Freitag, 13. Juli 2018

Claire-Louise Bennett: Teich

Das Problem mit Klappentexten und Umschlaggestaltung eines Buches ist oft die hohe Erwartungshaltung, die beim Leser geschürt und dann nicht erfüllt wird. Und tatsächlich falle ich nach gefühlt Millionen Büchern, die ich in meinem bisherigen Leben gelesen habe, immer noch auf die Schönfärberei eines Buches herein.

Bei dem Roman "Teich", der englischen  Autorin Claire-Louise Bennett, ist es mir ähnlich ergangen. Hier sind ein paar Beispiele der Lobpreisungen:
"Vom Geheimtipp zur weltweit gefeierten literarischen Sensation" .... "mitreißend und kunstvoll" ... "eines der sensationellsten Debüts des Jahres" (Colum McCann) ... "Einfach umwerfend!" (The Guardian) ... etc. etc. etc.
Man ahnt es, der Roman hat mich nicht mitgerissen, feiern kann ich ihn auch nicht und umgeworfen hat er mich erst recht nicht.

Der Roman handelt von einer jungen Frau, die sich für ein Aussteigerdasein in einem abgelegenen Cottage an Irlands Westküste entscheidet. Hier lebt sie sehr spartanisch und allein vor sich hin. Ab und an trifft sie sich mit einem "Freund". Ob es der Eine oder Einer von Vielen ist, war mir nicht klar, was aber auch nicht relevant für die Handlung des Romanes ist, sofern man denn von Handlung reden kann.
Durch die Reduzierung auf das Wesentliche und wenigen Anreizen von der Außenwelt, verändert sich die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Sie konzentriert sich auf die "kleinen" Dinge des Lebens, indem sie ihnen eine Gewichtung beimisst, die für mich häufig zuviel des Guten war.

Quelle: Randomhouse/Luchterhand
In dem Roman finden sich einzelne Episoden ihres Daseins sowie gedankliche Ausschweifungen, die teilweise erstaunlich viel Tiefgang besitzen. Dieser Tiefgang gab mir Grund zur Hoffnung, dass das Buch doch noch bei mir punkten kann. Leider wurde ich brutal aus diesem Tiefgang gerissen, indem die Ich-Erzählerin sich auf Banalitäten konzentriert, denen sie eine viel zu hohe Gewichtung beimisst, und bei denen ich das Buch gern in die Ecke gepfeffert hätte.
Ein Beispiel: Da folgt ihre Betrachtung von Tomatenmark auf die Schilderung eines besonderen Momentes mit ihrem Freund.
"O Tomatenmark! Als du mir endlich einfällst, denke ich an etwas Üppiges, Frisches, Spritziges. Aber ach, als ich die Tür öffne und nach dir greifen will, stehst du knittrig und kalt im Licht der Kühlschranklampe da, und obwohl du längst noch nicht abgelaufen bist, musst du mit viel Nachdruck herausgepresst werden."
Ich hätte gern erfahren, was die Ich-Erzählerin dazu gebracht hat, in dieses Cottage zu ziehen. Leider ist diese Information bei mir nicht angekommen. Man erfährt auch sehr wenig über sie. In Ansätzen beschreibt sie selbst ihre Charakterzüge oder begründet ihre Verhaltensweisen. Leider reicht dies nicht aus, um sich ein Bild von ihr zu machen. Am Ende hatte ich nur eine eigenbrötlerische, ein wenig verlotterte Frau vor Augen, der die Einsamkeit nicht gut tut.
"Inzwischen dürfte für jedermann ersichtlich sein, dass meine Gedanken ständig um ein imaginäres Anderswo kreisen und fast nie ums Hier und Jetzt. Aber niemand kann wissen, welcher Trip gerade im Kopf eines anderen abläuft, deshalb wirkt meine Art, auf die Dinge zu reagieren, manchmal so konfus, sprunghaft, wenig nachvollziehbar oder gar kränkend."
Eines muss man Claire-Louise Bennett allerdings zusprechen. Sie besitzt eine herausragende Fähigkeit, mit Sprache umzugehen. Sie begegnet Banalem mit viel Poesie. So setzt sie das Unscheinbare im Alltag auf unvergleichliche Art in Szene. Diese sprachliche Fähigkeit gibt mir Hoffnung auf den nächsten Roman der Autorin. Auch wenn mir "Teich" nicht gefallen hat, werde ich ihr noch eine Chance geben. Für mich ist die Sprache in einem Buch wichtig. Und mit "Teich" hat die Autorin bewiesen, dass sie damit virtuos umgehen kann.

© Renie




Über die Autorin:
Claire-Louise Bennett wuchs in Wiltshire, im Südwesten Englands, auf. Sie studierte Literatur und Theaterwissenschaften an der University of Roehampton und lebt heute in Galway, an der irischen Westküste. »Teich« erschien zuerst in einem kleinen irischen Verlag und wurde als eines der faszinierendsten Erzähldebüts 2016 mehrfach als »Buch des Jahres« ausgezeichnet. (Quelle: Luchterhand)



Samstag, 7. Juli 2018

Sinclair Lewis: Main Street

Quelle: Wikimedia Commons
Percy Bresnahan ist eine Berühmtheit - zumindest in Gopher Prairie, einem amerikanischen Provinznest zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn P. B. ist ein berühmter Automobilhersteller und Vorbild der Einwohner von Gopher Prairie. P. B. hat bewiesen, dass jeder, der aus Gopher Prairie kommt, ungeahnte Möglichkeiten hat, wenn er sie nur ergreift. Er ist sozusagen der Inbegriff des Amerikanischen Traums.

