Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mick Herron: Real Tigers

Quelle: Pixabay/Peggy_Marco
Der Autor, der sich bei der Namensgebung seiner Krimireihe um den Ermittler Jackson Lamb bisher gerne der Tierwelt bedient hat, hat wieder zugeschlagen. Mit "Real Tigers" ist dem britischen Autor Mick Herron ein neues Husarenstück geglückt.
Angefangen hat alles mit Pferden, danach kamen Wildkatzen - zunächst Löwen und nun Tiger -, und mittendrin befindet sich  immer ein Lamm. Besagtes Lamm ist der Protagonist dieser Krimiserie und hat nichts, aber auch gar nichts mit dieser niedlichen Spezies zu tun. Denn Jackson Lamb ist streng genommen ein Held zum Abgewöhnen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen: als Leser wird man von diesem Charakter magisch angezogen - ähnlich wie von einem ekligen Insekt, das man angewidert, aber fasziniert aus der Nähe betrachten möchte. 
"Lamb starrte ihn gefühlt eine volle Minute lang an, und da Lamb Lamb war, hätte es durchaus eine volle Minute sein können, bevor er anfing zu lachen. Und da er nun mal Lamb war, erfasste das Lachen seinen ganzen Körper: Er bebte von Kopf bis Fuß, und sein Gewieher erfüllte den Raum. Mit zurückgeneigtem Kopf sah er aus wie ein bösartiger Clown. An der Stelle, wo ein Hemdknopf abgeplatzt war, lugte ein behaarter Streifen Bauch hervor."
Quelle: Diogenes
Jackson Lamb geht gar nicht, weder als Chef - es sei denn, Menschenverachtung und Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeitern werden als Führungsqualitäten angesehen - und menschlich erst recht nicht. Der Mann besitzt weder innere noch äußere Werte. Doch dafür ist er als Agent unschlagbar und mit allen Wassern gewaschen. Mit dieser fürchterlichen Mischung aus Ekelpaket und brillantem Ermittler haben seine Mitarbeiter tagtäglich zu kämpfen, insbesondere da die Brillanz eines Jackson Lamb so gut wie nie hinter seiner großmäuligen und schmierigen Fassade zum Vorschein kommt. Es muss schon viel passieren, dass dieser in Geheimagenten-Aktion tritt. In dem vorliegenden Fall "Real Tigers" ist dies die Entführung einer Mitarbeiterin. Lamb und seine Truppe mit dem vielsagenden Namen "Slow Horses" (Lahme Gäule) macht also mobil. 

Warum "Slow Horses"? In Anlehnung an die Londoner Büro-Adresse dieser Einheit (Slough House), hat sich diese Abwandlung aufgrund der Besonderheit dieser Truppe etabliert. Die Einheit von Lamb ist das Auffangbecken für Ermittler, die sich in ihrer bisherigen Karriere nicht mit Ruhm sondern eher mit Mist bekleckert haben. Für ihre Fehler werden sie ausrangiert, kommen zu Lamb und werden mit anspruchslosen Aufgaben betreut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Langeweile freiwillig den Dienst quittieren - was bisher aber noch keiner gemacht hat. Die Leidensfähigkeit eines britischen Beamten scheint enorm zu sein.
Der Entführung der Kollegin scheint die lahmen Gäule jedoch auf Trab zu bringen, insbesondere wenn Jackson Lamb die Peitsche schwingt.
Hinter der Entführung steckt ein niederträchtiges Komplott übler Charaktere aus Politik und britischem Geheimdienst. Diesmal wird es bei Mick Herron also politisch.
"'..., das klingt nach politischem Kram. Und das ist genau der Kram, in den man sich tunlichst nicht einmischen sollte.'"
Es ist schon eine Weile her, dass ich "Dead Lions", den Vorgänger von "Real Tigers", gelesen habe. Doch sobald ich die erste Seite von "Real Tigers" aufgeschlug, hat es sich angefühlt, als ob ich nach Hause gekommen wäre. Nach wenigen Sätzen war ich wieder gefangen in der Welt der lahmen Gäule. Was diese Krimi-Serie auszeichnet, ist zunächst einmal das schräge Setting sowie der Unsympath Jackson Lamb, der zusammen mit einem Team aus tragischen Gestalten, den Geheimdienst aufmischt. Der Aufbau dieses Teils ähnelt denen, der anderen Romane dieser Krimireihe. Mick Herron greift also auf eine bewährte Vorgehensweise zurück. Doch tatsächlich kann ich davon nicht genug bekommen, solange die Spannung stimmt. Und die stimmt in "Real Tigers" definitiv. Relativ kurze Kapitel, die gerne mit einem Cliffhanger enden sowie Tempowechsel in der Erzählung sorgen dafür, dass dem Leser nicht langweilig wird. Mick Herron zieht im Zusammenspiel mit der Handlung gerne mal das Tempo an. Wenn es also zur Sache geht - denn auch ein lahmer Gaul kann zum Schlachtross werden -, fährt Mick Herron das Erzähltempo bis zur Atemlosigkeit hoch. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. 
"Es geht nicht nur darum, dass man ab und an über ein Minenfeld tanzen muss, mein Junge, hatte irgendein alter Sack zu ihm im Parlament gesagt. Die Kunst ist, dass du's mit einem Lächeln auf der Visage tust."
Hinzu kommt der knochentrockene Humor in diesem Roman. Trotz aller Aversionen, die Jackson Lamb hervorruft, ist durch sein sehr spezielles Auftreten und seinen eigentümlichen Verhaltensweisen für Spaß gesorgt. Der unberechenbare Lamb sorgt für schräge und lustige Überraschungsmomente. Und dank verblüffender Lebensweisheiten, die zwar ironisch gemeint sind, lernt der Leser noch für's Leben. 

