Dienstag, 10. Januar 2017

Gavin Extence: Libellen im Kopf

Quelle: pixabay


Nachdem mich Gavin Extence mit seinem ersten Roman "Das unerhörte Leben des Alex Woods" begeistern konnte, habe ich natürlich mit Hoffen und Bangen sein neues Buch erwartet: "Libellen im Kopf", kürzlich im Limes Verlag erschienen. Natürlich habe ich gehofft, dass der Autor einen weiteren Coup im Sinne von "Alex Woods" landen würde. Gleichzeitig habe ich aber auch befürchtet, dass er den hohen Erwartungshaltungen, die durch seinen gnadenlos guten Erstling entstanden sind, nicht gerecht werden kann. 

Worum geht es in diesem Roman?
Kurz zusammengefasst geht es um eine Frau, Abby, die unter einer bipolaren Störung leidet und deren Leben gerade außer Kontrolle gerät. Dieser Roman behandelt ihren seelischen Absturz, ihren Krankenhausaufenthalt und die Zeit danach.
"Die Leute reden ständig über düstere Stimmungen. Düstere Stimmungen hier, düstere Stimmungen da. Aber eine Depression ist keine düstere Stimmung. Es ist eine aschgraue Stimmung oder vielleicht auch eine beigefarbene Stimmung." (S. 93 f.)

Der Roman lässt sich in 3 Teile gliedern:
Teil 1 - die Zeit vor dem Klinikaufenthalt
Der Einstieg ist grandios. Abby, die ein wenig schräg rüberkommt, findet zufällig den toten Simon, ihren Nachbarn, in seiner Wohnung. Obwohl sie so gut wie gar nichts über ihn wusste, löst Simon's Tod irgendetwas in ihr aus, Auffällig ist, dass sie völlig untypisch auf die Situation reagiert. Diese Szene wirkt sehr skurril und lustig und lässt einiges für den weiteren Verlauf der Handlung hoffen.

Abby, Mitte 20, ist freiberufliche Journalistin, schreibt Artikel über Themen, die ihr gerade in den Sinn kommen und verkauft ihre Beiträge an diverse Zeitungen. Sie lebt mit Beck zusammen, ihrem Freund, der sie abgöttisch liebt und so ganz anders ist als Abby. Sie ist die Chaotische, er ist der Ordnungsliebende und Vernunftmensch. Mal abgesehen vom gelegentlichen Drogenkonsum führt Abby also ein stinknormales Leben. Und doch scheint mit ihr etwas nicht zu stimmen. Es gibt regelmäßige Termine bei Dr. Barbara, einer Psychologin.
Was genau mit Abby nicht stimmt, erschließt sich dem Leser im weiteren Verlauf dieses ersten Teils.

Kleine Exkursion in die Psychologie:
Quelle: Randomhouse / Limes Verlag
Eine bipolare Störung ist eine schwere psychische Erkrankung, die durch manische und depressive Stimmungsschwankungen charakterisiert wird. Manische und depressive Phasen wechseln sich ab. In der manischen Phase durchlaufen die Erkrankten extreme Stimmungshochs. Sie sind dann überaktiv, gereizt, euphorisch und leiden unter extremen Schlafstörungen. Die depressive Phase bewirkt das Gegenteil: Depressionen, Antriebslosigkeit, gedrückte Stimmung, tiefe Traurigkeit bis hin zur Selbstmordgefährdung. Ca. 1 bis 3 % der Menschen leidet unter dieser Krankheit. Überdurchschnittlich viele kreative Menschen sind betroffen. Die Ursache dieser Erkrankung ist noch nicht geklärt.

Schnell stellt sich heraus, dass Abby in eine manische Phase schliddert, die sie zu Handlungen bewegt, die mit gesundem Menschenverstand nicht erklärbar sind. Was Abby anstellt ist schon heftig. Sie schadet sich gesundheitlich und finanziell. Ihr ist auch nicht mit Vernunft und guten Worten beizukommen. Sie wirkt wie ein Pulverfass, das kurz vor der Explosion steht. Im letzten Moment wendet sie sich an Dr. Barbara, die gar nicht anders kann, als Abby in die Psychiatrie einzuweisen - zu Abbys eigenem Schutz.

