Mittwoch, 16. August 2017

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Quelle: Pixabay/Natfot
Charles Darwin (1809 - 1882) und Karl Marx (1818 - 1883) haben sich nie persönlich kennengelernt. Eigentlich merkwürdig. Denn sie wohnten während ihrer letzten Lebensjahre lediglich um die 32 km voneinander entfernt. Ok, das ist keine Entfernung für einen Spaziergang, aber mit einer Pferdekutsche durchaus machbar, um einem Kollegen seine Aufwartung zu machen. Haben sie aber nicht. Oder etwa doch? Der Titel des Romans "Und Marx stand still in Darwins Garten" ist daher eine charmante Idee zu einem Treffen, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, aber hätte stattfinden können. Die Autorin Ilona Jerger lässt die beiden Persönlichkeiten zusammenkommen. Entstanden ist ein Roman, der amüsant, philosophisch und berührend ist. Ein Roman, ganz nach meinem Geschmack!

Charles Darwin, der brillante Naturwissenschaftler, der in seinem Leben die Welt umsegelt hat, unbekannte Arten entdeckt und erforscht hat, mit seiner Arbeit die Entwicklung der Evolutionstheorie maßgeblich geprägt hat und natürlich etliche Bücher geschrieben hat (u. a. "Die Entstehung der Arten"), ist in seinem letzten Lebensabschnitt angekommen. Jetzt, im Alter von 72 Jahren, lässt seine Gesundheit nicht mehr zu, dass der ewig wissensdurstige Darwin in der Welt umherzieht. So lebt er mit seiner Frau Emma in einem Vorort von London und widmet sich hier seinen Forschungen. Sein bevorzugtes Forschungsobjekt ist derzeit der Regenwurm. Darwin leidet unter Schlaflosigkeit und den Dingen, die einem 72-jährigen Körper zu schaffen machen. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, seine Forschungen mit der gleichen Leidenschaft zu betreiben wie in jüngeren Jahren. Mehrmals in der Woche erhält Darwin Besuch von seinem Arzt, Dr. Beckett, der sich um die Gesundheit des weltberühmten Naturwissenschaftlers kümmert.
"Charles tastete nach den Streichhölzchen, zündete die Kerze auf dem Nachttisch an, schaute auf seine Taschenuhr und war wieder einmal untröstlich, dass er damals die goldene Uhr seines verehrten Herrn Papa für einen Billardtisch verhökert hatte. Sofort versuchte er derlei Gedanken über Verhaltensweisen, die in der Vergangenheit lagen und die man naturgemäß nicht mehr ändern konnte, an ihrer Ausbreitung zu hindern. Denn hatten sie einmal die Gelegenheit bekommen, ihre deprimierende Wirkung in allen Gliedern zu entfalten, war es schwer, zu einer schöneren Sichtweise des Lebens zurückzufinden." (S. 11)
Quelle: ullstein
Dr. Beckett zählt eine weitere Berühmtheit zu seinen Patienten: Karl Marx, persona non grata in seinem Heimatland, ist er in Großbritannien im Exil gestrandet, wo er sich der Fortsetzung seines berühmten Werkes "Das Kapital" widmet. In Großbritannien macht man sich lustig über den Antikapitalisten. Seine Theorien sind schwer verständlich. In "Das Kapital", Band 1, hat er sich in seinen leidenschaftlichen Gedanken verzettelt. Kaum einer, der das Buch gelesen und verstanden hat. Auch Darwin und Dr. Beckett konnten bisher mit dem Marxschen Gedankenwirrwarr nicht viel anfangen. Aus einer Laune heraus, wird Marx zum Abendessen im Hause Darwin eingeladen, wo es zu einem sehr interessanten und emotionalen Streitgespräch kommt, an dem Darwins Ehefrau Emma einen großen, fast schon feindlichen, Anteil hat. Marx sieht Gemeinsamkeiten zwischen seiner kommunistischen Lehre und der Evolutionstheorie von Darwin. Ein gemeinsamer Nenner ist für ihn die Ablehnung der Religion und die Verleugnung Gottes. Die religiöse Emma ist eine erbitterte Gegnerin und bietet dem prominenten Wissenschaftler Paroli. Und am Ende des Abends steht Marx "still" und nachdenklich "in Darwins Garten".

Charles Darwins Abkehr von der Religion ist ein wunder Punkt im Zusammenleben mit seiner Frau Emma. Sie ist ein hartnäckiger Gegner im Streit um den wahren Glauben: protestantisch, regelmäßige Kirchgängerin, die gern den Pfarrer der Gemeinde im Hause Darwin ein- und ausgehen lässt. Sie glaubt an ein Leben nach dem Tod. Der Gedanke, dieses Leben ohne ihren geliebten Charles verbringen zu müssen, weil er ein Leben nach dem Tod leugnet, sorgt für einige Diskussionen bei den Darwins.

Unvergleichlich sind die scharfsinnigen Dialoge in diesem Roman. Dabei präsentiert sich Darwin als ein humorvoller älterer Herr, der immer wieder Spaß daran hat, seine Thesen mit Vehemenz zu vertreten. Als Leser verbringt man gern viel Zeit mit Darwin. Durch seine Schlaflosigkeit gibt er sich Gedanken und Erinnerungen hin, die einen Mann zeigen, der ein ungewöhnliches Leben geführt hat und der von einem großen Teil der Welt unverstanden ist. Viele sehen in ihm den Atheisten. Doch beim näheren Hinsehen stellt sich heraus, dass er noch lange nicht der Religion abgeschworen hat, wie ihm viele unterstellen und dafür hassen. In Wirklichkeit ist Charles Darwin ein Ungläubiger, bestenfalls ein Agnostiker. Bloß weil er nicht mehr an Gott glaubt, heißt es noch lange nicht, dass es diesen nicht gibt.
"'... Gesetzt den Fall, es gibt einen Gott, welche Rolle spielt er dann bei der Evolution? Könnte es nicht sein, dass sich Gott statt in Wundern in Naturgesetzen äußert?'" (S. 223)
Viele Szenen in diesem Buch haben mich schmunzeln lassen, wozu der saloppe Sprachstil der Autorin Ilona Jerger einen großen Anteil hat. Fast im Plauderton präsentiert sie dem Leser die letzten Schaffensjahre eines genialen Wissenschaftlers. Sie geht auf seinen Versuch ein, Beruf und Privat in Einklang zu bringen. Seine Experimente haben ihren Weg in das Heim der Familie Darwin gefunden, manchmal sehr zum Leidwesen von Emma, die sich am Ende jedoch aus Liebe zu ihrem Charles mit seinen Regenwürmern, Käfern, Saubohnen etc. arrangiert.
"Selbst Emma, die ein Leben lang Versuche nicht nur in der Küche, sondern auch im Esszimmer hatte erdulden müssen, schloss die Tiere in Herz, was auch daran lag, dass der Regenwurm von Experiment zu Experiment mehr Persönlichkeit preisgegeben und schließlich sogar einen ausgeklügelten Intelligenztest bestanden hatte." (S. 34)
Marx wird bei Ilona Jerger zum Hypochonder, der auf jedes Zipperlein achtet. Die Betreuung durch Dr. Beckett ist Marxs' Freund Friedrich Engels zu verdanken, der den mittellosen Antikapitalisten finanziell unterstützt.

