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Sonntag, 20. August 2023

R. C. Sherriff: Zwei Wochen am Meer

Quelle: Unionsverlag
Unaufgeregt, unspektakulär, einfach nur schön! Vor etwa 100 Jahren hat der britische Autor R. C. Sherriff einen zeitlosen Wohlfühlroman geschrieben, der mit seinem Titel kurz und knackig beschreibt, worum es darin geht - um „Zwei Wochen am Meer“.

Eben diese zwei Wochen verbringt die Familie Stevens im englischen Seebad Bognor Regis, übrigens schon seit 20 Jahren, und immer im September, immer in der Pension „Sea View“ und immer in denselben Zimmern. Dieser Urlaub stellt für die Stevens, die aus Dulwich, einem Londoner Vorort, kommen, das Highlight eines jeden Jahres dar. Vater Edward ist Büroangestellter in einer Londoner Firma, Mutter Flossie kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, Mary und Dick, die beiden älteren Kinder sind bereits berufstätig und tragen zum bescheidenen Wohlstand der Familie bei, Nesthäkchen Ernie geht noch zur Schule. Einmal im Jahr gönnt sich die Familie diesen Urlaub, der eine Auszeit von den großen und kleinen Sorgen des Alltags bedeutet. Die Zeit in Bongor ist von Routinen geprägt. Spaziergänge, Strandbesuche, Baden im Meer, Konzertbesuche … same procedure as every year. Den größten Teil ihrer Zeit verbringt die Familie gemeinsam, mit wenigen Ausnahmen. Selbst die Wanderung, die Familienoberhaupt Edward jedes Jahr in Bongor allein unternimmt, gehört zu der Urlaubsroutine dazu.

Es mag sich heutzutage befremdlich anhören, dass dieser Urlaub kaum Spielraum zulässt, um den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben der einzelnen Familienmitglieder gerecht zu werden. Doch die Stevens freuen sich darauf und genießen die Zeit, gehen sie doch als Familie gestärkt aus diesen zwei Wochen hervor. Denn der Zusammenhalt der Familie bildet für sie eine Bastion, die Schutz und Geborgenheit gegen den Alltag bietet. 

In dem Roman „Zwei Wochen am Meer“ passiert also nicht viel an Handlung. Dennoch ist dieser Roman auf eine wohltuende Weise fesselnd und berührend, da Autor Sherriff aus diesem Familienverbund einzelne Charaktere herauspickt und sich auf deren Sorgen und Gedanken konzentriert.

Einen starken Auftritt hat Familienoberhaupt Edward. Der Roman setzt am Vorabend des Anreisetages ein. Wir begleiten die Familie in ihren letzten Vorbereitungen in ihrem Häuschen im heimischen Dulwich. Familienoberhaupt Edward präsentiert sich als pedantischer Patriarch, der bei der Planung des Urlaubs nichts dem Zufall überlassen wird, genau wie in jedem Jahr zuvor. Diese Pedanterie lässt ihn tyrannisch wirken, doch tatsächlich treibt ihn die Verantwortung für das Wohl seiner Familie an. Die kommenden zwei Wochen sollen wie immer perfekt werden, nichts darf die Urlaubsfreuden seiner Familie stören. Der Druck, der auf ihm lastet und den er sich selbst macht, ist groß. Die kommenden zwei Wochen rücken Edward für den Leser in ein schmeichelhafteres Licht. Wir haben es mit einem liebenden Familienvater zu tun, dem es gut geht, wenn es seinen Lieben gut geht. R.C. Sherriff geht auf die Lebensgeschichte von Edward ein: ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der es bis zum Büroangestellten geschafft hat, aber beruflich nicht weiterkommt. Er wäre gern ein anderer – wohlhabender, angesehener in der Gesellschaft. Aber er würde nie seine moralischen Werte aufgeben. Anstand, Loyalität, Bescheidenheit und Rücksichtnahme sind ihm wichtiger als jeder Reichtum. Und diese Einstellung versucht er auch seinen Kindern mit auf den Lebensweg zu geben.

Eine weitere interessante Figur ist Flossie Stevens. Insbesondere zu Beginn des Romans präsentiert sie sich als ängstliches unsicheres Frauchen, das kaum dem Druck, für das Wohl ihrer Familie zu sorgen, gewachsen ist und das seine eigenen Bedürfnisse vollständig hintenanstellt. Sie ist mehr Haushälterin als Ehefrau und Mutter, eine Rolle, in der sie auch der Rest der Familie unbewusst sieht. Man vermisst häufig den Respekt, der ihr zusteht, der ihr jedoch nicht entgegengebracht wird. Auch dafür ist dieser Urlaub gut. Denn im Verlauf des Urlaubs rückt die Familie näher zusammen. Ein Familienmitglied wie Flossie findet plötzlich mehr Beachtung und ihre Lieben gehen bewusster mit ihr um. Plötzlich ist es wieder wichtig, wie es ihr geht, was sie denkt und fühlt. Der Urlaub wird zwar nichts an ihrer Rolle im Alltag ändern, doch man wird das Gefühl nicht los, dass sie sich mit ihrem Leben als Vorstadt-Mutter arrangiert hat. Die Figur Flossie mag nicht dem (Wunsch-)Bild einer modernen Ehefrau und Mutter unserer heutigen Zeit entsprechen. Doch gibt R. C. Sherriff das gängige Frauenbild aus der Entstehungszeit seines Romans wieder.

Auch die erwachsenen Kinder Dick und Mary reisen, belastet mit den Sorgen des Alltags in Bognor an. Dick ähnelt seinem Vater, erhofft sich ein anderes Leben als das, was ihm vorbestimmt ist, angefangen bei der Wahl des Berufes. Auch er geht aus dem Urlaub gestärkt und voller Vorsätze, was seine berufliche Zukunft betrifft, hervor und blickt verhalten optimistisch in die Zukunft.

Mary träumt von dem, was sich junge Frauen der damaligen Zeit erträumten: Sich Verlieben, verloben, verheiraten. In den zwei Wochen kommt sie für einen kurzen Moment in die Nähe der Erfüllung ihrer romantischen Wunschvorstellung, was sich zumindest gut auf ihr Selbstbewusstsein auswirkt. 

R.C. Sherriff beschreibt die Familie Stevens mit einer wohltuenden Empathie, die man als Leser gern annimmt. Man blickt sehr wohlwollend und mitfühlend auf die Figuren dieses Romans und verzeiht ihnen ihre Eigenheiten und kleinen Fehler, da sie zum Menschsein dazugehören.

Der Sprachstil hat einen sehr großen Anteil an dem Wohlfühlfaktor dieses Romans. R.C. Sherriff war zu seinerzeit eher als Drehbuchautor, denn als Romancier bekannt. Diese Fähigkeit, Situationen in Szene zu setzen, merkt man diesem Roman an. Der Autor überlässt nichts der Vorstellungskraft der Leser, sondern beschreibt Handlungen bis ins klitzekleinste Detail und auf eine unglaublich bildhafte Weise. Sherriff hat die Eigenart, Requisiten Leben einzuhauchen, indem er sie personifiziert und sie zum Bestandteil der Handlung werden lässt. Diese Personifizierung macht sich auch in unzähligen Metaphern bemerkbar. Die Szenerie dieses Romans ist unfassbar lebendig und intensiv, so dass man sich selbst hineinversetzt fühlt und die Stimmungen mit allen Sinnen wahrnimmt.

Fazit

Zwei Wochen am Meer – ein Roman in dem nicht viel passiert: ein ganz normaler Urlaub und ein ganz normales Familienleben seiner Zeit. Doch der wunderschöne Sprachstil sowie die empathische Darstellung der Charaktere machen aus „Zwei Wochen am Meer“ eine literarische Perle, die bei mir bleibenden Eindruck hinterlässt. Leseempfehlung!


"Zwei Wochen am Meer" von R. C. Sherriff (Unionsverlag, ET Juni 2023)

Sonntag, 22. August 2021

Kate Grenville: Ein Raum aus Blättern

Mr. und Mrs. John Macarthur wanderten 1788 von England nach Australien aus. John war ein britischer Offizier, der dem Ruf der Krone folgte und seinen Dienst in der frisch errichteten Strafkolonie New South Wales antrat. Über die Jahre machte John Karriere als Soldat, Politiker und Unternehmer. Er gilt heute in Australien als Begründer der Schafzucht. 

Von Mrs. John Macarthur, die ihren John als Elizabeth Veale kennenlernte, ist nicht viel bekannt. Was für eine Frau Elizabeth war oder hätte gewesen sein können, erzählt der Roman "Ein Raum aus Blättern" der australischen Autorin Kate Grenville.
Dabei lässt sie Elizabeth ihre eigene Geschichte erzählen. Mit Anfang 80 blickt diese auf ihr Leben zurück: einer Kindheit in Südengland, die Heirat mit John als sie 21 war, die 6 Monate dauernde Seereise nach Australien und ihre Anfänge auf dem, zur damaligen Zeit noch unerschlossenen Kontinent.