Teil 2 - die Zeit in der Klinik
Abby, die ihren Klinikaufenthalt als unfreiwillig erlebt, wird hier langsam seelisch stabilisiert. Es ist ein langer und mühevoller Weg, den sie zu gehen hat. Anfangs ist ihre Zielsetzung, so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus zu kommen. Deshalb schauspielert sie, versucht die Ärzte und Pfleger zu täuschen, um möglichst schnell wieder auf freiem Fuß zu sein. Sie freundet sich mit Melody, einer anderen Patientin, an. Sie scheinen sich gut zu tun. Denn beide profitieren von den gemeinsamen Gesprächen und unterstützen sich gegenseitig auf ihrem Weg zurück in die Normalität.

Teil 3 - die Zeit nach der Klinik
Abby versucht, wieder allein mit dem Leben zurechtzukommen. Sie nimmt das Angebot an, das Haus einer Schriftstellerin, die sie vor einiger Zeit interviewt hat, für einige Wochen zu hüten. 
"Ich bin Amok gelaufen, was sich in impulsiven Handlungen äußerte, in Geldverschwendung und sexueller Freizügigkeit, aber ich leide nicht unter Wahnvorstellungen. Ich halte mich nicht für die Jungfrau von Orleans, für einen Außerirdischen oder für die weibliche Reinkarnation von Jesus." (S. 186 f.)
Es fällt mir schwer, diesen Roman zu bewerten, weil ich ihn, ehrlich gesagt, nicht zu Ende gelesen habe. Man ahnt es: er hat mir nicht gefallen. Der Anfang ist grandios, die Szene mit dem toten Nachbarn originell, aber dann verliert sich der Autor über Seiten in der Beschreibung des Alltags von Abby, der sich nicht so sehr von dem anderer Menschen unterscheidet. Erst als sich Abbys seelische Ausraster intensivieren, zieht die Spannung in diesem Roman an.
Der zweite Teil entschädigt anfangs für die Schwächen des ersten Teils. Die Darstellung des Klinikalltags und die Art und Weise, wie Abby versucht, mit ihrer Situation zurechtzukommen wirken authentisch. Extence schreibt in einer saloppen und spritzigen Art, die mir auch in seinem ersten Buch so sehr gefallen hat. Mit dem Ende des 2. Teiles schreibt sich Extence jedoch um Kopf und Kragen: Es kommt zum Eklat zwischen Abby und ihrer Freundin Melody. Der Autor stellt dabei eine Verbindung zum Anfang des Romanes her, die so haarsträubend konstruiert wirkt, dass ich den Roman an dieser Stelle genervt abgebrochen habe. Zufälle gibt es, die gibt es einfach gar nicht.

In Anbetracht der Tatsache, dass Gavin Extence selbst mit einer bipolaren Störung zu kämpfen hat, fällt es mir nicht leicht, diesen Roman, in dem er seine persönlichen Erfahrungen verarbeitet, abzuwatschen. Ich habe großen Respekt vor Extence, und wie er sein Leben mit dieser Krankheit meistert. In einem sehr persönlichen Nachwort gewährt er einen Einblick in seine Erfahrungen und den Leidensweg, den er und seine Angehörigen oftmals gehen müssen.

Auch wenn das Nachwort mich berührt hat, der Roman konnte es leider nicht. Meine Kritikpunkte überwiegen leider. Ich bin mir jedoch sicher, dass dieser Roman seine Leserschaft findet - dafür zieht der Name "Gavin Extence" zu sehr. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Leser, die sich mit Psychologie und psychischen Erkrankungen befassen, einen deutlich besseren Zugang zu diesem Buch haben werden und diesen Roman anders erleben werden als ich.

© Renie




ISBN: 978-3-8090-2634-1


Über den Autor:
Gavin Extence, geboren 1982, lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und einer Katze in Sheffield. Mit seinem Debütroman »Das unerhörte Leben des Alex Woods« schrieb er sich in die Herzen von Lesern und Kritikern gleichermaßen. Der Roman wurde in Großbritannien mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, eroberte auch in Deutschland die Bestsellerliste und gehört zu den meistempfohlenen Büchern 2014. »Libellen im Kopf« ist der zweite Roman von Gavin Extence. (Quelle: Limes Verlag)

Kommentare:

  1. Oha - nicht zu Ende gelesen? DAS reizt mich jetzt noch mehr als der Klappentext an sich. Ich habe einen Bekannten, der an einer extremen Form der bipolaren Störung leidet. Aus der Entfernung betrachtet, ist es schon 'interessant', was in den manischen Phasen so alles passieren kann - verstörend aber auch.

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    1. Dann könnte dieser Roman etwas für dich sein. Immerhin weiß Gavin Extence, wovon er schreibt. Authentischer geht's daher nicht.

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