Donnerstag, 13. September 2018

George Saunders: Lincoln im Bardo

Quelle: Pixabay/dennisflarsen
Meine übliche Herangehensweise an ein Buch besteht darin, mich grob über den Inhalt zu informieren. Dabei lasse ich Klappentexte, Rezensionen etc. außen vor. Ich möchte mich nicht vorab beeinflussen lassen. Allerdings war mein erster Gedanke, als ich den Roman "Lincoln im Bardo" von George Saunders das allererste Mal aufgeschlagen habe: "Ach, du Schande! Hättest du dich mal vorher schlau gemacht. Da hast du dich wohl von dem Prädikat "Man Booker Prize 2017" blenden lassen."

Nach den ersten Seiten habe ich dieses Buch gehasst, ein paar Seiten später wollte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Und am Ende war ich süchtig danach und habe es in Rekordzeit gelesen.

Der erste Eindruck deutet darauf hin, dass dieser Roman eine Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen ist. Das ist gewöhnungsbedürftig und nicht leicht zu lesen, zumal diese Gesprächsfetzen von einer Vielzahl unterschiedlicher Personen kommen (irgendwo habe ich die Zahl 160 gelesen), die sich gerade am Anfang weder zuordnen noch auseinanderhalten lassen. Hinzu kommen Auszüge aus Texten von fiktiven und realen Chronisten aus der Zeit von Abraham Lincoln (1809 - 1865). Auf den ersten Blick ist das Buch ein großes chaotisches Durcheinander. Es gibt nur selten Fließtext, bestenfalls erinnert die Textform an ein Drehbuch oder ein Theaterstück. Erstaunlich, dass sich beim Lesen ein Sog entwickelt hat, der mich geschmeidig durch die Handlung gleiten ließ.
Quelle: Randomhouse/Luchterhand
"Oh, wie pathetisch! - abgezehrt, von eingegrabenen Zügen unsagbarer Traurigkeit gezeichnet, das Aussehen eines einsamen Mannes, einer Seele mit so tiefem Kummer, so tiefer Bitternis, dass kein menschliches Mitgefühl je heranreichen könnte. Dies war weniger der Präsident der Vereinigten Staaten, besagte mein gewonnener Eindruck, als vielmehr der traurigste Mensch der Welt."
Und darum geht es in diesem Buch:
Nachdem Willie, der 11-jährige Sohn von Abraham Lincoln (16. Präsident der USA), gestorben ist, findet er sich auf dem Friedhof wieder. Sein Zustand scheint eine Übergangsstation zwischen dem Leben und dem, was danach kommt, zu sein ( = Bardo: ein Begriff aus dem tibetischen Buddismus, der einen Bewusstseinszustand zwischen dem Diesseits und dem Jenseits bezeichnet - ganz grob erklärt). Hier trifft er auf unzählige Gestalten, die hier ebenfalls wandeln, die Einen bereits seit Jahren, die Anderen erst seit Kurzem. Alle habe eines gemein: sie sehen sich nicht als "tot" an. Stattdessen sind sie in einer Warteposition, um wieder in ihr altes Leben zurückzukehren oder auf, ihnen nahestehende Menschen zu warten, die ebenfalls irgendwann das Zeitliche segnen werden. Willie unterscheidet sich von den anderen Gestalten. Er ist jung, und er erhält Besuch von seinem Vater. In der Nacht nach der Beerdigung seines Sohnes, kommt Lincoln nochmal allein zur Gruft, in der sein Sohn begraben ist. Voller Trauer und Verzweiflung will er Abschied nehmen. Und das, was anschließend in dieser Nacht geschieht, lässt sich nicht mit Vernunft und gesundem  Menschenverstand erklären. Nur soviel: auch Geister haben Gefühle.
"Während die Toten sich in unvorstellbaren Mengen häuften und sich Kummer zu Kummer gesellte, klagte eine Nation, die bislang wenig Opfer bringen musste, Lincoln wegen schlechter, zaudernder Kriegsführung an." (S. 297)
Abraham Lincoln erleidet diesen tragischen Verlust zu einer Zeit, in der sein Land zweigeteilt ist und einen Bürgerkrieg führt. Er wird in seiner Rolle als Präsident 100%ig gefordert. Doch hier zeichnet sich ein nahezu unlösbarer Konflikt zwischen trauerndem Vater und Staatsoberhaupt ab. Die politische Lage lässt dem Privatmenschen nicht viel Freiraum. Und doch nimmt er sich die Freiheit zu trauern, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Gleichzeitig wird ihm bewusst, welche Auswirkungen der Krieg auf die Bürger seines Landes hat. Mit jedem gefallenen Soldaten gibt es Menschen, welche dieselbe schmerzhafte Trauer erdulden müssen, wie er selbst, durch den Verlust seines Sohnes.

Eine Besonderheit dieses Romanes sind die Charaktere, i. d. R. sind dies Tote im Bardo. Sie bilden einen Querschnitt der damaligen (oder auch heutigen?) amerikanischen Gesellschaft. Es sind Arme und Reiche, Weiße und Farbige, Ehrenwerte und Kriminelle, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Moralische und Unmoralische...
Und jeder hat eine Geschichte zu erzählen - die Geschichte der letzten Jahre seines Lebens sowie die Umstände des persönlichen Ablebens. Dabei kommen Geschichten zu Tage, die traurig sind, skurril, lustig, abstoßend, Mitleid erregend. Die Geschichten beinhalten sehr viel schwarzen Humor. Doch bei aller Skurrilität, die George Saunders seinen Charakteren angedichtet hat, hat man stets den Eindruck, dass er ihnen sehr viel Sympathie und Verständnis entgegenbringt. Er stellt Fehler in den Vordergrund, welche Menschen menschlich machen.
"Bei uns allen, die wir hier sind, ist es natürlich für jede Änderung zu spät. Alles ist getan. Wir sind unstoffliche Schatten, und da sich das Urteil darauf bezieht, was wir in der vorherigen (stofflichen) Welt getan (oder nicht getan) haben, befindet sich jegliche Besserung für immer außerhalb unserer Möglichkeiten. Unser Tun dort liegt hinter uns; wir warten nur darauf, dafür zu bezahlen." (S. 246)
Fazit:
Ich habe bisher noch nichts Vergleichbares gelesen. George Saunders hat mit "Lincoln im Bardo" eine bizarre Geschichte entworfen. Gesunder Menschenverstand ist hier fehl am Platze. Stattdessen lässt man sich als Leser auf ein eigentlich gruseliges Kammerspiel ein, das die Vorlage für einen Horrorfilm liefern könnte. Belohnt wird man dafür mit einer beeindruckenden Geschichte über einen Vater und seinen Sohn, über einen Staatsmann und seinen Krieg, über Liebe, Verlust, Trauer und Mitgefühl. Eine Geschichte, die unter die Haut geht, die lustig ist, die spannend ist, die schräg ist, die nachdenklich stimmt, und die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

© Renie



Über den Autor:
... George Saunders gilt als einer der besten Shortstory-Autoren der Gegenwart und neben David Foster Wallace als einer der bedeutendsten modernen Autoren Amerikas. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York. Das Echo auf seinen ersten Roman »Lincoln im Bardo« war überwältigend: Man Booker Prize 2017, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und Spiegel-Bestseller. (Quelle: Randomhouse / Luchterhand)

Donnerstag, 6. September 2018

Bernhard Strobel: Im Vorgarten der Palme

Quelle: Pixabay/skeeze
Das saftige Rasengrün, die grell leuchtenden Lilien, Tagetes, Zinnien, über deren Blüten die Bienen und Hummeln kreisten, unentschlossen, in welchen Kelch des üppigen Büffets sie ihre Saugrüssel zuerst stecken sollten, die Bäume mit ihren behaglichen Schatten unter den dichten Kronen. Wem würden bei einem solchen Anblick unter der strahlenden Nachmittagssonne nicht die Knie weich werden?
... und Herr über dieses idyllische Vorstadtparadies ist Leidegger, dessen Kleinod in dieser botanischen Herrlichkeit seine Palme im Vorgarten ist. Sie hegt und pflegt er. In diesem Paradies führt er mit Ehefrau Martina und der gerade geborenen Tochter ein fast perfektes Leben.

