirs" scheint für dass Zusammenspiel der Frauen Bellanger eine Rolle zu spielen. Unter "Pieds Noirs" versteht man französische Auswanderer, die in den damaligen Kolonien Tunesien, Marokko oder Algerien gelebt haben und später nach Frankreich zurückkehren mussten, so auch die Familie Bellanger. Durch die Unabhängigkeit der arabischen Länder in den 60ern, waren die französischen Kolonialisten nicht mehr erwünscht. Die Rückkehr nach Frankreich glich also einer Flucht. Und damals wie heute stoßen Flüchtlinge in der Gesellschaft auf Ablehnung.
"Ich frage mich, was das soll, Rückkehrer. Ich jedenfalls bin nicht zurückgekehrt, wenn du mich fragst, ich bin in Tunesien aufgewachsen, ich kannte gar nichts anderes, ..., ich bin in Tunesien geboren, und ich habe mich auch nie dazu entschieden, Tunesien zu verlassen und nach Frankreich zu gehen. Verschleppt wurde ich, meine Mutter hat mich aus meinem Heimatland nach Frankreich verschleppt."
Die Autorin schlägt einen Bogen zur heutigen Situation arabisch-stämmiger Flüchtlinge, mit der Lisa während ihres Aufenthalts in Paris konfrontiert wird. Diese Ähnlichkeit zwischen den sogenannten Pieds-Noirs-Familien und der heutigen Flüchtlingssituation lassen das Einbinden dieser Thematik in die Handlung also durchaus rechtfertigen. 

An dieser Stelle hätte die Autorin einen Schlussstrich ziehen sollen. 
Doch indem sie weitere gesellschaftspolitische und historische Themen aufgreift, welche die Handlung um die Frauen begleiten, lässt sie den Roman insgesamt überfrachtet erscheinen. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Mein Fazit:
Der Roman "Couscous mit Zimt" erzählt eine Familiengeschichte über 3 Generationen. Die Handlung wird dabei von den Konflikten, welche die weiblichen starken Charaktere zeitlebens geprägt haben, dominiert. Dieser Part des Romans hat mich gefesselt. Darüberhinaus greift die Autorin in ihrem Roman weitere gesellschaftskritische Themen auf, die für mich leider des Guten zuviel waren. Dieser Themen-Overflow hat meiner Begeisterung am Ende einen Dämpfer verpasst. 

© Renie


Samstag, 9. Mai 2020

Frédéric Brun: Perla

"Mondaufgang am Meer" - Caspar David Friedrich
Der Roman "Perla" von Frédéric Bruns ist ein Buch über Liebe, Trauer und Schönheit.
Von dem Einband dieses Buches blickt mich eine wunderschöne Frau an. Sie hat ein bezauberndes Lächeln. Und dennoch strahlt ihr Blick eine Traurigkeit aus, die mir - noch bevor ich eine Seite in diesem Buch gelesen habe - zunahe geht.

Es ist Perla. Mutter des Autors.
"Perla, ich werde immer eine Mappe auf dem Rücken tragen, die Mappe eines Kindes, das zur Schule des Lebens aufbricht. Du packst mir immer noch etwas hinein. Eine Mutter ist unsterblich."
Quelle: Faber und Faber
Frédéric Brun hat mit diesem Roman ein Buch über seine Mutter geschrieben. Er beginnt ihn unmittelbar nach dem Tod von Perla. In Gedanken an das Leben mit ihr wird ihm bewusst, dass sie ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte vor ihrer Familie abgeschirmt hat: 1944 kam sie für sieben Monate nach Auschwitz. Und wie so viele Überlebende der Konzentrationslager sah Perla sich außer Stande, ihre Erinnerungen an diese Zeit mit anderen Menschen zu teilen - auch nicht mit ihrer Familie. 
"Perla verzichtete in ihrer Depression auf das Leben. Das war ihre Art, das Unverständnis über die Welt sichtbar werden zu lassen. Was gibt es nach Auschwitz noch zu erklären? Was ich davon in Erinnerung behalte, ist ihre Krankheit. Ich habe den Eindruck, dass sich meine Mutter so verständlich machen wollte, weil sie nicht fähig war, das Erlebte anders zu artikulieren, davon zu sprechen oder ein Buch darüber zu schreiben. Die Depression war umso vieles eindeutiger als alles reden. Sieben Monate in ihrem Leben bedeuteten letztendlich jahrzehntelange Qual. Wieviel benötigt ein Mensch, um ein anderes menschliches Wesen zu zerstören? Eine Woche, einen Tag, eine Stunde?" 
Um seiner Mutter auch nach ihrem Tod verbunden zu bleiben, begibt sich Frédéric Brun in die Vergangenheit und versucht zu verstehen, was mit Perla geschehen ist. Er stellt sich seine Mutter im Konzentrationslager vor, ihren Kampf ums Überleben, ihren Hunger, ihre Qual. Seine Gedanken werden ihm keine Erkenntnisse bringen, was ihr in diesen schrecklichen Monaten widerfahren ist. Über Mutmaßungen wird er nicht hinauskommen. Die Reise in Perlas Vergangenheit bringt ihn seiner Mutter Stück für Stück näher. Am Ende dieses Buches wird er mit der Trauer über den Verlust seiner Mutter leben können. Er wird anerkennen, dass Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verbunden sind, und dass Perla immer ein Teil von ihm und seinen Nachkommen sein wird.

