Donnerstag, 17. November 2016

Lars Winter: Mondblond

Alles, was man für einen Krimi braucht, ist ein guter Anfang und ein Telefonbuch, damit die Namen stimmen.  
George Simenon, Schriftsteller
Als ob es so einfach wäre, einen Krimi zu schreiben. Und Krimi ist nicht gleich Krimi. Und wie wird aus einem Krimi ein guter Krimi? 
Der Autor Lars Winter hat es nicht bei einem gutem Anfang bewenden lassen. (Den Gebrauch des Telefonbuches möchte ich ihm gar nicht erst unterstellen ;-)) 
Er hat sehr viel Erfindungsgeist bei der Wahl seiner Tricks und Kniffe bewiesen, um aus seinem Buch Mondblond einen richtig guten und unterhaltsamen Krimi zu machen.

Mondblond ist der Einstieg in die Krimiserie um den Künstler im Polizeidienst Ulf Norden und dem weltlichen Pfarrer Klinger. Mittlerweile gibt es bereits zwei Nachfolgebände.

Worum geht es in "Mondblond"?
Nur wenige Stunden nach der Beerdigung des Architekten Arthur Norden findet man die Leiche einer jungen Frau. Wer war die geheimnisvolle Schöne mit dem mondblonden Haar, die keiner der Trauergäste zu kennen scheint? Wenige Tage später wird auf dem Pfarrhausgelände die Gemeindesekretärin ermordet. Zusammen mit dem außergewöhnlich weltlichen Pfarrer Klinger macht sich Ulf Norden, Künstler und Dozent an einer KLA-Akademie, auf die Suche nach den Zusammenhängen und dem dunklen Geheimnis, das beide Fälle miteinander verbindet. ... (Quelle: Wind und Sterne)

Da es nichts Schlimmeres gibt, als den Krimileser um Überraschungsmomente zu bringen, möchte ich es bei der Buchbeschreibung des Verlages belassen. Nur soviel: Im Verlauf der Handlung werden einige fantasievolle und farbenfrohe Morde stattfinden. Auch wenn sich die Opfer scheinbar nicht gekannt haben, muss es eine Verbindung geben. Es kristallisieren sich familiäre Verflechtungen heraus, die Ulf Norden dazu bewegen, Nachforschungen anzustellen, die ihn bis nach Sizilien und zurück in die Vergangenheit seines Vaters führen. Er findet dabei Unterstützung in Pfarrer Klinger. Hier scheint sich eine innige Männerfreundschaft zu entwickeln.
"Eigentlich mochte er lieber die sanfteren Seiten des Lebens. Er fand warmherzige Frauen sympathischer als dominante, zog jedes Klavierstück einem Rockkonzert vor und er trank viel lieber Rotwein statt Whisky. Aber gestern Abend musste es Whisky sein. ... Ebenso wenig wie es eine Alternative zu Leonard-Cohen-Musik und einem Bukowski-Buch gegeben hatte. Genau das brauchte er, wenn er wieder einmal meinte, die Menschheit wäre vor lauter Dummheit kurz davor, selbst den Schalter umzulegen." (S. 131)
Norden und Klinger bilden ein ungewöhnliches Gespann. Norden ist Dozent an der LKA Akademie in Hannover und unterstützt die dortige Kriminalpolizei bei ihrer Arbeit. Doch seine Leidenschaft gilt der Malerei, in der er großes Talent beweist. Seine künstlerischen Fähigkeiten helfen ihm bei seiner Arbeit. Wo sich andere Notizen machen, fertigt er Skizzen an, die ihm helfen, seine Gedanken zu sortieren. Liiert ist er mit Cecilia. Doch die Beziehung ist nicht einfach. Cecilia ist eine launische Frau, die ihm das Leben vermiesen kann. Trotzdem die beiden versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten, wird man den Eindruck nicht los, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die beiden getrennte Wege gehen.

Pfarrer Klinger ist ein unkonventioneller Geistlicher. Er ist – Familie sei Dank – stinkreich und von den schönen Dingen des Lebens angetan. Maserati, Kunstbesitz, teure Weine, gutes Essen - Klinger versteht es zu leben. Er beteiligt sich sehr engagiert am Gemeindeleben und scheint sein Leben als Luxus-Pfarrer zu genießen. Es sei ihm gegönnt, zumal sein Reichtum sich nicht negativ auf seine Bodenständigkeit und Menschenfreundlichkeit ausgewirkt hat.

