Donnerstag, 10. März 2016

Evgenij Vodolazkin: Laurus

Evgenij Vodolazkin hat mit "Laurus" einen ungewöhnlichen Roman geschrieben, der phantasievoll ist, mit den Träumen und Visionen der Protagonisten spielt und den Leser manchmal mit seinen spirituellen Ansätzen überfordert.

Quelle: Dörlemann

Worum geht es in diesem Roman?
Der Tod seiner großen Liebe, die er nicht zu retten vermag, treibt einen jungen kräuterkundigen Heiler fort aus seinem Dorf, um Vergessen und Vergebung zu finden. Auf seiner Wanderung durch das pestverseuchte Europa des 15. Jahrhunderts bietet er seine Heilkünste an, wo immer sie gebraucht werden. Auf seiner Reise durch Welten und Zeiten begleiten ihn die unterschiedlichsten Weggefährten, und er muss zahlreiche Gefahren bestehen.
(Klappentext)


Im Mittelpunkt dieses Romanes steht Arseni, der später den Namen Ustine annehmen und sein Leben als Laurus beenden wird.
Arseni wächst zunächst bei seinem Großvater auf, der selbst ein Heiler ist. Der Großvater weiht Arseni in die Geheimnisse der Heilkunst ein und vermittelt ihm sein komplettes Wissen. Als der Großvater stirbt, übernimmt Arseni seine Patienten. Die Leute kommen teilweise von weit her, denn seine Erfolge als Heiler haben sich bereits  herumgesprochen. Eines Tages taucht Ustina bei ihm auf. Sie wird zur Liebe seines Lebens.
"Arseni dachte nicht an Ustina allein. Er vertiefte sich nach und nach in eine ganz eigene, vollkommene Welt, die aus Ustina und ihm bestand. In dieser Welt war er Ustinas Vater und ihr Sohn. Er war ihr Freund, ihr Bruder, vor allem aber ihr Mann. Dadurch, dass Ustina Waise war, blieben all diese Funktionen unbesetzt. Er erfüllte sie. Und da er selbst ebenso Waise war, ergaben sich dieselben Pflichten auch für Ustina. Der Kreis schloss sich: Sie wurden alles füreinander. Die Vollkommenheit dieses Kreises machte die Anwesenheit von Dritten für Arseni unmöglich. Sie waren zwei Hälften eines Ganzen, und alles, was darüber hinausging, schien ihm nicht nur überflüssig, sondern unzulässig. " (S. 74)
Ustina wird schwanger und stirbt bei der Geburt - genau wie ihr gemeinsamer Sohn. Arseni zerbricht fast an diesem Schicksalsschlag, zumal er sich die Schuld an Ustinas Tod gibt. Er verlässt das Dorf, in dem er sein bisheriges Leben verbracht hat und reist durch das Land, immer auf der Suche nach Kranken und Menschen, die seine Hilfe benötigen. Denn dies ist die Buße, die er sich auferlegt hat. Die Leiden anderer zu heilen, um der Seele Ustinas Absolution zu ermöglichen, die ihr bisher verwehrt war, da sie vor ihrem Tod nicht beichten konnte.

Die Pest wütet in dem Land. Arseni mangelt es nicht an Möglichkeiten, seine Heilkünste unter Beweis zu stellen. Irgendwann entschließt sich Arseni, nach Jerusalem zu pilgern. 
Sein Weg ins Heilige Land führt ihn quer durch Europa. Und egal, wo er hinkommt, überall sind seine Heilkräfte gefragt.
Nach seiner Rückkehr und Jahren der Aufopferung geht er als Mönch in ein Kloster. Seine letzten Lebensjahre verbringt er als Einsiedler ... und immer noch kommen die Leidenden zu ihm, um von ihm geheilt zu werden.
"Mein Freund, eine Begegnung ist immer mehr als ein Abschied. Vor der Begegnung war Leere, Nichts, nach dem Abschied aber bleibt keine Leere. Wenn man sich erst einmal begegnet ist, trennt man sich nie wieder ganz. Der andere bleibt einem im Gedächtnis, er wird ein Teil davon. Dieser Teil, den der andere geschaffen hat, lebt weiter in uns, und gelegentlich nimmt er Kontakt mit seinem Schöpfer auf. Wie anders ließe sich erklären, dass wir Menschen, die uns am Herzen liegen, auch aus der Ferne spüren?" (S. 296)

Evgenij Vodolaz verlangt dem Leser mit diesem Roman einiges ab. Anfangs erinnert das Buch an einen Historienroman. Hier wird über einen Heiler aus dem späten Mittelalter berichtet, der während seines Lebens viele aufregende und ungewöhnliche Abenteuer zu bestehen hat. Doch spätestens mit dem Tod von Arsenis Lebensgefährtin wird man auf einmal mit Inhalten konfrontiert, die fernab von jeglicher Realität sind und auf die man sich als Leser einlassen muss. Ein Gemisch aus Visionen, Träumen und Erinnerungen, zusammengehalten von einem Handlungsfaden, an dem man sich als Leser klammert, weil man sich sonst in diesem Buch verliert. Es ist schwierig die Übersicht zu behalten, Realität von Vision zu unterscheiden. Und doch gelingt es Vodolaz den Leser immer wieder aufzufangen. Jedesmal, wenn man kurz vor dem Verzweifeln steht, führt Vodolazkin den Leser von der Vision wieder in die eigentliche Handlung zurück, indem er ein neues Abenteuer einfließen lässt oder mit Wechseln in der Erzählperspektive arbeitet.