Das Buch endet, wie es enden muss. Alles deutet darauf hin, dass Darwin am Ende sterben wird. Und trotzdem sind die letzten Tage von Darwin sehr ergreifend, zumal Ilona Jerger diesem großartigem Mann mit viel Feingefühl und Respekt begegnet. Die Trauer und der Schmerz der Angehörigen sind am Ende spürbar. Darwin scheint menschlich und in der Wissenschaft eine Lücke zu hinterlassen, die nicht so ohne weiteres zu schließen ist.
Auch Marx wird in diesem Buch am Ende sterben. Doch hier merkt man den Unterschied im Ansehen der beiden Persönlichkeiten. Während Darwin ein Staatsbegräbnis in der Westminster Cathedral zu London erhält und in allen Ehren beigesetzt wird - selbst seine Gegner erweisen ihm die letzte Referenz -, wird Marx wie ein Niemand auf irgendeinem Friedhof in London zu Grabe getragen. Lediglich seine engsten Angehörigen, wenige Anhänger und noch weniger Freunde, stehen an seinem Grab. 

Fazit:
Ein Roman über zwei Männer, die nicht nur durch ihr Lebenswerk zu beeindrucken wussten. Egal, ob sie sich wirklich getroffen haben - man möchte es Ilona Jerger in ihrem charmanten Roman gern glauben. Ein echtes Lesehighlight!

© Renie





Über die Autorin:
Ilona Jerger ist am Bodensee aufgewachsen und studierte Germanistik und Politologie in Freiburg. Von 2001 bis 2011 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift „natur“ in München. Seither arbeitet sie als freie Journalistin. Als Sachbuchautorin hat sie bei C.H. Beck und Rowohlt veröffentlicht. Und Marx stand still in Darwins Garten ist ihr erster Roman. (Quelle: ullstein)

Donnerstag, 10. August 2017

Zoran Ferić: In der Einsamkeit nahe dem Meer

Quelle: Pixabay / PuraVida
Der Roman des kroatischen Autors Zoran Ferić "In der Einsamkeit nahe dem Meer" führt uns in die Welt der Möwen. Auch wenn dieses Buch kein Tierroman ist, so behandelt es doch tierische Instinkte. Denn in diesem Roman wird "rumgemacht" - aber nicht nur!

Die "Möwen" - so bezeichnet man einen Schwarm junger Männer auf einer kroatischen Urlaubsinsel, die ihre Sommer damit verbringen, Jagd auf Touristinnen zu machen. Am Ende jedes Sommers wird die Anzahl der Eroberungen miteinander verglichen: Wer durfte bei den meisten Frauen ran? Wie geschickt oder ungeschickt stellten sich die Frauen bei der Befriedigung der sexuellen Gelüste der Möwen an? Mit dem Ende des Sommers verschwinden auch die Touristinnen. Im Sommer wird der Körper befriedigt, im Winter der Geist. Denn egal wie primitiv die jungen Männer dem Leser im Sommer erscheinen, im Winter widmen sie sich ihrer Ausbildung und ihrem Beruf. Viele von ihnen studieren und überwintern daher auf dem Festland. Der nächste Sommer wird sie wieder auf ihre Insel schwärmen lassen, und die Jagd auf die Touristinnen geht wieder von vorne los.

Zugegeben, der Plot hat mich zunächst zweifeln lassen. Denn welche Leserin hat Spaß an einem Szenario, in dem Frauen als Freiwild behandelt und scheinbar auf das Fleischliche reduziert werden. (Ich kenne zumindest keine ;-))

Ich habe mich jedoch gefragt, was Zoran Ferić, derzeit Gymnasiallehrer für Kroatisch und nebenbei mehrfach dekorierter Autor mit Publikationen in mehreren europäischen Ländern, aus diesem Plot macht. Und tatsächlich hat mich Zoran Ferić überrascht.
Denn der Autor hat aus seinem Buch viel mehr gemacht als "einen wilden Roman über die Liebe". Man wird als Leser schnell feststellen, dass hinter der Gruppe der Möwen viel mehr steckt als das Liebesleben instinktgesteuerter junger Männer.
"Er ein großer schöner Mann mit schwarzem Haar, sie klein, dick, gedrungen, mit großen Brüsten. Sie sind völlig verschieden. Sie haben sich in das verliebt, was sie nicht sind. Sie in die Schönheit, er in die Durchschnittlichkeit. Oder sie in das, was er an ihrem Aussehen nicht mag, und er in die eigene Großmütigkeit." (S. 209)
Die einzelnen Kapitel in diesem Buch sind hauptsächlich der Eroberung einer Frau gewidmet. Der Beginn eines Kapitels konzentriert sich zunächst auf den Eroberer. Zoran Ferić gibt den Männern ein Profil, beschreibt ihre Herkunft, ihre Beweggründe, aber auch ihre Eroberungsstrategie. Aus der Sicht des Mannes wird die Frau beschrieben, um die es in dem Kapitel geht. Dadurch zeichnet sich langsam ein Profil der jeweiligen Frau ab. Im weiteren Verlauf des Kapitels erhält diese Frau immer mehr Raum. Und plötzlich hat man den Eindruck, dass diese Frau auf einmal im Mittelpunkt dieses Kapitels steht. Die Frauen, um die es hier geht können nicht unterschiedlicher sein: Junge, Alte, Mädchen, Dame, Touristin, Einheimische, Jungfrau, Witwe ... um nur einige zu nennen. Sie haben die unterschiedlichsten Beweggründe, sich auf das Spiel des Möwen-Mannes einzulassen: sie möchten sich beweisen, dass sie auch im Alter noch attraktiv und liebenswert sind; sie sind auf Abenteuer aus; sie suchen Romantik; sie suchen Trost; sie suchen Sex...
"Er war wie Belmondo, der einen ungeschickten Verführer spielt, wie Alain Delon, der kaum einmal komisch daherkommt, wie Humphrey Bogart in seinen zärtlichen Momenten, den Dolch wie ein Kanarienvogel mit gelbem Flaum umhüllt. Dort, wo sie einen Provinzler sahen, der einen Cowboy imitiert, sah sie einen mutigen jungen Mann, der sich nicht um die Umgebung kümmerte, dort, wo sie Servilität sahen, sah sie wieder Mut, dort wo sie einen Aufdringling sahen, sah sie Aufrichtigkeit, die sich an der Schönheit weidet, und dort wo sie den Versuch sahen, sie zu verführen, sah sie sein Talent, verführt zu werden." (S. 86)
Der Autor Zoran Ferić hat mich mit seiner sehr bildhaften und fantasievollen Sprache überzeugt. Allein schon der Titel "In der Einsamkeit nahe dem Meer" deutet auf Melancholie hin, die sich in hohem Maße in dem Roman wiederfindet. Diese Kombination aus Sommer, Urlaub und Melancholie, versetzt den Leser in eine Stimmung, die dem Gefühl beim Betrachten eines Sonnenuntergang am Meer nächsten kommt. Das ist einfach nur schön!

Fazit:
Ein melancholisches Sommerbuch, das sich durch einen sehr stimmungsvollen Sprachstil auszeichnet. Der Triebfaktor und das "Rumgemache" sind zwar manches Mal nervig und des Guten zuviel. Aber am Ende überzeugt die Darstellung der einzelnen Charaktere, insbesondere die der Frauen. Der Autor gibt ihnen ein Profil und lässt sie somit vom anonymen Beutetier zum Menschen mit Seele werden.

