Sonntag, 22. Dezember 2019

Helga Flatland: Eine moderne Familie

Quelle: Pixabay/eommina
Norwegen war in diesem Jahr das Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Wie zu erwarten ist der Buchmarkt daher mit vielen Veröffentlichungen norwegischer Autoren geflutet worden. Viele haben gejubelt. Ich nicht. Denn ich werde mit der norwegischen Literatur einfach nicht warm. Und ich versuche es seit Jahren. So auch in diesem mal wieder. Nach mehreren Enttäuschungen bzw. mittelmäßigen Leseerlebnissen, bin ich nun endlich auf den einen Roman gestoßen, der mich mit allem versöhnt, was ich bisher aus Norwegen gelesen habe. Mein persönlicher Gral unter den modernen norwegischen Romanen ist für mich "Eine moderne Familie" von Helga Flatland.

Dieser Roman ist weder reißerisch noch spektakulär, weder spannend, noch beschäftigt er sich mit abstrusen Problemen der Protagonisten, die fernab jeglicher Realität sind (die Probleme, nicht die Protagonisten).
Nein, er ist wohltuend unspektakulär. Ein Roman, der aus dem Leben gegriffen ist. Denn hier geht es um - wie der Buchtitel schon sagt - eine modernen Familie.

Wobei ... einen spektakulären Aspekt gibt es: gleich am Anfang eröffnen die, seit über 40 Jahren verheirateten Eltern ihren erwachsenen Kindern bei einem gemeinsamen Urlaub anlässlich des 70. Geburtstags des Vaters, dass sie sich trennen werden.
"'Es ist eine wohlüberlegte Entscheidung. Wir haben beide ein Gefühl von Leere, daß wir aus einander und aus dieser Ehe alles herausgeholt haben, was möglich war. ... Wir sehen im anderen keine Zukunft mehr.'"

Quelle: Weidle
Der Roman beginnt also mit einem Paukenschlag. Nun sollte man meinen, dass mit dem, was folgt, genüsslich auf die Ehe der beiden Eltern eingegangen wird bzw. auf die Entwicklung der Beziehung des Ehepaares. Schließlich will man doch wissen, was die Beiden dazu getrieben hat, ihre 40-jährige Ehe ad acta zu legen. Jeder andere Familienroman hätte sich mit der Beantwortung dieser Frage befasst. Amerikanische Autoren sind z. B. ganz groß in der Abhandlung dieser Thematik. Aber die Norwegerin Helga Flatland konzentriert sich in dem, was nach dem Paukenschlag kommt, auf die anderen Familienmitglieder: Zwei Töchter, Liv und Ellen sowie Håkon, der Sohn. Hier geht es also um die "Scheidungskinder" - auch wenn diese schon erwachsen sind und eigene Familie bzw. Partner haben.
Diese drei Charaktere gehen unterschiedlich mit der Ankündigung ihrer Eltern um.
Liv, die Älteste, selbst Mutter von 2 Kindern, glücklich verheiratet, kommt am wenigsten damit zurecht. Sie empfindet die Trennung ihrer Eltern als persönlichen Angriff auf ihr eigenes Lebensmodell, welches sie dem ihrer Eltern nachempfunden hat: Die Familie steht im Mittelpunkt des Lebens und gibt gleichzeitig den Rahmen vor, innerhalb dessen man sein Leben gestaltet.
"'Wir hören nicht auf, ohne es zu Ende zu bringen, wie viele Male habt ihr nicht Varianten dieses Ausspruchs von sowohl Mama als auch Papa gehört? Aber selbst geben sie einfach auf, auf der Zielgeraden - schmeißen alles über Bord, wofür sie gestanden haben, was sie gepredigt und hervorgebracht haben. Doch, das ist falsch, und es ist ein Verrat an uns, die wir sie ernst genommen haben, die zugehört und tatsächlich versucht haben, nach den Werten, die sie uns ständig einbleuten, zu leben.'"
Ellen hingegen reagiert mit Unverständnis und Zorn. Doch eigentlich ist sie zornig auf sich selbst, da sie als Frau versagt (ihre Gedanken). Denn Ellen versucht mit ihrem Lebensgefährten Nachwuchs zu bekommen. Scheinbar strebt sie ebenfalls das Lebensmodell ihrer Eltern an. Sie scheint aus ihrer Erziehung mitgenommen zu haben, dass zum Leben Kinder dazugehören bzw. Kinder erst eine Beziehung komplett machen. Dass ihre Beziehung zu ihrem Partner kinderlos bleibt, empfindet sie als persönliches Versagen. Dieser Gedanke zerrüttet sie. Obwohl Ellen eine moderne und selbstbewusste Frau ist, nimmt sie es als selbstverständlich, dass frau sich hautsächlich über die Mutterrolle definiert.
Dann haben wir noch den "Kleinen", Håkon, der eine monogame Partnerschaft ablehnt und sich dem traditionellen Familienbild gegenüber verweigert. Er will sich nicht binden, denn eine Bindung versteht er als Fremdbestimmung, die seinen Freigeist einschränkt. Er ist quasi der Hippie-Typ, der freie Liebe und Selbstverwirklichung predigt.