Frau sein in Großbritannien zur Zeit von Jane Austen war alles andere als romantisch. Keine Gleichberechtigung, keine politische Mitbestimmung, kein Recht auf Bildung, auf Arbeit oder eigenen Besitz. Stattdessen war Frau jedoch der Besitz des eigenen Ehemannes. Und ein Ehemann musste her, denn ohne diesen konnte Frau kaum überleben. Häufig musste Frau den Mann nehmen, der zu kriegen war. Und das war nicht immer ein Glücksgriff.
Quelle: Nagel und Kimche
"Überrascht war ich über das Ausmaß meines Zorns. Zorn auf Mr. Macarthur natürlich, aber auch auf die grausame Maschinerie aus generationenalten Gesetzen, Glaubenslehren und Gepflogenheiten, die eine Frau der Möglichkeiten raubte, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen."
Pech hatte auch Elizabeth, die ihren John, der sich in dieser Geschichte als skrupelloses und selbstherrliches Ekelpaket erweist, sicherlich nicht aus Liebe geheiratet hat, sich von ihm nach Australien verfrachten lassen musste und verpflichtet war, für Johns Wohlergehen zu sorgen - in jeder Hinsicht. Als Gattin eines britischen Offiziers sorgte sie dafür, dass das gepflegte gesellschaftliche Leben Fortbestand hatte - was merkwürdig erschien, denn der Versorgungsnachschub aus der britischen Heimat war mehr als dürftig und ein 5-o'clock-Tea inmitten der Wildnis erschien eher deplatziert. Da jedoch von einer Mrs. John Macarthur die Einhaltung der englischen Etikette erwartet wurde, hat sie diesen Anspruch auch erfüllt. Sie hatte ja sonst nichts zu tun, anfangs zumindest. Später widmete sie sich der Schafzucht, die eigentlich die Aufgabe ihres Mannes gewesen wäre. Aber das musste in der Öffentlichkeit ja keiner wissen.

Kate Grenvilles Geschichte über Elizabeth Macarthur ist unglaublich spannend und ereignisreich. Als Leser wird man vom Schicksal dieser Frau vereinnahmt. Rückblickend war es für sie sicherlich kein schlechtes Leben, denn mit den Jahren gelang es ihr, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Beste für sich herauszuholen. Dennoch sind die Bedingungen, unter denen sie ihr Leben geführt hat, unvorstellbar. Das Festhalten an gesellschaftlichen Traditionen und Etikette mutete fast schon absurd an. Das Leben an der Seite eines skrupellosen Soziopathen schien aussichtslos.
Wie wohltuend ist da die Entwicklung des Charakters Elizabeth, die lernt, mit den Befindlichkeiten ihres Mannes umzugehen. Genauso wie sie lernt, das Land zu lieben, dem sie anfangs mit soviel Widerwillen und Ablehnung begegnet ist. Australien wird ihre Heimat.
"Ich will mich in diesem Bericht nicht besser machen, als ich es war. Ich musste mich mit diesem Ehemann abfinden und war feige genug, die Früchte seiner Schurkerei zu genießen."
Ich möchte gern glauben, dass die Geschichte der Elizabeth Macarthur tatsächlich so passiert ist. 

Doch genau das ist der springende Punkt in diesem Buch. Man glaubt, was man glauben will bzw. das, was Elizabeth, als Erzählerin dieser Geschichte, den Leser glauben machen will. In diesem Fall hat Kate Grenville mit "Ein Raum aus Blättern" einen "spielerischen Tanz der Möglichkeiten zwischen dem Realen und Erfundenen" aufgeführt. Mit Hilfe von Informationen, die sie den Biografien über die Macarthurs sowie Schriftstücken von damaligen Zeitzeugen entnommen hat, schreibt sie eine eigene Geschichte über Elizabeth, die so lebensecht wirkt, dass der Leser darin die Biografie einer heroischen Frau sehen will, die sich gegen die "Knechtschaft" ihres Mannes so gut es ging zur Wehr setzte und ihren eigenen Weg gegangen ist. Der Leser glaubt, was er glauben will, ungeachtet der Möglichkeit, dass Elizabeth in Wirklichkeit ein anderer Mensch hätte sein können.

Mein Fazit:
Ein außergewöhnlicher Roman, der mit dem Leser spielt. Das, was sich Kate Grenville vorgenommen hat, nämlich einen Roman zu schreiben, der die "Macht der Geschichte" demonstriert, hat sie großartig umgesetzt. Ich bin ihr auf den Leim gegangen, habe die Protagonistin zunächst gesehen, wie ich sie sehen sollte bzw. wollte. Der Ausspruch von Elizabeth Macarthur, der den Roman eröffnet und in einer Anmerkung der Autorin beendet
"Glaubt nicht zu geschwind!"
sagt alles aus.

Leseempfehlung!

© Renie

Donnerstag, 12. August 2021

Annalena McAfee: Blütenschatten

"'Eve Laing verleiht uns durch ihre akribische Beobachtung und unübertroffene Kompetenz die Gabe des Sehens, so dass wir die Welt betrachten, als wäre es das erste Mal. Ihre botanischen Reflexionen umfassen das gesamte Spektrum der Sinne, sie sind ein herrlicher, farbenprächtiger Tribut an die Natur in ihrer ganzen komplexen, unendlichen Vielfalt. Das ist nicht Kunst, die das Leben kopiert, sondern das Leben selbst.'"

Eve Laing macht Kunst, die zu schön ist, um wahr zu sein. Die fiktive Künstlerin ist die Protagonistin des Romans "Blütenschatten" von Annalena Mcafee.

Und wie ein Schatten streift Eve in diesem Roman durch London und verliert sich dabei in Erinnerungen an die letzten Monate, als zunächst ihr Leben noch in Ordnung schien: Erfolgreiche Künstlerin, Anfang 60, die sich in der Malerei und künstlerischen Installation von Blumen verwirklicht, langjährige Ehefrau eines weltweit erfolgreichen Architekten, Mutter einer Tochter. Mittlerweile ist sie sogar Großmutter eines Enkels. 

Jeder andere würde meinen, dass das Leben es bisher gut mit ihr gemeint hat. Doch Eve ist nicht jeder Andere. Sie, die als Künstlerin sehr erfolgreich ist, hat im privaten Bereich weniger Erfolg. Als Mutter hat sie versagt, als Ehefrau hat sie lediglich eine Rolle gespielt. Ihre langjährige Ehe mit Kristof ist zu einer Beziehung aus Gewohnheit geworden. Die Eheleute haben sich mit ihrem langweiligen Miteinander arrangiert. Jeder führt sein eigenes Leben, ohne sich für den anderen zu interessieren. Berührungspunkte bilden nur der gemeinsame Haushalt sowie gesellschaftliche Verpflichtungen. Eve fühlt sich als Frau nicht mehr von ihrem Mann beachtet. Sie stürzt sich in die Arbeit. Das Werk, an dem sie gerade arbeitet, soll die Krone ihres bisherigen Schaffens werden. Als bekannte Künstlerin kann sie sich auf die helfenden Hände vieler fleißiger Mitarbeiter verlassen. Einer davon ist Luka, nur halb so alt wie sie, der ihr aber diejenige Beachtung schenkt, die der Ehemann ihr verwehrt. Und Eve macht den entscheidenden Schritt, der ihrem bisherigen Leben eine Wende geben wird. 

Quelle: Diogenes
"Sie wollte eine Spur hinterlassen und künftigen Generationen ein Gefühl für die zunehmend zerbrechliche Welt von heute vermitteln. Falls es überhaupt zukünftige Generationen geben sollte. Ihre Befürchtung, die Befürchtung aller Künstler ist, dass sie ungeachtet der Anstrengungen, die sie für ihre Mission und die monumentale Natur ihrer Werke aufwenden, niemanden interessieren."

In diesem Roman dreht sich alles um Eve. Meiner bisherigen Beschreibung nach zu urteilen, könnte man in Eve eine Protagonistin sehen, die den Mut hat, ihr Leben zu ändern und somit zu neuem Selbstbewusstsein kommt. Dem ist jedoch nicht so. Denn Eve ist eine Anti-Heldin. Sie liebt nur einen Menschen, und das ist sie selbst. Sie hat sich schon immer selbst in den Mittelpunkt gestellt und geht über Leichen, um sich diesen Platz zu bewahren. Das haben auch Mitstreiterinnen aus Eves jungen Jahren und künstlerischen Anfängen zu spüren bekommen. Sie besitzt keinerlei Einfühlungsvermögen für die Empfindungen anderer Menschen. Schlimmer noch, sie blickt voller Verachtung auf ihre Mitmenschen. Gerade diejenigen, die erfolgreicher sein könnten als sie, können vor Eve nicht bestehen. Die Künstlerin lebt Neid und Missgunst in seiner intensivsten Form. 