© Renie






Über den Autor
Geboren 1961 in Zagreb. Studium an der Philosophischen Fakultät von Zagreb. Derzeit Gymnasiallehrer für Kroatisch. Zahlreiche Publikationen in kroatischen Zeitschriften wie in „Polet “, „Studentski list“, „Pitanja “, „Oko “, „Quorum “, „Plima “, „Evropski glasnik “ und „Torpedo “. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt, u. a. ins Englische, Italienische, Polnische, Spanische, Slowenische, Ukrainische, Montenegrinische. (Quelle: Folio Verlag)

Freitag, 4. August 2017

Hari Kunzru: White Tears

Quelle: Pixabay / hans2609
Herbst Blues, Winter Blues, Baby Blues ... Blues Musik ... Melancholie, Stimmungstief. Der Begriff "Blues" und damit auch die Musikrichtung, die ihren Ursprung Anfang des 19. Jahrhunderts im Süden der USA fand, wird häufig mit Traurigkeit in Verbindung gebracht. Jetzt musste ich gerade lernen (Wikipedia sei Dank), dass diese Denkweise ein Klischee der Weißen ist. Denn tatsächlich gibt es viele Blues Stücke, die eher beschwingt und lustig sind. Kaum zu glauben! Denn der Text vieler Lieder behandelt Themen wie "Diskriminierung, Verrat, Verbrechen, Resignation, unerwiderter Liebe, Arbeitslosigkeit, Hunger, finanzieller Not, Heimweh, Einsamkeit und Untreue". Und diese Themen mit Beschwingtheit und Witz zu vermitteln, zeugt schon fast von Galgenhumor. 
Der britische Autor Hari Kunzru orientiert sich in seinem Roman "White Tears" an genau diesem Klischee, was ich ihm nicht krumm nehme. Wie könnte ich auch, da ich selbst mit hartnäckig an diesem Klischee festhalten. Denn Klischee hin oder her, zum Blues gehört auch für mich eine Riesenportion Melancholie. Und das ist genau die Stimmung, die  sich in Hari Kunzrus Roman über einen ganz besonderen Blues Musiker, wiederfindet.

Der Ich-Erzähler Seth sammelt den Lärm und die Geräusche des Alltags in seiner Stadt. Dazu streift er durch die Straßen New Yorks und nimmt auf, was ihm zu Ohren kommt. Später wird er die Aufnahmen in einem Tonstudio, das er zusammen mit seinem besten Freund Carter betreibt, zu Klangexperimenten vermischen. 
Seth und Carter sind ein ungleiches Gespann. Kaum zu glauben, dass sie beste Freunde sind. Aber die Leidenschaft für Musik scheint die beiden zu Seelenverwandten gemacht zu haben. Seth kommt aus einfachen Verhältnissen. Bevor er Carter kennenlernte, wusste er oft nicht, wie er finanziell über die Runden kommen soll. Ganz anders Carter. Er ist der jüngste Sohn einer reichen Familie. Seine Herkunft sichert den Unterhalt des Tonstudios und finanziert das Leben der beiden Freunde. Fast scheint es, als ob Carter seinen Reichtum und seine Herkunft als Belastung empfindet. Denn er versucht, sich mit aller Gewalt von dem Rest seiner Familie zu unterscheiden. Im Tonstudio ist Seth der kreative Kopf, Carter ist der Financier. Die ungleiche Freundschaft scheint zu funktionieren.
Carter entdeckt seine Leidenschaft für schwarze Musik - dem Blues. Wahrscheinlich ist auch das ein Versuch, sich von dem Bild des reichen Söhnchens, der seiner Familie auf der Tasche liegt, zu distanzieren. Er gibt sich mit nicht weniger zufrieden als den ersten Vinyl-Scheiben, auf denen die Anfänge des Blues vertont wurden. Dabei entwickelt er eine Sammelleidenschaft, die fast schon zur Obsession wird.

Währenddessen entdeckt Seth auf einer der Aufnahmen seiner Streifzüge durch New York, den Gesang eines Mannes, der sowohl ihn als auch Carter beeindruckt.
"Believe I buy a graveyard of my own
Believe I buy me a graveyard of my own
Put my enemies all down in the ground"
Sie hören den Text, aber sie können nicht herausfinden, welchen Ursprung dieses Lied hat. Es gibt keine offizielle Veröffentlichung zu diesem Song. Spaßeshalber erschaffen sie den fiktiven Blues Musiker Charlie Shaw, stellen den Song ins Netz und sind gespannt auf die Reaktionen zu diesem Stück.
Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten, doch sie fallen anders aus als erwartet. Charlie Shaw, der fiktive Blues Musiker, hat wirklich existiert. Und mit diesem unglaublichen Wissen ändert sich das Leben von Seth und Carter auf dramatische Weise. Seth wird sich auf einen Trip quer durch Amerika begeben und wird versuchen, dem unheimlichen Geheimnis um Charlie Shaw auf die Spur zu kommen. Carter wird ihm nicht dabei helfen.

Hari Kunzru hat mit seinem Roman eine unvergleichliche Geschichte geschaffen. Ich möchte mich in meiner Rezension zunächst auf die Dinge konzentrieren, die mich begeistert haben.

Man hört mit den Augen
Der Autor schafft es mit einem sehr atmosphärischen Sprachstil, dass ich "mit den Augen" gehört habe. Geräusche, Töne und natürlich die Musik sind ein wesentlicher Bestandteil seines Buches und geisterten mir bei der Lektüre permanent durch den Kopf, was eine interessante Leseerfahrung war. 
"Meine Sinne sind hellwach. Ich höre überall Obertöne, sie verbinden das Zischen der Toilettenspülung im Zimmer nebenan mit dem unregelmäßigen Schnarren der Klimaanlage und dem Vorbeirauschen eines Trucks auf dem Highway, der die Fliegengitter zum Flattern bringt." (S. 188)
Die Geschichte des Blues
Hari Kunzru führt uns in die Anfänge der Blues Musik. Viele Größen dieses Genres werden genannt, genauso wie Songs aus der damaligen Zeit. Der Autor muss einen enormen Rechercheaufwand betrieben haben, wenn er nicht auch selbst ein großer Fan der Musikrichtung ist.

Sammelleidenschaft Vinyl
In Zeiten von MP3 und Streamingdiensten erscheint die Sammelleidenschaft für Vinyl-Schallplatten, die die Protagonisten in diesem Roman an den Tag legen, fast schon nostalgisch. Die Sammlerszene ist in "White Tears" ein eigenes Völkchen und legt einen enormen Aufwand (nicht nur finanzieller Art) an den Tag, auf der Jagd nach dem "Schatz". Dabei stellen Label, Auflagen, Pressung, Label-Press-Nummer etc. ein wichtiges Selektrionskriterium dar und bestimmen den Wert einer Schallplatte. Es werden Unsummen für die "einzigartige Scheibe" gezahlt, die sich die meisten Sammler eigentlich nicht leisten können.

Stimmung
Melancholie - von der ersten bis zur letzten Seite! Fast könnte man meinen, dass man sich selber in einem Bluesstück befindet. 

Handlungsverlauf
Am Anfang steht die Freundschaft zwischen Seth und Carter im Focus. Die Handlung plätschert vor sich hin. Doch auf einmal entwickelt sich ein Szenario, das Ähnlichkeit mit einem Mistery-Roman hat und zum Ende zu einem Thriller wird. Der fulminante Abschluss der Geschichte eröffnet dabei völlig neue Szenarien, die für mich nicht vorherzusehen waren.
"Ich habe das Gefühl, nicht mehr Herr über mein Leben zu sein. Nichts von dem, was ich tue, kann mich in meinem Innersten berühren. Meine Erinnerungen sind ein Geflecht aus verschwörerischen Verbindungen. Alles ist schon passiert. Ich bin nur ein Mann, der auf einem Stuhl sitzt und eine Aufnahme hört, die vor langer Zeit entstanden ist. Die Nadel bewegt sich in einer vorgegebenen Bahn. Früher oder später wird sie auf die Auslaufrille treffen." (S. 202)
Trotz aller Begeisterung gibt es auch einen Aspekt, der mir einiges abverlangt hat. Die Geschichte findet ab der Hälfte des Romans auf 2 Handlungsebenen statt. In dem Moment, wo der fiktive Charlie Shaw zu einer existierenden Person wird, wechselt die Erzählperspektive zwischen Seth und Charlie, der Anfang des 19 Jahrhunderts gelebt haben soll. Anfangs sind die Übergänge zwischen den beiden Perspektive klar zu erkennen, doch mit der Zeit verwischen die Grenzen, so dass sich Handlungen und Gedanken von Seth und Charlie kaum noch auseinander halten lassen. Das ist verwirrend und hat bei mir häufig ein kleines Lesechaos verursacht, das ich zunächst aufdröseln musste, bevor es in der Lektüre weiterging.

