Freitag, 20. November 2015

Doris Luser: Ich ritt Gaddafis Pferde

Ich und ein Buch über Pferde? Wenn mir jemand vor einiger Zeit gesagt hätte, dass ich ein Pferdebuch lesen würde - und das auch noch mit Hochgenuss – den hätte ich für verrückt erklärt. Ich bin weder Pferdefreund noch Pferdehasser. Ich bin eher pferdeneutral. Warum sollte ich ein Buch über Pferde lesen? Ich habe dieses Buch gelesen, weil Doris Luser viel mehr zu erzählen hat als von ihren Erlebnissen mit Gaddafi's Pferden: Es ist die faszinierende Geschichte einer Österreicherin, die für einige Jahre allein in Libyen gelebt hat – ein islamisches Land, das durch die Politik seines langjährigen Staatsoberhauptes Gaddafi geprägt worden ist und dessen Bevölkerung unter einem langjährigen Bürgerkrieg leidet. Ein Land, das man nicht mit Toleranz gegenüber Frauen und anderen Religionen in Verbindung bringt. Ich habe mich gefragt, wie es eine westeuropäische selbstbewusste und emanzipierte Frau in diesem Land aushalten kann? Das Buch liefert die Antworten.










Worum geht es in dem Buch?
Doris Luser lebte fünf jahre in Libyen. Als passionierte Reiterin und durch ihre Liebe zu Pferden erhält sie Zugang zu Kreisen, die anderen Ausländern verschlossen bleiben. Sie erlebt ein Libyen, das andere niemals in dieser Form kennenlernen dürfen. Mit dem Buch "Ich ritt Gaddafis Pferde" hat sie ihre einzigartigen Erlebnisse niedergeschrieben und eröffnet somit dem Leser Einblicke in eine fremde und faszinierende Welt.

Wenn man das Buch beginnt, ist man als Leser sofort mittendrin im Geschehen. Doris Luser hält sich nicht lange mit einer Einleitung auf. So wie sie sich von einem Moment auf den anderen in einem neuen Kulturkreis befindet, so ist der Leser sofort von der Geschichte gepackt. Man spürt die anfängliche Einsamkeit und das Gefühl der Verlorenheit von Doris. Ihr Apartment – sie nennt es scherzhaft „Alcatraz" – ist nicht sehr einladend, die Menschen mit denen sie es anfangs zu tun hat, wirken seltsam teilnahmslos. Alles ist fremd.
"Ich sage ihm, dass ich mir irgendwie betäubt vorkomme, wie unter einem Glassturz, ich kann es gar nicht genau erklären, und er erwidert, dass ich wohl einen Kulturschock habe. Wie? Jetzt schon? Ich habe doch noch gar nichts gesehen von diesem Land! Huh, wie geht das denn weiter?"
Mit den ersten Freunden und Bekannten fängt Doris an, sich in ihrer Umgebung einzuleben. In Camp Regatta, einer Siedlung, in der sie ihre Wohnung hat, leben hauptsächlich Expatriates - also Angehörige international tätiger Unternehmen, die für eine gewisse Zeit ins Ausland gesendet werden. Ihr neuer Freundeskreis setzt sich hauptsächlich aus Botschaftsangehörigen verschiedener Nationen und Arbeitskollegen zusammen. Das Leben, das dieser Personenkreis in Libyen führt, erinnert mich sehr stark an das Auftreten der Briten in Indien z. Zt. des Kolonialismus. Es ist von Dekadenz und Luxus geprägt. Durch Doris' Kontakte zu ihren Botschafterfreunden hat sie auch Zugang zu Angehörigen des libyschen Geheimdienstes und Militärs, die sich ebenfalls in diesen Kreisen bewegen. Diese Beziehungen ermöglichen ihr irgendwann den Zugang zum legendären Reitstall Forusia. Hier werden die Pferde Gaddafis' trainiert und auf internationale Wettkämpfe vorbereitet - für die Tierfreundin und Pferdenärrin Doris das Paradies auf Erden. Der Reitsport in Libyen ist eine Männerdomäne. Aber durch ihre besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Pferden hat Doris sich schnell den Respekt der anderen Reiter verdient. Sie wird akzeptiert und hat auf einmal die Gelegenheit - genauso wie der Leser mit ihr - Seiten vom Leben in Libyen kennenzulernen, die anderen Ausländern verwehrt bleiben.


Mir ist direkt anfangs bewusst geworden, dass das Bild, das man von Libyen hat, sehr stark durch die aktuelle Berichterstattung der Presse geprägt ist. Nur, Libyen, wie es heutzutage beschrieben wird, hat wenig mit dem Libyen gemein, das die Autorin während ihres Aufenthaltes kennengelernt hat. Als Leser erwartet man Elend, Krieg, chaotische Zustände. Doch Doris hat ein Land kennengelernt, dessen Bevölkerung es unter Gaddafi’s Regime nicht so schlecht ging, wie es heute der Fall ist. Es gab so gut wie keine Armut, keine Steuern, der Diktator sorgte für sein Volk.
"Also stelle ich das Moped ab, lasse mir im Supermarkt ein Baguette schenken, denn Brot wurde von Gaddafi subventioniert, wie alle Grundnahrungsmittel. (Der an europäischen Regierungshöfen gern gesehene Gast verstaatlichte auch das Öl und Strom war umsonst; auch gab es keine Zinsen auf Kredite und keine Auslandsschulden - kein Wunder bei 50 Milliarden Petrodollars pro Jahr! (Anm.: 40 Jahre Durchschnitt bei einem Ölpreis von 20 - 140 USD)! Gaddafi organisierte die kostenlose Gesundheitsfürsorge und Wohnen in modern gebauten Wohnblöcken war frei, so wie die Landwirtschaft. Er schaffte für nordafrikanische Verhältnisse den höchsten Lebensstandard,...)"
Doris Luser erzählt ihre Geschichte mit viel Humor und weiblichem Charme. Gerade für eine Frau in einem arabischen Land ist der Alltag mit vielen Fettnäpfchen versehen. Doch egal, wie tief diese Fettnäpfchen sind, sie schafft es immer, der jeweiligen Situation etwas Komisches abzugewinnen. Das macht Spaß. Einer ihrer ärgsten Kritiker ist ihre "Innere Stimme", die immer dann mit einem Spruch auftaucht, wenn sie diese gerade gar nicht gebrauchen kann.