Mein Fazit:
Spannend, lustig und schräg. Mit Mick Herron und seinen Slow Horses wird es nie langweilig. Eine Krimi-Serie der besonderen Art!

© Renie





Sonntag, 13. Dezember 2020

Florian L. Arnold: Die Zeit so still

Quelle: Pixabay/harutmovsisyan
Eine Stimmung wie bei Edgar Allan Poe, Lebensumstände wie bei George Orwells "1984", dazu eine Seuche, die an was wohl? erinnert. Mit anderen Worten: schaurig-schön und düster, bedrückend und realistisch ... das ist die Novelle "Die Zeit so still" von Florian L. Arnold.

Die Geschichte, welche der Autor erzählt, könnte in Kürze Wirklichkeit werden. Darum geht es:
Eines Nachts begegnen sich zwei Fremde in einer Straßenbahn. Der Eine ist der Fahrer der Bahn, der Andere ein Fahrgast - überhaupt der erste seit sehr langer Zeit. Denn in der Stadt, in der wir uns befinden, ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen. Es herrschen Ausgangssperren. Die Menschen in dieser Stadt dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen, denn eine tödliche Seuche wütet seit geraumer Zeit in dieser Gegend. Die Oberen dieser Stadt sahen sich gezwungen, einen Lockdown über die Stadt zu verhängen, der jenen, den wir selbst momentan in Corona-Zeiten erleben, als einen Wellness-Aufenthalt zuhause erscheinen lässt. In dieser Stadt werden die Menschen überwacht. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird streng bestraft. 
Quelle: Mirabilis
"Anfangs war ja nicht alles von Grund auf anders geworden.
Das hätte ihm damals mal jemand sagen sollen:
daß das alles von Grund auf anders sein wird und daß es weichen wird, dieses anfängliche Amüsement in ihm über den so aufgeregten Tonfall allerorten und den Zorn der Befürworter harter Maßnahmen und den Zorn derer, die diese Maßnahmen ablehnten ..."
Wir wissen nicht, seit wann die Menschen in der Isolation leben müssen. Vermutlich sind es bereits Jahre. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Einer, der sich über die Ausgangssperre hinwegsetzt, ist der einsame Fahrgast der Straßenbahn. Das Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten ist zunächst von Misstrauen geprägt. Zu groß ist die Furcht vor Denunziantentum. Doch im Verlauf der Nacht, in der die beiden Männer diese Stadt durchqueren, entwickelt sich das Misstrauen zu Nähe. Die Beiden beichten sich in dieser Nacht ihre persönlichen Geschichten.

Das Szenario, das wir hier erleben dürfen, erscheint surreal. Zwei Männer, die in einer beleuchteten Straßenbahn durch die stockdunkle Nacht fahren. In der Straßenbahn, auf engstem Raum, findet die Handlung in Form eines Gespräches statt. Außerhalb dieses erleuchteten Kokons herrscht Düsternis, die Stadt ist wie ausgestorben, als ob es hier kein menschliches Leben mehr gäbe. Das ist so schaurig, dass allein bei der Vorstellung dieses Szenarios der Adrenalinspiegel steigt. Und immer wieder ertappt man sich dabei, Parallelen zu unserer heutigen Zeit zu suchen.