In dem Buch "Perla" schildert also der Autor seine Gedanken über das Leben seiner Mutter, seinem eigenen Leben, dem Leben an sich. Das Buch ist dabei in mehrere Kapitel unterteilt, die sich auf einzelne Gedankengänge konzentrieren. Mit Ende eines Kapitels werden diese Gedankengänge unterbrochen und an anderer Stelle wieder aufgenommen.
Diese Gedankengänge sind
- Schilderungen über das Leben mit Perla, die unter Depressionen litt und sich in ihren düsteren Phasen aus dem Familienleben zurückzog
- Mutmaßungen über das Leben und den Alltag in Auschwitz
- Reflexionen über Frédéric Bruns Leben und den Einfluss seiner Mutter auf seine Entwicklung
- Gedanken zu den 4 Friedrichen der Romantik, deren Werke und Philosphie Wegbereiter für das  nationalsozialistische Gedankengut waren und - welch Ironie - gleichzeitig Inspiration für Bruns Schriftstellerei und sein Leben bedeuten: die Schriftsteller und Philosophen Schlegel, Novalis und Hölderlin sowie der Maler Caspar David Friedrich.

Frédéric Bruns Gedanken besitzen dabei eine Intensität und Tiefgründigkeit, die unter die Haut gehen. Von der ersten Zeile an wird in diesem Buch deutlich, welche Erschütterung Perlas Schicksal und ihr Tod für sein eigenes Leben bedeuten. Dabei verwendet er eine Sprache, die hochemotional und unfassbar poetisch ist.

In diesem Roman liegen Traurigkeit und Schönheit sehr dicht beieinander. Es ist nicht nur der Text, der berührt, sondern auch alte Schwarzweiß-Fotografien mit Motiven des Konzentrationslagers in Auschwitz. Demgegenüber stehen Abbildungen von Gemälden von Caspar David Friedrich. Somit treffen menschenverachtende Grausamkeit auf die wohltuende stille Schönheit, die Friedrichs Bilder ausstrahlen. Und Frédéric Brun stellt damit eine Frage, die sich wohl niemals beantworten lässt:
"Wie ist es möglich, dass Novalis, die deutschen Dichter und die Hitlergeneräle den gleichen Stammbaum haben?"
Fazit:
Der Titel diese Romans ist Programm. Denn dieses kleine Büchlein mit gerade mal 122 Seiten ist durch seine berührende Geschichte, seine tiefgründigen Gedanken und seinen  Abbildungen und Fotografien eine Perle von einem Buch. Hässlichkeit und Schönheit, Glück und Traurigkeit liegen dicht beieinander und machen dieses Buch zu einem ganz besonderen Leseschatz.

© Renie

Sonntag, 24. November 2019

André de Richaud: Der Schmerz

Quelle: Pixabay/Fruehlingswiese
Bei der Suche nach Hintergrundinformationen zu dem Buch "Der Schmerz" des Franzosen André de Richaud  bin ich über eine gewagte Aussage gestolpert: Scheinbar war dieses Werk der Grund dafür, dass  Albert Camus Schriftsteller wurde. Man mag es glauben oder nicht. Aber meine Neugier auf diesen besonderen Roman war geweckt.
Die Zeitgenossen Camus und de Richaud waren etwa gleich alt. Beide kamen aus der Provence. Und beide waren Schriftsteller. Wurde Camus zu Lebzeiten als Schriftsteller gefeiert - 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur -, musste de Richaud zeitlebens mit der Missachtung seines schriftstellerischen Könnens zurechtkommen. Erst heute, etwa 50 Jahre nach seinem Tod, findet de Richauds Werk nach und nach Beachtung. Besser spät als nie. Denn wer "Der Schmerz" gelesen hat, wundert sich nicht, warum Camus hier seine Inspiration gefunden hat.