In Doris findet auch ständig ein Kampf zwischen ihrem Herzen und ihrem Verstand statt. Ihr Verstand findet dabei Unterstützung in ihrer Freundin Susi. Susi scheint die heimliche Herrscherin der ausländischen Society zu sein. Bei den von ihr ausgestatteten Empfängen und Bällen, hat man den Eindruck, dass sie Hof hält. Susi lebt schon sehr lange in Libyen, keine beherrscht die Regeln des Zusammenlebens mit den Libyern so wie sie. Von ihr erhält Doris einige Ratschläge, wie sie sich im Umgang mit den Libyern - insbesondere den Männern - zu verhalten hat. Leider widersprechen diese Ratschläge häufig dem, was ihr Instinkt sagt, so dass in ihr ein ständiger Kampf zwischen Herz und Verstand stattfindet.
"'Also Schätzchen, benimm dich nach ihren Regeln, schau ihnen nicht direkt in die Augen, sondern züchtig zu Boden, reiche ihnen nicht zuerst die Hand, sprich nur, wenn du etwas gefragt wirst, sei schamvoll, verhalte dich kühl, schüchtern und scheu, kurz - flirte nie! Bemerkt der Araber bei dir eine freundliche Geste bildet er sich sofort ein, dass du verliebt in ihn bist!'"
Das Buch liest sich sehr angenehm. Der Sprachstil ist flüssig. Es gibt einen ständigen Wechsel zwischen Tierszenen und den Erlebnissen der Autorin im Umgang mit Freunden, Bekannten, Geheimdienst etc. Bemerkenswert ist auch die Entwicklung, die Doris Luser im Laufe der Zeit mitmacht und die man auch der Stimmung in der Geschichte anmerkt. Anfangs wirkt sie unbeschwert, unvoreingenommen und neugierig. Doris hat keine Ahnung, worauf sie sich mit ihrem Aufenthalt in Libyen einlässt. Von dem Moment an, wo sie die Verantwortung für "ihre" Pferde übernimmt, erhält die Erzählung eine Ernsthaftigkeit, die mir vorher nicht bewusst war.

Die Geschichte ist vielschichtig. In erster Linie las ich das Buch, weil ich erwartet habe, dadurch eine andere, als von der Presse vermittelte Sichtweise auf das Leben in Libyen kennenzulernen. Meine Erwartungen sind hier mehr als erfüllt worden.

Aber tatsächlich waren die Pferdeszenen für mich das ganz besondere Highlight in diesem Buch. Man spürt die Leidenschaft der Autorin und die besondere Verbindung, die sie zu den Pferden hat. Sie schafft es mit ihrer Sprache einen Zauber zu schaffen, der mir ganz besondere Lesemomente beschert hat.
"Neaba macht keine Anstalten, sich zu beruhigen, er sieht aus wie nass gespritzt. Ganz grau ist sein Fell, so sehr schwitzt er von seinen Anstrengungen, besser gesagt, ist er außer sich vor Freude, sich bewegen zu können. Erst nach einer langen Weile wird er ruhiger, trabt in wunderschönem Gang, aufgeregt schnaubend und mit hoch aufgestelltem Schweif, seine Runden, stoppt abrupt ab und lässt sich wieder fallen. Sand vermischt sich mit Schweiß. Sogleich springt er wieder auf, um zu steigen, dabei fuchtelt er wild mit den Vorderbeinen in der Luft herum. Es ist ein wunderschönes Bild und ich könnte ihm noch stundenlang zusehen."
Fazit: Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt. Es ist die Geschichte einer Frau, die auf sehr humorvolle und unterhaltsame Art von einem außergewöhnlichen Abenteuer zu berichten weiß. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der sich für andere Länder und Kulturen interessiert ist und gewillt ist, über den "westeuropäischen Tellerrand" hinauszuschauen.

© Renie


Ich ritt Gaddafis Pferde: Das Erlebnis meines Lebens
Autorin: Doris Luser
ISBN: 978-1516891009


Kommentare:

  1. Eine wunderbare Rezi, liebe Renie, vielen Dank.

    Daran sieht man doch aber, dass wir hier keine unabhängige Presse haben. Es wird regelrecht gesteuert, was wir uns über andere Länder für eine Meinung bilden.

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  2. Ich bin auch kein besonderer Pferde-Fan und hätte vermutlich wegen des Titels nie zu diesem Buch gegriffen. Aber nun ist meine Neugier doch geweckt :-)
    Liebe Grüße
    Ina von http://inasbuecherkiste.blogspot.de

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  3. Das kommt auf meine Wunschliste. Denn du hast vollkommen recht, ein anderer Blick erweitert Horizonte ungemein.

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