Aber, wie jeder weiß, gehen Geschichten, die im Paradies spielen, selten gut aus. Bei dem einen ist es eine Schlange mit Apfel, die den Frieden stört. Bei Leidegger ist es eine SMS auf seinem Handy, die von seiner Frau Martina gelesen wird. Und schon ist das paradiesische Zusammenleben dahin. Bernhard Strobels Roman "Im Vorgarten der Palme" behandelt den dramatischen Konflikt zwischen den beiden Eheleuten, der aus einer eigentlich unverfänglichen Nachricht heraus entstanden ist. Ist dieser Konflikt tatsächlich dramatisch? Es kommt auf das Auge des Betrachters bzw. Lesers an. Ist die Nachricht tatsächlich unverfänglich? Auch hier kommt es auf das Auge des Betrachters an. Martina betrachtet diese Nachricht auf jeden Fall mit anderen Augen als ihr Mann.
Quelle: Kirchner PR/Droschl

Wer aufgrund der angedeuteten Dramatik mit einem Rosenkrieg rechnet, ist schief gewickelt. Wie gehen die Eheleute also miteinander um?

Diese Frage lässt sich nur aus der Sicht von Leidegger beantworten. Denn die tagelange Auseinandersetzung mit Martina findet selten im Gespräch der Eheleute statt, sondern hauptsächlich auf der non-verbalen Ebene. Leidegger vermutet, Leidegger spekuliert, Leidegger unterstellt, Leidegger nimmt vorweg. Hier wird das Problem, das zwischen den Eheleuten vorherrscht, selten beim Namen genannt. Der Konflikt lebt von Andeutungen, Mutmaßungen und Interpretationen, die jeder mit sich selber austrägt.
Aus Erfahrung wusste er, dass Martina dazu neigte, die Pflanzen zu überwässern. Er hatte sie mehr als einmal gebeten, die Palme zu verschonen und sie allein seiner Obhut zu überlassen. Plötzlich ertappte er sich bei einem Gedanken: Goss sie aus Langeweile oder wollte sie mit diesem Gießen etwas bewirkten? Was konnte sie damit bewirken wollen? Sollte es sich um eine Drohung handeln? Beabsichtigte sie, weil sie sich nicht in der Lage sah, Leidegger körperlich zuzusetzen, an seiner Stelle die Palme zu traktieren? Gleich einem lästigen Insekt fächelte er den Gedanken beiseite, so abwegig kam er ihm vor.

Und Leidegger entwickelt sich zu einem wahren Interpretationskünstler. Der Roman gibt seine inneren Diskussionen wieder, seine Spekulationen, seine Gefühlslage. Er seziert und analysiert das Verhalten seiner Frau. Und das macht diesen Roman aus. Denn hier werden sehr akribisch die Endlosdiskussionen, die Leidegger innerlich führt, wiedergegeben. Das hat anfangs einen gewissen Unterhaltungswert. Insbesondere wenn sich Leidegger dabei als Spießer, der keiner sein möchte, präsentiert und sich selbst in der Rolle des überlegenen Strategen im Krieg mit seiner Frau sieht, was er natürlich nicht ist.

Doch mit der Zeit musste ich feststellen, dass mich diese endlosen Selbstdiskussionen anfingen, zu langweilen. Am Ende frage ich mich, ob dieses sicherlich sehr originelle Thema eines Ehekonfliktes ausreichend Potenzial für einen Roman liefert. Die Handlung ist überschaubar. Es passiert nicht viel. Ehefrau Martina bleibt für den Leser im Hintergrund. Das Buch wird daher durch den inneren Kampf von Leidegger bestimmt. Dieser Aspekt nutzt sich nur leider mit der Zeit ab.
Herausragend ist jedoch für mich der Sprachstil des Autors Bernhard Strobel. Seine fantasievollen Satzkonstruktionen und seine fast schon poetischen Vergleiche haben mir sehr viel Freude gemacht. Der Sprachstil wirkt sehr opulent und schwelgerisch.

Wer also Freude an fantasievoller Sprache hat, ist mit diesem Roman sehr gut aufgehoben, sollte sich jedoch darauf einstellen, dass die Handlungen überschaubar sind.

© Renie




Über den Autor:

Freitag, 31. August 2018

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

Quelle: Pixabay / Pexels

Allein die Entstehungsgeschichte zu „Der Sonnenschirm des Terroristen“ könnte die Vorlage zu einem Krimi sein.
Iori Fujiwara hat diesen Roman geschrieben, weil er Geld brauchte. Na gut, wer braucht das nicht. Aber in seinem Fall nahm seine Finanzknappheit lebensbedrohliche Ausmaße an. Denn er hatte Spielschulden bei den Yakuza, der japanischen Mafia, die ja bekanntlich nicht zimperlich ist, wenn es um das Eintreiben ihrer Forderungen geht.
Also hat er aus der Not heraus ein Buch geschrieben, in der Hoffnung, dass die Tantiemen für die Begleichung seiner Schulden ausreichend sind. Seine Rechnung ging auf. Denn innerhalb kürzester Zeit hat er mal eben 2 japanische Literaturpreise abgesahnt. Einer davon war mit 10 Mio Yen (irgendwas zwischen 75 und 80 TEUR) dotiert. Ob die Yakuza mit in der Jury saßen?
Zumindest hätten sie Geschmack bewiesen. Denn dieser Krimi ist ein Besonderer. Seine Entstehungsgeschichte ist eine Besondere und seine Machart ebenso. 

Von Anfang an fühlte ich mich an die legendären Philip Marlowe Geschichten von Raymond Chandler erinnert: Typ einsamer (und alkoholisierter) Wolf klärt ein Verbrechen auf.
Ich sah auf meine Hände. Anders als sonst zitterten sie nicht. Kein Wunder: Ich hatte die ganze Nacht praktisch durchgetrunken. Mit soviel Alkohol im Blut sah ich vielleicht halbwegs wie ein anständiger Mensch aus, dachte ich, und warf einen Blick in den Spiegel. Aber nein. Alles, was ich sah, war ein vom Alter gezeichneter, ausgelaugter Alkoholiker.
Fujiwaras „einsamer Wolf“ ist jedoch kein Privatdetektiv, er hat einen anderen Hintergrund. Welcher genau das ist, klärt sich mit Fortschreiten der Handlung. Zumindest kennt der Ich-Erzähler Shimamura die Abläufe der Polizeiarbeit sehr genau. Als er Zeuge eines Bombenattentats wird, weiß er, was zu tun ist, um unerkannt vom Tatort zu verschwinden. Spätestens hier wird bewusst, dass Shimamura in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit der Polizei hatte, die ihn zwangen unterzutauchen. Shimamura war in den 60er Jahren in den Studentenunruhen aktiv. Durch seine damalige Beteiligung an einem Bombenattentat kam er auf die Fahndungsliste der Polizei. Grund genug, sich mit falschem Namen ein neues Leben in der Unauffälligkeit aufzubauen. Durch Shimamuras Erinnerungen erfährt der Leser, was damals wirklich passiert ist. 