Der Roman behandelt die Jahre nach der unglaublichen Veröffentlichung der Eltern und konzentriert sich dabei auf die Kinder, die sich langsam mit der Trennung ihrer Eltern arrangieren. 
Die Erzählperspektiven wechseln innerhalb der drei Kinder. Dadurch gewinnen wir einen Eindruck, wie unterschiedlich man "Familie" betrachten kann.
Die drei Charaktere versuchen, ihren eigenen Begriff von Familie zu leben: Liv, die als Muttertier nach Perfektion strebt; Ellen, die unbedingt Muttertier sein möchte; Håkon, der sich selbst als Familie genug ist. Ob alles so läuft, wie sie es sich vorstellen? Wohl kaum.

Was mich an dem Buch gefesselt hat, waren die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen man eine Familie betrachten kann. Hier wird das Thema "Familie" von allen Seiten beleuchtet. Soziologisch gesehen ist Familie nicht mehr als eine Lebensgemeinschaft, die auf verwandschaftlichen Verhältnissen beruht. Doch die Realität ist komplexer. Und die drei Trennungskinder dieser Familie zeigen, wie kompliziert "Familie" sein kann, und wie unterschiedlich "Familie" wahrgenommen wird.  

Helga Flatland spricht mir, einem Familienmenschen, damit aus der Seele und macht diesen Roman zu einem sehr persönlichen Roman. Ich bin begeistert!

© Renie


Sonntag, 8. Dezember 2019

Shobha Rao: Mädchen brennen heller

Quelle: Pixabay/dileepp89
Wer sich mit meinen Rezensionen beschäftigt, weiß, dass ich Bücher liebe, die mich in eine fremde Kultur entführen. Eine dieser Kulturen, die für mich jedoch bis jetzt völlig rätselhaft ist und vermutlich auch bleiben wird, ist die indische Kultur. Das liegt mit Sicherheit nicht an der Qualität der Bücher, die ich über Indien gelesen habe. Ganz im Gegenteil: ich habe schon viele indische Leseschätze entdeckt. Aber das Leben und der Alltag in Indien, der mir hier präsentiert wird, zeigt selten Gemeinsamkeiten mit dem europäischen Leben, also dem Leben wie ich es lebe. Ich schwanke häufig zwischen Faszination über Exotik und gleichzeitig Irritation über Schilderungen, die ich als indische Realität wahrnehme. Einer dieser Romane ist "Mädchen brennen heller" der indischen Autorin Shobha Rao. Man verstehe mich nicht falsch. Dieser Roman ist grandios geschrieben. Ich habe ihn verschlungen. Doch er verdeutlicht mir einmal mehr, dass ich wohl behütet inmitten einer Wohlstandskultur aufgewachsen bin, was man von den Protagonistinnen dieses Romans nicht behaupten kann.
In diesem Debütroman der jungen Autorin, die im Alter von 7 Jahren mit ihren Eltern von Indien nach Amerika ausgewandert ist, geht es um die Geschichte zweier Mädchen, deren Freundschaft den Rahmen für die eigentliche Handlung bildet.
Quelle: Elster und Salis
"Was für Idiotinnen wir doch alle sind. Wir Mädchen. Angst vor den verkehrten Sachen, zur verkehrten Zeit. Angst vor einem verbrannten Gesicht, wenn doch draußen, dort draußen, Feuer auf dich warten, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Männer, die ein Zündholz an deine benzingetränkten Kleider halten. Flammen, Flammen rings um dich, die deine eben erst entstandenen Brüste auffressen, deinen eben erst blutenden Körper. Und Flammenmeere, weit wie die Welt. Die darauf warten, dich zu vernichten, dich zu Asche zu machen - und selbst der Wind, sogar der Wind, meine Kleine, schaut dir beim Brennen zu, will es, weht über dich hinweg und durch dich hindurch. Verstreut dich, weil du ein Mädchen bist und weil du Asche bist." 
"Mädchen brennen heller" ist ein moderner Roman. Er spielt in unserer Zeit. Kaum zu glauben. Denn eigentlich hätte diese Geschichte auch vor eingen Hundert Jahren passieren können.

