Donnerstag, 14. April 2016

Lasha Bugadze: Der Literaturexpress

Im Jahr 2000 gab es ein paneuropäisches Projekt namens "Literaturexpress 2000": Über 100 Autoren aus 43 europäischen Ländern, bestiegen in Lissabon den Literaturexpress und begaben sich auf eine Reise quer durch Europa. Über einen Zeitraum von 6 Wochen waren sie in besagtem Literaturexpress unterwegs, um Europa die Vielfalt der europäischen Literatur näher zu bringen. Während ihrer Stopps fanden Lesungen und Podiumsdiskussionen statt, bei denen die teilnehmenden Autoren die Gelegenheit hatten, ihre Werke dem geneigten Ohr der europäischen Leserschaft zu präsentieren.

Lasha Bugadze hat zu dieser spektakulären Literaturreise quer durch Europa einen Roman geschrieben, die - laut Klappentext - ein "paneuropäischer Irrsinn" war.

Im Mittelpunkt dieses Roman steht der 28-jährige Zaza, ein georgischer Autor, der bisher einen einzigen, leider wenig erfolgreichen Erzählband in seiner Heimat veröffentlicht hat. Er erhält die Einladung zur Teilnahme an dem Literaturexpress und fragt sich, warum man ausgerechnet auf ihn gekommen ist. Berechtigte Frage! Hat Georgien nichts Besseres zu bieten? Nun gut, zur georgischen Delegation gehört noch Zwiad. Aber der ist Lyriker. Und einen Lyriker mit einem Prosaisten zu vergleichen? Das ist, als ob man Äpfel mit Birnen vergleicht. Warum also Zaza? Leider erhält Zaza keine Antwort auf diese Frage, die er sich so häufig in diesem Roman stellen wird.
"Es ist schrecklich, als georgischer Schriftsteller geboren zu werden! Niemand interessiert sich für dich, du aber, durch diese Scheißegal-Haltung deiner Mitbürger bedrückt, schreibst trotzdem weiter ... Wobei es immer noch besser ist, Lyriker zu sein als Prosaist. Als Lyriker kannst du dich in deinem Hotelzimmer einsperren, dich besaufen, die anderen angiften, und später, wenn du Glück hast, schreibst du ein paar wutentbrannte Strophen runter. Und ich? Was zum Geier soll ich machen? Mit dem Trinken habe ich aufgehört, und Gedichte schreiben kann ich auch nicht." (S. 134 f.)
Zaza steckt voller Selbstzweifel. Während der Reise vergleicht er sich mit den anderen Schriftstellern. Er beobachtet und wundert sich. Die europäischen Kollegen stecken voller Ehrgeiz, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Eindrücke dieser Reise in möglichst geniale schriftstellerische Ergüsse einfließen zu lassen.
Zaza kann deren Ehrgeiz und Elan nicht teilen. Fehlt ihm das Schriftsteller-Gen, das ihn dazu bringt aus einer Idee eine Geschichte entwickeln zu können? Und so verbringt er seine Zeit in dem Literaturexpress mit Nachdenken. Dabei versucht er, möglichst unauffällig zu bleiben - bloß nicht auffallen, und beim nächsten Halt noch eine Lesung durchführen müssen!

