Sonntag, 20. November 2016

Ian McEwan: Nussschale

Als ich das erste Mal hörte, worum es in dem aktuellen Roman von Ian McEwan geht, hatte ich doch erhebliche Zweifel, ob dieses Buch etwas für mich ist. Dafür hörte sich die Story, die hier erzählt wird, einfach zu merkwürdig an: ein ungeborenes Kind erzählt aus dem Mutterbauch heraus, wie seine Mutter und ihr Liebhaber den Vater beseitigen wollen. Wie kann solch eine schräge Geschichte funktionieren? Aber McEwan macht es möglich. Die Geschichte funktioniert sogar erstaunlich gut, was nicht nur an dem herausragenden Sprachstil des Autors liegt.
Quelle: Diogenes
Worum geht es in diesem Roman?
Wie bereits erwähnt planen die hochschwangere Trudy und Claude den Tod von Trudies Mann John. Belauscht werden sie dabei von dem Kind im Mutterbauch. In seiner mittlerweile doch sehr engen Behausung bekommt es Trudies und Claudes Pläne zur Beseitigung Johns im Detail mit. Vom Beginn seiner Entwicklung an, nimmt es sämtliche Geräusche wahr. Angefangen beim Herzschlag der Mutter, aus dem das Kind ihre jeweilige Stimmungslage interpretieren kann, Radio- und Fernsehsendungen, die zur Gestaltung seines Weltbildes beitragen, bis hin zu den Gesprächen zwischen Trudy, Claude und John. Man wundert sich, wieviel Lebensweisheit und Philosophie sich innerhalb kürzester Zeit anhand von Radio- und Fernsehprogrammen in einem Menschlein heranbilden kann.
Der Roman ist natürlich aus der Sicht des Ungeborenen geschrieben, das streckenweise über den Sinn seines anstehenden Lebens philosophiert. Das mag an manchen Stellen zu viel des Guten sein. Doch in weiten Teilen lässt man sich von dem Gedankenspiel des Kindes mitreißen. Erstaunlicherweise erscheint das Ungeborene in seinen Ansichten und seiner Sprachkompetenz fähiger und erfahrener zu sein als die Erwachsenen.
"Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter. Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt (die mag sie am liebsten) oder ein Sancerre (mag sie ebenfalls)." (S. 17)
Die Welt, in die das Kind hineingeboren werden soll, ist nicht sehr ansprechend. Das Haus ist verkommen und Trudy ist eine Schlampe, die sich nicht daran stört, in Müll und Chaos zu leben. Schwangerschaft hin oder her, sie genehmigt sich gern ein paar Gläschen Wein. Claude steht ihr darin in nichts nach.
Das Kind verabscheut Claude, den Liebhaber seiner Mutter - nicht nur, weil es das Liebesspiel von Trudy und Claude notgedrungen ertragen muss (in Mutters Bauch ist es eng geworden ;-)), sondern auch, weil Claude nicht besonders helle ist und das Risiko besteht, dass dieser nach Johns Ableben die Rolle des Stiefvaters einnehmen wird. Mit der Mutter verbindet das Kind eine Zweckbeziehung. Einerseits kann es ihr Vorhaben, seinen Vater umzubringen, nicht tolerieren. Andererseits ist es ihr ausgeliefert. Sie hält es am Leben und ist der einzige Mensch, der für es da ist - wenn auch gezwungenermaßen. Es liebt seine Mutter. Wen soll es auch sonst lieben?
So verbringt das Kind die letzten Tage der Schwangerschaft im Mutterbauch und sinniert darüber, was ihm die Zukunft bringt und ob sein Leben überhaupt lebenswert sein wird.
"Könnte meine Mutter, die noch nie eine feste Stelle hatte, es als Mörderin zu etwas bringen? Ein harter Job, nicht bloß in der Planung und Durchführung, sondern auch hinterher, wenn die Karriere eigentlich beginnt. Denk doch, möchte ich ihr zurufen, wenn schon nicht an die Moral, dann an die Unannehmlichkeiten: Gefängnis oder Schuldgefühle, möglicherweise auch beides. Überstunden, Wochenend-, Nachtschichten, dein Leben lang. Keine Bezahlung, keine Vergünstigungen, keine Rente, nur Reue. Sie macht einen Riesenfehler." (S. 117)
Als Leser erlebt man die Vorbereitung auf das Verbrechen als stiller Zuhörer durch die Ohren des Ungeborenen. Da bleibt viel Raum für Spekulationen, denn schließlich können Ohren trügen. Die Spekulationen ziehen sich durch den kompletten Roman. Machen Trudy und Claude tatsächlich von ihrem Plan Gebrauch? Kommen Sie damit durch? Wie gut ist der Plan? Werden die beiden zur Rechenschaft gezogen? Ian McEwan hat es verstanden, ein geschicktes Verwirrspiel zu inszenieren, so dass man als Leser bis zum Schluss mit allem rechnet. Dabei brilliert er mit seiner unvergleichlichen Sprache. Er fabuliert nach Herzenslust, immer mit viel trockenem Humor und Sarkasmus. Er lässt kaum ein gutes Haar an seinen erwachsenen Charakteren. Einzig das ungeborene Kind kommt in seiner Hilflosigkeit und seinem Ausgeliefertsein gut weg.
"Kein Kind, erst recht kein Fötus, hat je die Kunst des Smalltalks gemeistert, würde es auch nie wollen. Smalltalk ist was für Erwachsene, ein Pakt mit Falschheit und Langeweile." (S. 94)

Fazit:
Als Leser muss man sich auf die ungewöhnliche Erzählperspektive dieses Romanes einlassen. Es gibt Momente, in denen man sich wundert, wie das Ungeborene manche Dinge außerhalb des Mutterbauches wahrnehmen kann. Man sollte dieses Szenario jedoch nicht in Frage stellen, sondern einfach als gegeben hinnehmen. Denn erst dann wird man richtig Spaß an diesem besonders humorvollen und spannenden Roman haben.

Ich schätze den besonderen Sprachstil von Ian McEwan und habe daher schon einige Bücher von ihm gelesen. Ich habe ihn jedoch noch nie als komischen Schriftsteller wahrgenommen. Doch genauso präsentiert er sich mit diesem Roman und es steht ihm richtig gut. Sein brillanter Sprachstil wird ergänzt durch einen trockenen Humor, der diesen Roman zu einem echten Lesehighlight machen.

© Renie

ISBN: 978-3-257-06982-2


Über den Autor:
Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für ›Amsterdam‹ den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Sein Roman ›Abbitte‹ wurde zum Weltbestseller und mit Keira Knightley verfilmt. Er ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. (Quelle: Diogenes)

Kommentare:

  1. McEwan schreibt wohl immer ungewöhnlichere Romane.
    Ich denke, ohne den Roman gelesen zu haben, dass das Baby schon deswegen erwachsen "denken und sprechen" muss, weil sonst die Sprachmöglichkeiten nicht ausreichen würden.

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    1. Da hast du natürlich Recht. Liebe Grüße, Renie

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