Mittwoch, 16. August 2017

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Quelle: Pixabay/Natfot
Charles Darwin (1809 - 1882) und Karl Marx (1818 - 1883) haben sich nie persönlich kennengelernt. Eigentlich merkwürdig. Denn sie wohnten während ihrer letzten Lebensjahre lediglich um die 32 km voneinander entfernt. Ok, das ist keine Entfernung für einen Spaziergang, aber mit einer Pferdekutsche durchaus machbar, um einem Kollegen seine Aufwartung zu machen. Haben sie aber nicht. Oder etwa doch? Der Titel des Romans "Und Marx stand still in Darwins Garten" ist daher eine charmante Idee zu einem Treffen, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, aber hätte stattfinden können. Die Autorin Ilona Jerger lässt die beiden Persönlichkeiten zusammenkommen. Entstanden ist ein Roman, der amüsant, philosophisch und berührend ist. Ein Roman, ganz nach meinem Geschmack!

Charles Darwin, der brillante Naturwissenschaftler, der in seinem Leben die Welt umsegelt hat, unbekannte Arten entdeckt und erforscht hat, mit seiner Arbeit die Entwicklung der Evolutionstheorie maßgeblich geprägt hat und natürlich etliche Bücher geschrieben hat (u. a. "Die Entstehung der Arten"), ist in seinem letzten Lebensabschnitt angekommen. Jetzt, im Alter von 72 Jahren, lässt seine Gesundheit nicht mehr zu, dass der ewig wissensdurstige Darwin in der Welt umherzieht. So lebt er mit seiner Frau Emma in einem Vorort von London und widmet sich hier seinen Forschungen. Sein bevorzugtes Forschungsobjekt ist derzeit der Regenwurm. Darwin leidet unter Schlaflosigkeit und den Dingen, die einem 72-jährigen Körper zu schaffen machen. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, seine Forschungen mit der gleichen Leidenschaft zu betreiben wie in jüngeren Jahren. Mehrmals in der Woche erhält Darwin Besuch von seinem Arzt, Dr. Beckett, der sich um die Gesundheit des weltberühmten Naturwissenschaftlers kümmert.
"Charles tastete nach den Streichhölzchen, zündete die Kerze auf dem Nachttisch an, schaute auf seine Taschenuhr und war wieder einmal untröstlich, dass er damals die goldene Uhr seines verehrten Herrn Papa für einen Billardtisch verhökert hatte. Sofort versuchte er derlei Gedanken über Verhaltensweisen, die in der Vergangenheit lagen und die man naturgemäß nicht mehr ändern konnte, an ihrer Ausbreitung zu hindern. Denn hatten sie einmal die Gelegenheit bekommen, ihre deprimierende Wirkung in allen Gliedern zu entfalten, war es schwer, zu einer schöneren Sichtweise des Lebens zurückzufinden." (S. 11)
Quelle: ullstein
Dr. Beckett zählt eine weitere Berühmtheit zu seinen Patienten: Karl Marx, persona non grata in seinem Heimatland, ist er in Großbritannien im Exil gestrandet, wo er sich der Fortsetzung seines berühmten Werkes "Das Kapital" widmet. In Großbritannien macht man sich lustig über den Antikapitalisten. Seine Theorien sind schwer verständlich. In "Das Kapital", Band 1, hat er sich in seinen leidenschaftlichen Gedanken verzettelt. Kaum einer, der das Buch gelesen und verstanden hat. Auch Darwin und Dr. Beckett konnten bisher mit dem Marxschen Gedankenwirrwarr nicht viel anfangen. Aus einer Laune heraus, wird Marx zum Abendessen im Hause Darwin eingeladen, wo es zu einem sehr interessanten und emotionalen Streitgespräch kommt, an dem Darwins Ehefrau Emma einen großen, fast schon feindlichen, Anteil hat. Marx sieht Gemeinsamkeiten zwischen seiner kommunistischen Lehre und der Evolutionstheorie von Darwin. Ein gemeinsamer Nenner ist für ihn die Ablehnung der Religion und die Verleugnung Gottes. Die religiöse Emma ist eine erbitterte Gegnerin und bietet dem prominenten Wissenschaftler Paroli. Und am Ende des Abends steht Marx "still" und nachdenklich "in Darwins Garten".