Fazit:
Ein besonderer Roman mit einem ungewöhnlichen Plot, der den Leser "mit den Augen" hören lässt.

© Renie





Über den Autor:
Hari Kunzru, 1969 in London geboren, gehört zu den wichtigsten britischen Autoren seiner Generation. Für seinen Debütroman »The Impressionist« erhielt er 2003 u.a. den Betty Trask Award und den Somerset Maugham Award. Er wurde in die renommierte Granta-Liste aufgenommen und 2005 bei den British Book Awards als Autor des Jahres ausgezeichnet. Er veröffentlichte bislang vier Romane, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Darüber hinaus schreibt er regelmäßig für den »Guardian«, den »Economist« und »Wired«. 2016 war Hari Kunzru Fellow an der American Academy in Berlin, derzeit lebt und arbeitet er in New York. (Quelle: Liebeskind)

Montag, 24. Juli 2017

Rebecca Hunt: Everland

Quelle: Pixabay / Mariamichelle
Sommer, Sonne, Portugal bei 36 °C. Ich schwitze und suche Abkühlung bei einem Buch: "Everland" von Rebecca Hunt. Mehr Kälte geht fast nicht mehr. Denn dieser Roman führt mich in die Antarktis, auf eine kleine Insel namens Everland.

Everland ist das Ziel zweier Antarktisexpeditionen. Die erste Expedition findet 1913 statt und scheitert. Die Zweite findet 100 Jahre später als Jubiläumsexpedition statt. Auch sie scheitert.

1913
Das britische Schiff Kismet ist damit beauftragt, die Tier- und Pflanzenwelt der Antarktisinsel zu erforschen. Die Expedition wird von 3 Besatzungsmitgliedern durchgeführt: Ned, 1. Offizier und somit Anführer der Gruppe; Millet-Bass, ein erfahrener Matrose sowie Dinners, ein Wissenschaftler, ohne jegliche Erfahrungen auf dem Gebiet der Feldforschung.
Die drei Männer legen in einem Beiboot der Kismet die letzten Meilen zur Insel zurück. Dabei geraten sie in einen Sturm, der das Boot kurz vor der Küste Everlands zum Kentern bringt. Die Männer schaffen es mehr tot als  lebendig auf die Insel und warten nun auf ihre Rettung. Doch die Kismet ist aufgrund des Packeises, das sich in der Zwischenzeit gebildet hat, nicht mehr in der Lage, die Männer zurückzuholen. Man bedenke: Eisbrecher hatten damals noch nicht die Kraft, die sie heute haben. Funkgeräte gab es noch nicht. Es gibt also keine Kommunikation zwischen den Männern auf der Insel und der Kismet. Stattdessen setzt das lange zermürbende Warten auf Rettung ein, in einer unbarmherzigen Umgebung und mit einer Ausrüstung, die herzlich wenig mit dem Hightec-Equipment der heutigen Zeit zu tun hat.
"Alles war aschgrau, pechschwarz, lehmbraun und rostrot in unterschiedlichen Abstufungen, bis auf den Himmel, der die Farbe von schmutziger Wolle hatte. Der Vulkan, der siebzig Prozent der Insel für sich beanspruchte, war aus der Nähe betrachtet ein trister Schlackehügel. Everland war still, leblos und auf brutale Weise unspektakulär. Mehr als trostlos, es war hässlich." (S. 34)
Quelle: Randomhouse / Luchterhand
Der erste Offizier Ned entwickelt sich nicht nur aufgrund seiner Funktion zum Alphatier in der Gruppe. Er ist willensstark, eine Kämpfernatur, jegliche Zeichen von Schwäche sind ihm zuwider. Womit wir bei Dinners wären. Denn der verkörpert genau diese Schwächen. Er ist unerfahren, ungeschickt, kaum allein überlebensfähig in der Situation, in der sich die drei Männer befinden. Seine Gesundheit hat bei dem Kentern vor der Insel am meisten gelitten. Auf der Insel ist er den anderen Männern ein Klotz am Bein. Für die Drei werden Tage zu Wochen, Wochen zu Monaten, und es ist keine Rettung in Sicht. Die scheinbar ausweglose Situation, in der die Männer sich befinden, verändert sie. Der Aufenthalt auf der Insel entwickelt sich zum Psychodrama. Mit der Zeit lassen sie die schreckliche Gewissheit zu. Wenn sie sich nicht selbst helfen, sind sie verloren.

2013
Einhundert Jahre später wird eine 3-köpfige Crew mit einer Hightec-Ausrüstung per Flugzeug auf Everland abgesetzt. Die mehrwöchige Expedition soll sich mit der Erforschung der Tierwelt befassen. In erster Linie ist diese Aktion jedoch als Gedenkfahrt an die gescheiterte Expedition von 1913 zu sehen. Es gibt einige Parallelen zu der ersten Expedition - teilweise beabsichtigt, teilweise dem Zufall geschuldet. Auch hier besteht das Team aus 3 Personen: Chester, ein erfahrener Antarktisforscher, Jess, die ehrgeizige Feldassistentin und Brix, die Wissenschaftlerin, unerfahren auf dem Gebiet der Feldforschung, die ihren Platz in dem Team durch Beziehungen und einen reichen Onkel ergattert hat. Chester und Jess haben unter der Unerfahrenheit und Unsicherheit von Brix zu leiden. Denn Brixs Schwäche birgt ein ständiges Risiko. Insbesondere Chester ist anfangs permanent damit beschäftigt, die Fehler und Missgeschicke von Brix auszubügeln. Auch wenn sich 100 Jahre später die Ausrüstung erheblich verbessert hat, sind die Gefahren, mit denen die Crew zu kämpfen hat, die Gleichen. Kälte, Schneestürme, Erfrierungen, Verletzungen, die nicht behandelt werden können, weil die Mitglieder auf sich allein gestellt sind.... die Natur ist mörderisch und stellt sich gegen den Menschen. Es passiert das, was passieren muss. Auch diese Expedition wird scheitern. 
"'Die Schwachen werden nicht von den Starken getragen, sonder reißen sie mit in die Tiefe.'" (S. 68)
Rebecca Hunt erzählt die Geschichte der beiden Expeditionen, in dem sie 3 Handlungsstränge parallel verlaufen lässt. Handlungsstrang 1 behandelt die Zeit nach der Rettung von Dinners. Damit beginnt dieser Roman. Die Kizmet hat es geschafft, nach Everland zurückzukehren. Dinners wird gerettet, was mit den anderen beiden Expeditionsmitgliedern passiert ist, bleibt offen. Kapitän, Schiffsarzt und die Crew der Kismet spekulieren, was auf der Insel passiert ist und versuchen auch Ned und Millet-Bas aufzuspüren.
Handlungsstrang 2 schildert den Überlebenskampf der 3 Männer auf Everland (1913). Mit Handlungsstrang 3, der Gedächtnisexpedition schließt sich der Kreis.

Sehr gelungen fand ich die Verknüpfungen zwischen den beiden Expeditionen. So stößt das Team um Chester bei seinen Forschungen auf Überbleibsel und Spuren der ersten Expedition. Spuren, die zunächst Rätsel aufgeben. Da diese Spuren und Überbleibsel auch in Handlungsstrang 2 eine Rolle spielen, ergibt sich dadurch zumindest für den Leser des Rätsels Lösung.
"Es gab Dinge, die Everland verlassen würden, und andere, die zurückblieben und darauf warteten, entdeckt zu werden. Ein Rucksack, der im Eis abgestellt worden war, oder eine Sammlung von sechs Amethysten. Die Geschichte dieser Gegenstände und ihrer Lage würde man eines Tages verstehen oder auch nicht." (S. 410)
Der Sprachstil von Rebecca Hunt ist bildgewaltig. Dadurch lässt sie den Leser den Überlebenskampf der beiden Teams fast schon körperlich spüren. Insbesondere die Beschreibungen der Naturgewalten lassen Bilder im Kopf entstehen, die den Leser ganz klein vor Überwältigung und Ehrfurcht werden lassen. Allein diese Bilder im Kopf sind es wert, diesen spannenden Roman zu lesen.