Nahezu jede Kleinstadt hat einen Helden vorzuweisen. Da spielt es keine Rolle, dass sowohl Percy Bresnahan als auch Gopher Prairie der Phantasie von Sinclair Lewis entsprungen sind. Sein Roman „Main Street“ spielt in eben diesem Gopher Prairie. Der Literaturnobelpreisträger von 1930 und gleichzeitig erster amerikanischer Autor, der diesen Preis erhielt, hat mit „Main Street“ einen Roman geschrieben, der wahrscheinlich nie an Aktualität einbüßen wird – solange es Kleinstädte gibt. 

Besagte Main Street bildet das Herzstück von Gopher Prairie. Mehr hat das Nest im Westen der USA nicht zu bieten. Nichtsdestotrotz sind die Einwohner über alle Maßen stolz auf ihre kleine Stadt. Schwer nachvollziehbar, denkt sich auch Carol Kennicott, die frisch verheiratet mit Will Kennicott, dem Arzt aus Gopher Prairie, aus der Großstadt in eben diesen Ort zieht. Carols Erwartungen sind hoch. Denn Will hat Gopher Prairie in allen vorstellbaren und unvorstellbaren Farben angepriesen. 
Quelle: Randomhouse/Manesse
So ist Carols Enttäuschung nicht verwunderlich. 
"Ihr standen nur drei Möglichkeiten offen: Kinder bekommen, ihre Laufbahn als Reformerin beginnen oder sich so fest in die Ortsgemeinschaft einfügen, dass Kirchenarbeit, Leseklub und Bridgepartien sie ausfüllen würden." 
Doch die resolute junge Frau versucht sich mit ihrem Leben als Arztfrau in einem Provinznest zu arrangieren. Sie hofft sogar, das gesellschaftliche Leben mit ihrem Charme und Esprit zu beleben sowie das triste Stadtbild auf Vordermann zu bringen - Pläne, an denen sie sich die Zähne ausbeißen wird. Denn die Einwohner von Gopher Prairie geben viel auf ihr (nicht) vorhandenes gesellschaftliches Leben. So begegnen sie Carol nach anfänglicher Neugierde mit viel Skepsis. Carol wird sich 10 Jahre ihres Lebens mit den eigenbrötlerischen Einwohnern rumschlagen. Dabei wird sie auf Snobs, bibelfeste Scheinheilige, eingebildete Damen der Gesellschaft sowie Hütern von Moral und Anstand treffen. Die Gopher Prairierianer haben eines gemeinsam: Neuerungen kommen ihnen nicht ins Städtchen. 
(Gopher Prairie heißt übrigens wörtlich übersetzt "Taschenratten- oder Erdhörnchen-Prairie" wie ich den Anmerkungen am Ende des Buches entnehmen konnte.)

Sinclair Lewis wusste, wovon er schrieb. Er ist selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen und hat seine Erinnerungen in „Main Street“ einfließen lassen. Sein Roman ist eine Satire auf das Leben in einer Kleinstadt. Doch trotz aller Kritik stellt er die Charaktere, so eigen sie auch sein mögen, in einer sehr liebevollen Weise dar. Die Menschen sind ihm ans Herz gewachsen und auch der Leser findet die eine oder andere nette Eigenschaft an den Einwohnern von Gopher Prairie. Fast hat man den Eindruck, dass Sinclair seine Charaktere mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt. Sinclair Lewis hat nicht nur die Menschen geliebt, sondern auch Landschaft seiner Heimat Minnesota schien einen ganz besonderen Reiz auf ihn auszuüben. Mit viel Wortgewalt vermittelt er deren  atemberaubende Schönheit.
"Mrs. Bogart gehörte nicht zum ätzenden Typ 'guter Einfluss'. Sie war von der weichen, klammen, dicken, seufzenden, an Verdauungsstörungen leidenden, anhänglichen, melancholischen und deprimierend zuversichtlichen Sorte. Auf jedem Hühnerhof finden sich ein paar alte, ungehaltene Hennen, die Mrs. Bogart ähneln, und wenn die sonntags zum Mittagessen als Frikassee mit großen Klößen auf den Tisch kommen, tut das der Ähnlichkeit keinen Abbruch."
Carol hat es schwer. Sie bemüht sich die Stadt und ihre Einwohner zu lieben, was man ihr  jedoch nicht leicht macht. Aufgewachsen in Minneapolis hat sie eine sehr gute Schulbildung genossen. Nach Beendigung der Schule hat sie sich zur Bibliothekarin ausbilden lassen. Diesen Beruf hat sie auch noch kurze Zeit ausgeführt, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Sie ist geistreich, witzig und vor allen Dingen selbstbewusst. Eine Frau, die sich schwer darin tut, sich ihrem Mann unterzuordnen – was man in der damaligen Zeit vom weiblichen Geschlecht erwartet hat, und was für die Frauen von Gopher Prairie eine Selbstverständlichkeit ist und niemals in Frage gestellt wird. Anfangs wirkt Carol wie ein Wirbelwind in der Kleinstadt, der die Menschen aus ihrer routinierten Lethargie reißt. Doch ihre Energie erhält schnell einen Dämpfer als sie merkt, dass sie als Zugezogene und Angeheiratete auf dem Präsentierteller lebt und noch lange nicht akzeptiert wird. Also versucht sie auf subtilere Weise und durch das Schmieden von Allianzen ihre Pläne zur Rundumerneuerung der Stadt umzusetzen. 
"Hatte sie tatsächlich geglaubt, sie könnte ein Saatkorn der Liberalisierung in das Bollwerk der Mittelmäßigkeit pflanzen?"
Was mich an diesem Roman verblüfft hat, ist seine Aktualität. Wir sprechen von einem Roman, der erstmalig 1920 veröffentlicht wurde. Die Probleme, die es damals in Amerika gab, sind auch heute noch zu finden – wenn auch in abgewandelter Form: Fremdenfeindlichkeit – Klassendenken – Angst vor dem Neuen – Spießbürgertum.
Und tatsächlich ist das Thema dieses Romanes keines, das den USA vorbehalten ist. Gopher Prairie gibt es überall auf der Welt.