De Richauds Roman führt uns in ein französisches Dorf in der Provence, zur Zeit des 1. Weltkrieges. Die Männer mussten in den Krieg ziehen. Der Alltag zuhause wurde von Frauen, Kindern und Alten bestimmt. In diesem Dorf lebt die Kriegswitwe Thérèse Delombre zusammen mit ihrem kleinen Sohn Georget. Sie hat eine Sonderstellung in dem Dorf, war sie doch mit dem Dorfadeligen verheiratet. Als Frau einfacher Verhältnisse hat sie mit ihm eine gute Partie gemacht. Nun ist er tot. Der Krieg war für ihn schnell vorbei, sein Leben somit leider auch.
Quelle: Dörlemann
"Selbst in den Furchen der vernachlässigten Felder schienen sich mehr Steine anzusammeln. Waren auch sie aus Angst vor dem Kanonenfeuer in dieses milde, sonnige Land gekommen? Wer weiß. Jedenfalls bemächtigten sich hier nach und nach Pflanzen, Vögel und Steine des männerverlassenen Dorfes, während sich an der Front alle der neuesten Mittel bedienten, die der menschliche Erfindergeist hervorgebracht hatte."
Die verwitwete Thérèse widmet nun all ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung ihrem kleinen Sohn. Als Witwe eines Adeligen genießt sie den Respekt der Dorfbewohner - noch, muss man leider sagen.
Thérèse fühlt sich einsam. Sie ist eine Frau, die mitten im Leben steht,  und ihr fehlen Liebe und Romantik. So überschüttet sie Georget mit Zärtlichkeiten, die sie an anderer Stelle nicht loswerden kann. Bis zu dem Moment, wo sie sich auf einen deutschen Kriegsgefangenen einlässt. Die beiden haben eine Liebesaffäre. Die Verbindung ähnelt einer Zweckgemeinschaft. Das Körperliche steht im Vordergrund, Gefühle werden vorgegaukelt. Zumindest Thérèse glaubt eine Zeitlang an die Aufrichtigkeit dieser Gefühle.
Georget ist auf einmal das dritte Rad am Wagen. Er vermisst seine Monopolstellung im Gefühlsleben seiner Mutter, was ihm allerdings nicht wirklich bewusst ist.

Und eines Tages passiert das, was passieren muss: Das Geheimnis um die Liebesaffäre zwischen Thérèse und dem Deutschen wird aufgedeckt. Vergessen ist der Sonderstatus, den Thérèse als angeheiratete Adelige im Dorf hat. Denn sie hat sich mit dem Feind eingelassen. Eine Todsünde. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
"Er kannte kein anderes Gesicht als das seiner Mutter, das oft vor Tränen glänzte, er liebte die Einsamkeit und stille Spiele. An der Gesellschaft gleichaltriger Jungen fand er keinen Gefallen, vergnügte sich stundenlang mit Bändern und Spitze und fuhr sich genüsslich mit der Zunge über die Lippen, wenn seine kleinen, stets sauberen Hände über Samt und Seide glitten. Gewiss hätte der Hauptmann, wenn er ihn so gesehen hätte mit gesenktem Blick, die Augen bereits dunkel vor Besorgnis, gegen die Mütter gewettert, die ihre Söhne zu mädchenhafter Schüchternheit erziehen. Aber der Hauptmann war im Krieg gefallen, und seine Frau machte in diesem Moment zu ihrer eigenen Freude und ihrer eigenen Qual, den Buben, den er ihr geschenkt hatte, zum Ebenbild ihres eigenen ruhelosen und verstörten Wesens."
Die Besonderheit an diesem Roman ist das Zusammenspiel zwischen den beiden Protagonisten Thérèse und Söhnchen Georget.
Thérèse ist eine Mutter, die ihrer Mutterrolle entweder zu sehr oder gar nicht gerecht wird. Anfangs überhäuft sie Georget mit ihrer Liebe. Sie trifft bewusst die Entscheidung, die Liebe, die sie einem Mann nicht geben kann, auf Georget zu übertragen. Das ist pervers. Sie verzärtelt ihren Sohn, sie bindet ihn an sich, sie vereinnahmt ihn komplett. Sie wird sogar eifersüchtig, wenn sie seine Zuneigung plötzlich mit anderen Menschen teilen muss. Natürlich kann Georget ihr nicht das geben, was ihr ein erwachsener Mann geben kann. Und als der deutsche Kriegsgefangene auftaucht, ist Georget abgeschrieben. Thérèses Muttersein reduziert sich plötzlich auf ein notwendiges Mindestmaß. Sie ist auf einmal nicht mehr Georgets Vertraute. Und auch er muss lernen, Zuneigung zu teilen. Aber als Sohn seiner Mutter kommt er mit dieser Situation nicht zurecht. Als Kind versteht er auch noch nicht genau, was gerade passiert. Er ahnt jedoch, dass das Verhalten seiner Mutter nicht angemessen ist und gegen den dörflichen Kodex von Sitte und Moral verstößt.
"Thérèse Delombre ahnte, dass er ihr bei der ersten Verfehlung ein erbarmungsloser und grausamer Richter sein würde und spürte zugleich, dass sie am Rande eines Abgrunds stand."
Die Dorfgemeinschaft ist die Hüterin von Sitte und Anstand. Bemerkenswert ist die feindselige Stimmung, die in diesem Dorf vorherrscht. Fast scheint es, dass die Dorfbewohner darauf lauern, dass ein Skandal eintritt, der sie berechtigt, sich als moralische Instanzen hervorzutun. Als alleinstehende Frau hat Thérèse keine Chance. Da ist jeder Fehltritt ein gefundenes Fressen. Und wenn dann noch Neid ins Spiel kommt, ob der gesellschaftlichen Stellung von Thérèse ist die Schadenfreude nicht weit, natürlich unter dem Deckmantel der Moral.