Eines der Mädchen in diesem Roman ist Purnima, genannt Puri. Sie lebt als Älteste von 5 Geschwistern mit ihrer Familie in einem kleinen indischen Dorf. Die Familie ist arm, der Vater bestreitet den Unterhalt der Familie als Weber. Die Mutter ist vor einiger Zeit verstorben. Daher nimmt Puri die Funktion der Köchin, Putzfrau und Erzieherin der Kleinen im Haushalt ihres Vaters ein. Puri ist mit ihren 16 Jahren schon längst im heiratsfähigen Alter. Daher bietet ein Heiratsvermittler sie auf dem freien Heiratsmarkt zum Verkauf an. Nur dass derjenige, der sie nimmt, nicht für sie bezahlen muss. Nein, der potenzielle Ehemann kriegt nicht nur ein, hoffentlich in jeder Hinsicht williges Frauchen, das für sein Wohlbefinden und das seiner Familie sorgt. Er bekommt auch noch Geld dafür, dass er dem Vater der Braut, die Tochter abnimmt. Denn Frauen sind in diesen Gesellschaftsschichten Indiens eine Belastung. Sie sind wertlos, ein nutzloser Esser zuviel. Ein Vater ist froh, wenn er seine Tochter los ist, was er sich daher etwas kosten lassen muss. Als Ehemann wird mann dafür entschädigt, dass mann dem Schwiegervater die Belastung abnimmt. Und als Frau kommt frau vom Regen in die Traufe. War sie in Vaters Haushalt als Putzfrau und Köchin für Vaters Wohlbefinden zuständig - Misshandlungen inklusive - ist sie jetzt für das Wohlbefinden des Ehemanns und dessen Familie zuständig - ebenfalls Misshandlungen inklusive. Wenn der Vater dann noch seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinem Schwiegersohn nicht nachkommt, läuft es richtig mies für die Frau.
So geschehen bei Puri.
"Da lachte ihr Vater kurz auf. 'So ist das doch mit Mädchen, oder?', sagte er. 'Wann immer sie am Rand von irgendwas stehen, kannst du einfach nicht anders. Du denkst: Ein Stoß. Mehr bräuchte es nicht. Nur ein kleiner Stoß.'"
Doch für Puri lief nicht immer alles schlecht. In der Zeit vor ihrer Eheschließung lernt sie Savita kennen, die kurzzeitig für Puris Vater am Webstuhl arbeitet. Puri und Savita sind ungefähr im gleichen Alter. In kürzester Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Mädchen eine zarte Freundschaft. Sie träumen gemeinsam von einem besseren Leben. Denn auch Savita kommt aus einer armen Familie, noch ärmer als die von Puri. Savita ist ganz anders als Puri. Sie ist selbstbewusster, wirkt unabhängiger, ist ein fröhlicher Mensch. Ein Stück weit gelingt es ihr, Puri mit ihrer Lebensfreude anzustecken. Doch der gemeinsame Weg der beiden Mädchen trennt sich nach kurzer Zeit. Sie verlieren sich aus den Augen. Beide werden vom Schicksal gebeutelt. An der Dominanz der Männer in ihrem Leben wird sich nichts ändern. Und wenn man als Leser glaubt, dass die beiden Mädchen bisher in ihrem Leben genug mitgemacht haben, wird man eines Besseren belehrt. Denn schlimmer geht in Indien scheinbar immer.
Die beiden Mädchen schildern ihren Weg unabhängig voneinander. Die Autorin Shobha  Rao widmet große Abschnitte dieses Romans dem jeweiligen Mädchen, in dem es sie erzählen lässt, was das Leben und insbesondere die Männer mit ihr machen. Der Alltag der Mädchen ist von Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung geprägt. In dieser patriarchalischen Gesellschaft ist ihr Leben keinen Pfifferling wert, und das bekommen sie in jeglicher Form zu spüren. Trotz aller Verzweiflung und Mutlosigkeit gibt es jedoch immer wieder den kleinen Funken Hoffnung, der durch die Erinnerung an die Momente der Freundschaft der beiden Mädchen aufblitzt. Man sollte meinen, dass diese Hoffnungsfunken die Mädchen am Leben halten, auch wenn sie keinerlei Kontakt mehr zueinander haben und auch nicht wissen, was aus der anderen geworden ist.
Puri ist diejenige, die die Kraft aufbringt, sich auf die Suche nach ihrer Freundin zu begeben. Eine Aufgabe, die unlösbar erscheint.

Die Hoffnungsschimmer, in Form der Freundschaft der beiden Mädchen machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Denn in dieser Geschichte wird dem Leser stellenweise harter Tobak geboten. Es werden Grausamkeiten geschildert, die fernab jeglicher Vorstellungskraft liegen. Und so, wie die beiden Mädchen diese Situationen, dank der Erinnerung an ihre Freundschaft, überstehen, nimmt man als Leser diese kleinen Momente der Hoffnung dankbar an. Denn sie werden mit einer Poesie geschildert, die sich wie Balsam auf die Leserseele legt.

Der Sprachstil von Shobha Rao ist über weite Strecken sehr gefällig und flüssig. Nichts, was den Leser großartig fordert. Wozu auch? Der Inhalt ist fordernd genug. Aber dennoch gibt es diese kleinen Momente im Text, die magisch sind. Hier ist ein Beispiel:
"Die Frau lächelte zurück. Und da - als die Frau lächelte, ihr winzigen Zähne zeigte, gar nicht groß, aber blendend, Perlen, die strahlendsten Perlen, als wären die Austern, denen sie entstammten, verliebt gewesen ..."
Bei aller Begeisterung für diesen Roman, gibt es doch den einen kleinen Wermuthstropfen: Man weiß leider von Anfang an, wie sich die Geschichte um die beiden Mädchen entwickeln und auf welches Ende dieser Roman hinauslaufen wird. Ich schreibe dies der Unerfahrenheit von Shobha Rao als Romanautorin zu. Der Verlauf der Handlung spricht dafür, dass das Grobgerüst der Geschichte bereits im Vorfeld stand und die Autorin dieses Gerüst anschießend mit Inhalt gefüllt hat. Das ist an sich nicht ungewöhnlich. Nur als Leser will ich überrascht werden, zumindest sollte die handwerkliche Tätigkeit des Schreibens nicht zu offensichtlich sein. Das ist hier leider der Fall.
Aber Schwamm drüber! Da dieser unglaubliche Roman mich gefesselt und beschäftigt hat, und ich jede Zeile verschlungen habe, bekommt er dennoch von mir eine Höchstwertung.

Leseempfehlung!