Charles Darwins Abkehr von der Religion ist ein wunder Punkt im Zusammenleben mit seiner Frau Emma. Sie ist ein hartnäckiger Gegner im Streit um den wahren Glauben: protestantisch, regelmäßige Kirchgängerin, die gern den Pfarrer der Gemeinde im Hause Darwin ein- und ausgehen lässt. Sie glaubt an ein Leben nach dem Tod. Der Gedanke, dieses Leben ohne ihren geliebten Charles verbringen zu müssen, weil er ein Leben nach dem Tod leugnet, sorgt für einige Diskussionen bei den Darwins.

Unvergleichlich sind die scharfsinnigen Dialoge in diesem Roman. Dabei präsentiert sich Darwin als ein humorvoller älterer Herr, der immer wieder Spaß daran hat, seine Thesen mit Vehemenz zu vertreten. Als Leser verbringt man gern viel Zeit mit Darwin. Durch seine Schlaflosigkeit gibt er sich Gedanken und Erinnerungen hin, die einen Mann zeigen, der ein ungewöhnliches Leben geführt hat und der von einem großen Teil der Welt unverstanden ist. Viele sehen in ihm den Atheisten. Doch beim näheren Hinsehen stellt sich heraus, dass er noch lange nicht der Religion abgeschworen hat, wie ihm viele unterstellen und dafür hassen. In Wirklichkeit ist Charles Darwin ein Ungläubiger, bestenfalls ein Agnostiker. Bloß weil er nicht mehr an Gott glaubt, heißt es noch lange nicht, dass es diesen nicht gibt.
"'... Gesetzt den Fall, es gibt einen Gott, welche Rolle spielt er dann bei der Evolution? Könnte es nicht sein, dass sich Gott statt in Wundern in Naturgesetzen äußert?'" (S. 223)
Viele Szenen in diesem Buch haben mich schmunzeln lassen, wozu der saloppe Sprachstil der Autorin Ilona Jerger einen großen Anteil hat. Fast im Plauderton präsentiert sie dem Leser die letzten Schaffensjahre eines genialen Wissenschaftlers. Sie geht auf seinen Versuch ein, Beruf und Privat in Einklang zu bringen. Seine Experimente haben ihren Weg in das Heim der Familie Darwin gefunden, manchmal sehr zum Leidwesen von Emma, die sich am Ende jedoch aus Liebe zu ihrem Charles mit seinen Regenwürmern, Käfern, Saubohnen etc. arrangiert.
"Selbst Emma, die ein Leben lang Versuche nicht nur in der Küche, sondern auch im Esszimmer hatte erdulden müssen, schloss die Tiere in Herz, was auch daran lag, dass der Regenwurm von Experiment zu Experiment mehr Persönlichkeit preisgegeben und schließlich sogar einen ausgeklügelten Intelligenztest bestanden hatte." (S. 34)
Marx wird bei Ilona Jerger zum Hypochonder, der auf jedes Zipperlein achtet. Die Betreuung durch Dr. Beckett ist Marxs' Freund Friedrich Engels zu verdanken, der den mittellosen Antikapitalisten finanziell unterstützt.

Das Buch endet, wie es enden muss. Alles deutet darauf hin, dass Darwin am Ende sterben wird. Und trotzdem sind die letzten Tage von Darwin sehr ergreifend, zumal Ilona Jerger diesem großartigem Mann mit viel Feingefühl und Respekt begegnet. Die Trauer und der Schmerz der Angehörigen sind am Ende spürbar. Darwin scheint menschlich und in der Wissenschaft eine Lücke zu hinterlassen, die nicht so ohne weiteres zu schließen ist.
Auch Marx wird in diesem Buch am Ende sterben. Doch hier merkt man den Unterschied im Ansehen der beiden Persönlichkeiten. Während Darwin ein Staatsbegräbnis in der Westminster Cathedral zu London erhält und in allen Ehren beigesetzt wird - selbst seine Gegner erweisen ihm die letzte Referenz -, wird Marx wie ein Niemand auf irgendeinem Friedhof in London zu Grabe getragen. Lediglich seine engsten Angehörigen, wenige Anhänger und noch weniger Freunde, stehen an seinem Grab. 