Unter den Toten des gegenwärtigen Bombenanschlags befinden sich zwei seiner engsten Freunde aus der Studentenzeit. Zufall? Zumindest Grund genug, dass sich Shimamura in der Pflicht sieht, das Verbrechen auf eigene Faust aufzuklären. Dabei erhält er Unterstützung von der Yakuza, die ein ganz eigenes Interesse an dem Bombenattentat haben.
'Irgendwo passiert was. Zur selben Zeit passiert woanders auch was. Zufall? Nein, in den meisten Fällen stellt sich heraus, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat, ..."
Der Roman hat mich durch seine stetige unterschwellige Spannung überzeugt. Es gibt so gut wie keine Hochspannungsmomente. Und trotzdem war ich gefesselt und bin völlig in der Handlung versunken.
Ich fühlte mich ein bisschen an ein Puzzlespiel erinnert, in dem man versinkt, an dem man sich festbeißt und die Welt um sich herum vergisst.
Und wie bei einem Puzzlespiel ist man auf der Suche nach den wichtigen Teilen, die dazu beitragen, dass man am Ende ein Gesamtbild hat. Fujiwara liefert viele Hinweise, die ich anfangs nicht miteinander in Einklang bringen konnte. Doch mit der Zeit ließen sich die Hinweise richtig anordnen. Man wird unweigerlich als Leser gefordert, kombiniert, verwirft die Hinweise wieder. Am Ende hat man tatsächlich das Gefühl, selbst zur Aufklärung beigetragen zu haben. 

Leseempfehlung!

© Renie



Über den Autor:
Iori Fujiwara (1948–2007), von der Romanistik kommender Krimi-Autor. Den Sonnenschirm des Terroristen soll der Kettenraucher und passionierte Mahjongg-Spieler verfasst haben, um mit den Tantiemen und möglichen Preisgeldern Spielschulden tilgen zu können. Tatsächlich erhielt Fujiwara 1995 für den Roman den mit 10 Millionen Yen dotierten Edogawa-Ranpo-Krimipreis und ein Jahr später den Naoki-Literaturpreis. Im selben Jahr 1996 noch wurde der Roman fürs Fernsehen verfilmt. Fujiwara starb im Mai 2007 an Speiseröhrenkrebs. (Quelle: cass verlag)

Sonntag, 19. August 2018

Ayobami Adebayo: Bleib bei mir

Quelle: Pixabay/DigitalMarketingAgency
"Kein Gott ist wie eine Mutter, denn keiner ist so für ihr Kind da wie sie, wenn das Kind leidet."
Bei diesem Zitat handelt es sich um ein nigerianisches Sprichwort aus dem Roman "Bleib bei mir" von Ayobami Adebayo.
In Nigeria werden also Mütter mit Göttern verglichen. Ein eigenartiger Vergleich.

Yejide, die Protagonistin dieses Romans, gehört zu einer Generation Frau in Nigeria, die sich ein Stück weit in Richtung Emanzipation bewegt hat. Allerdings nur ein kleines Stück. Trotz eines Studiums und ihrem beruflichen Erfolg, ist ihr Leben doch den übermächtigen Traditionen unterworfen. Die Traditionen begegnen ihr in Form ihrer Schwiegermutter, deren Glückseligkeit über die Hochzeit zwischen Yejide und ihrem Sohn Akin durch die anhaltende Kinderlosigkeit der Beiden getrübt ist. Man sollte erwähnen, dass sich in ihrem Weltbild und somit auch dem des traditionellen Nigerias eine Frau über ihre Mutterschaft definiert. Je mehr Kinder sie zur Welt bringt, umso besser. Eine Frau, die auch noch Enkelkinder vorweisen kann, wird zur Naturgewalt. Daher ist Schwiegermutters Druck auf Yejide und Akin entsprechend hoch, wobei - wen wundert's - Yejide die Schuld für die Kinderlosigkeit zugesprochen wird. 
"' ... Los, sag schon, Yejide, hast du Gott je auf einer Entbindungsstation gesehen? Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann und verdienst es nicht, eine Frau genannt zu werden. ...'"
Quelle: Piper
Die Eheleute führen ein modernes Leben. Beide sind beruflich und finanziell erfolgreich. Ihre Hochzeit war eine Liebesheirat. Im Prinzip könnten sie sich auch ein Leben ohne Kinder vorstellen - wenn da nicht dieser enorme Druck der Gesellschaft wäre. 
Doch in Nigeria gibt es die Möglichkeit, derartige Probleme der Kinderlosigkeit in den Griff zu bekommen. Selbst, wenn die Reproduktionsmedizin versagt, gibt es immer noch eine Lösung: eine zweite Ehefrau. Die Schwiegermutter lässt nichts unversucht, um ihren Sohn Akin von dieser Idee zu überzeugen. Dem widerstrebt zwar der Gedanke. Doch im seinem inneren Kampf zwischen modernem Denken sowie Liebe zu Yejide und Gehorsam gegenüber seiner Mutter, siegt der Gehorsam. Yejide wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Aus Angst, ihren Mann zu verlieren, steigert sie sich in ihren Kinderwunsch hinein. Sie lässt nichts unversucht. Der Wunsch nach einer Schwangerschaft wird zur Besessenheit. Aus Verzweiflung lässt sie sich sogar auf ein fragwürdiges Ritual eines traditionellen Heilers ein, was zeigt, wie tief auch eine moderne Frau in der Tradition, in der sie aufgewachsen ist, verwurzelt ist. 
"Als ich im elften Monat schwanger war, beschloss ich, den Berg der beispiellosen Wunder noch einmal aufzusuchen."
Der Roman behandelt die Entwicklung der Ehe von Yejide und Akin, Yejides Kampf gegen Ehefrau Nr. 2 sowie die seelischen Wunden, die sie erleidet. Die Handlung nimmt Wendungen an, die mich überrascht haben, und die an Tragik nicht zu überbieten waren. Natürlich nimmt die Ehe von Yejide und Akin Schaden. Ob es für die Beiden in diesem Buch eine Zukunft gibt, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Die Handlung findet über einen Zeitraum von mehreren Jahren statt. Sie wird aus wechselnden Perspektiven erzählt: Zum Einen aus der Sicht von Yejide, zum Anderen aus der Sicht von Akin. Es wird deutlich, dass die Beiden sich lieben. Aber dennoch schaffen sie es nicht, dem Druck, der auf Yejide ausgeübt wird, gemeinsam stand zu halten. Die Verzweiflung, die Yejide an den Tag legt, war für mich permanent spürbar. Doch je verzweifelter Yejide ist, umso hilfloser wirkte Akin auf mich. Hinzu kommt, dass beide während der Leidenszeit nicht aufrichtig miteinander umgehen. Insbesondere Akin hat seine Geheimnisse, die sich erst zum Ende des Romans offenbaren.
"Ich weiß noch, wie ich beim Zusammenfalten der Zeitung dachte, dass sich die Situation spätestens in ein paar Wochen geklärt haben würde. Ich ging davon aus, das Militär wäre sich der eigenen Unpopularität bewusst und würde noch vor Jahresende in die Kasernen zurückkehren. Hätte mir an diesem Morgen jemand gesagt, dass Nigeria noch sechs Jahre lang eine Militärdiktatur bleiben würde, hätte ich gelacht."
Das Leben in Nigeria wird nicht nur von Traditionen dominiert. Auch die Politik hat einen ungeheuren Einfluss auf den Alltag der Menschen. Die Handlung spielt zu einer Zeit (1987 bis 2008), in der das Land von politischen Unruhen erschüttert wird. Umsturz folgt auf Umsturz. Ständig ändert sich das politische Machtgefüge. Politik ist ein bestimmendes Thema im Umgang miteinander. Denn die Menschen leben in großer Unsicherheit bis hin zur Angst. 
Die Autorin Ayobami Adebayo äußert in ihrem Roman viele Kritikpunkte an ihrem Land. Dennoch liebt sie ihr Land und respektiert dessen Traditionen. Denn Tradition muss nicht schlecht sein, solange man eine gesunde Balance zwischen Moderne und Althergebrachtem findet. 

