Dienstag, 10. Mai 2016

Alia Yunis: Feigen in Detroit

Mit "Feigen in Detroit" hat Alia Yunis eine wahre Wundertüte von einem Roman geschaffen. Ich habe dieses Buch als Geschichte um eine arabische Einwandererfamilie in Amerika gekauft. Gelesen habe ich dann eine moderne Version der Märchen um 1001 Nacht. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und könnte jetzt ein ganzes Buch über dieses Buch schreiben - so viele Notizen wie ich mir gemacht habe. Da ich das Bücherschreiben jedoch lieber den Profis überlassen möchte, beschränke ich mich auf einige wenige Punkte, die mir besonders gut an diesem zauberhaften Roman gefallen haben.
Quelle: Aufbau Verlag

Ein ungewöhnlicher Plot
Frisch geschieden von ihrem Mann Ibrahim zieht die 85-jährige Fatima Abdullah von Detroit zu ihrem Enkel Amir nach Los Angeles. In ihrer ersten Nacht im neuen Zuhause erscheint ihr Scheherazade. Von jetzt an wird Fatima 1001 Nächte lang Besuch von der berühmten Geschichtenerzählerin aus dem Orient erhalten. Nur, dass diesmal nicht Scheherazade die Geschichten erzählt sondern Fatima. Fatima wird von jetzt an aus ihrem Leben berichten: von ihrer Kindheit im Libanon, von ihrer Auswanderung als junges Mädchen nach Amerika und von ihren 10 Kindern. Fatima kennt ihr Schicksal. Sie richtet sich darauf ein, nach Ablauf der 1001 Nächte zu sterben.
"'Es ist ein Segen und ein Fluch zu wissen, dass dir tausendundeine Nacht bleibt, um deine Geschichten zu erzählen', hatte Sheherazade erwidert. 'Denn wenn unsere Geschichten enden, ist auch unser Leben vorbei. Verstehst du, was ich meine?'

Fatima war keine himara, kein dummer Esel. Sie hatte sofort begriffen, dass sie, Fatima Abdul Aziz Abdullah, in Los Angeles, Kalifornien, USA, sterben würde, wenn Scheherazade sie zum 1001. Mal besuchte." (S. 21)
Fatima und ihre Kinder
Die Familie Abdullah ist über ganz Amerika verteilt. In Detroit aufgewachsen hat es die Kinder und Enkelkinder von Fatima mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verstreut. Sie sind mehr Amerikaner als Araber. Trotzdem Fatima mittlerweile seit 65 Jahren in Amerika lebt, hat sie nur sehr wenig von dem neuen und modernen Land angenommen. Für sie ist die Zeit stehen geblieben. Sie ist und bleibt Araberin und lebt in Gedanken in der Vergangenheit im Libanon. Ihre Kinder sind ihr fremd geworden und haben nur noch sporadisch Kontakt zu ihrer Mutter: Regelmäßige Telefonanrufe, die im Kalender eingetragen werden müssen, damit man sie nicht vergisst und in denen hauptsächlich über das Wetter geredet wird, um bloß kein unangenehmes Thema anschneiden zu müssen, das ein schlechtes Gewissen hervorrufen könnte.
"Fatima ging davon aus, dass die meisten Frauen, die zehn Kinder und vierzehn Enkel hatten, täglich mit ihnen telefonierten. Nur die Hälfte ihrer Kinder rief täglich an, die anderen meldeten sich höchstens ein- oder zweimal pro Woche. Aber in Sachen Wetterbericht waren sie alle unschlagbar." (S. 20)

Fatima und Scheherazade
Man sollte meinen, dass es sich hierbei um ein trauriges Buch handelt, schließlich bleibt Fatima nicht mehr viel Zeit auf Erden. Doch ganz im Gegenteil! Die Geschichte ist witzig geschrieben. Die Hauptcharaktere - allen voran Fatima - sind urkomisch. Ein besonderes Highlight ist das Zusammenspiel zwischen Fatima und Scheherazade. Die beiden gehen miteinander um, wie zwei uralte Freundinnen, die sich ein Leben lang kennen. Hier wird zusammen gelacht und geweint, aber auch gezankt und geärgert. Sie haben einen Heidenspaß daran, sich gegenseitig mit kleinen Sticheleien zu trietzen. Insbesondere, wenn es um die Eitelkeit geht, stehen die beiden sich in nichts nach.
"'Könnte ich eine Zigarette haben?', fragte Fatima.

