Donnerstag, 5. November 2015

Rudyard Kipling: Über Bord (Edition Büchergilde)

Bis vor Kurzem war mir nicht bewusst, wie besonders die Bücher des Verlages "Edition Büchergilde" sind. Geht man auf die Webseite des Verlages, liest man Begriffe wie "Gute mit dem Schönen verbinden", "Inhalte und Form werden zu mehr als Buchstaben und Papier", "ein besonderes Buch gestaltet Gedanken zum Genuss". Das ist hört sich gut an, klingt aber verdächtig nach werbewirksamen "Marketing-Deutsch". 

Als ich dann den Klassiker "Über Bord" von Rudyard Kipling in der Post hatte, wurde mir bewusst, dass jedes Wort der Beschreibung auf der Verlagsseite zutrifft.
Kipling hat dieses Buch bereits 1897 geschrieben. Die Edition Büchergilde hat diesen Roman anlässlich des 150. Geburtstags Kiplings in diesem Jahr in ihr Programm genommen. Dabei ist ihr eine wunderschöne Ausgabe gelungen, die das Herz des Bibliophilen höher schlagen lässt.


Worum geht es in diesem Buch?
Der 15-jährige Harvey ist der einzige Sohn des Multimillionärs Cheney senior. Dass er der Erbe eines Millionenvermögens, hat Harvey nicht gut getan. Er ist verwöhnt und verweichlicht, hat in seinem Leben noch keinen Finger gerührt. Arbeit ist für ihn ein Fremdwort.
"Wie viele andere unglückliche junge Leute hatte Harvey nie im Leben einen direkten Befehl erhalten - jedenfalls nie ohne lange und manchmal tränenreiche Erläuterungen der Vorzüge des Gehorchens und der Gründe für die Forderung. Mrs. Cheyne lebte in der Furcht davor, sein Gemüt zu knicken, was vielleicht der Grund dafür war, dass sie selbst ständig am Rand eines Nervenzusammenbruchs wandelte." (S. 20)
Bei der Überfahrt mit einem Passagierdampfer von Amerika nach Europa, wird Harvey über Bord gespült und gilt von da an als verschollen. 


Er hat jedoch Glück: er wird von dem Kabeljaufischer „We’re Here“, der sich auf dem Weg zu den Fischgründen nach Neufundland befindet, aus dem Wasser gezogen. Da die Fangsaison gerade erst begonnen hat, ist Harvey gezwungen, die nächsten Monate auf der „We’re Here“ zu verbringen und sich an das harte Leben auf See anzupassen. Er wird Bestandteil der Crew und muss sich seinen Unterhalt mit harter Arbeit verdienen. Mit der Zeit gewinnt er den Respekt der anderen Seeleute. Nachdem die "We're Here" endlich nach mehreren Monaten wieder in ihrem Heimathafen einläuft, ist aus Harvey ein anderer geworden. Das harte Leben auf See hat ihn zu einem ernsthaften und pflichtbewussten jungen Mann heranreifen lassen. 

Gleich vorweg: dieses Buch lässt sich nicht leicht lesen. Es ist eine Herausforderung, da es mit unzähligen Fachtermini aus der Seefahrt gespickt ist. Viele Fachbegriffe werden zwar in Randnotizen erklärt. Nichtsdestotrotz gibt es genügend nautische Begriffe, die für die Landratten unter den Lesern, schwer verständlich sind. Hinzu kommt noch, dass die Gespräche der Seeleute in ihrem jeweils eigenen Dialekt wiedergegeben werden. Da muss man sich beim Lesen schon sehr konzentrieren, um zu verstehen, was gemeint ist. 
"Es hätte der Fliegende Holländer selbst sein können, so wirr, verfitzt und vernachlässigt war jedes Reep und jede Spiere an Bord. Das altmodische Achterdeck war vier oder fünf Fuß hoch, und die Takelage war knotig und verflochten wie Tang am Ende eines Kais. Sie lief vor dem Wind - wobei sie furchtbar ausscherte -, das Stagsegel war heruntergefiert und diente als eine Art Extrafock - "skandaliert", wie man es nannte - und der Segelbaum war querschiffs weggefiert." (S. 107)
Einmal auf diese sehr spezielle Sprache eingelassen, befindet man sich plötzlich in einer anderen Welt. Man erlebt die Atmosphäre auf See fast körperlich und kann sich in die Stimmungen auf einem Fischerboot bestens hineinversetzen. 

Bei Kipling ist auch sehr viel Ironie im Spiel. Man hat oft den Eindruck, dass Kipling manche Sätze mit einem „Augenzwinkern“ geschrieben hat. Das macht beim Lesen einfach Spaß, da trotz des harten Lebens, das hier geschildert wird, der Humor nicht zu kurz kommt.

