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Sonntag, 6. Juni 2021

Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete

Der niederländische Autor Arnon Grünberg tummelt sich in den unterschiedlichsten literarischen Gattungen. Er schreibt Romane, Reportagen, Essays, Gedichte, Filmskripte. Für viele seiner Werke ist er in seiner Heimat ausgezeichnet worden. Ich bin gespannt, wie sein aktueller Roman „Besetzte Gebiete“ in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Denn dieser Roman ist mutig, unbequem und vor allen Dingen schräg, wenn nicht sogar grotesk. Grünberg nimmt sich darin eines sehr sensiblen Themas an, bei dem die meisten Menschen der Nachkriegszeit sich in Zurückhaltung üben würden, aus Angst, dass ihnen die Political Correctness abgesprochen würde.

In "Besetzte Gebiete" geht es vordergründig um das Judentum und das Jüdischsein sowie die unterschiedlichen Standpunkte zu diesen Themen. Jeder, der sich öffentlich zu diesen Themen äußert, begibt sich auf dünnes Eis. Denn schnell wird man in die Nähe des Antisemitismus geschubst, sobald man nur den Verdacht einer Kritik am Judentum und dessen Auslegung äußert. Doch Grünberg scheint davor nicht bange zu sein, denn in seinem aktuellen Roman nimmt er das moderne Judentum auf brachiale Weise aufs Korn.
Quelle: Kiepenheuer und Witsch

Der Titel dieses Romans ist Programm. „Besetzte Gebiete“ – darunter versteht man in Israel das Westjordanland, in dem jüdische Siedler Land annektiert und sich dort niedergelassen haben – sehr zum Unwillen der Palästinenser, die das Westjordanland als ihr Eigentum ansehen. Vor lauter UN-Beschlüssen, die über die Jahre getroffen und wieder aufgehoben wurden sowie diversen Anektionen blickt man nicht mehr durch. Fakt ist: Jede Partei fühlt sich im Recht und beansprucht das Westjordanland für sich. Hinzu kommt auf israelischer Seite noch die vermeintlich religiöse Legitimation. Denn Palästina gehört zu demjenigen Land, das Gott den Juden verheißen hat (nachzulesen in der Hebräischen Bibel).
"... von hier aus hat er einen guten Blick auf die Siedlung, den umgebenden Zaun und etwas weiter auf eine andere Siedlung, daneben das palästinensische Dorf, leicht zu erkennen, nicht nur wegen des Minaretts, sondern auch, weil die Häuser dort nicht alle identisch aussehen, nicht wie die in der Siedlung, die man eher in einer Vorstadt von Fort Lauderdale erwarten würde. Was suchen diese Leute hier? Er würde es gerne verstehen. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Eine Schicksalsgemeinschaft? Die Sicherheit von Ritualen, durch die man sich nie mehr zu fragen braucht: Wie lebe ich richtig? Was ist ein gutes Leben? Rituale sind die Antwort auf alle Fragen, die heiligen Texte eine Gebrauchsanweisung, die keinerlei Zweifel zulässt, das Leben selbst reduziert auf die Frage der richtigen Interpretation dieser Texte."
Inmitten dieser schwierigen Verhältnisse landet ein niederländischer Psychotherapeut: Kadoke, jüdisch, wenn auch nur auf dem Papier. Kadoke ist der Protagonist dieses Romans, begleitet wird er von seinem senilen und gebrechlichen Vater.

Doch zunächst blicken wir zu Beginn des Romans auf die Zeit, vor Kadokes Ankunft im Gelobte Land. Wir erfahren, dass Kadoke in Amsterdam zuhause war und hier seine Zulassung als Psychiater verloren hat. Seine "alternativen Therapiemethoden" sorgten für einen Skandal. Die Folge für unseren Protagonisten: der Job ist weg, der Ruf ist ruiniert, er wird zum Opfer der Medien und zieht den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Seine alternativen Therapiemethoden bewirken also, dass er eine Alternative für sein bisheriges Leben benötigt. Und diese Alternative sieht er in Israel, wobei die Liebe ihm bei dieser Entscheidung geholfen hat.

Kadoke wandert also ins gelobte Land aus. Anat, die Frau, für die sein Herz schlägt, ist eine entfernte Verwandte, die ihn zufällig in Amsterdam besucht hat, und in die er sich scheinbar verguckt hat. Sie lebt in einem Kibbuz inmitten des Westjordanlandes. Hier tobt der Konflikt zwischen jüdischen und arabischen Siedlern, in dem es um die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Besiedlung des arabischen Landes durch jüdische Siedler geht. Anat ist eine, fast schon fanatische Verfechterin der jüdischen Argumentation. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Hier will nun Kadoke leben, der aus Amsterdam andere Wohn- und klimatische Verhältnisse gewohnt ist. Er versucht also, sich ein neues Leben aufzubauen, was sich als schwierig gestaltet. Denn das Leben mit seiner Freundin, der Schwiegermutter in spe sowie der Kibbuzgemeinschaft ist nicht einfach für jemanden, der zum Einen andere Lebensumstände gewohnt ist und zum Anderen überzeugter Atheist und Anti-Zionist ist.
"Der Horror dieser Leute, je wieder irgendwo eine unterdrückte Minderheit zu sein, ist so allesbeherrschend, dass sie ihre sämtlichen Aggressionen von vornherein als Notwehr gegen einen boshaften und heimtückischen Feind verteidigen."
Arnon Grünberg hat mit "Besetzte Gebiete" einen aberwitzigen und schockierenden Roman geschrieben. Vieles in dieser Geschichte scheint an den Haaren herbeigezogen, ist aber dennoch zum Brüllen komisch. Menschliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse prallen aufeinander, werden überspitzt dargestellt. Ich fühlte mich unweigerlich an die Filme von Monty Python erinnert, die sich mit ihrer Komik ständig an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt haben. Dieselbe Komik findet sich auch in diesem Roman wieder. 

Für mich ist "Besetzte Gebiete" eine groteske Satire. Doch hier kommt der Punkt, der mich durchgängig während der Lektüre dieses Romans beschäftigt hat: Was genau kritisiert Arnon Grünberg? Seine Kritik ausschließlich auf den Konflikt des Westjordanlandes zu begrenzen, erscheint im ersten Moment offensichtlich, hinterlässt jedoch Zweifel. 

Tatsächlich wäre ich nicht in der Lage, die Thematik dieses Romans in einem Satz zusammenzufassen . Allerdings könnte ich eine Riesen-Liste an Schlagwörtern erstellen, die mir während des Lesens eingefallen sind und bei denen ich jedes Mal gedacht habe: Stimmt ja, darum geht es auch.
Selbstverständlich würden die Wörter Judentum und Westjordanland ("Besetzte Gebiete") darauf stehen. Doch mir ist es zu wenig, diesen Roman darauf zu begrenzen. Ich sehe andere Aspekte. Um bei meiner Schlagwortliste zu bleiben: Standpunkte, Opfer/Täter, Selbstwahrnehmung, Gerechtigkeit, Moral, Doppelmoral, Glaube, Schubladendenken, Political Correctness, Leben und Lebenlassen ... und es gäbe noch vieles mehr, je länger ich darüber nachdenke.
Aber ich schaffe einfach nicht, diese Schlagwörter miteinander in Einklang zu bringen. Obwohl sie doch irgendwie zusammengehören, kriege ich die Aussage dieses Buches nicht auf den Punkt gebracht, was mich aber nicht stört. Stattdessen weiß ich, dass mich dieser Roman noch lange beschäftigen wird. Und ich mag Bücher, die mich nicht loslassen. Es gibt zuviele Bücher, die ich gelesen und für gut befunden habe. Nach ein paar Wochen hatte ich aber schon wieder vergessen, warum mir das Buch gefallen hatte. Bei diesem Buch wird mir das garantiert nicht passieren.

Fazit:
Eine verrückte Satire mit einem Humor, der sich an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt. So etwas muss man mögen, ich mag es. Die Kernaussage dieses Romans lässt sich kaum in Worte fassen, so dass dieser Roman mich noch lange beschäftigen wird. 

© Renie



Montag, 24. Mai 2021

Johannes Schweikle: Grobe Nähte

Johannes Schweikles Buch "Grobe Nähte" ist der "Roman einer deutschen Stadt". Am Beispiel von München erzählt er von Menschen, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten oder Kulturkreisen kommen. Diese Menschen haben außer ihrer Spezies sowie ihrem derzeitigen Lebensraum keinerlei Gemeinsamkeiten. Sie sind sich fremd, werden sich - wenn überhaupt, dann eher zufällig begegnen. Der Roman beschreibt ihren Alltag über einen Zeitraum von mehreren Monaten. 

