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Donnerstag, 5. Mai 2022

Djaïli Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen

Munyal – Geduld!
Mit diesem Ausspruch beginnt der Roman „Die ungeduldigen Frauen“ von Djaïli Amadou Amal. Diese Worte werden dem Leser in diesem Buch noch häufiger begegnen. Und mit Fortschreiten der Handlung wird man immer wütender darauf reagieren.

Denn das, was die muslimische Autorin aus Kamerun zu erzählen hat, kann nur fassungslos und wütend machen: es geht um Zwangsheirat, Polygamie und Gewalt gegen Mädchen und Frauen.

Erzählt wird die Geschichte von drei Frauen in der Sahelzone Kameruns.

Teil 1: Ramla
Das 17-jährige Mädchen steht kurz vor ihrem Schulabschluss und träumt davon, Apothekerin zu werden. Sie verliebt sich in einen Freund ihres Bruders, beide möchten heiraten. Doch Ramlas Vater entscheidet anders. Sie wird einen deutlich älteren Mann heiraten und als eine von mehreren Ehefrauen dieses Mannes ihre Träume von einer Liebesheirat und einem Beruf als Apothekerin begraben.

Teil 2: Hindou
Sie ist die gleichaltrige Schwester von Ramla, wenn auch nicht die Tochter derselben Mutter. Denn auch der Vater der beiden Schwestern lebt in einer Polygamie. Am Tag von Ramlas Hochzeit wird auch Hindou heiraten. Sie wird einem ihrer Cousins zur Frau gegeben, dessen Brutalität, Alkoholismus und Drogenkonsum von der Familie geduldet wird. Hindou wird zum Spielball seiner gewalttätigen Fantasien.

Quelle: Orlanda
Teil 3: Safira
Sie ist die Erstfrau von Ramlas Ehemann und fühlt sich durch die neue und deutlich jüngere Ramla in ihrer führenden Rolle innerhalb des Haushaltes bedroht. Sie tut alles, um ihren Platz zu behaupten.

Diese Frauen leiden. Und die einzige Unterstützung und Hilfestellung, die sie in ihrem Leben als zwangsverheiratete Frau erhalten, ist ein Ratschlag: Munyal – Geduld!
Geduld ist ein Begriff, mit dem man Positives assoziiert: Beherrschung, Ausdauer, Rücksichtnahme, Gelassenheit, Durchhaltevermögen, Duldsamkeit. Doch Frauen, wie die drei Protagonistinnen dieses Romans, werden dem Rat „Geduld!“ wenig abgewinnen können, bedeutet er doch für sie ein Leben in Angst und ohne Hoffnung.
Was daher bleibt, ist die Ungeduld! So versucht jede Frau sich auf eine eigene und subtile Art gegen das, was ihr widerfährt zur Wehr zu setzen. 

„Die ungeduldigen Frauen“ ist eine Anklageschrift gegen die Unterdrückung von Frauen.
Dajïli Amadou Amal ist selbst eine der ungeduldigen Frauen, denn auch sie wurde mit 17 Jahren zwangsverheiratet. Ihre Ungeduld hat dazu beigetragen, dass sie heute als Frauenrechtsaktivistin für die Rechte der Frauen ihres Landes eintritt. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Ungeduld bei den Frauen Kameruns Schule machen wird!

Der Roman ist im Jahre 2020 mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet worden, einem Ableger des französischen Literaturpreises. Zuletzt wurde Dajïli Amadou Amal von der französischen Fachzeitschrift der Buchbranche Livres Hebdo als erste Frau des afrikanischen Kontinents zur „Autorin des Jahres 2021“ gekürt. Zu Recht! Denn sowohl Roman als auch Autorin haben ganz viel Aufmerksamkeit verdient.

Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 3. April 2022

Franck Bouysse: Rauer Himmel

Quelle: Polar Verlag
Eine trostlose und düstere Landschaft, eigenbrötlerische und verschlossene Charaktere, Familiengeheimisse und Tod. Die Geschichte „Rauer Himmel“ von Franck Bouysse ist ein Kriminalroman der Extraklasse, der nicht nur durch seine literarische Sprache besticht. 

Schauplatz ist ein fiktiver Ort in den französischen Cévennen im Winter: Les Doges - ein einsamer Ort, der aus zwei Höfen besteht, die von den beiden Protagonisten Gus und Abel bewohnt werden, die ich mir in keinem anderen Szenario als in dieser Trostlosigkeit vorstellen kann. Die beiden Männer sind eigenbrötlerisch, ihr Leben richtet sich nach der Natur und den Jahreszeiten, sie vermeiden den Kontakt zu anderen Menschen.
Gus und Abel gehen sich zur Hand, wenn Arbeiten auf den Höfen anfallen, die allein nicht zu bewältigen sind, verbunden mit einem anschließenden Gespräch bei einem Gläschen Wein. Ansonsten geht man sich aus dem Weg. Denn jeder ist sich selbst genug. Leben und leben lassen.
Eines Tages wird Gus durch einen Schuss und Schreie aus der Richtung des Hofes von Abel aufgeschreckt. Dieser Vorfall ist der Anfang einer Kette von Ereignissen, die die Beziehung der beiden Männer in den darauffolgenden Wochen verändern wird. Das Miteinander der Männer wird mit einem Mal von Misstrauen geprägt sein, sie werden sich belauern, in der Überzeugung, dass der andere etwas zu verbergen hat. Welche Geheimnisse im Verborgenen liegen, zeigt sich erst zum Ende des Romans, so dass der Leser ausreichend Gelegenheit haben wird, sich in eigenen Spekulationen zu versuchen.
"Den Toten vergibt man viele Dinge, auch Dinge, die wir nicht vergeben sollten."
„Rauer Himmel“ ist ein unglaublich spannender Roman. Der trostlose Schauplatz legt dabei gleich zu Anfang den Grundstein für den Aufbau einer unheimlichen Stimmung. Wo nicht, wenn an einem Ort, der dermaßen abgeschieden und trostlos düster ist, passieren schreckliche Dinge? Diese gruselige Atmosphäre begleitet den Leser bis zum Schluss. Bemerkenswert ist dabei die hohe Sprachqualität dieses Romans. Sätze und Formulierungen scheinen mit Bedacht gewählt zu sein und verbergen eine tiefere Bedeutung. Wenn man sich Zeit nimmt und sich auf diese Bedachtsamkeit einlässt, wird man von der Atmosphäre dieses Buches komplett vereinnahmt.
Das lässt ein Ende dieses Romans, das ein paar Fragen zu der Handlung und seinen Charakteren leider nicht beantwortet, leicht verschmerzen.
„Rauer Himmel“ ist daher für mich ein unglaublich fesselnder Kriminalroman und in seiner Gesamtheit ein literarisches Kunstwerk, das mich begeistert hat.

© Renie





Mittwoch, 26. Januar 2022

Jenny Erpenbeck: Kairos

"Die Gelegenheit beim Schopf packen" ist ein Ausspruch, der seinen Ursprung in der Darstellung des griechischen Gottes Kairos hat. Kairos galt in der griechischen Mythologie als Verkörperung des günstigen Augenblickes, den man nur festhalten konnte, wenn man ihm an der Stirnlocke packte, denn ansonsten war er kahl. Zog Kairos also an seinem Gegenüber vorbei, war's das mit dem günstigen Moment.

Der Roman von Jenny Erpenbeck trägt nicht umsonst den Titel "Kairos". Denn den günstigen Moment erwischen die Protagonisten Katharina und Hans, als sie sich Ende der 80er Jahre zufällig in Ost-Berlin begegnen. Aus dieser Zufallsbegegnung entwickelt sich eine, in vielfacher Hinsicht, ungewöhnliche Beziehung.

Katharina ist eine 19-jährige Auszubildende, die bei ihrer Mutter wohnt und an der Schwelle zum Erwachsensein steht. Sie ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Der Sozialismus gehört für sie zur Normalität, sie ist genauso politisch interessiert, wie andere ihrer Generation - mal mehr, mal weniger. Hans ist Mitte fünfzig, verheiratet, Vater eines Sohnes in der Pubertät, Schriftsteller und überzeugter Sozialist. In der Liaison der beiden herrscht ein Ungleichgewicht. Hans dominiert Katharina, blendet sie mit seiner Lebenserfahrung, seinem unerschöpflichen Wissen über Kunst und Kultur. Er sonnt sich in ihrer Bewunderung und versucht, sie nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen. Katharina verwechselt Schwärmerei mit Liebe und versucht, seinen Ansprüchen zu entsprechen. Dadurch verliert sie immer mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit. Die Beziehung zwischen den beiden nimmt einen ungesunden Verlauf, über mehrer Jahre, in denen sich seelische Höhen und Tiefen abwechseln.
Quelle: Penguin Verlag

Jenny Erpenbeck hat es mir mit der Darstellung des Hans nicht einfach gemacht. Ich konnte nicht anders, als mich über diese Figur zu empören. Dabei war der Altersunterschied nicht entscheidend, sondern eher die Dominanz eines Mannes, der außerhalb dieser Beziehung ein Schwächling ist und im echten Leben wenig Rückgrat besitzt. Er nutzt die Dominanz gegenüber Katharina um sein Ego aufzumöbeln. 