Die Autorin hat mich durch ihre poetische und feinsinnige Spache verzaubert. Insbesondere ihre fantasievollen Vergleiche habe ich sehr genossen. 
Die Geschichte hat mich gefangengenommen. Es ist immer spannend, einen Einblick in fremde Kulturen zu erhalten, insbesondere, wenn er in einer Intensität vermittelt wird wie hier. Ayobami Adebayo beschreibt das Leben ihrer Protagonisten auf eine Weise, die unter die Haut geht. Auch wenn ich den Titel "Bleib bei mir" anfangs kitschig fand, musste ich am Ende feststellen, dass es keinen passenderen Titel gibt. "Bleib bei mir" - ein Ausspruch, der die Verzweiflung der Protagonisten in drei einfache Worte fasst. 

© Renie



Über die Autorin:
Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, geboren 1988 in Lagos, studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben unter anderem bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie. Ihre Geschichten erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Ihr Debütroman »Bleib bei mir« wurde von der Kritik hoch gelobt, war für den Baileys Women's Prize for Fiction nominiert und wurde in dreizehn Länder verkauft. (Quelle: Piper)

Montag, 13. August 2018

Erich Hackl: Am Seil

Quelle: Pixabay/Pexels
Es gibt da diese Bücher, die klein und unscheinbar daher kommen, sich aber als literarische Naturgewalt erweisen. "Am Seil" von Erich Hackl ist solch ein Buch. Man wundert sich, dass in gerade mal 117 Seiten soviel Inhalt und Aussagekraft steckt.
Erich Hackl ist ein Autor, der sich Geschichten erzählen lässt - wahre Geschichten. Die Geschichtenerzähler sind in ihrem Leben durch ein besonderes Ereignis geprägt worden. Erich Hackl führt Gespräche mit diesen Menschen, interviewt sie. Und am Ende schreibt er ein Buch über diese besondere Geschichte. So auch in dem vorliegenden: "Am Seil".
Der Mensch, der sich erinnert ist Lucia Heilmann, Jüdin, die ihre Kindheit während der  Nazizeit in Wien verbracht hat. Sie ist mit dem Leben davongekommen. Genau wie ihre Mutter Regina. Wenn Reinhold Duschka nicht gewesen wäre, hätten Mutter und Tochter das gleiche Schicksal erlitten wie Millionen andere Juden, die dem Naziterror zum Opfer gefallen sind.
"..., daß Regina und Lucia auf Reinholds Gegenwart und auf seine Gesundheit angewiesen waren. Stieß ihm etwas zu, waren sie verloren. Regina kannte niemanden, der sie dann bei sich aufgenommen oder anderswo untergebracht hätte, ..."
Quelle: Diogenes

Wer war Reinhold Duschka?

Niemand besonderes. Ein Jedermann, Kunsthandwerker in Wien, passionierter Bergsteiger, lose befreundet mit Regina. Ein Merkmal zeichnet ihn besonders aus: er ist selbstlos. Als Regina eines Tages auf der Flucht vor den Nazis mit ihrer kleinen Tochter Lucia bei ihm vor der Tür steht, gewährt er ihnen ohne zu zögern Schutz. Er versteckt sie über einen Zeitraum von 4 Jahren in seiner Werkstatt. Sie leben auf engem Raum. Reinhold kümmert sich fast 24 Stunden am Tag um die beiden. Ständig droht die Gefahr, von den Nazis entdeckt zu werden. Reinhold geht das Risiko ein.
"'Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast...'" (S. 101)
Die Geschichte, die Erich Hackl hier nacherzählt, basiert auf den Erinnerungen an eine Zeit, die Lucia als Kind erlebt hat. Dementsprechend spiegelt sich hier die Sichtweise eines Kindes wieder, d. h. die Ereignisse, wie Lucia sie als Kind wahrgenommen hat. Reinhold war ihr Held. Liebevoll versuchte er Lucia trotz der angespannten Situation bei Laune zu halten.
Erfahrungsgemäß gibt es Lücken in der Erinnerung eines Kindes. Diese Lücken macht Erich Hackl kenntlich. Er und Lucia stellen in ihren Gesprächen Vermutungen an, die aber auch als solche deutlich werden.
Der Schreibstil gibt den Interviewcharakter wieder, wirkt häufig sehr nüchtern. Doch Hackl gelingt das Kunststück, trotz aller Nüchternheit eine große Emotionalität beim Leser hervorzurufen. Das ist ganz großes Erzählkino.

Fazit:
Ein kleine, grandios erzählte Geschichte, mit ganz viel wichtigem Inhalt, über einen stillen unscheinbaren Helden, der mit seiner Selbstlosigkeit und Zivilcourage, damals wie heute ein Vorbild ist. Leseempfehlung!

© Renie




Über den Autor:
Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. ›Auroras Anlaß‹ und ›Abschied von Sidonie‹ sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)

