Donnerstag, 12. Januar 2017

Leila S. Chudori: Pulang (Heimkehr nach Jakarta)

Quelle: pixabay

Bhinneka tunggal ika - Diesen Spruch findet man im Wappen Indonesiens. Er bedeutet "Einheit in Vielfalt" und passt perfekt zu Leila S. Chudoris Buch Pulang (Heimkehr nach Jakarta). Sie hat mit diesem Roman eine literarische Einheit geschaffen, die vielfältiger nicht sein könnte.
Es ist ein Familienroman, ein Mehr-Generationen-Roman, ein politischer Roman, ein historischer Roman, ein Liebesroman, ein Roman mit einer Vielzahl an Erzählperspektiven und Zeitebenen; ein Roman, der zu unterhalten, zu faszinieren und zu informieren weiß; der einen in ein fremdes exotisches Land entführt, das in vielen Dingen Europa doch so ähnlich ist. Ach ja, und es ist ein Roman über gutes Essen. Ich garantiere, dass sich bei manchen Passagen dieses Romanes ein riesengroßer Appetit auf indonesisches Essen entwickeln wird.
"Warum müssen wir uns irgendeiner Gruppe anschließen, nur um für alle sichtbar eine bestimmte Überzeugung zu haben? Vor allen Dingen sollten wir uns lieber fragen, ob unsere Überzeugung denn tatsächlich die einzig wahre ist. Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus - müssen wir eine dieser Ideologien ganz schlucken? Ohne zu zweifeln oder eine kritische Haltung einzunehmen?" (S. 46)
Der Roman beginnt in Indonesien in den 60er Jahren. Der Journalist Dimas ist für indonesische Verhältnisse ein unpolitischer Mensch, da er sich nicht für eine politische Seite entscheiden möchte. Er ist eher nach allen Seiten hin offen eingestellt. Leider übt er seinen Beruf zu einer Zeit aus, in der Politik den indonesischen Alltag bestimmt und die Anfeindungen zwischen den Parteien ihren Höhepunkt erreichen. Im Jahre 1965 kommt es zu einem Putschversuch durch Teile des Militärs, der von dem rechtsgerichteten General Suharto niedergeschlagen wird. Obwohl die damalige kommunistische Partei des Landes an dem Aufstand unbeteiligt war, werden ihre Mitglieder von Suharto für den Putschversuch hauptverantwortlich gemacht. 
Menschen mit einer linken politischen Gesinnung werden zu Staatsfeinden erklärt. Journalisten sind prädestiniert für diese Rolle, insbesondere, wenn sie regimekritisch schreiben. Dank einem glücklichen Zufall befindet sich Dimas zur Zeit der Machtergreifung Suhartos auf einer Auslandsreise, zusammen mit 3 Journalistenkollegen. Die Rückkehr in ihre Heimat bleibt ihnen zunächst verwehrt, da sie als politisch kriminell gelten und ihnen in Indonesien Gefängnisstrafen, wenn nicht Schlimmeres, drohen. 
Die vier Kollegen stranden schließlich in Paris, wo sie politisches Asyl erhalten. Hier werden sie nun den größten Teil ihres Lebens verbringen, sich eine neue Existenz aufbauen, sich verlieben und Familien gründen. Von hier aus beobachten sie voller Sorge die Vorgänge in ihrer Heimat Indonesien.

Suharto ist gründlich. Sein Strafsystem macht keinen Unterschied zwischen "Delinquent" und Angehörigen, also zwischen "schuldig" und unschuldig. Die Familien und Freunde in Indonesien werden mit Schikanen im Alltag bis hin zu Verfolgung, Gefängnisstrafen, sogar Folter für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen, die sie nicht begangen haben. Das Einzige, dessen sie sich schuldig gemacht haben: mit einem "Delinquenten" verwandt oder befreundet zu sein.

Die Freunde in Paris verlieren niemals den Kontakt nach Indonesien. Durch den Betrieb ihres erfolgreichen indonesischen Restaurants, können sich die Freunde in Frankreich etablieren.

Dimas heiratet eine Französin. Die gemeinsame Tochter Lintang wächst in 2 Kulturen auf, der indonesischen und der europäischen. Obwohl sie noch nie in Indonesien war, ist sie tief in ihrem Herzen mit diesem Land verwurzelt. Die Liebe Dimas' zu seiner Heimat überträgt sich auf seine Tochter. Als Lintang 1998 während ihres Studiums nach Jakarta geht, um einen Dokumentarfilm über dieses Land zu drehen, lernt sie den indonesischen Zweig der Familie kennen. Seit dem Weggang ihres Vaters aus Indonesien bis zu diesem Zeitpunkt sind über 30 Jahre vergangen. Es hat einen Generationenwechsel gegeben. Aus den Kindern sind junge Erwachsene geworden, die sich politisch engagieren und gegen das Suharto Regime protestieren. In Indonesien brechen Studentenunruhen aus, die das Ende der Regierung Suhartos einläuten.
"Mein Vater sagte, mein Blut stamme aus einem Land weit entfernt von Europa, aus einem Land, das den Duft von Nelken und einer vergeblichen Traurigkeit atme. Ein fruchtbares Land, reich an Pflanzen in ungezählten Farben und Formen; und ebenso reich an Glaubensrichtungen. Aber es war auch ein Land, das seine Staatsbürger vernichtete, nur weil sie eine eigene Meinung hatten." (S. 132)
Frau Chudori ist es gelungen, die jüngste Geschichte Indonesiens anhand der einzelnen Lebenswege ihrer Charaktere nahe zu bringen. Ich habe ihre Verbundenheit zu diesem Land mit jeder Zeile gespürt. Durch ihren lebhaften Sprachstil fiel es mir leicht, mich auf diese fremde Geschichte einzulassen. Sie macht neugierig auf ihre Heimat. Auch wenn der größte Teil der Handlung in Paris spielt, ist Indonesien doch stets präsent: in der Erinnerung der Charaktere, durch deren Beobachtung der politischen Situation in ihrer Heimat und natürlich durch die indonesische Küche, der in diesem Roman mehr als gehuldigt wird. 

Fazit:
Dieser Roman hat einfach alles, was einen guten Roman für mich ausmacht. Einen interessante Geschichte, wundervolle Charaktere, eine lebhafte Sprache, Einblick in eine fremde Kultur. Er ist kurzweilig, spannend, ergreifend, ernsthaft und amüsant. Klare Leseempfehlung!


© Renie

ISBN: 978-3-938803-75-2


Über die Autorin:
LEILA S. CHUDORI, 1962 in Jakarta geboren, begann bereits mit zwölf Jahren zu schreiben. Ihre Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen indonesischen Zeitschriften. Sie studierte Politikwissenschaft und Vergleichende Gesellschaftspolitik an der University of Trent, Kanada. Seit 1989 arbeitet sie als Redakteurin bei der indonesischen Zeitschrift »Tempo«. Darüber hinaus schreibt sie Drehbücher für Fernsehfilme. 2007 wurde sie für ihre Arbeit als Drehbuchautorin ausgezeichnet. (Quelle: Weidle)








1 Kommentar:

  1. Titel und Cover würden mich tatsächlich niemals ansprechen. Aber nach Deiner Rezension...

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