Fazit:
Ein atemberaubender Abenteuerroman, der nicht nur durch die besondere Geschichte sondern auch durch den bildgewaltigen Sprachstil von Rebecca Hunt überzeugt. Leseempfehlung!

© Renie




Über die Autorin:

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren und hat am Central Saint Martin's College, einer bekannten Londoner Hochschule für Kunst und Design, studiert. Rebecca Hunt ist Malerin und lebt in London. Ihr erster Roman „Mr. Chartwell“ stand auf der Longlist des Guardian First Book Award und auf der Shortlist des Galaxy National Book Award, ihr zweiter Roman „Everland“ kam auf die Shortlist des Encore Award 2014. (Quelle: Randomhouse/Luchterhand)

Mittwoch, 19. Juli 2017

Gerd Pfeifer: Ana und die Fische (Erzählungen aus Brasilien)

Quelle: Pixabay / sasint

Gerd Pfeifer ist nicht unbedingt ein typisch brasilianischer Name. Bei brasilianischen Namen denke ich an Ronaldo, Rivaldo, Roberto oder Neymar. (Der portugiesisch-affine Leser wird feststellen, dass mein Repertoire an brasilianischen Vornamen sehr begrenzt ist und ich meine Weisheit aus der Welt des Fußballs habe) Wie kommt der Autor mit dem Namen Gerd Pfeifer also dazu, brasilianische Geschichten zu erzählen? Weiß er, wovon er schreibt? Natürlich weiß er das. Denn Gerd Pfeifer hat einige Jahre in Brasilien gelebt, so dass er in seinen Erzählungen aus dem Nähkästchen plaudert.

Die Geschichten, die dabei entstanden sind, sind bunt. Gerd Pfeifer präsentiert eine Vielfalt, die einen besonderen Eindruck von diesem exotischen Land vermittelt. Brasilien wird klischeehaft als der Inbegriff der Lebensfreude angesehen: brasilianischer Karneval und leicht-bekleidete Damen, die zu Samba-Rythmen tanzen. In dem vorliegenden Erzählband findet weder Karneval noch Samba statt. Stattdessen präsentiert der Autor unterschiedliche Aspekte einer Gesellschaft, die herzlich wenig mit diesem Klischee zu tun haben. In den Geschichten finden sich Unmenschlichkeit und Wut, aber auch Liebe, Zauber und Mystik.
"In einem Land, das jedem Ehemann mindesten eine Geliebte gestattete und jede Frau entweder Geliebte oder Ehefrau oder beides zugleich war, herrschte strengste Prüderie." (aus "Ana und die Fische", S. 43)
"Ein Paar Turnschuhe" sind das Objekt der Begierde für João, einem Jungen aus den Favelas. Am Ende werden ihm die Turnschuhe zum Verhängnis. 

"Ana und die Fische" erzählt die Geschichte einer Frau, die nach 11 Monaten ein Kind zur Welt bringt, das jedoch keiner außer ihr zu Gesicht bekommt. Merkwürdig ist, dass sie jede Nacht mit einem Bündel im Arm ins Meer hinausschwimmt und erst Stunden später wiederkommt. Diese Geschichte ist sehr mystisch und erinnert an ein Märchen.

"Die Muse des Malers" ist das Hausmädchen Dalva. Entgegen aller Vorurteile und Standesdünkel heiratet sie den Maler Serge und lebt mit ihm auf einer kleinen Amazonasinsel. Eines Tages verschwindet der Maler unter mysteriösen Umständen. Er wird für tot erklärt. Jahre später taucht Serge wieder auf.
"Ihre Kindheit verlebte sie auf dem Lande in einem Dorf ohne Namen. Als sie fünf Jahre alt war, half sie ihrem Vater auf den Feldern. Mit sieben war sie eine vollwertige Arbeitskraft, die nach der Feldarbeit die bescheidene Hütte der Familie in Ordnung hielt, ihre jüngeren Geschwister erzog und ihrer Mutter bei der Geburt der alljährlich und frohgemut ins Leben tretenden Jüngsten zur Hand ging." (aus "Die Muse des Malers", S. 73)
"Enkelin Tassia und ihr Großvater" haben ein inniges Verhältnis zueinander. Doch Tassia verändert sich auf einmal, wird verschlossen und ablehnend. Dahinter verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis.

Fazit:
Ein bemerkenswerter Erzählband, der einen Einblick in ein Land gewährt, der nicht viel mit der klischeehaften Samba-Romantik gemein hat, die gerne mit Brasilien in Verbindung   gebracht wird. Seine Geschichten sind vielfältig, jede für sich ist einzigartig. Ein Buch, das verzaubern, aber auch verstören kann.

© Renie




Über den Autor:
Gerd Pfeifer war weltweit als Investmentbanker tätig, bevor er nach seinem Rückzug ins Privatleben mit dem Schreiben begann. Für »Geneviève – Ein französischer Sommer« erhielt er den Preis der Vontobel-Stiftung in Zürich. (Quelle: Ripperger und Kremers)



Freitag, 14. Juli 2017

Jürgen Vogel: Bittersüße Wahrheiten

Quelle: Pixabay / IWMedien

Endlich kommt die Auflösung eines Rätsels, auf die ich lange gewartet habe. Mit dem Roman "Bittersüße Wahrheiten" endet Jürgen Vogels Trilogie um David Adolphy und seinem geheimnisvollen Doppelgänger.

Inhalt der Trilogie:
Die Geschichte beginnt in Barcelona, auf einem Markt (Band 1). Der Zufall lässt David und Silvia aufeinandertreffen. Es stellt sich heraus, dass David Silvias verstorbenem Manne Philippe zum Verwechseln ähnlich sieht. Auch charakterlich lassen sich die beiden Männer nicht voneinander unterscheiden. Es gibt keinerlei verwandschaftliche Beziehung zwischen den Beiden. Und doch ähneln sie sich wie eineiige Zwillinge. David freundet sich mit Silvia und ihren fast erwachsenen Kindern an. Dem Geheimnis um die Ähnlichkeit von David und Philippe kommen sie jedoch nicht auf die Spur. 
Der zweite Band "Erinnerungen an Philippe" führt die Protagonisten nach Paris - der Ort, an dem Philippe durch ein Verbrechen ums Leben gekommen ist. Silvia ist von den Behörden, die sich mit der Aufklärung des Verbrechens befassen, nach Paris gebeten worden. Sie bittet David, ihr in dieser Situation beizustehen. Dabei lernt David auch die Eltern von Philippe kennen, die genauso erschrocken über seine Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Sohn sind, wie zuvor Silvia und die Kinder. Der 2. Band konzentriert sich dabei auf die Erinnerungen von Silvia an ihren Mann.
Der dritte Band "Bittersüße Wahrheiten", um den es hauptsächlich in meiner Buchbesprechung geht, führt uns an die Heim- und Wirkungsstätte von David: Köln. Hier erhält er Besuch von Cassius, Philippes Sohn. Er kommt in der festen Absicht nach Köln, um endlich Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Gemeinsam kommen David und Cassius dem Geheimnis auf die Spur. Die Dinge, die sie dabei herausfinden, sind insbesondere für David schmerzhaft und verwirrend. Und damit beginnt der Aufarbeitungsprozess um Davids und Philippes Vergangenheit.
"Kurz nachdem ich Silvia kennengelernt und von der Existenz von Philippe erfahren hatte, träumte ich häufig von ihm. Es begann zunächst mit Tagträumen, schon bald waren es eher Visionen oder auch Erscheinungen des Nachts. Stets konnte ich mich haargenau an die Träume erinnern. Zudem schienen sie mir derart real, dass ich beinahe das Gefühl hatte, Philippe wolle hierdurch Kontakt zu mir aufnehmen." (S. 29)
Der Autor Jürgen Vogel ist in "Bittersüße Wahrheiten" seiner Linie treu geblieben. Genau wie in den ersten beiden Bänden wählt er einen Schauplatz aus, den er mit großem Charme und sehr intensiv beschreibt. Der Leser fühlt sich in die Rolle des neugierigen Touristen versetzt, der mit den Protagonisten durch eine beeindruckende Stadt schlendert und dadurch das Flair dieser Stadt auf sich wirken lässt. In "Bittersüße Wahrheiten" ist es Köln. Und obwohl ich selbst schon häufig in Köln unterwegs war, habe ich mich von den Beschreibungen verzaubern lassen. Allein dieser Aspekt macht diesen Roman schon lesenswert.

