Donnerstag, 21. Juli 2016

Helmut Pöll: Die Krimfahrt

Wilhelm Seidlitz ist ein schwieriger Zeitgenosse. Nichts kann man ihm Recht machen, er ist ein ständiger Bedenkenträger, der nichts dem Zufall überlässt. Spontanität ist ihm suspekt, Flexibilität ist für ihn ein Fremdwort,  Abenteuerlust liegt ihm fern. Er hat immer Recht und verteidigt seine Meinung mit Sturheit und Vehemenz.
Eine Urlaubsreise? Nicht mit Seidlitz. Eine Reise ist zu riskant, wer weiß, was im Urlaub alles passieren kann. Außerdem hat man es Zuhause doch nett. Will man fremde Länder sehen, lässt sich dies hervorragend durch die Lektüre von Reiseführern und Bildbänden bewerkstelligen. Wozu also in die Ferne schweifen? Und dennoch begibt sich Seidlitz auf große Fahrt. Warum er sich auf das „Abenteuer Urlaub“ einlässt, und was ihm während dieser Reise mit seiner Ehefrau Erika widerfährt, erzählt Helmut Pöll in seinem humorvollen und ernsthaften Roman „Die Krimfahrt“.

Quelle: Helmut Pöll
Inhalt:
Nach 20 Jahren Fassade und unglücklicher Ehe fährt das Ehepaar Seidlitz zum ersten Mal wieder in Urlaub. Alle Reisevorschläge, die Erika zunächst macht, lehnt Wilhelm Seidlitz mit fadenscheinigen Begründungen ab. Schließlich überredet sie ihn zu einer Zugfahrt auf die Krim. Die Reise beginnt harmonisch, wird aber bald durch die Eigenheiten der Mitreisenden getrübt. Durch Zufall entdeckt Wilhelm, dass die Reise nicht zur Erholung gedacht ist, sondern ihrer beider Schicksal entscheiden wird. Schließlich bricht sich in der abgelegenen Schönheit der russischen Landschaft die aufgestaute Frustration von 20 Jahren Ehe Bahn. Für einen der beiden wird dieser Ausbruch den Untergang bedeuten, für den anderen vielleicht eine neue Lebensblüte und späte Zukunft. (Quelle: Helmut Pöll)

Als ich diese Inhaltsbeschreibung las, ging ich zunächst davon aus, dass dieser Roman einen sehr ernsthaften Anstrich hat: Eheprobleme, mit dem mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, eine Ehe zu retten. Ich habe also ein Beziehungsdrama erwartet und wurde stattdessen mit einer sehr lustigen Geschichte überrascht, die fast schon satirische Dimensionen hat. Die Geschichte entwickelt sich zum Ende zwar doch noch zu einem Drama - dieses ist dann aber eines der besonderen Art. ;-)
„Was war nur in sie gefahren? Seidlitz ahnte wohl, dass das nicht nur eine Laune, ein Fahrenlassen aller Gewohnheiten war, nur um ihn aus der Reserve zu locken und zu ärgern. Dazu schien ihr das Ganze aus seiner Sicht zu viel Freude zu machen. Er hatte nichts dagegen, wenn sie sich amüsierte, nach allem, was vorgefallen war, und sich auf ihrer Urlaubsfahrt nach dem Essen ein Glas Vodka bestellte. Es war dieser Unterton, der in ihrer Geste mitschwang, dieser fröhlich begangene Bruch mit allem Gewohnten, der ihn beunruhigte.“
In diesem Roman sind Humor und Komik hauptsächlich dem Charakter "Ekel" Seidlitz geschuldet. Helmut Pöll skizziert ihn als einen unsympathischen Pedanten und Spießer, über den man nur den Kopf schütteln kann. Dieser Seidlitz ist dermaßen grotesk in seinen Ansichten und seiner Handlungsweise, dass man als Leser nur mit ungläubigem Gelächter reagieren kann. Ein Wunder, dass seine Frau Erika es all die Jahre mit ihm ausgehalten hat. Als Leser genießt man die Momente, in denen Erika es schafft, sich gegenüber ihrem Ehemann zu behaupten. Denn Seidlitz hat einfach verdient, dass ihn jemand in seine Grenzen weist. Auch wenn dadurch die Seidlitzsche Welt ins Wanken gerät.
„Den ganzen Tag würde er sich heute ärgern, das war keine von vornherein beschlossene Sache, aber an diesem Morgen doch irgendwie unausgesprochene Gewissheit, so wie Seidlitz sich aus Erfahrung kannte. Unter diesen Vorzeichen war ihm nichts recht zu machen: Der Sonnenschein wäre mit Sicherheit zu grell, die Klimaanlage der Wagen zu überzogen oder kalt eingestellt, der Tee im Bordrestaurant zu heiß, zu würzig oder in Tassen aus zu dickem Porzellan, sodass der Tee darin zu rasch auskühlte.“
Die Geschichte wird aus der Sicht von Seidlitz erzählt. Was mir hierbei sehr gut gefallen hat, ist der Sprachstil. Mir ist bereits in „Die Elefanten meines Bruders“ - ein weiterer Roman von Helmut Pöll - bewusst geworden, dass der Autor die Fähigkeit besitzt, seinen Sprachstil völlig auf seinen Hauptprotagonisten anzupassen. In „Die Elefanten meines Bruders“ ist es ein 11-jähriger Junge, der an ADHS erkrankt ist, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Dabei verwendet er eine Sprache, die einem 11-Jährigen angemessen ist: manchmal altklug, manchmal naiv, aber immer herzerfrischend ehrlich. In „Die Krimfahrt“ hingegen hat der Sprachstil etwas Überkorrektes, die Wortwahl ist sehr präzise, teilweise wirkt sie sogar altmodisch. Es ist tatsächlich Seidlitz, der hier redet - kein Anderer. Diesen Sprachstil erwarte ich, wenn ich es mit einem Pedanten und Besserwisser zu tun habe. Es ist bewundernswert, wenn ein Autor in der Lage ist, in seiner Sprache wandelbar zu sein und diese glaubhaft auf den jeweiligen Roman anpassen kann. Und genau diese Fähigkeit besitzt Helmut Pöll!*