"Warum singst ausgerechnet du das hohe Lied der Integration? Wie willst du mit Menschen aus fremden Ländern zusammenleben, wenn du einem Münchner Radfahrer nicht mal deinen Windschatten abgibst? ... Moral macht Spaß, wenn sie nichts kostet. Aber wehe, einer fragt, wie Multikulti funktionieren soll - dann sagst du, das sei Hass. Hängst du deine Gesinnung so weit raus, weil du ein schlechtes Gewissen hast, dass es dir unverschämt gut geht?"

Quelle: Kröner Verlag
Um diese Menschen geht es:

Familie Moser: Vater Korbinian - stellvertretender Redakteur einer namhaften Münchner Tagesszeitung, Karrieretyp, beruflich erfolgreich; Mutter Eva - war mal beruflich erfolgreich, jetzt widmet sie sich in Vollzeit der Aufzucht ihrer beiden Kinder, unterbrochen von Gelegenheitsjobs in ihrem "alten" Beruf als Foto-Journalistin.  Familie Moser ist wohlhabend, hip und stylish sowie in jeder Hinsicht politisch korrekt, umwelt- und ernährungsbewusst. 

Musikstudent Benedikt Scholl, der sich mit seiner Tuba mehr schlecht als recht durchs Leben bläst. Seine wenigen Engagements erlauben ihm keine großen Sprünge. Also lebt er in einer WG, lässt sich von seinem Bonanzarad durch München tragen und lebt in den Tag hinein.

Der afrikanische Profi-Fußballer Victor Akbunike, Starstürmer bei Münchens Starverein Bavaria München. Der weltberühmte Fußballverein bildet mit seinem Stadion und Vereinsgelände einen Kleinstaat in Bayerns Metropole. Victor ist der Vorzeige-Schwarze im Staat Bavaria. Seine Anhänger liegen ihm zu Füßen, und er darf sich alles erlauben, solange er sich an den Verhaltenskodex des Vereins hält und seine Torbilanz stimmt. Seinem Starimage entsprechend fährt er dicke Autos und lebt in einer schicken Villa.

Victor lebt noch nicht lange in München. Er ist frisch aus Nigeria eingetroffen, wo er von einem Talentscout entdeckt wurde. Aus armen Verhältnissen ins Paradies Bavaria München - Victor hat es also geschafft.

Andere Menschen, die in München ebenfalls frisch eingetroffen sind, aber es noch lange nicht geschafft haben, sind syrische Flüchtlinge. Denn der Roman spielt in der heutigen Zeit. Die Flüchtlingssituation bildet den groben Rahmen für das Geschehen in  diesem Roman, die Flüchtlinge selbst nehmen dabei jedoch keinen Anteil an der Handlung. Dennoch bestimmt ihre Gegenwart das Geschehen in diesem Roman. Denn der bloße Gedanke an die Anwesenheit der geflohenen Menschen reicht aus, , um den Frieden in Münchens Gesellschaft zu stören.

"In München sind wir konsequent. Wir schauen genau, was wo hingehört. Den Fußball verlegen wir dorthin, wo's genug Parkplätze gibt. Auch das Rotlicht kommt nach draußen, in den Sperrbezirk, die Innenstadt bleibt sauber. Es ist eine hiesige Spezialität, ordentliche Nähte zu ziehen." 

Johannes Schweikle hat mit "Grobe Nähte" einen bitterbösen satirischen Roman geschrieben. Ziel seines Spottangriffs ist unsere Gesellschaft, denn die hat es nötig, dass man ihr den Spiegel vor das selbstgefällige Gesicht hält. Herr Schweikle siedelt seinen Roman zwar in München an, doch steht die bayrische Hauptstadt stellvertretend für jede andere Groß- und Kleinstadt in Deutschland. Nun gut, nicht jede Stadt hat einen Fußballverein in der Größenordnung eines Bavaria Münchens, der in "Grobe Nähte" mit seinem Vereinsgelände und Stadion vatikan-gleich in München residiert. Dennoch sind die gesellschaftlichen Strömungen, die in Johannes Schweikles Roman zu finden sind, an jedem anderen Ort  unserer Republik anzutreffen. 

Wir Deutschen sind ein Land voller Egoisten und Gutmenschen geworden, neuerdings vegan, aber immer politisch korrekt.  Es ist verdammt einfach, den Menschenfreund zu spielen, solange das eigene egoistische Wohlbefinden nicht beeinträchtigt wird. München rühmt sich für seine Gastlichkeit. In "Grobe Nähte" werden die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft mit offenen Armen empfangen. Doch schnell zeichnet sich ab, dass diese Gastfreundschaft nur bis an die Schwelle der Komfortzone der Münchner Gesellschaft reicht.

Ich merke, dass ich mich gerade in Rage schreibe. Denn Johannes Schweikle hat mit seinem Roman "Grobe Nähte" einen wunden Punkt bei mir getroffen. Bis vor etwa einem Jahr war in Deutschland noch von der sogenannten Flüchtlingskrise die Rede, die ausreichend Material lieferte, dass sich der Egoismus in unserer Gesellschaft selbst bloßgestellt hat. Dieses Thema ist in den Hintergrund gedrängt worden, seitdem die Corona-Epidemie einen neue Bühne für die Zurschaustellung unserer Selbstsucht liefert. (Ich will jetzt nicht über diejenigen Menschen reden, die sich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen, weil sie beim Einkaufen einen Mundschutz tragen müssen - das ist Schnee von gestern!)

Ein Paradebeispiel für den Egoismus in unserer Gesellschaft ist für mich die Impfkampagne, die vor etwa einem halben Jahr begonnen hat. Denn mittlerweile ist aus der Covid-19-Epidemie ein Impffieber geworden. Menschen, die nach sozialer Gerechtigkeit und Einhaltung der Impfpriorisierung geschrien haben - schließlich müssen die Schwachen und Gefährdetsten in unserer Gesellschaft geschützt werden - sind bereits geimpft. Und das nicht erst seit gestern, sondern bereits in einem frühen Stadium der Impfkampagne. (Es geht doch nichts über Beziehungen und einer großzügigen Interpretation des Begriffs "Systemrelevanz".) Der deutsche Gutmensch fragt sich scheinbar: "Was interessiert mich mein Schrei nach Gerechtigkeit, wenn ich mir selbst am Nächsten sein kann?" 

"Es ist dunkel geworden. Von seinem Balkon kann Korbinian Moser den Efeu im Innenhof nicht mehr erkennen. Wohlig sitzt er in der Wärme, die jetzt genau richtig ist, er braucht keine Jacke. Nimmt noch einen Schluck Gin Tonic. Saugt am Trinkhalm, es gibt ein schlürfendes Geräusch im Glas. Er sitzt links neben Eva und legt seine Hand auf ihre rechte Schulter, Versucht, sie im Sitzen zu umarmen, und sagt überwältigt: Wir sind Weltmeister in Humanität!"

Herr Schweikle, es tut mir leid, dass meine Besprechung zu "Grobe Nähte" ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist. Nein, eigentlich tut's mir nicht leid, denn ich bin wütend über die Entwicklung unserer Gesellschaft. Mit ihrem "Roman einer deutschen Stadt" sprechen sie mir aus der Seele, und ich kann mir meine Gedanken einfach nicht verkneifen. 

Mein Fazit zu diesem Roman:

"Grobe Nähte" ist eine Gesellschaftssatire, die ungeheuer komische Momente hat, weil die überzogene Darstellung der Charaktere und ihres Lebens in der Wohlfühlstadt München einem Déja-Vu gleicht. Die Personen dieses Romans begegnen uns tagtäglich, und es werden leider immer mehr. Da hilft es uns nur, den Spiegel vor unser gesellschaftliches Antlitz zu halten, und hoffen, dass wir erkennen, was wir sehen. "Grobe Nähte" ist solch ein Spiegel.

Daher: Leseempfehlung, unbedingt!!!!

© Renie


"Grobe Nähte" von Johannes Schweikle (Kröner Verlag, Edition Klöpfer)

Samstag, 7. November 2020

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

Quelle: Pixabay/capri23auto
Eine Geschichte, deren Handlung hauptsächlich auf dem Friedhof stattfindet, ist entweder todtraurig, gruselig spannend oder übersinnlich. Die Eigenschaften "lustig" und "komisch" verbindet man eher selten damit. Doch Kerstin Hensel hat mich mit ihrer Novelle "Regenbeins Farben" eines Besseren belehrt. 