Mittwoch, 8. August 2018

Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Quelle: Pixabay/Free-Photos
Das beschauliche irische Cork ist der Schauplatz von Lisa McInerneys Roman "Glorreiche Ketzereien". Mit knapp 125.000 Einwohnern ist diese Stadt die zweitgrößte der Republik Irland und ganz nebenbei Sitz des römisch-katholischen Bistums Cork and Ross. Im Bistum Cork and Ross leben rund 240.000 Einwohner, wovon etwa 220.000 der katholischen Kirche angehören. Das sind über 90 %. Kirche hat also einen hohen Stellenwert bei den Einwohnern Corks.
Der Titel "Glorreiche Ketzereien" sowie das Cover deuten darauf hin: auch in Lisa McInerneys Roman hat Religion einen hohen Stellenwert - wenn auch einen scheinheiligen.
Der Roman beginnt alles andere als christlich. Denn am Anfang steht ein Mord: Maureen Phelan, Ende 60/Anfang 70, erschlägt einen Einbrecher mit einer Devotionale. Was tun mit der Leiche? Wie praktisch, wenn frau einen Sohn hat, der das organisierte Verbrechen in Cork kontrolliert. Jim nimmt sich der Sache an, wenn auch widerwillig. Denn Mütter machen nichts als Ärger. Er beauftragt seinen Handlanger Tony Cusack mit den „Aufräumarbeiten“. Tony ist alleinerziehender Vater von 3 Kindern und Alkoholiker. Seine Erziehungsmethoden sind fragwürdig, in der Regel brutal, insbesondere seinem ältesten Sohn Ryan gegenüber. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Insofern wundert es nicht, wenn Ryan bereits mit 15 Jahren seine beachtliche Karriere als Drogendealer startet. Eine seiner Kundinnen ist Georgie, eine junge Prostituierte, deren Freund spurlos verschwunden ist. Womit wir wieder bei Maureen Phelan wären.
"Sie betrachtet den Mann, der da mit dem Gesicht auf den Fliesen lag. Unter ihm breitete sich Blut aus. Es rann in die Fugen. Da würde sie Stahlwolle brauchen. Natron. Bleiche. Wahrscheinlich noch was Stärkeres. Sie war da kein Experte. Für gewöhnlich schlich sie nicht auf leisen Sohlen durchs Haus und überraschte Eindringlinge, indem sie ihnen mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf schlug. Der hier war ihr erster."
Lisa McInerney führt uns mit ihrem Roman in Corks Kriminellenszene, die trotz aller Sünden nicht ihren Hang zur Religion verloren hat. Hier wird Bigotterie in Reinkultur betrieben, welche die Autorin auch mit großer Süffisanz beschreibt. Dabei reitet sie nicht nur auf der Schwäche ihrer Protagonisten herum. Sie lässt sich auch nicht nehmen, die katholische Kirche anzuprangern. Beispielsweise knöpft sie sich die Rolle der Kirche im Umgang mit befleckten schwangeren Mädchen in den 60er Jahren vor. Diese Kritik wird durch Maureen Phelan personifiziert, die selbst einmal in der Rolle der verzweifelten Sündigen war. 
"'... Man muss sich doch fragen, was mit diesem Land nicht stimmt, dass es immer neue tugendhafte alte Schachteln hervorbringt. ...'"
Der Sprachstil von Lisa McInerney ist herausragend: herrlich süffisant, mit einer großen Portion trockenem Humor. Freunde von John Irving werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Ihre Wortspielereien haben es in sich. Man muss manche Sätze tatsächlich mehrmals lesen, um den hintergründigen Sinn zu verstehen. Aber dann kommt man aus dem Genießen nicht mehr heraus.

Die Autorin mag ihre Charaktere. Auch wenn sie sie oft dumm dastehen lässt, an der Grenze zur Respektlosigkeit, wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihren Protagonisten deren Sünden verzeiht und dabei das Menschliche in den Vordergrund stellt. Sie reduziert sie nicht auf ihre Jobs (Dealer, Prostituierte, Kriminelle), sondern zeigt sie mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen und Gefühlen.
Mein Lieblingscharakter ist übrigens Maureen, die mich mit ihrer Scharfzüngigkeit und den Wortgefechten, die sie sich mit anderen liefert, köstlich unterhalten hat. 

Kleiner Hinweis an die Bloggerkollegen: Lisa McInerney ist eine von uns. Ihr Sprachtalent ist durch ihre Bloggerei entdeckt worden. Auf Empfehlung eines Schriftstellers hat sie sich zunächst an Kurzgeschichten herangewagt. „Glorreiche Ketzereien“ ist ihr Debütroman, für den sie 2016 u. a. für den Irish Book Award nominiert wurde. Tja, so kann’s gehen.

Und natürlich erhält das Buch von mir eine dicke fette Leseempfehlung!

© Renie



Über die Autorin:
Lisa McInerney, geboren 1981 in der irischen Provinz Connacht, machte zunächst als Bloggerin auf sich aufmerksam. Der Schriftsteller Kevin Barry ermutigte sie, neben ihrem Blog auch Kurzgeschichten zu schreiben. Ihre Erzählungen erschienen in verschiedenen Literaturzeitschriften, u.a. im Granta Magazine. Ihr Debütroman »Glorreiche Ketzereien« war 2016 für den Irish Book Award sowie den Dylan Thomas Award nominiert, ausgezeichnet wurde er mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction und dem Desmond Elliott Prize. Lisa McInerney lebt in Galway. (Quelle: Liebeskind)

Donnerstag, 2. August 2018

Fritz Mertens: Ich wollte Liebe und lernte hassen!

Quelle: Pixabay / geralt
Es steht ja viel Inspirierendes in der Bibel, aber auch Fragwürdiges. Und der nachfolgende Spruch gehört für mich zu Letzterem: 
Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald. (Neues Testament, Sprüche 13,24)

Der biblischen These nach zu urteilen, müssen Fritz Mertens Eltern ihren Sohn über alle Maßen geliebt haben. Und sie waren noch nicht einmal religiös. Doch sie brauchten Gottes Segen nicht, um ihren Sohn von klein auf zu züchtigen. Prügel waren an der Tagesordnung. Die Rute des Vaters war ein Gürtel, die Rute der Mutter war eine Reitgerte. Wenn es glimpflich abging, reichten Schläge mit der Hand und Tritte. Aber es ging selten glimpflich ab. So schleppte sich Fritz grün und blau geschlagen in die Schule, wenn überhaupt. Denn oft schaffte er es nicht in die Schule, musste er doch den Haushalt in Ordnung halten und in der Kneipe seiner Mutter von morgens (bestenfalls mittags) bis in die Nacht hinein arbeiten. Um Schmerzen und Müdigkeit ertragen können, entdeckte Fritz relativ jung Schmerz- und Aufputschmittel für sich. Weder die Lehrer noch die Nachbarn noch die Gäste von Mutters Kneipe haben sich an seinem desolaten Zustand gestört.
Als 20-Jähriger wird Fritz des Mordes an zwei Menschen angeklagt. 

Quelle: Diogenes
Die Anklage beauftragt einen Psychologen mit der Ausarbeitung eines Gutachtens über das Seelenleben des jungen Mannes. Der Psychologe fordert Fritz auf, sich seine Kindheitserinnerungen von der Seele zu schreiben. 

Das vorliegende Buch ist Fritzs Lebensbericht, der nahezu in seiner Urform belassen wurde. Der Verlag hat nur rudimentäre Änderungen vorgenommen, die Rechtschreibung, Grammatik und Verständnis betreffen. Das Ergebnis ist ein 100%-ig authentisches Zeugnis einer entsetzlichen Kindheit, das mir beim Lesen emotional einiges abverlangt hat. 
"Es ist nicht unser Verdienst, wenn wir nicht straffällig werden, wenn wir in unserem Leben niemanden durch unsere Schuld töten." (aus dem Vorwort, verfasst durch den Gutachter Reinhart Lempp)
Ich gehöre nicht zu denen, die einem Straftäter automatisch Absolution erteilen, sobald seine schwierige Kindheit in die Waagschale geworfen wird. Insofern habe ich zweimal überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt lesen soll. Ich war voreingenommen und habe fast schon damit gerechnet, dass in Fritz Mertens Lebensbericht um Verständnis für seine Morde gebuhlt wird. Doch das ist hier nicht der Fall. Das Buch ist keine Entschuldigung, sondern eher eine Erklärung. 
"Da Pappa, wenn er unter Alkohol war, zu einer brutalen Sau wurde, ging das meistens auch nicht ohne blaue Flecken ab. Ich fing deswegen an, Pappa die Pest zu wünschen, wenn er abends besoffen nach Hause kam. Das machte mich nicht nur körperlich fertig, sondern auch seelisch, denn ich hatte Angst vor ihm bekommen, und jedes Mal wenn er nach Hause kam, hatte ich ein Gefühl zwischen Angst, Hass und dem Wunsch, ihn umzubringen."
Es ist der ungeschönte Bericht eines Menschen über seine lieblose Kindheit, eine schmerzvolle Dokumentation über das Versagen unserer Gesellschaft. Denn wie kann es sein, dass Fritz' offensichtliche Spuren der Misshandlung von Nachbarn, Bekannten und Lehrern ignoriert wurden, und er in seinem Elend allein gelassen wurde?
Am Ende hat Fritz Mertens für sein Verbrechen gebüßt und hat wieder den Weg in die Gesellschaft gefunden, die ihn als Kind so sträflich ignoriert hat. Er ist Schriftsteller geworden - Fritz Mertens ist ein Pseudonym - und engagierte sich später gemeinnützig in der Jugendarbeit. Ob er die seelischen Wunden seiner Kindheit jemals überwunden hat, ist zu bezweifeln.

