Mittwoch, 30. März 2016

Jonathan Franzen: Unschuld

Jonathan Franzen - "ein literarisches Genie", "einer der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit", "ein stilistischer Meister", "brillanter Anwalt des modernen realistischen Erzählens" ...... die Liste der Lobpreisungen ließe sich wahrscheinlich endlos fortführen. Wenn ein Autor mit derartigem Lob überschüttet wird, ist die Erwartungshaltung des Lesers natürlich unglaublich hoch. Es ist schon einige Jährchen her, dass ich Franzen's Korrekturen gelesen habe - ein Roman, dessen Lektüre ich sehr genossen habe, und der mir durchweg positiv in Erinnerung geblieben ist. Insofern konnte sein aktueller Roman "Unschuld" nur gut sein - dachte ich zumindest ..... 




So beschreibt der Verlag diesen Roman:

Die junge Pip Tyler weiß nicht, wer ihr Vater ist. Das ist keineswegs ihr einziges Problem: Sie hat Studienschulden, ihr Bürojob in Oakland ist eine Sackgasse, sie liebt einen verheirateten Mann, und ihre Mutter erdrückt sie mit Liebe und Geheimniskrämerei. Pip weiß weder, wo und wann sie geboren wurde, noch kennt sie den wirklichen Namen und Geburtstag ihrer Mutter. Als ihr eines Tages eine Deutsche beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf ein Praktikum anbietet, hofft sie, dass der ihr mit seinem Internet-Journalismus bei der Vatersuche helfen kann. Sie stellt ihre Mutter vor die Wahl: Entweder sie lüftet das Geheimnis ihrer Herkunft, oder Pip macht sich auf nach Bolivien, wo Andreas Wolf im Schutz einer paradiesischen Bergwelt sein Enthüllungswerk vollbringt. Und wenig später bricht sie auf. 


«Unschuld», eine tiefschwarze Komödie über jugendlichen Idealismus, maßlose Treue und den Kampf zwischen den Geschlechtern, handelt von Schuld in den unterschiedlichsten Facetten: Andreas Wolf, in Ost-Berlin als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs geboren, hat aus Liebe zu einer Frau vor Jahren ein Verbrechen begangen; ein Amerikaner, dem er in den Wirren des Berliner Mauerfalls begegnet, hat den Kinderwunsch seiner Frau nicht erfüllt und sie dann verlassen; dessen neue Lebensgefährtin kann ihrem Ehemann, der im Rollstuhl sitzt, nicht den Rücken kehren und pflegt ihn weiter ... In diesem fulminanten amerikanisch-deutschen Gesellschaftsroman eines der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit überschlagen sich die Ereignisse. Und bannen den Leser bis zum Schluss. (Quelle: Rowohlt)


Wenn ich eine Buchbesprechung vorbereite, mache ich mir eine Liste über positive und negative Dinge des Buches, das ich gelesen habe. Bei Franzen's "Unschuld" musste ich feststellen, dass ich nur einen einzigen Punkt auf der "Haben-Seite" aufgeführt hatte: seinen Sprachstil!

Es stimmt, Franzen ist ein großartiger Schreiberling. Er geniesst es, mit der Sprache zu spielen - das merkt man zumindest seiner schwelgerischen Erzählweise an. Seine Sätze sind von Doppeldeutigkeiten gespickt, was sehr unterhaltsam sein kann, aber auch anstrengend, da man sehr aufmerksam lesen muss. Wird man als Leser unachtsam, hat man den Gedankenfaden, den Franzen gerade gesponnen hat verloren und muss Textpassagen mehrfach lesen.

"Wenn seine Gewissensbisse trotzdem einen deutlichen Bodensatz der Krankhaftigkeit offenbarten - denn was bedeutete dieser Drang, mit Mädchen auf Mädchen das ewig gleiche Muster zu wiederholen, warum bekam er es nicht nur nie satt, sondern schien es sogar immer stärker zu wollen, ja warum war er mit dem Mund lieber zwischen Beinen als in der Nähe eines Gesichts -, schrieb er es der Krankhaftigkeit des Landes zu, in dem er lebte." (S. 119)

Womit wir uns geradewegs zur Soll-Seite bewegen: Wenn ich alle Dinge, die mir an diesem Roman Probleme bereitet habe, zusammenfassen sollte, fiele mir nur ein Ausdruck ein: Des Guten zuviel!


