Mittwoch, 16. Dezember 2015

Titus Müller: Stille Nacht

Sollte man eine Liste bekannter Weihnachtslieder erstellen, stünde das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ ganz weit oben. Weihnachten ohne dieses stimmungsvolle Lied ist nicht vorstellbar. Aber wo hat es seinen Ursprung? Wer hat es geschrieben? 

Die Erzählung „Stille Nacht“ von Titus Müller behandelt das Leben des Musikers und Geistlichen Joseph Mohr, der den Text zu diesem Lied geschrieben hat.



Worum geht es in dieser Erzählung?:
"Stille Nacht, heilige Nacht" – am Heiligabend 1818 erklang das Lied zum ersten Mal. Heute gilt es als das bekannteste Weihnachtslied der Welt. Eingewoben in eine Geschichte voller Licht und Schatten, Brüche und Versöhnung erzählt Titus Müller, wie es entstand. (Quelle: Klappentext)

Joseph Mohr ist ein tieftrauriger Mensch. Als uneheliches Kind hat er es bisher in seinem Leben nicht leicht gehabt. Denn unehelich geboren zu sein, war in der damaligen Zeit ein Makel, der nicht nur an der Mutter haftete sondern insbesondere an dem Kind. Dieser Makel hat Joseph bisher nur Steine in seinen Lebensweg gelegt. Trotz aller Widerstände hat Joseph es jedoch bis zum Hilfsgeistlichen gebracht. Ein Umstand, den er sicherlich seinem besonderen Talent – der Musikalität – zu verdanken hat. Nun ist er auf der Suche nach seinen familiären Wurzeln. 
„‘Philosophie, Musik, Theologie – das habe ich alles für ihn studiert. Und dann, als ich endlich meinte, gut genug zu sein, um von ihm geliebt und akzeptiert zu werden, und mich mithilfe meiner Mutter auf die Suche nach ihm gemacht hatte, musste ich hören, dass er gerade gestorben war. Er ist gegangen, ohne mir Lebewohl zu sagen. Ohne mich auch nur einmal anzusehen, bloß anzusehen, und seinen Sohn zu nennen.‘“ (S. 11)
In seiner neuen Gemeinde lebt sein Großvater – der Vater seines Vaters. Von ihm erhofft sich Joseph die Zuneigung, die ein Enkel normalerweise von einem Großvater bekommt. Die beiden haben jedoch kaum Gelegenheit sich kennenzulernen. Der Großvater stirbt nach kurzer Zeit und Joseph ist wieder allein. Er ist Geistlicher mit Leib und Seele. Er liebt die Menschen und versucht sich der Sorgen und Probleme seiner Gemeindemitglieder anzunehmen. Nach Außen hin wirkt er freundlich und offenherzig, doch in seinem tiefsten Innern bleibt diese Traurigkeit. Einzig in seiner Musik findet er Trost.
„Sie hörte Musik. War das eine Gitarre? Und wer sang dazu? ... Sanft und verletzlich hörte sich die Stimme an. Das musste Joseph Mohr sein. Man hörte seine Seele singen. Er stand nicht stark über den Dingen und beherrschte sie, nein, auch er war herumgestoßen worden, das hörte sie deutlich, er kannte einen Schmerz, der mit ihrem verwandt war.“ (S. 66)
Sophie lebt ebenfalls in der Gemeinde. Sie ist mit einem Flussschiffer verheiratet und hat jeden Tag aufs Neue zu kämpfen, um ihre Familie satt zu bekommen. Ihr größter Wunsch ist, dass ihr Sohn es später besser im Leben hat. Seine Schulbildung liegt ihr am Herzen – sehr zum Unwillen ihres Mannes Karl, für den die Schulbildung seines Sohnes überflüssig ist. Denn schließlich soll der Junge so schnell wie möglich in die Fußstapfen seines Vaters treten. Die Ehe von Sophie und Karl ist zerrüttet. Nur aus Rücksichtnahme auf ihren Sohn bleibt sie bei Karl.
Und natürlich fühlt sich Sophie zu den Hilfspfarrer Joseph Mohr hingezogen. Denn er ist so anders als ihr Ehemann. Mit Joseph kann sie reden, fühlt sich von ihm verstanden. Auch Joseph empfindet etwas für sie. Doch am Ende widersteht er der Versuchung und ordnet seine Gefühle den Pflichten eines Geistlichen unter.
„Sophie fühlte sich angeregt von seinen Worten. Er machte die Welt größer. Und er sah mehr Verantwortung bei den Menschen als bei der Geisterwelt. Ein gewöhnlicher Priester war das nicht.“ (S. 48)
Das Dorf, in dem die Geschichte spielt, ist arm. Es besteht aus Bauern und Flussschiffern. Die Familien in dem Dorf leben am Limit, mit wenig Hoffnung, dass es ihnen eines Tages besser gehen wird.
Die Sorgen seiner Gemeinde, genauso wie seine eigene Traurigkeit bringen Joseph am Ende dazu, dieses Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu schreiben. Er möchte damit seinen Mitmenschen und sich selbst ein Stück Hoffnung geben.

Titus Müller hat mit dieser Erzählung ein wundervolles Buch für die Weihnachtszeit geschrieben. Insbesondere sein bildhafter Sprachstil trägt dazu bei, dass man sich in eine weihnachtliche und winterliche Stimmung versetzt fühlt. Bei Titus Müller häuft sich Schnee zu „märchenhaften Formen“ auf, „stäubt“ von den Dächern und treibt in „weißen Schwaden“ durch die Straßen. Das ist einfach nur schön! Und schon ist man verzaubert!

Tatsächlich ist dies jedoch keine reine Weihnachtserzählung. Der Höhepunkt der Geschichte findet zwar an Weihnachten statt, aber tatsächlich stehen andere Dinge im Vordergrund. Am Ende wird man feststellen, dass es in diesem Buch in erster Linie um die Menschen geht: um Joseph, um Sophie und ihrer Familie sowie der Gemeinde von Joseph. Es geht um Liebe und Schmerz sowie Trauer und Hoffnung. Es ist eine Geschichte, die berührt, aber weder sentimental noch rührselig ist. 

© Renie

Stille Nacht von Titus Müller, erschienen im adeo Verlag
ISBN 9783863340742






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