© Renie




Über den Autor:
Fritz Mertens, geboren 1963, ist das Pseudonym eines deutschen Autors, der nach einem Kapitalverbrechen als Jugendlicher einen Bericht über die Straftat verfasste. Zusammen mit seiner Frau eröffnete er 1998 ein gemeinnütziges Jugendzentrum. Mertens starb 2008 im Alter von 44 Jahren an einem Schlaganfall. (Quelle: Diogenes)

Freitag, 13. Juli 2018

Claire-Louise Bennett: Teich

Das Problem mit Klappentexten und Umschlaggestaltung eines Buches ist oft die hohe Erwartungshaltung, die beim Leser geschürt und dann nicht erfüllt wird. Und tatsächlich falle ich nach gefühlt Millionen Büchern, die ich in meinem bisherigen Leben gelesen habe, immer noch auf die Schönfärberei eines Buches herein.

Bei dem Roman "Teich", der englischen  Autorin Claire-Louise Bennett, ist es mir ähnlich ergangen. Hier sind ein paar Beispiele der Lobpreisungen:
"Vom Geheimtipp zur weltweit gefeierten literarischen Sensation" .... "mitreißend und kunstvoll" ... "eines der sensationellsten Debüts des Jahres" (Colum McCann) ... "Einfach umwerfend!" (The Guardian) ... etc. etc. etc.
Man ahnt es, der Roman hat mich nicht mitgerissen, feiern kann ich ihn auch nicht und umgeworfen hat er mich erst recht nicht.

Der Roman handelt von einer jungen Frau, die sich für ein Aussteigerdasein in einem abgelegenen Cottage an Irlands Westküste entscheidet. Hier lebt sie sehr spartanisch und allein vor sich hin. Ab und an trifft sie sich mit einem "Freund". Ob es der Eine oder Einer von Vielen ist, war mir nicht klar, was aber auch nicht relevant für die Handlung des Romanes ist, sofern man denn von Handlung reden kann.
Durch die Reduzierung auf das Wesentliche und wenigen Anreizen von der Außenwelt, verändert sich die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Sie konzentriert sich auf die "kleinen" Dinge des Lebens, indem sie ihnen eine Gewichtung beimisst, die für mich häufig zuviel des Guten war.

Quelle: Randomhouse/Luchterhand
In dem Roman finden sich einzelne Episoden ihres Daseins sowie gedankliche Ausschweifungen, die teilweise erstaunlich viel Tiefgang besitzen. Dieser Tiefgang gab mir Grund zur Hoffnung, dass das Buch doch noch bei mir punkten kann. Leider wurde ich brutal aus diesem Tiefgang gerissen, indem die Ich-Erzählerin sich auf Banalitäten konzentriert, denen sie eine viel zu hohe Gewichtung beimisst, und bei denen ich das Buch gern in die Ecke gepfeffert hätte.
Ein Beispiel: Da folgt ihre Betrachtung von Tomatenmark auf die Schilderung eines besonderen Momentes mit ihrem Freund.
"O Tomatenmark! Als du mir endlich einfällst, denke ich an etwas Üppiges, Frisches, Spritziges. Aber ach, als ich die Tür öffne und nach dir greifen will, stehst du knittrig und kalt im Licht der Kühlschranklampe da, und obwohl du längst noch nicht abgelaufen bist, musst du mit viel Nachdruck herausgepresst werden."
Ich hätte gern erfahren, was die Ich-Erzählerin dazu gebracht hat, in dieses Cottage zu ziehen. Leider ist diese Information bei mir nicht angekommen. Man erfährt auch sehr wenig über sie. In Ansätzen beschreibt sie selbst ihre Charakterzüge oder begründet ihre Verhaltensweisen. Leider reicht dies nicht aus, um sich ein Bild von ihr zu machen. Am Ende hatte ich nur eine eigenbrötlerische, ein wenig verlotterte Frau vor Augen, der die Einsamkeit nicht gut tut.
"Inzwischen dürfte für jedermann ersichtlich sein, dass meine Gedanken ständig um ein imaginäres Anderswo kreisen und fast nie ums Hier und Jetzt. Aber niemand kann wissen, welcher Trip gerade im Kopf eines anderen abläuft, deshalb wirkt meine Art, auf die Dinge zu reagieren, manchmal so konfus, sprunghaft, wenig nachvollziehbar oder gar kränkend."
Eines muss man Claire-Louise Bennett allerdings zusprechen. Sie besitzt eine herausragende Fähigkeit, mit Sprache umzugehen. Sie begegnet Banalem mit viel Poesie. So setzt sie das Unscheinbare im Alltag auf unvergleichliche Art in Szene. Diese sprachliche Fähigkeit gibt mir Hoffnung auf den nächsten Roman der Autorin. Auch wenn mir "Teich" nicht gefallen hat, werde ich ihr noch eine Chance geben. Für mich ist die Sprache in einem Buch wichtig. Und mit "Teich" hat die Autorin bewiesen, dass sie damit virtuos umgehen kann.

© Renie




Über die Autorin:
Claire-Louise Bennett wuchs in Wiltshire, im Südwesten Englands, auf. Sie studierte Literatur und Theaterwissenschaften an der University of Roehampton und lebt heute in Galway, an der irischen Westküste. »Teich« erschien zuerst in einem kleinen irischen Verlag und wurde als eines der faszinierendsten Erzähldebüts 2016 mehrfach als »Buch des Jahres« ausgezeichnet. (Quelle: Luchterhand)



Samstag, 7. Juli 2018

Sinclair Lewis: Main Street

Quelle: Wikimedia Commons
Percy Bresnahan ist eine Berühmtheit - zumindest in Gopher Prairie, einem amerikanischen Provinznest zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn P. B. ist ein berühmter Automobilhersteller und Vorbild der Einwohner von Gopher Prairie. P. B. hat bewiesen, dass jeder, der aus Gopher Prairie kommt, ungeahnte Möglichkeiten hat, wenn er sie nur ergreift. Er ist sozusagen der Inbegriff des Amerikanischen Traums.

Nahezu jede Kleinstadt hat einen Helden vorzuweisen. Da spielt es keine Rolle, dass sowohl Percy Bresnahan als auch Gopher Prairie der Phantasie von Sinclair Lewis entsprungen sind. Sein Roman „Main Street“ spielt in eben diesem Gopher Prairie. Der Literaturnobelpreisträger von 1930 und gleichzeitig erster amerikanischer Autor, der diesen Preis erhielt, hat mit „Main Street“ einen Roman geschrieben, der wahrscheinlich nie an Aktualität einbüßen wird – solange es Kleinstädte gibt. 

