Freitag, 30. Juni 2017

Stephanie Danler: Sweetbitter

"Sweetbitter" von Stephanie Danler ist ein Roman über das Genießen und über das Leben in einer Parallelwelt, welche zwar dicht dran am Alltag von uns Normalos, aber trotzdem fremd und einzigartig ist: die Gastronomie und der Arbeitsalltag in einem "Tempel des Genusses". 
Gleich vorweg: da ich selbst einige Jahre in ähnlicher Position wie die Hauptprotagonistin gearbeitet habe, führt mich Stephanie Danler zurück in meine Vergangenheit. Es ist zwar schon Urzeiten her, aber ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Daher habe ich dieses Buch sozusagen als kritischer Insider gelesen und hatte dadurch so manches Déjavu.

Das erwartet den Leser in diesem Roman:
Tess, ein Mädchen vom amerikanischen Lande, zieht es in die Großstadt. New York ist das Ziel. Hier begibt sie sich auf Jobsuche und landet als Hilfskellerin in einem Nobelrestaurant. Von jetzt an bestimmt die Arbeit ihr Leben. Sie versucht, sich in der Maschinerie des Restaurants zurechtzufinden, zahlt natürlich gerade in der Anfangszeit "Lehrgeld". Doch mit der Zeit wird sie immer sicherer. Die Arbeit fängt an, ihr Spaß zu machen. 
Innerhalb einer Restaurant-Crew gibt es strenge Hierarchien, die notwendig sind, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Es gibt "Despoten" innerhalb dieser Hierarchien, die ihre Tätigkeit als "uneingeschränkte Herrschaft" verstehen (allen voran der Chefkoch) und dementsprechend launisch und aufbrausend mit ihren untergeordneten Mitarbeitern umgehen. Doch dieses Verhalten scheint zu einem Restaurant dazuzugehören. Zumindest nimmt niemand daran Anstoß.
"' ... - alle scheinen im Restaurant geboren und aufgewachsen zu sein. ...'" (S. 95)
Schnell hat Tess gelernt, dass sie und ihre Kollegen sich in einer eigenen Welt befinden, die herzlich wenig mit dem Alltag außerhalb zutun hat. Hier wird die Nacht zum Tag gemacht. Nach Dienstschluss zieht die Crew erst einmal durch die Nachtwelt, wobei der Trip seinen Anfang immer an der Bar des Restaurants nimmt. Die Mitarbeiter beginnen mit einem Feierabend-Drink. Im Laufe der Nacht werden sie sich zudröhnen - mit Alkohol und anderen Drogen. Am nächsten Tag werden sie ihren Rausch ausschlafen, denn am Abend werden sie wieder fit für die Arbeit im Restaurant sein müssen.
Quelle: aufbau

Nur die wenigsten von Tess' Kollegen haben ein Privatleben. Mit der Zeit lernt Tess ihre Kollegen besser kennen. Anfangs als die Neue beäugt, wird sie schnell in die Gemeinschaft integriert. Kaum einer der Restaurantmitarbeiter macht seinen Job aus Berufung. In erster Linie geht es um's Geld verdienen, mit dem Ziel, der Verwirklichung eines persönlichen Traumes näher zu kommen.
"Bei Geschmack, sagte Chef, geht es immer um Ausgewogenheit. Das Saure, das Salzige, das Süße, das Bittere. ... Ein Zeugnis von Geschmack, ein eindeutiger Hinweis darauf, wie du der Welt begegnest, ist die Fähigkeit, das Bittere zu schätzen, ja, danach ebenso zu gieren wie nach dem Süßen." (S. 25)
Der Roman ist in 4 Abschnitte unterteilt - Sommer, Herbst, Winter, Frühling - und schildert somit ein Jahr als Restaurantmitarbeiterin. Die Handlung setzt im Sommer ein, als Tess von der Provinz nach New York kommt. Die Entwicklung, die Tess im Verlauf dieses Jahres von der schüchternen Landpomeranze bis hin zur selbstbewussten New Yorkerin macht, ist dabei bemerkenswert. 

Merkwürdigerweise nehmen die Jahreszeiten keinen Einfluss auf den Tagesablauf der Restaurant-Crew. Einzig, was die Beschreibungen der Speisen und Getränke angeht, die in diesem Roman sehr viel Raum bekommen, wird man einen saisonalen Unterschied feststellen. Als Leser sollte man sich darauf gefasst machen, Appetit zu bekommen. Denn Essen und Trinken werden in einer Bildhaftigkeit geschildert, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.
" ... Oregano aus Mexiko, der verbrannt aussieht und dessen Duft so betörend ist wie der von Marihuana. Große Dosen hinter den riesigen Olivenöl-Behältern - darin versteckt Chef seinen persönlichen Vorrat an Anchovis aus Katalonien. Kisten gefüllt mit grasigem Sencha und winzigen, von Stein gemahlenen Matcha-Kugeln. Gefrierbeutel mit Maseca. In einigen Spinden findet sich Sriracha-Sauce. Diverse Flaschen billiger Whiskey, versteckt zwischen Mehl und Zucker. Schokoladenriegel in den Manager-Büros, zwischen den Büchern im Regal." (S. 107)
Leider hat dieser Roman nicht viel an Handlung zu bieten. Die Geschichte konzentriert sich auf das Restaurantleben, was für mich als Insiderin eine gern unternommene Reise in die Vergangenheit war.

Auch wenn der Restaurantalltag und das Miteinander der Kollegen sehr authentisch geschildert ist, bin ich mir nicht sicher, ob dies ausreicht, um andere Leser begeistern zu können. Die Autorin, die übrigens ebenfalls in einem Restaurant gearbeitet hat, schmückt die Handlung ein wenig aus, indem sie Tess eine Liebesgeschichte zuschreibt. Doch diese Liebesgeschichte nimmt in diesem Roman nicht viel Raum ein und geht in der Schilderung der Tagesabläufe und der Arbeit in einem Restaurant leider unter.

Ich kann diesen Roman Lesern empfehlen, die Freude am Genuss von gutem Essen und Trinken haben. Denn hier werden sie voll auf ihre Kosten kommen. Vielleicht gibt es auch Leser, die "Restaurant-Luft" schnuppern wollen und sich für die Parallelwelt eines "Tempel des Genusses" interessieren. Dann sind auch sie mit diesem Roman bestens bedient. Denn die Authentizität dieses Romanes garantiert einen realitätsnahen Einblick.

© Renie




Über die Autorin:
Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt „Sweetbitter“. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York. Mehr Informationen zur Autorin unter www.stephaniedanler.com (Quelle: aufbau)

Kommentare:

  1. Ich fand das Buch super, vielschichtig, geschickt konstruiert und eine sehr gelungene Coming-of-age-Geschichte. Was hier für mich nicht passte war der Klappentext, der mir ein anderes Buch versprach als ich bekommen habe. Für mich war das eine positive Überraschung, doch so passt es für andere Leser auch wieder nicht.
    Grüße
    Silvia

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    1. Liebe Silvia, danke für deinen Kommentar. Ich habe schon einige Rezensionen zu diesem Roman gelesen und weiß daher, dass dieses Buch seine Leserschaft hat. Und es ist gut, dass es unterschiedliche Meinungen dazu gibt. Schließlich wäre es doch blöd, wenn wir alle den gleichen Buchgeschmack hätten. Liebe Grüße, Renie

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