Montag, 2. Januar 2017

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau

Quelle: pixabay 

Nicolas de Staël war ein französischer Maler, der in seinen Anfängen der informellen Malerei zuzuordnen war, jedoch später einen eigenen Stil entwickelt hat. Er versuchte Abstraktion mit Gegenständlichkeit zu vereinen. Seine Werke zeichnen sich durch kräftige und großflächig aufgetragene Farben aus. In den letzten 3 Jahren seines Lebens war de Staël von einer unglaublichen Produktivität erfüllt und hat in dieser Zeit Dreiviertel seines Werkes geschaffen. Im Alter von 41 Jahren nahm de Staël sich das Leben. Wie so viele Künstler litt er unter Depressionen und Selbstzweifeln.

Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern ein unangemessenes Wikipedia-Halbwissen, das ich mir angelesen habe. Der Wahrheit halber muss ich gestehen, dass ich Nicolas de Staël vor der Lektüre dieses Romanes nicht kannte. Für mich war dieses Buch daher eine echte Herausforderung. Wie werde ich, die Kunstbanausin, einem künstlerisch gestalteten Buch über einen Maler gerecht? Wahrscheinlich gar nicht. Hier ist mein Versuch, meine Eindrücke über dieses Buch wiederzugeben.
Quelle: Kirchner PR / kunstanstifter



Worum geht es in diesem Roman?
Der Maler Nicolas zieht sich nach einer sehr anstrengenden Zeit des Reisens und Repräsentierens in den Süden Frankreichs zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist er in 2. Ehe mit Françoise verheiratet. Während eines Italienurlaubes lernt er die junge Jeanne kennen, ebenfalls verheiratet. Die beiden verlieben sich ineinander. Jeanne wird die Muse seiner letzten Schaffensphase. Die Gefühle für sie wird er in seinen Bildern verarbeiten. Zunächst halten die beiden ihr Verhältnis aus Rücksicht auf ihre Familien geheim. Doch gerade Nicolas verliert sich immer mehr an Jeanne und drängt sie, mit ihrem alten Leben abzuschließen.
"Für ihn ist sie wie Wasser in seinen Händen. Entweicht, verrinnt, entgleitet. Es gelingt seinen Händen nicht, sie zu halten. Der verheißungsvolle Klang der Quelle. Verbrennt ihn. Rinnt durch seine Finger. Bis zu den Knien im Netz. Er ballt die Faust. Presst die Finger zusammen. In einem Augenblick: wundersame Pfütze in der Vertiefung seiner Handfläche. In einem Augenblick. Nichts mehr." (S. 99)
Jeanne fühlt sich hin- und hergerissen. Sie wird sich einige Male von Nicolas trennen, doch immer wieder zu ihm zurückkehren. Irgendwann ist Nicolas' Druck auf sie zu groß. In ihrer Bedrängnis entscheidet sich Jeanne für ein Leben ohne Nicolas. Sie hat das Gefühl, dass er sie mit seinen Besitzansprüchen erstickt. Sie verlässt ihn endgültig, trennt sich jedoch auch von ihrem Mann und lebt fortan allein. Einfach nur die Frau von einem Mann zu sein, reicht ihr nicht. Sie möchte ein Leben führen, in dem sie sich verwirklichen kann, ohne von jemandem abhängig zu sein oder von jemandem besessen zu werden. Nicolas, der Verlassene, geht an diesem Verlust zugrunde. Der Roman endet mit seinem Tod.
"Ich will wirklich existieren. Nicht nur die Frau von sein. Nicht im Schatten eines Mannes leben. Ich sein. Ungehemmt. Unverstellt. Ohne zu ersticken." (S 191)
Der Schreibstil von Nathalie Chaix ist sehr kreativ, aber auch gewöhnungsbedürftig. Der Text besteht stellenweise aus einer Aneinanderreihung von Satzfragmenten, die den Lesefluss zum Stocken bringt. Trotzdem war für mich in ihren Worten eine Intensität und Eindringlichkeit zu spüren, die mich tief berührt haben.
Fließtext und Versform wechseln sich ab. Einige Textpassagen sind als Gedichte ausgelegt. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: Jeanne, die als Ich-Erzählerin fungiert sowie eine personale Erzählperspektive aus der Sicht von Nicolas. Die Schrift ist der jeweiligen Erzählperspektive angepasst: Jeanne -"schwarz gedruckt"; Nicolas -"grau gedruckt". Diese Kennzeichnung ist sinnvoll, da der Wechsel zwischen den Erzählperspektiven oft überraschend kommt, man aber durch das Schriftbild sofort weiß, aus wessen Sicht die Geschichte weitererzählt wird.
Fast hat man den Eindruck, dass Nathalie Chaix ihren Schreibstil dem Maler de Staël angepasst hat. Man kann gar nicht anders als ihren Stil als "farbenfroh" zu bezeichnen. Und die Illustratorin Christina Röckl steht ihr dabei in nichts nach. Ganz im Gegenteil!