Fazit: 
Main Street ist ein zeitloser und amüsanter Klassiker, den es sich auf alle Fälle zu lesen lohnt.
© Renie




Über den Autor:
Sinclair Lewis (1885-1951), geboren in einer Kleinstadt in Minnesota, studierte in Yale und arbeitete als Journalist und Lektor in New York, San Francisco und Washington. Seit dem Erfolg seines Romans «Main Street» konnte er von der Schriftstellerei leben. 1926 erregte er großes Aufsehen mit seiner Ablehnung des Pulitzerpreises, der ihm für seinen Roman «Arrowsmith» zuerkannt worden war; 1930 erhielt er als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis. (Quelle: Randomhouse/Manesse)









Freitag, 29. Juni 2018

Tracy Chevalier: Der Neue

Quelle: Pixabay/6557056

Was bin ich im Englischunterricht mit Shakespeare gequält worden. Aber wie bei so vielen literarischen Werken, die  mir in der Schule aufgezwungen wurden, weiß ich erst jetzt, diese zu schätzen. Interessant finde ich daher ein Projekt, das in Deutschland im April 2016 startete, anlässlich des 400. Todestages von Shakespeare: International bekannte und erfolgreiche Autoren haben die Möglichkeit, ein Werk von Shakespeare auf ihre spezielle und persönliche Art und Weise neu zu erzählen. Der Knaus Verlag - als deutscher Partner dieses Projektes (federführend ist The Hogarth Press, UK) - hat bereits etliche Shakespeare Neuerzählungen veröffentlicht. Eine davon stammt von Tracy Chevalier, welche sich mit "Der Neue" der Tragödie "Othello" angenommen hat.

"Othello", in seiner ursprünglichen Form, ist schnell erzählt: Im Großen und Ganzen geht es um Liebe, Verrat und Eifersucht. Also Themen, die immer aktuell und für einen Bestseller gut sind. Othello ist ein schwarzer Feldherr im Venedig des 15. Jahrhunderts, der sich in die schöne Desdemona verguckt ... und sie sich auch in ihn. Auch andere haben ein Auge auf Desdemona geworfen. Der böse Bube in dieser Geschichte ist Jago, ein Untergebener Othellos und Meister der Intrige. Ob durch Eifersucht, Fremdenhass oder purer Boshaftigkeit ... Jago schafft es am Ende, unter Mithilfe anderer Beteiligter, die er schachfigurengleich in seinem Intrigenspiel einsetzt, dass Othello übelst eifersüchtig auf Desdemona wird und die Arme am Ende umbringt. Falsche Entscheidung! Denn nachdem er erfährt, dass Desdemona unschuldig war, nimmt er sich selbst auf spektakuläre Weise das Leben.

Quelle: Random House/Knaus
Tracy Chevalier hat in ihrer Version einen Schauplatz gewählt, der herzlich wenig mit dem malerischen und prunkvollen Shakespeare-Venedig zu tun hat: ein amerikanischer Schulhof im Amerika der 70er Jahre; und ihr "Othello" ist kein Feldherr sondern ein 14-jähriger farbiger Schüler.
"Was auch immer er in diesem Moment dachte (wahrscheinlich, dass er auf einem von weißen Menschen wimmelnden Schulhof der einzige Schwarze und der einzige Neue war), als er auf die an der Tür zum Schulgebäude wartenden Lehrer zuschlenderte, strahlte er das Selbstbewusstsein eines Menschen aus, der seinen Körper kennt und sich darin wohlfühlt."
Bei der Namensgebung hat sich die Autorin an dem Original orientiert:
Othello = Osei, ein afrikanischer Diplomatensohn, der seinen ersten Tag an dieser Schule verbringt; und man wundert sich, welche Tragödien sich auf einem Schulhof abspielen können
Desdemona = Dee, wohlbehütete Tochter, gutaussehend, Lehrerliebling, die von Osei magisch angezogen wird, da er für sie ein anderes Leben als ihres verkörpert; so ganz nebenbei sieht er auch noch gut aus, hat wenig pubertäres und rüpelhaftes Gehabe an sich, wie andere Jungs seines Alters
Jago = Ian, der Schrecken der Schule, leicht gestört, hat Spaß daran, andere zu schikanieren und zu manipulieren; definiert sich über die Angst, die andere vor ihm haben
(Dies sind die 3 Hauptcharaktere. Auch die Nebencharaktere sind von Tracy Chevalier selbstverständlich in Bezug zum Original angelegt.)

Osei hat seinen ersten Tag an der Schule in dieser amerikanischen Kleinstadt. Er ist der einzige Farbige. Dementsprechend trifft er auf viel Be- und Verachtung. 
Kaum zu glauben, aber auch im Lehrerkollegium hält man sich nicht mit rassistischen Äußerungen zurück. Nur wenige Kinder begegnen ihm freundlich. Eine davon ist Dee, die sich schnell in ihn verguckt. Die Empfindungen beruhen auf Gegenseitigkeit und bereits in der ersten Pause, wird die Beziehung klar gemacht. Dee und Osei „gehen“ also miteinander. Ian passt nicht, dass Osei so viel Beachtung erhält. Daher spinnt er ein Netz aus Intrigen. Und mit Schulschluss kommt es zum Supergau.
"Als der schwarze Junge an diesem Morgen den Schulhof betrat, hatte Ian sofort gespürt, dass sich etwas zu verschieben begann. Als wäre der Boden, auf dem er stand, in Bewegung geraten, unberechenbar wie ein Erdbeben. In all den Jahren an dieser Schule hatten sich feste hierarchische Strukturen gebildet, mit Anführern und Gefolgsleuten. Alles lief rund - und jetzt war plötzlich dieser Junge gekommen, ein einziger Junge, der alles aus dem Gleichgewicht brachte."
Bei Tracy Chevaliers Roman war ich von Anfang an gespannt, ob sie sich auch beim Ende an Shakespeares Theaterstück orientiert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es zum Schluss Tote geben wird. Wir befinden uns schließlich auf einem Schulhof mit 14-Jährigen, die i. d. R. aus „normalen“ Verhältnissen kommen. Hätte sie die Geschichte irgendwo in einem sozialen Brennpunkt angesiedelt, hätte ich mit allem gerechnet. Daher war ich sehr gespannt über ihre Auflösung, werde aber an dieser Stelle nicht spoilern.