Schauplatz ist ein Friedhof, der in der Einflugschneise eines Flughafens liegt. Von morgens bis abends donnern Flugzeuge mit einem Höllenlärm über diesen Friedhof hinweg. Die Toten stört es nicht, und die Trauernden haben sich daran gewöhnt. So auch unsere 4 Protagonisten:
Karline Regenbein - bisher unentdeckte Malerin, schüchtern und unscheinbar, Witwe eines Fotografen, der sich in der Ehe als eifersüchtiger Kontrollfreak erwies.
Lore Müller-Kilian - verwitwete Industriellengattin, die sich schon immer ihre langweilige Existenz durch die schönen und luxuriösen Dinge des Lebens, versüßt hat. Lore besitzt eine Kunstsammlung.
Ziva Schlott - 80-jährige Kunstprofessorin und kettenrauchende Zynikerin. Sie war mit einem Kollegen verheiratet, der jedoch keine maßgebliche Rolle in ihrem Leben gespielt hat.
Eduard Wettengel - junggebliebener Galerist, den die Trauer über den Verlust eines Ehepartners von allen Protagonisten am meisten zu treffen scheint.
Quelle: Luchterhand
Jeden Tag kommen diese vier Personen zum Friedhof, um nach den Gräbern ihrer Liebsten zu sehen und zu trauern - jeder auf seine Weise.
"'Heul nicht', befiehlt Ziva. 'Trauer muss man treten. Das ist nur gerecht! Am Anfang hätschelst du sie wie einen Welpen, das ist bereits der erste Fehler. Sie macht mit dir, was sie will, weil du denkst, sie liebt dich. Aber sie will nur fressen, wachsen und den, der sie füttert, beherrschen. Wenn du sie nach ein paar Monaten nicht gelehrt hast, dir zu gehorchen, wird sie dich irgendwann reißen.'"
Im Verlauf der Friedhofsgeschichte zeichnet sich ab, dass sich die Vier nicht erst hier kennengelernt haben. Durch ihre Verbindung zur Kunst kennen sich die Protagonisten bereits seit vielen Jahren.

Die Buchbeschreibung zu dieser Novelle verleitet dazu, eine Komödie über 3 lustige Witwen zu erwarten, die auf der Suche nach einem Mann sind. Keine Frage, selbstverständlich buhlen die Damen um Eduards Gunst - sonst wäre es ja nicht lustig. Doch tatsächlich bildet dieser Aspekt nur einen Bruchteil dessen, was einen in dieser Geschichte erwartet.

Ich habe diese Novelle auch als Entwicklungsgeschichte gesehen, die verdeutlicht, dass Trauer als Chance betrachtet werden kann. Insbesondere die Namensgeberin der Novelle, Karline Regenbein, deren Ego während ihrer Ehe unter der kranken Dominanz ihres Gatten leiden musste, lernt langsam, aber stetig, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen und sich auf ihre eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Dieses neue Ich findet Ausdruck in ihren Bildern, die wiederum ihren Weg in die Öffentlichkeit finden - natürlich mit Unterstützung der anderen beiden Witwen sowie dem Galeristen. 
Darüberhinaus ist "Regenbeins Farben" ein Satire, in der die Scheinwelt der Kunstszene genussvoll abgewatscht wird. Die Autorin läuft dabei zur Höchstform auf. 
"Auf dem Hausvorplatz versammeln sich Leute, einander in ihrer Kunstsinnigkeit übertrumpfend. Damen tragen, mit akrobatischem Ehrgeiz, hohe Schuhe aus Lackleder. Auch Herren sind der Kothurnmode erlegen und üben auf Plateausohlen Standfestigkeit. Anzüge, Kleider, Hüte werden in einer Show exquisiter Labels vorgeführt. Man setzt auf Naturstoffe und Einzeldesign. Die Frisuren der Galeriebesucher zeigen ebenfalls Ergebnisse kreativer Farb- und Formgestaltung."
Durch den eigenwilligen Sprachstil der Autorin, die eine Meisterin der Ironie ist, wird der Leser durch die Handlung gewirbelt. Denn Kerstin Hensel hat Spaß an anspruchsvollen Wortspielereien, von denen ich in diesem Buch nicht genug kriegen konnte.

Fazit:
Ein gelungenes literarisches Paket aus Komödie, Entwicklungsgeschichte und Satire, das durch die anspruchsvollen Wortspielereien von Kerstin Hensel zu einem großen Lesevergnügen wird. 

Leseempfehlung!

© Renie


Freitag, 28. August 2020

Clemens Berger: Der Präsident

Quelle: DonkeyHotey - Donald Reagan, CC BY-SA 2.0 
Vom Tellerwäscher zum Millionär ...
Vom Schauspieler zum US-Präsidenten ...
Vom Polizisten zum Double des  US-Präsidenten ...

In Clemens Bergers satirischem Roman "Der Präsident" geht es um den amerikanischen Traum. Ich kenne zwar keinen Tellerwäscher, der es zum Millionär gebracht hat. Doch ich kenne einen Schauspieler, der es zum US-Präsidenten gebracht hat: Ronald Reagan. Und wie so viele Promis, hatte Mr. President ein Double: Julius Koch aus Österreich, der als Kind mit seiner Familie in die USA auswanderte. Clemens Berger erzählt die Geschichte dieses Mannes, der in diesem  Roman den Namen Jay Immer trägt.
Jay Immer lebte den amerikanischen Traum. Nach der Auswanderung in die USA im Jahre 1929 baute sich die Familie mit Anstand, Fleiß und Bescheidenheit ein Leben auf. Jay ist Polizist und wurde Amerikaner durch und durch. Er hat eine eigene Familie gegründet und lebt mit Ehefrau Lucy in einem Häuschen in Chicago. Tochter Barbara ist mittlerweile bereits erwachsen. Nun steht er mit 55 Jahren kurz vor der Pensionierung und freut sich auf den Ruhestand. Doch das kann nicht alles gewesen sein. Denn das Leben hält für Jay noch eine Überraschung bereit. Da Jay dem amtierenden Präsidenten Ronald Reagan verblüffend ähnlich sieht, wird er bei einer Agentur als Präsidenten-Double unter Vertrag genommen. Wäre Lucy nicht gewesen, die Jays Bewerbung ohne sein Wissen an die Agentur geschickt hat, würde er vermutlich einem unaufgeregten Ruhestand entgegensehen. Doch nichts ist mit der Ruhe.
"Er eröffnete Automessen, pries neue Gesichtscremes an und ließ sich mit Menschen ablichten, die bis zu hundert Dollar ausgaben, um sich in eine lange Schlange für ein Foto mit jenem Mann einzureihen, den man unter anderen Umständen für Ronald Reagan gehalten hätte. Lokalpolitiker ließen sich die Fotos rahmen, Unternehmer hängten sie an ihre Bürowände, Menschen trieb es Tränen in die Augen, wenn er ihnen zuwinkte."
In seiner Funktion als "der andere Präsident" tingelt er während Reagans Amtszeit von Engagement zu Engagement und vertritt seinen Doppelgänger: Geschäftseröffnungen, Hot Dog Wettessen, Firmenfeiern, Fototermine etc. etc. etc. Der Job ist lukrativ und ermöglicht Lucy und ihm ein Leben in bescheidenem Luxus. Doch etwas geschieht mit Jay. Hat ihn anfangs noch die Ähnlichkeit mit Reagan gestört, schlüpft er mit der Zeit immer mehr in die Rolle des US-Präsidenten. In seinem persönlichen Sprachgebrauch wird sein Häuschen in Chicago zum Weißen Haus, Lucy ist die First Lady (wenn auch die andere). Er kleidet sich für einen Präsidenten angemessen und genießt die Vergünstigungen, die das vermeintliche Präsidentenamt mit sich bringt. Jay wird überall erkannt, ob als der Echte oder der Andere lässt sich im Verlauf der Handlung nicht mehr bestimmen. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Sein Alltag ist vom Händeschütteln, Schulterklopfen, Lächeln und dem Posieren vor der Kamera geprägt.
Politische Gruppierungen, Menschenrechtler, Umweltaktivisten ... alle versuchen, ihn für ihre Zwecke einzuspannen. Anfangs gelingt es Jay, sich gegen diese Versuche zu behaupten. Doch mit der Zeit entwickelt er, der sein Leben lang völlig unpolitisch war, ein politisches Gewissen. Reagan ist daran nicht unschuldig. Denn während seiner 2 Amtszeiten hat er reichlich umstrittene Entscheidungen getroffen, die bei seinem Double, je länger dieses den anderen Präsidenten spielt, für Unwillen sorgt. Jay sieht sich in der moralischen Pflicht, die eine oder andere Korrektur vorzunehmen.
"Jay kannte kaum jemanden, der an etwas glaubte und danach handelte. Reagan glaubte nur an sein Bild in den Medien. Er hatte den Menschen Gefühle verkauft. Die strahlende Stadt auf dem Hügel; ein neuer Morgen für Amerika. Aber er betrieb eine Politik gegen die Menschen, gegen den Planeten und für ein paar steinreiche Unternehmer."
Der österreichische Autor Clemens Berger hat Jays Entwicklung vom aufrechten amerikanischen Staatsbürger, der nie im Mittelpunkt stehen wollte, zum "anderen Präsidenten" sehr detailliert herausgearbeitet. Anfangs haben wir es mit einem Protagonisten zu tun, dem etwas Spießiges anhaftet, dem die Pfege seines Gartens und seines Autos extrem wichtig sind. Ein Mann, zu dem der Beruf des Polizisten perfekt passt. Er ist der Hüter von Sitte, Moral und Anstand. Werte wie Fleiß und Bescheidenheit bestimmten sein bisheriges Leben. Bloß nicht negativ auffallen, am besten gar nicht auffallen. Er hätte sich nie zugetraut, die Rolle des Ronald Reagan zu leben, wenn seine Ehefrau ihn nicht zu seinem "Glück" gezwungen hätte. Anfangs versteckt er sich noch hinter der Rolle des händeschüttelnden Staatsmannes. Doch je mehr positives Feedback er erhält, umso besser fühlt er sich in dieser Rolle aufgehoben. Er wird selbstbewusst und mutig, entwickelt ein eigenes politisches Gewissen (mit freundlicher und berechnender Unterstützung anderer) und ist bemüht, für seine Überzeugungen einzustehen. 
Clemens Berger betrachtet in diesem Roman die Amtszeit von Ronald Reagan. Er hält sich dabei an die historischen Fakten und gewährt dem Leser einen Auffrischungskurs in Sachen amerikanischer Geschichte und den Einfluss der Reagan-Ära auf das Weltgeschehen. Dabei zieht Berger den amerikanischen Way of Life durch den Kakao. Das gelingt ihm, indem er seinen österreichisch stämmigen Protagonisten amerikanischer als jeden Amerikaner wirken lässt. Jays Handlungen wirken teilweise völlig überzogen, so dass dem Leser in diesem Roman ganz viel Situationskomik begegnet. 
"Vor allem kannte er seine Landsleute. Sie liebten die Show. Sie liebten Berühmtheiten. Sie liebten den Schein. Und doch hatten nicht wenige, selbst wenn er den Mund gehalten hatte, den Schein für Wirklichkeit gehalten. Sie waren nach Hause gekommen und hatten Freunden und Familien erzählt, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten begegnet zu sein."
Ich habe diesen satirischen Roman, der auf einer wahren Geschichte basiert, mit großem Vergnügen gelesen. Denn hier wird die Oberflächlichkeit der amerikanischen Gesellschaft sowie ihr Streben nach Schein und Sein auf sehr lustige Weise angeprangert. Ungewöhnlich ist dabei der Protagonist, der aufgrund eines kuriosen Zufalls in die Rolle seines Lebens gedrängt wird und dabei versucht, nach seinen eigenen Regeln zu spielen, was ihm am Ende mehr oder weniger gelingt.  