Durch ihr mangelndes Einfühlungsvermögen, fehlt ihr auch Menschenkenntnis, so dass sie in anderen Menschen nur das sieht, was sie sehen möchte und sich somit ihre eigene Wirklichkeit schafft, dessen ewiges Zentrum sie und ihre Kunst sind.

"Eve hatte schon immer Mühe gehabt, Menschen zu durchschauen, und deshalb überraschte die Kluft zwischen geäußerter Absicht und tatsächlichem Handeln sie unablässig aufs Neue."

Blütenschatten ist ein Buch, in dem sich alles um Kunst, und zeitgenössischer Kunst im Besonderen, dreht. Die Sprache dieses Romans ist von Bezügen zu Künstlern und ihren Werken durchzogen, genauso wie der Schaffensprozess von Eves letztem großen Kunstwerk im Detail beschrieben wird. Man blickt der Künstlerin dabei förmlich über die Schulter und verliert sich in der schwelgerischen Farbenpracht, die die Autorin Annalena McAfee beschreibt. Gleichzeitig nimmt sich die Autorin den Kunstbetrieb vor. Mit einem bissigen Humor macht sie sich über die Dekadenz und Abgehobenheit der Szene lustig. Das macht Spaß und man wundert sich, woher die Autorin ihre Kenntnisse hat. 

Fazit:

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, in diesen Roman hineinzukommen. Diese schwellgerische und künstlerisch eingefärbte Sprache hat mich zunächst überfordert. Doch im Verlauf des Romans habe ich diese Detailliebe als stimmig zu diesem Künstlerroman wahrgenommen. Im Verlauf der Handlung entwickelt dieser Roman eine große Dynamik, was nicht zuletzt daran liegt, dass Eves Realität nach und nach in sich zusammenstürzt. Zurück bleibt nur Chaos und ein hochdramatisches Ende.

Leseempfehlung!


©Renie


"Blütenschatten" von Annalena McAfee (Diogenes Verlag, ET April 2021)

Sonntag, 25. April 2021

Fiona Mozley: Elmet

Das kleine Königreich Elmet, das zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert inmitten Britanniens lag, war den Königreichen in seiner Nachbarschaft ein Dorn im Auge. Und frei nach Schillers „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt", wurde Elmet in schöner Regelmäßigkeit von den Nachbarkönigreichen gestürmt und erobert.
Der Debütroman "Elmet" von Fiona Mozley spielt in der heutigen Zeit, etwa zum Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts. Doch geändert hat sich in Bezug auf die Nachbarschaft seither nicht viel.

Sein persönliches Elmet hat sich John Smythe mit seinen Kindern Cathy und Daniel erschaffen, als sie sich in einem Waldstück in der Nähe von Doncaster, einer Stadt in Middle England, niederlassen. Vater John ist eine Naturgewalt. Sehr groß und bärenstark hat er sich über Jahre seinen Lebensunterhalt als Faustkämpfer bei illegalen Wettkämpfen verdient. Darüber hinaus nahm er immer wieder Aufträge an,  die darin bestanden, Gefallen und Forderungen seiner Auftraggeber mit dem nötigen körperlichen Nachdruck einzufordern. John Smythe ist also kein Mann, dem man allein im Dunkeln begegnen möchte.
Doch diese brutalen Zeiten will er hinter sich lassen. Denn man glaubt es kaum, aber John ist ein liebevoller Vater, der seinen Kindern ein Zuhause bieten möchte, in dem sie sich frei entfalten können. Die ersten Jahre ihrer Kindheit haben Cathy und Daniel bei ihrer Oma in Doncaster verbracht – der Vater war „beruflich“ viel im Land unterwegs, und die Mutter zeigte kein Interesse an ihren Kindern.
"So brutal Daddy auch sein konnte, er mochte andere Menschen. Er empfand für sie die gleiche Zuneigung wie ein Jäger für seine Beute, tief und ernsthaft, aber mit kühlem Blick. Er hatte nur wenige Freunde und sah sie fast nie, doch die Menschen, die er schätzte, hielt er in Ehren wie seltene Souvenirs. Um diese Leute kümmerte er sich."
Als die Oma stirbt, verlässt die Familie die Stadt und sucht sich ein neues Domizil in einem abgelegenen Waldstück in der Umgebung. Die Kinder sind mittlerweile im Teenageralter. Vater John baut ein Haus, wird zum Selbstversorger und versucht, das Stadtleben weitestgehend zu meiden. Cathy und Daniel wachsen anders als Jugendliche ihres Alters auf. Sie gehen nicht zur Schule, lernen, in und mit der Natur zu leben und sind sich innerhalb ihrer kleinen Familie genug.
Doch einigen Menschen aus Doncaster ist der eigenwillige Mann mit seinen ungewöhnlichen Kindern ein Dorn im Auge. Wie die kleine Familie damit umgeht, und wie sich ihr Leben entwickeln wird, erzählt der Roman „Elmet“. 

Natürlich stellt sich die Frage, wie man in unserer heutigen Zeit losgelöst von Konventionen und Gesetzen leben kann - so, wie John es mit seinen Kindern macht. Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Schauplatz begründet. Die Autorin Fiona Mozley konzentriert sich in ihrem Roman auf die hässlichen Seiten einer Industriestadt: Ihr Doncaster ist ein Ort, der von Menschen besiedelt ist, die am Rand der Gesellschaft leben. Arm, arbeitslos, kriminell, gewalttätig – die Menschen vereinen sämtliche Eigenschaften, die man bei seinen Nachbarn nicht oder höchst ungern haben möchte. Die Häuser sind heruntergekommen, die Grundstücke sind verdreckt. Entweder hat der Staat die Menschen in Doncaster vergessen oder diese haben alles dafür getan, dass sie vergessen werden. Die Menschen lösen ihre Konflikte auf ihre eigene Art. Das einzige Gesetz, das hier Anwendung findet, ist das Recht des Stärkeren. Und die Starken sind in dieser Gegend die Männer mit Geld und Macht, die sie sich mit zwielichtigen Geschäften und Gewalt erkämpft haben und erhalten wollen. 
In Doncaster ist die Welt also nicht in Ordnung und das Leben in dieser Stadt kein glückliches und zufriedenes, sondern ein entbehrungsreiches, inmitten von Armut und Hässlichkeit. 
Es ist daher nachvollziehbar, dass ein Vater wie John Smythe, der sein Leben bisher unter diesen Umständen gelebt hat, seinen Kindern eine bessere und behütetere Zukunft bieten möchte und sie von dem Einfluss von Doncaster fern halten will. 
Der Leser wird durch diesen Roman in eine dystopische Stimmung versetzt. Der Text atmet förmlich Brutalität, Armut, Schmutz und Hässlichkeit. Dem gebenüber steht der Sprachstil der Autorin, der es schafft, dieser Hässlichkeit, einen wunderschönen und poetischen Anstrich zu verpassen. 
"Aber unser Haus war stabiler als andere seiner Art. Es war aus besseren Ziegeln, besserem Mörtel, besseren Steinen und besserem Holz gebaut. Ich wusste, es würde viel länger stehen bleiben als die anderen Häuser an den in die Stadt führenden Straßen. Und es war schöner. Das grüne Moos und der Efeu aus dem Wald waren begieriger, nach seinen Wänden zu greifen, bereitwilliger, es in die Landschaft zurückzuholen. Mit jeder neuen Jahreszeit sah es älter aus, als es war, und je länger es da zu sein schien, desto länger würde es bleiben. Wie alle richtigen Häuser und jene, die sie ihr Zuhause nennen."
John und seine Kinder, von denen Daniel der Ich-Zerzähler ist, sind sehr introvertierte Menschen, die zurückgezogen leben und nur ungern etwas von sich Preis geben. Und genauso begegnet einem dieser Roman. Man muss sich diese Geschichte erarbeiten. Ich-Erzähler Daniel ist sehr zurückhaltend mit seinen Informationen, die die Geschichte seiner Familie betreffen. Erst nach und nach öffnet er sich dem Leser, so dass dieser weiß, wo die Handlung hinführen wird. Und ich kann nur jedem, der sich für dieses Buch interessiert, empfehlen, die Buchbeschreibung des Verlages nicht zu lesen, die leider einige Informationen vorab liefert. Dieses Nichtwissen, was einen in diesem Buch erwartet und das Hangeln von Information zu Information, die während der Handlung hinzukommt, erhöhen die Spannnung auf ein fast schon unerträgliches Maß. 

