Sonntag, 22. November 2015

Sonja Rüther: Eine Spur aus Frost und Blut

Frau Holle - ein Märchen, überliefert von den Gebrüdern Grimm. Dieses Märchen ist mir in meiner Kindheit unzählige Male vorgelesen worden. Die nette Frau Holle, die ihre Betten schüttelt, dass es auf der Erde schneien möge. Dabei wird sie unterstützt von Goldmarie, einem wohlerzogenen, gehorsamen, fleißigen, hilfsbereiten, hübschen, bescheidenen Mädchen, das keine Mühe scheut, um Frau Holle die schwere Arbeit abzunehmen. Soviel Hingabe muss belohnt werden. Als Goldmarie's Zeit bei Frau Holle vorbei ist, wird sie zur Belohnung über und über mit Gold begossen. Ganz anders die faule und habgierige Pechmarie, die Goldmarie's Nachfolge antritt. Sie erledigt ihre Arbeit nicht so, wie es von ihr erwartet wird, und zur Strafe wird sie zum Abschied mit Pech übergossen. Geschieht ihr auch recht! Auf Erwachsene muss man hören! Man muss immer hilfsbereit sein! Bescheidenheit ist eine Tugend!



Ja, mit diesem Märchen bin ich aufgewachsen. Meine Favoritin bei den beiden Maries war ganz klar Goldmarie. Soviel Tugendhaftigkeit und Liebreiz hat mich schlichtweg beeindruckt. Und dann halte ich heute dieses Buch von Sonja Rüther in den Händen. Und was stelle ich fest: Die Geschichte ist gar nicht so verlaufen, wie man mir seit mehr als 40 Jahren vorgegaukelt hat!



So beschreibt der Verlag dieses Buch:
Mit Gold belohnt, mit Pech gestraft … Die Nacht ist bitterkalt, und doch fällt keine einzige Schneeflocke vom Himmel. Eine alte Frau betritt mit leisem Schritt die Welt der Menschen. Sie ist gekommen, um eine neue Dienerin zu finden – das ist ihr Recht seit Anbeginn der Zeit. Doch mit einem hat die Alte nicht gerechnet: dass sie erwartet wird. Von den einst unschuldigen Mädchen, die sie in ihr Reich holte und nach einem Winter der Sklaverei zur Unsterblichkeit verdammte. Sie alle flüstern den Namen ihrer Peinigerin wie einen Fluch: Frau Holle. Und sie werden nicht ruhen, bevor sie Rache genommen haben …
Eiskalt, böse, faszinierend: Sonja Rüther erzählt, was die Gebrüder Grimm nicht aufzuschreiben wagten. (Quelle: dotbooks)
Mal ehrlich! Eine alte Frau, die Mädchen als Sklaven hält, diese für sich schuften lässt und anschließend mit Gold bzw. Pech übergießt? Wie kann man Kindern nur vorgaukeln, dass diese Alte nett sei? Sonja Rüther rückt das Bild von der Alten ins rechte Licht: Frau Holle ist eine Hexe, die auf die Erde kommt, auf der Suche nach einer neuen Sklavin. Sie ist hässlich, bösartig und hintertrieben. Und sie hat magische Kräfte, die sie gnadenlos einsetzt, um diejenigen, die sich ihr in den Weg stellen, auf bestialische Weise zu töten. Man ist erstaunt, was für Tötungsmethoden sie anwendet. Sonja Rüther war da sehr erfinderisch und hat ihre Fantasie voll ausleben können. Ich habe gestaunt und mich mit Hochgenuss gegruselt.

Auch die Maries entsprechen nicht dem Bild, das man in der Version der Brüder Grimm vermittelt bekommen hat. Auf einmal erscheint die wundervolle Goldmarie gar nicht mehr so wundervoll. Wer möchte auch gern mit flüssigem Gold übergossen werden? Schon mal nachgedacht, was dann mit einem passieren könnte?
"Frau Holle hätte niemals durch das märchenhafte Umschreiben der Überlieferungen verharmlost werden dürfen. Nach Maries Überzeugung war Frau Holle der Hölle entstiegen, aber durch die Brüder Grimm war die alte Frau heiliggesprochen worden, wie sie Urteile über Mädchen sprach und sie belohnte oder bestrafte."
Die Idee, Märchen von einer anderen Seite zu beleuchten, hat mich fasziniert. Sonja Rüther gelingt es von Anfang an, den Leser mit ihrer Geschichte zu fesseln. Zum Ende nimmt die Handlung eine Fahrt auf, die auf einen Showdown hinausläuft. Die Ereignisse überschlagen sich, man wartet voller atemloser Spannung, was auf der nächsten Seite kommt. Tja, und dann ist die Geschichte zu Ende. Böse Autorin! Ich sitze nun hier und bin (fast) sprachlos. Das Ende hat mich kalt erwischt: mit dieser Entwicklung der Geschichte habe ich überhaupt nicht gerechnet. Der fantasievolle Schluss hat mich völlig überrascht. Was für eine großartige Horror-Story!

Dieses Buch ist als E-Book herausgegeben worden. Mit geschätzt 85 Seiten hat Sonja Rüther eine kleine aber - horrormäßig - feine Geschichte geschrieben, bei der jeder Satz sitzt. Man merkt ihre Begeisterung für das Gruselige und ihren Spaß bei der Entwicklung und dem Schreiben der Horrorszenarien.
Jetzt hoffe ich, dass Sonja Rüther das positive Feedback, welches sie nicht nur von mir sondern auch von anderen Rezensenten erhält, zum Anlass nimmt und sich weitere Märchen vornimmt und auf ihre ganz spezielle Art umschreibt. Denn "die Wahrheit gehört ans Licht!" ;-)

© Renie

Eine Spur aus Frost und Blut
Autorin: Sonja Rüther
Verlag: dotbooks
ISBN: eBook 978-3-95824-425-2

Der Verlag über die Autorin:
Sonja Rüther, geboren 1975 in Hamburg, betreibt in Buchholz/Nordheide einen Kreativhof („Ideenreich – der Kreativhof“) und den Verlag „Briefgestöber“.
Bei dotbooks veröffentlichte Sonja Rüther bereits den Thriller „Blinde Sekunden“, die Horror-Story „Eine Spur aus Frost und Blut“ und die von ihr herausgegebene Anthologie „Aus dunklen Federn“, in der neben ihr auch Autoren wie Markus Heitz und Thomas Finn ihre schwärzesten Seiten zeigen.

Die Website der Autorin und Herausgeberin: www.briefgestoeber.de
Die Autorin und Herausgeberin im Internet: www.facebook.com/sonja.ruther.1

Quelle: dotbooks


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