Fazit:
Ein Roman über zwei Männer, die nicht nur durch ihr Lebenswerk zu beeindrucken wussten. Egal, ob sie sich wirklich getroffen haben - man möchte es Ilona Jerger in ihrem charmanten Roman gern glauben. Ein echtes Lesehighlight!

© Renie





Über die Autorin:
Ilona Jerger ist am Bodensee aufgewachsen und studierte Germanistik und Politologie in Freiburg. Von 2001 bis 2011 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift „natur“ in München. Seither arbeitet sie als freie Journalistin. Als Sachbuchautorin hat sie bei C.H. Beck und Rowohlt veröffentlicht. Und Marx stand still in Darwins Garten ist ihr erster Roman. (Quelle: ullstein)

Donnerstag, 10. August 2017

Zoran Ferić: In der Einsamkeit nahe dem Meer

Quelle: Pixabay / PuraVida
Der Roman des kroatischen Autors Zoran Ferić "In der Einsamkeit nahe dem Meer" führt uns in die Welt der Möwen. Auch wenn dieses Buch kein Tierroman ist, so behandelt es doch tierische Instinkte. Denn in diesem Roman wird "rumgemacht" - aber nicht nur!

Die "Möwen" - so bezeichnet man einen Schwarm junger Männer auf einer kroatischen Urlaubsinsel, die ihre Sommer damit verbringen, Jagd auf Touristinnen zu machen. Am Ende jedes Sommers wird die Anzahl der Eroberungen miteinander verglichen: Wer durfte bei den meisten Frauen ran? Wie geschickt oder ungeschickt stellten sich die Frauen bei der Befriedigung der sexuellen Gelüste der Möwen an? Mit dem Ende des Sommers verschwinden auch die Touristinnen. Im Sommer wird der Körper befriedigt, im Winter der Geist. Denn egal wie primitiv die jungen Männer dem Leser im Sommer erscheinen, im Winter widmen sie sich ihrer Ausbildung und ihrem Beruf. Viele von ihnen studieren und überwintern daher auf dem Festland. Der nächste Sommer wird sie wieder auf ihre Insel schwärmen lassen, und die Jagd auf die Touristinnen geht wieder von vorne los.

Zugegeben, der Plot hat mich zunächst zweifeln lassen. Denn welche Leserin hat Spaß an einem Szenario, in dem Frauen als Freiwild behandelt und scheinbar auf das Fleischliche reduziert werden. (Ich kenne zumindest keine ;-))