Fazit:
"Elmet" ist ein unglaublich eindringliches Buch, das mich durch seine ungewöhnliche Mischung aus dystopischer Hässlichkeit und poetischer Schönheit mehr als überzeugt hat. In seiner Heimat Großbritannien ist dieser Debütroman von Fiona Mozley in der Presse gefeiert worden und stand im Erscheinungsjahr 2017 auf der Short List des Man Booker Prizes. Ich kann mich dieser Begeisterung nur anschließen. 

© Renie




Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mick Herron: Real Tigers

Quelle: Pixabay/Peggy_Marco
Der Autor, der sich bei der Namensgebung seiner Krimireihe um den Ermittler Jackson Lamb bisher gerne der Tierwelt bedient hat, hat wieder zugeschlagen. Mit "Real Tigers" ist dem britischen Autor Mick Herron ein neues Husarenstück geglückt.
Angefangen hat alles mit Pferden, danach kamen Wildkatzen - zunächst Löwen und nun Tiger -, und mittendrin befindet sich  immer ein Lamm. Besagtes Lamm ist der Protagonist dieser Krimiserie und hat nichts, aber auch gar nichts mit dieser niedlichen Spezies zu tun. Denn Jackson Lamb ist streng genommen ein Held zum Abgewöhnen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen: als Leser wird man von diesem Charakter magisch angezogen - ähnlich wie von einem ekligen Insekt, das man angewidert, aber fasziniert aus der Nähe betrachten möchte. 
"Lamb starrte ihn gefühlt eine volle Minute lang an, und da Lamb Lamb war, hätte es durchaus eine volle Minute sein können, bevor er anfing zu lachen. Und da er nun mal Lamb war, erfasste das Lachen seinen ganzen Körper: Er bebte von Kopf bis Fuß, und sein Gewieher erfüllte den Raum. Mit zurückgeneigtem Kopf sah er aus wie ein bösartiger Clown. An der Stelle, wo ein Hemdknopf abgeplatzt war, lugte ein behaarter Streifen Bauch hervor."
Quelle: Diogenes
Jackson Lamb geht gar nicht, weder als Chef - es sei denn, Menschenverachtung und Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeitern werden als Führungsqualitäten angesehen - und menschlich erst recht nicht. Der Mann besitzt weder innere noch äußere Werte. Doch dafür ist er als Agent unschlagbar und mit allen Wassern gewaschen. Mit dieser fürchterlichen Mischung aus Ekelpaket und brillantem Ermittler haben seine Mitarbeiter tagtäglich zu kämpfen, insbesondere da die Brillanz eines Jackson Lamb so gut wie nie hinter seiner großmäuligen und schmierigen Fassade zum Vorschein kommt. Es muss schon viel passieren, dass dieser in Geheimagenten-Aktion tritt. In dem vorliegenden Fall "Real Tigers" ist dies die Entführung einer Mitarbeiterin. Lamb und seine Truppe mit dem vielsagenden Namen "Slow Horses" (Lahme Gäule) macht also mobil. 

Warum "Slow Horses"? In Anlehnung an die Londoner Büro-Adresse dieser Einheit (Slough House), hat sich diese Abwandlung aufgrund der Besonderheit dieser Truppe etabliert. Die Einheit von Lamb ist das Auffangbecken für Ermittler, die sich in ihrer bisherigen Karriere nicht mit Ruhm sondern eher mit Mist bekleckert haben. Für ihre Fehler werden sie ausrangiert, kommen zu Lamb und werden mit anspruchslosen Aufgaben betreut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Langeweile freiwillig den Dienst quittieren - was bisher aber noch keiner gemacht hat. Die Leidensfähigkeit eines britischen Beamten scheint enorm zu sein.
Der Entführung der Kollegin scheint die lahmen Gäule jedoch auf Trab zu bringen, insbesondere wenn Jackson Lamb die Peitsche schwingt.
Hinter der Entführung steckt ein niederträchtiges Komplott übler Charaktere aus Politik und britischem Geheimdienst. Diesmal wird es bei Mick Herron also politisch.
"'..., das klingt nach politischem Kram. Und das ist genau der Kram, in den man sich tunlichst nicht einmischen sollte.'"
Es ist schon eine Weile her, dass ich "Dead Lions", den Vorgänger von "Real Tigers", gelesen habe. Doch sobald ich die erste Seite von "Real Tigers" aufgeschlug, hat es sich angefühlt, als ob ich nach Hause gekommen wäre. Nach wenigen Sätzen war ich wieder gefangen in der Welt der lahmen Gäule. Was diese Krimi-Serie auszeichnet, ist zunächst einmal das schräge Setting sowie der Unsympath Jackson Lamb, der zusammen mit einem Team aus tragischen Gestalten, den Geheimdienst aufmischt. Der Aufbau dieses Teils ähnelt denen, der anderen Romane dieser Krimireihe. Mick Herron greift also auf eine bewährte Vorgehensweise zurück. Doch tatsächlich kann ich davon nicht genug bekommen, solange die Spannung stimmt. Und die stimmt in "Real Tigers" definitiv. Relativ kurze Kapitel, die gerne mit einem Cliffhanger enden sowie Tempowechsel in der Erzählung sorgen dafür, dass dem Leser nicht langweilig wird. Mick Herron zieht im Zusammenspiel mit der Handlung gerne mal das Tempo an. Wenn es also zur Sache geht - denn auch ein lahmer Gaul kann zum Schlachtross werden -, fährt Mick Herron das Erzähltempo bis zur Atemlosigkeit hoch. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. 
"Es geht nicht nur darum, dass man ab und an über ein Minenfeld tanzen muss, mein Junge, hatte irgendein alter Sack zu ihm im Parlament gesagt. Die Kunst ist, dass du's mit einem Lächeln auf der Visage tust."
Hinzu kommt der knochentrockene Humor in diesem Roman. Trotz aller Aversionen, die Jackson Lamb hervorruft, ist durch sein sehr spezielles Auftreten und seinen eigentümlichen Verhaltensweisen für Spaß gesorgt. Der unberechenbare Lamb sorgt für schräge und lustige Überraschungsmomente. Und dank verblüffender Lebensweisheiten, die zwar ironisch gemeint sind, lernt der Leser noch für's Leben. 

Mein Fazit:
Spannend, lustig und schräg. Mit Mick Herron und seinen Slow Horses wird es nie langweilig. Eine Krimi-Serie der besonderen Art!

© Renie





Sonntag, 29. November 2020

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Mit "Maschinen wie ich" hat sich Ian McEwan eines Themas angenommen, das momentan in der Literatur eine starke Präsenz hat - und nicht nur dort: Künstliche Intelligenz.
Doch der Schriftsteller begegnet dem Thema in einer Art, die wenig mit Science Fiction, Dystopien oder Roboter-Romantik zu tun hat. Denn bei McEwan wird gemenschelt, wovon sich auch Maschinen mit ihren künstlichen Intelligenzen nicht ausnehmen lassen. 

Man stelle sich folgendes Scenario vor: Der Paketdienst liefert ein lang ersehntes Paket an Charlie, einem Londoner Mit-Dreißiger und Protagonist dieses Romans. Inhalt des Paketes ist ein jungfräulicher und nackiger Roboter in Menschengestalt, quasi ein Wunderwerk der Forschung und Technik: Adam , einer der "ersten wirklich funktionsfähigen künstlichen Menschen mit überzeugender Intelligenz und glaubhaftem Äußeren". Charlies Adam ist nicht nur nagelneu, er sieht auch noch gut aus. Adams Schöpfer haben sich viel Mühe bei der Konstruktion des Androiden gegeben, zumindest was das Äußerliche angeht. Denn die inneren Werte müssen vom neuen Besitzer noch konfiguriert werden, genauso wie die Charaktereigenschaften, des innovativen Produktes. Jeder Adam also nach der Façon des neuen Besitzers. 
Quelle: Diogenes
"Künstliche Menschen würden uns anfangs ähnlicher werden, dann genau wie wir und schließlich mehr als wir sein, deshalb können sie uns niemals anöden. Sie würden uns zwangsläufig stets aufs Neue überraschen, auch auf unerfreuliche Weisen, die wir uns nicht einmal vorstellen konnten. Tragödien waren möglich, Langeweile nicht."
So legt sich Charlie also ins Zeug, um aus Adam einen Vorzeige-Roboter zu machen. Dabei erhält er Unterstützung von seiner Nachbarin Miranda, die nebenbei noch eine gute Freundin ist, wenn nicht noch mehr. Und man wundert sich nicht, dass die Ansichten über die Eigenschaften einer fleischgewordenen Maschine bei Mann und Frau unterschiedlich aussehen. Maschine Adam wird das dritte Rad am Wagen dieser Zweierkonstellation aus Charlie und Miranda. So menschlich sich Adam auch präsentiert, darf man nicht außer Acht lassen, dass er nicht nur als anregende und innovative Gesellschaft angeschafft worden ist, sondern auch diverse andere Pflichten innerhalb der Gemeinschaft von Charlie und Miranda übernimmt. Inwieweit sich Adams Einsatz auszahlen wird, bleibt bis zum Ende des Romans spannend. 

