Donnerstag, 22. Dezember 2016

Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke!

"Helles, saftiges Neon, Zentnerbusen, orgiastisch grunzende Frauen in Öl, rosa kolorierte Arschberge zogen sich links und rechts die Häuserwände entlang. Vor den roten Plüscheingängen verschiedener Clubs lehnten bleiche, ranzige Männer, um mit markigen Sprüchen die vorbeiziehenden Passanten zu einem Besuch anzuhalten." (S. 50)
Jakob Arjouni entführt uns mit seinem Kriminalroman „Happy Birthday, Türke!“, geschrieben 1985, in das Frankfurter Rotlicht-Milieu der 80er Jahre. Vor einem Bordell ist ein Türke erstochen worden. Die Polizei erweist sich bei der Aufklärung des Falles als ungewöhnlich zurückhaltend. Daher bittet die Witwe des Ermordeten den Privatermittler Kemal Kayankaya – übrigens besagter Türke aus dem Buchtitel – um Unterstützung. Er übernimmt den Auftrag und stellt seine Nachforschungen mit teilweise sehr unkonventionellen Methoden an. Dabei tritt er so manchem Zeitgenossen empfindlich auf die Füße.
So weit, so gut. Bis hierhin handelt es sich um eine, für einen Kriminalroman relativ unspektakuläre und nicht ungewöhnliche Geschichte. Doch was Arjouni aus dieser einfachen Geschichte macht, ist großes Kino. Das hat sich die Regisseurin Doris Dörrie wohl auch gedacht, denn sie hat diesen Roman Anfang der 90er Jahre verfilmt. 

Kemal Kayankaya (Ich-Erzähler) hat nicht viel mit einem seriösen Privatdetektiv gemein. Er erfüllt eher die Rolle des versoffenen und schmuddeligen Privat-Schnüfflers, der sich durch teilweise sehr unkonventionelle Ermittlungsmethoden hervortut. 

Kemals Ermittlungen führen ihn in das Frankfurter Rotlichtmilieu. Bei seinen Nachforschungen gerät er an die unterschiedlichsten Figuren, die in Jakob Arjounis Darstellung sehr skurril wirken: Nutten, Zuhälter, Drogenabhängige, Kellner…. Selten hat jemand ein nettes Wort für den türkischen Schnüffler Kemal übrig. Allgemein trifft er auf Feindseligkeit und Ablehnung. Man sieht ihm die "Kanacke" nun mal an, und das lassen ihn die Leute auch - teilweise übelst - spüren. Er muss gehörig einstecken, teilt aber auch ordentlich aus. 
"Ich watete durch weiche Teppiche zu einem Tisch und nahm Platz auf Schaumgummikissen in Seide. Hinter der Theke stand Milly, jedenfalls sah sie so aus. Vor vielen Jahren musste sie eine Bombe gewesen sein. Heute konnte keine Farbe die tiefen Falten verbergen. Wasserstoffblond hingen die Haare neben dem schlabbernden Doppelkinn. Ein Stück Leopard betonte ihre Fettröllchen über der Hüfte, stützte den schlaffen Busen und vermittelte den Eindruck einer abgetakelten Dame, die sich bei der Größe ihres Pelzmantels verschätzt hat. ... Ich hockte im lila Plüsch und kam mir ziemlich behämmert vor." (S. 56)
Dabei verbindet Kemal, abgesehen von seinem Namen, recht wenig mit seinen türkischen Wurzeln. Als Kind von Deutschen adoptiert, hat er so gut wie gar nichts von der türkischen Kultur mitbekommen. Insofern ist doch sehr amüsant, dass die türkischen Witwe ihn nur beauftragt, weil sie ausschließlich einem Türken vertrauen kann, Kemal jedoch kaum ein Wort Türkisch spricht. Aber irgendwie kann er sie doch von sich überzeugen, ihre Verzweiflung ist scheinbar zu groß.