Um beim Sprachstil zu bleiben: Franzen hat wie bereits erwähnt, Spaß daran, mit der Sprache zu spielen. Aber er verliert sich auch oft in seinen Satzkonstruktionen. Sein Erzählstil wird stellenweise sehr ausschweifend, was den Lesefluss zäh werden lässt und irgendwann bei einem 800-Seiten-Roman sehr ermüdend sein kann.
"Aber schon in den Tagen der Datenaustauschprotokolle und alternativen Nachrichtenforen gab es eine Ahnung von der unermesslichen Dimension, die das gereifte Internet und die daraus hervorgegangenen sozialen Netzwerke einmal kennzeichnen würde; in den hochgeladenen Bildern von jemandes nackt auf dem Klo sitzender Ehefrau, der charakteristischen Auslöschung des Unterschieds zwischen öffentlich und privat; in der aberwitzigen Menge nackt auf dem Klo sitzender Ehefrauen in Mannheim, Lübeck, Rotterdam, Tampa, einem Vorgeschmack auf die Auflösung des Individuums in der Masse. Das Gehirn maschinell auf Rückkoppelungsschleifen reduziert, die private Persönlichkeit auf eine öffentliche Verallgemeinerung: Da hätte man genauso gut schon tot sein können." (S. 688)
Sein Roman ist mit Themen überfrachtet, die jedes für sich für ein Buch reichen würden. Franzen konfrontiert den Leser jedoch mit einem Themengemisch, das ihn abstumpfen lässt. Er kommt nicht zum Leser durch. Man registriert nur, setzt sich jedoch gedanklich nicht mit den Themen auseinander. Hier ist ein kleiner Überblick aus Franzen's Themenpotpourri: DDR, Faschismus, Internet, Hacker-Szene, Mord, Feminismus, Hausbesetzer-Szene, Geschlechterkampf...



Fazit:
Ich habe irgendwo gelesen, dass sich bei Franzen die Geister scheiden. Entweder liebt man ihn, oder man hasst ihn. Soweit würde ich nicht gehen. Er ist unbestreitbar ein großer Schriftsteller unserer Zeit. Aber mit "Unschuld" hat er sich vergalloppiert. Auf mich wirkt es, als ob er mit diesem Roman einfach zuviel wollte - sowohl sprachlich als auch thematisch. Auch, wenn dieser Roman eine Enttäuschung für mich war, bin ich auf weitere Werke von Franzen gespannt. Denn ich weiß, dass Franzen es besser kann!

© Renie

Unschuld von Jonathan Franzen, erschienen im Rowohlt Verlag (September 2015)
ISBN: 978-3-498-02137-5


Über den Autor:

Jonathan Franzen, 1959 geboren, erhielt für seinen Weltbestseller «Die Korrekturen» 2001 den National Book Award. Er veröffentlichte außerdem die Romane «Die 27ste Stadt», «Schweres Beben» und «Freiheit», das autobiographische Buch „Die Unruhezone“, die Essaysammlungen «Anleitung zum Alleinsein» und «Weiter weg» sowie „Das Kraus-Projekt“. Er ist Mitglied der amerikanischen Academy of Arts and Letters, der Berliner Akademie der Künste und des französischen Ordre des Arts et des Lettres. 2013 wurde ihm für sein Gesamtwerk der WELT-Literaturpreis verliehen.
Er lebt in New York und Santa Cruz, Kalifornien. (Quelle: Rowohlt Verlag)

Kommentare:

  1. Du hattest es ja schon vorab angedeutet, dass dich dieser Roman nicht vom Stuhl gehauen hat, aber das Zitat von Seite 688 hat mich nun dazu bewogen, das Buch nicht zu lesen. Danke für deine Darstellung!
    Liebe Grüße
    Ina

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    1. Aber immer wieder gern, liebe Ina ;-)

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  2. Nun ja, ich schließe mich Ina an. Auch ich fühle mich nicht mehr von dem Buch angezogen. Wirklich stark, wie geduldig du geblieben bist, liebe Renie. Diese Überfrachtung an Themen, was ein Buch so anstrengend werden läßt, spiegelt sich in deiner Rezi wieder. Dieses Schwere kommt gut rüber. Danke dir für die Mühe, uns daran teilhaben zu lassen.

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  3. Ich kann mich Mirellas Aussage nur anschließen - es wird wirklich deutlich, was Dich an dem Roman gestört hat. Und ich bin froh, dieses Buch nicht hier liegen zu haben. Mein erstes Buch von Franzen wird ein anderes sein, und ich hoffe, dass die geschilderten Mankos da ausbleiben!

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  4. Wie gesagt, Franzen kann das besser und ist - mal abgesehen von diesem Buch - lesenswert!

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