Die Autorin inszeniert ihre Version wie ein Theaterstück. Wie im Original gibt es 5 Kapitel (Akt 1 bis 5), die in einzelne Szenen unterteilt sind. Zu Beginn jeder Szene erhält man zunächst einen Überblick: wer befindet sich wo und ist womit beschäftigt. Der Schauplatz konzentriert sich dabei hauptsächlich auf das Klassenzimmer und den Schulhof. Hier interagieren die einzelnen Charaktere. Durch Wechsel in der Erzählperspektive erfährt der Leser, was die einzelnen Charaktere fühlen bzw. was sie zu ihrem Handeln antreibt. Im Unterschied zum Original lässt Tracy Chevalier einzelne Szenen wiederholen, indem sie diese aus der Sicht unterschiedlicher Perspektiven schildert. Dadurch wird das Geschehen intensiver wahrgenommen.

Wenn man Shakespeares Othello kennt, weiß man, was passieren wird. Trotzdem durchzieht diesen Roman eine ungeheure Spannung, unterschwellig meint man, ein Brodeln zu verspüren. Man kann fühlen, dass sich etwas anbahnen wird. Schaurig schön!
"Er würde sie nicht zur Rede stellen, wollte nicht ertragen müssen, dass sie ihm noch mehr Lügen auftischte, ihn behandelte, als wären sie zusammen und dann doch wieder so, als wäre er nur der Schwarze auf diesem weißen Schulhof. Das schwarze Schaf. Angeschwärzt und auf der Schwarzen Liste gelandet. Es war ein schwarzer Tag."
Mit einer Sache hatte ich meine Schwierigkeiten. Wir reden hier von 14-Jährigen pubertierenden Schülern. Bei Tracy Chevalier entwickeln diese Schüler Gedankengänge und Ideen, die manch ein Erwachsener nicht entwickeln würde. Diese Reife und Fähigkeit, Gefühle in komplexen Aussagen zu erfassen, hat mich teilweise befremdet. Insbesondere Ian, der Intrigant, formuliert seine Geisteshaltung in einer Art, die man eher von einem ausgewachsenen, hochintelligenten Psychopathen erwarten würde, aber nicht von einem 14-Jährigen. Daran muss man sich gewöhnen. Diese Gestaltung der Charaktere ist wahrscheinlich der Inszenierung geschuldet, die Tracy Chevalier in ihrem Roman vermitteln wollte. 
Sicherlich gibt es noch mehr in diesem Roman zu entdecken. Ich kann mir vorstellen, dass eine Deutsch- oder Englischklasse großen Spaß an einer Gegenüberstellung von Roman und Theaterstück hätte. 

Tracy Chevalier gibt dem Originalwerk einen verblüffenden neuen Anstrich und beweist, dass Shakespeare immer zeitgemäß ist und seine Aktualität nie verlieren wird. Leseempfehlung!

© Renie









Freitag, 22. Juni 2018

Donal Ryan: Die Lieben der Melody Shee

Quelle: Pixabay/rmac8oppo

Ich habe einen neuen Lieblingsschriftsteller: den Iren Donal Ryan, von dem ich seinen, vor Kurzem im Diogenes Verlag erschienenen Roman "Die Lieben der Melody Shee" (im Original "All we shall know" (2016)) verschlungen habe.
Der Autor präsentiert in diesem Roman eine vielschichtige Story, eine Protagonistin, die es dem Leser nicht leicht macht und einen ausdrucksstarken Sprachstil. Alles Dinge, die einen Roman für mich lesenswert machen. Kaum zu glauben, dass Ryans erste Romane insgesamt 47mal abgelehnt worden sind. Doch Qualität setzt sich zum Glück immer durch.

Die Story
Zunächst geht es in der Geschichte um Schuld und Sühne - wie passend für einen Roman, der in einer erzkatholischen Umgebung spielt.
Melody Shee lebt mit ihren 33 Jahren in einem irischen Dorf, in der Nähe von Limerick. Sie ist verheiratet und schwanger, jedoch nicht von ihrem Mann, sondern von ihrem 17-jährigen Nachhilfeschüler Martin. Martin ist ein Traveller (das irische Pendant zu unserem landläufigen Ausdruck "Zigeuner"). Pat, Melodys Mann verlässt sie natürlich - vielleicht schmeißt sie ihn auch raus. Sie zieht die Schwangerschaft durch, spielt jedoch mit dem Gedanken, sich umzubringen. Zu groß ist der Druck, dem sie ausgesetzt ist. Der Leser begleitet sie dabei von Schwangerschaftswoche zu Schwangerschaftswoche und nimmt teil an ihren Gedanken. Denn Melody erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive.