© Renie




Sonntag, 24. November 2019

André de Richaud: Der Schmerz

Quelle: Pixabay/Fruehlingswiese
Bei der Suche nach Hintergrundinformationen zu dem Buch "Der Schmerz" des Franzosen André de Richaud  bin ich über eine gewagte Aussage gestolpert: Scheinbar war dieses Werk der Grund dafür, dass  Albert Camus Schriftsteller wurde. Man mag es glauben oder nicht. Aber meine Neugier auf diesen besonderen Roman war geweckt.
Die Zeitgenossen Camus und de Richaud waren etwa gleich alt. Beide kamen aus der Provence. Und beide waren Schriftsteller. Wurde Camus zu Lebzeiten als Schriftsteller gefeiert - 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur -, musste de Richaud zeitlebens mit der Missachtung seines schriftstellerischen Könnens zurechtkommen. Erst heute, etwa 50 Jahre nach seinem Tod, findet de Richauds Werk nach und nach Beachtung. Besser spät als nie. Denn wer "Der Schmerz" gelesen hat, wundert sich nicht, warum Camus hier seine Inspiration gefunden hat.

De Richauds Roman führt uns in ein französisches Dorf in der Provence, zur Zeit des 1. Weltkrieges. Die Männer mussten in den Krieg ziehen. Der Alltag zuhause wurde von Frauen, Kindern und Alten bestimmt. In diesem Dorf lebt die Kriegswitwe Thérèse Delombre zusammen mit ihrem kleinen Sohn Georget. Sie hat eine Sonderstellung in dem Dorf, war sie doch mit dem Dorfadeligen verheiratet. Als Frau einfacher Verhältnisse hat sie mit ihm eine gute Partie gemacht. Nun ist er tot. Der Krieg war für ihn schnell vorbei, sein Leben somit leider auch.
Quelle: Dörlemann
"Selbst in den Furchen der vernachlässigten Felder schienen sich mehr Steine anzusammeln. Waren auch sie aus Angst vor dem Kanonenfeuer in dieses milde, sonnige Land gekommen? Wer weiß. Jedenfalls bemächtigten sich hier nach und nach Pflanzen, Vögel und Steine des männerverlassenen Dorfes, während sich an der Front alle der neuesten Mittel bedienten, die der menschliche Erfindergeist hervorgebracht hatte."
Die verwitwete Thérèse widmet nun all ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung ihrem kleinen Sohn. Als Witwe eines Adeligen genießt sie den Respekt der Dorfbewohner - noch, muss man leider sagen.
Thérèse fühlt sich einsam. Sie ist eine Frau, die mitten im Leben steht,  und ihr fehlen Liebe und Romantik. So überschüttet sie Georget mit Zärtlichkeiten, die sie an anderer Stelle nicht loswerden kann. Bis zu dem Moment, wo sie sich auf einen deutschen Kriegsgefangenen einlässt. Die beiden haben eine Liebesaffäre. Die Verbindung ähnelt einer Zweckgemeinschaft. Das Körperliche steht im Vordergrund, Gefühle werden vorgegaukelt. Zumindest Thérèse glaubt eine Zeitlang an die Aufrichtigkeit dieser Gefühle.
Georget ist auf einmal das dritte Rad am Wagen. Er vermisst seine Monopolstellung im Gefühlsleben seiner Mutter, was ihm allerdings nicht wirklich bewusst ist.

Und eines Tages passiert das, was passieren muss: Das Geheimnis um die Liebesaffäre zwischen Thérèse und dem Deutschen wird aufgedeckt. Vergessen ist der Sonderstatus, den Thérèse als angeheiratete Adelige im Dorf hat. Denn sie hat sich mit dem Feind eingelassen. Eine Todsünde. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
"Er kannte kein anderes Gesicht als das seiner Mutter, das oft vor Tränen glänzte, er liebte die Einsamkeit und stille Spiele. An der Gesellschaft gleichaltriger Jungen fand er keinen Gefallen, vergnügte sich stundenlang mit Bändern und Spitze und fuhr sich genüsslich mit der Zunge über die Lippen, wenn seine kleinen, stets sauberen Hände über Samt und Seide glitten. Gewiss hätte der Hauptmann, wenn er ihn so gesehen hätte mit gesenktem Blick, die Augen bereits dunkel vor Besorgnis, gegen die Mütter gewettert, die ihre Söhne zu mädchenhafter Schüchternheit erziehen. Aber der Hauptmann war im Krieg gefallen, und seine Frau machte in diesem Moment zu ihrer eigenen Freude und ihrer eigenen Qual, den Buben, den er ihr geschenkt hatte, zum Ebenbild ihres eigenen ruhelosen und verstörten Wesens."
Die Besonderheit an diesem Roman ist das Zusammenspiel zwischen den beiden Protagonisten Thérèse und Söhnchen Georget.
Thérèse ist eine Mutter, die ihrer Mutterrolle entweder zu sehr oder gar nicht gerecht wird. Anfangs überhäuft sie Georget mit ihrer Liebe. Sie trifft bewusst die Entscheidung, die Liebe, die sie einem Mann nicht geben kann, auf Georget zu übertragen. Das ist pervers. Sie verzärtelt ihren Sohn, sie bindet ihn an sich, sie vereinnahmt ihn komplett. Sie wird sogar eifersüchtig, wenn sie seine Zuneigung plötzlich mit anderen Menschen teilen muss. Natürlich kann Georget ihr nicht das geben, was ihr ein erwachsener Mann geben kann. Und als der deutsche Kriegsgefangene auftaucht, ist Georget abgeschrieben. Thérèses Muttersein reduziert sich plötzlich auf ein notwendiges Mindestmaß. Sie ist auf einmal nicht mehr Georgets Vertraute. Und auch er muss lernen, Zuneigung zu teilen. Aber als Sohn seiner Mutter kommt er mit dieser Situation nicht zurecht. Als Kind versteht er auch noch nicht genau, was gerade passiert. Er ahnt jedoch, dass das Verhalten seiner Mutter nicht angemessen ist und gegen den dörflichen Kodex von Sitte und Moral verstößt.
"Thérèse Delombre ahnte, dass er ihr bei der ersten Verfehlung ein erbarmungsloser und grausamer Richter sein würde und spürte zugleich, dass sie am Rande eines Abgrunds stand."
Die Dorfgemeinschaft ist die Hüterin von Sitte und Anstand. Bemerkenswert ist die feindselige Stimmung, die in diesem Dorf vorherrscht. Fast scheint es, dass die Dorfbewohner darauf lauern, dass ein Skandal eintritt, der sie berechtigt, sich als moralische Instanzen hervorzutun. Als alleinstehende Frau hat Thérèse keine Chance. Da ist jeder Fehltritt ein gefundenes Fressen. Und wenn dann noch Neid ins Spiel kommt, ob der gesellschaftlichen Stellung von Thérèse ist die Schadenfreude nicht weit, natürlich unter dem Deckmantel der Moral.