De Richaud lässt kein gutes Haar an seinen Charakteren. Die Menschen im Dorf sind scheinheilig. Thérèse strotzt nur so vor Egoismus und Einfältigkeit. Sie versagt völlig in ihrer Verantwortung ihrem Kind gegenüber. Georget entwickelt einen ähnlichen Egoismus wie seine Mutter. Einzig ihm kann man noch ein wenig Mitleid entgegenbringen, ist er doch das Opfer seiner Erziehung.

Bleibt noch der unglaubliche Sprachstil von De Richaud zu erwähnen, dessen Poetik, insbesondere, was die Beschreibung der Natur, Umgebung und Stimmungen angeht, verzaubert. Er lässt Bilder im Kopf entstehen, die die menschlichen Abgründe, die man beim Lesen entdeckt, dann doch nicht gar so tief erscheinen lassen. Faszinierend!

Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 10. November 2019

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Quelle: Pixabay
"Darum geht es, um Sarah die Unbekannte, Sarah das ehrliche Mädchen. Sarah die zurückhaltende Dame, Sarah die Fantasiefrau, Sarah die bizarre Frau, Sarah die einsame Frau."

Eben nicht. In dem Roman "Es ist Sarah" der französischen Autorin Pauline Delabroy-Allard geht es nicht nur um Sarah, sondern um eine zerstörerische Liebe zwischen 2 Frauen, wovon eine ebendiese Sarah ist. 
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eine der beiden Frauen: alleinerziehende Mutter, Lehrerin, die eines Tages im Kreis von Freunden Sarah kennenlernt. Die Violistin Sarah kommt wie ein Wirbelwind in das Leben der jungen und zurückhaltenden Frau. Aus freundschaftlicher Zuneigung wird Liebe. Die beiden leben ihre Liebe, fernab jeglicher Konventionen. Denn sie haben genug mit sich allein zu tun. Da ist es schwierig, den Alltag in ihre Beziehung zu lassen. Dennoch lässt sich der Alltag nicht ignorieren. Insbesondere die Ich-Erzählerin spürt die Schwierigkeiten, Liebe, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen.
Sarah lebt und liebt mit einer Leidenschaft, die die beiden Frauen emotional an ihre Grenzen bringt. Nach etwa einem Jahr nimmt ihre Liebe zerstörerische Ausmaße an, die kaum noch zu ertragen sind.
Quelle: FVA
"Manchmal wird sie verrückt. Verrückt vor Wut, dann verrückt vor Kummer. Sie beginnt zu schreien, sie wirft sich auf mich, zerkratzt mir das Gesicht mit einem monströsen Ausdruck auf ihrem. Sie ist schlimmer als die Hexe aus dem Märchen. Sie wirft mir alles Mögliche vor, ihr die Zeit zu stehlen, ihre Jugend zu stehlen, ihr die Vorstellung zu stehlen, die sie von klein auf davon hatte, wie sie ihr Leben führen sollte. Sie sagt es nicht, aber ich höre es, es klingt in meinen Ohren, Diebin, Diebin, Diebin."
Dieser Roman wird in zwei Teilen erzählt. Der erste Teil behandelt die leidenschaftliche und zerstörerische Beziehung der beiden Frauen. Im zweiten Teil geht es um die Konsequenzen auf das Seelenleben der Ich-Erzählerin, die völlig aus der Bahn geworfen wird, mit allem bricht, was ihr im Leben wichtig war und an dem emotionalen Schmerz, der durch die Beziehung zu Sarah verursacht wurde, zugrunde geht.