Quelle: Diogenes
"Pat hatte Sex mit Prostituierten: Das ist Fakt. Ich hatte Sex mit einem Jugendlichen, einem Schutzbefohlenen: Auch das ist Fakt. Welche Worte hätten etwas an der Tatsache ändern sollen, dass wir zu solchen Dingen fähig waren? Menschen tun einander Schlimmeres an, aber viel schlimmer wird es nicht. Wir haben Greueltaten begangen. In unserem Einfamilienhaus hat ein Holocaust stattgefunden, eine Auslöschung der Liebe."
Da Melody in einer erzkatholischen Kleinstadt lebt, bleibt der Skandal nicht lange verborgen. Es wird nicht nur hinter Melodys Rücken getratscht. Sie wird auch öffentlich angefeindet. Die junge Frau durchlebt einen Zwiespalt. Sie fühlt sich hin- und hergerissen zwischen den Gedanken, sich umzubringen, das Baby zu bekommen, sich wieder mit ihrem Mann zu versöhnen. Auslöser für diesen Zwiespalt ist nicht ihre Schwangerschaft, sondern ihr bisheriges Leben. Als junge Frau hat man es nicht leicht in diesem Umfeld. Das Sagen haben die Männer und deren Mütter. Denn Wert und Ansehen einer Frau steigen mit ihrer Mutterschaft. Melody ist schon immer angeeckt, weil sie sich mit der Einflussnahme der Gesellschaft auf ihr Leben nicht abfinden wollte. Genauso wenig wie sie sich mit dem ihr vorbestimmten Leben als Mutter und Ehefrau nicht abfinden will.
Der junge Traveller ist mittlerweile weitergezogen. Melody lernt ein junges Mädchen aus seinem Clan kennen - Mary -, die einen ähnlichen schweren Stand in ihrer Gemeinschaft hat wie Melody in ihrer Kleinstadt. Melody nimmt sich ihrer an. Die beiden Frauen geben sich gegenseitig Kraft, eine Freundschaft entwickelt sich.
So ganz nebenbei erhält die Geschichte dadurch neue Impulse. Denn der Autor intensiviert seine Darstellung der Gemeinschaft der Traveller. Und plötzlich befindet man sich mitten in einem Streit zwischen Traveller-Clans, die ihre Konflikte nach ihren eigenen Gesetzen lösen. Und Melody und Mary befinden sich mittendrin.

Die Protagonistin
Melody ist nicht nur die junge Frau, die gegen Sitte, Moral und Anstand verstößt. Nein, ihre Erinnerungen, mit denen sie den Leser konfrontiert, zeigen, dass sie in ihrer Jugend Schuld auf sich geladen hat. In einem Moment der Schwäche hat sie einen Verrat begangen, der entsetzliche Folgen hatte. Mit dieser Schuld muss Melody nun leben. Wer sich schuldig fühlt und ertappt wird, neigt dazu in Abwehrhaltung zu gehen. Melodys darauf folgendes Leben ist eine einzige Abwehrhaltung. Sie setzt sich gegen alles zur Wehr: ihre Umgebung, das für sie vorbestimmte Leben, ihren Ehemann Pat. Trotz einer Heirat aus Liebe wird der Ehealltag zum Kriegsgebiet. Sie ist kein einfacher Mensch, ihre Gefühlsausbrüche sind zum Fürchten. Pat kann ihr nichts Recht machen, auch wenn er es unbedingt möchte - was Melody noch mehr antreibt, ihn ihren Frust über ihr Leben spüren zu lassen.
Melody ist auch keine einfache Protagonistin. Sie gehört sicher nicht zu denen, die man vor lauter Sympathie ins Herz schließen wird. Bestenfalls entwickelt man Mitleid aufgrund des Drucks, den sie durch ihre Umgebung erfährt. Doch man kommt ihr langsam näher. Denn je tiefer man in ihre Gedanken eintaucht, umso mehr wird man sie verstehen.
"Ich zischte meine Antwort durch zusammengebissene Zähne. Ja, Pat, bist du. Du bist absolut ekelhaft. Und da war es, ausgesprochen und gehört, gemeint und geglaubt, und es würde nie wieder erschütternd sein, und ab diesem Punkt hinderte uns nichts mehr daran, uns jeder Gemeinheit, jeder Schlechtigkeit hinzugeben; unsere Sprache verkam. Wir suhlten uns darin. Wir ließen unsere Wut zu einem wahnsinnigen lebendigen Biest werden. Sie wurde unser Kind, unser fleischgewordener Schmerz."
Die Sprache
Donal Ryan hat einen sehr plakativen und kraftvollen Sprachstil. Er lässt Bilder im Kopf entstehen, die bedrückend, sogar schwermütig sein können. Dies gelingt ihm, indem er seine Sprache mit Vergleichen und opulenten Beschreibungen arbeiten lässt, die einen starken Kontrast zu dem Geschehen bilden. Es entsteht ein bildgewaltiges Kopfkino, dessen Stimmungen sich auf den Leser übertragen. Mich hat seine Sprache fasziniert, und ich hoffe, diesen Stil auch in weiteren seiner Romane zu finden.

Fazit:

Eine unglaubliche Geschichte, erzählt in einer unglaublichen Sprache. Unbedingt lesen!

© Renie





Über den Autor:
Donal Ryan, geboren 1976 in Nenagh, Tipperary, studierte Bauingenieurwesen und Jura; er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Castletroy, Limerick. Für ›Die Gesichter der Wahrheit‹ wurde Ryan mit dem Irish Book Award, mit dem Guardian First Book Award und dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)























Freitag, 15. Juni 2018

Wilson Collison: Tod in Connecticut

Quelle: Wikicommons
Wilson Collison muss eine Frau gewesen sein! Ich kann mir sonst nicht erklären, wie je"mann"d dermaßen einfühlsam über Frauen schreiben konnte (und kann). Wilson Collison (*1893; 1941) konnte es, wie er/sie in etlichen Romanen unter Beweis gestellt hat. Denn viele seiner /ihrer Romane haben eines gemeinsam: Die Protagonistin ist eine starke Frau in einer von Männern und gesellschaftlichen Konventionen bestimmten Welt.