Leseempfehlung!


© Renie


Donnerstag, 20. August 2020

Ryū Murakami: In Liebe, dein Vaterland - II: Der Untergang

Bis ins Jahr 1945 war die koreanische Halbinsel über 100 Jahre lang eine Kolonie Japans. Koreaner waren während dieser Zeit für die Besatzer Menschen zweiter Klasse und sind es leider bei vielen Japanern heute noch. In dem zweiteiligen Japan-Nordkorea Epos "In Liebe, dein Vaterland" von Ryū Murakami wird der Spieß umgedreht und Nordkorea ist plötzlich die Macht, die eine japanische Halbinsel besetzt und deren Bevölkerung in die Unterwerfung zwingt. 
In Anbetracht der Historie und dem schlechten Ruf, den Nordkorea in der Welt hat, wäre dies ein Schreckensszenario, das man sich durchaus vorstellen könnte, und das der Autor in seinem Zweiteiler genüsslich inszeniert hat.
In dem ersten Teil "In Liebe, dein Vaterland I. Die Invasion", den ich vor ein paar Monaten gelesen habe, konzentriert sich die Handlung auf die unmittelbaren Anfänge der Besatzung von Fukuoka durch eine militärische Eliteeinheit Nordkoreas. Nach einem offenen Ende dieses Teils, war ich natürlich gespannt, wie die weitere Entwicklung in Fukuoka sein würde. Und wie das bei Mehrteilern so ist, fragt man sich natürlich, ob die Fortsetzung genauso gut wie der erste Teil ist. Soviel vorweg: Der 2. Teil steht dem 1. Teil in nichts nach.
Eine nordkoreanische Militärtruppe besetzt also die japanische Halbinsel Fukuoka. Sie errichtet hier ihr Hauptquartier und bildet gleichzeitig die Vorhut für weitere 120.000 nordkoreanische Soldaten, die sich auf dem Seeweg nach Japan befinden. 
"Die Nordkoreaner schienen überhaupt sehr darauf zu achten, keine Ressentiments bei der Bevölkerung zu schüren. Nicht dass sie Waisenhäuser gestiftet, älteren Bürgern über die Straße geholfen oder Unkraut im Park gejätet hätten, doch beispielsweise achteten sie strikt darauf, ihr Lager sauber zu halten. Außerdem waren sie höflich und verstießen nie gegen die guten Sitten."
Zu Beginn des zweiten Teils "Der Untergang" erleben wir, dass mittlerweile der Alltag in Fukuoka eingekehrt ist. Die Bevölkerung ist bemüht, sich mit den Besatzern zu arrangieren. Bis auf wenige Ausnahmen in der Bevölkerung haben die wenigsten jedoch Grund, sich über die Nordkoreaner zu beschweren, sind diese doch ausgesprochen höflich und zurückhaltend im Umgang mit den Einheimischen - vorausgesetzt, dass man nach nordkoreanischen Regeln spielt. Der Feind scheint nicht Nordkorea sondern die eigene Regierung zu sein. Denn durch den fehlgeschlagenen Versuch der Regierungsbehörden, einen versteckten Angriff auf die Besatzer zu wagen, mussten Menschen sterben, darunter viele Einheimische.
Daraufhin wird man vorsichtig bei der Wahl der Mittel. Wer will schon Schuld am Tod der eigenen Landsleute haben? Die japanische Regierung stellt Fukuoka zunächst unter Blockade. Flug- und Schiffsverkehr sowie jeglicher Warenverkehr werden  eingestellt. Da es keine Alternativen für die Bewohner der isolierten Halbinsel gibt, lassen sich die Einheimischen auf Geschäftsbeziehungen mit den nordkoreanischen Besatzern ein. Denn diese müssen die Versorgung und Unterbringung der 120.000 Soldaten organisieren, die in Kürze eintreffen werden.
"Wieviele Handys würden sie wohl benötigen, wenn die 120.000 eintrafen. Bei der schwächelnden Wirtschaft Fukuokas würden sich eine Menge Händler die Hände reiben. 120.000 Zuwanderer würden die Nachfrage enorm steigern."
Nicht alle Einwohner Fukuokas wollen die Besatzung der Nordkoreaner hinnehmen. Und hier begegnen mir meine persönlichen Helden aus dem ersten Teil wieder: Eine Gruppe von Aussenseitern will den Kampf gegen die feindlichen Besatzer aufnehmen, wobei die Bezeichnung "Aussenseiter" nur eine harmlose Vorstellung über diese Gruppe suggeriert. Tatsächlich handelt es sich um Soziopathen, vorwiegend in jugendlichem Alter, die durch die direkte oder indirekte Beteiligung an unvorstellbar brutalen Verbrechen und den daraus resultierenden Konsequenzen eine sehr spezielle Kindheit verbracht haben. Das Verrückte an Murakamis Darstellung der einzelnen Charaktere dieser Gruppe ist, dass man trotz der individuellen Vorgeschichten ein hohes Maß an Empathie für diese Charaktere entwickelt - zumindest für die Jüngeren unter ihnen. Dies liegt nicht nur daran, dass sie als Underdogs dem nordkoreanischen Feind die Stirn bieten wollen. Tatsächlich stellt der Autor Ryū Murakami das Menschliche dieser Charaktere in den Vordergrund. Letztendlich haben wir es hier mit jungen Menschen zu tun, die ihre Kindheit unter extrem schlechten Bedingungen verbracht haben, und die als "Problemkinder" von der   Gesellschaft ins Abseits gestellt wurden. Nun haben sie sich in Fukuoka zu einer Gruppe zusammen gefunden, in der ihre persönliche Geschichte und Herkunft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Hier steckt also hinter jedem Charakter ein Schicksal. Und genau das stellt Murakami in den Vordergrund.
"Endlich hatten sie ein äußeres Ziel, auf das sie all die zerstörerische Energie richten konnten, die in ihnen schlummerte. Woher dieser Drang zur Zerstörung kam, war unklar, aber Mori wusste, dass alle hier davon beherrscht waren."
Ryū Murakami schreibt nicht nur Romane, sondern er ist auch Regisseur und Drehbuch-Autor. Das merkt man diesem Buch an. Genau wie der 1. Teil ist "Der Untergang" unglaublich spannend und bietet genügend Potenzial, um einen Actiothriller daraus zu drehen. Der Sprachstil des Japaners ist dabei sehr visuell. Er lässt Bilder im Kopf des Lesers entstehen, die streckenweise sehr drastisch sind. Wie sich das für einen guten Actionstreifen gehört, knallt und scheppert es, dass es eine wahre Wonne ist. Explosionen, Schießereien, Blut und reichlich Tote und Verletzte ... hier hat Murakami alles in seinem Buch untergebracht, was das Action-Thriller-Herz begehrt. 

Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, diesen Roman auf Action, Mord und Totschlag zu reduzieren. Denn, genau wie der erste Teil, ist dieser Roman mehreren Genres zuzuordnen. Er ist eine anspruchsvolle Dystopie, die sich mit einer nahen Zukunft beschäftigt. Er ist Satire, die sich die japanische Gesellschaft vorknöpft und er ist Politthriller. Und auch hier gilt: Fiktion und Realität liegen sehr dicht beieinander.

Leseempfehlung!

© Renie






Und hier geht es zu meiner Buchbesprechung des ersten Teils: "In Liebe, dein Vaterland - Teil I: Die Invasion)

Mittwoch, 11. März 2020

Jonathan Coe: Middle England

Quelle: Pixabay/pixel2013
"'... Manche Leute finden ja, wir sind eine ganze Nation harmloser Spinner.'"
"..., die Hecken am Straßenrand, die Pubs, die Gartenzentren, die Mini-Märkte, also alles, was das moderne England so kennzeichnete."
"'Nostalgie ist die englische Krankheit. ... Die Engländer sind von ihrer verdammten Vergangenheit besessen - und wir haben gesehen, wohin das führt. ...'"
Dies sind die Worte eines Mannes, der es wissen muss. Denn er ist Brite. Manche würden ihn als Nestbeschmutzer bezeichnen, hält er doch mit seinen fast schon gehässigen Äußerungen über seine Landsleute nicht hinter dem Berg. Es geht um Jonathan Coe.
In seine Büchern beschäftigt sich der britische Autor, gern mit den Briten und dessen Alltag. Dabei ist er für seinen gnadenlos bissigen Humor in seiner Heimat berühmt berüchtigt.
Quelle: Folio Verlag

Auch sein aktueller Roman „Middle England“ ist eine Gesellschaftssatire auf das englische Königreich, geschildert am Beispiel von mehreren Protagonisten, die miteinander verwandt, befreundet oder bekannt sind. Die Handlung findet während der Jahre 2010 bis 2018 statt. Schauplätze sind vorwiegend Birmingham, welches das Zentrum der West Midlands ist (mittiger geht fast nicht in UK) sowie London. Gemessen an den aktuellen Ereignissen um den Austritt der Engländer aus der EU, kann man diesen Roman durchaus als Pre-Brexit-Roman bezeichnen. Zumindest wird hier im Detail durchleuchtet, wie es zu dem Brexit kommen konnte.

Die Handlung ist geprägt vom Alltag der Protagonisten. Das hört sich erstmal unspektakulär an. Doch man lernt schnell, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Und vor allem die Lustigsten. Lustig zumindest für den Außenstehenden. Denn die Protagonisten in diesem Roman erweisen sich alle als tragische Gestalten, denen das Leben in der britischen Gesellschaft ein Schnippchen schlägt. Dabei werden sie von Coe dermaßen klischeehaft überzeichnet dargestellt, dass ich manches Mal schallend gelacht habe. 
Die Charaktere bilden dabei einen Querschnitt durch die britische Gesellschaft inklusive sämtlicher politischer Ausrichtungen.
"'Es gibt im ganzen Land höchstens zwölf Leute, die verstehen, wie die EU funktioniert, oder gar, wie ihre Bestimmungen mit dem globalen Wirtschaftssystem verzahnt sind. Du verstehst es nicht, und ich verstehe es erst recht nicht, und wenn du glaubst, dass die Menschen in drei Monaten besser Bescheid wissen werden, lebst du im Wolkenkuckucksheim. Die Menschen werden so abstimmen, wie sie es immer tun - mit dem Bauch. ...'"
Jonathan Coe ist ein Meister der Satire. Das „Opfer“ seiner Satire ist die britische Gesellschaft, deren Entwicklung in Zeiten des Pre-Brexit der Autor akribisch herausarbeitet. Als Europäer, der das Theater um den Brexit bestenfalls in der Presse mitverfolgt hat, bekommt man einen ungefähren Eindruck, welcher gesellschaftliche Wandel in Großbritannien stattgefunden hat.
Anfangs konzentriert sich dieser Roman auf das Leben und den Alltag in Großbritannien, doch je näher wir uns in der Handlung dem tatsächlichen Beschluss zum Austritt aus der EU nähern, umso politischer wird der Roman. Denn Coe bindet politische Ereignisse und Stimmungen in die Handlung ein. Seine Protagonisten bekommen direkt oder indirekt mit, welche Auswirkungen der Brexit auf ihr Leben haben wird. 
Insofern bezeichne ich den satirischen Roman „Middle England“ als visionäres Lehrstück zum Thema „Brexit“, das einen Höllenspaß macht – vorausgesetzt, man ist kein Engländer. Denn Jonathan Coe zerpflückt in seinem Buch gnadenlos die englische Seele. Und das kann fies wehtun.
"'Wir sind komplett und hoffnungslos am Arsch. Es ist ein einziges Chaos. Alle rennen herum wie kopflose Hühner. ... Niemand hat damit gerechnet. Niemand war darauf vorbereitet. Niemand weiß, was ein 'Brexit' eigentlich ist. Niemand weiß, wie das geht. Vor eineinhalb Jahren nannten das alle noch 'Brixit'. Niemand weiß, was 'Brexit' bedeutet.'"
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen. Die von mir zitierten Textpassagen aus dem Roman beweisen es: Jonathan Coe geht erbarmungslos mit der britischen Gesellschaft um. Als Nicht-Brite kann man darauf nur mit Schadenfreude reagieren. Doch Vorsicht, lieber Leser: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!

Leseempfehlung!

© Renie


Donnerstag, 19. September 2019

Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium

Quelle: Pixabay/TitanicaArt
In dem Klappentext zu dem Roman mit dem fast unaussprechlichen Titel "Das Grabenereignismysterium" des Norwegers Thure Erik Lund findet sich folgender Hinweis:
"Das Grabenereignismysterium ist eine skurrile, böse Satire auf Norwegen und das Norwegischsein - 'ein Buch, das sich kein Norweger wünscht, wir aber alle verdienen.' (Dagens Næringsliv)"
Augenscheinlich handelt es sich hierbei also um ein Buch für und über Norweger. Rückblickend kann ich dies bestätigen. Norweger bzw. Seelenverwandte der Norweger werden sich diesem Buch verbunden fühlen.

