Samstag, 16. April 2016

Franziska Walther: Werther Reloaded (Graphic Novel)

Wie war das nochmal mit Goethes Werther? Also, Werther liebte Lotte - Lotte liebte Werther (oder auch nicht) - doch Lotte war einem anderen versprochen (Albert) - Werther litt wie ein Tier, konnte Lotte nicht umstimmen - einziger Ausweg: Selbstmord!
Liebhaber der klassischen Literatur mögen mir diese respektlose Kurzversion verzeihen - wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sich jemals ein Klassik-Leser auf meinen Blog verirren wird. Aber denjenigen, die sich an klassische Literatur nicht herantrauen oder immer noch mit den Nachwirkungen des Deutsch-Unterrichts in der Schule zu kämpfen haben, kann ich nur raten: Versucht es mal mit einer Graphic Novel! Und falls doch ein Fan klassischer Literatur hierher finden sollte.... Sieh mal an, was man aus einem Klassiker alles machen kann!

Franziska Walther geht alles andere als respektlos an Goethes "Die Leiden des jungen Werther" heran.
Sie versetzt ihren Protagonisten Werther in unsere Zeit. Da lebt er nun in New York, arbeitet in der Werbung und macht das, was ein Hipster so macht: Arbeit, Party, Sex, Drogen ... - alles im Überfluss, aber trotzdem nie genug. Ein Leben, das von Oberflächlichkeit geprägt ist und dem die Sinnhaftigkeit fehlt. Eine Auszeit wäre nicht schlecht. Er macht Urlaub auf dem Land, je mehr Ruhe und Natur desto besser. Hier lernt er Lotte kennen und verliebt sich in sie. Seine Gefühle werden erwidert, jedoch nicht in dem Maße, wie Werther es sich erhofft. Irgendwann offenbart sie ihm, dass sie bereits mit jemandem zusammen ist: Albert. Werther kommt mit der Situation nicht klar. Er kann nicht gegen seine Gefühle angehen und versucht, Lotte für sich zu gewinnen. Damit tut er sich jedoch keinen Gefallen. Sie weist ihn zurück. Werther kehrt zurück nach New York und fällt wieder in den alten Trott. Doch er schafft es einfach nicht, Lotte aus dem Kopf zu bekommen und verfällt in Depressionen ..... weiter erzähle ich nicht.




Am 21. November.
Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, daß sie ein Gift bereitet, das mich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust schlürfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gütige Blick, mit dem sie mich oft - oft? - nein, nicht oft, aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit, womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt, das Mitleiden mit meiner Duldung, das sich auf ihrer Stirne zeichnet?...
- aus Goethes "Die Leiden des jungen Werther"

Franziska Walther arbeitet in dieser Graphic Novel mit leuchtenden Farben: Blau- und Rottöne, Pistaziengrün sowie Rosa und Violett.
Violett ist dabei die dominierende Farbe, anfangs dosiert eingesetzt, nimmt sie im Verlauf der Geschichte immer mehr Raum ein. Welche Bedeutung hat die Farbe Violett eigentlich? Ich kann mich vage daran erinnern, dass sie von einigen Völkern als Farbe der Trauer angesehen wird. Im Internet gibt es seitenweise Abhandlungen über die Symbolik von Farben. Bei meiner Recherche bin ich dabei auf ein paar Begriffe gestoßen, die man allgemein mit der Farbe Violett verbindet:
Mystik, Magie, Über-Ich, Inspiration, Melancholie, Leid, Verzicht, Neigung zu Neurosen.
Ist das jetzt ein Zufall, dass im Verlauf der Geschichte, die Farbe Violett immer stärker vertreten ist? Zumindest demonstriert Franziska Walther damit eindrucksvoll das Gefühlsleben von Werther. Je tiefer er in seinem Kummer um die unerfüllte Liebe versinkt, je mehr Leid, Melancholie und Gefühlschaos er empfindet, desto mehr werden die Zeichnungen von der Farbe Violett dominiert.
Anfangs wirkt die Farbgebung grell und unruhig. Sie geben das hektische Leben Werthers in New York wieder. Im Verlauf der Geschichte erhalten die Bilder etwas Düsteres und Schwermütiges. Als Leser spürt man den Seelenschmerz von Werther, die Depression, mit der er zu kämpfen hat. Franziska Walter arbeitet auf einmal Schatten in ihre Bilder ein. Sind das etwa die Schatten die sich auf Werthers Seele legen?