Der Roman spielt in London, im Jahre 1982. Dabei nimmt Ian McEwan es mit der Chronologie der Zeitgeschichte nicht so genau. Neben der Falkland-Krise zwischen England und Argentinien tauchen in der Handlung auf einmal Handy und Internet auf, die man eigentlich erst mindestens 10 Jahre später auf dem Schirm hatte. Genauso lässt er mal eben Alan Turing, ein Pionier der frühen Computerentwicklung und Informatik, der sich zu Lebzeiten eingehend mit künstlicher Intelligenz beschäftigt hat, am Geschehen teilnehmen. Nur dass Turing bereits 28 Jahre zuvor gestorben ist. Fällt dieser Kunstgriff nun unter schriftstellerische Freiheit? Egal. Lassen wir McEwan den Spaß. Für mich war diese freizügige Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehr originell. McEwan definiert den Begriff der Science Fiction für sich neu. Warum nicht?!! 

Bei McEwan finde ich es immer wieder phänomenal, mit welcher Leichtigkeit er Stimmungen kreieren kann. Auch in "Maschinen wie ich" werden sämtliche Stimmungen angesprochen, die man sich vorstellen kann. Zu Beginn schwingt beim Lesen ein leichter Grusel und mulmiges Gefühl mit. Die Szene, in der Adams Akku das erste Mal geladen wird, um ihn in Betrieb nehmen zu können, würde einem Horrorfilm alle Ehre machen. Da sitzt ein äußerlich Mensch gewordener Roboter regungslos in Charlies Küche. Charlie belauert jeder Veränderung dieses Objektes. Das hat etwas von Auferstehung von den Toten (The Walking Dead lässt grüßen). 
Später wird Adam immer menschlicher. Er ist vom Hersteller so programmiert, dass er permanent lernt, insbesondere aus seinen Interaktionen und den Informationen, die er aus seinem Umfeld mitnimmt. Dieses Lernen bezieht sich nicht nur auf das Verarbeiten von Fakten, sondern gleichzeitig entwickeln sich Adams Gefühlsleben und Moral weiter. Ja, es ist kaum zu glauben, aber bei McEwan hat auch ein Roboter Gefühle. 
Es kommt zu slapstickhaften Szenarien. Insbesondere Charlie fällt es schwer, die Grenze zwischen Maschine und Mensch zu ziehen. Da kommt auch schon mal Eifersucht ins Spiel, wenn Charlie plötzlich mit Maschine Adam als Mann konkurrieren muss. 
Die Weiterentwicklung von Adam zum Individuum mit eigenen Moralvorstellungen ist nicht aufzuhalten. Dies birgt Konfliktpotenzial zwischen Charlie, Miranda und Adam. Denn scheinbar ist Maschine Adam der bessere Mensch in dieser Gemeinschaft. Gerade zum Ende zieht die Spannung an. Denn dem Konflikt zwischen einem Roboter mit einem Gewissen und seinen Besitzern, die eine weitaus großzügigere Auslegung von Moral haben als er, ist nicht mehr mit guten Worten beizukommen.
"In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben."
Die Charaktere
Charlie ist ein Mittdreißiger, der bisher mit seinem Leben nichts Gescheites anzufangen wusste. Er legt eine naive Gleichgültigkeit an den Tag, wenn es um sein Leben und seine Zukunft geht. Sein Leben wirkt ziellos. Er lebt vor sich hin, will Spaß haben (wozu die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leistet), kommt irgendwie klar. Verantwortung ist nichts für ihn. Er träumt den Traum der Selbstverwirklichung. Nur, wer er ist, und was es zu verwirklichen gilt, ist ihm dabei nicht klar.
In dem Moment, wo sich Miranda und er näher kommen, fängt Charlie an umzudenken. Was die Liebe nicht alles ausmachen kann!
Als eingefleischter Nerd legt er sich Adam als neues technisches Spielzeug zu (eine Erbschaft bewirkt, dass er über die notwenigen finanzielle Mittel verfügt). Doch Charlie hat Schwierigkeiten, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu ziehen. Je "menschlicher" Adam wird, umso schwieriger ist es für Charlie, ihn als das zu betrachten, was er ist: eine Maschine.
Und auch ich hatte Schwierigkeiten, Adam auf Dauer als Maschine zu betrachten. Zugegeben, gerade am Anfang, als Adam noch völlig unbefleckt auf das Leben losgelassen wird und seiner Umgebung mit einer herzerfrischenden Naivität begegnet, fällt dies noch leicht. Doch je mehr Adam lernt, ein Mensch zu sein, verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Aufgrund seiner unumstößlichen Moralvorstellungen mutiert Adam zu einem immer besseren Menschen. Und als Leser lernt man, dass auch Maschinen Gefühle haben. 

Mein Fazit:
Das Thema "Künstliche Intelligenz" ist irgendwie und überall präsent. Aber dennoch habe ich mich bisher mit diesem Thema nur oberflächlich auseinandergesetzt. Daher bin ich begeistert, dass ich hier viele Denkansätze gefunden habe, die bei mir zwar unterschwellig vorhanden waren, aber erst durch diesen Roman herausgekitzelt wurden. Ian McEwan ist wieder zur Höchstform aufgelaufen, in dem er ein Thema, das in unserer Gesellschaft immer mehr Raum einnimmt, auf eine unnachahmlich spritzige und charmante Weise präsentiert hat. Es ist ihm dabei gelungen, niemals die Ernsthaftigkeit in der Betrachtung dieses Themas außer Acht zu lassen. Ian McEwan hat es einfach drauf und bleibt damit auf der Liste meiner Lieblingsschriftsteller ganz weit oben. 

© Renie

Sonntag, 22. November 2020

Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Die amerikanische Autorin Margaret Goldsmith (1895 - 1971) erzählt in ihrem feministischen Roman "Patience geht vorüber" die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und zeichnet gleichzeitig ein Bild der deutschen sowie der englischen Gesellschaft in der Zeit von 1918 bis 1930.

Zu Beginn der Handlung hat die Protagonistin Patience gerade ihr Abitur bestanden. Sie ist die Tochter einer britischen Adeligen und eines deutschen Arztes. Die Familie lebt in Berlin. Patience ist zweisprachig aufgewachsen - ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse. 

Nach einem kurzen Intermezzo in einer deutschen Behörde, wird Patience journalistisch tätig. Ihre Zweisprachigkeit ist ihrem beruflichen Werdegang dabei sehr förderlich. Während sie sich im Beruf sehr zielstrebig durchs Leben bewegt, scheint Patience im privaten Bereich ein wenig orientierungslos zu sein. Ihre erste große Liebe ist ihre beste Freundin, mit der sie erste sexuelle Erfahrungen sammelt, was jedoch nicht bedeutet, dass sie eine körperliche Abneigung gegenüber Männern verspürt. Ganz im Gegenteil. Diese Zweigleisigkeit überfordert Patience allerdings.
Quelle: AvivA
"Alles ging wie ein Kreisel im Kopf herum. Innerlich: deutsche Grübelei; äußerlich: gelassene angelsächsische Haltung, die ihre Verstörtheit nicht im geringsten verriet. Aber die große Spaltung zwischen dem Inneren und dem Äußeren wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Etwas mußte geschehen."
Irgendwann bricht sie ihre Zelte in Berlin ab und geht nach London. Eine Anstellung bei einer Zeitung macht dies möglich. Mittlerweile ist sie zu einer selbstbewussten jungen Frau geworden, die ihren eigenen Stil gefunden hat. Sie strahlt eine gewisse Exzentrik aus, da sie das Leben nun lebt, wie sie es für richtig hält, ungeachtet dessen, was die Gesellschaft als schicklich ansieht. Dennoch bleibt sie immer diskret, bei dem, was sie tut. Doch diese Exzentrik erweist sich als Fassade. Denn im tiefsten Inneren ist Patience rastlos und auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben Erfüllung bringt. Und dieses etwas wird sie zum Ende des Romans finden.