Hinzu kommt das Wiedersehen Wiederlesen mit bekannten Charakteren, die einem schon in den ersten beiden Bänden ans Herz gewachsen sind. Allen voran natürlich David. Er und alle anderen zeichnen sich durch Tiefgründigkeit aus. Der Leser entwickelt sehr schnell große Sympathien für die Protagonisten.

Ein besonderes Charakteristikum der Trilogie ist die Sprache. Der Autor Jürgen Vogel hat einen ganz eigenen Sprachstil. Er wählt die Worte mit Bedacht, scheint lange an Sätzen zu feilen, bis er endlich zufrieden mit dem Ergebnis ist. Da wird kein Ausdruck leichtfertig verwendet, egal wie banal eine Situation auch sein mag. Auffällig ist seine Vorliebe für die indirekte Rede. Das nimmt manchmal das Tempo aus dem Lesefluss, weil man an vielen Sätzen hängen bleibt. Darauf muss man sich einlassen und diesen Stil als den von Jürgen Vogel akzeptieren.
"Da erzählte ich ihm von den zuvor geführten Telefonaten mit meinem Vater und Silvia. Ich sagte ihm, wie schwer er mir gefallen sei, meinen Vater nicht direkt auf die Verdächtigungen von Cassius anzusprechen. Ich berichtete ihm außerdem, dass ich glaubte, dass ...." (S. 51)
Fazit:
Der Roman "Bittersüße Wahrheiten" vereint den Zauber einer Stadt, sympathische und tiefgründige Charaktere sowie einen Sprachstil, den man fast schon als Jürgen Vogel-Stil bezeichnen kann. Ein schöner Abschluss einer Trilogie, der endlich des Rätsels Lösung präsentiert.

© Renie





Weitere Titel der Trilogie sind





Über den Autor:
Jürgen Vogel, geboren 1967 in Merzig, wuchs unter anderem in Spanien, Australien und Südostasien auf. Als aufmerksamer und sensibler Beobachter sammelte er im Laufe der Jahre zahlreiche Geschichten und Erfahrungen, die er heute mit seinen Lesern teilen möchte. Seit den 90er-Jahren lebt und arbeitet der Autor im Rheinland. (Quelle: tredition)

Sonntag, 9. Juli 2017

Gaye Boralioglu: Der Fall Ibrahim

Ausschnitt aus "Die sieben Todsünden" von Hieronymus Bosch (1450 - 1516)

Viele meiner Bekannten, Freunde und Nachbarn sind türkischer Abstammung. Der beste Freund meines 12-jährigen Sohnes kommt aus einer türkischen Familie. Ganz ehrlich: wenn die Türken, die ich kenne, auch nur einen Hauch der Mentalität zeigen würden, die die Charaktere in Gaye Boralioglus Roman "Der Fall Ibrahim" an den Tag legen, hätten ich und meine Familie nichts mit ihnen zu tun. Denn die türkische Autorin und Journalistin zeichnet ein derart erschreckendes Bild der türkischen Gesellschaft, auf das man als Leser nur mit Ablehnung reagieren kann. 

Der Roman "Der Fall Ibrahim" ist nach einer wahren Begebenheit entstanden und beschäftigt sich mit dem Geheimnis um das mysteriöse Verschwinden des jungen Türken Ibrahim.
"'Wenn ich nichts sage und die ganze Welt die Augen schließt, dann kann niemand, aber auch gar niemand auf der Welt wissen, ob es mich gibt oder nicht.'" (S. 61)

Eine Journalistin reist durch die Türkei und versucht der Spur von Ibrahim zu folgen. Sie beginnt ihre Recherche im Heimatort von Ibrahim. Hier wird zunächst die Familie befragt. Von da aus führt sie die Spur über mehrere Stationen bis hin nach Istanbul.
Der Roman ist eine Ansammlung von Interviews mit Menschen, die Ibrahim gekannt haben.  Die Interviews sind aufgenommen worden. In dem Roman werden lediglich die Antworten der Befragten wieder gegeben. Die Fragestellung ergibt sich für den Leser aus den jeweiligen Antworten der Protagonisten. Dabei fühlt sich der Leser in die Rolle eines Kameramannes versetzt. Man sieht förmlich, wie die Befragten sich drehen und winden, sich bei unangenehmen Fragen herausreden. Denn die Befragten haben alle eines gemeinsam: Sie sind nicht ganz aufrichtig, haben scheinbar viel zu verbergen. Mit jedem weiteren Zeugen entdeckt der Leser Widersprüche in den Aussagen.

Mit der Zeit eröffnet sich das ganze Ausmaß um die Tragödie des Lebens von Ibrahim, der scheinbar ein sehr sensibler und tiefsinniger Mensch ist, von Zweifeln geplagt und immer auf der Suche nach Antworten. Er stellt Fragen, die verstören können und die Weltanschauung seiner türkischen Mitmenschen in Frage stellt. Das kommt in der, von Männern dominierten türkischen Gesellschaft nicht gut an.
"Man konnte ihm nicht längere Zeit ins Gesicht schauen. Vielleicht wusste er das ja und hielt darum seine Augenlider halb geschlossen. Er war wie ein Engel. Genau wie ein Engel. Einem Engel können sie ja auch nicht länger in die Augen schauen, sonst kriegen sie Angst, werden vom Gefühl erfasst, es könnte ihnen etwas passieren. Sie zittern innerlich. So einer war er." (S. 90)
Was tatsächlich mit Ibrahim geschah, lässt dieser Roman offen, so dass der Leser das Buch mit einer Mischung aus Betroffenheit und Hoffnung beenden wird. 

Auffällig ist, wie ich bereits erwähnte, das Bild, das die Autorin von der Türkei transportiert. Am treffendsten lässt sich dieses Bild mit den "7 Todsünden" der katholischen Theologie beschreiben. Es mag merkwürdig erscheinen, ein Buch aus dem islamischen Kulturkreis mit einem Begriff der katholischen Kirche in Verbindung zu bringen. Aber ich konnte einfach nicht anders, da sich mir der Begriff der "7 Todsünden" zwischendurch immer wieder aufdrängte (auch, wenn ich nicht sehr gläubig bin) und nicht mehr aus dem Kopf ging. Die "7 Todsünden" sind: Hochmut, Geiz, Wollust, Jähzorn, Völlerei, Neid, Faulheit. Diese Eigenschaften finden sich in unterschiedlicher Ausprägung in den Charaktere dieses Romanes wieder. Gäbe es noch eine 8. Todsünde, wäre es wohl das bedingungslose Festhalten an dem türkischen Ehrbegriff. 