Besagte Main Street bildet das Herzstück von Gopher Prairie. Mehr hat das Nest im Westen der USA nicht zu bieten. Nichtsdestotrotz sind die Einwohner über alle Maßen stolz auf ihre kleine Stadt. Schwer nachvollziehbar, denkt sich auch Carol Kennicott, die frisch verheiratet mit Will Kennicott, dem Arzt aus Gopher Prairie, aus der Großstadt in eben diesen Ort zieht. Carols Erwartungen sind hoch. Denn Will hat Gopher Prairie in allen vorstellbaren und unvorstellbaren Farben angepriesen. 
Quelle: Randomhouse/Manesse
So ist Carols Enttäuschung nicht verwunderlich. 
"Ihr standen nur drei Möglichkeiten offen: Kinder bekommen, ihre Laufbahn als Reformerin beginnen oder sich so fest in die Ortsgemeinschaft einfügen, dass Kirchenarbeit, Leseklub und Bridgepartien sie ausfüllen würden." 
Doch die resolute junge Frau versucht sich mit ihrem Leben als Arztfrau in einem Provinznest zu arrangieren. Sie hofft sogar, das gesellschaftliche Leben mit ihrem Charme und Esprit zu beleben sowie das triste Stadtbild auf Vordermann zu bringen - Pläne, an denen sie sich die Zähne ausbeißen wird. Denn die Einwohner von Gopher Prairie geben viel auf ihr (nicht) vorhandenes gesellschaftliches Leben. So begegnen sie Carol nach anfänglicher Neugierde mit viel Skepsis. Carol wird sich 10 Jahre ihres Lebens mit den eigenbrötlerischen Einwohnern rumschlagen. Dabei wird sie auf Snobs, bibelfeste Scheinheilige, eingebildete Damen der Gesellschaft sowie Hütern von Moral und Anstand treffen. Die Gopher Prairierianer haben eines gemeinsam: Neuerungen kommen ihnen nicht ins Städtchen. 
(Gopher Prairie heißt übrigens wörtlich übersetzt "Taschenratten- oder Erdhörnchen-Prairie" wie ich den Anmerkungen am Ende des Buches entnehmen konnte.)

Sinclair Lewis wusste, wovon er schrieb. Er ist selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen und hat seine Erinnerungen in „Main Street“ einfließen lassen. Sein Roman ist eine Satire auf das Leben in einer Kleinstadt. Doch trotz aller Kritik stellt er die Charaktere, so eigen sie auch sein mögen, in einer sehr liebevollen Weise dar. Die Menschen sind ihm ans Herz gewachsen und auch der Leser findet die eine oder andere nette Eigenschaft an den Einwohnern von Gopher Prairie. Fast hat man den Eindruck, dass Sinclair seine Charaktere mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt. Sinclair Lewis hat nicht nur die Menschen geliebt, sondern auch Landschaft seiner Heimat Minnesota schien einen ganz besonderen Reiz auf ihn auszuüben. Mit viel Wortgewalt vermittelt er deren  atemberaubende Schönheit.
"Mrs. Bogart gehörte nicht zum ätzenden Typ 'guter Einfluss'. Sie war von der weichen, klammen, dicken, seufzenden, an Verdauungsstörungen leidenden, anhänglichen, melancholischen und deprimierend zuversichtlichen Sorte. Auf jedem Hühnerhof finden sich ein paar alte, ungehaltene Hennen, die Mrs. Bogart ähneln, und wenn die sonntags zum Mittagessen als Frikassee mit großen Klößen auf den Tisch kommen, tut das der Ähnlichkeit keinen Abbruch."
Carol hat es schwer. Sie bemüht sich die Stadt und ihre Einwohner zu lieben, was man ihr  jedoch nicht leicht macht. Aufgewachsen in Minneapolis hat sie eine sehr gute Schulbildung genossen. Nach Beendigung der Schule hat sie sich zur Bibliothekarin ausbilden lassen. Diesen Beruf hat sie auch noch kurze Zeit ausgeführt, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Sie ist geistreich, witzig und vor allen Dingen selbstbewusst. Eine Frau, die sich schwer darin tut, sich ihrem Mann unterzuordnen – was man in der damaligen Zeit vom weiblichen Geschlecht erwartet hat, und was für die Frauen von Gopher Prairie eine Selbstverständlichkeit ist und niemals in Frage gestellt wird. Anfangs wirkt Carol wie ein Wirbelwind in der Kleinstadt, der die Menschen aus ihrer routinierten Lethargie reißt. Doch ihre Energie erhält schnell einen Dämpfer als sie merkt, dass sie als Zugezogene und Angeheiratete auf dem Präsentierteller lebt und noch lange nicht akzeptiert wird. Also versucht sie auf subtilere Weise und durch das Schmieden von Allianzen ihre Pläne zur Rundumerneuerung der Stadt umzusetzen. 
"Hatte sie tatsächlich geglaubt, sie könnte ein Saatkorn der Liberalisierung in das Bollwerk der Mittelmäßigkeit pflanzen?"
Was mich an diesem Roman verblüfft hat, ist seine Aktualität. Wir sprechen von einem Roman, der erstmalig 1920 veröffentlicht wurde. Die Probleme, die es damals in Amerika gab, sind auch heute noch zu finden – wenn auch in abgewandelter Form: Fremdenfeindlichkeit – Klassendenken – Angst vor dem Neuen – Spießbürgertum.
Und tatsächlich ist das Thema dieses Romanes keines, das den USA vorbehalten ist. Gopher Prairie gibt es überall auf der Welt.

Fazit: 
Main Street ist ein zeitloser und amüsanter Klassiker, den es sich auf alle Fälle zu lesen lohnt.
© Renie




Über den Autor:
Sinclair Lewis (1885-1951), geboren in einer Kleinstadt in Minnesota, studierte in Yale und arbeitete als Journalist und Lektor in New York, San Francisco und Washington. Seit dem Erfolg seines Romans «Main Street» konnte er von der Schriftstellerei leben. 1926 erregte er großes Aufsehen mit seiner Ablehnung des Pulitzerpreises, der ihm für seinen Roman «Arrowsmith» zuerkannt worden war; 1930 erhielt er als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis. (Quelle: Randomhouse/Manesse)









Freitag, 29. Juni 2018

Tracy Chevalier: Der Neue

Quelle: Pixabay/6557056

Was bin ich im Englischunterricht mit Shakespeare gequält worden. Aber wie bei so vielen literarischen Werken, die  mir in der Schule aufgezwungen wurden, weiß ich erst jetzt, diese zu schätzen. Interessant finde ich daher ein Projekt, das in Deutschland im April 2016 startete, anlässlich des 400. Todestages von Shakespeare: International bekannte und erfolgreiche Autoren haben die Möglichkeit, ein Werk von Shakespeare auf ihre spezielle und persönliche Art und Weise neu zu erzählen. Der Knaus Verlag - als deutscher Partner dieses Projektes (federführend ist The Hogarth Press, UK) - hat bereits etliche Shakespeare Neuerzählungen veröffentlicht. Eine davon stammt von Tracy Chevalier, welche sich mit "Der Neue" der Tragödie "Othello" angenommen hat.