Da wird ein Norweger, der sich selbst als Geistesmensch bezeichnet, vom norwegischen Kulturministerium damit beauftragt, ein Gutachten über die Kulturdenkmäler Norwegens zu erstellen: Welche gibt es? In welchem Zustand befinden sie sich? Wie können sie der Welt zugänglich gemacht werden? Welches Potenzial haben sie hinsichtlich touristischer Attraktivität. Also begibt sich der Norweger auf eine 5-monatige Reise, während der er ausreichend Gelegenheit findet, über Land und Leute zu philosophieren. Das Gutachten fällt nicht so aus, wie die Politik es sich erhofft haben. Für die Geisteshaltung, die der begutachtende Norweger an den Tag legt, wird er angefeindet und ist gezwungen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. 
Quelle: Droschl

Dies ist die Schmalspurzusammenfassung des Inhalts dieses Romans. Hätte der Autor an meiner Stelle eine Beschreibung wiedergegeben, wäre diese wahrscheinlich viel ausschweifender und kurioser ausgefallen. Denn er legt in diesem satirischen Roman einen unnachahmlichen Sprachstil an den Tag: eigentümliche Wortkreationen, die jedes Scrabblebrett sprengen würden; Schachtelsätze in rekordverdächtiger Länge. Man ahnt es.... Das Lesen dieses Buches ist eine Herausforderung. Im Nachhinein schwanke ich zwischen Faszination über die Kreativität des Autors bei der Wortschöpfung und leider aber auch Langeweile. Denn machen wir uns nichts vor, von Lesefluss kann bei der Lektüre keine Rede sein. Dafür zwingt einen der ausufernde Sprachstil des Autors in die Knie.
"... und so bekam das Gutachten eine dramatischere Ausprägung, ja, in Wirklichkeit war es eine lange Beschimpfung des Norwegischen, nicht des falschen urtümlichen Norwegischen, dessen Definition Touristen, Filmproduzenten, Featureschreiberlinge und erlebnisorientierte Verbrauchsmenschen zustande gebracht hatten, sodass sie es mochten, und die es deshalb für passend hielten, sondern dieses andere, das schwache, unsichere, doppelgesichtige, genierte, zurückgezogene Norwegische, das gegenüber allen anderen auch fremdenfeindlich, nicht gastfreundlich, unwirtschaftlich, isolationistisch, selbstbewusst war ..."
Was den satirischen Aspekt dieses Romans betrifft: Dieser Roman ist für Norweger gemacht. Ich habe keinen Bezug zu Norwegen, bin daher auf das angewiesen, was man sich über die Mentalität der Norweger anlesen kann. Ist der hier beschriebene Umgang der Norweger mit ihren Kulturgütern typisch norwegisch? Ich glaube nicht. Die hier geschilderten Ambitionen sind meines Erachtens typisch für jedes touristische Land: Man will zeigen, was man hat. In einer Art und Weise, die sich am Ende auszahlt. Auch der Typ Mensch, den der Protagonist verkörpert – er bezeichnet sich als Geistesmensch, ich bezeichne ihn als Eigenbrötler – ist eine Spezies, die Norwegen nicht allein für sich beanspruchen kann.

Vielleicht ist dieser Roman daher doch nicht so norwegisch, wie es anfangs scheint. Auf jeden Fall war es schwierig für mich, die Satire vollständig zu verstehen. Über einige  wenige Ansätze bin ich leider nicht hinausgekommen.

Kann ich diesen Roman empfehlen? Jein. Er ist amüsant, wortschöpferisch kreativ, aber auch stellenweise langweilig. Und natürlich mehr oder weniger norwegisch.Tatsächlich ist dieser Roman in seinem Heimatland hochgelobt. Eine renommierte norwegische Tageszeitung setzte ihn auf die Liste der 25 besten Bücher der letzten 25 Jahre. Die Norweger werden wissen, warum.

© Renie


Mittwoch, 17. April 2019

Tomer Gardi: Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück

Quelle: Pixabay/Alexandra_Koch
"Surreal, an der Grenze zur Absurdität"

Diese Worte beschreiben in etwa meinen Leseeindruck von dem Roman "Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück" von Tomer Gardi. Eine interessante Leseerfahrung habe ich mit diesem Buch gemacht. Denn mir fällt kein vergleichbares Buch ein, auch wenn der Plot an einen altbekannten Klassiker erinnert.
Vielen sind die Geschichten aus tausendundeiner Nacht ein Begriff. Da gab es dieses schöne Mädchen Scheherazade, die ein Opfer der Umstände wurde. Ihr König ließ nämlich seine untreue Ehefrau hinrichten und hatte die fixe Idee, sich ab sofort jede Nacht eine Jungfrau zu "gönnen", die dann ebenfalls am nächsten Morgen geköpft werden sollte. (Nach Sinngebung und Zusammenhang lohnt sich an dieser Stelle nicht zu fragen.) Eine dieser Jungfrauen und potenziellen Kopflosen war besagte Scheherazade. Doch in ihr hatte der König seine Meisterin gefunden. Das clevere Mädchen fing nämlich von der ersten Nacht an, ihm Geschichten zu erzählen, die sie jedoch nie beendete. Stattdessen hörte sie in schöner Regelmäßigkeit an der spannendsten Stelle auf, so dass der König unbedingt die Fortsetzung hören wollte. So hat sie es tatsächlich auf 1001 Nächte und ein Happy End gebracht. Und der Kopf ist auch drangeblieben.
Quelle: Literaturverlag Droschl/Kirchner PR
"Ich stand dort, gegenüber dem Aquarium, betrachtete den merkwürdigen rosa Fisch, wie er da schwamm, so allein. Man sieht beim Arbeitsamt nicht wenige traurige Geschöpfe, dieser Fisch kann gewiss einen der ersten Plätze unter ihnen beanspruchen. "
Tomer Gardi hat Scheherazades erzählerische Meisterleistung als Anregung genommen, seine ganz eigene Form der Geschichten aus tausendundeiner Nacht zu schreiben. Seine Scheherazade ist ein arbeitsloser Schriftsteller in Israel, der seinen Sachbearbeiter vom Arbeitsamt, davon überzeugen muss, dass Schriftsteller ein Beruf ist, und er daher Anspruch auf Arbeitslosengeld hat. Er muss quasi seine Qualifikation unter Beweis stellen, indem er ihm Geschichten erzählt. Und der Sachbearbeiter, der herrschergleich hinter seinem Schreibtisch thront, lässt sich gern seinen tristen Büroalltag durch diese kunterbunten, aber eigenwillige Geschichten versüßen.

Diese Geschichten werden scheinbar in einem bunten Wirrwarr erzählt. Aber dennoch sind sie miteinander durch deren Protagonisten verknüpft. Einige der Protagonisten nehmen Doppelrollen ein. Sie existieren in der Realität des Ich-Erzählers, spielen aber genauso eine Rolle in seinen Geschichten.
Die Sprache ist quicklebendig und zeichnet sich durch einen feinen Witz aus.
Tomer Gardi erlaubt sich jedoch eine Merkwürdigkeit im Sprachstil. Denn seine quirlige Sprache wechselt zwischendurch ins Märchenhafte. So wird der Sachbearbeiter des Arbeitsamtes beispielsweise als "ehrwürdiger König" tituliert.
"Fürchte dich nicht, gute Frau, öffnete da der rosafarbene Fisch seinen Mund und sprach weiter, ich bin der kommerzialisierte rosafarbene Feng-Shui-Fisch, der nach dem Glauben des Feng-Shui Glück und wirtschaftlichen Aufschwung beschert."
Das alles ist merkwürdig, lustig, skurril und unterhaltsam. Doch es gibt auch die ernsthaften Momente in diesem Buch, welche schwer zu verdauen sind, da sie sehr drastisch und plakativ beschrieben sind. Wer z. B. bis jetzt noch kein Gegner von Stierkämpfen war, wird es spätestens nach diesem Buch sein. Darauf gebe ich mein Ehrenwort.

Fazit:
Es gibt sie tatsächlich noch, die Überraschungsbücher. "Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück" ist eines dieser Bücher, welches sich mit nichts vergleichen lässt, was ich bisher gelesen habe. Es ist schräg und steckt voller Verspieltheit und Fantasie. Es ist surreal und bewegt sich an der Grenze zur Absurdität. Es ist eines der Leseexperimente, auf die man sich einlassen muss. Mit gesundem Menschenverstand ist diesem Buch nicht beizukommen. Dieser Roman strotzt nur so vor lauter Übermut. Dennoch sollte man darüber nicht vergessen, dass dieses Buch als Satire auf die Gesellschaft - vornehmlich Israel - zu verstehen ist. Und das hat Tomer Gardi in einem sehr eigenwilligen Stil umgesetzt. Der Autor scheint ein großer Schelm zu sein, der einen riesengroßen Spaß hat, an dem was er tut.