Patience geht nicht nur vorüber, sie sitzt auch zwischen den Stühlen: kulturell und gefühlsmäßig. Als Tochter eines Deutschen und einer Engländerin hat sie von kleinauf beide Kulturen und ihre Eigenarten mitbekommen. Egal, wo ihr Lebensmittelpunkt gerade war, Patience hat sich stets der anderen Kultur verbunden gefühlt, was sie immer zum Außenseiter gemacht hat.
Diese Zerrissenheit zeigt sich auch in ihrem Liebesleben. Denn Patience liebt zunächst Frauen, wird sich aber später zum anderen Geschlecht orientieren.
"Und alles, was mit Freiheit zusammenhing, alles was auch nur im geringsten nach Freiheit schmeckte, war ihr ein Fetisch geworden. 'Technik ist alles', keine dauernden Bindungen, keine Verantwortung in menschlichen Beziehungen, so viel vom Leben nehmen, wie möglich, und so wenig wie möglich geben."
Patience ist - gemessen am damaligen Zeitgeist - eine ungewöhnliche Frau: Sie ist selbstbewusst, steht ihre Frau bei der Arbeit in einer Männerdomäne und ist dabei von keinem Mann abhängig. Ganz im Gegenteil. Im Zusammensein mit Männern behält sie immer die Oberhand und ist mit ihrer exzentrischen Art sehr provokant. Mit der Zeit weiß sie, was sie will und geht zielstrebig ihren Weg, um dies zu erreichen. 

In einem sehr informativen Nachwort dieses Romans erfahren wir, dass es auffällige Parallelen zwischen dem Leben von Patience und ihrer Schöpferin Margaret Goldsmith gab. Die amerikanische Schriftstellerin, die 1895 in Amerika auf die Welt kam, wuchs in Berlin auf. Genau wie Patiences Lebensweg war auch ihrer für die damalige Zeit ungewöhnlich. Ihre berufliche Karriere verlief sehr zielstrebig. So wurde ihr Anfang der 30er Jahre eine Führungsposition im diplomatischen Dienst zugesprochen, was sie zu eine der ersten Amerikanerinnen machte, die Karriere in dieser Männerdomäne erlangte.
Margart Goldsmith lebte genau wie Patience in mehreren Kulturen. Sie ist in der Welt herumgekommen, nicht zuletzt aufgrund ihres beruflichen Werdegangs. Diese Erfahrungen fließen in ihrem Roman auf sehr humorvolle Art ein. Die Autorin schildert die Eigenarten der unterschiedlichen Kulturen aus der Sicht von Patience, die mal als Deutsche in England lebt und mal als Engländerin in Deutschland. Margaret Goldsmiths Schreibstil ist dabei sehr lebhaft und quirlig, was dieses Buch sehr modern erscheinen lässt. Kaum zu glauben, dass dieser Roman erstmalig 1931 veröffentlicht wurde.

Leider war für mich das Ende dieses Romans schwer nachvollziehbar. Die selbstbewusste Patience, die sich bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend über gesellschaftliches Rollendenken hinweggesetzt hat, findet ihre Erfüllung am Ende in einer Rolle, die jeglicher feministischer Denkweise widerspricht. Gemessen an der heutigen Zeit ist dieses Ende für mich nicht stimmig. Doch hinsichtlich der damaligen Zeit lässt sich nur mutmaßen, dass die Autorin trotz aller Modernität und feministischer Einstellung eine Frau ihrer Zeit geblieben ist und das vorherrschende Rollendenken im tiefsten Inneren nicht ablegen konnte.

Mein Fazit:
Patience hat mal eben im Vorübergehen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Denn mit "Patience geht vorüber" habe ich einen Roman über die Entwicklung einer Frau gelesen, die nach anfänglichen Startschwierigkeiten in ihr Erwachsenenleben, den für sie richtigen Lebensentwurf gefunden hat. Hätte Patiences Geschichte in unserer heutigen Zeit gespielt, könnte man dieses Buch als einen von vielen Entwicklungsromanen abtun. Doch in Anbetracht der Zeit, in der der Roman spielt, erhält Patiences Geschichte eine völlig andere Bedeutung und macht diesen Roman zu einem lesenswerten und ungewöhnlichen Stück Frauenliteratur.

© Renie










Mittwoch, 11. März 2020

Jonathan Coe: Middle England

Quelle: Pixabay/pixel2013
"'... Manche Leute finden ja, wir sind eine ganze Nation harmloser Spinner.'"
"..., die Hecken am Straßenrand, die Pubs, die Gartenzentren, die Mini-Märkte, also alles, was das moderne England so kennzeichnete."
"'Nostalgie ist die englische Krankheit. ... Die Engländer sind von ihrer verdammten Vergangenheit besessen - und wir haben gesehen, wohin das führt. ...'"
Dies sind die Worte eines Mannes, der es wissen muss. Denn er ist Brite. Manche würden ihn als Nestbeschmutzer bezeichnen, hält er doch mit seinen fast schon gehässigen Äußerungen über seine Landsleute nicht hinter dem Berg. Es geht um Jonathan Coe.
In seine Büchern beschäftigt sich der britische Autor, gern mit den Briten und dessen Alltag. Dabei ist er für seinen gnadenlos bissigen Humor in seiner Heimat berühmt berüchtigt.
Quelle: Folio Verlag

Auch sein aktueller Roman „Middle England“ ist eine Gesellschaftssatire auf das englische Königreich, geschildert am Beispiel von mehreren Protagonisten, die miteinander verwandt, befreundet oder bekannt sind. Die Handlung findet während der Jahre 2010 bis 2018 statt. Schauplätze sind vorwiegend Birmingham, welches das Zentrum der West Midlands ist (mittiger geht fast nicht in UK) sowie London. Gemessen an den aktuellen Ereignissen um den Austritt der Engländer aus der EU, kann man diesen Roman durchaus als Pre-Brexit-Roman bezeichnen. Zumindest wird hier im Detail durchleuchtet, wie es zu dem Brexit kommen konnte.

Die Handlung ist geprägt vom Alltag der Protagonisten. Das hört sich erstmal unspektakulär an. Doch man lernt schnell, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Und vor allem die Lustigsten. Lustig zumindest für den Außenstehenden. Denn die Protagonisten in diesem Roman erweisen sich alle als tragische Gestalten, denen das Leben in der britischen Gesellschaft ein Schnippchen schlägt. Dabei werden sie von Coe dermaßen klischeehaft überzeichnet dargestellt, dass ich manches Mal schallend gelacht habe. 
Die Charaktere bilden dabei einen Querschnitt durch die britische Gesellschaft inklusive sämtlicher politischer Ausrichtungen.
"'Es gibt im ganzen Land höchstens zwölf Leute, die verstehen, wie die EU funktioniert, oder gar, wie ihre Bestimmungen mit dem globalen Wirtschaftssystem verzahnt sind. Du verstehst es nicht, und ich verstehe es erst recht nicht, und wenn du glaubst, dass die Menschen in drei Monaten besser Bescheid wissen werden, lebst du im Wolkenkuckucksheim. Die Menschen werden so abstimmen, wie sie es immer tun - mit dem Bauch. ...'"
Jonathan Coe ist ein Meister der Satire. Das „Opfer“ seiner Satire ist die britische Gesellschaft, deren Entwicklung in Zeiten des Pre-Brexit der Autor akribisch herausarbeitet. Als Europäer, der das Theater um den Brexit bestenfalls in der Presse mitverfolgt hat, bekommt man einen ungefähren Eindruck, welcher gesellschaftliche Wandel in Großbritannien stattgefunden hat.
Anfangs konzentriert sich dieser Roman auf das Leben und den Alltag in Großbritannien, doch je näher wir uns in der Handlung dem tatsächlichen Beschluss zum Austritt aus der EU nähern, umso politischer wird der Roman. Denn Coe bindet politische Ereignisse und Stimmungen in die Handlung ein. Seine Protagonisten bekommen direkt oder indirekt mit, welche Auswirkungen der Brexit auf ihr Leben haben wird. 
Insofern bezeichne ich den satirischen Roman „Middle England“ als visionäres Lehrstück zum Thema „Brexit“, das einen Höllenspaß macht – vorausgesetzt, man ist kein Engländer. Denn Jonathan Coe zerpflückt in seinem Buch gnadenlos die englische Seele. Und das kann fies wehtun.
"'Wir sind komplett und hoffnungslos am Arsch. Es ist ein einziges Chaos. Alle rennen herum wie kopflose Hühner. ... Niemand hat damit gerechnet. Niemand war darauf vorbereitet. Niemand weiß, was ein 'Brexit' eigentlich ist. Niemand weiß, wie das geht. Vor eineinhalb Jahren nannten das alle noch 'Brixit'. Niemand weiß, was 'Brexit' bedeutet.'"
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen. Die von mir zitierten Textpassagen aus dem Roman beweisen es: Jonathan Coe geht erbarmungslos mit der britischen Gesellschaft um. Als Nicht-Brite kann man darauf nur mit Schadenfreude reagieren. Doch Vorsicht, lieber Leser: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!

Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 22. Februar 2020

Alex North: Der Kinderflüsterer

Quelle: Pixabay

"Wenn die Tür halb offen steht, ein Flüstern zu dir rüberweht.
Spielst du draußen ganz allein, findest du bald nicht mehr heim. 
Bleibt dein Fenster unverschlossen, hörst du ihn gleich daran klopfen. 
Denn jedes Kind, das einsam ist, holt der Flüsterer gewiss."
Das beschauliche englische Örtchen Featherbanks wird die neue Heimat von Schriftsteller Tom Kennedy und seinem Sohn Jake (6). Jakes Mutter Rebecca ist im Jahr zuvor gestorben. Tom ist mit der alleinigen Erziehung seines Sohnes überfordert. In Featherbanks wollen Vater und Sohn neu anfangen und ins Leben zurückfinden.
Auch Featherbanks blickt auf eine traurige Vergangenheit zurück:
Vor etwa 20 Jahren ging hier der Kinderflüsterer um: ein sadistischer Serienmörder tötete mehrere kleine Jungs. Der Polizeibeamten Pete Willis konnte den Kinderflüsterer damals zur Strecke bringen. Der Mörder wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Kurz bevor Tom und Jake nach Featherbanks ziehen, verschwindet wieder ein kleiner Junge, Neil. Es gibt eine Gemeinsamkeit zum damaligen Fall: das Flüstern. Wochen vor seinem Verschwinden erzählte Neil, dass nachts vor seinem Fenster ein Monster war, das ihm durch die Dinge, die er ihm zugeflüstert hat, schreckliche Angst gemacht hat. Was als Albtraum eines Kindes abgetan wurde, scheint nun Wirklichkeit zu werden.
Auch diesmal wird Pete Willis in den Fall eingebunden. Die Ähnlichkeiten zu dem damaligen Fall des Kinderflüsterers sind einfach zu groß.
Quelle: blanvalet
"Es war unbeschreiblich. Er hatte eine Tür aufgeschoben, die er nie mehr würde schließen können, und eine Erfahrung gemacht, die nur wenige andere auf diesem Planeten je machten. Auf diese Reise konnte man sich weder vorbereiten, noch gab einem jemand praktische Tipps - es gab keine Landkarte, die einen hier hindurchmanövrierte. Die konkrete Tötungshandlung hatte ihn hinaus in ein unkartiertes Meer aus Emotionen katapultiert, in dem er jetzt dahintrieb."
In der Handlung findet ein ständiger Wechsel in der Erzählperspektive statt: Witwer Tom, Söhnchen Jake und der Polizeibeamte Pete Willis führen uns durch die Geschichte. Aber auch der anonyme Mörder gewährt dem Leser einen Einblick in seine dunkle Seele, was an diesen Stellen natürlich besonders unheimlich ist.
Nervenkitzel ist in diesem Thriller daher garantiert.

Neben dem Thrill steht auch die Vater-Sohn-Beziehung von Tom und Jake im Fokus. Tom muss trotz seiner Trauer als Vater funktionieren. Plötzlich muss er lernen, Jakes Alltag allein zu organisieren. Er ist überfordert mit dieser Aufgabe. Leider macht Jake es ihm nicht leicht. Der Kleine ist verschlossen, zeigt Verhaltensweisen, die Tom irritieren und mit denen er nur sehr schlecht umgehen kann. Jake hat eine Fantasiefreundin. Ein kleines Mädchen, das scheinbar nur in seinem Kopf existiert, ist seine enge Vertraute. Jake tut sich schwer damit, Kontakt zu anderen Kindern zu knüpfen. Sei es aus Trauer oder aus anderen Gründen. Nichtsdestotrotz versuchen Vater und Sohn zusammenzuhalten. Denn egal wie irritierend Jakes Verhalten manchmal für Tom ist, die beiden lieben sich abgöttisch.

Durch die Perspektive des Polizeibeamten Pete Willis blicken wir in die Vergangenheit und auf den damaligen Fall des Kinderflüsterers. Pete ist ein disziplinierter Mensch, dessen Leben von Routinen bestimmt ist. Er steht kurz vor der Pensionierung und ist trockener Alkoholiker. Er hat mit Ereignissen aus seiner Vergangenheit zu kämpfen, die ihm Albträume bescheren und sein Leben immer noch beeinflussen. Der damalige Fall des Kinderflüsterers lässt ihn nicht los. 
"Jake und ich liefen durch das Haus, rissen Türen und Schränke auf, schalteten Lampen an und wieder aus, zogen Vorhänge auf und zu. Unsere Schritte hallten von den Wänden wider; davon abgesehen herrschte immer noch Stille. Noch während wir uns von Zimmer zu Zimmer vorarbeiteten, wurde ich das Gefühl nicht los, als wären wir nicht allein. Als würde irgendwer um einen Türrahmen spähen, wenn ich mich nur im richtigen Moment umdrehte. Es war ein blödsinniges, irrationales Gefühl, aber es war nun mal da."
Alex North beherrscht das Thriller-Handwerk par excellence. Denn die Handlung dieses Romans wird von Anfang bis zum Ende von einem unterschwelligen Grusel begleitet. Es gibt diese großartigen Thriller-Momente, die andeuten, dass schreckliche Dinge passieren werden und mich beim Lesen in eine angespannte Lauerstellung versetzten. Das ist genau das, was ich von einem guten Thriller erwarte.

Was ich bei einem guten Thriller nicht benötige, sind blutrote plakative Gewaltorgien. Die findet man hier auch nicht. Bevor ich mich für diesen Roman entschieden habe, war ich mir nicht sicher, ob ich mit Morden und Gewalt an Kindern umgehen kann. Darin geht es schließlich in diesem Roman. Doch Alex North verzichtet auf die Beschreibung der Todesumstände der Kinder. Das hat er nicht nötig. Er deutet nur dezent an, der Rest spielt sich im Kopf des Lesers ab. Daher bleibt jedem selbst überlassen, wieviel Raum er seinen Fantasien geben möchte.

Fazit:
Unglaublich spannend, das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Leseempfehlung!

© Renie

Donnerstag, 23. Januar 2020

Mick Herron: Dead Lions

Quelle: Dušan Smetana on Unsplash
Die lahmen Gäule sind wieder unterwegs. Diesmal haben sie es mit toten Löwen zu tun. Wer die Gäule sind, wissen wir seit dem ersten Teil um den Agenten Jackson Lamb und seine Mitarbeiter - allesamt Agenten, die sich nicht mit Ruhm bekleckert haben und daher strafversetzt wurden. Zumindest steckte man sie in eine Abteilung, wo sie keinen großen Schaden anrichten können. Sie sind die besagten "Slow Horses" (lahme Gäule).
Doch was es mit den toten Löwen auf sich hat, erfahren wir in Mick Herrons zweitem Roman "Dead Lions".

In dem neuen Fall der Slow Horses befasst man sich mit den Nachwehen des Kalten Krieges. Der Feind ist der Russe. Der KGB lässt grüßen. Mitten in London treiben russische Spione ihr Unwesen. Jackson Lamb holt die Vergangenheit ein. Auch er war damals in die Agentenscharmützel zwischen Ost und West involviert. Kaum zu glauben, dass ein längst abgeschlossenes Kapitel der Spionagegeschichte wieder geöffnet wird.
Quelle: Diogenes 
"Der Kalte Krieg war Geschichte, aber seine Granatsplitter waren noch überall."
Es ist nicht so, dass die Slow Horses den Auftrag haben, das Agentenproblem zu lösen. Denn man darf nicht vergessen, dass die Slow Horses auf dem Abstellgleis sind. Dass sie auf einmal doch ihre Hufe im Spiel haben, haben sie ihrem Boss Jackson Lamb zu verdanken, der sich in Eigenregie in die Ermittlungen einschaltet. Jackson Lamb macht, was er will. Und seine Mitarbeiter machen, was er will.
Sie sind Kummer gewöhnt. Auf dem Abstellgleis, mit stumpfsinnigen Aufgaben betraut, hat das Selbstbewusstsein jedes Mitarbeiters von Lamb gelitten. Die ruppige und verächtliche Art und Weise, die Jackson Lamb im Umgang mit seinen Mitarbeitern an den Tag legt, sind da auch nicht förderlich. Und dennoch wachsen sie über sich selbst hinaus, wenn es darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Insbesondere, wenn dabei einer von ihnen in Gefahr ist.
"Lamb konnte einen fertigmachen, allein schon indem er vor einem stand, und man hielt ihn solange für bedrohlich, bis er wegging und man sich fragte, wer das Licht ausgeschaltet hatte."
Mick Herron ist seiner Linie, die er im ersten Band eingeschlagen hat, erfreulicherweise treu geblieben. Nach wie vor präsentiert er einen Jackson Lamb, der ein menschenverachtender Widerling ist. Doch spätestens in dem Moment, wo Lamb seinen machtverliebten und karrieregeilen MI6 Mitstreitern in die Parade fährt, hat man ihn ins Herz geschlossen. Schadenfreude ist nicht umsonst die schönste Freude.