Während Katharina und Hans also mit ihrer und in ihrer "Liebe" kämpfen, findet um sie herum ein politischer Umbruch statt. Das Leben wird von dem Untergang der DDR bestimmt. Die Grenzen werden geöffnet und der Westen hält Einzug in den Alltag der Menschen, die plötzlich mit abrupten Veränderungen zu tun haben, die nicht alle willkommen sind, zumindest nicht in der Schnelligkeit.

Einer, der von der Wende überfordert sein wird, ist Hans. Das Weltbild des überzeugten Sozialisten stürzt ein. Es fällt ihm schwer, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. 

Kairos ist also eine interessante Kombination aus Wende-Roman und Beziehungsgeschichte. Was mich dabei begeistert hat, ist der Aufbau des Romans. Kairos wird aus zwei Perspektive erzählt, die eng miteinander verwoben sind - enger geht es nicht. Der Wechsel der Perspektiven findet innerhalb der Kapitel des Romans völlig unvermittelt statt; Satzzeichen der wörtlichen Rede sind nicht vorhanden. Man rutscht also von einem Moment auf den anderen in die Gedankenwelt des anderen Protagonisten - zunächst völlig unbemerkt, was natürlich gewöhnungsbedürftig ist. Doch durch die sprachliche Intensität der Autorin schafft man es, eine gedankliche Abgrenzung zwischen den beiden Gedankenwelten herzustellen. 

Mein Fazit:
Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Umbruchs der DDR, wobei mir der Hintergrund besser als der Vordergrund gefallen hat. Denn die Beziehungsgeschichte hat mich nicht überzeugt, was ausschließlich an meiner Ablehnung des männlichen Protagonisten lag. Bemerkenswert sind jedoch die sprachliche Intensität von Jenny Erpenbeck sowie der ungewöhnliche Aufbau dieses Romans. Leseempfehlung!

© Renie

Mittwoch, 20. Oktober 2021

James Sallis: Sarah Jane

Die literarische Gattung Krimi "thematisiert in der Regel ein Verbrechen und seine Verfolgung und Aufklärung durch die Polizei, einen Detektiv oder eine Privatperson. Der Schwerpunkt, Sicht- und Erzählweise einzelner Kriminalromane können sich erheblich unterscheiden." - so Wikipedia. 

"In der Regel", wohlgemerkt, denn Krimi ist nicht gleich Krimi. Wikipedia unterscheidet folgende Untergattungen: 
Schauer- und Kriminalromane für Frauen - Whodunit - Verschiedene Ermittlungsformen - Thriller - Schwarze Serie - Gangsterballaden - Komischer Krimi - Regionalkrimi 

Eine eigenwillige Unterteilung, die sicher nicht vollständig ist. Denn es gibt Krimis, die nicht in diese Schubladen passen. Einer, der keine Schubladen-Krimis schreibt, ist der amerikanische Autor James Sallis, der für einige seiner Kriminalromane bereits den Deutschen Krimi Preis (International), den amerikanischen Hammett Prize und den französischen Grand prix de littérature policière gewonnen hat. 
Sein aktueller Roman "Sarah Jane" ist momentan auf Platz 4 der Deutschen Krimibestenliste (September 2021). Und mit "Sarah Jane" hat James Sallis einen Roman geschrieben, für den es jene Krimi-Schublade geben müsste, die in der o.g. Unterteilung fehlt: der literarische Krimi.

Sarah Jane, Protagonistin des gleichnamigen Romans, ist eine Frau, die schon einiges in ihrem Leben mitgemacht hat. Vorsichtig formuliert: sie hat bisher ein "bewegtes" Leben geführt. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im Mittleren Westen Amerikas, ist sie bereits sehr jung von zuhause ausgerissen und hat sich die nächsten Jahre mehr schlecht als recht durchgeschlagen. Sie blieb nie lang an einem Ort, geriet in schlechte und bessere Gesellschaft. Das Militär bewahrte sie vor einer Haftstrafe. In Amerika wurde sie von den unterschiedlichsten Männern ein Stück ihres Lebensweges begleitet. Diese Männer taten ihr gut und mal weniger gut. Nun lebt sie in der amerikanischen Kleinstadt Farr, ist im Polizeidienst, sorgt für Recht und Ordnung und hat offene Augen und Ohren für die Probleme der Kleinstadtbewohner. Sie wird für ihre Empathie geschätzt, die Menschen mögen sie. Scheinbar kehrt endlich Ruhe in das bewegte Leben der Sarah Jane ein. Wenn da nicht die Geister ihrer Vergangenheit wären.

Und wie sich das für Geister gehört, bleiben sie weitestgehend unsichtbar und tauchen nur dann auf, wenn man nicht mit ihnen rechnet, was wiederum zu Zweifeln führt, denn Geister gibt es eigentlich nicht. Auf den Punkt gebracht: Sarah Jane hat Geheimnisse, die aus ihrer Vergangenheit resultieren, aber nicht offensichtlich sind und selbst für den Leser weitestgehend verborgen bleiben. 

Der Roman beginnt mit den Erinnerungen von Sarah Jane an ihre Zeit und die Jahre bevor sie nach Farr kam. Sie macht es dem Leser dabei nicht einfach. Denn sie erzählt ihre Erinnerungen chronologisch unsortiert und springt zwischen den Ereignissen hin und her. Der Leser wird mir einem Wirrwarr an Gedanken konfrontiert. Und irgendwo inmitten dieses Wirrwarrs blitzen immer wieder kleine Momente auf, die stutzig machen und den Verdacht erwecken, dass es in Sarah Janes bisherigem Leben schlimme Momente gab, wenn nicht sogar kriminelle Momente.

Die Buchbeschreibung des Verlages bringt es auf den Punkt: "James Sallis erzählt von einer Frau, die versucht, der Welt die Stirn zu bieten und mit dem Leben ins Reine zu kommen. "Sarah Jane" ist ein fesselnder, ungewöhnlicher Roman über Schuld, Sühne und das Ringen mit den eigenen Dämonen."

Im Mittelpunkt steht also Sarahs Geschichte und die Entwicklung von einer sprunghaften und wilden Jugendlichen zu einer ernsthaften und geheimnisvollen Frau mit - wie sich in Farr herausstellt - ganz viel Empathie für ihre Mitmenschen. 

Wo bleibt also das "thematisierte" Verbrechen dieses Kriminalromans? 
Tatsächlich gibt es in "Sarah Jane" Verbrechen genauso wie es Tote gibt. Doch diese Dinge sind nebensächlich und irgendwo inmitten der Vielzahl an Sarah Janes Erinnerungen sowie den Geschichten über die Menschen um sie herum verborgen. Und dieses versteckte Böse, das irgendwo in Sarah Janes Geheimnissen existiert, gibt dem Roman die Würze und das gewisse Extra, um aus diesem Roman einen Krimi zu machen, ergänzt um das Prädikat "literarisch". Denn James Sallis ruhiger Erzählton, der eine wundervoll melancholische Stimmung erzeugt, trägt dazu bei, dass dieser Roman ein literarischer Hochgenuss ist.

Leseempfehlung!

© Renie





Dienstag, 12. Oktober 2021

Charles Lewinsky: Melnitz

Der Roman "Melnitz" ist über 900 Seiten starke Fabulierkunst, wie nur Charles Lewinsky sie beherrscht. Er erzählt darin die Geschichte der jüdisch-schweizerischen Familie Meijer über einen Zeitraum von fünf Generationen. Die Handlung beginnt im Jahre 1871 und endet 1945.