* er scheint ein Chamäleon unter den Schriftstellern zu sein ;-)

Bemerkenswert sind aber auch diejenigen Momente, in denen der Sprachstil etwas Bildhaftes bekommt und besondere Stimmungen vermittelt. Diese Bilder laden zu der Überlegung ein, dass wohl auch Menschen wie Seidlitz in ihrem tiefsten Inneren Sehnsüchte und Träume haben, sich jedoch scheinbar selbst im Weg stehen, diese Träume zu leben.
„Ein topasblauer See lag vor ihnen, die Oberfläche unter der Sommerbrise leicht gekräuselt, und reckte sich bis zum Horizont, schier endlos in seinen Dimensionen, während der Krimexpress sich am erhöhten Ufer den Weg bahnte, eine endlose Kette mit Perlen fichtengrüner Reisewagen und dem winzigen Malventupfer einer Lokomotive weit vorn, ein rotköpfiger Tausendfüßler , der geschäftig die Uferwindungen entlang krabbelte.“
Die Krimfahrt führt die Reisenden quer durch Europa. Der Zug startet in Prag und macht erst wieder in Jalta halt (von kurzen Zwischenstopps, um Proviant u. ä. aufzunehmen abgesehen). Die Zugfahrt dauert mehrere Tage. Womit beschäftigen sich die Reisenden während der Fahrt? Eingepfercht auf engstem Raum bleiben natürlich nicht viele Möglichkeiten. Die Hauptbeschäftigungen sind daher Schlafen, Essen und Trinken im Überfluss, aus dem Fenster sehen und mit anderen Reisenden plaudern. Die beschriebene Krimfahrt hat Pauschaltourismus-Qualitäten. Als Leser fühlt man sich versucht, diesen Roman nicht nur als Beziehungsdrama der besonderen Art sondern auch als Satire auf den Urlaubsbetrieb zu sehen. Zu lachhaft und klischeehaft ist das Verhalten und die Darstellung der anderen Reisenden. Oder etwa nicht? Denn wenn man es genau nimmt, kommt mancher All-Inclusive-Urlaub locker an Helmut Pölls Darstellung des Urlaubsbetriebes im Krimexpress heran.
„Der Speisewagen war voll wie am Tag zuvor, auch der letzte Platz war noch besetzt mit Hungrigen, die von einer Schar pfeilschnell herumschwirrender Kellner verköstigt wurden. … Viele frühstückten noch, einige orderten bereits ein zweites Frühstück aus Champagner und Erdbeeren, für manche, die mit cremigen Torten beim Tee saßen, war der Nachmittag schon angebrochen, und eine weitere Gruppe schließlich hatte bereits die abendliche Unterhaltung mit Musik und Getränken an der Bar eingeläutet.“
„Die Krimfahrt“ hat mir viel Freude bereitet. Zum Einen, weil ich nicht auf den humorvollen Stil dieses Romans vorbereitet war, zum Anderen, weil die Handlung eine Entwicklung nimmt, die absolut nicht vorhersehbar ist. Gerade das Ende hält für den Leser eine riesengroße Überraschung bereit. Ich werde beim Lesen gern überrascht, insbesondere, wenn sich die Überraschung als Unterhaltung auf hohem Niveau erweist. Und das kann ich diesem Roman aus tiefster Überzeugung bescheinigen.
Helmut Pöll hat sich mit „Die Krimfahrt“ beim diesjährigen Amazon Kindle Storyteller Award beworben. Ich hoffe, dass er mit diesem großartigen Roman ganz weit vorne mitmischen kann (gewinnen wäre natürlich nicht schlecht ;-)). Aber egal, wie weit er kommt, wünsche ich ihm viele Leser, die genauso viel Spaß und Freude an diesem Buch haben wie ich.

© Renie


Die Krimfahrt von Helmut Pöll
erschienen im Juli 2016
ISBN 978-1535196406



Über den Autor:

Helmut Pöll wurde 1964 in Moosburg an der Isar geboren. Nach einer Ausbildung zum Tageszeitungsredakteur arbeitete er als Softwareentwickler und IT Consultant. Helmut Pöll lebt in München. (Quelle: Helmut Pöll)

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