Samstag, 12. September 2015

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Es gibt Bücher, bei denen liest man den ersten Satz und weiß, dass dieses Buch nur gut sein kann. Man taucht ein in eine faszinierende Geschichte, und ehe man es sich versieht, ist man beim Ende angekommen. Wenn einem dann noch das Ende ein Lächeln ins Gesicht zaubert, hat die Autorin alles richtig gemacht..... so auch Jocelyne Saucier bei ihrem Buch "Ein Leben mehr".

Irgendwo in den Wäldern Kanadas, haben sich 3 Männer - Charlie, Tom und Ted - ein Lager eingerichtet. Irgendwann haben diese Männer beschlossen, sich von ihrem alten Leben zu verabschieden und ihren Lebensabend in der Einsamkeit zu verbringen. Die Männer sind zusammen fast 300 Jahre alt. Es ist, als ob die Einsiedelei, die sie sich geschaffen haben, die Endstation ihres Lebens ist. Sie genügen sich selbst und genießen die Freiheit, ihr Leben leben zu können, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Eines Tages taucht eine Fotografin bei ihnen auf, die für eine Story über eine Brandkatastrophe, die die Gegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts heimgesucht hat, recherchiert. Als kurz darauf dann noch die 82-jährige Marie-Desneige bei ihnen einzieht, ist es vorbei mit der gewohnten Ruhe und Beschaulichkeit. Das Lagerleben ändert sich ....
"Ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sechzig der achtzig Jahre später vor mir steht, mit einem ganz bestimmten Blick, ganz bestimmten Händen und einer ganz bestimmten Art zu sagen, dass das Leben gut oder schlecht gewesen ist." (S. 19 f.)

Ein zentrales Thema in dem Buch ist die Liebe im Alter.
Für viele mag Liebe und Erotik im Alter befremdlich sein, nicht so für Jocelyne Saucier. Ihr gelingt es, diese späte Liebe mit einem Zauber zu versehen, der den Leser einfach nur berührt. Bloß, weil jemand den größten Teil seines Lebens hinter sich gebracht hat, der Körper deutliche Spuren des Alters zeigt, heißt das noch lange nicht, dass Liebe nicht mehr zum Leben dazugehören. Mit der Geschichte, die Jocelyne Saucier erzählt, liefert sie den Beweis.

Ein weiteres Thema ist der Tod. Allein schon aufgrund des Alters der Protagonisten ist der Tod ein ständiger Begleiter in diesem Roman. Er hat aber nichts Bedrohliches sondern scheint von den 3 Männern als unabwendbare Tatsache und zum Leben dazugehörig akzeptiert zu sein. Wenn das Leben gelebt ist, folgt der Tod. Nur, wann das Leben zu Ende gelebt ist, ist eine Entscheidung, die die Männer nicht aus der Hand geben wollen.
"Wenn man die Freiheit hat, zu gehen, wann man will, entscheidet man sich leichter für das Leben." (S. 106)
Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Sehr originell ist hierbei die Perspektive des "neutralen Beobachters", der wie eine Stimme aus dem Off das Geschehen zusammenfasst und Andeutungen über den Verlauf der Geschichte macht.
"Doch erst einmal müssen wir kurz innehalten und uns den Großen Bränden widmen, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Norden Ontarios wüteten. Und was ist mit der Liebe? Nun, die Liebe muss noch etwas warten, ihre Zeit ist noch nicht gekommen." (S. 68)
Jocelyne Saucier gelingt es meisterhaft ihre Hauptcharaktere zu beschreiben. Man kann sich die Männer sowie Marie-Desneige bildlich vorstellen. So ist Charlie der introvertierte Naturbursche, ein Kümmerer und Beschützer. Tom ist der liebenswerte Chaot, der Extrovertierte in der Runde und die 82-jährige Marie-Desneige strahlt eine Kindlichkeit aus, die es zu bewahren gilt.
"Sie waren wie eine Familie, die Nachwuchs bekommen hatte. Die kleine Gemeinschaft am See befand sich in einem Zustand der Glückseligkeit, in dem sich alles um das Wohl des Neuankömmlings dreht. Und es gab eine bedeutende Veränderung, die zunächst niemandem auffiel: Sie sprachen nicht mehr vom Tod. Das Thema ging erst im Tumult von Marie-Desneiges Ankunft unter und dann im Entzücken über die vielen Neuentdeckungen, die sie machte. Marie-Desneige sah ihren ersten Schwarm Wildgänse, ihre erste Hasenspur im Schnee, ihren ersten Elch, der am Seeufer stand und trank, ihren ersten Uhu auf dem kahlen Ast einer Birke. Die Welt war jung und neu, wenn man sie durch Marie-Desneiges Augen betrachtete." (S. 104)
Aber auch die Nebencharaktere in diesem Buch sind bemerkenswert. Auf einmal stößt man auf Personen, die eigentlich eine untergeordnete Rolle spielen, aber trotzdem eine verblüffende Geschichte zu erzählen haben, mit der man als Leser nicht rechnet.
"Wenn Menschen, die es nicht gewohnt sind zu lächeln, es doch einmal tun, leuchtet ihr ganzes Gesicht. Miss Sullivans Lächeln strahlte hell wie die Sonne." (S. 144)
Mir hat die Stimmung, die in dem Buch vermittelt, sehr gut gefallen: Über allem schwebt eine Melancholie, die einen beim Lesen entschleunigt. Die Geschichte fließt vor sich hin und der Leser lässt sich dabei gern treiben.
"Etwas lag an diesem Spätsommerabend in der Luft, etwas, das sie alle tief berührte. Der laue Abend lud dazu ein, an das Vergehen der Zeit zu denken, bei ihr zu verweilen und sie dann ziehen zu lassen." (S. 158)
Ich habe dieses Buch innerhalb eines Tages gelesen. Einmal angefangen, wollte ich es nicht mehr an die Seite legen. Jocelyne Saucier erzählt eine Geschichte, die fesselt. Für mich eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

© Renie


Ein Leben mehr
Autorin: Jocelyn Saucier
Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-17652-7

Der Verlag über die Autorin:
Jocelyne Saucier, geboren 1948 in der Provinz New Brunswick, lebt heute in einem Zehn-Seelen-Ort im Wald, im nördlichen Québec. Sie arbeitete lang als Journalistin, bevor sie mit dem literarischen Schreiben begann. Ein Leben mehr ist ihr vierter Roman, der erste in deutscher Sprache. (Quelle: Insel Verlag)

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