Die Familie kommt aus dem gutbürgerlichen Milieu. Familienoberhaupt Salomon, mit dem die Geschichte beginnt, ist Viehhändler. Mit den nächsten Generationen werden die Meijers ihren Lebensunterhalt im Einzelhandel verdienen. Sie haben Erfolg bei dem, was sie machen. Der Erfolg sorgt für Wohlstand, mal mehr, mal weniger bescheiden. Die nachfolgenden Generationen werden davon profitieren. Es wird Nachkommen geben, die das Vermächtnis ihrer Eltern fortführen, genauso wie es Nachkommen geben wird, die einen eigenen beruflichen Weg einschlagen werden.

Die Ehen in dieser Familie werden anfangs weniger aus Liebe, sondern eher aus Vernunft geschlossen. Erst über die Jahre wird es zu Verbindungen kommen, die aus Liebe entstanden sind.
Quelle: Diogenes

Bei den Meijers wird gemenschelt und gejüdelt. Denn die jüdische Familie lebt nach den Regeln des Talmud. Ob aus Frömmigkeit oder Tradition, der jüdische Glaube bestimmt das Leben der Meijers.

Charles Lewinsky lässt in diesem Roman Schweizer Geschichte stattfinden, denn er bettet die Handlung in einen historischen Rahmen. Erzählt wird die Geschichte des Judentums in der Schweiz, vom 19. Jahrhundert bis hin zum 2. Weltkrieg am Beispiel der Meijers. 

Der Roman "Melnitz" ist ein großes Lesevergnügen, was nicht zuletzt an dem Sprachstil des Schweizer Autors liegt. Mit großer Fabulierlust und viel Ironie schildert Charles Lewinsky die großen und kleinen Probleme und Ereignisse aus dem Familienlebens der Meijers. Die Charaktere werden von ihm überspitzt dargestellt. Persönliche Macken und Eigenheiten werden dabei genüsslich ausgeschlachtet. er Autor lässt nur wenig Spielraum, um sich ein eigenes Bild von den Figuren zu schaffen. Dafür sind seine Beschreibungen viel zu akribisch, aber dafür gestochen scharf, so dass sie ein stimmiges Bild des jeweiligen Charakters ergeben.

Und dieser Roman ist unverkennbar jüdisch. Denn die Sprache ist von jiddischen Begriffen, Aussprüchen und Lebensweisheiten durchsetzt, die aber in einem mehrseitigen Glossar am Ende des Buches für den nicht-jiddisch sprachigen Leser übersetzt werden.

Namensgebende Figur dieses Romans ist übrigens ein Verwandter - Onkel Melnitz -, um wieviele Ecken er mit den Meijers verwandt ist, lässt sich schwer sagen. Doch irgendwie scheint er zur Mischpoche dazuzugehören. Und wie das häufig mit Verwandten ist, taucht der Onkel meistens dann auf, wenn man nicht mit ihm rechnet und sorgt für verstörende Unruhe. Doch wie jeder weiß, kann man sich Verwandtschaft bekanntlich nicht aussuchen.

Fazit:

Über 900 Seiten jüdische Familiengeschichte und keine Seite zuviel. Der Geschichtenerzähler Lewinsky hat wieder Höchstform bewiesen und mich mit seinem Roman verzaubert. Meine Begeisterung für diesen Autor hält an.

Samstag, 25. September 2021

Jonathan Coe: Mr. Wilder und ich

Billy Wilder, amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent, war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Seine größten Erfolge konnte er in den 40er, 50er und 60er Jahren verzeichnen. Insgesamt drehte er über 60 Filme. „Sabrina“, „Das verflixte 7. Jahr“, „Zeugin der Anklage“, „Manche mögen’s heiß“, „Das Mädchen Irma la Douce“ waren einige davon.
Im Jahr 1978 erschien sein vorletzter Film "Fedora", bei dem Billy Wilder nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb. Viele sahen darin Parallelen zu Wilders eigenem Hollywood Dasein. "Fedora" erzählt die Geschichte über den Mythos einer verstorbenen Filmdiva und wurde von den Kritiker u. a. wie folgt beschrieben: 
„ein Abgesang auf Hollywood, auf das Kino alter Schule, auf Billy Wilders klassische Filme nicht zuletzt. […] Ein Alterswerk, das seinen Rang vornehmlich dadurch erreicht, dass es in Kauf nimmt, von allen missverstanden zu werden."

Der Roman „Mr. Wilder und ich“ erzählt von der Entstehung dieses Films und ist gleichzeitig eine berührende und humorvolle Biografie über die Hollywood-Legende Billy Wilder, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits Anfang 70 war. 
Quelle: Folio Verlag

Die Geschichte von Billy Wilder wird dabei in einen weiteren Handlungsrahmen eingebettet. Denn erzählt wird sie Jahre später von einer fiktiven Figur - Callista, einer Komponistin für Filmmusik, Ehefrau und Mutter von 2 erwachsenen Töchter. Sie berichtet von ihren ersten Gehversuchen beim Film, an denen Billy Wilder maßgeblich beteiligt war. Callista ist in den 50er/60er Jahren in Athen aufgewachsen. Ihre griechischen Wurzeln und der Zufall haben ermöglicht, dass sie in den 70er Jahren in das Filmgeschäft gerutscht ist. Denn im Alter von 21 Jahren begegnet sie in Hollywood das erste Mal Billy Wilder, der ihr einen Job als griechische Übersetzerin für die geplanten Dreharbeiten von „Fedora“ am Drehort Lefkada, einer verschlafenen griechischen Insel, anbietet. Die Tochter eines Griechen und einer Engländerin, die zu diesem Zeitpunkt einen Trip durch Amerika macht, ergreift die Chance, und von da an wird sie die nächsten Jahre im Filmgeschäft in unterschiedlichen Funktionen arbeiten. Doch zunächst geht es um die Dreharbeiten zu „Fedora“. Mit ihrer unkomplizierten und bodenständigen Art sticht Callista aus der Menge der Filmleute, die an dieser Produktion beteiligt sind, heraus. Das merkt auch Billy Wilder sowie sein bester Freund und Co-Drehbuchautor Iz Diamond. Die beiden Männer suchen immer wieder die Gesellschaft von Cal, die herzerfrischend anders ist, als diejenigen Menschen, mit denen der Starregisseur beruflich zu tun hat: Schmeichler, Neider, Opportunisten und Sensationslüsterne. Cal erinnert sich Jahre später an diese Zeit und erzählt von den Begegnungen und Gesprächen mit den beiden Männern. Insbesondere durch die Sichtweise des besten Freundes Iz, lernt sie einen anderen Billy Wilder kennen, als denjenigen, der sich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit präsentiert.

Billy Wilder, Sohn jüdischer Eltern, ist 1906 in Österreich geboren, hat später lange Jahre in Berlin gelebt und ist mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika emigriert, wo er als Drehbuchschreiber ins Filmgeschäft einstieg und kurz darauf in Hollywood Regie führte. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und die kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde ein Teil seines Lebens. Billy Wilder war also kein Regisseur. der sich auf leichte Filmkomödien reduzieren ließ. Er begegnete der Welt zwar mit Humor, was aber nicht über seine Ernsthaftigkeit hinwegtäuschen sollte. 
"'... Das Leben ist hässlich. Wir alle wissen das. Du brauchst nicht ins Kino zu gehen, um zu erfahren, dass das Leben hässlich ist. Du gehst ins Kino, damit diese zwei Stunden dein Leben ein klein wenig heller machen, sei es durch Komik oder Lachen, oder einfach nur ... keine Ahnung, durch ein paar schöne Kleider und gutaussehende Schauspieler oder so - irgendein Lichtblick, der vorher nicht da war. Ein bisschen Freude, Heiterkeit ... .'"
Jonathan Coe hat mit diesem Roman einen Billy Wilder geschaffen, wie ich ihn mir gern vorstellen möchte: ein netter, älterer und humorvoller Herr, der menschliche Wärme ausstrahlt und mit Güte über die Fehler seiner Mitmenschen hinwegsieht. Ob Mr. Wilder tatsächlich so gewesen ist, ist für mich dabei zweitrangig. Ich will dem Autoren die Charakterisierung seines Protagonisten gerne abnehmen, zumal Jonathan Coe in seinen Anmerkungen und Quellenangaben am Ende des Romans nicht den Eindruck vermittelt, dass die Eigenschaften, die er seiner Figur zuschreibt, seiner Fantasie entsprungen sind. 

Der Protagonist Billy Wilder in Verbindung mit dem glamourösen Hollywood-Flair, das die Handlung begleitet, machen die Geschichte daher zu einem großen Vergnügen. Jonathan Coe hat mit "Mr. Wilder und ich" einen Roman geschaffen, der der humorvollen Leichtigkeit eines Films des berühmten Regisseur in nichts nachsteht.

Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 22. August 2021

Kate Grenville: Ein Raum aus Blättern

Mr. und Mrs. John Macarthur wanderten 1788 von England nach Australien aus. John war ein britischer Offizier, der dem Ruf der Krone folgte und seinen Dienst in der frisch errichteten Strafkolonie New South Wales antrat. Über die Jahre machte John Karriere als Soldat, Politiker und Unternehmer. Er gilt heute in Australien als Begründer der Schafzucht. 

Von Mrs. John Macarthur, die ihren John als Elizabeth Veale kennenlernte, ist nicht viel bekannt. Was für eine Frau Elizabeth war oder hätte gewesen sein können, erzählt der Roman "Ein Raum aus Blättern" der australischen Autorin Kate Grenville.
Dabei lässt sie Elizabeth ihre eigene Geschichte erzählen. Mit Anfang 80 blickt diese auf ihr Leben zurück: einer Kindheit in Südengland, die Heirat mit John als sie 21 war, die 6 Monate dauernde Seereise nach Australien und ihre Anfänge auf dem, zur damaligen Zeit noch unerschlossenen Kontinent.

Frau sein in Großbritannien zur Zeit von Jane Austen war alles andere als romantisch. Keine Gleichberechtigung, keine politische Mitbestimmung, kein Recht auf Bildung, auf Arbeit oder eigenen Besitz. Stattdessen war Frau jedoch der Besitz des eigenen Ehemannes. Und ein Ehemann musste her, denn ohne diesen konnte Frau kaum überleben. Häufig musste Frau den Mann nehmen, der zu kriegen war. Und das war nicht immer ein Glücksgriff.
Quelle: Nagel und Kimche
"Überrascht war ich über das Ausmaß meines Zorns. Zorn auf Mr. Macarthur natürlich, aber auch auf die grausame Maschinerie aus generationenalten Gesetzen, Glaubenslehren und Gepflogenheiten, die eine Frau der Möglichkeiten raubte, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen."
Pech hatte auch Elizabeth, die ihren John, der sich in dieser Geschichte als skrupelloses und selbstherrliches Ekelpaket erweist, sicherlich nicht aus Liebe geheiratet hat, sich von ihm nach Australien verfrachten lassen musste und verpflichtet war, für Johns Wohlergehen zu sorgen - in jeder Hinsicht. Als Gattin eines britischen Offiziers sorgte sie dafür, dass das gepflegte gesellschaftliche Leben Fortbestand hatte - was merkwürdig erschien, denn der Versorgungsnachschub aus der britischen Heimat war mehr als dürftig und ein 5-o'clock-Tea inmitten der Wildnis erschien eher deplatziert. Da jedoch von einer Mrs. John Macarthur die Einhaltung der englischen Etikette erwartet wurde, hat sie diesen Anspruch auch erfüllt. Sie hatte ja sonst nichts zu tun, anfangs zumindest. Später widmete sie sich der Schafzucht, die eigentlich die Aufgabe ihres Mannes gewesen wäre. Aber das musste in der Öffentlichkeit ja keiner wissen.

Kate Grenvilles Geschichte über Elizabeth Macarthur ist unglaublich spannend und ereignisreich. Als Leser wird man vom Schicksal dieser Frau vereinnahmt. Rückblickend war es für sie sicherlich kein schlechtes Leben, denn mit den Jahren gelang es ihr, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Beste für sich herauszuholen. Dennoch sind die Bedingungen, unter denen sie ihr Leben geführt hat, unvorstellbar. Das Festhalten an gesellschaftlichen Traditionen und Etikette mutete fast schon absurd an. Das Leben an der Seite eines skrupellosen Soziopathen schien aussichtslos.
Wie wohltuend ist da die Entwicklung des Charakters Elizabeth, die lernt, mit den Befindlichkeiten ihres Mannes umzugehen. Genauso wie sie lernt, das Land zu lieben, dem sie anfangs mit soviel Widerwillen und Ablehnung begegnet ist. Australien wird ihre Heimat.
"Ich will mich in diesem Bericht nicht besser machen, als ich es war. Ich musste mich mit diesem Ehemann abfinden und war feige genug, die Früchte seiner Schurkerei zu genießen."
Ich möchte gern glauben, dass die Geschichte der Elizabeth Macarthur tatsächlich so passiert ist. 

Doch genau das ist der springende Punkt in diesem Buch. Man glaubt, was man glauben will bzw. das, was Elizabeth, als Erzählerin dieser Geschichte, den Leser glauben machen will. In diesem Fall hat Kate Grenville mit "Ein Raum aus Blättern" einen "spielerischen Tanz der Möglichkeiten zwischen dem Realen und Erfundenen" aufgeführt. Mit Hilfe von Informationen, die sie den Biografien über die Macarthurs sowie Schriftstücken von damaligen Zeitzeugen entnommen hat, schreibt sie eine eigene Geschichte über Elizabeth, die so lebensecht wirkt, dass der Leser darin die Biografie einer heroischen Frau sehen will, die sich gegen die "Knechtschaft" ihres Mannes so gut es ging zur Wehr setzte und ihren eigenen Weg gegangen ist. Der Leser glaubt, was er glauben will, ungeachtet der Möglichkeit, dass Elizabeth in Wirklichkeit ein anderer Mensch hätte sein können.

Mein Fazit:
Ein außergewöhnlicher Roman, der mit dem Leser spielt. Das, was sich Kate Grenville vorgenommen hat, nämlich einen Roman zu schreiben, der die "Macht der Geschichte" demonstriert, hat sie großartig umgesetzt. Ich bin ihr auf den Leim gegangen, habe die Protagonistin zunächst gesehen, wie ich sie sehen sollte bzw. wollte. Der Ausspruch von Elizabeth Macarthur, der den Roman eröffnet und in einer Anmerkung der Autorin beendet
"Glaubt nicht zu geschwind!"
sagt alles aus.

Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 11. Juli 2021

Ann Petry: Country Place

Schauplatz des Romans "Country Place" von Ann Petry ist der beschauliche Touristenort Lennox im amerikanischen Bundesstaat Connecticut. Hier verbringen Touristen gern ihre Sommerfrische und begeben sich auf die Suche nach Ruhe, Wärme und Erholung.
Es scheint, dass Lennox eine Idylle paradiesischem Ausmaßes ist. Da zu einem anständigen Paradies auch mindestens ein Sündenfall gehört, ist natürlich auch Lennox nicht davor gefeit. Dafür sorgen die Bewohner von Lennox und einige davon im Besonderen. 
Diese Beobachtung macht auch der Apotheker vor Ort: Doc Fraser, von vielen Pop genannt, der sich gleich zu Beginn des Romans als Ich-Erzähler präsentiert. Im Verlauf der Geschichte wird er diese Rolle jedoch nur sporadisch einnehmen. Denn in diesem Roman wechseln die Erzählperspektiven zwischen den Hauptfiguren, welche sind 
- die alte Mrs. Gramby und ihr Sohn Mearn, sehr wohlhabend, bewohnen ein Anwesen inklusive Hausangestellten. Die beiden sind angesehene Stützen der Gesellschaft, Mrs. Gramby noch mehr als ihr Sohn. Mearn ist verheiratet mit 

- Lil, ehemalige Schneiderin, die sich den reichen Mearn geangelt hat, um in die höheren Gesellschaftskreise aufzusteigen und ein Leben in Saus und Braus zu führen. Schwiegermutter und Schwiegertochter können sich nicht ausstehen, versuchen jedoch den Schein zu wahren – was ihnen mehr schlecht als recht gelingt. Lil ist in den 40ern und hat eine Tochter: 

- Glory, die in einem Laden in Lennox als Verkäuferin arbeitet. Einfach gestrickt und charakterlos wie ihre Mutter betrachtet sie Männer als Versorger, weshalb sie verheiratet ist, mit 

- Johnny Roane, der die letzten Jahre in Vietnam verbracht hat, soeben aus seinem Kriegseinsatz zurückgekehrt ist und nun auf eine glückliche Zukunft mit seiner Glory hofft. 