Innerhalb weniger Tage kommt Kemal dem Geheimnis um den Mord an dem Türken auf die Spur. Dabei tun sich Verwicklungen auf, an die man zu Beginn der Geschichte nicht im Traum gedacht hätte. 
Abseits des Rotlichtmilieus trifft Kemal auch auf „Normalos“ – Menschen aus dem Mittelstand, die sich ein behagliches Leben eingerichtet haben und eigentlich nicht viel zu tun haben mit der Szene um den Frankfurter Bahnhof - das sollte man zumindest meinen ;-). Hier macht sich Jakob Arjouni einen Spaß und skizziert diese Charaktere sehr übertrieben als Frankfurter Originale, die besonders durch ihr Frankfurter Gebabbel beim Lesen viel Vergnügen bereiten. Man fühlt sich teilweise an Slapstick-Komiker erinnert.
Ausschnitt, Seite 35
"' Ich habe eine Frage wegen Ihrer vor drei Jahren verstorbenen Tochter.' 'Frache Se doch.''Wie ist sie genau umgekommen?' 'Zischel uffen Kopp.' ... 'War sie sofort tot?' 'Ja.' 'Was hat der Arzt gesagt?' 'Zischel uffen Kopp.'" (S. 43)
Der Humor von Arjouni ist schon sehr derbe und offenherzig, manchmal bewegt er sich an der Grenze zum guten Geschmack. Aber genau dadurch versetzt er den Leser in eine "Rotlicht-Romantik", die zwar klischeehaft ist, aber gerade deshalb gern angenommen wird.

Unterstützt wird diese Rotlicht-Romantik durch die Karikaturen des Illustrators Philip Waechter, der seine Zeichnungen mit milieugerechten Rosa-/Lila-/Pink-Farbtönen schmückt.
Diese Farbmomente sorgen bei einigen Zeichnungen für Irritationen. Insbesondere in Verbindung mit Arjounis Männerfiguren wirken diese Farben herrlich deplatziert. Rosa passt einfach nicht zu einem harten Kerl ;-) Und trotzdem hätte keine andere Farbgebung dieses Milieu besser wiedergegeben. Rosa/lila/pinke Farbtöne sind nun einmal typische Szenefarben. Wenn man dann noch den silbrigen Prägedruck des Titels auf dem Buchdeckel betrachtet, fühlt man sich vollends in die plüschige Glitzerwelt der Rotlichtszene versetzt. Treffender ließe sich dieser Roman wohl kaum illustrieren.

Fazit:
Philip Waechter liefert mit seinen Zeichnungen das Sahnehäupchen für einen unterhaltsamen und spannenden Kriminalroman. Waechter greift den derben Humor des Autors Arjouni auf und toppt diesen sogar noch mit seinen Karikaturen. Seine Farbgestaltung betont das Rotlicht-Feeling, das Arjouni in seinem Roman vermittelt.
Die Ausgabe der Edition Büchergilde liefert somit eine perfekte Kombination zwischen Geschichte und Illustration, die einfach nur Spaß macht.

© Renie

ISBN: 978-3-86406-075-5


Über Jakob Arjouni:
Jakob Arjouni (1964–2013) war 21 Jahre alt, als sein Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya in Happy birthday, Türke! zum ersten Mal ermittelte. Für Ein Mann, ein Mord erhielt Jakob Arjouni 1992 den Deutschen Krimipreis. Mehrere seiner Romane, u. a. Cherryman jagt Mister White, sind mittlerweile Schullektüre. Sein Werk ist in 23 Sprachen erschienen.

Über Philip Waechter:
Philip Waechter, 1968 geboren, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration an der Fachhochschule Mainz. Bereits ein Jahr vor seinem Diplom, 1995, erschien seine erste Buchveröffentlichung. Seither ist er für verschiedene Buchverlage tätig und arbeitet als freier Zeichner in Frankfurt. Waechter ist Mitbegründer der Ateliergemeinschaft LABOR in Frankfurt.

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