englischgrün,
mischung aus preußischblau
und chromgelb,
veronesergrün, kupferarsenit
pistaziengrün
malachitgrün
mandelgrün
moosgrün
smaragdgrün
.....
(S. 274)

Die Illustratorin Christina Röckl hat sich ausgiebig mit dem Werk von de Staël befasst, hat sogar die Originalschauplätze des Romanes besucht. Mit ihren Illustrationen, die komplette Seiten einnehmen, hat sie die Stimmungen und Lichtverhältnisse der Umgebung einfangen können - ähnlich wie de Staël in seiner Malerei. Auch bei ihr entdeckt man die großflächige Farbgebung. Teilweise sind einzelne Seiten in einer Farbe gehalten, mit einigen wenigen Farbschattierungen, die man erst bei genauerem Hinsehen entdeckt. Ihr Malstil ist abstrakt und lässt sehr viel Raum für Interpretationen, auf die ich mich gern eingelassen habe. So findet sich in ihrer Arbeit häufig ein bestimmtes Motiv, von dem ich mich optisch täuschen ließ. Denn dieses Motiv hat mich zunächst an eine Vase erinnert. Erst mit der Zeit konnte ich zwei sich anblickende Profile ausmachen - Nicolas und Jeanne - die je nach Beziehungsstatus in der Geschichte mal näher zusammenstanden, sich aber auch voneinander entfernten.

Auszug aus dem Buch "Liegender Akt in Blau", kunstanstifter Verlag

Das Zusammenspiel zwischen Text und Illustration vermittelt eine sehr intensive Stimmung. Die Geschichte kommt wie eine Naturgewalt daher, die mich förmlich mitgerissen hat. Die Leidenschaft und Verzweiflung der beiden Charaktere Nicolas und Jeanne sind deutlich spürbar. Fast fühlt man sich als Leser unwohl in der Flut dieser Emotionen.

Fazit:
Nathalie Chaix befasst sich in ihrem Raum "Liegender Akt in Blau" mit der letzten Schaffensphase des Malers Nicolas de Staël und erzählt seine Geschichte in einem sehr kreativen, aber eindringlichen Sprachstil, der von den farbenprächtigen und kraftvollen Illustrationen von Christina Röckl begleitet wird.
Dieser sehr poetische Roman handelt von Liebe und Leidenschaft, genau genommen von einer Liebe, die Leiden schafft und in Zerstörung endet. Eine beeindruckende Verbindung aus Geschichte und Illustration, die mich gefühlsmäßig zu beschäftigen wusste.

© Renie






Über Nathalie Chaix:
Nathalie Chaix, 1972 in Annecy, Frankreich, geboren, lebt und arbeitet in Genf. Sie ist dort im kulturellen Bereich tätig. Ihre ersten Erfolge feierte sie mit dem Roman Exit Adonis aus dem Jahr 2007, für den sie den George Nicole Preis bekam. Liebe und Schöpfung sind Themen, die ihr in ihren Büchern wichtig sind. Beim Schreiben des Romans Grand Nu Orange fühlte sie sich frei inspiriert vom Leben und Schaffen des französischen Malers Nicolas de Staël. (Quelle: kunstanstifter)

Über Christina Röckl:
Mit Und dann platzt der Kopf schloss Christina Röckl kürzlich ihr Masterstudium in Illustration bei ATAK/Georg Barber ab. Das Bilderbuch wurde für den Giebichenstein Designpreis nominiert und zusammen mit Ergebnissen eines von ihr geleiteten Comicworkshops im Vogtlandmuseum Plauen ausgestellt. Auslöser für das Projekt war für sie die große Frage, weshalb Slimer eine Seele hat, ein Haufen Schleim aber nicht.
Christina Röckl lebt und arbeitet in Leipzig. (Quelle: kunstanstifter)

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