Neben diesen Hauptfiguren treffen wir in Lennox auf Nebendarsteller, die aber trotz ihrer untergeordneten Rolle einen enormen Einfluss auf die Handlung haben. 
Quelle: Nagel und Kimche
"Jetzt fiel ihm wieder ein, dass überall geklatscht und getratscht wurde - im Postamt, im Gemischtwarenladen, im Drugstore und sonntags nach dem Gottesdienst vor den Kirchen. Diese Sorte Grinsen im Gesicht des kleinen Mannes hinterm Lenkrad stand für die ganze Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit der Stadt, für ihr hinterhältiges Gespött über andere." 
Der Roman erzählt die Geschichte dieser Menschen und entwickelt sich zu einer Tragödie, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Es wird geliebt, gehasst, geneidet, gegiert und betrogen. Eifersucht und Intrigenspiel gehören dabei auf die Tagesordnung. 

Ann Petry nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch Lennox. Die Menschen, die uns dabei begegnen werden von ihr in den schillernsten Farben bis ins kleinste Detail geschildert. Dominiert wird dabei das Geschehen von den Frauenfiguren dieses Romans, wobei Ann Petry klar zwischen Gut und Böse unterscheidet. Die Femmes Fatales bekriegen sich mit den Charakteren von untadeligem Ruf. 

Trotz aller hochkochender Emotionen behält dieser Roman seine Beschaulichkeit, die durch den Ferienort Lennox assoziiert wird, bei. Der Sprachstil ist ruhig und sortiert. Petry konzentriert sich auf die Rolle des Beobachters, die teilweise durch den Apotheker besetzt wird, der sich als Chronist der Ereignisse vorstellt, aber diese Rolle nicht gänzlich ausfüllt. 

Ann Petry hat mit "Country Place", der im Jahre 1947 erstmalig veröffentlicht wurde, ihren zweiten Roman geschrieben. Ihr erster Roman "The Street" aus dem Jahre 1946 sorgte für Furore, weil er in einer Zeit veröffentlich wurde, als afroamerikanische Literatur eine Männerdomäne war und eine deutliche Anklageschrift gegen Rassismus und das vorherrschende Frauenbild war. Mit "Country Place" konnte die Autorin nicht in Gänze an ihren Erfolg anknüpfen. Denn hier fehlte die "Protestnote", die in "The Street" zu finden war. "Country Place" ist gemäßigter als sein Vorgänger. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Personal in diesem Roman weiß-amerikanisch. Aber "weiß" ist nicht gleich "weiß", wie der Umgang der Bevölkerung von Lennox mit einem jüdischen Anwalt sowie nicht-amerikanischen Hausangestellten der Familie Gramby verdeutlicht.

Hat mir "The Street" von Ann Petry schon ausgesprochen gut gefallen, hat sie mit "Country Place" mein Herz erobert. Mir gefällt diese Mischung aus Ruhe und Beschaulichkeit eines amerikanischen Kleinstadtromans, gepaart mit der emotionalen Dramatik, die durch das Miteinander der Charaktere entsteht. 

Ich freue mich, dass der Verlag Nagel und Kimche Ann Petry für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt hat. Der Roman "The Street" wurde bereits im letzten Jahr veröffentlicht, "Country Place" erschien im Mai diesen Jahres. Für das Frühjahr 2022 ist nun der dritte und letzte Roman von Ann Petry avisiert Und ich bin sehr gespannt, ob für mich noch eine Steigerung zu "Country Place" möglich sein wird.

© Renie






Sonntag, 4. Juli 2021

Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht

Der Roman "Die Beichte einer Nacht" der niederländischen Autorin Marianne Philips (1886 - 1951), der erstmalig in den 1930er Jahren veröffentlicht wurde, ist in seiner Heimat ein Klassiker. Im deutschsprachigen Raum ist dieser Roman bisher kaum bekannt, wurde jetzt aber vor Kurzem vom Diogenes Verlag wiederentdeckt. Kaum zu glauben, dass es fast 90 Jahre lang dauern musste, dass dieser Roman auch hierzulande Beachtung findet. Denn "Die Beichte einer Nacht" hat es in sich, auch wenn die Erzählform im ersten Moment wenig lesekomfortabel erscheint, besteht doch dieser Roman aus einem einzigen Monolog.
Dieser Monolog wird von der Protagonistin Heleen gehalten. Sie ist mit Mitte Dreissig und befindet sich in einer Nervenklinik. Warum sie hier gelandet ist, erfahren wir nach und nach durch ihre Lebensgeschichte, welche die Frau einer Nachtschwester erzählt. Die Nachtschwester bleibt dabei für den Leser anonym. Es gibt keinerlei verbale Reaktionen auf die Erzählung von Heleen. Nur anhand der Sichtweise und einiger Kommentare von Heleen, erfahren wir, dass ihre Geschichte Wirkung auf die Schwester zeigt. 
Quelle: Diogenes Verlag
"Ich bin hier allein in meiner eigenen Hölle.
Nein, Schwester, schauen Sie nicht zur Klingel, ich bekomme keinen Anfall, ich hatte nur einen einzigen - bevor man mich hierhergebracht hat. Lassen Sie mich einfach reden."
Ihre Kindheit verbringt Heleen in ärmlichen Verhältnissen in einer Großfamilie. Als ältestes von 13 Kindern hilft sie ihrer Mutter im Haushalt und kümmert sich insbesondere um die jüngste Schwester, die 15 Jahre jünger als Heleen ist. Heleens Kapital ist ihre Schönheit, die eine große Wirkung auf Männer ausübt, so dass sie schließlich mit der "freundlichen" Unterstützung eines Mannes den Absprung von zuhause schafft. Von da an lebt sie allein, lernt, auf eigenen Füßen zu stehen, heiratet reich, lässt sich scheiden und lernt schließlich den Mann fürs Leben kennen, der sie durch sein gutes Aussehen verzaubert. Denn für Heleen ist Schönheit das Wichtigste im Leben geworden, was ihr leider zum Verhängnis wird.

Es ist erstaunlich, wie schnell die Sichtweise des Lesers auf die Protagonistin kippen wird. Anfangs empfindet man Mitleid für die junge Frau in der Nervenklinik - einem Ort, den sie selbst als die Hölle bezeichnet. Hinsichtlich der Umstände, die eine Nervenheilanstalt der damaligen Zeit mit sich brachte, ist dies nicht verwunderlich. Man kann Heleen nur mögen und mit ihr fühlen. Ihre Erzählung wirkt erstaunlich emotionslos. Gerade die Anfänge ihres Lebensweges waren von Steinen gepflastert. Dennoch finden sich keinerlei Schuldzuweisungen in ihrer Geschichte, wozu sie doch allen Grund hätte. Ihren Andeutungen entnehmen wir, dass sie Schuld auf sich geladen hat. Worin diese Schuld besteht, lässt sich zunächst nur spekulieren und löst sich erst zum Ende auf. 
"Mir war längst klar, dass ich hässlich wurde, oft strich ich mit dem Zeigefinger an meinem Hals entlang und prüfte, wie ausgeprägt die Vertiefungen schon waren, die die Haut dunkel, bräunlich erscheinen lassen - ich konnte dann gut verstehen, dass Hannes mich nicht mehr so begehrte wie früher. Ich erwartete nichts anderes, wie soll man eine Frau lieben können, die hässlich ist und dazu auch noch schlecht? Ich fürchtete und ekelte mich ja vor mir selber - alles war vorbei, das stand fest."
Je mehr Heleen von ihrer Geschichte Preis gibt, umso schwieriger wird es, die Sympathie für sie aufrechtzuerhalten. Denn sie entwickelt sich zu einem Menschen, der augenscheinlich sein Leben von äußerlicher Schönheit bestimmen ließ. Diese emotionale Oberflächlichkeit steht ihr nicht gut, erklärt aber, warum die Handlung zum Ende des Romans eine Entwicklung annimmt, die an Dramatik nicht zu überbieten ist.

Die Geschichte von Heleen ist traurig und ergreifend, ihre emotionslose Erzählweise inmitten des nächtlichen Szenarios strahlt eine tiefe Melancholie aus. Dennoch ist dieser Roman ungeheuer spannend, so dass man ihn kaum zur Seite legen möchte. Wer hätte gedacht, dass ein Selbstgespräch - denn durch die Sprachlosigkeit der Nachtschwester ist es nichts anderes - solch eine atemlose Spannung hervorrufen kann. 

Ein großartiger Roman! 

© Renie






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Freitag, 18. Juni 2021

George Orwell: Tage in Burma

George Orwell, der britische Autor, der die legendären und zeitlosen Klassiker "Farm der Tiere" und "1984" geschrieben hat, braucht sich auch für seine früheren Werke nicht zu verstecken. Ganz im Gegenteil! "Tage in Burma", sein erster Roman überhaupt, ist ein farbenprächtiger, unterhaltsamer, aber auch kritischer Roman, der sich mit dem Thema "Kolonialismus" beschäftigt.