© Renie


Donnerstag, 21. März 2019

Ryū Murakami: In Liebe, dein Vaterland - Teil I: Die Invasion

Quelle: Pixabay/OpenClipart-Vectors
So viel ist sicher, aus einem Stoff, wie ihn der Roman "In Liebe, dein Vaterland" des Japaners Ryū Murakami beschreibt, werden in Hollywood die reißerischsten Action-Filme gedreht:
Eine nordkoreanische Soldatentruppe bringt das Baseball-Stadion der japanischen Stadt Fukuoka in seine Gewalt und nimmt somit mal eben 30.000 Geiseln. Bei den Hollywoods würde irgendwann eine heldenhafte Truppe, angeführt von einem kernigen Supermann, dem Ganzen ein Ende bereiten und die Geiseln befreien, natürlich nicht ohne spektakuläre Knalleffekte. Auf jeden Fall würden am Ende die Guten siegen. Denn die Guten siegen immer.
In "In Liebe, dein Vaterland (Teil I)" ist jedoch nicht ganz einfach zu entscheiden, wer hier die Guten sind. Daher lässt sich auch nicht vorhersagen, welchen Ausgang die Geiselnahme und die daraus resultierenden Folgen nehmen werden. Am Ende dieses Buches, welches das erste von zwei Teilen ist, sowieso nicht. Wir müssen schon bis zum Ende des zweiten Buchs (Der Untergang) warten, um zu wissen, wie die ganze Chose ausgehen wird.
Quelle: Septime

"Der Plan war unschlagbar und Pak Yong-su konnte seine Aufregung kaum zügeln. Die Landsleute im Süden würden verschont bleiben, und die Heimat auch. Der Krieg würde auf überseeischem Territorium stattfinden. Blut würde fließen und Städte würden zerstört, doch nur in jenem Land, das einst das Vaterland beherrscht, zahllose Menschen zwangsumgesiedelt und damit die Ursache für die Teilung geschaffen hatte. Im verhassten Japan."
Die Geiselnahme gehört im Übrigen zu einem Plan, der am Ende vorsieht, den Süden Japans in eine Provinz Nordkoreas zu verwandeln. Es bleibt also nicht bei der Handvoll Nordkoreaner, die sich in Fukuoka breit machen. Sie machen nur den Anfang. Kurz nach dem Überfall auf das Baseball-Stadion treffen auch schon die nächsten nordkoreanischen Spezialeinheiten ein und besetzen das Zentrum der Stadt. In verblüffender Geschwindigkeit richten sich die Truppen hier ein, stellen ihre Forderungen und diktieren den Verantwortlichen der Stadt, wie die Übernahme verlaufen soll. Die Politiker sind überfordert, ganz Japan ist überfordert. Denn dieses Land hat seit geraumer Zeit andere Probleme, insbesondere seitdem der ehemalige Freund USA sich von Japan abgewandt hat und mit China und Nordkorea sympathisiert. Japan steht am wirtschaftlichen Abgrund, was sich in extremem Ausmaß bei der Bevölkerung bemerkbar macht. Hinzu kommt, dass Japan mit der militärischen Präzisionsarbeit der Nordkoreaner überfordert ist. Japan ist nicht gewohnt, mit Militärschlägen konfrontiert zu werden. Die Zeiten, in denen das japanische Militär gefordert war, liegen schon Ewigkeiten zurück.
"Der Wunsch aufzugeben breitete sich wie ein Gestank nach faulen Eiern am Runden Tisch aus. Aufgeben bedeutete, sich einer überlegenen Macht zu unterwerfen und jeden Gedanken an Widerstand fallen zu lassen. An die Macht kam man durch Gewalt, und durch Gewalt hielt man sie aufrecht. Menschen, die lange im Frieden gelebt hatten und nicht an Gewalt gewöhnt waren, empfanden sie als unmenschlich und konnten sich nicht einmal vorstellen, wie es war, Gewalt ausgesetzt zu sein. Und wer keine Vorstellung von Gewalt hatte, konnte sie auch nicht anwenden."
Japans Politiker-Elite reagiert mit Hilflosigkeit auf die Bedrohung. Und was ein guter (japanischer) Politiker ist, der weist erstmal jegliche Verantwortung von sich und sucht sich mindestens einen Schuldigen, der bei etwaigen Fehlentscheidungen geopfert wird. Das Wohl der Bürger von Fukuoka steht hintenan. Zunächst gilt es, die eigene Haut und Polit-Karriere zu retten.

Die Besetzung der Stadt erfolgt anfangs relativ unspektakulär. Die Besatzer erweisen sich als sehr höflich und versuchen, die Unannehmlichkeiten für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. Ein feiner Zug von ihnen, der von den Einwohnern wohlwollend registriert wird. Doch sollte man die Nordkoreaner nicht unterschätzen. Sie sind nämlich nicht zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel, sobald sie auf den kleinsten Widerstand stoßen. 

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Murakami konzentriert sich dabei auf mehrere Gruppen, die an dem Szenario beteiligt sind. Diese Gruppen können nordkoreanische Militärgruppen, japanische Politiker, Journalisten etc. sein. Irritierend ist dabei eine Gruppe von kriminellen jungen Japanern, teilweise mit terroristischem Hintergrund. Diese Gruppe spielt zu Beginn des Roman eine Rolle, taucht aber später nicht mehr auf. Diese Japaner scheinen die Underdogs in der Geschichte zu sein. Eine Gruppe von kriminellen Außenseitern, die in der japanischen Gesellschaft keinen Fuß fassen konnten, aber das Zeug dazu haben, hinterher als Helden an dem Geschehen in Fukuoka mitzuwirken. So liefe das zumindest in Hollywood. Und man hofft, dass sich diese Entwicklung auch bei Murakami findet. Doch, ob es dazukommt, wird sich erst im zweiten Teil dieser Geschichte zeigen. Denn wie gesagt, diese Gruppe findet im Verlauf des ersten Teils nicht mehr statt, aber dennoch spürt man, dass sie eine besondere Bedeutung haben werden.

Der erste Teil endet mit dem Belagerungszustand in Fukuoka und dem Moment, wo die netten Besatzer zu Herrschern werden und nicht mehr so freundlich sind, wie sie ursprünglich waren.

Dieser Roman wird als Dystopie, Satire und Politthriller bezeichnet. Das kann ich nur unterschreiben, denn dieser Roman ist so vielschichtig, dass man ihn auf keinen Fall einem einzigen Genre zuordnen kann. Diesen Roman zu lesen verursacht Spannung, ungläubiges Kopfschütteln, aber auch Unwohlsein bei dem Gedanken wie schmal die Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität ist. Auf jeden Fall ist er ein grandioser Roman mit einem ungeheuren Spannungsaufbau, der mich neugierig auf den 2. Teil macht.

Leseempfehlung!

© Renie




Freitag, 22. Februar 2019

Paul Beatty: Der Verräter

Der amerikanische Schriftsteller Paul Beatty hat als erster US-amerikanischer Autor den britischen Literaturpreis Man Booker Prize gewonnen. Das war in 2016 für seinen Roman „The Sellout“, einer Satire, die im letzten Jahr unter dem Namen „Der Verräter“ in Deutschland veröffentlicht wurde.
Dieser Roman behandelt ein Thema, das verrückter nicht sein kann: Wiedereinführung der Rassentrennung in den USA.

Ein unangenehmes Thema, ein No Go im modernen menschlichen Miteinander und ein Verstoß gegen eine Vielzahl von Menschenrechten. Man traut den USA ja einiges zu, aber das?
Wie beruhigend, dass es sich bei dieser Vorstellung doch nur um eine Satire handelt, deren Grundidee der Autor Paul Beatty in aller Genüsslichkeit ausschlachtet. (Vergessen wir mal, dass hinter jeder Satire ein Fünkchen Wahrheit steckt;-))


Der Inhalt
In "Der Verräter" macht es sich der afroamerikanische Protagonist und Ich-Erzähler zur Aufgabe, die amerikanische Bevölkerung wieder nach Hautfarben zu unterteilen.
Quelle: Randomhouse/Luchterhand