Der Islam wird in diesem Roman durch einen Scheich vertreten. Dieser berichtet von Ibrahim und den Eindruck, den er bei ihm hinterlassen hat. Er gibt eine detaillierte Zusammenfassung der Gespräche wieder, die zwischen den beiden stattgefunden haben. Dabei offenbart sich eine islamische Weltanschauung, die in Zeiten von IS und Terror einen empfindlichen Punkt beim Leser trifft.
"Was für ein Unterschied besteht zwischen dem Gedanken an ein vereintes Europa und Hitlers Traum von einem Groß-Deutschland? Der verfaulende Gestank des Westens ist bis hierher zu riechen. Ein schwerer, intensiver, säuerlicher Geruch, das bedauernswerte Ende einer großen Zivilisation, die im Todeskampf liegt." (S. 122)
Die Journalistin ist auf ihrer Reise durch die Türkei von einem armenischen Fotografen begleitet worden. Die eindrucksvollen Fotos, die dabei entstanden sind, finden sich in diesem Roman wieder. Die Schwarz-Weiß Fotos beschönigen nichts und dokumentieren die Fremdartigkeit. Sie vermitteln eine düstere und bedrohliche Stimmung. Es gibt kaum ein lachendes Gesicht, stattdessen Ernsthaftigkeit. Es werden Alltagsszenen gezeigt, die den Anschein vermitteln, dass die Fotografierten den Fotografen nicht wahrnehmen (wollen).

Fazit
"Der Fall Ibrahim" ist ein beeindruckendes Buch, das von der Spannung her mit jedem guten Thriller mithalten kann. Es liefert mit seiner Ansammlung von Interviews und den Schwarz-weiß Fotografien leider ein sehr düsteres Bild der türkischen Gesellschaft. 
Der Roman macht fassungslos und zeigt, wie fremd die Türkei uns Europäern ist. Aber eines ist klar. Die von Männern dominierte Gesellschaft, geprägt von Gewalt und Missbrauch, hat herzlich wenig mit den türkischstämmigen Menschen zu tun, die in Deutschand leben. Und das ist gut so.

Leseempfehlung!

© Renie




Über die Autorin:
Gaye Boralıoğlu, 1963 in Istanbul geboren, studierte Philosophie und arbeitete lange Zeit als Journalistin, Werbetexterin und Drehbuchautorin. Unter dem Titel »Hepsi Hikâye« erschien 2001 ihr erster Erzählband gefolgt von ihrem Romandebüt »Meçhul« (2004). Für ihren 2009 veröffentlichten Roman »Aksak Ritim« wurde sie mit dem Literaturpreis Notre Dame de Sion ausgezeichnet, 2013 erschien das Werk unter dem Titel »Der hinkende Rhythmus« im binooki Verlag auf Deutsch. Für den Band »Mübarek Kadınlar« erhielt sie 2015 den Yunus Nadi Preis für Kurzgeschichten, der Band erschien auf Deutsch unter dem Titel »Die Frauen von Istanbul« (Größenwahn Verlag, 2015)

Freitag, 30. Juni 2017

Stephanie Danler: Sweetbitter

"Sweetbitter" von Stephanie Danler ist ein Roman über das Genießen und über das Leben in einer Parallelwelt, welche zwar dicht dran am Alltag von uns Normalos, aber trotzdem fremd und einzigartig ist: die Gastronomie und der Arbeitsalltag in einem "Tempel des Genusses". 
Gleich vorweg: da ich selbst einige Jahre in ähnlicher Position wie die Hauptprotagonistin gearbeitet habe, führt mich Stephanie Danler zurück in meine Vergangenheit. Es ist zwar schon Urzeiten her, aber ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Daher habe ich dieses Buch sozusagen als kritischer Insider gelesen und hatte dadurch so manches Déjavu.

Das erwartet den Leser in diesem Roman:
Tess, ein Mädchen vom amerikanischen Lande, zieht es in die Großstadt. New York ist das Ziel. Hier begibt sie sich auf Jobsuche und landet als Hilfskellerin in einem Nobelrestaurant. Von jetzt an bestimmt die Arbeit ihr Leben. Sie versucht, sich in der Maschinerie des Restaurants zurechtzufinden, zahlt natürlich gerade in der Anfangszeit "Lehrgeld". Doch mit der Zeit wird sie immer sicherer. Die Arbeit fängt an, ihr Spaß zu machen. 
Innerhalb einer Restaurant-Crew gibt es strenge Hierarchien, die notwendig sind, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Es gibt "Despoten" innerhalb dieser Hierarchien, die ihre Tätigkeit als "uneingeschränkte Herrschaft" verstehen (allen voran der Chefkoch) und dementsprechend launisch und aufbrausend mit ihren untergeordneten Mitarbeitern umgehen. Doch dieses Verhalten scheint zu einem Restaurant dazuzugehören. Zumindest nimmt niemand daran Anstoß.
"' ... - alle scheinen im Restaurant geboren und aufgewachsen zu sein. ...'" (S. 95)
Schnell hat Tess gelernt, dass sie und ihre Kollegen sich in einer eigenen Welt befinden, die herzlich wenig mit dem Alltag außerhalb zutun hat. Hier wird die Nacht zum Tag gemacht. Nach Dienstschluss zieht die Crew erst einmal durch die Nachtwelt, wobei der Trip seinen Anfang immer an der Bar des Restaurants nimmt. Die Mitarbeiter beginnen mit einem Feierabend-Drink. Im Laufe der Nacht werden sie sich zudröhnen - mit Alkohol und anderen Drogen. Am nächsten Tag werden sie ihren Rausch ausschlafen, denn am Abend werden sie wieder fit für die Arbeit im Restaurant sein müssen.
Quelle: aufbau

Nur die wenigsten von Tess' Kollegen haben ein Privatleben. Mit der Zeit lernt Tess ihre Kollegen besser kennen. Anfangs als die Neue beäugt, wird sie schnell in die Gemeinschaft integriert. Kaum einer der Restaurantmitarbeiter macht seinen Job aus Berufung. In erster Linie geht es um's Geld verdienen, mit dem Ziel, der Verwirklichung eines persönlichen Traumes näher zu kommen.
"Bei Geschmack, sagte Chef, geht es immer um Ausgewogenheit. Das Saure, das Salzige, das Süße, das Bittere. ... Ein Zeugnis von Geschmack, ein eindeutiger Hinweis darauf, wie du der Welt begegnest, ist die Fähigkeit, das Bittere zu schätzen, ja, danach ebenso zu gieren wie nach dem Süßen." (S. 25)
Der Roman ist in 4 Abschnitte unterteilt - Sommer, Herbst, Winter, Frühling - und schildert somit ein Jahr als Restaurantmitarbeiterin. Die Handlung setzt im Sommer ein, als Tess von der Provinz nach New York kommt. Die Entwicklung, die Tess im Verlauf dieses Jahres von der schüchternen Landpomeranze bis hin zur selbstbewussten New Yorkerin macht, ist dabei bemerkenswert. 

Merkwürdigerweise nehmen die Jahreszeiten keinen Einfluss auf den Tagesablauf der Restaurant-Crew. Einzig, was die Beschreibungen der Speisen und Getränke angeht, die in diesem Roman sehr viel Raum bekommen, wird man einen saisonalen Unterschied feststellen. Als Leser sollte man sich darauf gefasst machen, Appetit zu bekommen. Denn Essen und Trinken werden in einer Bildhaftigkeit geschildert, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.
" ... Oregano aus Mexiko, der verbrannt aussieht und dessen Duft so betörend ist wie der von Marihuana. Große Dosen hinter den riesigen Olivenöl-Behältern - darin versteckt Chef seinen persönlichen Vorrat an Anchovis aus Katalonien. Kisten gefüllt mit grasigem Sencha und winzigen, von Stein gemahlenen Matcha-Kugeln. Gefrierbeutel mit Maseca. In einigen Spinden findet sich Sriracha-Sauce. Diverse Flaschen billiger Whiskey, versteckt zwischen Mehl und Zucker. Schokoladenriegel in den Manager-Büros, zwischen den Büchern im Regal." (S. 107)
Leider hat dieser Roman nicht viel an Handlung zu bieten. Die Geschichte konzentriert sich auf das Restaurantleben, was für mich als Insiderin eine gern unternommene Reise in die Vergangenheit war.