Schauplatz ist - wie der Titel des Romans schon sagt - Burma (heute: Myanmar) in den 20er Jahren, - also einer Zeit, in der das britische Empire sein koloniales Unwesen trieb. 

In einer fiktiven Kleinstadt in Oberburma hat sich eine Handvoll britischer Kolonialisten niedergelassen und lässt es sich gutgehen. Alles, was ihnen ihr gesellschaftlicher Status oder ihre Abstammung in der Heimat Großbritannien nicht ermöglichen würde, gönnt man sich hier en masse. Ein schnuckeliges Zuhause, eine Dienerschaft, die einen von vorne bis hinten bedient und die sich prima schikanieren lässt. Man gibt sich den Anschein von Vornehmheit und Wohlstand. 

Das Herzstück des gesellschaftlichen Lebens dieses Ortes ist der europäische Club, der natürlich nur Mitgliedern vorbehalten ist, ausnahmslos Engländern. Hier treffen sich die Herrschaften jeden Tag und versuchen ein kultiviertes Leben in einem Land voller Wilder aufrechtzuerhalten. Inmitten dieser versnobten Schar lebt unser Protagonist Flory, ein 35-jähriger Junggeselle. Er scheint anders zu sein als seine Landsleute. Denn sein bester Freund ist ein Inder. 
"Dieses Land, das ihm so verhasst war, war jetzt sein Heimatland, sein Zuhause. Zehn Jahre lebte er nun hier, und jede Faser seines Körpers bestand aus burmesischem Boden. Szenen wie diese - das fahle Abendlicht, der alte Inder, der das Gras schnitt, das Knarren der Karrenräder, die Reiher am Himmel - all das war ihm vertrauter als alles, was es in England gab. In einem fremden Land hatte er tiefe Wurzeln geschlagen, vielleicht die tiefsten seines Lebens."
Flory interessiert sich für die Burmesen und ihre Kultur. Er hat ein Auge für die Schönheit der Natur. Dennoch kann Flory das koloniale Denken und das Überlegenheitsgefühl gegenüber der einheimischen Bevölkerung nicht ablegen. Einmal Engländer, immer Engländer. Er weiß, wo sein Platz ist. Leider bekleidet er diesen Platz schon viel zu lang allein. Ihm fehlt eine Frau an seiner Seite, eine Seelengefährtin, die seinen romantischen Blick auf Burma und dessen Natur teilt. Eine mögliche Kandidatin zeigt sich in Elizabeth, Nichte und Mündel eines Ehepaares, das ebenfalls zur Gemeinde der Kolonialisten gehört. Elizabeth ist frisch aus Europa angereist, um bei Onkel und Tante zu leben, die ihre einzigen Verwandten sind. Und inmitten der Romantik eines kolonialen Lebens in Burma könnte sich eine Liebesgeschichte anbahnen. 
"' ... Wenn ein Mädchen sonst keinen abgekriegt hat, versucht sie es in Indien, wo jeder Mann sich allein schon nach dem Anblick einer weißen Frau verzehrt. Der indische Heiratsmarkt, so nennen sie das. Fleischmarkt wäre treffender. ..'"
Vor Kurzem habe ich mal wieder den Roman "1984" gelesen, welchen Orwell etwa 16 Jahre nach "Tage in Burma" geschrieben hat. Es ist bemerkenswert, welche Entwicklung sein Sprachstil über die Jahre genommen hat. "1984" kommt düster und dystopisch daher. Der Sprachstil wirkt sehr nüchtern und punktgenau. Wie farbenfroh und schwelgerisch erscheint da sein erster Roman "Tage in Burma" aus dem Jahre 1934. Orwell kreiiert darin eine Atmosphäre, die den Leser in ein Hollywood-Szenario versetzt, bezogen auf die Beschreibung der Landschaft und der Natur des burmesischen Urwalds: wenn schon Dschungel, dann mit einer Flora, die an Farbenpracht und Exotik nicht zu überbieten ist, genausowenig wie die Fauna: wilde Tiere überall, aber weniger gefährlich als hübsch anzusehen - mal abgesehen von dem einen Tiger in "Tage in Burma", der eigentlich eher dazu diente, unseren Protagonisten Flory heldenhaft ins rechte Licht zu rücken.
"Es war Vollmond. Strahlend wie ein weißglühendes Medaillon, so hell, dass es in den Augen wehtat, stieg der Mond rasch höher am rauchblauen Himmel, über den ein paar gelbliche Wolkenschleier zogen. ... In der feuchtwarmen Luft verströmten die Frangipaniblüten ihr Aroma wie ein pentetrantes Parfüm aus dem Münzautomaten."
Orwell hat in den Jahren 1921 bis 1927 als Beamter der britischen Kolonialpolizei in Burma gelebt, Landschaft und Umgebung schienen bleibenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Bleibenden Eindruck im negativen Sinne hat jedoch der Kolonialismus bei ihm hinterlassen. Denn "Tage in Burma" ist Orwells Kritik an dem Auftreten der Angehörigen der Kolonialmacht in einem Land, in dem sie eigentlich nur Gast waren. Diese Kritik äußert Orwell sehr plakativ, in dem er die britischen Charaktere in diesem Buch auf herzerfrischend lachhafte Weise skizziert. Hier kommt keiner gut weg, auch nicht der Protagonist Flory selbst. Auf der Suche nach seinem persönlichen Glück wird sich unser Held als tragische Figur erweisen. Denn schließlich gilt er durch seine Sympathien für Burma als Nestbeschmutzer unter seinesgleichen, was diese ihn spüren lassen.

Mein Fazit:

Ein herzerfrischender und unterhaltsamer Roman, der die Kritik am Kolonialismus auf sehr humorvolle Weise und in einer lebhaften und bunten Sprache vermittelt. Nicht nur die Geschichte ist ein Hochgenuss, sondern auch die edle Gestaltung des Buches: ein bordeauxfarbener Leineneinband mit einer Goldprägung, die diesen Roman (und die Augen des Lesers) zum Leuchten bringt.

Leseempfehlung!


© Renie



Sonntag, 25. April 2021

Fiona Mozley: Elmet

Das kleine Königreich Elmet, das zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert inmitten Britanniens lag, war den Königreichen in seiner Nachbarschaft ein Dorn im Auge. Und frei nach Schillers „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt", wurde Elmet in schöner Regelmäßigkeit von den Nachbarkönigreichen gestürmt und erobert.
Der Debütroman "Elmet" von Fiona Mozley spielt in der heutigen Zeit, etwa zum Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts. Doch geändert hat sich in Bezug auf die Nachbarschaft seither nicht viel.

Sein persönliches Elmet hat sich John Smythe mit seinen Kindern Cathy und Daniel erschaffen, als sie sich in einem Waldstück in der Nähe von Doncaster, einer Stadt in Middle England, niederlassen. Vater John ist eine Naturgewalt. Sehr groß und bärenstark hat er sich über Jahre seinen Lebensunterhalt als Faustkämpfer bei illegalen Wettkämpfen verdient. Darüber hinaus nahm er immer wieder Aufträge an,  die darin bestanden, Gefallen und Forderungen seiner Auftraggeber mit dem nötigen körperlichen Nachdruck einzufordern. John Smythe ist also kein Mann, dem man allein im Dunkeln begegnen möchte.
Doch diese brutalen Zeiten will er hinter sich lassen. Denn man glaubt es kaum, aber John ist ein liebevoller Vater, der seinen Kindern ein Zuhause bieten möchte, in dem sie sich frei entfalten können. Die ersten Jahre ihrer Kindheit haben Cathy und Daniel bei ihrer Oma in Doncaster verbracht – der Vater war „beruflich“ viel im Land unterwegs, und die Mutter zeigte kein Interesse an ihren Kindern.
"So brutal Daddy auch sein konnte, er mochte andere Menschen. Er empfand für sie die gleiche Zuneigung wie ein Jäger für seine Beute, tief und ernsthaft, aber mit kühlem Blick. Er hatte nur wenige Freunde und sah sie fast nie, doch die Menschen, die er schätzte, hielt er in Ehren wie seltene Souvenirs. Um diese Leute kümmerte er sich."
Als die Oma stirbt, verlässt die Familie die Stadt und sucht sich ein neues Domizil in einem abgelegenen Waldstück in der Umgebung. Die Kinder sind mittlerweile im Teenageralter. Vater John baut ein Haus, wird zum Selbstversorger und versucht, das Stadtleben weitestgehend zu meiden. Cathy und Daniel wachsen anders als Jugendliche ihres Alters auf. Sie gehen nicht zur Schule, lernen, in und mit der Natur zu leben und sind sich innerhalb ihrer kleinen Familie genug.
Doch einigen Menschen aus Doncaster ist der eigenwillige Mann mit seinen ungewöhnlichen Kindern ein Dorn im Auge. Wie die kleine Familie damit umgeht, und wie sich ihr Leben entwickeln wird, erzählt der Roman „Elmet“. 

