Montag, 1. März 2021

Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont

Quelle: Pixabay/Hans
Liz Taylor hat sich neben der Schauspielerei an der Schriftstellerei versucht? Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als mir der Roman "Mrs Palfrey im Claremont" das erste Mal begegnete. Doch weit gefehlt (und Glück gehabt ;-)). Denn Elizabeth Taylor ist nicht gleich Elizabeth Taylor. Die Eine mag für ihr Aussehen und schauspielerisches Talent berühmt geworden sein, die Andere für ihre Gabe, Geschichten zu erzählen. Die Geschichtenerzählerin Elizabeth Taylor wurde 1912 geboren und verstarb 1975, ein paar Jahre, nachdem ihr Roman "Mrs Palfrey im Claremont" erstmalig veröffentlicht wurde. Dieser schaffte es sogar im Jahr seiner Veröffentlichung (1971) auf die Shortlist des Booker Prizes. Nachdem ich nun diesen Roman gelesen habe, freue ich mich, dass Mrs. Taylor sehr fleissig in ihrer Schriftstellerei war. Denn insgesamt umfasst ihr Werk 12 Romane sowie unzählige Kurzgeschichten, also noch ausreichend literarisches Futter, auf das ich mich nach dem Appetitanreger "Mrs Palfrey im Claremont" sehr freue.
Quelle: Dörlemann
"Altwerden war schwere Arbeit. Vergleichbar mit der Babyzeit, nur umgekehrt. Ein Säugling lernte jeden Tag eine Kleinigkeit dazu; einem alten Menschen kam jeden Tag eine abhanden. Namen rutschten weg, Daten sagten einem nichts, Reihenfolgen gerieten durcheinander, Gesichter verschwammen. Die frühe Kindheit und das Alter sind anstrengende Zeiten."
Das zentrale Thema dieses Romans ist das Alter(n). Die Geschichte beginnt mit dem Einzug von besagter Mrs Palfrey in das Claremont Hotel, South Kensington, London. Wir befinden uns in den 60er Jahren. Die Dame möchte hier ihren Lebensabend verbringen. Das Claremont ist ein Hotel, das in die Jahre gekommen ist, gerne von Touristen gebucht wird, oder auch von betagten Dauergästen, i. d. R alte Damen und seltener alte Herren. Diese Senioren kommen meist aus Englands traditionsbewusster Mittelschicht und erhoffen sich im Claremont einen angenehmen Lebensabend in bescheidenem Luxus. 
Doch leider ist das Leben in dieser Gemeinschaft von Neid und Missgunst geprägt. Natürlich geschieht dies nicht offensichtlich, sondern unter Einhaltung von Etikette und Anstand. Hier wird Gutes Benehmen nun mal großgeschrieben, schließlich sind wir in Great Britain. Man stelle sich folgende Szenerie vor: alte Damen mit Betonfrisuren, Cardigans und Perlenketten, die herrlich kultiviert und rücksichtsvoll  miteinander umgehen. Am liebsten würden sie sich jedoch mit Nachdruck und in aller Deutlichkeit die Meinung sagen. Doch leider steht ihnen dabei die Höflichkeit im Weg, so dass bei Tee und Sherry die Dauerfaust in der Tasche gemacht wird.
"Die Zeit verging. Das ließ sich beweisen, obwohl so wenig geschah."
Es passiert nicht viel in diesem Roman - genauso wenig wie im Alltag dieser Charaktere. Denn die Protagonisten sind in einem Alter, in dem das Leben nicht mehr viel Abwechslung zu bieten hat. Jeder Tag verläuft nach einem eintönigen Muster. Die Highlights des Tages sind die Mahlzeiten. Zwischen den Mahlzeiten wird die Zeit totgeschlagen. 
Die Gemeinschaft der Dauergäste besteht zu Beginn des Romans aus 
Mrs Palfrey: eine resolute Dame, verwitwet, die viele Jahre ihres Lebens in den britischen Kolonien verbracht hat. Sie will sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass das Leben für sie nichts mehr zu bieten hat.
Mrs. Burton: die Lustige, die sich das Leben schön trinkt
Mrs. Post: die Schüchterne und Zurückhaltende
Mrs. Arbuthnot: boshaftes Alphatier in der Gruppe der Frauen
Mr. Osmond: griesgrämiger Platzhirsch, der seinen Ärger über die Ungerechtigkeiten dieser Welt in Leserbriefen, die er an die Londoner Zeitungen schickt, zum Ausdruck bringt

Der Aufenthalt im Claremont hat aus ihnen eine Zweckgemeinschaft gemacht. Mangels Alternativen verbringen sie viel Zeit miteinander, aufgelockert durch Gelegenheitsbesuchen von Verwandten oder solchen, die vorgeben, Verwandte zu sein. Doch keiner der Protagonisten würde sich die Blöße geben zuzugeben, dass er sich einsam und traurig fühlt. Stattdessen ist jeder für sich bemüht, eine Fassade aufrechtzuerhalten, die beweisen soll, dass das Seniorenleben großartig ist.
"Während sie auf die Backpflaumen wartete, fasste Mrs Palfrey den vor ihr liegenden Tag ins Auge. Der Vormittag wäre auf recht schöne Art gefüllt; Nachmittag und Abend dagegen würden sich lange hinziehen. Ich darf mein Leben nicht fortwünschen, schalt sie sich; doch sie wusste, dass sie immer häufiger auf die Uhr schaute, je älter sie wurde, und dass es jedes Mal früher war, als sie gedacht hatte. In ihren jüngeren Jahren war es immer später gewesen."
Die Autorin Elizabeth Taylor thematisiert in diesem Roman das Alter(n). Dabei schafft sie eine Realität, die nichts beschönigt, denn das Alter(n) bringt nun mal Begleiterscheinungen mit sich, die nicht von der Hand zu weisen sind. Dieser Kampf der Protagonisten mit dem offensichtlichen Verfall und der Einsamkeit im Alter ist traurig. Doch dank der Einstellung der Charaktere, in jeder erdenklichen Situation Haltung zu wahren, sorgen die Unwägbarkeiten des Alters auch für komische Momente. Mrs. Taylor hat einen Blick für Details, die sie mit einem knochentrockenen Humor ausschlachtet. Sie nutzt jede Gelegenheit, dem Leser bei der Lektüre ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn nicht sogar den einen oder anderen lauten Lacher. 

Nach diesem Roman muss ich gestehen, dass ich mich in Elizabeth Taylor verliebt habe. Mit "Mrs Palfrey im Claremont" erzählt sie mit großer Leichtigkeit eine herzerfrischend amüsante Geschichte. Dennoch verlor ich nie die Ernsthaftigkeit des zentralen Themas aus dem Blick und erst recht nicht den Respekt vor dem Altern(n).

Leseempfehlung!

© Renie