De Richaud lässt kein gutes Haar an seinen Charakteren. Die Menschen im Dorf sind scheinheilig. Thérèse strotzt nur so vor Egoismus und Einfältigkeit. Sie versagt völlig in ihrer Verantwortung ihrem Kind gegenüber. Georget entwickelt einen ähnlichen Egoismus wie seine Mutter. Einzig ihm kann man noch ein wenig Mitleid entgegenbringen, ist er doch das Opfer seiner Erziehung.

Bleibt noch der unglaubliche Sprachstil von De Richaud zu erwähnen, dessen Poetik, insbesondere, was die Beschreibung der Natur, Umgebung und Stimmungen angeht, verzaubert. Er lässt Bilder im Kopf entstehen, die die menschlichen Abgründe, die man beim Lesen entdeckt, dann doch nicht gar so tief erscheinen lassen. Faszinierend!

Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 17. November 2019

Roberta Bergmann & Selma Lagerlöf: Herrn Arnes Schatz

Märchenhaft, schaurig, schön … das sind die drei Attribute, die ich der erstmalig 1904 erschienenen Erzählung „Herrn Arnes Schatz“, geschrieben von Selma Lagerlöf, bescheinige. Die schwedische  Autorin war die erste Frau,  die den Literaturnobelpreis erhielt (1909). Bekannt ist sie hierzulande vermutlich eher durch ihr Buch „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“.
War die Geschichte um den putzigen Nils Holgersson für Kinder gedacht, sollten diese von "Herrn Arnes Schatz" jedoch die Finger lassen. Zu gruselig und schaurig.
Hier geht es um einen Raubüberfall mit viel Meuchelei, in dem die Gemeuchelten den Lebenden erscheinen – quasi als Unterstützung bei der Verbrechensaufklärung. Das Ganze eingebunden in das Schweden des 16. Jahrhunderts, vermutlich zur Zeit des 30-jährigen Kriegs, und schon haben wir eine spannende, gruselige und düstere Geschichte, die mich sehr an den Stil von Edgar Allan Poe, dem Großmeister der Gruselgeschichte, erinnert hat. Herrlich!
aus "Herrn Arnes Schatz"
von Roberta Bergmann (Ill.), Selma Lagerlöf
"Warum muss ich immerzu an die Dinge denken, die ich nicht erinnern will, dachte Sir Archie bei sich. Es ist, als würde jemand hinter mir herschleichen und sie mir einflüstern. Mir ist, als würde ein Netz um mich gesponnen, das alle meine Gedanken einfängt und mir nur diesen einen lässt, dacht Sir Archie. Ich sehe nicht, wer das Netz auswirft, aber ich höre seine schleichenden Schritte hinter mir."
Dieses Buch ist zudem eine Augenweide. Denn die Illustrationen von Roberta Bergmann lassen keine Fantasien offen. Sie bieten eine perfekte Untermalung der gruseligen Stimmungen, die in dem Text vermittelt werden. Ich weiß nicht, was ich mehr genossen habe. Den Text oder die Betrachtung der Illustrationen? Auf jeden Fall macht die Gestaltung von Roberta Bergmann dieses Buch zu einem gruseligen Großen und Ganzen, das keine Wünsche bei dem Grusel-affinen Leser offen lässt.
Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 10. November 2019

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Quelle: Pixabay
"Darum geht es, um Sarah die Unbekannte, Sarah das ehrliche Mädchen. Sarah die zurückhaltende Dame, Sarah die Fantasiefrau, Sarah die bizarre Frau, Sarah die einsame Frau."