"Foma kam am Fluss an und tauchte prüfend den großen Zeh ins Wasser. Er schüttelte betrübt den Kopf, dann trat auch er auf das Wasser. Arseni und die Sawelitschjer sahen schweigend zu, wie die Narren in Christo hintereinander hergingen. Sie schwankten leicht auf den Wellen und ruderten komisch mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sieht so aus, als könnten sie auf dem Wasser nur gehen, sagten die Sawelitschjer. Das Rennen müssen sie erst noch lernen." (S. 184)
Der Sprachstil von Vodolazkin ist sehr kraftvoll. Er beschreibt die Dinge so, wie sie sind. Das Schöne und Idyllische (wenn es auch sehr selten in diesem Roman vorkommt) beschreibt er sehr poetisch, das Schlechte und Hässliche wird dem Leser in einer ungeschönten und verstörenden Weise präsentiert. Dabei verwendet er teilweise eine sehr altertümliche Sprache, die durchaus der Zeit, in der der Roman spielt gerecht wird. Dies wird noch unterstützt, indem Vodolazkin von Zeit zu Zeit alt-russische Satzelemente, die ins Deutsche übersetzt sind, einfließen lässt. Oder aber auch seine Protagonisten von gelegentlich einzelne alt-russische Sätze sagen lässt. Hier ist ein Beispiel:
"Der Kaufmann Negoda ist bankrott, und seine Familie verzeret sich am garben hunger. Um Almosen zu bitten schämt er sich seiner lichten gewande halben." (S. 187)

Im Nachwort von Olga Radetzkaja, die diesen Roman aus dem Russischen übersetzt hat, wird dieses Buch als sprachlicher Paternoster bezeichnet: "Hier kommt ein Fragment aus dem 14. Jahrhundert in Sicht, dort sowjetisch gefärbter Bürokratenjargon oder moderne urbane Umgangssprache." (S. 415) Ich vermute, dass dieses Sprachengemisch mehrerer Epochen durch die Übersetzung verloren gegangen ist. Mir ist dieses Gemisch zumindest nicht eindeutig bewusst gewesen. Leser, die der russischen Sprache mächtig sind, haben hier mit Sicherheit andere Möglichkeiten, an dieses Buch heranzugehen, sollten sie es in der Originalfassung lesen.


Im Nachwort heißt es auch "Nicht die konkrete Zeitschicht, in der man sich jeweils aufhält, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die Bewegung durch sie hindurch." (S. 415)

Hiermit lässt sich vielleicht erklären, warum man während des Lesens den Eindruck hat, dass manche Dinge in diesem Roman nicht gerade typisch für die Zeit des Späten Mittelalters sind. Für mich gab es einen fast schmerzhaften Einschnitt in diesem Buch, als mir im Text eine neuzeitliche westliche Errungenschaft begegnet ist, die definitiv nicht in diese Zeit gehört. Fehler im Buch oder Absicht des Autors? Diese Frage stellte ich mir. Leider bin ich mir auch, nachdem ich diesen Roman gelesen habe, nicht sicher, wie die Antwort auf die Frage lauten könnte. Der Hinweis, dass es sich bei diesem Buch um eine Reise durch Welten und Zeiten handelt, rechtfertigt nicht diesen gravierenden Einschnitt, zumal sich auch keine weiteren Fälle in dieser Größenordnung in der Geschichte finden lassen. 

Fazit:
Dieses Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Einerseits hat es Spaß gemacht, Arseni auf seinem Lebensweg und seinen Abenteuern zu begleiten. Aber gerade dieser eben geschilderte Einschnitt hat mir ein wenig die Freude an diesem Buch genommen. Hinzu kamen die vielen übersinnlichen und spirituellen Komponenten in diesem Roman, die die interessante Handlung oft in den Hintergrund drängten.
Dieser Roman ist mehrfach ausgezeichnet worden und wird von anderen als eigenwilliger Roman bezeichnet. Das stimmt, eigenwillig ist dieser Roman auf alle Fälle. Und man muss sich darauf einlassen können, was mir leider sehr schwer gefallen ist.

©Renie

Laurus von Evgenij Vodolazkin, erschienen im Dörlemann Verlag
ISBN: 9783038200277




Über den Autoren:

Evgenij Vodolazkin
1964 in Kiew geboren, arbeitet seit 1990 in der Abteilung für Altrussische Literatur im Puschkinhaus (Institut für russische Literatur) in St. Petersburg. Er hat zahlreiche akademische Werke und Artikel publiziert. Aufgrund von Forschungsstipendien der Alfred Toepfer- und der Alexander von Humboldt-Stiftung verbrachte er mehrere Jahre in Deutschland. Sein zweiter Roman Laurus ist ein internationaler Erfolg, der in 17 Ländern erscheint. Evgenij Vodolazkin lebt mit seiner Familie in St. Petersburg. (Quelle: Dörlemann)

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