Ich habe mich jedoch gefragt, was Zoran Ferić, derzeit Gymnasiallehrer für Kroatisch und nebenbei mehrfach dekorierter Autor mit Publikationen in mehreren europäischen Ländern, aus diesem Plot macht. Und tatsächlich hat mich Zoran Ferić überrascht.
Denn der Autor hat aus seinem Buch viel mehr gemacht als "einen wilden Roman über die Liebe". Man wird als Leser schnell feststellen, dass hinter der Gruppe der Möwen viel mehr steckt als das Liebesleben instinktgesteuerter junger Männer.
"Er ein großer schöner Mann mit schwarzem Haar, sie klein, dick, gedrungen, mit großen Brüsten. Sie sind völlig verschieden. Sie haben sich in das verliebt, was sie nicht sind. Sie in die Schönheit, er in die Durchschnittlichkeit. Oder sie in das, was er an ihrem Aussehen nicht mag, und er in die eigene Großmütigkeit." (S. 209)
Die einzelnen Kapitel in diesem Buch sind hauptsächlich der Eroberung einer Frau gewidmet. Der Beginn eines Kapitels konzentriert sich zunächst auf den Eroberer. Zoran Ferić gibt den Männern ein Profil, beschreibt ihre Herkunft, ihre Beweggründe, aber auch ihre Eroberungsstrategie. Aus der Sicht des Mannes wird die Frau beschrieben, um die es in dem Kapitel geht. Dadurch zeichnet sich langsam ein Profil der jeweiligen Frau ab. Im weiteren Verlauf des Kapitels erhält diese Frau immer mehr Raum. Und plötzlich hat man den Eindruck, dass diese Frau auf einmal im Mittelpunkt dieses Kapitels steht. Die Frauen, um die es hier geht können nicht unterschiedlicher sein: Junge, Alte, Mädchen, Dame, Touristin, Einheimische, Jungfrau, Witwe ... um nur einige zu nennen. Sie haben die unterschiedlichsten Beweggründe, sich auf das Spiel des Möwen-Mannes einzulassen: sie möchten sich beweisen, dass sie auch im Alter noch attraktiv und liebenswert sind; sie sind auf Abenteuer aus; sie suchen Romantik; sie suchen Trost; sie suchen Sex...
"Er war wie Belmondo, der einen ungeschickten Verführer spielt, wie Alain Delon, der kaum einmal komisch daherkommt, wie Humphrey Bogart in seinen zärtlichen Momenten, den Dolch wie ein Kanarienvogel mit gelbem Flaum umhüllt. Dort, wo sie einen Provinzler sahen, der einen Cowboy imitiert, sah sie einen mutigen jungen Mann, der sich nicht um die Umgebung kümmerte, dort, wo sie Servilität sahen, sah sie wieder Mut, dort wo sie einen Aufdringling sahen, sah sie Aufrichtigkeit, die sich an der Schönheit weidet, und dort wo sie den Versuch sahen, sie zu verführen, sah sie sein Talent, verführt zu werden." (S. 86)
Der Autor Zoran Ferić hat mich mit seiner sehr bildhaften und fantasievollen Sprache überzeugt. Allein schon der Titel "In der Einsamkeit nahe dem Meer" deutet auf Melancholie hin, die sich in hohem Maße in dem Roman wiederfindet. Diese Kombination aus Sommer, Urlaub und Melancholie, versetzt den Leser in eine Stimmung, die dem Gefühl beim Betrachten eines Sonnenuntergang am Meer nächsten kommt. Das ist einfach nur schön!

Fazit:
Ein melancholisches Sommerbuch, das sich durch einen sehr stimmungsvollen Sprachstil auszeichnet. Der Triebfaktor und das "Rumgemache" sind zwar manches Mal nervig und des Guten zuviel. Aber am Ende überzeugt die Darstellung der einzelnen Charaktere, insbesondere die der Frauen. Der Autor gibt ihnen ein Profil und lässt sie somit vom anonymen Beutetier zum Menschen mit Seele werden.

© Renie






Über den Autor
Geboren 1961 in Zagreb. Studium an der Philosophischen Fakultät von Zagreb. Derzeit Gymnasiallehrer für Kroatisch. Zahlreiche Publikationen in kroatischen Zeitschriften wie in „Polet “, „Studentski list“, „Pitanja “, „Oko “, „Quorum “, „Plima “, „Evropski glasnik “ und „Torpedo “. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt, u. a. ins Englische, Italienische, Polnische, Spanische, Slowenische, Ukrainische, Montenegrinische. (Quelle: Folio Verlag)

Freitag, 4. August 2017

Hari Kunzru: White Tears

Quelle: Pixabay / hans2609
Herbst Blues, Winter Blues, Baby Blues ... Blues Musik ... Melancholie, Stimmungstief. Der Begriff "Blues" und damit auch die Musikrichtung, die ihren Ursprung Anfang des 19. Jahrhunderts im Süden der USA fand, wird häufig mit Traurigkeit in Verbindung gebracht. Jetzt musste ich gerade lernen (Wikipedia sei Dank), dass diese Denkweise ein Klischee der Weißen ist. Denn tatsächlich gibt es viele Blues Stücke, die eher beschwingt und lustig sind. Kaum zu glauben! Denn der Text vieler Lieder behandelt Themen wie "Diskriminierung, Verrat, Verbrechen, Resignation, unerwiderter Liebe, Arbeitslosigkeit, Hunger, finanzieller Not, Heimweh, Einsamkeit und Untreue". Und diese Themen mit Beschwingtheit und Witz zu vermitteln, zeugt schon fast von Galgenhumor. 
Der britische Autor Hari Kunzru orientiert sich in seinem Roman "White Tears" an genau diesem Klischee, was ich ihm nicht krumm nehme. Wie könnte ich auch, da ich selbst mit hartnäckig an diesem Klischee festhalten. Denn Klischee hin oder her, zum Blues gehört auch für mich eine Riesenportion Melancholie. Und das ist genau die Stimmung, die  sich in Hari Kunzrus Roman über einen ganz besonderen Blues Musiker, wiederfindet.

