Donnerstag, 10. Dezember 2015

Carl Nixon: Lucky Newman

Manchmal reichen ein paar Begriffe in einer Rezension oder Buchbeschreibung aus, um meine Neugier zu wecken. So auch bei „Lucky Newman“ von Carl Nixon: ein Ballonfahrer, ein Blauwal, ein majestätischer Tiger, eine Mondjungfrau?!


Worum geht es in dem Buch?
Der Roman spielt in der Kleinstadt Mansfield in Neuseeland, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der 1. Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen. Die Krankenschwester Elizabeth Whitfield hat während des Krieges ihren Mann kennengelernt und geheiratet. Sie haben einen kleinen Sohn, Jack. Doch der hat seinen Vater nie kennengelernt, denn dieser gilt nach einem Fronteinsatz als verschollen. Elizabeth gibt jedoch die Hoffnung nicht auf, dass ihr Mann eines Tages zurückkommen wird und so versucht sie, als Krankenschwester über die Runden zu kommen und ihrem Sohn ein normales Leben zu ermöglichen. Eines Tages erhält sie ein lukratives Angebot der reichen und alteingesessenen Familie Blackwell aus Mansfield. Paul, das Familienoberhaupt ist aus dem Krieg heimgekehrt, ist aber nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hat eine schwere Kopfverletzung und leidet unter extremen Gedächtnisschwund. Er kann sich an nichts erinnern, was vor seiner Verletzung war. Sein Zuhause und die Ehefrau sind ihm völig fremd. Er ist extrem aggressiv und gewaltbereit. Elizabeth soll nun die häusliche Pflege von Paul übernehmen.
"Die Männer auf Station sechs sind samt und sonders in Elizabeth verliebt. Nicht etwa, weil sie toll aussieht. Da sind andere Schwestern attraktiver. Auch nicht, weil sie so liebevoll mit ihnen umgeht; eher das Gegenteil ist der Fall. Elizabeth sieht ihre Patienten als das, was sie sind: Männer ohne Augen, Arme, Beine, Lungen, Nieren - in diversen Kombinationen, mal schlimmer, mal weniger schlimm. Sie sind verstümmelt, innerlich gebrochen, Krüppel." (S. 30)
Was haben jetzt Ballonfahrer, Wal, Tiger und Mondjungfrau mit der Handlung zu tun?

Elizabeth tut es in der Seele weh, dass sie ihrem Sohn keine Erinnerungen an seinen Vater mitgeben kann. Da sie selbst keine Gelegenheit hatte, längere Zeit mit ihrem Mann zusammenzuleben, sind die Geschichten, die sie ihrem Sohn über seinen Vater erzählt äußerst dürftig. Daher erfindet sie für ihren Sohn die Geschichte über den Ballonfahrer, der in die Welt hinaus flog und auf seiner Reise viele Abenteuer erlebte. Ob John den Ballonfahrer oder eine andere Figur aus dieser Geschichte stellvertretend für seinen Vater ansieht, bleibt offen.
"Der Ballonfahrer wird häufig genug verlangt und gehört so zum festen Inventar ihres Lebens. Jedesmal, wenn die Geschichte erzählt wird, tritt etwas Neues in sie ein, bis sie von vielen unterschiedlichen Figuren bevölkert ist. Es gibt da einen Afrikaner namens Mboli, dem der Ballonfahrer zuerst begegnet, als Mboli einen Wasserfall hinabzustürzen droht, über den ihn ein wütendes weißes Nashorn jagen will." (S. 72)
Dadurch ergeben sich in dem Roman 2 Erzählstränge: Zum Einen wird erzählt, wie es Elizabeth in ihrem Alltag ergeht und wie sie langsam das Vertrauen von ihrem Patienten Paul gewinnt. Zum Anderen wird die Geschichte des Ballonfahrers erzählt. Ich hatte allerdings Schwierigkeiten, die beiden Erzählstränge in Einklang zu bringen. Als Leser ist man versucht, eine Symbolik in der Geschichte des Ballonfahrers zu erkennen. Das ist mir jedoch leider nicht gelungen. Trotzdem möchte ich betonen, dass beide Erzählstränge für sich sehr unterhaltsam sind. Die phantasievolle Geschichte des Ballonfahrers ist ein Traum für „das Kind“ im Leser. Und auch die Handlung um Elizabeth und Paul ist sehr spannend geschrieben, liest sich flüssig und nimmt am Ende eine sehr schöne Entwicklung. 

Carl Nixon hat einen sehr angenehmen, leicht ironischen Sprachstil. Man merkt, wie er bei seinen Protagonisten Sympathie und Antipathie verteilt. Sein Herz schlägt für Elizabeth und Paul. Andere kommen nicht so gut weg. Insbesondere die Upper Class von Mansfield wird von Carl Nixon gern literarisch "abgewatscht".
"Ihr erster Eindruck eines Wesens, das sich aus Baumwipfeln ernährt, verwischt nicht komplett bei näherer Betrachtung. Mrs. Blackwell hat ein längliches Gesicht mit großen Augen, auf denen ein dunkler Schatten liegt." (S. 41)
„Lucky Newman“ wird aus einer auktorialen Perspektive erzählt. Ein Erzähler tritt in Erscheinung, der eine übergeordnete Rolle in dem Geschehen hat. Er lässt in seiner Erzählung gern seine Kommentare, Andeutungen und Rückschauen einfließen. Das Buch beginnt, in dem der Erzähler berichtet, wie es zu diesem Roman gekommen ist: ein 90-jähriger Herr hat ihn beauftragt, die Geschichte seiner Mutter (=Elizabeth) niederzuschreiben. Ob dieser Erzähler jetzt identisch mit Carl Nixon ist, bleibt nur zu vermuten.
"An dieser Stelle werden manche Leser ungehalten sein. 'Unmöglich! oder 'Soll das nicht auf einer wahren Geschichte basieren?' Vielleicht haben Sie das Buch schon zugeklappt, und es fliegt gerade in Richtung der Wand gegenüber ihrem Bett. Bestimmt gibt es wesentlich glaubwürdigere Erzählungen in dem Bücherstapel auf Ihrem Nachttisch. Vielleicht aber sind Ihnen die vorsätzlich unglaubwürdigen ohnehin lieber - fremde Planeten oder Kobolde und Drachen." (S. 95)
Fazit: Ein gut gemachter Roman mit zwei Handlungssträngen, von denen jeder für sich sehr unterhaltsam ist, sich von mir aber nicht in Einklang bringen ließen. Es gibt viele Kleinigkeiten, die mir an diesem Roman gefallen haben. Das sind der ironische Sprachstil, die fantasievolle Geschichte um den Ballonfahrer und die Entwicklung zum Ende. Denn zum Schluss bekommt der Titel des Buches "Lucky Newman" eine ganz spezielle Bedeutung ;-)

© Renie

Lucky Newman von Carl Nixon, erschienen im Weidle Verlag
ISBN: 978-3-938803-71-4


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