Eben nicht. In dem Roman "Es ist Sarah" der französischen Autorin Pauline Delabroy-Allard geht es nicht nur um Sarah, sondern um eine zerstörerische Liebe zwischen 2 Frauen, wovon eine ebendiese Sarah ist. 
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eine der beiden Frauen: alleinerziehende Mutter, Lehrerin, die eines Tages im Kreis von Freunden Sarah kennenlernt. Die Violistin Sarah kommt wie ein Wirbelwind in das Leben der jungen und zurückhaltenden Frau. Aus freundschaftlicher Zuneigung wird Liebe. Die beiden leben ihre Liebe, fernab jeglicher Konventionen. Denn sie haben genug mit sich allein zu tun. Da ist es schwierig, den Alltag in ihre Beziehung zu lassen. Dennoch lässt sich der Alltag nicht ignorieren. Insbesondere die Ich-Erzählerin spürt die Schwierigkeiten, Liebe, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen.
Sarah lebt und liebt mit einer Leidenschaft, die die beiden Frauen emotional an ihre Grenzen bringt. Nach etwa einem Jahr nimmt ihre Liebe zerstörerische Ausmaße an, die kaum noch zu ertragen sind.
Quelle: FVA
"Manchmal wird sie verrückt. Verrückt vor Wut, dann verrückt vor Kummer. Sie beginnt zu schreien, sie wirft sich auf mich, zerkratzt mir das Gesicht mit einem monströsen Ausdruck auf ihrem. Sie ist schlimmer als die Hexe aus dem Märchen. Sie wirft mir alles Mögliche vor, ihr die Zeit zu stehlen, ihre Jugend zu stehlen, ihr die Vorstellung zu stehlen, die sie von klein auf davon hatte, wie sie ihr Leben führen sollte. Sie sagt es nicht, aber ich höre es, es klingt in meinen Ohren, Diebin, Diebin, Diebin."
Dieser Roman wird in zwei Teilen erzählt. Der erste Teil behandelt die leidenschaftliche und zerstörerische Beziehung der beiden Frauen. Im zweiten Teil geht es um die Konsequenzen auf das Seelenleben der Ich-Erzählerin, die völlig aus der Bahn geworfen wird, mit allem bricht, was ihr im Leben wichtig war und an dem emotionalen Schmerz, der durch die Beziehung zu Sarah verursacht wurde, zugrunde geht.

Die Beziehung der beiden Frauen wird von Lust, Leidenschaft, Zerstörung und Schmerz bestimmt. Dies sind auch die Begriffe, die die Geschichte und den Sprachstil der Autorin dominieren. Der Text strahlt ebendiese Begriffe aus, angefangen von der ersten bis hin zur letzten Zeile. Die Handlung reißt den Leser mit, wobei sich die Emotionalität unweigerlich auf den Leser überträgt. 
Manch einem Leser mag dies zuviel Gefühl und Leidenschaft sein. Hinzu kommt die detailgetreue Beschreibung der erotischen Begegnungen der beiden Frauen. Doch für mich ergibt dies ein stimmiges Bild: Denn erzählt wird die Geschichte einer leidenschaftliche Liebe in all ihren Facetten, beschrieben in einer hochemotionalen Sprache.

Leseempfehlung!

© Renie

Donnerstag, 7. November 2019

Charles Lewinsky: Der Stotterer

Quelle: Pixabay / nonmisvegliate
Ein Mann mit dem klangvollen Namen Johannes Hosea Stärckle sitzt eine Gefängnisstrafe ab. Eigentlich spielt sein Name keine Rolle, zumal der Leser auch nicht sicher sein kann, ob dieser Name echt ist. Daher mache ich aus diesem Mann einen Halunken, Gauner und Bösewicht. Dieser Bösewicht sitzt also im Gefängnis und schreibt sich Briefe mit dem Gefängnisgeistlichen. Er stottert, doch dafür kann er geradezu brillant mit dem geschriebenen Wort umgehen. Diese Brillanz erschließt sich schon nach den ersten Sätzen aus den Briefen, die der Gauner dem Geistlichen schreibt.
Man bekommt nur den einen Teil der Korrespondenz mit. Die Antworten des Pfarrers ergeben sich aus den Briefen des stotternden Halunken. Es scheint, dass der Pfarrer seine Brillanz im Umgang mit dem geschriebenen Wort ebenfalls erkannt hat. Zumindest animiert er ihn zum Schreiben. Der Bösewicht soll sein Leben niederschreiben, woran er auch mit der Zeit Geschmack findet. Aus den Briefen an den Pfarrer wird mehr: der Gauner beginnt Tagebuch zu schreiben, denkt sich Geschichten aus, die seine schriftstellerischen Qualitäten unter Beweis stellen. Was hat sich der Pfarrer nur dabei gedacht? Schreiben als Läuterung? Kaum zu glauben, dass sich ein Mensch wie der stotternde Halunke ändern kann. 
Quelle: Diogenes
"In Ihrer Amtszeit habe ich mich oft darüber lustig gemacht, dass Sie einen besseren Menschen aus mir machen wollten. Ein besserer bin ich nicht geworden, ein anderer bestimmt. Dank Ihnen. Vom stotternden Hochstapler zum Möchtegernautor. Wobei die Schriftstellerei auch eine Art Hochstapelei ist, nur eben gesellschaftlich anerkannt und nicht strafbar."
Natürlich fragt man sich, für welches Verbrechen er sich schuldig gemacht hat, dass er eine Haftstrafe verbüßen muss. Anfangs lässt sich nur spekulieren: wer so mit geschriebenen Worten umgehen kann, muss auch versucht haben, etwas aus seinem Talent zu machen – nur leider im moralisch fragwürdigen Sinne.