Die Beziehung der beiden Frauen wird von Lust, Leidenschaft, Zerstörung und Schmerz bestimmt. Dies sind auch die Begriffe, die die Geschichte und den Sprachstil der Autorin dominieren. Der Text strahlt ebendiese Begriffe aus, angefangen von der ersten bis hin zur letzten Zeile. Die Handlung reißt den Leser mit, wobei sich die Emotionalität unweigerlich auf den Leser überträgt. 
Manch einem Leser mag dies zuviel Gefühl und Leidenschaft sein. Hinzu kommt die detailgetreue Beschreibung der erotischen Begegnungen der beiden Frauen. Doch für mich ergibt dies ein stimmiges Bild: Denn erzählt wird die Geschichte einer leidenschaftliche Liebe in all ihren Facetten, beschrieben in einer hochemotionalen Sprache.

Leseempfehlung!

© Renie

Mittwoch, 5. Juni 2019

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Quelle: Pixabay/Pavlofox
"Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde" - ein Ausspruch des französischen Autors Sorj Chalandon. Und was soll ich sagen: Man nimmt es ihm ab. Wenn man einen Roman von Sorj Chalandon liest, kann man spüren, dass dieser mit Blut und Tränen geschrieben wurde. So auch sein aktuelles Buch "Am Tag davor".

In diesem etwa 300 Seiten starken Roman bringt der Autor so einiges unter:
Es ist eine Geschichte über den Bergbau in Frankreich.
Es ist ein Justizroman.
Es ist ein Roman über Schuld und Sühne.

Der Roman beginnt im Jahr 1974, in Liévin, einem Ort im Norden Frankreichs. Hier regiert der Bergbau. Familien, die hier leben, sind vom Bergbau geprägt. Kaum ein erwachsener Mann, der nicht Untertage in die Zeche Saint-Amé einfährt. Auch wenn die Familie des 14-jährigen Michel Flavent (Ich-Erzähler) bis jetzt von der Landwirtschaft gelebt hat, unterliegt auch sie den Einfluss  des Bergbaus. Ein Onkel von Michel ist vor einigen Jahren bei einem Zechenunglück ums Leben gekommen. Nun findet Michels älterer Bruder Jojo eine Anstellung untertage. 
Quelle: dtv
"Um halb fünf aufstehen. Im Dunkeln das Haus verlassen, im Korb in den Berg einfahren wie Vieh im Käfig, stundenlang im Fels schürfen, überkopf, in einem schmalen Schlauch, liegend, inmitten von ohrenbetäubendem Lärm, ohne Schutzmaske, ohne Schutzbrille, ohne irgendeinen Schutz, ohne alles, was die Menschenwürde verlange."
Es passiert schließlich das, was passieren muss. Jojo kommt während eines Grubenunglücks mit 42 anderen Bergleuten ums Leben. Ein traumatisches Ereignis für die Familie. Michel kann den Tod seines Bruders nicht verarbeiten. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass kaum einer der Verantwortlichen für dieses Unglück zur Rechenschaft gezogen wurde. Vierzig Jahre später kehrt Michel unerkannt in die Stadt zurück. Er will Rache nehmen und denjenigen, der für den Tod seines Bruders und seiner Kumpel verantwortlich ist, töten.

Es fällt mir schwer, in Kürze diejenigen Dinge aufzuzählen, die mir an diesem Roman besonders gefallen haben:

Da ich seit gefühlten Ewigkeiten im Ruhrgebiet lebe, hat die Thematik "Bergbau" für mich einen besonderen Charme. In diesem Roman merkt man dem Autor den Journalisten an. Er hat akribisch recherchiert, entwickelt ein authentisches Bild des Zechenalltags und die Auswirkungen des Bergbaus auf die Menschen. Einen wesentlichen Beitrag zur Authentizität leistet dabei die Bergarbeitersprache in diesem Buch. Das Leben der Stadt wird von der Zeche dominiert. Man kann förmlich den Kohlenstaub fühlen, riechen und schmecken.
"Sie schaute nicht, sie sah. Ihr Blick aus einer anderen Welt. Die schreckliche Schönheit ihrer Augen. Kein Leiden in ihrem Gesicht. Die Stirn, die Hände entspannt, die Lippen verhinderten ihren letzten Atemzug. Sie sah mich an. Mit einem einzigen Wimpernschlag ermutigte sie ihren schwächlichen Kerl. So nahe sie dem Tod auch war, gab sie mir noch Glück und Kraft."
Der Protagonist Michel Flavent. Als er den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen will, ist Michel mittlerweile in den Fünfzigern. Und meine Güte, was hat der Mann sein Leben lang gelitten. Der Schmerz um den Verlust seines Bruders, zu dem er aufgeschaut hat, der ihm ein Freund und Vorbild war, verfolgt ihn. Michel hält es nach dem Tod seines Bruders zuhause nicht mehr lange aus. Er geht nach Paris. Und auch hier macht der Tod nicht vor den Menschen, die er liebt, halt. Es ist herzzerreißend, wie sehr Michel der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Lediglich die Idee, den Mann, der für den Tod seines Bruders verantwortlich ist, zur Rechenschaft zu ziehen, scheint sein einziger Antrieb im Leben zu sein.