Diese Ausgabe von „Über Bord“ ist ein Buch für die Sinne:

Sehen: Dieses Buch ist mit wundervollen Illustrationen versehen. Christian Schneider, ein freier Illustrator aus Hamburg, gelingt es, mit seinen Zeichnungen die einzigartige Atmosphäre auf See wiederzugeben. Eine Besonderheit ist die gefaltete Seekarte, die im Einband dieses Buches steckt und die man sich beim Lesen immer wieder gern ansieht - ganz einfach, um die Route der "We're Here" nachzuverfolgen. 

Schmecken, Hören und Riechen: Durch die spezielle Sprache mit ihren Fachbegriffen und Dialekten, die aber gleichzeitig sehr bildhaft ist, wird in diesem Roman eine besondere Stimmung vermittelt, die einen in das Leben auf See hineinversetzt. Man riecht und schmeckt die salzige Seeluft, man hört das Tosen des Meeres und man vernimmt jedes einzelne Knarren und Knarzen an Bord.
"Hoch und höher stieg das Vorschiff, stöhnend und hievend und bebend, und sauste dann mit einem sauberen, sichelartigen Hieb hinab in die Seen. Er konnte den Bug schneiden und malmen hören und dann die Pause, ehe das zerteilte Wasser oben auf dem Deck niederging wie eine Schrotsalve. Es folgte das wohlige Reiben des Ankertaus in der Klüse; ein Knurren und Quietschen vom Spill; ein Gieren, ein Stoßen und ein Auskeilen, und die We're Here rappelte sich auf, um die Bewegungen zu wiederholen." (S. 89)
Fühlen: Dieses Buch in den Händen zu halten, ist ein Genuss:
  • Bedrucktes Leinen mit Einstecktasche auf dem Buchdeckel und Seekarte
  • Fadenheftung
  • Lesebändchen
  • gesetzt in Bodoni
  • vierfarbiger Druck auf das Papier Schleipen Fly 02
Da wird jedes Umblättern zu einem Erlebnis - der Bibliophile wird verstehen, was ich meine ;-)

Dieses Buch endet mit einem umfangreichen Nachwort, das Gisbert Haefs, der Übersetzer dieses Romans, geschrieben hat. Darin beschreibt er das Leben und das Werk Rudyard Kiplings sowie die Entstehung dieses Buches, das 1897 erstmalig veröffentlicht wurde. Man erfährt, dass es Momente in Kiplings Leben gab, in denen er wie ein Popstar gefeiert wurde. Es gab jedoch auch genügend Kritiker, die seine Bücher angezweifelt haben. 1907 erhielt Kipling als erster Engländer den Nobelpreis für Literatur. Rudyard Kipling starb 1936 in London.

Fazit: Der spannende Plot, in Kombination mit der atmosphärischen Sprache und der beeindruckenden Gestaltung haben mir ein großartiges Leseerlebnis beschert. Klare Empfehlung an jeden Leser, der ein wunderschönes und besonderes Buch zu schätzen weiß. 


© Renie



Über Bord
Autor: Rudyard Kipling
Verlag: Edition Büchergilde
ISBN 978-3-86406-060-1


Der Verlag über den Autor:

Rudyard Kipling wurde 1865 als Sohn des englischen Kurators John Lockwood und dessen Frau Alice Macdonald in Bombay geboren. Er besuchte die eine Schule in England und kehrte später nach Indien zurück. Dort arbeitete er als Journalist und Schriftsteller und wurde bald zum beliebtesten und millionenfach gelesenen englischen Auto. Mit seinen beiden „Dschungelbüchern“ und dem Roman „Kim“ gelangte er zu Weltruhm und wurde 1907 als erster Engländer mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er starb 1936 in London. (Quelle: Edition Büchergilde)

Kommentare:

  1. Wow, was für eine Präsentation - sehr schön! Auch wenn das Buch mich überhaupt nicht anspricht, verstehe ich was Du meinst. Mir gefallen die Bücher aus der Büchergilde auch sehr gut! :)

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    1. Dies war tatsächlich mein erstes Buch der Büchergilde. Jetzt verstehe ich, was gemeint ist, wenn "ehrfürchtig" über diese Bücher gesprochen wird 😉

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  2. Hallo, deine Rezension hat mir sehr gut gefallen. Das gibt es ja mittlerweile eher selten, dass Bücher auch visuell und haptisch so gelungen sind wie dieses hier.
    LG
    Ina

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    1. Danke, Ina. Ich werde mich wohl von jetzt an intensiver mit der Büchergilde befassen. Mal sehen, welche Schätze es sonst noch in ihrem Programm gibt.

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