Dienstag, 4. April 2017

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Quelle: Pixabay / stux
Der Titel "Unsere Seelen bei Nacht" hört sich dramatisch an, könnte sogar der Titel eines spannenden Thrillers sein. Tatsächlich handelt es sich bei dem Roman von Kent Haruf um ein Entschleunigungsbuch. Keine Morde, keine Dramatik, kein atemberaubender Spannungsbogen! Dafür einfach nur eine wunderschöne Sprache, die eine berührenden Geschichte erzählt. Das ist wohltuende Entspannung für die Leserseele.

Die Protagonisten in diesem Roman - Louis und Addie - haben ihren Lebensabend erreicht. Die beiden kennen sich nur flüchtig aus der Nachbarschaft, beide sind verwitwet und leben allein. Ihre Kinder und Enkelkinder lassen sich nur selten blicken. Die Tage sind unausgefüllt, die Nächte sind lang und einsam. Man kann also nicht behaupten, dass sie ihren Lebensabend in vollen Zügen genießen. Denn alleine genießt es sich nicht so schön wie zu zweit. Also nimmt Addie Herz und Schicksal in die Hände und steht eines Tages bei Louis vor der Tür. Sie äußert eine merkwürdige, fast schon unanständige Bitte. Louis soll die Nächte bei ihr verbringen, in ihrem Ehebett, an ihrer Seite. Dabei möchte sie sich nur mit ihm unterhalten und ihre  Einsamkeit bekämpfen. Warum sie ausgerechnet ihn auswählt? Wahrscheinlich ist er der einzige Kandidat aus ihrem Umfeld, der für sie in Frage kommt: alleinstehend, in ihrem Alter, jemand, den sie kennt, da sie früher mit Louis Ehefrau befreundet war.

Louis lässt sich auf dieses Arrangement ein. Abends taucht er samt Pyjama und Zahnbürste bei Addie auf, morgens verlässt er ihr Haus wieder. Dazwischen wird geredet, über Sorgen und Probleme, die Vergangenheit, die verstorbenen Ehepartner, die Kinder und Enkelkinder. Langsam freunden sich die beiden an und irgendwann kommt der Moment, wo Louis nicht nur die Nächte mit Addie verbringt und sein Pyjama und seine Zahnbürste in Addies Haus Einzug finden.
"Ich finde es wundervoll, sagte sie. Es ist besser, als ich es mir erhofft hatte. Es ist so etwas wie ein Geheimnis. Mir gefällt die Freundschaft. Die Zeit, die wir miteinander verbringen. Hier im Dunkel der Nacht zu liegen. Das Reden. Dich neben mir atmen zu hören, wenn ich wach werde." (S. 104)
Quelle: Diogenes
Diese Geschichte könnte an dieser Stelle aufhören. Aber nicht jeder freut sich über das späte Glück der Beiden. Es sind noch nicht einmal Nachbarn und Bekannte, die den beiden ihr Glück nicht gönnen. Sie leben in Holt, einer amerikanischen Kleinstadt, die der Autor Kent Haruf eigens für seine Romane erfunden hat. Mit dem Begriff "Kleinstadt" assoziiert man Klatsch und Tratsch, auf den Louis und Addie anfangs auch stoßen. Doch sie lassen sich nicht davon beirren. Und die Reaktion der Nachbarn und Bekannten gibt ihnen recht. Holt hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Louis und Addie als Paar unterwegs sind. Wer sich nicht daran gewöhnt hat, und wer mit aller Vehemenz gegen die Beziehung der beiden ankämpft, ist Gene, Addies Sohn. Er mag Louis nicht, abgesehen davon, dass er wahrscheinlich keinen Mann an Addies Seite mögen würde. Die Beziehung, die die beiden führen, empfindet er als ekelhaft und abartig. Es lässt sich schwer sagen, ob seine Aversion auf ein enges Verhältnis zu seinem Vater zurückzuführen ist und er deshalb keinen anderen Mann an Addies Seite duldet. Oder ob er ihr schlichtweg ihr Glück neidet, da er selbst vor dem Scherbenhaufen seiner Ehe steht. Auf jeden Fall kämpft er mit harten Bandagen, um Addie und Louis auseinander zu bringen. Ob ihm das gelingt? ....
"Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter so etwas erleben. Dass noch längst nicht alle Veränderungen und Aufregungen hinter uns liegen, wie sich herausstellt. Dass wir noch nicht körperlich und geistig vertrocknet sind." (S. 163)
Der Autor Kent Haruf hat einen ganz besonderen Sprachstil. Man taucht in diese Geschichte ein und ist von Anfang an von der Klarheit und Einfachheit seiner Sprache verzaubert. Völlig schnörkellos vermittelt er die Gefühle, die Louis und Addie durchlaufen. Man leidet und freut sich mit den beiden: das Herzklopfen von Addie, als sie mit ihrem eigenartigen Vorschlag an Louis Tür steht, seine Verwunderung, die Annäherung der beiden, das langsame Wachsen ihrer Liebe, die Verzweiflung als es darum geht, um ihre Liebe zu kämpfen. Das alles vermittelt Kent Haruf mit wenigen klaren Worten, die jedoch punktgenau ins Herz treffen und den Leser in eine melancholische Stimmung versetzen.

Fazit:
Ein melancholischer Roman über die späte Liebe, erzählt in einem wundervoll schnörkellosen, aber gefühlvollen Sprachstil. Leseempfehlung!

© Renie







Über den Autor:
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Mountains & Plains Booksellers Award und dem Wallace Stegner Award ausgezeichnet. ›Unsere Seelen bei Nacht‹ ist sein letzter Roman und erschien in den USA kurz vor seinem Tod. (Quelle: Diogenes)

Kommentare:

  1. Ja, manchmal liest man ein Buch nur des Buches wegen. Wegen der schönen literarischen Sprache, und da braucht man tatsächlich nichts anderes. Das kann ich sehr gut verstehen, liebe Renie. Wobei mich dieses Buch auch inhaltlich interessieren könnte.
    Liebe Grüße, Mira

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mich hatte zunächst auch die Geschichte interessiert. Die literarische Sprache war dann eine angenehme Überraschung für mich.
      Liebe Grüße, Renie

      Löschen
  2. Hin und wieder verfalle ich auch dem Zauber der leisen Bücher. Einfach, weil ihre Sprache wunderschön ist und die Geschichte bezaubernd bis melancholisch. "Unsere Seelen bei Nacht" scheint mir ein solches Buch zu sein.

    AntwortenLöschen
  3. Diese Lesempfehlung kann ich nur unterstreichen. Diesen kleinen, ruhigen Roamn habe ich geliebt, wenn er mich auch traurig gemacht hat.
    Viele Grüße
    Silvia

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Renie,,, ich liebe dieses Buch und seine Ausdruckskraft. Du hast schön und feinfühlig rezensiert. Ich habe auch einige Zeilen auf meinem Blog dazu geschrieben,,,
    LG Angela vom Literaturgarten

    AntwortenLöschen