Der Roman "Tod in Connecticut" könnte dem Titel nach ein Krimi sein, ist er aber nicht. Um dem Titel gerecht zu werden, stirbt natürlich jemand in diesem Buch: Leidenschaft, Eifersucht und Alkohol sind eine schlechte Kombination unter liebestollen Rivalen.
Die Frau, um deren Gunst gebuhlt wird, ist Nolya Noyes, eine junge Dame der amerikanischen High Society der 20er Jahre. Reiche und schöne Erbin, die sich durch ihren Wohlstand einige Freiheiten herausnehmen kann, jedoch Mädchen mit zweifelhaftem Ruf. Daher ist sie keine gute Partie. Von der Gesellschaft wird sie geduldet, schließlich ist man dies ihrem verstorbenen Vater - ehemals wichtiges Mitglied der Gesellschaft - schuldig. Bestenfalls findet man sie amüsant, so dass sie auf Parties ein gern gesehener Gast ist. Die Frauen belauern sie misstrauisch. Die Männer umschwirren sie wie die Motten das Licht. Und kaum einer der Gentlemen, der es nicht versucht hat, sie zu erobern. Was gäbe mann nicht um eine Nacht mit Nolya.
Quelle: Louisoder
"Menschen ... Menschen ... Sie bedeuteten ihr letztlich so wenig. Selbst Freunde ... auf eine distanzierte Art und Weise ... Freunde. Aber Menschen und Freunde hatten versucht, einen Kreis um sie zu ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einen endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen. Mehr nicht."
Das ist die offizielle Sicht der Dinge: Nolyas zweifelhafter Ruf - manche nennen sie ein Flittchen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Nolya ist sehr zurückhaltend, was die Gunst ihrer Zuneigung angeht. Für sie sind Männer Party-Begleiter und Gesellschafter - mehr nicht. Sie lebt allein in ihrer Wohnung, hoch über New York und hadert mit dem Alltag einer High Society Lady: Essensverabredungen, Parties, Geld ausgeben .... laangweilig. Sie lebt in den Tag hinein, auf der Suche nach dem tieferen Sinn ihres Lebens. So versinkt sie in Melancholie und sucht nach einer Möglichkeit, aus diesem Leben auszubrechen.
Zwei Männer nehmen in ihrem Leben eine wichtige Rolle ein:
Neil - Komponist, mal mehr, mal weniger erfolgreich, bester und einziger Freund von Nolya. Seine Gefühle für Nolya gehen für ihn über eine Freundschaft hinaus. Leider beruht dieser Gefühlszustand nicht auf Gegenseitigkeit.
Denn Nolya liebt Arthur Raymond - Sohn einer einflussreichen Familie, verheiratet, der unter der Fuchtel seines Vaters steht.
Nolya und Arthur haben eine Affäre. Doch Vater Raymond schiebt dem Ganzen einen Riegel vor.
Am Ende wird es zu einem Kräftemessen zwischen dem alten Raymond und Nolya kommen, bei dem beide um die Zukunft von Arthur ringen werden. Gibt es ein Happy End für Nolya? Ja, gibt es. Und was für eins. Nicht das, was man erwartet, aber dafür um vieles schöner.

Wilson Collison hat mit "Tod in Connecticut" einen Roman geschrieben, der hautsächlich von den Dialogen lebt, denn die haben es in sich. Herausragend sind die Gespräche zwischen Nolya und ihrem besten Freund Neil. Beide begegnen dem Leben mit Sarkasmus. Sie haben die falsche Moral der Gesellschaft in der sie leben verstanden und lassen keine Gelegenheit aus, dem Leben in dieser Gesellschaft mit Spott und Häme zu begegnen. Dabei sind sie schonungslos, nicht nur was die Lästerei über ihre Bekannten angeht, sondern auch sich selbst gegenüber. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, und konfrontieren sich mit Wahrheiten, die man nur einem besten Freund sagen kann. Die Dialoge in diesem Buch habe ich daher sehr genossen.
Ein weiterer Aspekt, der mir sehr gut gefallen hat, ist die Symbolik, die Wilson Collison als Stilmittel anwendet. Da stolpert man als Leser doch häufig über Banalitäten, die sich bei intensiverem Nachdenken als Momente mit tieferem Sinn erweisen. Da spiegelt auf einmal ein brennender Holzscheit im Kamin den inneren Konflikt eines unglücklich Verliebten wider. Herrlich!
"Er starrte wieder auf die brennenden Holzscheite. In weiter Ferne hörte er die gleichmäßigen, monotonen Rhythmen von Tanzmusik. Im Kamin zischte gerade ein tapferes, kleines Stück Holz mit blauer Flamme auf. Es zischte und flüsterte und sang. Was versuchte es zu sagen? Schrie es vor Schmerz auf und versuchte zu entkommen? Oder war es einfach nur trotzig und kämpfte darum, anders zu sein als all die anderen Scheite in den züngelnden Flammen, die so feierlich knisterten?" (S. 183)
Fazit:
Meine These: Wilson Collison muss eine Frau gewesen sein - auch wenn Wikipedia etwas anderes sagt. Mir gefällt die einfühlsame Darstellung seiner Protagonistin Nolya - einerseits von der Gesellschaft abgestempelt, andererseits jedoch eine starke Frau, die auf ihre Art gegen das Diktat der Gesellschaft ankämpft. Sie gibt nichts darauf und versucht ihren eigenen Weg zu gehen, so schwer dieser auch sein mag. Der Autor beschreibt die Seele einer außergewöhnlichen Frau. Der Mann war ein Frauenversteher (oder eine Frau ;-)). Das macht ihn zu einem außergewöhnlichen Schriftsteller seiner Zeit, wie er auch in "Tod in Connecticut" wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Leseempfehlung!