Der Ich-Erzähler Seth sammelt den Lärm und die Geräusche des Alltags in seiner Stadt. Dazu streift er durch die Straßen New Yorks und nimmt auf, was ihm zu Ohren kommt. Später wird er die Aufnahmen in einem Tonstudio, das er zusammen mit seinem besten Freund Carter betreibt, zu Klangexperimenten vermischen. 
Seth und Carter sind ein ungleiches Gespann. Kaum zu glauben, dass sie beste Freunde sind. Aber die Leidenschaft für Musik scheint die beiden zu Seelenverwandten gemacht zu haben. Seth kommt aus einfachen Verhältnissen. Bevor er Carter kennenlernte, wusste er oft nicht, wie er finanziell über die Runden kommen soll. Ganz anders Carter. Er ist der jüngste Sohn einer reichen Familie. Seine Herkunft sichert den Unterhalt des Tonstudios und finanziert das Leben der beiden Freunde. Fast scheint es, als ob Carter seinen Reichtum und seine Herkunft als Belastung empfindet. Denn er versucht, sich mit aller Gewalt von dem Rest seiner Familie zu unterscheiden. Im Tonstudio ist Seth der kreative Kopf, Carter ist der Financier. Die ungleiche Freundschaft scheint zu funktionieren.
Carter entdeckt seine Leidenschaft für schwarze Musik - dem Blues. Wahrscheinlich ist auch das ein Versuch, sich von dem Bild des reichen Söhnchens, der seiner Familie auf der Tasche liegt, zu distanzieren. Er gibt sich mit nicht weniger zufrieden als den ersten Vinyl-Scheiben, auf denen die Anfänge des Blues vertont wurden. Dabei entwickelt er eine Sammelleidenschaft, die fast schon zur Obsession wird.

Währenddessen entdeckt Seth auf einer der Aufnahmen seiner Streifzüge durch New York, den Gesang eines Mannes, der sowohl ihn als auch Carter beeindruckt.
"Believe I buy a graveyard of my own
Believe I buy me a graveyard of my own
Put my enemies all down in the ground"
Sie hören den Text, aber sie können nicht herausfinden, welchen Ursprung dieses Lied hat. Es gibt keine offizielle Veröffentlichung zu diesem Song. Spaßeshalber erschaffen sie den fiktiven Blues Musiker Charlie Shaw, stellen den Song ins Netz und sind gespannt auf die Reaktionen zu diesem Stück.
Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten, doch sie fallen anders aus als erwartet. Charlie Shaw, der fiktive Blues Musiker, hat wirklich existiert. Und mit diesem unglaublichen Wissen ändert sich das Leben von Seth und Carter auf dramatische Weise. Seth wird sich auf einen Trip quer durch Amerika begeben und wird versuchen, dem unheimlichen Geheimnis um Charlie Shaw auf die Spur zu kommen. Carter wird ihm nicht dabei helfen.

Hari Kunzru hat mit seinem Roman eine unvergleichliche Geschichte geschaffen. Ich möchte mich in meiner Rezension zunächst auf die Dinge konzentrieren, die mich begeistert haben.