Im Klappentext dieses Romans wird folgende Frage gestellt:
"Was passiert, wenn man hundert Schriftsteller in einen Zug steckt und quer durch Europa schickt?"
Eine Frage, die große Erwartungen beim Leser schürt! Hundert unterschiedliche, (hoffentlich) exzentrische Charaktere, die aufeinander prallen und über etliche Wochen miteinander klar kommen müssen. Das schreit doch nach einem Festival der Eitelkeiten! Aber das bietet dieses Buch leider nicht. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Teilnehmergruppe fast ausschließlich aus osteuropäischen Autoren besteht. Zwischendurch taucht mal ein Westeuropäer auf, der aber keinen Einfluss auf die Handlung hat und auch keinen bleibenden Eindruck beim Leser hinterlässt. Die Osteuropäer scheinen unter sich zu bleiben. Hier hätte ich mir doch mehr Konfliktpotenzial beim Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Mentalitäten erhofft. Zudem findet generell wenig Interaktion zwischen den Autoren statt. Insofern ist die Frage aus dem Klappentext ein wenig irreführend.
"Ich war mir sicher, dass alle ihre jeweiligen gegenwärtigen Eindrücke beschreiben und ihre romantisch-professionellen Seelenzustände schriftstellerisch, lyrisch oder was weiß ich noch wie festhalten wollten. Vor meinen Augen entstand bereits ein Riesenberg an literarischem Schund - der reinste Literaturersatz ohne jede Bedeutung! Ja, niemand hätte mich davon überzeugen können, dass genau jetzt, wenige Augenblicke nachdem sich unser Zug in Gang gesetzt hatte, auch nur einer imstande war, etwas literarisch Wertvolles und Interessantes zustande zu bringen. Alles nur Schwindler, weiter nichts!" (S. 48)
Bei diesem Roman bekommt man es also nicht mit einem Kulturkampf zu tun. Stattdessen präsentiert Lasha Bugadze eine Satire auf osteuropäische Schriftsteller. Dabei bedient er sämtliche Klischees, angefangen bei der Trinkfestigkeit, dem ungehobelten Benehmen und dem Ehrgeiz, in den Texten eine politische Botschaft zu verpacken und ihnen somit einen pseudo-intellektuellen Anstrich zu verpassen. Bugadze verwendet dabei einen Sprachstil, der mich überrascht hat. Mit osteuropäischer Literatur verbinde ich eine schwermütige, ein wenig düstere Sprache. Nicht so bei Bugadze. Er ist witzig, vermittelt die Geschehnisse während der Reise in einem sehr lockeren Stil, der an manchen Stellen fast schon eine heitere Stimmung produziert. Eine Stimmung, die einen stellenweise an die Ausgelassenheit einer Oberstufenklasse bei einem Schulausflug erinnert.
"Oder interessiert sich der New Yorker ausschließlich für Bulgarien? Wie soll ein Autor erraten, welche Region zum Beispiel im kommenden Jahr dran sein wird? Wo etwa ist der nächste Krieg geplant? Wo werden als Nächstes die Köpfe von Entführungsopfern rollen? Man sollte Ausschreibungen machen wie: 'Im Jahre 2030 werden Romane gefragt sein, die sich mit der UN beschäftigen!'" (S. 198)
Neben der Satire präsentiert Bugadze dem Leser noch eine  Liebesgeschichte, die doch gewisse Parallelen zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther" aufweist. Also er (Zaza) verliebt sich in sie (Helena), sie erwidert seine Liebe .... oder auch nicht ... blöderweise ist sie jemand anderem versprochen (bei Bugadze ist sie schon verheiratet)... zurück bleibt der unglücklich Verliebte, der sich bei Goethe das Leben nimmt, bei Bugadze aber nicht. Unglücklich ist Zaza trotzdem. Während der Zugfahrt schmachtet er Helena an, sucht ständig ihre Nähe und gewährt dem Leser einen tiefen Einblick in seine von Liebeskummer durchtränkte Seele. Die Gedanken, welche sich um seine Angebetete drehen, haben streckenweise spätpubertierende Ausmaße. Das kann für den Leser nervig werden, kann aber auch amüsant sein, vermutlich je nach Altersklasse des Lesers.

Fazit:
Mich konnte dieser Roman leider nicht überzeugen. Aufgrund des Klappentextes hatte ich auf eine Satire gehofft, die sich auf Eitelkeiten, Neid und Missgunst unter Autoren konzentriert. Ich habe auf Streitereien und Zickereien gehofft. Doch aufgrund der fehlenden Interaktion der Autoren, blieben die erhofften Reibereien zwischen unterschiedlichen Mentalitäten aus. Stattdessen bekam ich einen Einblick in die osteuropäische Schriftstellerseele.
Hinzu kommt, dass die Handlung mich nicht mitreißen konnte. Stetiges Dahinplätschern ist auf Dauer langweilig. Ein paar unvorhersehbare Wendungen hätten dem Spannungsbogen sicherlich gut getan.
Positiv hervorheben möchte ich den Sprachstil von Bugadze. Seine Leichtigkeit und Ironie entschädigen den Leser um einiges in diesem Buch. Auf alle Fälle hat Bugadze mit seinem Sprachstil bewiesen, dass man ihn als Schriftsteller durchaus auf dem Leseradar behalten sollte.

© Renie

Der Literaturexpress von Lasha Bugadze, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum: 1. März 2016
ISBN: 978-3-627-00223-7

Über den Autor:
Lasha Bugadze, geboren 1977 in Tbilissi, zählt zu den meistgelesenen Autoren Georgiens. Seine Romane und Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der International Radio Playwriting Competition der BBC. Lasha Bugadze lebt in Tbilissi und ist bekannt für seine Literatursendungen in Radio und Fernsehen.




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