Freitag, 29. April 2016

Ule Hansen: Neuntöter

Scheinbar gibt es auch unter Vögeln kriminelle Elemente. Insbesondere jene, die zur Familie der Würger gehören. Der Neuntöter ist so ein Exemplar. Er ernährt sich von Großinsekten, macht aber auch vor kleinen Säugetieren und Vögeln nicht halt. Auch wenn der Verdacht nahe liegt ... der Neuntöter erwürgt seine Opfer nicht. Er spießt sie auf. Ein Neuntöter sieht mit seinen 16 - 18 cm Größe und dem hübschen Gefieder eigentlich ganz putzig aus. Kaum zu glauben, dass hinter dem kleinen Kerl ein Killer steckt, der sich auf eine ungewöhnliche Tötungsmethode spezialisiert hat.


Womit wir bei diesem ebenfalls ungewöhnlichen Thriller "Neuntöter" von dem Autorenduo Ule Hansen wären. Auch hier hat sich ein Mörder auf eine ungewöhnliche Tötungsmethode spezialisiert. Er wickelt seine Opfer in Panzertape und stellt sie an Orten aus, die zwar einsam und verlassen sind, aber dennoch eine unmittelbarer Nähe zum Stadtleben haben. Das kann ein Baugerüst hinter einer Plane sein, eine stillgelegte Fabrik oder ein Dachboden, der nie benutzt wird. Was bringt den Mörder dazu, seinen Opfer einen Kokon aus Panzertape zu verpassen? 
"Nachdenklich betrachtete sie das Haus, an dem das Plakat hing. Das falsche Haus mit den aufgemalten Türen, das mit Planen bespannte Gerüst, das immer noch so tat, als wäre es ein stinknormales Eckgebäude, unschuldig, unverdächtig, unberührt. Die Stadt schluckt ihre Morde, ihre Ungerechtigkeiten, ihre Opfer, deren Leben sie zerstört hat, und macht fröhlich weiter, bietet so viele neue Aufregungen, bis die Toten, die Einsamen, die Verletzten langsam verblassen und irgendwann keiner mehr ihre Namen kennt. Die Stadt heilt alle Wunden." (S. 161)
Im Mittelpunkt dieses Thrillers steht die Fallanalystin Emma Carow. In "Fernseh-Deutsch" würde man Emma eine Profilerin nennen. Ihre Aufgabe ist es, ein Täterprofil zu erstellen. Anhand der Spuren, die an den Tatorten gefunden werden, versucht sie, das Verbrechen zu rekonstruieren, sich in den Täter hineinzuversetzen und so Aussagen über seine Persönlichkeit zu treffen. Ihre Untersuchungsergebnisse sollen dem Ermittler-Team wertvolle Hinweise geben und dabei helfen, die Verbrechen aufzuklären. Doch Emma gibt sich nicht damit zufrieden, lediglich als Zulieferer von Informationen zu dienen, zumal das Ermittler-Team ihre Hinweise nicht in der Form interpretiert, wie sie es gerne hätte. Ihr Instinkt beschert ihr Verdachtsmomente, die sie nicht immer belegen kann. Doch sie vertraut auf ihr Bauchgefühl und scheut sich nicht, Kollegen zu manipulieren, damit diese ihre Aufklärungsansätze nachverfolgen, auch wenn diese wider jeder Logik sind. Dabei legt sie eine Besessenheit an den Tag, die ihr keine Sympathiepunkte einbringt.
"Emma mochte Tatorte. Überall geschäftige Kollegen, jeder ein Experte, die intensive Suche nach Spuren, das geballte Fachwissen, diese selbstverständliche Konzentration auf Dinge, die für die meisten Menschen unsichtbar sind. Sie mochte es, Teil davon zu sein. Vor allem aber mochte sie Tatorte, wenn die anderen weg waren. Dann erst entfalteten sie ihre volle Wirkung. Erst dann gaben sie ihre Botschaft preis. Erst dann konnte sie sie auch hören." (S. 71 f.)
Mit Emma Carow hat das Autorenduo Ule Hansen einen Charakter geschaffen, der lange in Erinnerung bleiben wird. Sie ist keine toughe Heldin, die von ihren männlichen Kollegen als Kumpeltyp anerkannt wird. Nein, Emma ist ein verstörter und eigenwilliger Mensch, der sich von anderen fernhält und dem man mangelnde Sozialkompetenz vorwirft. Männern gegenüber verhält sie sich abweisend. Kein Wunder, denn schließlich ist sie vor einigen Jahren vergewaltigt worden. Ihr Vergewaltiger hat mittlerweile seine Haftstrafe abgesessen und befindet sich wieder auf freiem Fuß. Scheinbar ist er geläutert und bereut seine Tat. Zumindest versucht er dies in einem Buch über seine Straftaten und sein Leben im Gefängnis glaubhaft zu machen. Der "ehemalige" Vergewaltiger hat Erfolg mit seinem Buch und präsentiert sich gern in der Öffentlichkeit. Ein Hohn für Emma, denn schließlich hat er sie zu der gestörten Persönlichkeit gemacht, die sie heute ist. Durch die Vergewaltigung hat sie ihre Unbeschwertheit verloren. Ihr Leben ist von Misstrauen gegenüber anderen geprägt. Umso quälender, dass ihr Peiniger wieder auf freiem Fuß ist und sich auch nicht scheut, den Kontakt zu ihr zu suchen.
Bildquelle: Janine / pixelio.de
"Endlich, endlich war sie draußen. Allein. Keiner kam ihr nach. Sie atmete tief durch. Zwei, drei Mal. Mehr wollte sie nicht. Draußen sein, an der frischen, verpesteten Berliner Luft. Ein kleiner, kalter, dreckiger, ungefährlicher Teil der Realität, der nicht ihr Feind war. Für den Rest war sie zu schwach." (S. 133 f.)
In dem Thriller sind 3 Handlungsstränge miteinander verwoben. Im Vordergrund steht die Aufklärung der Mordserie des "Mumienmörders", der seine Opfer in einen Kokon aus Panzertape wickelt und aufhängt. Begleitet wird dies von der Geschichte der Vergewaltigung von Emma und den psychischen Auswirkungen, die diese Tat auf sie hat, bis hin zum heutigen Konflikt mit ihrem Vergewaltiger. Zusätzlich wird der Leser noch Zeuge eines Konkurrenzkampfes, der zwischen Emma und einem Kollegen stattfindet. Beide interessieren sich für die Position der Abteilungsleitung der Fallanalyse, die in Kürze zur Verfügung steht, da die derzeitige Leiterin in Mutterschutz gehen wird. Dieser Konkurrenzkampf wird mit harten Bandagen ausgefochten. Insbesondere Emma's Gegner ist nicht zimperlich bei der Wahl seiner Waffen. Fairness wird bei diesem Kampf ausgelassen.