Aber diese Novelle würde auch ohne den Bezug auf die realen Corona-Gegebenheiten funktionieren. Nicht umsonst habe ich zu Beginn meiner Besprechung den Vergleich zu Edgar Allan Poe herangezogen. Denn Stimmung und Szenerie haben große Ähnlichkeiten mit den Kurzgeschichten des Großmeisters der Schauerliteratur. Der Autor Florian L. Arnold erzeugt mit einer unglaublichen Sprachgewalt eine Stimmung, die einerseits beklemmend ist, aber dennoch durch die Bilder, die in der Phantasie entstehen, fasziniert.

Wenn man die erste Seite des Textes aufschlägt, wird man an ein sehr reduziertes Gedicht erinnert:
Im weiteren Verlauf finden sich kurze Textabschnitte, die sich jedoch mit der Zeit verdichten und kompakter werden. Diese Gestaltung ist geschickt gewählt, lassen sich doch hier Parallelen zu der Handlung sehen: aus der anfänglichen Isolation, die von Leere, Langeweile und Untätigkeit bestimmt ist - also einer erzwungenen reduzierten Lebensweise - wählt einer der Protagonisten (der spätere Fahrgast) einen Weg, der deutlich mehr zu bieten hat. Die Ereignisse, an denen er während seines Weges beteiligt ist, sind keineswegs besonders. Doch sie sind immer noch mehr als das Nichts, das er allein in seiner Wohnung hatte. Unser Protagonist kehrt also ins Leben zurück. Und gleichzeitig werden auch die einzelnen Textabschnitte dieser Novelle großzügiger. Dieses stilistische Mittel habe ich als ungewöhnlich empfunden. Und dafür hat es mich umso mehr begeistert.

Es gibt noch eine weitere Besonderheit in der Gestaltung des Textes: Die Novelle hat unzählige Randbemerkungen. Dies sind Textbruchstücke unterschiedlicher Quellen und können z. B. allgemeine Parolen der Behörden dieser Stadt sein, die im Zusammenhang mit der Seuche stehen, aber auch Funkmitschnitte, welche die Aktivitäten des Überwachungen dokumentieren oder einfach nur Gedanken, die unseren Protagonisten für einen kurzen Moment durch den Kopf schießen. Das ist einerseits originell und hat andererseits den Effekt, dass man sich intensiver mit der Geschichte auseinandersetzt, da man die einzelnen Randbemerkungen mit dem jeweiligen Handlungsstatus in Einklang bringen möchte.

Diese Ausgabe von "Die Zeit so still" ist von dem Autor Florian L. Arnold gestaltet worden. Sowohl die Illustration des Umschlags als auch die vorhandenen Schwarz-Weiß-Grafiken in diesem Buch stammen von ihm. Die Grafiken unterstreichen dabei perfekt die beklemmende Stimmung in diesem Buch genauso wie das Überwachungsszenario. Jede Grafik hat ein kreisrundes Format, das mich doch sehr an den überwachenden Blick durch ein Teleobjektiv erinnert hat

Fazit:
Die Novelle "Die Zeit so still" erzählt eine schaurig-schöne Geschichte, die dystopisch und unglaublich realistisch ist. Bemerkenswert ist dabei die Sprachgewalt des Autors genauso wie die ungewöhnliche Gestaltung dieses Buches. Es fällt mir schwer, mit meiner Rezension diesem Buch nur ansatzweise gerecht zu werden. Wer diese Geschichte nicht liest, dem entgeht etwas.

© Renie


Sonntag, 29. November 2020

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Mit "Maschinen wie ich" hat sich Ian McEwan eines Themas angenommen, das momentan in der Literatur eine starke Präsenz hat - und nicht nur dort: Künstliche Intelligenz.
Doch der Schriftsteller begegnet dem Thema in einer Art, die wenig mit Science Fiction, Dystopien oder Roboter-Romantik zu tun hat. Denn bei McEwan wird gemenschelt, wovon sich auch Maschinen mit ihren künstlichen Intelligenzen nicht ausnehmen lassen. 