Nun sollte man meinen, dass so viel seelischer Schmerz, wie er hier geschildert wird, der Geschichte eine melodramatische und pathetische Note verleiht. Doch weit gefehlt. Denn wir haben es bei Sorj Chalandon mit einem virtuosen Schriftsteller zu tun, dem jegliche Gefühlsduselei fremd ist. Stattdessen schafft er es, mit wenigen Worten Gefühle zu kreieren, die bis ins Mark gehen. Lesen mit Kloß im Hals, darauf muss man sich bei ihm einstellen. Das Unausgesprochene ist bei ihm entscheidend. Bei ihm steht ganz viel zwischen den Zeilen. Er macht nicht nur wenige Worte, sondern ist auch ein Freund kurzer Sätze, die er fast schon stakkatohaft zu Papier bringt. Das macht beim Lesen atemlos.

Mein Fazit:
Kloß im Hals, Atemlosigkeit, Gefühle, die bis ins Mark gehen. Ein unbeschreiblich gutes Buch von einem Ausnahme-Schriftsteller.

© Renie





Ein weiterer Titel, den ich von Sorj Chalandon gelesen habe:











Samstag, 26. Mai 2018

Jean-Gabriel Causse: Arthur und die Farben des Lebens

Quelle: Pixabay/Tulpenmeer
Rot steht für die Liebe, Grün für die Hoffnung, Blau für die Sehnsucht, Gelb für Neid, Grau für Weisheit etc. etc. etc. Die Symbolik der Farben lernen wir von Kindheit an. Jeder hat mindestens eine Lieblingsfarbe. Farbe ist immer irgendwo und irgendwie vorhanden. Farbe kann unterschiedlich wahrgenommen werden. Man kann Farbe sehen, fühlen, schmecken und hören - das behauptet zumindest das "Comité Français de la Couleur" - eine französische Vereinigung, die sich mit der soziologischen, kulturellen, historischen und industriellen Bedeutung von Farben befasst sowie deren Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Welche Bedeutung Farbe für den Menschen hat, merkt man spätestens dann, wenn die Farbe einfach verschwunden und alles nur noch in Grautönen sichtbar ist - wobei Grau auch eine Farbe ist, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

Jean-Gabriel Causse, der Autor des Romanes "Arthur und die Farben des Lebens", ist ein Farbspezialist. Er ist als Farbdesigner in der Modebranche tätig und darüber hinaus Mitglied besagter "Comité Français de la Couleur". In seinem Roman behandelt er das Thema einer farblosen Welt auf sehr charmante Weise.
"In den Nachrichten wird über die Ausschreibung eines Wettbewerbs berichtet. Es geht um den Entwurf für eine neue französische Fahne, damit sie nicht länger mit der von Italien, Belgien, Irland und anderen Ländern verwechselt wird." (S. 97)
Quelle: C. Bertelsmann
Eine der Besonderheiten dieses Romanes sind die Protagonisten, allen voran Arthur. Der junge Mann mit der Figur eines Rugbyspielers ist tief gesunken. Ein intellektuelles Elternhaus, eine hervorragende Schulbildung, sein gutes Aussehen machten Arthur das Leben zunächst leicht. Alles, was er anfasste gelang. Mit 30 Jahren zeigt seine Erfolgskurve jedoch abwärts. Sein Alkoholkonsum, bei dem er noch nie besonders zurückhaltend war, wirft ihn aus der Bahn. Binnen kurzer Zeit verliert er alles, was er sich aufgebaut hat, inklusive seines Jobs. Seine anhaltende Arbeitslosigkeit lässt ihn mittlerweile nicht mehr zimperlich sein, was die Wahl seiner Einkommensquelle angeht. So landet der ehemalige Starvertriebler eines Startup-Unternehmens in einer alten Buntstiftfabrik in einem Pariser Vorort, die jedoch nach kurzer Zeit mangels Nachfrage den Betrieb schließen muss.