Auch wenn der Restaurantalltag und das Miteinander der Kollegen sehr authentisch geschildert ist, bin ich mir nicht sicher, ob dies ausreicht, um andere Leser begeistern zu können. Die Autorin, die übrigens ebenfalls in einem Restaurant gearbeitet hat, schmückt die Handlung ein wenig aus, indem sie Tess eine Liebesgeschichte zuschreibt. Doch diese Liebesgeschichte nimmt in diesem Roman nicht viel Raum ein und geht in der Schilderung der Tagesabläufe und der Arbeit in einem Restaurant leider unter.

Ich kann diesen Roman Lesern empfehlen, die Freude am Genuss von gutem Essen und Trinken haben. Denn hier werden sie voll auf ihre Kosten kommen. Vielleicht gibt es auch Leser, die "Restaurant-Luft" schnuppern wollen und sich für die Parallelwelt eines "Tempel des Genusses" interessieren. Dann sind auch sie mit diesem Roman bestens bedient. Denn die Authentizität dieses Romanes garantiert einen realitätsnahen Einblick.

© Renie




Über die Autorin:
Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt „Sweetbitter“. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York. Mehr Informationen zur Autorin unter www.stephaniedanler.com (Quelle: aufbau)

Dienstag, 27. Juni 2017

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

Quelle: Pixabay / curiousgeorge77
Die Legende um van Goghs linkes Ohr regt seit jeher die Phantasien an. Wahr ist, dass sein linkes Ohr abgeschnitten wurde. Nur von wem? Einige behaupten, dass sein Kumpel Gauguin das Messer geführt hat.  Gerne wird aber auch angenommen, dass Vincent sein Ohr in einem Anflug von geistiger Umnachtung selbst abgesäbelt hat. Letztere Theorie passt natürlich ganz hervorragend zu van Goghs wahnsinnigem Genie.

Octave Mirbeau, der van Gogh persönlich gekannt hat, erzählt in seinem Roman "Diese verdammte Hand" von einem Maler, der große Ähnlichkeit mit dem berühmten Künstler hat. Wie van Gogh kommt dieser gewaltsam zu Tode. Nur, dass bei ihm am Ende beide Ohren dran bleiben.

In diesem Roman gibt es - man glaubt es kaum - 3 Ich-Erzähler. Zunächst erfährt der Leser von einer anonymen Person, dass diese auf dem Weg zu einem früheren Freund ist: Georges, den er vor einigen Jahren kennengelernt, dann wieder aus den Augen verloren und nun von ihm einen Brief erhalten hat, der einem Hilfeschrei ähnelt. Denn Georges lebt in Abgeschiedenheit auf einer einsamen Bergspitze. Die Einsamkeit bekommt Georges nicht und schlägt ihm auf's Gemüt. Der anonyme Ich-Erzähler verbringt eine Nacht bei seinem Freund. George's Geisteszustand ähnelt dem eines Wahnsinnigen. Wie George an diesen trostlosen Ort gekommen ist, erfährt man durch dessen Aufzeichnungen, die er dem Freund zur Verfügung stellt.

"'... Dort oben ersticke ich, bin ich wie gelähmt, auf dem Kopf spüre ich die Bürde eines ganzen Berges lasten ... Es ist der Himmel, so schwer, so bleischwer! Und dann diese Wolken ... Du hast sie also noch nicht gesehen, diese Wolken? Sie sind leichenblaß, fratzenhaft verzerrt wie das Fieber ... wie der Tod!'" (S. 12)
Von diesem Moment an kommt der 2. Ich-Erzähler auf einer weiteren Handlungsebene ins Spiel: Georges, der in seinen Aufzeichnungen von seiner Kindheit erzählt, und wie er zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist. Aufgewachsen in einem strengen Elternhaus, war es für ihn unmöglich, den Ansprüchen seiner Eltern gerecht zu werden. Auf Georges Misserfolge reagierte die Familie mit resigniertem Spott. Seine Familie hat wirklich alles dazu beigetragen, um aus ihn einen Verlierertypen zu machen. Nach dem Tod seiner Eltern, lernte Georges den jungen Maler Lucien kennen. Lucien war ein Besessener, nie zufrieden mit seiner Malerei und ständig auf der Suche nach dem ultimativen Pinselstrich. Mit Hilfe des charismatischen Lucien lernt Georges erstmalig zu leben und auf eigenen Beinen zu stehen. Die Beiden gehen nach Paris, wohnen im selben Mietshaus. Hier widmet sich Georges der Schriftstellerei, macht erste Erfahrungen in Liebesdingen und ist Lucien ein treuer Freund. Lucien verliert sich immer mehr in seiner Besessenheit. Besessenheit wird zum Wahnsinn, das Ende ist katastrophal.

Georges Tagebuch enthält Briefe von Lucien, die dieser ihm geschrieben hat, und der zum 3. Ich-Erzähler wird. Diese Briefe verdeutlichen, dass er an der Unfähigkeit seinen eigenen künstlerischen Ansprüchen gerecht zu werden, verzweifelte.
Kunst bedeutete für ihn "jenes auszudrücken, was man mit eigenen Augen gesehen hat, mit seinen Sinnen gespürt, mit seinem Hirn verstanden ..." (hat) (S. 87) Seine vermeintliche Unfähigkeit, seine Eindrücke und Sinneswahrnehmungen künstlerisch wiederzugeben, stürzten ihn am Ende in den Wahnsinn.
"Ich wollte durch eine Verbindung von Linien und Formen all das ausdrücken, was ein Blinder sehen kann, verstehst Du, all das, was eine Stumme sagen kann, feinsinnig werden. Nun ... es ist nichts dabei herausgekommen! Nichts! Meine Hand hat sich geweigert, das zu malen, was ich empfand, was ich im Innern verstand, all die Gefühle, die meine Seele erfüllten, vor diesem firmamentalen Blick und diesem astralischen Mund." (S. 133)
Die Stimmung in diesem Roman ist geprägt von Melancholie. Der anfangs gewählte geheimnisvolle Schauplatz (Bergspitze) und der Sprachstil von Octave Mirbeau vermitteln eine spürbare Schwermut sowie Verzweiflung und faszinieren den Leser ähnlich wie die Werke eines Edgar Allan Poe.
Dieser Roman wird dadurch zu einem bedrückenden Leseerlebnis, von dem man jedoch nicht lassen möchte. Denn die Figuren, die hier agieren, strahlen eine Leidenschaft aus, die den Leser mitreißt. Somit wird aus diesem Klassiker, das dieses Buch nun mal ist, ein "Wahnsinnsbuch" im doppelten Sinn des Wortes ;-)

© Renie




Über den Autor:
Octave Mirbeau (1848-1917) war Journalist, Kunstkritiker, Dramatiker und Romanautor. Im Weidle Verlag erschien 2013 in der Übertragung von Wieland Grommes Mirbeaus Reisebuch 628-E8, das von der Stiftung Buchkunst als eines der »Schönsten deutschen Bücher« ausgezeichnet wurde.
Diese verdammte Hand (im franz. Original: Dans le ciel) wurde zwischen 1892 und 1893 in der Zeitung »L'Echo de Paris« als Fortsetzungsroman veröffentlicht.
Der 16. Februar 2017 ist Octave Mirbeaus 100. Todestag (Quelle: Weidle)