Er ist in einem fiktiven Vorort von Los Angeles aufgewachsen: Dickens – ein Ghetto der übelsten Sorte, das aufgrund seines ländlichen Charakters (die Ausläufer der Großstadt haben Dickens noch nicht erreicht) auch ein geringes Maß an Idylle vorzuweisen hat. Drogen und Kriminalität gehören zwar zum guten Ton. Aber auch Landwirtschaft und Gartenarbeit sind hier zu finden. So ungewöhnlich wie sich Dickens präsentiert, verlief auch das bisherige Leben des Ich-Erzählers. In seiner Kindheit wurde er von den fixen Ideen seines Psychologen-Vaters und Bürgerrechtsverfechters zu eben diesen Themen malträtiert. Andere Kinder spielten auf der Straße, er spielte Studienobjekt für seinen Vater und wurde gern mal für Feldversuche eingesetzt, wenn es darum ging, unter Beweis zu stellen, dass die Einhaltung der Bürgerrechte in Amerika sehr großzügig gehandhabt wird.
"Ich hielt seinen Tod für einen Trick. Für einen seiner raffinierten Pläne, mit denen er mich in den Nöten der schwarzen Rasse unterweisen und so in mir den Wunsch wecken wollte, etwas aus mir zu machen. Ich erwartete halb, dass er aufstand, sich abklopfte und sagte: 'Wenn mir so etwas passiert, dem schlauesten Schwarzen auf der ganzen Welt, dann überleg mal, Nigger, was einen dummen Arsch wie dir passieren kann. Der Rassismus mag tot sein, aber das heißt noch lange nicht, dass man Nigger nicht ohne Vorwarnung abknallt.'"
Als sein Vater starb, war unser Ich-Erzähler auf sich allein gestellt. Er wurschtelte sich durch und entdeckte seinen Spaß und seine Begabung für Landwirtschaft. Seine quadratischen Melonen waren legendär. Sein angebautes Marihuana aber auch.
Sein Leben hätte so schön beschaulich sein können, wenn nicht die Ausläufer der Großstadt Los Angeles immer näher rückten. Und so kommt, was kommen muss: Dickens verschwindet von der Landkarte und mutiert zu einem anonymen Straßenzug. Nichts ist mehr wie es war und Schluss ist's mit der Beschaulichkeit.
Unser Ich-Erzähler möchte dies nicht akzeptieren und will sein altes Leben zurück. Die Weißen und Wohlstandsfarbigen, die ehemals "gefährliche" Gegenden für sich und ihren Lifestyle entdecken, sind ihm ein Dorn im Auge. Daher ruft er zum Protest auf. Er verlangt die Rückkehr zur Rassentrennung. Dickens soll das schwarze Ghetto bleiben, das es mal war. 
Sein Protest wird am Ende in einer Anklage münden, die bis vor den obersten Gerichtshof Amerikas gehen wird.

An dieser Stelle setzt der Roman ein. Paul Beatty hat einen Prolog geschrieben, der mich fast zur Verzweiflung gebracht hat. Ohne die Buchbeschreibung gelesen zu haben, wurde ich völlig unvorbereitet in diese Gerichtsverhandlung hineinmanövriert. Unser Ich-Erzähler hat sich während des Prozesses ein Tütchen Marihuana geraucht (sehr befremdlich!), was von den Richtern und Beamten geduldet wird (noch befremdlicher!). Dementsprechend sind seine Schilderungen ein wenig diffus – also vernebelt. Endlich, am Ende des Prologs kommt er auf den Punkt und endlich erfährt man, warum der Gute, der sich selbst als "eine legendäre Verkörperung zivilen Ungehorsams" bezeichnet, angeklagt wird:

Er ist nicht nur Verfechter der Rassentrennung, er hält sich auch noch einen Sklaven: seinen alten Nachbarn und ausrangierten Schauspieler Hominy, der in seiner Kindheit bei "Die kleinen Strolche" mitgemischt hat. 
Welch ein Paukenschlag am Ende des Prologs! Wenn Paul Beatty mit dieser Aussage nicht die volle Aufmerksamkeit bei jedem seiner Leser hat, dann weiß ich nicht. Es bleibt nichts anderes übrig, als ungläubig weiterzulesen.

Wie erfreulich, dass der Ich-Erzähler nicht immer zugedröhnt ist, was sich auch am Sprachstil bemerkbar macht. Unser "sandalenbewehrte Äthiopier" erzählt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das kann manchmal wirr wirken, weil er von Hündchen auf Stöckchen kommt. Doch es gibt tatsächlich einen roten Faden, der den Leser zielsicher zu der Verhandlung führt, mit der das Buch begonnen hat und mit der das Buch endet. Dazwischen finden sich Erinnerungen an seine Kindheit, an Dickens, an seinen Sklaven, an seinen Alltag und wie es letztendlich zu dem Prozess gekommen ist.
"Dieses Land braucht jemanden, den man mit Baseballbällen bombardieren, den man schwuchtelprügeln, niggerknüppeln, niedertrampeln und boykottieren kann. Ein Land, das sich ständig im Spiegel bewundert, braucht alles, was es davon abhalten kann, sich wirklich ins Gesicht zu sehen und daran zu erinnern, wo es seine Leichen begraben hat."
Leider sind die Ausführungen unseres Ich-Erzählers manchmal etwas ermüdend, da sie mit Gags, lustigen Sprüchen, Insiderwissen eines Farbigen und Respektlosigkeiten überfrachtet sind, ganz zu schweigen von den rassistischen Äußerungen, die er bis zum Exzess einfließen lässt. Das ist anfangs lustig, nutzt sich aber leider nach einiger Zeit ab. Das Lesen in mehreren Etappen hilft jedoch an dieser Stelle!
Doch lesen sollte man diesen Roman auf jeden Fall. Denn seine Thematik, sein Aufbau und sein Sprachstil machen ihn zu etwas sehr Besonderem.

© Renie

Freitag, 13. April 2018

Alper Canigüz: Secret Agency

Quelle: Pixabay/LisaRedfern
Als man mir auf der Leipziger Buchmesse das Buch "Secret Agency" von Alper Canigüz vorstellte, dachte ich, ich höre nicht richtig: Katzen können berufstätig sein und Karriere machen !?!

Verrückt! Kein anderer Begriff ist zutreffender für diesen Roman als dieser: VERRÜCKT!!!

Der Protagonist in diesem Buch ist Musa, Texter, der einen neuen Job in einer Werbeagentur in Istanbul antritt - in eben dieser Secret Agency. Der Chef ist eine Katze. Die anderen Mitarbeiter sind auch irgendwie merkwürdig, und es ist kalt. Kälte erhöht bekanntlich die geistigen Fähigkeiten sowie die Effizienz bei der Arbeit. Und gemessen an der Kälte in der Secret Agency müssten die Mitarbeiter zur Höchstform auflaufen. Man ahnt es, in der Secret Agency geht nicht alles mit rechten Dingen zu.
"Ich begab mich an meinen Platz zurück und versuchte eine Weile, im Internet etwas über die Agentur in Erfahrung zu bringen, dann wartete ich darauf, dass mir jemand Arbeit brachte, mein Telefon klingelte oder eine E-Mail eintraf. Alles umsonst. Ich fragte mich, warum ich mich nicht langweilte und fand sofort die Antwort. Ich fror dermaßen, dass mein Gehirn mir angesichts der lebensbedrohlichen Lage einen Luxus wie etwa das Gefühl von Langeweile natürlich vorenthielt."
Ich hatte sehr viel Spaß mit diesem Roman, und noch mehr Aha-Erlebnisse. Der Autor liefert Überraschungsmomente, die unbezahlbar sind. Der Ich-Erzähler Musa ist ein lustiges Kerlchen: ein trinkender Romantiker, der nicht auf den Mund gefallen ist. Schließlich ist er nicht umsonst Texter. Seine Erzählweise ist originell. Er überzeugt durch Schlagfertigkeit. Das führt zu einigen witzigen Szenen. Mehr oder weniger freiwillig schliddert Musa mitten hinein in die mysteriösen Geheimnisse um die Secret Agency.
Natürlich verliebt sich der Romantiker Musa. Denn es gibt da diese unglaubliche Arbeitskollegin. Seine Angebetete versüßt ihm das Leben, kann ihm dieses jedoch auch zur Hölle machen, insbesondere, wenn ihn die Eifersucht überkommt. Und die Eifersucht überkommt ihn häufig.
Die anderen Charaktere dieses Romanes wirken fast schon skurril und bieten daher sehr viel Potenzial, um den Leser zum Lachen zu bringen. Herrlich.
"Es ist leichter jemanden zu mögen, der tot ist. Noch dazu nach vier, fünf großen Bieren."
Wenn man diesen Roman liest, wird man den Verdacht nicht los, dass nichts ist, wie es scheint. Es wird auch nicht gelingen, diesen Roman einem Genre zuzuordnen, denn hier sind unterschiedliche Richtungen vereint: Krimi, Thriller, Fantasy, Science Fiction, Liebesroman, Satire und, und, und. Es gibt Liebe, es gibt Tote, es gibt Unerklärliches, und der europäische Hochadel ist auch vertreten. VERRÜCKT, anders kann man es wirklich nicht bezeichnen.
Freunde des Skurrilen werden auf jeden Fall ihren Spaß an diesem Buch haben.

© Renie