Und Laurence, der sympathische Typ, Ehemann von Violet? Nell scheint sich in ihn zu verlieben. Wie kann die Mutter Nell nur in diesen Haushalt schicken? Ich hoffe, sie bekommt noch ihre Abreibung. Ich hasse Menschen, die anderen das Recht absprechen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Und was für eine Dramatik. Bei "Kristin Lavranstochter" zog sich ja alles dahin. Nicht im negativen Sinne. Da wurden viele Landschaftsbeschreibungen eingeflochten, aber dieses Buch. Ich habe beim Lesen das Gefühl, in einem Intercity-Zug zu sitzen und dahinzubrausen.
Die Violet erinnert mich ein wenig an "Melanie Wilkis" aus "Vom Winde verweht" - die über alles Erhabene.
Laurence finde ich irgendwie nicht mehr so sympathisch. Zu feige, reinen Tisch zu machen. Violet alles zu erzählen benutzt er doch nur als Druckmittel, damit Nell dableibt. Er denkt überhaupt nicht daran, wie es für Nell sein muss, weiter in diesem Haushalt zu leben. So etwas Egoistisches von Kerl.
Nell kann sich ja unter den Umständen glücklich schätzen. Sie kann ihre Schwangerschaft verleben, ohne irgendwelche Existenznöte zu haben. Laurences Mutter bringt ihr alles Notwendige und sie ist weit genug entfernt vom Kriegsgetümmel, dass sie sich in ihre Fantasiewelt zurückziehen kann.
Ich staune ja darüber, wie unterschiedlich ein Schriftsteller schreiben kann. Von Kitty Ray habe ich "Rückkehr nach Manor Hall" gelesen und fand es sooo langweilig. Da ging es um zwei schüchterne Menschen und ob sie sich kriegen oder nicht. Das zog sich echt wie Kaugummi. Und dieses Buch ist so fantastisch und spannend.
Obwohl: Es erinnert mich ein bisschen an "Der verborgene Garten" von Kate Morton. Ha, die Großmutter bei Kate Morton hieß auch Nell.
Und wenn ich jetzt nicht die Reißleine ziehe, erzähle ich Euch noch die ganze Geschichte. Wer für Familiengeschichten und insbesondere für Familiengeheimnisse was übrig hat, dem empfehle ich guten Herzens dieses wunderbare Buch.
Und wem das Buch vielleicht doch nicht so gefällt, kann daraus eines mitnehmen: Beurteile niemals eine Sache auf den ersten Blick. Alles hat seine zwei Seiten