Franziska Walther hat ihre Zeichnungen durch Auszüge aus Goethes Briefroman um den jungen Werther ergänzt. Anfangs ist dies gewöhnungsbedürftig. Der Kontrast zwischen modernem Bild und alter Sprache ist schon extrem. Aber je intensiver man sich mit Zeichnungen und Text beschäftigt, desto selbstverständlicher wird diese Kombination und man möchte sie am Ende nicht missen.

Werther Reloaded von Franziska Walther ist für mich ein Paradebeispiel, dass Klassische Literatur Spaß machen kann. Sie hat es geschafft, einem Briefroman, 1774 von Goethe verfasst, ein modernes Gewand zu verpassen. Dabei hat sie Goethes Plot aufgegriffen, modifiziert und auf unsere heutige Zeit angepasst. Franziska Walther beweist viel Feingefühl bei der Umsetzung. Durch die Aussagekraft ihrer Zeichnungen erzählt sie eine eigene Geschichte, liefert viele Parallelen zu Goethes Werther und hält somit immer eine Verbindung zu dem Ursprungswerk. Verstärkt wird dies noch durch die Textauszüge aus dem Originalwerk.
Und wer am Ende wissen will, wie es wirklich bei Goethes Werther zugegangen ist, der kann Goethes Briefroman, der im hinteren Teil dieses Buches abgedruckt ist, in seiner ganzen Herrlichkeit nachlesen.

© Renie

Werter Reloaded von Franziska Walther, erschienen im kunstanstifter verlag
Erscheinungstermin: 17. März 2016
ISBN 978-3-942795-37-1


Über Franziska Walther:
Franziska Walther, geboren 1980, ist eine Diplom-Designerin, Illustratorin und Architektin mit Sitz in Hamburg und Weimar. Unter dem Namen SEHEN IST GOLD® illustriert und gestaltet Franziska Bücher, Magazine, Broschüren und Buchumschläge für Verlage und Agenturen. Eine Leidenschaft für Bücher, Bild und Schrift sowie deren Symbiose zeichnet ihre Arbeit aus.

Franziska erhielt für ihre Arbeiten im Bereich Illustration und Buchgestaltung zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, unter anderem den Joseph-Binder-Award 2012 in Gold für das Buch »Peter Schlemihls wundersame Geschichte«.

Kommentare:

  1. Was mit dem Graphic Novel nicht alles so möglich ist. Das Spiel mit den Farben ist mir auch bei "Der Boxer" von Reinhard Kleist begegnet. Obwohl er dort nur mit Schwarz und Weiß gearbeitet hat. Aber je bedrohlicher es wurde, desto mehr Schwarz kam ins Spiel.

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    1. Ich bin auch völlig fasziniert, was man in einer Graphic Novel alles entdecken kann.

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  2. Google doch mal nach "Die neuen Leiden des jungen W." Von Ulrich Plenzdorf.

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    1. Oh, das haben wir früher mal im Deutschunterricht gelesen. Ich kann mich vage daran erinnern. Ich habe mir vorgenommen, es in den nächsten Wochen nochmal zu lesen.

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    2. War auch bei uns Schullektüre... :)

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  3. Schöne Rezension mit tollen Bildern. Wenn der stolze Preis nicht wäre, würde ich durchaus häufiger zu Graphic Novel Ausgaben greifen. Aber irgendwie empfinde ich es doch oft als 'Comic' im neuen Gewand, und deshalb zucke ich noch meistens zurück. Neugierig macht mich Deine Rezension natürlich schon!

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    1. Der Begriff " Comic" trifft es nicht ganz. Die Graphic Novels, die ich bisher gelesen habe, waren schon sehr besonders. Allein schon von der Verarbeitung und Gestaltung her, kann man hier von hoher (Buch-) Kunst reden. Es ist ein anderes Lesen. Man lässt sich viel Zeit, versinkt in den Bildern und ist überrascht, was es alles zu entdecken gibt. Ein Comic liest man einfach runter. Bei "meinen" bisherigen Graphic Novels ginge das nicht.

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  4. Verglichen mit dieser neuen Werther-Ausgabe ist ja sogar der Werther von Plenzdorf auch schon veraltet. :).

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    1. Da hast du völlig Recht ;-)

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    2. Plenzdorf: die "West-Schul-Rezeption" hätte mich schon mal interessiert.
      Chraphic Novels werden nicht nur klassischer, sie werden auch politischer. Ich habe inzwischen schon eine ganze Reihe solcher Bilderbücher mit wenig, verdammt kleingeschriebenem Text 😉

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