'Rauchen lässt dich vorzeitig altern.'
Fatima fuhr mit der Hand über die Furchen in ihrem Gesicht. 'Ich bin vierundachtzig', sagte sie. 'Vorzeitig gibt's bei mir schon lange nicht mehr.'
'Schau mich an - 1128 Jahre alt und nicht der kleinste Krähenfuß', prahlte Scheherazade.
'Du bist unsterblich', protestierte Fatima. 'Das ist was anderes.'
'Und du bist fünfundachtzig.'
Fatima zog einen Schmollmund, was Scheherazade zu gefallen schien." (S. 44)
Scheherazade kann nur von Fatima gesehen werden. Aber sie ist kein Hirngespinst, da sie auch andere Menschen beeinflussen kann, ohne, dass diese es bemerken. Manchmal erinnert sie mich an eine, in die Jahre gekommene gute Fee, die auf einem Teppich durch die Weltgeschichte reist. Jedesmal, wenn Fatima wieder über eines ihrer Kinder berichtet, schwingt sich Scheherazade anschließend auf ihren Teppich, um sich persönlich davon zu überzeugen, wie derjenige mit seinem Leben zurechtkommt. 
Dadurch ergeben sich unterschiedliche Erzählperspektiven. Die Geschichte wird nicht nur aus der Sicht von Fatima erzählt sondern auch aus der Sicht von Scheherazade und der Familie Fatima's. Und oft schafft Scheherazade mit ihrem Flug auf dem Teppich einen Übergang zwischen den einzelnen Erzählperspektiven, was eine schöne Idee der Autorin ist.
"Als Scheherazade wieder in Los Angeles ankam, landete ihr Teppich mitten in einer Gruppe staubbedeckter Obdachloser am Santa Monica Boulevard. Der Rückzug aus Washington war ohne Komplikationen verlaufen. Das Abendland hatte ihr einige Eigenschaften angedichtet, die ihr gar nicht gefielen - warum sonst hing sie halb nackt an der Fassade von Zades Café?-, hin und wieder hatte es sie aber auch auf praktische Ideen gebracht, beispielsweise den fliegenden Teppich." (S. 82)
Fazit:
Ich könnte noch vieles mehr über dieses Buch schreiben, lass es aber lieber, sonst komme ich nie zu einem Ende. Daher nur noch dies: "Feigen in Detroit" ist eine fantasievolle Mischung aus einem farbenfrohen Märchen aus dem Orient und einem Familienroman über die ernsthafte Realität in Amerika. Die Geschichte ist witzig geschrieben und steckt voller Überraschungen. Ein Buch, bei dem ich aus dem Staunen nicht mehr rauskam und daher natürlich eine klare Leseempfehlung gebe.

Eines noch! In dem Buch wird gern und gut gegessen. Beim Lesen bekommt man Appetit.  Mittlerweile gibt es sogar ein Buch mit Fatima's Familienrezepten.


© Renie


Feigen in Detroit von Alia Yunis, erschienen im Aufbau Verlag
Erscheinungsdatum: August 2010
ISBN: 978-3-7466-2840-0


Der Verlag über die Autorin:
Alia Yunis, Tochter eines libanesischen UN-Diplomaten, aufgewachsen im Mittleren Westen der USA und im Mittleren Osten, arbeitete als Journalistin und Filmemacherin in Los Angeles und ist zurzeit Dozentin für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Abu Dhabi. Sie ist Mitglied der PEN Emerging Voices. 

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