"Othello", in seiner ursprünglichen Form, ist schnell erzählt: Im Großen und Ganzen geht es um Liebe, Verrat und Eifersucht. Also Themen, die immer aktuell und für einen Bestseller gut sind. Othello ist ein schwarzer Feldherr im Venedig des 15. Jahrhunderts, der sich in die schöne Desdemona verguckt ... und sie sich auch in ihn. Auch andere haben ein Auge auf Desdemona geworfen. Der böse Bube in dieser Geschichte ist Jago, ein Untergebener Othellos und Meister der Intrige. Ob durch Eifersucht, Fremdenhass oder purer Boshaftigkeit ... Jago schafft es am Ende, unter Mithilfe anderer Beteiligter, die er schachfigurengleich in seinem Intrigenspiel einsetzt, dass Othello übelst eifersüchtig auf Desdemona wird und die Arme am Ende umbringt. Falsche Entscheidung! Denn nachdem er erfährt, dass Desdemona unschuldig war, nimmt er sich selbst auf spektakuläre Weise das Leben.

Quelle: Random House/Knaus
Tracy Chevalier hat in ihrer Version einen Schauplatz gewählt, der herzlich wenig mit dem malerischen und prunkvollen Shakespeare-Venedig zu tun hat: ein amerikanischer Schulhof im Amerika der 70er Jahre; und ihr "Othello" ist kein Feldherr sondern ein 14-jähriger farbiger Schüler.
"Was auch immer er in diesem Moment dachte (wahrscheinlich, dass er auf einem von weißen Menschen wimmelnden Schulhof der einzige Schwarze und der einzige Neue war), als er auf die an der Tür zum Schulgebäude wartenden Lehrer zuschlenderte, strahlte er das Selbstbewusstsein eines Menschen aus, der seinen Körper kennt und sich darin wohlfühlt."
Bei der Namensgebung hat sich die Autorin an dem Original orientiert:
Othello = Osei, ein afrikanischer Diplomatensohn, der seinen ersten Tag an dieser Schule verbringt; und man wundert sich, welche Tragödien sich auf einem Schulhof abspielen können
Desdemona = Dee, wohlbehütete Tochter, gutaussehend, Lehrerliebling, die von Osei magisch angezogen wird, da er für sie ein anderes Leben als ihres verkörpert; so ganz nebenbei sieht er auch noch gut aus, hat wenig pubertäres und rüpelhaftes Gehabe an sich, wie andere Jungs seines Alters
Jago = Ian, der Schrecken der Schule, leicht gestört, hat Spaß daran, andere zu schikanieren und zu manipulieren; definiert sich über die Angst, die andere vor ihm haben
(Dies sind die 3 Hauptcharaktere. Auch die Nebencharaktere sind von Tracy Chevalier selbstverständlich in Bezug zum Original angelegt.)

Osei hat seinen ersten Tag an der Schule in dieser amerikanischen Kleinstadt. Er ist der einzige Farbige. Dementsprechend trifft er auf viel Be- und Verachtung. 
Kaum zu glauben, aber auch im Lehrerkollegium hält man sich nicht mit rassistischen Äußerungen zurück. Nur wenige Kinder begegnen ihm freundlich. Eine davon ist Dee, die sich schnell in ihn verguckt. Die Empfindungen beruhen auf Gegenseitigkeit und bereits in der ersten Pause, wird die Beziehung klar gemacht. Dee und Osei „gehen“ also miteinander. Ian passt nicht, dass Osei so viel Beachtung erhält. Daher spinnt er ein Netz aus Intrigen. Und mit Schulschluss kommt es zum Supergau.
"Als der schwarze Junge an diesem Morgen den Schulhof betrat, hatte Ian sofort gespürt, dass sich etwas zu verschieben begann. Als wäre der Boden, auf dem er stand, in Bewegung geraten, unberechenbar wie ein Erdbeben. In all den Jahren an dieser Schule hatten sich feste hierarchische Strukturen gebildet, mit Anführern und Gefolgsleuten. Alles lief rund - und jetzt war plötzlich dieser Junge gekommen, ein einziger Junge, der alles aus dem Gleichgewicht brachte."
Bei Tracy Chevaliers Roman war ich von Anfang an gespannt, ob sie sich auch beim Ende an Shakespeares Theaterstück orientiert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es zum Schluss Tote geben wird. Wir befinden uns schließlich auf einem Schulhof mit 14-Jährigen, die i. d. R. aus „normalen“ Verhältnissen kommen. Hätte sie die Geschichte irgendwo in einem sozialen Brennpunkt angesiedelt, hätte ich mit allem gerechnet. Daher war ich sehr gespannt über ihre Auflösung, werde aber an dieser Stelle nicht spoilern.

Die Autorin inszeniert ihre Version wie ein Theaterstück. Wie im Original gibt es 5 Kapitel (Akt 1 bis 5), die in einzelne Szenen unterteilt sind. Zu Beginn jeder Szene erhält man zunächst einen Überblick: wer befindet sich wo und ist womit beschäftigt. Der Schauplatz konzentriert sich dabei hauptsächlich auf das Klassenzimmer und den Schulhof. Hier interagieren die einzelnen Charaktere. Durch Wechsel in der Erzählperspektive erfährt der Leser, was die einzelnen Charaktere fühlen bzw. was sie zu ihrem Handeln antreibt. Im Unterschied zum Original lässt Tracy Chevalier einzelne Szenen wiederholen, indem sie diese aus der Sicht unterschiedlicher Perspektiven schildert. Dadurch wird das Geschehen intensiver wahrgenommen.

Wenn man Shakespeares Othello kennt, weiß man, was passieren wird. Trotzdem durchzieht diesen Roman eine ungeheure Spannung, unterschwellig meint man, ein Brodeln zu verspüren. Man kann fühlen, dass sich etwas anbahnen wird. Schaurig schön!
"Er würde sie nicht zur Rede stellen, wollte nicht ertragen müssen, dass sie ihm noch mehr Lügen auftischte, ihn behandelte, als wären sie zusammen und dann doch wieder so, als wäre er nur der Schwarze auf diesem weißen Schulhof. Das schwarze Schaf. Angeschwärzt und auf der Schwarzen Liste gelandet. Es war ein schwarzer Tag."
Mit einer Sache hatte ich meine Schwierigkeiten. Wir reden hier von 14-Jährigen pubertierenden Schülern. Bei Tracy Chevalier entwickeln diese Schüler Gedankengänge und Ideen, die manch ein Erwachsener nicht entwickeln würde. Diese Reife und Fähigkeit, Gefühle in komplexen Aussagen zu erfassen, hat mich teilweise befremdet. Insbesondere Ian, der Intrigant, formuliert seine Geisteshaltung in einer Art, die man eher von einem ausgewachsenen, hochintelligenten Psychopathen erwarten würde, aber nicht von einem 14-Jährigen. Daran muss man sich gewöhnen. Diese Gestaltung der Charaktere ist wahrscheinlich der Inszenierung geschuldet, die Tracy Chevalier in ihrem Roman vermitteln wollte. 
Sicherlich gibt es noch mehr in diesem Roman zu entdecken. Ich kann mir vorstellen, dass eine Deutsch- oder Englischklasse großen Spaß an einer Gegenüberstellung von Roman und Theaterstück hätte. 

Tracy Chevalier gibt dem Originalwerk einen verblüffenden neuen Anstrich und beweist, dass Shakespeare immer zeitgemäß ist und seine Aktualität nie verlieren wird. Leseempfehlung!

© Renie