Man stelle sich folgendes Scenario vor: Der Paketdienst liefert ein lang ersehntes Paket an Charlie, einem Londoner Mit-Dreißiger und Protagonist dieses Romans. Inhalt des Paketes ist ein jungfräulicher und nackiger Roboter in Menschengestalt, quasi ein Wunderwerk der Forschung und Technik: Adam , einer der "ersten wirklich funktionsfähigen künstlichen Menschen mit überzeugender Intelligenz und glaubhaftem Äußeren". Charlies Adam ist nicht nur nagelneu, er sieht auch noch gut aus. Adams Schöpfer haben sich viel Mühe bei der Konstruktion des Androiden gegeben, zumindest was das Äußerliche angeht. Denn die inneren Werte müssen vom neuen Besitzer noch konfiguriert werden, genauso wie die Charaktereigenschaften, des innovativen Produktes. Jeder Adam also nach der Façon des neuen Besitzers. 
Quelle: Diogenes
"Künstliche Menschen würden uns anfangs ähnlicher werden, dann genau wie wir und schließlich mehr als wir sein, deshalb können sie uns niemals anöden. Sie würden uns zwangsläufig stets aufs Neue überraschen, auch auf unerfreuliche Weisen, die wir uns nicht einmal vorstellen konnten. Tragödien waren möglich, Langeweile nicht."
So legt sich Charlie also ins Zeug, um aus Adam einen Vorzeige-Roboter zu machen. Dabei erhält er Unterstützung von seiner Nachbarin Miranda, die nebenbei noch eine gute Freundin ist, wenn nicht noch mehr. Und man wundert sich nicht, dass die Ansichten über die Eigenschaften einer fleischgewordenen Maschine bei Mann und Frau unterschiedlich aussehen. Maschine Adam wird das dritte Rad am Wagen dieser Zweierkonstellation aus Charlie und Miranda. So menschlich sich Adam auch präsentiert, darf man nicht außer Acht lassen, dass er nicht nur als anregende und innovative Gesellschaft angeschafft worden ist, sondern auch diverse andere Pflichten innerhalb der Gemeinschaft von Charlie und Miranda übernimmt. Inwieweit sich Adams Einsatz auszahlen wird, bleibt bis zum Ende des Romans spannend. 

Der Roman spielt in London, im Jahre 1982. Dabei nimmt Ian McEwan es mit der Chronologie der Zeitgeschichte nicht so genau. Neben der Falkland-Krise zwischen England und Argentinien tauchen in der Handlung auf einmal Handy und Internet auf, die man eigentlich erst mindestens 10 Jahre später auf dem Schirm hatte. Genauso lässt er mal eben Alan Turing, ein Pionier der frühen Computerentwicklung und Informatik, der sich zu Lebzeiten eingehend mit künstlicher Intelligenz beschäftigt hat, am Geschehen teilnehmen. Nur dass Turing bereits 28 Jahre zuvor gestorben ist. Fällt dieser Kunstgriff nun unter schriftstellerische Freiheit? Egal. Lassen wir McEwan den Spaß. Für mich war diese freizügige Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehr originell. McEwan definiert den Begriff der Science Fiction für sich neu. Warum nicht?!! 