In den Rezensionen, die ich bisher zu diesem Buch gelesen habe, kam häufiger die Kritik auf, dass der Sprachstil von Ule Hansen sehr gewöhnungsbedürftig sei und sich negativ auf den Lesefluss auswirken würde. Das habe ich völlig anders empfunden. Sicher, der Sprachstil wirkt zerhackt, hauptsächlich hervorgerufen, durch kurze Sätze, Aneinanderreihung von Nebensätzen und Satzfragmenten. Aber man muss bedenken, dass die Geschichte aus der Perspektive von Emma geschrieben ist. Einem Menschen, der zutiefst verstört ist, und der unter den Nachwirkungen eines traumatischen Erlebnisses zu leiden hat. Sie steht unter permanentem seelischen Stress. Und dies spiegelt sich in dem besonderen Sprachstil von Ule Hansen wieder und gibt dem Charakter Emma ein hohes Maß an Authentizität.

Fazit:
Ein verstörender Thriller, bei dem die Spannung von Anfang an sehr hoch ist und sich auch noch zum Ende hin steigern kann. Der Leser tappt - genau wie das Ermittlerteam - lange Zeit im Dunkeln. Erst zum Schluss entwickelt sich ein Szenario, mit dem man nicht gerechnet hat und für das es auch während des Handlungsverlaufs so gut wie keine Hinweise gab. Das Buch fesselt von Anfang bis zum Ende, macht also genau das, was ich von einem guten Thriller erwarte. Daher: Klare Leseempfehlung!

© Renie


Neuntöter von Ule Hansen, erschienen im Heyne-Verlag
Erscheinungsdatum: 29. Februar 2016
ISBN: 978-3-453-43804-0



Wer ist Ule Hansen?
Ule Hansen ist das Pseudonym eines Berliner Autorenduos. Astrid Ule ist zudem Lektorin, Eric T. Hansen freier Journalist. Gemeinsam haben Sie bereits mehrere Dreh- und Sachbücher verfasst. Sie teilen eine Leidenschaft für nächtliche Gespräche bei gutem Whisky, exzentrische Halloweenpartys und ziellose Streifzüge durch die vergessenen Ecken der Stadt. NEUNTÖTER ist ihr erster Thriller. (Quelle: Heyne)

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