Man hört mit den Augen
Der Autor schafft es mit einem sehr atmosphärischen Sprachstil, dass ich "mit den Augen" gehört habe. Geräusche, Töne und natürlich die Musik sind ein wesentlicher Bestandteil seines Buches und geisterten mir bei der Lektüre permanent durch den Kopf, was eine interessante Leseerfahrung war. 
"Meine Sinne sind hellwach. Ich höre überall Obertöne, sie verbinden das Zischen der Toilettenspülung im Zimmer nebenan mit dem unregelmäßigen Schnarren der Klimaanlage und dem Vorbeirauschen eines Trucks auf dem Highway, der die Fliegengitter zum Flattern bringt." (S. 188)
Die Geschichte des Blues
Hari Kunzru führt uns in die Anfänge der Blues Musik. Viele Größen dieses Genres werden genannt, genauso wie Songs aus der damaligen Zeit. Der Autor muss einen enormen Rechercheaufwand betrieben haben, wenn er nicht auch selbst ein großer Fan der Musikrichtung ist.

Sammelleidenschaft Vinyl
In Zeiten von MP3 und Streamingdiensten erscheint die Sammelleidenschaft für Vinyl-Schallplatten, die die Protagonisten in diesem Roman an den Tag legen, fast schon nostalgisch. Die Sammlerszene ist in "White Tears" ein eigenes Völkchen und legt einen enormen Aufwand (nicht nur finanzieller Art) an den Tag, auf der Jagd nach dem "Schatz". Dabei stellen Label, Auflagen, Pressung, Label-Press-Nummer etc. ein wichtiges Selektrionskriterium dar und bestimmen den Wert einer Schallplatte. Es werden Unsummen für die "einzigartige Scheibe" gezahlt, die sich die meisten Sammler eigentlich nicht leisten können.

Stimmung
Melancholie - von der ersten bis zur letzten Seite! Fast könnte man meinen, dass man sich selber in einem Bluesstück befindet. 

Handlungsverlauf
Am Anfang steht die Freundschaft zwischen Seth und Carter im Focus. Die Handlung plätschert vor sich hin. Doch auf einmal entwickelt sich ein Szenario, das Ähnlichkeit mit einem Mistery-Roman hat und zum Ende zu einem Thriller wird. Der fulminante Abschluss der Geschichte eröffnet dabei völlig neue Szenarien, die für mich nicht vorherzusehen waren.
"Ich habe das Gefühl, nicht mehr Herr über mein Leben zu sein. Nichts von dem, was ich tue, kann mich in meinem Innersten berühren. Meine Erinnerungen sind ein Geflecht aus verschwörerischen Verbindungen. Alles ist schon passiert. Ich bin nur ein Mann, der auf einem Stuhl sitzt und eine Aufnahme hört, die vor langer Zeit entstanden ist. Die Nadel bewegt sich in einer vorgegebenen Bahn. Früher oder später wird sie auf die Auslaufrille treffen." (S. 202)
Trotz aller Begeisterung gibt es auch einen Aspekt, der mir einiges abverlangt hat. Die Geschichte findet ab der Hälfte des Romans auf 2 Handlungsebenen statt. In dem Moment, wo der fiktive Charlie Shaw zu einer existierenden Person wird, wechselt die Erzählperspektive zwischen Seth und Charlie, der Anfang des 19 Jahrhunderts gelebt haben soll. Anfangs sind die Übergänge zwischen den beiden Perspektive klar zu erkennen, doch mit der Zeit verwischen die Grenzen, so dass sich Handlungen und Gedanken von Seth und Charlie kaum noch auseinander halten lassen. Das ist verwirrend und hat bei mir häufig ein kleines Lesechaos verursacht, das ich zunächst aufdröseln musste, bevor es in der Lektüre weiterging.

Fazit:
Ein besonderer Roman mit einem ungewöhnlichen Plot, der den Leser "mit den Augen" hören lässt.

© Renie





Über den Autor:
Hari Kunzru, 1969 in London geboren, gehört zu den wichtigsten britischen Autoren seiner Generation. Für seinen Debütroman »The Impressionist« erhielt er 2003 u.a. den Betty Trask Award und den Somerset Maugham Award. Er wurde in die renommierte Granta-Liste aufgenommen und 2005 bei den British Book Awards als Autor des Jahres ausgezeichnet. Er veröffentlichte bislang vier Romane, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Darüber hinaus schreibt er regelmäßig für den »Guardian«, den »Economist« und »Wired«. 2016 war Hari Kunzru Fellow an der American Academy in Berlin, derzeit lebt und arbeitet er in New York. (Quelle: Liebeskind)