Mick Herron ist ein Meister des Verwirrspiels. Er schafft mehrere Handlungsstränge, die irgendwie miteinander zusammenhängen und aus unterschiedlichsten Perspektiven erzählt werden. Doch bis zum Schluss lässt er den Leser im Unklaren, welches der große gemeinsame Nenner ist. Dabei treibt er den Leser durch die einzelnen Kapitel, die er gemeinerweise gern mit einem Cliffhanger enden lässt. Die Spannung ist dementsprechend extrem hoch.
"Wenn Löwen gähnen, heißt das nicht, dass sie müde sind. Es heißt, dass sie aufwachen."
Hat mir der erste Teil der Serie um Jackson Lamb schon sehr gut gefallen, hat Mick Herron mit "Dead Lions" noch einen drauf gesetzt. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass immer noch mehr geht und bin daher gespannt auf das, was von Mick Herron noch kommen wird.
Leseempfehlung!

© Renie



Sonntag, 3. Februar 2019

Robert Galbraith: Weißer Tod

Quelle: Pixabay/Tania_delosbosques
Robert Galbraith reitet mit seiner Krimi-Reihe um den Londoner Privatermittler Cormoran Strike auf der Erfolgswelle. Mittlerweile gibt es 4 Bände, wovon der letzte, "Weißer Tod", gerade veröffentlicht wurde. Verfilmt sind die Bücher ebenfalls bereits und haben in der TV-Serienwelt unter dem Titel "Strike" hohen Anklang gefunden. Robert Galbraith sollte sich mittlerweile an den Ritt auf der Erfolgswelle gewöhnt haben, ist dieser Name doch ein Pseudonym, hinter dem keine andere als J. K. Rowling steckt.
Von den Harry Potter Büchern kenne ich alle, von ihren anderen Büchern - alias hin oder her - kenne ich keines. Insofern war ich gespannt, was es mit Cormoran Strike in "Weißer Tod" auf sich hat.
Quelle: Randomhouse/blanvalet

Die Serie ist in London angesiedelt, was mir als Fan dieser Metropole schon mal sehr gut gefällt. Robert Galbraith lässt Cormoran Strike quer durch London agieren, mal mit dem Auto, mal mit der U-Bahn, notgedrungen auch zu Fuß. Denn diese Art der Fortbewegung ist für den Ermittler nicht einfach, hat er doch während seines Militärdienstes in Afghanistan einen Teil seines Beines verloren. Er ist also gehändicapt, hat mit Schmerzen zu kämpfen, was ihn jedoch nicht davon abhält, seiner Arbeit mit großem Ehrgeiz nach zu gehen. Fast schon verbissen arbeitet er sich in die Fälle seiner Auftraggeber ein. Aufgrund spektakulärer Aufklärungserfolge ist er mittlerweile eine Berühmtheit in London. Unterstützung erhält er u. a. von seiner Mitarbeiterin Robin Ellacott. Die beiden verbindet mehr als ein Arbeitsverhältnis. Sie sind befreundet. Und es könnte sogar noch mehr daraus werden, wenn Robin nicht anderweitig gebunden wäre. Ganz davon abgesehen, dass Cormoran und Robin eine gemeinsame Beziehung aus Gründen der Professionalität ausschließen würden. Wer's glaubt ;-)
In "Weißer Tod" wird Strike von Kulturminister Chiswell beauftragt, Nachforschungen über Geraint Winn, den Ehemann einer Ministerkollegin, anzustellen. Chiswell wird erpresst. Ein Geheimnis soll publik gemacht werden. Um welches Geheimnis es sich dabei handelt, soll für die Ermittlungsarbeit irrelevant sein. Chiswell geht es nur darum, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, sprich: "Welche Leichen hat Winn im Keller?".
Robin, eine Meisterin der Verkleidung, soll dabei als Mitarbeiterin von Chiswell in das Unterhaus eingeschleust werden, um Winn auf die Pelle zu rücken.
Doch dies ist nicht der einzige Fall, der Strike beschäftigt. Kurz vor dem Minister-Auftrag nimmt Billy, der geistig behinderte jüngere Bruder des berühmt berüchtigten linksgerichteten Aktivisten Jimmy Knight, Kontakt zu ihm auf, weil er sich an einen vermeintlichen Mord an einem kleinen Mädchen erinnert. Diesen Mord hat er als kleiner Junge miterlebt. Ob das Verbrechen Billies Fantasie entspringt oder tatsächlich verübt worden ist, bleibt fraglich. Strike hat Zweifel. Insbesondere als sich herausstellt, dass es eine Verbindung zwischen dem Minister-Fall und Billy gibt.
Es wird noch weitere Verbindungen geben. Es wird auch nicht bei diesen Verbindungen bleiben. Irgendwann wird jemand sterben. Die Handlung wird immer verwirrender, da Robert Galbraith etliche Spuren legt, die den Leser häufig hinters Licht führen. Das macht Spaß, jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Denn irgendwann kam bei mir der Punkt, an dem ich den Faden verloren habe. Dankenswerterweise hat Galbraith einen sehr geschmeidigen Sprachstil, der einen nicht besonders fordert, aber durch seine Lebhaftigkeit angenehm zu lesen ist und diesen Roman sehr kurzweilig macht. So nimmt man die Verwirrungen in der Handlung zunächst hin und freut sich über den Moment, an dem man den roten Faden wieder aufnehmen kann.
"'Wir übersehen irgendetwas, Robin. Und zwar das verbindende Element.'
'Vielleicht gibt es so ein Element gar nicht', sagte Robin. ' So ist das Leben, oder nicht? Wir haben es mit mehreren Personen zu tun, von denen jede ihre eigenen Probleme und Ziele hat. Einige hatten gute Gründe Chiswell zu verabscheuen oder einen Groll gegen ihn zu hegen, aber das heißt noch lange nicht, dass alles perfekt zusammenpassen muss. Vieles ist wahrscheinlich völlig irrelevant.'"
Robert Galbraith konzentriert sich in seiner Romanreihe um Cormoran Strike nicht nur auf die Detektivarbeit, sondern lässt auch dem Gefühls- und Liebesleben seiner Protagonisten viel Raum. Zunächst steht natürlich das Vor und Zurück in einer möglichen Beziehung zwischen Strike und Robin im Mittelpunkt. Aber bis es soweit ist (und in "Weißer Tod" ist es noch lange nicht so weit), haben auch jeder für sich ein Privatleben. Robin verbringt dies mit ihrem frisch angeheirateten Matthew, den sie seit ihrer Jugend kennt. Keine Ahnung, warum die beiden geheiratet haben. Denn sie passen partout nicht zusammen. Er erweist sich als Ekel, der sich einen Deut um Robins Seelenleben schert. Aber Liebe, die bei Robin anfangs vorhanden war, macht ja bekanntlich blind. Doch hinterher ist frau immer schlauer. Und das wird auch Robin feststellen.

Strikes Beziehungen zu Frauen ist da einfacher gestrickt. Er hat Bindungsängste, was ihn jedoch nicht davon abhält, oberflächliche Beziehungen einzugehen. Sobald jedoch eine seiner Frauen den Eindruck erweckt, sich mehr von der Beziehung zu versprechen, als Sex, zieht er die Reißleine. Das war bei ihm nicht immer so. Denn auch einem Cormoran Strike kann das Herz gebrochen werden, was in seiner Vergangenheit auch passiert ist.

Fazit
Es gab Momente in diesem Buch, da hätte ich mir weniger Verwirrung gewünscht. Die unterschiedlichen Ansätze und Hinweise auf Spuren sind zwar hochinteressant und nie vorhersehbar. Dennoch waren mir diese zuviel. Da hätte man ein paar Seiten von den etwa 850 einsparen können und der Krimi wäre trotzdem noch ein guter geblieben.
Denn das ist er zweifelsohne. Wenig reißerisch, aber fantasievoll in der Entwicklung und die zwischenzeitliche Verlagerung der Handlung auf das Miteinander von Strike und Cormoran machen ihn zu einem sehr unterhaltsamen und spannenden Krimi.

© Renie