© Renie


Weitere Romane von Wilson Collison, die ich gelesen habe:

Das Haus am Kongo 

Die Nacht mit Nancy 






Freitag, 8. Juni 2018

Charlotte Perkins Gilman: Ihrland

Quellennachweis*
Die Amerikanerin Charlotte Perkins Gilman (geb. 3. Juli 1860) war eine Frauenrechtlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter war Gelegenheitsarbeiterin, der Vater Buchhändler und Schriftsteller, der seine Familie früh im Stich ließ. Im Alter von 24 heiratete Charlotte, verließ ihren Mann jedoch bereits nach vier Jahren. Nach 10 Jahren wurde die Ehe geschieden. Ein, in der damaligen Zeit unvorstellbarer Schritt. Während ihrer Ehe litt Charlotte unter Depressionen. Sie versuchte die Krankheit durch Schreiben zu kompensieren. Nach der Scheidung lernte sie die sozialistische Schriftstellerin Helen Campbell kennen, die sie in die Frauenbewegung einführte. Charlotte besuchte Frauenkongresse auf der ganzen Welt, die sie durch ihre flammenden Reden für die Frauenrechte bereicherte. Denn sie galt als begnadete Rhetorikerin. Die damalige Frauenbewegung kämpfte für grundsätzliche und politische Rechte der Frau, wie z. B. das Recht auf Bildung, das Recht auf Erwerbstätigkeit sowie das Frauenwahlrecht, das im Übrigen in Deutschland im November 1918 rechtlich festgeschrieben wurde. In diesem Jahr feiern wir also den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts in Deutschland.

Aus ihrem Einsatz für die Rechte der Frau heraus, hat Charlotte Perkins den utopischen Roman "Ihrland" (im Original "Herland") geschrieben, der 1915 veröffentlicht wurde. Darin geht es um ein sagenhaftes Land, in dem nur Frauen leben.

Die Geschichte wird aus der Sicht eines Mannes erzählt: Van - einer von drei Freunden, die auf einer Expedition irgendwo in Südamerika unterwegs sind. Hier hören die Männer das erste Mal von diesem verheißungsvollen Land. Von Abenteuerlust und Phantasie gepackt, begeben sich die Drei auf die Suche nach diesem Paradies. Natürlich entdecken sie das Land der Frauen und erleben einen Kulturschock. Für die Männer bricht eine Welt zusammen. Stellvertretend für das Frauenbild der Männer aus der damaligen Zeit lässt Charlotte Perkins Gilman die drei Freunde so einige Frauenklischees vertreten. Das ist lustig. Und wieder einmal mehr bestätigt sich der Verdacht, dass die Frau für den Mann ein unbekanntes Wesen ist.
"Als ich in meiner Lektüre so weit gekommen war, ging ich zu Somel, um mehr zu erfahren. Ich war mittlerweile so mit ihr befreundet wie kaum jemals zuvor in meinem Leben mit einer anderen Frau. Sie war eine sehr angenehme Seele, die einem das nette, sanfte Muttergefühl gab, das ein Mann in einer Frau mag, und doch besaß sie auch die klare Intelligenz und Zuverlässigkeit, von denen ich anzunehmen pflegte, dass sie männliche Eigenschaften waren."
Männer sind in Ihrland überflüssig. Oh Wunder der Evolution - die Frauen haben gelernt sich auch ohne männliches Dazutun fortzupflanzen. Sie haben dabei eine Kultur geschaffen, die ohne jegliche Form der Aggressivität auskommt. Die Frauen praktizieren ein friedliches Miteinander, in dem das Wohl der Gemeinschaft und ihr Fortbestand an erster Stelle stehen. Aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung sind sie heute in der Lage, ein perfektes Leben zu führen. Diese Perfektion stößt bei bei den drei Eindringlingen auf Misstrauen. 
Von Anfang an werden die drei Männer von den Frauen mit Respekt behandelt. Allerdings dürfen sie Ihrland nicht verlassen. Die Zeit, die die Freunde mit den Frauen verbringen, wird genutzt, um gegenseitig voneinander zu lernen. So erfahren die Männer (und Leser), wie Ihrland entstanden ist, welche Lebensphilosophie hinter der Gesellschaft steckt, wie Ihrland organisiert ist und wie der Fortbestand gesichert ist. Die Frauen sind nicht so vermessen, ihre Gesellschaft als das Non Plus Ultra anzusehen. Stattdessen sind sie wissbegierig, was die Welt angeht, aus der die Männer kommen. So kommt es zum gemeinsamen Austausch. Die Männer versuchen, den Frauen ihre Welt schmackhaft zu machen, was leider nicht gelingt. Denn schon durch das einfachste Nachfragen der Frauen, werden die Schwächen der Männerwelt aufgezeigt, und das Überlegenheitsgefühl der Männer gegenüber den Frauen bekommt einen heftigen Dämpfer.
"Ich war natürlich immer stolz auf mein Land gewesen. Jeder ist es. Im Vergleich zu den anderen Ländern und Völkern, die ich kannte, schienen mir die Vereinigten Staaten von Amerika immer, um es gelinde zu sagen, so gut wie das beste von allen zu sein. Aber ebenso wie ein klarsichtiges, intelligentes, ehrliches und wohlmeinendes Kind durch unschuldige Fragen häufig das Selbstwertgefühl von jemandem ankratzen kann, so taten es auch diese Frauen ohne den geringsten Anschein einer bösen Absicht oder von Spott, indem sie ständig Diskussionspunkte vorbrachten, denen wir bestmöglich auszuweichen versuchten."
Am Ende des Buches werden die Männer Ihrland wieder verlassen müssen. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihrem Aufenthalt in der Welt der Frauen gelernt haben.

Charlotte Perkins hat eine utopische Welt kreiert, die auf der Frage basiert: Was wäre, wenn Frauen die Welt beherrschen würden? Eine Frage, die schon so häufig gestellt wurde, und immer wieder gestellt werden wird. Die Antwort der Autorin ist dabei sehr komplex und liefert die unterschiedlichsten Denkanstöße, die mann und frau teilweise weiterverfolgen möchten, teilweise jedoch auch als Humbug abtun werden. Doch jeder so, wie er kann. Lesenswert ist dieses Buch alle Male.