Norden und Klinger gehen sehr ungezwungen miteinander um. Die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach. Ihre Gespräche sind sehr erfrischend und kurzweilig. Der entspannte Umgangston, den die beiden pflegen und das ungezwungene Miteinander haben einen sehr hohen Unterhaltungswert.
"Wortfetzen schossen ihm durch den Kopf, jeder für sich bedeutungslos, aber richtig zusammengesetzt ergaben sie ein Bild - das Bild eines Mörders und seines Motivs. Die Villa Giardino, die Weißen Spiegel, ein Testament, ein Kruzifix, der Familiensinn von Hamstern, SMS-Nachrichten von Toten. So viele Hinweise und so viele Mosaiksteine. Er musste sie nur zusammensetzen und endlich die richtige Vorlage finden." (S. 264)
Der Krimi zeichnet sich durch sehr viel Fantasie des Autors aus. Zum Einen hat sich Lars Winter bei der Wahl der Tötungsmethoden als sehr erfinderisch erwiesen. Man wundert sich, welch skurrile Möglichkeiten es gibt, einen Menschen umzubringen. Zum Anderen nimmt die Handlung die unterschiedlichsten Wendungen und Verwicklungen an, die nicht vorhersehbar sind. Ich habe tatsächlich bis zum Schluss keinen Verdacht gehabt, wer für die Morde verantwortlich ist. Dadurch ist Spannung vom Anfang bis zum Ende garantiert.

Lars Winters Fantasie macht auch vor seinem Sprachstil nicht halt. Er scheint ein großer Freund ungewöhnlicher Metaphern zu sein. Normalerweise genieße ich eine bildhafte Sprache. Doch hier war es mir anfangs zu viel. Die Wortkreationen sind doch teilweise sehr gewöhnungsbedürftig. Hier ist ein Beispiel:
"Während sich die Sonne rot wie ein angeschossener Wal am Horizont ausblutete, kroch auf der anderen Seite des Himmels der frühe Mond über die Hügel." (S. 19)
Der Sprachstil ändert sich jedoch im Verlauf der Handlung. Metaphern tauchen nicht mehr in der Häufigkeit auf wie am Anfang des Buches. (Vielleicht habe ich mich zum Ende hin aber auch an diesen Sprachstil gewöhnt und die Vergleiche einfach nicht mehr wahrgenommen.)

Eine Besonderheit möchte ich noch hervorheben. Das Buch ist mit Illustrationen von Ralf Schlüter versehen. Diese sind perfekt auf die Handlung abgestimmt und begleiten die Geschichte mit einer eindringlichen Dramatik. Zieht man in Betracht, dass der Protagonist Norden seine Überlegungen zu den Mordfällen in Skizzen festgehalten hat, will man gerne glauben, dass Ralf Schlüters Illustrationen diejenigen von Norden sein könnten.

Fazit:
Sieht man über die Kleinigkeit der "besonderen" Metaphern hinweg, hat man es mit einem sehr unterhaltsamen Krimi zu tun, der sich durch Fantasie und einem gelungenen Aufbau auszeichnet. Durch seine dramatischen Illustrationen erhält der Leser noch etwas für das Auge. Mit Ulf Norden und Pfarrer Klinger hat Lars Winter zwei Figuren geschaffen, die wundervoll miteinander harmonieren und durchaus Lust auf weitere Romane aus dieser Krimiserie machen.

© Renie




Über den Autor:
1958 in Kassel geboren, kam über Henry Slezar, Cornell Woolrich und Agatha Christie früh mit Kriminalgeschichten in Berührung. Er schreibt und veröffentlicht unter dem Pseudonym Lars Winter Kriminalromane, Kurzgeschichten, Kinder- und Jugendbücher und betextet deutschsprachige Rock- und Popmusik. Er hat in den wilden Siebzigern Lyrik geschrieben, erotische Kurzgeschichten verfasst und versucht mit allen Sinnen ein Thema zu erfassen. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in einer alten Villa in Deutschlands Provence. (Quelle: Wind und Sterne)




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