Trotz des regen Briefverkehrs sind es gar nicht so sehr die spirituellen Qualitäten des Geistlichen, die den Halunken inspirieren. Vielmehr ist es der Spaß daran, sich mit dem geistlichen Intellekt zu messen und sich an der eigenen Überlegenheit gegenüber dem Seelsorger zu erfreuen. Denn zur Religion hat der Bösewicht ein gestörtes Verhältnis. Kein Wunder, bei jemandem, der in einer Sekte aufgewachsen ist und unter den religiösen Ambitionen eines streng gläubigen Vaters sowie des Sektenführers gelitten hat. 
Aber den Inhalt der Bibel beherrscht er immer noch rauf und runter, was man auch seinen Briefen anmerkt, die er gerne mit Bibelversen versieht. Für jede Situation ein passendes Bibelzitat parat. Und was nicht passt, wird passend gemacht.
Die eigentliche Religion des Gauners scheint die Philosophie zu sein, sein Prophet ist Schopenhauer. Schließlich ist der Stotterer ein Zyniker. Da hat Schopenhauer, der für seinen messerscharfen und gnadenlosen Zynismus berühmt-berüchtigt war, einiges zu bieten. Auch hier hat der böse Bube bei Bedarf immer ein Schopenhauer-Zitat für seine Korrespondenz parat. Und wenn nicht, wird schnell eines erfunden.
"Es ist meine Erfahrung, dass Weltanschauungen ein kurzes Verfallsdatum haben. Sie ändern sich zwar nicht automatisch, wenn der Wind dreht, aber wenn ein Sturm aufkommt, egal, aus welcher Richtung, sind sie schnell weggeblasen. Feste Meinungen, die sich keiner neuen Wirklichkeit anpassen, scheinen mir auch nicht erstrebenswert. Sie sind etwas, an dem sich Dumme und Hilflose festhalten. Oder Märtyrer."
Nach und nach enthüllt sich das Bild von einem Mann, der einfach nur schrecklich ist. Er hat ein Höllenvergnügen daran, Menschen zu manipulieren und auszunutzen, was er selbst als Kunst empfindet. Zugegebenermaßen sind seine Methoden schon sehr fantasievoll. Man staunt, welche Gedanken und Pläne ein Mensch entwickeln kann, um einem anderen zu schaden – entweder aus Rache oder als Broterwerb. 

"Der Stotterer" ist ein moderner Roman. Er spielt in der heutigen Zeit, irgendwo in einer JVA in Deutschland. Und die Machenschaften des stotternden Bösewichts gehen auch im Gefängnis weiter. Schließlich gilt es zu überleben und sich den Gefängnisalltag so angenehm wie möglich zu gestalten. 
"Ich bin nicht, was ich schreibe, und ich schreibe nicht, was ich bin. Ich erfinde."
Er ist ungemein stolz auf seine schriftstellerischen Fähigkeiten. Und als Leser kann man ihm diese Brillanz uneingeschränkt bescheinigen. Er ist wandelbar, jede Geschichte aus seinem Leben – egal, ob erfunden oder wahr – ist anders erzählt. Der Halunke könnte alles schreiben: Liebesbrief, Krimi oder hochgeistige Literatur. Und diese Wandelbarkeit in der Sprache hat für mich eine besondere Faszination dieses Romans ausgemacht.

Der Autor Charles Lewinsky hat sich mit diesem Aspekt seines Protagonisten auf ein sehr riskantes Terrain begeben. Da darf man sich als Autor keine schriftstellerischen Schwächen erlauben. Wer vorgibt, dass sein Protagonist schriftstellerisch brillant ist, muss auch den Beweis dafür liefern. Und das ist Lewinsky ohne Zweifel gelungen. 

Leseempfehlung!

© Renie



Mittwoch, 9. Oktober 2019

Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten

Quelle: Pixabay/PublicDomainPictures
Am 4. April 1968 erschoss James Earl Ray im amerikanischen Memphis den Bürgerrechtler Martin Luther King. Rays anschließende Flucht führte ihn nach Lissabon, der Hauptstadt Portugals, die er als Zwischenstation nutzen wollte, um sich in eine der portugiesischen Kolonien in Afrika abzusetzen und somit vor dem Gesetz unterzutauchen. Der spanische Autor Antonio Muñoz Molina verbrachte etwa 40 Jahre später den ersten von mehreren Aufenthalten in Lissabon. Inmitten der Schaffensphase seines Romans "Der Winter in Lissabon" zog es ihn ebenfalls in Portugals Hauptstadt. Hier wollte er seinen Roman unter dem Einfluss des Flairs dieser Stadt mit der richtigen Würze versehen. Dieser Besuch hat gerade mal schlappe 3 Tage gedauert. 