Im Haus gegenüber von Arthurs Wohnung lebt Charlotte mit ihrer kleinen Tochter Louise. Charlotte ist blind und arbeitet als Radiomoderatorin. Sie ist Spezialistin für Farbe und ihre Radiosendungen zu diesem Thema sind sehr beliebt. So gut wie keiner weiß, dass sie blind ist. Wer würde einer Blinden schon ihre Expertise über Farben und deren Bedeutungen abnehmen. Doch Charlotte ist eine Synästhetikerin. Sie ist in der Lage, unterschiedliche Wahrnehmungsbereiche zu koppeln. Sie nimmt Farbe nicht über das Sehen wahr, sondern empfindet sie als eine Mischung aus Duft und Geschmack.
"'... Orange zum Beispiel riecht süß wie die Frucht, aber sein Geschmack ist sauer. Gelb ist noch saurer, wenn es sich um Zitronengelb handelt, aber es kann auch fein sein wie ein Eigelb und nach Narzissen oder Ginster duften. Weiß schmeckt wie Milch oder Hähnchen, und sein Geruch ist der von Kokosnuss oder manchen Orchideen. Schwarz duftet nach Lakritz und Kaffee, aber manchmal riecht es auch wie verbrannte Reifen oder angebranntes Essen.'" (S. 187 f.)
Ajay, ein indischer Taxifahrer in New York, ist ebenfalls Synästhetiker. Er kann Farbe sehen, nimmt sie aber intensiver über das Gehör wahr. Bei ihm gibt es eine Verbindung zwischen der Wellenlänge der Farben und der Töne.
Die Geschichte spielt hauptsächlich in Paris. Eines Morgens sind die Farben verschwunden. Den Anfang hat Gelb gemacht, was jedoch zunächst nicht weiter schlimm ist. Denn wer braucht schon gelb. Da gibt es wichtigere Farben. Doch der Farbschwund macht auch vor dem Rest der Farbpalette nicht halt. Und die Welt befindet sich fortan in einem grauen (oder besser: Grauen erregenden ;-)) Zustand.

Der Plot an sich ist schon faszinierend. Noch faszinierender ist jedoch, was der Autor Jean-Gabriel Causse daraus macht. Er bezaubert durch eine märchenhafte Handlung: Louise, die Tochter von Charlotte, hat eine Gabe, die die Farben nach und nach wieder zurückbringen. Dabei bedient sie sich spezieller Buntstifte, die leider nicht mehr hergestellt werden und daher nur sehr schwer zu bekommen sind - insbesondere, wenn die chinesische Mafia ebenfalls hinter diesen Stiften her ist. Und mit jedem Buntstift, der sich findet, bekommt die graue Welt einen weiteren Farbkleks.
"'... Farben können uns begeistern, uns überraschen, uns trösten, uns neue Energie schenken, uns entspannen, uns rühren, uns kreativer machen und dadurch auch auf unser Umfeld ausstrahlen. Denkt nur daran, wie froh es euch macht, wenn euch jemand Blumen schenkt und ihr aufmerksam ihre Farben betrachtet.'" (S. 277)
Jean-Gabriel Causse erzählt diese Geschichte mit viel Leichtigkeit. Dank seiner quicklebendigen Phantasie fühlt man sich an eine Kindergeschichte erinnert. Ihm gelingt dabei das Kunststück, Leichtigkeit mit Tiefsinn in Einklang zu bringen. Seine Geschichte hat dabei fast schon philosophische Ansätze und regt zum Nachdenken an. Insbesondere diejenigen Momente, in denen Causse die Auswirkungen der Farblosigkeit auf das Leben inszeniert, sind sehr intensiv.

Fazit:
Ein verzaubernder Roman, der die "Farben des Lebens" intensiv leuchten lässt. Leseempfehlung!

© Renie





Über den Autor:
Jean-Gabriel Causse, geboren 1969, ist Mitglied des "Comité Français de la Couleur". er ist als Farbdesigner u.a. in Japan tätig und lebt in Paris und Tokio. Sein Buch Die unglaubliche Kraft der Farben (Hanser, 2015) war ein internationaler Bestseller. (Quelle: C. Bertelsmann)