Einziger Wermuthstropfen: Ich habe dieses Buch in einer Übersetzung gelesen, die etliche Mängel in Stil und Ausdruck aufweist. Das ist nicht schön, insbesondere wenn man bedenkt, dass Charlotte Perkins für ihre Rhetorik berühmt war. Dadurch wird die Übersetzung ihrem Talent leider nicht gerecht, was sehr schade ist.

© Renie


"Ihrland" von Charlotte Perkins Gilman
(im Original: Herland)




#WomeninSciFi
Ich habe dieses Buch im Rahmen des Projektes "Women in SciFi" gelesen, das meine Bloggerkollegin Bingereader auf ihrem Blog vor einiger Zeit ins Leben gerufen hat. Lieben Dank für die Einladung, Sabine. Ohne dich wäre mir nie bewusst geworden, wieviele großartige Science Fiction Autorinnen es gibt. Ein Genre, das eindeutig mehr Beachtung verdient, insbesondere, wenn Frauen darüber schreiben.



*Quellennachweis: creative commons (creative commons) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons




Freitag, 1. Juni 2018

Maggie O'Farrell: Ich bin, ich bin, ich bin

Quelle: Pixabay/jclk8888
„Fast gestorben zu sein ist nichts Einmaliges oder Besonderes. Der Tod begegnet uns ständig; wohl jeder, wage ich zu vermuten, war ihm schon einmal nahe, vielleicht ohne es zu merken. Der Luftzug des Lasters, der zu dicht an einem Fahrrad vorbeifegt, der übermüdete Arzt, der die Dosis in letzter Sekunde noch einmal überprüft, der angetrunkene Fahrer, der sich dann doch überreden lässt, die Autoschlüssel abzugeben, …. .“
Stimmt, ich habe den Tod bisher selten bemerkt. Doch je tiefer ich in dieses Buch eingetaucht bin, umso mehr Situationen fielen mir ein, in denen ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin.
Die irische Autorin Maggie O’Farrell hat viele ihrer Begegnungen mit dem Tod in ihrem sehr persönlichen und autobiografischen Buch „Ich bin, ich bin, ich bin“ geschildert. Dabei sind 17 Kapitel entstanden, die über Episoden ihres Lebens berichten, in denen sie mit dem Tod in Berührung kam. Es sind selten die spektakulären Situationen, aus denen andere einen Nerven zerfetzenden Thriller produzieren würden, sondern eher Situationen, in denen das Schicksal es einfach nicht gut mit ihr meinte, und die jeden treffen könnten: eine unbekannte Virusinfektion, an der sie als Kind fast gestorben ist; jugendlicher Leichtsinn, Fehlgeburten, Todesangst um ihr eigenes Kind ...

Quelle: Piper
Dabei geht es Maggie O’Farrell gar nicht so sehr darum, ihre Erfahrungen mit dem Tod zu verarbeiten, sondern aufzuzeigen, welchen Einfluss diese Situationen auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit haben.

Und so zeigt sich das Bild einer starken Frau, die gelernt hat, Schicksalsschläge zu akzeptieren und ihr Leben weiterzuleben, in der Freude, dem Tod bis jetzt immer wieder ein Schnippchen geschlagen zu haben.
"Als Kind dem Tod so nah gewesen zu sein und dann das Leben neu geschenkt zu bekommen, hat mich viele Jahre lang verwegen gemacht, nonchalant gegenüber dem Risiko, geradezu tollkühn. .... Das lag nicht etwa daran, dass mein Leben für mich keinen Wert gehabt hätte, im Gegenteil, ich wollte um jeden Preis alles mitnehmen, was es zu bieten hatte. Mein Beinahesterben mit acht machte mich unbekümmert gegenüber dem Tod, vielleicht etwas zu unbekümmert. Ich wusste, irgendwann würde er mich ereilen, und die Vorstellung schreckte mich nicht; seine Nähe hatte fast etwas Vertrautes."
Maggie O’Farrells Geschichten sind sehr intim. Dabei offenbart sie eine Verletzlichkeit, die man nur Menschen zeigt, denen man sehr nahe steht. Diese Verletzlichkeit überträgt sich auf den Leser, und man versucht sich in Maggie hineinzuversetzen, fragt sich, wie man an ihrer Stelle handeln würde, und ob man die Kraft hätte, mit dem gleichen Optimismus aus ähnlichen Situationen hervorzugehen. Fragen, die sich selten beantworten lassen.

Die 17 Episoden werden aus der Ich-Perspektive in einer sehr eindringlichen Sprache erzählt. Manchmal wechselt die Autorin in die neutrale 3. Person Singular und bezeichnet sich dabei als die Frau oder das Mädchen. Sie schafft in diesen Momenten einen emotionalen Sicherheitsabstand zu dem Geschehen – wahrscheinlich ihre Art, um manche Gedanken und Erinnerungen überhaupt ertragen zu können.

Fazit:
Ein sehr intimes und ungewöhnliches Buch. Maggie O’Farrell beschreibt ihr Leben anhand von lebensbedrohlichen Situationen. Dabei zeichnet sich das Bild einer starken Frau ab, die trotz aller Todesmomente, die ihr widerfahren sind, gelernt hat, mit Freude an ihrem Leben festzuhalten und jeden Moment zu genießen, als ob es ihr letzter wäre. Ein Buch, das mich sehr berührt hat und noch lange beschäftigen wird.

© Renie



Über die Autorin:
Maggie O'Farrell wurde 1972 in Nordirland geboren und wuchs in Wales und Schottland auf. Ihr achtes Lebensjahr verbrachte sie nach einer lebensbedrohlichen Virusinfektion im Krankenhaus. Für ihre bislang sieben Romane wurde sie u.a. mit dem Somerset Maugham Award und dem Costa Novel Award ausgezeichnet. Zusammen mit dem Schriftsteller William Sutcliff und den drei gemeinsamen Kindern lebt sie heute in Edinburgh. (Quelle: Piper)