Natürlich stellt sich die Frage, wie man in unserer heutigen Zeit losgelöst von Konventionen und Gesetzen leben kann - so, wie John es mit seinen Kindern macht. Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Schauplatz begründet. Die Autorin Fiona Mozley konzentriert sich in ihrem Roman auf die hässlichen Seiten einer Industriestadt: Ihr Doncaster ist ein Ort, der von Menschen besiedelt ist, die am Rand der Gesellschaft leben. Arm, arbeitslos, kriminell, gewalttätig – die Menschen vereinen sämtliche Eigenschaften, die man bei seinen Nachbarn nicht oder höchst ungern haben möchte. Die Häuser sind heruntergekommen, die Grundstücke sind verdreckt. Entweder hat der Staat die Menschen in Doncaster vergessen oder diese haben alles dafür getan, dass sie vergessen werden. Die Menschen lösen ihre Konflikte auf ihre eigene Art. Das einzige Gesetz, das hier Anwendung findet, ist das Recht des Stärkeren. Und die Starken sind in dieser Gegend die Männer mit Geld und Macht, die sie sich mit zwielichtigen Geschäften und Gewalt erkämpft haben und erhalten wollen. 
In Doncaster ist die Welt also nicht in Ordnung und das Leben in dieser Stadt kein glückliches und zufriedenes, sondern ein entbehrungsreiches, inmitten von Armut und Hässlichkeit. 
Es ist daher nachvollziehbar, dass ein Vater wie John Smythe, der sein Leben bisher unter diesen Umständen gelebt hat, seinen Kindern eine bessere und behütetere Zukunft bieten möchte und sie von dem Einfluss von Doncaster fern halten will. 
Der Leser wird durch diesen Roman in eine dystopische Stimmung versetzt. Der Text atmet förmlich Brutalität, Armut, Schmutz und Hässlichkeit. Dem gebenüber steht der Sprachstil der Autorin, der es schafft, dieser Hässlichkeit, einen wunderschönen und poetischen Anstrich zu verpassen. 
"Aber unser Haus war stabiler als andere seiner Art. Es war aus besseren Ziegeln, besserem Mörtel, besseren Steinen und besserem Holz gebaut. Ich wusste, es würde viel länger stehen bleiben als die anderen Häuser an den in die Stadt führenden Straßen. Und es war schöner. Das grüne Moos und der Efeu aus dem Wald waren begieriger, nach seinen Wänden zu greifen, bereitwilliger, es in die Landschaft zurückzuholen. Mit jeder neuen Jahreszeit sah es älter aus, als es war, und je länger es da zu sein schien, desto länger würde es bleiben. Wie alle richtigen Häuser und jene, die sie ihr Zuhause nennen."
John und seine Kinder, von denen Daniel der Ich-Zerzähler ist, sind sehr introvertierte Menschen, die zurückgezogen leben und nur ungern etwas von sich Preis geben. Und genauso begegnet einem dieser Roman. Man muss sich diese Geschichte erarbeiten. Ich-Erzähler Daniel ist sehr zurückhaltend mit seinen Informationen, die die Geschichte seiner Familie betreffen. Erst nach und nach öffnet er sich dem Leser, so dass dieser weiß, wo die Handlung hinführen wird. Und ich kann nur jedem, der sich für dieses Buch interessiert, empfehlen, die Buchbeschreibung des Verlages nicht zu lesen, die leider einige Informationen vorab liefert. Dieses Nichtwissen, was einen in diesem Buch erwartet und das Hangeln von Information zu Information, die während der Handlung hinzukommt, erhöhen die Spannnung auf ein fast schon unerträgliches Maß. 

Fazit:
"Elmet" ist ein unglaublich eindringliches Buch, das mich durch seine ungewöhnliche Mischung aus dystopischer Hässlichkeit und poetischer Schönheit mehr als überzeugt hat. In seiner Heimat Großbritannien ist dieser Debütroman von Fiona Mozley in der Presse gefeiert worden und stand im Erscheinungsjahr 2017 auf der Short List des Man Booker Prizes. Ich kann mich dieser Begeisterung nur anschließen. 

© Renie




Sonntag, 11. April 2021

Aude: Das Wanderkind

Der Roman "Das Wanderkind" der kanadischen Autorin Aude ist der literarische Beweis für die Aussage "Weniger ist mehr". Denn dieses dünne Büchlein, mit gerade mal 130 Seiten kommt mit einer Wahnsinns-Geschichte daher, die den Leser mit einer erzählerischen Wucht umbläst. Darauf war ich definitiv nicht vorbereitet.

Die Wahnsinns-Geschichte ist schnell erzählt: Eine Familie erwartet Nachwuchs. Die Mutter, Corinne, ist mit eineiigen Zwillingen schwanger. Bereits in der Schwangerschaft zeichnen sich Komplikationen ab. Einer der Jungs in ihrem Bauch ist kräftiger entwickelt als sein Bruder und raubt ihm sämtliche Energien und Lebenskraft. Er wächst und gedeiht im Bauch der Mutter auf Kosten seines Bruders. 
Dieser Zustand wird sich auch nach der Geburt nicht ändern und ein Leben lang anhalten. Der eine Bruder, Hans, ist der starke, vor Kraft strotzende Zwilling, der andere Bruder, der Kleine, ist der schwache und zurückgebliebene Zwilling. Hans ist der dominante Zwilling, der für den Zustand seines Bruders verantwortlich ist, der Kleine ist das Opfer. Doch am Ende erweist sich diese Rollenverteilung nur als eine Frage der Sichtweise.
"Corinne hat ihn nie geliebt. Da ist sich Hans sicher. Für sie ist er schon immer der Henker seines Bruders. Ein Monster! Er weiß noch genau, wie sie, als sie noch klein waren, ihm angewidert beim Essen zugesehen hat, weil er immer Hunger hatte, während der Kleine wie ein Spatz gegessen hat."
Quelle: Alfred Kröner Verlag
Dieser Roman erzählt in zeitlich aufeinander folgenden Episoden die Geschichte dieser Familie, von der Schwangerschaft der Mutter, über die Kindheit der Zwillinge, bis hin zu deren Erwachsensein. Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Zwillinge zueinander, wobei die Sichtweise von Hans die maßgebliche ist. Das Leben der Zwillinge ist wie eine Fortsetzung der Zeit, die sie im Mutterbauch verbracht haben. Hans braucht seinen Zwilling, um in Leben zurechtzukommen. Er lässt nicht zu, dass andere - weder die ältere Schwester der Beiden noch die Eltern - an dieser Verbindung teilhaben. 
"Seit ihrer Geburt haben viele Menschen auf verschiedene Weise versucht, die Zwillingszelle zum Platzen zu bringen, als ob sie eine Bedrohung wäre. Keiner hat es geschafft."
Wie andere diese Verbindung bewerten und was sie mit ihnen macht, erfahren wir durch Wechsel in der Erzählperspektive von Hans auf die Eltern sowie die Schwester. 

Eine Sichtweise fehlt: die des Kleinen - eine Bezeichnung, die sich jeder angewöhnt hat, wenn von diesem Zwilling die Rede ist. Man sollte meinen, dass er namenlos ist (er heisst Benoit). Er ist einfach nur präsent, wird von allen geliebt, nimmt aber so gut wie keinen Anteil an der Handlung. Doch seine Anwesenheit in dieser Geschichte ist immer spürbar. Mit diesem besonderen Protagonisten hat die Autorin ein Figur erschaffen, die nicht real wirkt, aber wie ein guter Geist über die Familie und über seinen Bruder im Besonderen wacht. 
Mehr möchte ich über die Familie nicht erzählen. Die Buchbeschreibung des Verlags gibt noch weniger von dem Inhalt Preis. 
"Ein Zwillingspaar, der eine groß und kräftig, der andere klein und zerbrechlich. Einem von ihnen ist es bestimmt, den anderen am Leben zu erhalten."
Doch ohne meine Angaben zum Inhalt könnte ich nicht wiedergeben, welche Entwicklung dieser Roman beim Lesen genommen hat und welche Wirkung er am Ende auf mich hatte. 