Freitag, 29. Dezember 2017

Gaël Faye: Kleines Land

Quelle: Pixabay/teetasse
In seinem autobiografischen Roman "Kleines Land" beschreibt der Autor Gaël Faye seine Kindheit in Burundi, einem der kleinsten Staaten Afrikas.
Mit einer Fläche von gerade mal 27.834 Quadratkilometer ist dieses Land kleiner als Nordrhein-Westfalen (34.110 Quadratkilometer), hat aber die größeren  Probleme: eine hohe Kindersterblichkeitsrate, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 56 Jahren, rivalisierende Bevölkerungsgruppen, Bürgerkriege. Amnesty International, Human Right Watch und Unicef sehen die Lebensverhältnisse in Burundi als problematisch an. Nicht zuletzt die Kinder, sind die Leidtragenden in diesem Kleinen Land: Ausbeutung und Missbrauch von Kindern gehören zum Alltag dazu. Kinder als billige Arbeitskräfte, Kinder als Prostituierte, Kinder als Soldaten.
Doch es gibt auch Kinder in Burundi, die ihre Kindheit genießen können - zumindest bis ihnen der nächste Bürgerkrieg einen Strich durch die Rechnung macht. Eines dieser Kinder ist der Hauptprotagonist dieses Romans - Gabriel, genannt Gaby.
"Die Menschen in dieser Gegend waren wie die Erde. Hinter scheinbarer Ruhe, einer lächelnden Fassade und großen optimistischen Reden waren beständig dunkle, unterirdische Kräfte am Werk, um Gewalt und Zerstörung freizusetzen, die in wiederkehrenden Perioden durchs Land fegten wie tückische Winde: 1965, 1972, 1988. Ein böser Geist schaute regelmäßig vorbei, um die Menschen daran zu erinnern, dass Friede nur ein kleines Intervall zwischen zwei Kriegen ist." (S. 116 f.)
Quelle: Piper
Gaby hat seine Kindheit in seinem eigenen kleinen Land verbracht. Er lebte mit seiner Familie in einer Sackgasse in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. In dieser Sackgasse war die Welt noch in Ordnung. Kinder, die hier aufwuchsen, waren privilegiert. Ihre Eltern waren wohlhabend und konnten sich und ihren Familien ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Gabys Vater war Franzose, seine Mutter kam aus dem benachbarten Ruanda. Die Kinder, die in dieser Sackgasse lebten, waren dicke Freunde. Sie hatten viel Spaß miteinander und machten natürlich auch viel Blödsinn. Sie lebten in einem geschützten Kokon. Die Jungs bekamen zunächst nicht viel von den Problemen mit, die in Burundi bzw. im Nachbarland Ruanda herrschten. Doch irgendwann war Schluss mit der Idylle. Der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen Hutu und Tutsi, der im Genozid an den Tutsi gipfelte, machte auch vor Burundi nicht halt. Gabys Mutter machte sich auf die Suche nach ihren verschollenen Angehörigen in Ruanda. Der Vater blieb mit seinen Kindern (Gaby und dessen Schwester Ana) zurück. Als Gefahr und Terror in Burundi immer größer wurden, entschloss er sich, die Kinder nach Frankreich zu schicken.
"Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, ist für sein Leben verseucht." (S. 188)
Etwa 20 Jahre später erzählt Gaby die Geschichte seiner Kindheit. In Frankreich fühlt er sich entwurzelt, hat Sehnsucht nach seiner Heimat und will wieder zurückgehen. Der Roman endet schließlich mit der Rückkehr von Gaby nach Burundi.

Die Stimmung, die in diesem Roman vermittelt wird, ist eine Mischung aus Unbeschwertheit und tiefer Traurigkeit. Der Autor Gaël Faye schildert eine Kindheit, die an Lausbubengeschichten erinnert. Die Welt ist in Ordnung, die Kinder haben Spaß, der eine oder andere Streich gehört zum Kindsein dazu. Doch in dem Moment, wo sich die Auswirkungen des Bürgerkrieges auf die Kinder zeigen, nimmt die tiefe Traurigkeit in diesem Roman zu. Der Ich-Erzähler Gaby spürt, wie seine heile Welt zerbricht. Die Anzeichen machen ihm Angst. Er spürt, dass seine Kindheit ein abruptes Ende nehmen wird. Der Sprachstil des Autors tut sein Übriges dazu. Mit seinen leisen Tönen versteht er es, den Leser zu berühren. Gaël Faye hat die Angewohnheit, die einzelnen Kapitel mit einem bedeutungsschwangeren Satz enden zu lassen. Das sind Sätze, die andeuten und nachhallen. Die Wirkung, die er damit erzielt ist eine tiefe Betroffenheit beim Leser. Die Traurigkeit, die Gaby ausstrahlt ist dadurch nahezu körperlich spürbar.
"Ich hatte keine Erklärung für den Tod der einen und den Hass der anderen. Vielleicht ist das Krieg: wenn man nichts versteht." (S. 200)
Fazit:
"Kleines Land" ist ein Buch, das mich durch die Intensität der Gefühle, die vermittelt werden, gefesselt hat. Der Autor Gaël Faye schafft es, Unbeschwertheit und Traurigkeit miteinander in Einklang zu bringen. Es gibt Passagen in diesem Roman, die liest man mit einem Lächeln. Andere wiederum machen tief betroffen. Ein großartiges Buch, das ich gern weiterempfehle.

© Renie


Über den Autor:
Gaël Faye, 1982 in Burundi geboren, wuchs als Kind einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters auf, bevor er 1995 als Folge des Bürgerkriegs nach Frankreich flüchten musste. Nach dem Ende seines Wirtschaftsstudiums arbeitete er zwei Jahre als Investmentbanker in London, bevor er nach Frankreich zurückkehrte, um dort als Autor, Musiker und Sänger zu arbeiten. Sein erster Roman »Kleines Land« war nominiert für den Prix Goncourt und erhielt unter anderem den Prix Goncourt des Lycéens. (Quelle: Piper)