In seinem aktuellen Roman "Schwindende Schatten", um den es in meiner Buchplauderei geht, erzählt er zum Einen James Earl Rays Geschichte, zum Anderen gewährt er einen tiefen Einblick in seine eigene schriftstellerische Arbeit sowie sein Seelenleben. Ray und Molina sind also die Protagonisten dieses Romans. Sie sind sich nie begegnet und haben keine Gemeinsamkeiten - abgesehen von dem Aufenthalt in Lissabon. Was hat Molina bewogen, sich auf diese schriftstellerische Verrücktheit einzulassen? Wie passen die unterschiedlichen Themen zusammen? Ein faszinierendes Rätsel, das durch den Roman „Schwindende Schatten“ hoffentlich gelöst wird.
Quelle: Penguin
"Für jemand, der von der Mitte des Platzes oder von den Kolonnaden aus um diese menschenleere Zeit zum Fluss hin schaut, muss ich eine einsame Silhouette sein, vollkommen abstrakt, die Hieroglyphe einer menschlichen Erscheinung, ein Schatten. Mit einem Mal kommt mir der Gedanke, dass vielleicht auch er einmal eine solche Silhouette war, eines Morgens im Mai vor fünfundvierzig Jahren, in dieser unveränderlichen Landschaft des leer gefegten viereckigen Platzes, der Bögen aus weißem Stein, gegenüber der Fluss, das Bronzepferd auf dem Sockel und der König mit dem Helmbusch, ..." 
Die beiden Geschichten werden parallel erzählt. Netterweise hält sich Molina an eine strikte Aufteilung seiner Kapitel: die ungeraden Kapitel behandeln sein Schriftstellerleben inkl. Schaffenskrisen. Die geraden Kapitel schildern die Flucht von Ray nach seiner verstörenden Tat. Insbesondere mit diesem Part hat mich Molina geflasht. Er lässt Ray selbst erzählen. Dabei taucht der Leser in die Gedankenwelt eines psychisch labilen Mannes. Man bekommt eine ungefähre Ahnung, was Ray dazu getrieben hat, das Attentat zu verüben. Eine schwere Kindheit, eine rassistisch geprägte Umgebung, kriminelle Veranlagung, Haftstrafen etc. etc. etc. Die Gedankenwelt des Ray ist jedoch schwer zu verstehen. Denn im Großen und Ganzen wird man das Gefühl nicht los, dass er sich seine eigene, leider völlig irrationale, Realität geschaffen hat, in der er nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen lebt. Er ist auf der Suche nach Anerkennung und Berühmtheit, die ihm das Verbrechen, das er begangen hat, verschaffen soll. Armer Wicht! Denn er überschätzt sich selbst, dichtet sich Fähigkeiten an, die er im Leben nicht besitzt bzw. besaß. Soviel zum interessanten Teil dieses Buches.
"Jeden Sonntag suchte er um neun Uhr abends eine Bar, die einen Fernseher hatte, um sich die Sendung FBI: Die zehn meistgesuchten Verbrecher anzusehen. Auf dem Höhepunkt der Sendung wurde rückläufig die Liste der zehn in den Vereinigten Staaten meistgesuchten Verbrecher präsentiert. Jeden Sonntag erwartete er, seinen Namen und sein Foto vom Haftbefehl auf der Liste zu entdecken."
Molina hat sein Schriftstellerdasein und die damit verbundenen Schaffenskrisen zum Anlass genommen, aus dem Schriftsteller-Nähkästchen zu plaudern. Schade, dass ihm diese Plauderei nicht gelungen ist. Denn leider fühlt man sich oft gelangweilt, zumal der Autor seine ganze Energie auf die Beschreibung eben dieser Schaffensprozesse verwendet. Dabei steht ihm seine Detailverliebtheit im Weg. Denn akribisch genau seziert er die Prozesse, beschreibt sein Gefühlsleben als Schriftsteller in einer Intensität, die mir stellenweise zuviel war. Stilistische Mittel wie Endlos-Aneinanderreihungen und verschachtelte Sätze, machen das Lesen nicht einfach. Dennoch blitzt zwischendurch immer wieder das schriftstellerische Können von Molina durch. Es gab tatsächlich Sätze, die mich innehalten ließen. Molina ist nicht umsonst ein angesehener Schriftsteller in Spanien, der bereits einige wichtige Literaturpreise absahnen konnte. Insofern schwankt man bei der Lektüre dieses Romans zwischen Faszination über die verquere Gedankenwelt eines Mörders und Langeweile bei der Schilderung des Schriftstellerdaseins eines bekannten Autors. Man kommt nicht umhin, zwischendurch immer wieder die Frage nach den Parallelen zwischen den beiden Handlungssträngen zu stellen. Eine Antwort wird man nicht so ohne weiteres erhalten, auch wenn man sich noch so sehr Mühe gibt.
"Ein Roman ist ein Geisteszustand, ein warmes Interieur, in das man sich zurückzieht, solange man schreibt; wie ein Kokon, den man Faser für Faser von innen webt und in den man sich einschließt, die Außenwelt jenseits dieser lichtdurchlässigen Hülle nur noch als vage Helligkeit wahrnehmend."
Mit der Zeit verwischt die strikte Unterteilung der beiden Handlungsstränge. Der Roman, der Anlass für den ersten Besuch von Molina in Lissabon war, ist mittlerweile geschrieben. Der Autor reist jedoch später wieder dorthin, um über den Aufenthalt von Ray in Lissabon zu recherchieren und daraus eine Geschichte entstehen zu lassen. Der Roman wird zu einem Matrjoschka-Buch - will heißen: Ich habe ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch ("Ein Winter in Lissabon") gelesen. Dann habe ich ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch (die Entstehung von "Schwindende Schatten"), über ein Buch (Rays Geschichte), in dem der Protagonist (Ray) ein Buch (im Gefängnis) schreibt, gelesen. Und ich bin sicher, dass ich irgendein Buch vergessen habe. Verwirrend!

Fazit:
Ich schwanke zwischen Langeweile und Faszination. Auf jeden Fall ist dieser Roman eine interessante Leseerfahrung und Herausforderung an den anspruchsvollen Leser.

© Renie