Das Szenario des einen Zwillings, der auf Kosten des Anderen überlebt, ist unvorstellbar schmerzlich und traumatisch für alle Beteiligten. Ich bin daher von einer Geschichte ausgegangen, die sich auf die Trauer über den Verlust sowie das Leben mit der vermeintlichen Schuld konzentriert. Die Autorin schlägt jedoch einen anderen Weg ein: sie erzählt die Geschichte von zwei ungleichen Brüdern und deren emotionaler Abhängigkeit voneinander. Der Eine kann nicht ohne den Anderen und nimmt Einfluss auf dessen Entwicklung. Und am Ende wird der Eine gelernt haben, ohne den Anderen zu leben.

Diese Geschichte geht zu nahe und ist aufwühlend. Denn Schmerz und Glück sind hier so eng miteinander verwoben, dass sie sich kaum voneinander trennen lassen. Ähnlich wie die beiden Zwillinge. 

Die kanadische Autorin Claudette Charbonneau (alias Aude) gilt als eine der wichtigsten Autorinnen der frankokanadischen Literaturszene. Der Roman "Das Wanderkind" hat in ihrem Land sehr viel Beachtung gefunden. Leider verstarb sie bereits im Jahre 2012 an einer Krebserkrankung. Es gibt nur 5 Romane sowie etliche Kurzgeschichten von ihr, die - soweit mir bekannt ist - bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind (Ausnahme: Das Wanderkind). Ich hoffe doch sehr, dass dies bald nachgeholt wird. Denn "Das Wanderkind" ist große Erzählkunst, welche die Gier nach weiteren Geschichten dieser Autorin bei mir geweckt hat.

© Renie








Montag, 1. März 2021

Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont

Quelle: Pixabay/Hans
Liz Taylor hat sich neben der Schauspielerei an der Schriftstellerei versucht? Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als mir der Roman "Mrs Palfrey im Claremont" das erste Mal begegnete. Doch weit gefehlt (und Glück gehabt ;-)). Denn Elizabeth Taylor ist nicht gleich Elizabeth Taylor. Die Eine mag für ihr Aussehen und schauspielerisches Talent berühmt geworden sein, die Andere für ihre Gabe, Geschichten zu erzählen. Die Geschichtenerzählerin Elizabeth Taylor wurde 1912 geboren und verstarb 1975, ein paar Jahre, nachdem ihr Roman "Mrs Palfrey im Claremont" erstmalig veröffentlicht wurde. Dieser schaffte es sogar im Jahr seiner Veröffentlichung (1971) auf die Shortlist des Booker Prizes. Nachdem ich nun diesen Roman gelesen habe, freue ich mich, dass Mrs. Taylor sehr fleissig in ihrer Schriftstellerei war. Denn insgesamt umfasst ihr Werk 12 Romane sowie unzählige Kurzgeschichten, also noch ausreichend literarisches Futter, auf das ich mich nach dem Appetitanreger "Mrs Palfrey im Claremont" sehr freue.
Quelle: Dörlemann
"Altwerden war schwere Arbeit. Vergleichbar mit der Babyzeit, nur umgekehrt. Ein Säugling lernte jeden Tag eine Kleinigkeit dazu; einem alten Menschen kam jeden Tag eine abhanden. Namen rutschten weg, Daten sagten einem nichts, Reihenfolgen gerieten durcheinander, Gesichter verschwammen. Die frühe Kindheit und das Alter sind anstrengende Zeiten."
Das zentrale Thema dieses Romans ist das Alter(n). Die Geschichte beginnt mit dem Einzug von besagter Mrs Palfrey in das Claremont Hotel, South Kensington, London. Wir befinden uns in den 60er Jahren. Die Dame möchte hier ihren Lebensabend verbringen. Das Claremont ist ein Hotel, das in die Jahre gekommen ist, gerne von Touristen gebucht wird, oder auch von betagten Dauergästen, i. d. R alte Damen und seltener alte Herren. Diese Senioren kommen meist aus Englands traditionsbewusster Mittelschicht und erhoffen sich im Claremont einen angenehmen Lebensabend in bescheidenem Luxus. 
Doch leider ist das Leben in dieser Gemeinschaft von Neid und Missgunst geprägt. Natürlich geschieht dies nicht offensichtlich, sondern unter Einhaltung von Etikette und Anstand. Hier wird Gutes Benehmen nun mal großgeschrieben, schließlich sind wir in Great Britain. Man stelle sich folgende Szenerie vor: alte Damen mit Betonfrisuren, Cardigans und Perlenketten, die herrlich kultiviert und rücksichtsvoll  miteinander umgehen. Am liebsten würden sie sich jedoch mit Nachdruck und in aller Deutlichkeit die Meinung sagen. Doch leider steht ihnen dabei die Höflichkeit im Weg, so dass bei Tee und Sherry die Dauerfaust in der Tasche gemacht wird.
"Die Zeit verging. Das ließ sich beweisen, obwohl so wenig geschah."
Es passiert nicht viel in diesem Roman - genauso wenig wie im Alltag dieser Charaktere. Denn die Protagonisten sind in einem Alter, in dem das Leben nicht mehr viel Abwechslung zu bieten hat. Jeder Tag verläuft nach einem eintönigen Muster. Die Highlights des Tages sind die Mahlzeiten. Zwischen den Mahlzeiten wird die Zeit totgeschlagen. 
Die Gemeinschaft der Dauergäste besteht zu Beginn des Romans aus 
Mrs Palfrey: eine resolute Dame, verwitwet, die viele Jahre ihres Lebens in den britischen Kolonien verbracht hat. Sie will sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass das Leben für sie nichts mehr zu bieten hat.
Mrs. Burton: die Lustige, die sich das Leben schön trinkt
Mrs. Post: die Schüchterne und Zurückhaltende
Mrs. Arbuthnot: boshaftes Alphatier in der Gruppe der Frauen
Mr. Osmond: griesgrämiger Platzhirsch, der seinen Ärger über die Ungerechtigkeiten dieser Welt in Leserbriefen, die er an die Londoner Zeitungen schickt, zum Ausdruck bringt

Der Aufenthalt im Claremont hat aus ihnen eine Zweckgemeinschaft gemacht. Mangels Alternativen verbringen sie viel Zeit miteinander, aufgelockert durch Gelegenheitsbesuchen von Verwandten oder solchen, die vorgeben, Verwandte zu sein. Doch keiner der Protagonisten würde sich die Blöße geben zuzugeben, dass er sich einsam und traurig fühlt. Stattdessen ist jeder für sich bemüht, eine Fassade aufrechtzuerhalten, die beweisen soll, dass das Seniorenleben großartig ist.
"Während sie auf die Backpflaumen wartete, fasste Mrs Palfrey den vor ihr liegenden Tag ins Auge. Der Vormittag wäre auf recht schöne Art gefüllt; Nachmittag und Abend dagegen würden sich lange hinziehen. Ich darf mein Leben nicht fortwünschen, schalt sie sich; doch sie wusste, dass sie immer häufiger auf die Uhr schaute, je älter sie wurde, und dass es jedes Mal früher war, als sie gedacht hatte. In ihren jüngeren Jahren war es immer später gewesen."
Die Autorin Elizabeth Taylor thematisiert in diesem Roman das Alter(n). Dabei schafft sie eine Realität, die nichts beschönigt, denn das Alter(n) bringt nun mal Begleiterscheinungen mit sich, die nicht von der Hand zu weisen sind. Dieser Kampf der Protagonisten mit dem offensichtlichen Verfall und der Einsamkeit im Alter ist traurig. Doch dank der Einstellung der Charaktere, in jeder erdenklichen Situation Haltung zu wahren, sorgen die Unwägbarkeiten des Alters auch für komische Momente. Mrs. Taylor hat einen Blick für Details, die sie mit einem knochentrockenen Humor ausschlachtet. Sie nutzt jede Gelegenheit, dem Leser bei der Lektüre ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn nicht sogar den einen oder anderen lauten Lacher. 

Nach diesem Roman muss ich gestehen, dass ich mich in Elizabeth Taylor verliebt habe. Mit "Mrs Palfrey im Claremont" erzählt sie mit großer Leichtigkeit eine herzerfrischend amüsante Geschichte. Dennoch verlor ich nie die Ernsthaftigkeit des zentralen Themas aus dem Blick und erst recht nicht den Respekt vor dem Altern(n).

Leseempfehlung!

© Renie