Bei McEwan finde ich es immer wieder phänomenal, mit welcher Leichtigkeit er Stimmungen kreieren kann. Auch in "Maschinen wie ich" werden sämtliche Stimmungen angesprochen, die man sich vorstellen kann. Zu Beginn schwingt beim Lesen ein leichter Grusel und mulmiges Gefühl mit. Die Szene, in der Adams Akku das erste Mal geladen wird, um ihn in Betrieb nehmen zu können, würde einem Horrorfilm alle Ehre machen. Da sitzt ein äußerlich Mensch gewordener Roboter regungslos in Charlies Küche. Charlie belauert jeder Veränderung dieses Objektes. Das hat etwas von Auferstehung von den Toten (The Walking Dead lässt grüßen). 
Später wird Adam immer menschlicher. Er ist vom Hersteller so programmiert, dass er permanent lernt, insbesondere aus seinen Interaktionen und den Informationen, die er aus seinem Umfeld mitnimmt. Dieses Lernen bezieht sich nicht nur auf das Verarbeiten von Fakten, sondern gleichzeitig entwickeln sich Adams Gefühlsleben und Moral weiter. Ja, es ist kaum zu glauben, aber bei McEwan hat auch ein Roboter Gefühle. 
Es kommt zu slapstickhaften Szenarien. Insbesondere Charlie fällt es schwer, die Grenze zwischen Maschine und Mensch zu ziehen. Da kommt auch schon mal Eifersucht ins Spiel, wenn Charlie plötzlich mit Maschine Adam als Mann konkurrieren muss. 
Die Weiterentwicklung von Adam zum Individuum mit eigenen Moralvorstellungen ist nicht aufzuhalten. Dies birgt Konfliktpotenzial zwischen Charlie, Miranda und Adam. Denn scheinbar ist Maschine Adam der bessere Mensch in dieser Gemeinschaft. Gerade zum Ende zieht die Spannung an. Denn dem Konflikt zwischen einem Roboter mit einem Gewissen und seinen Besitzern, die eine weitaus großzügigere Auslegung von Moral haben als er, ist nicht mehr mit guten Worten beizukommen.
"In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben."
Die Charaktere
Charlie ist ein Mittdreißiger, der bisher mit seinem Leben nichts Gescheites anzufangen wusste. Er legt eine naive Gleichgültigkeit an den Tag, wenn es um sein Leben und seine Zukunft geht. Sein Leben wirkt ziellos. Er lebt vor sich hin, will Spaß haben (wozu die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leistet), kommt irgendwie klar. Verantwortung ist nichts für ihn. Er träumt den Traum der Selbstverwirklichung. Nur, wer er ist, und was es zu verwirklichen gilt, ist ihm dabei nicht klar.
In dem Moment, wo sich Miranda und er näher kommen, fängt Charlie an umzudenken. Was die Liebe nicht alles ausmachen kann!
Als eingefleischter Nerd legt er sich Adam als neues technisches Spielzeug zu (eine Erbschaft bewirkt, dass er über die notwenigen finanzielle Mittel verfügt). Doch Charlie hat Schwierigkeiten, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu ziehen. Je "menschlicher" Adam wird, umso schwieriger ist es für Charlie, ihn als das zu betrachten, was er ist: eine Maschine.
Und auch ich hatte Schwierigkeiten, Adam auf Dauer als Maschine zu betrachten. Zugegeben, gerade am Anfang, als Adam noch völlig unbefleckt auf das Leben losgelassen wird und seiner Umgebung mit einer herzerfrischenden Naivität begegnet, fällt dies noch leicht. Doch je mehr Adam lernt, ein Mensch zu sein, verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Aufgrund seiner unumstößlichen Moralvorstellungen mutiert Adam zu einem immer besseren Menschen. Und als Leser lernt man, dass auch Maschinen Gefühle haben. 

Mein Fazit:
Das Thema "Künstliche Intelligenz" ist irgendwie und überall präsent. Aber dennoch habe ich mich bisher mit diesem Thema nur oberflächlich auseinandergesetzt. Daher bin ich begeistert, dass ich hier viele Denkansätze gefunden habe, die bei mir zwar unterschwellig vorhanden waren, aber erst durch diesen Roman herausgekitzelt wurden. Ian McEwan ist wieder zur Höchstform aufgelaufen, in dem er ein Thema, das in unserer Gesellschaft immer mehr Raum einnimmt, auf eine unnachahmlich spritzige und charmante Weise präsentiert hat. Es ist ihm dabei gelungen, niemals die Ernsthaftigkeit in der Betrachtung dieses Themas außer Acht zu lassen. Ian McEwan hat es einfach drauf und bleibt damit auf der Liste meiner Lieblingsschriftsteller ganz weit oben. 

© Renie

Sonntag, 22. November 2020

Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Die amerikanische Autorin Margaret Goldsmith (1895 - 1971) erzählt in ihrem feministischen Roman "Patience geht vorüber" die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und zeichnet gleichzeitig ein Bild der deutschen sowie der englischen Gesellschaft in der Zeit von 1918 bis 1930.

Zu Beginn der Handlung hat die Protagonistin Patience gerade ihr Abitur bestanden. Sie ist die Tochter einer britischen Adeligen und eines deutschen Arztes. Die Familie lebt in Berlin. Patience ist zweisprachig aufgewachsen - ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse. 

Nach einem kurzen Intermezzo in einer deutschen Behörde, wird Patience journalistisch tätig. Ihre Zweisprachigkeit ist ihrem beruflichen Werdegang dabei sehr förderlich. Während sie sich im Beruf sehr zielstrebig durchs Leben bewegt, scheint Patience im privaten Bereich ein wenig orientierungslos zu sein. Ihre erste große Liebe ist ihre beste Freundin, mit der sie erste sexuelle Erfahrungen sammelt, was jedoch nicht bedeutet, dass sie eine körperliche Abneigung gegenüber Männern verspürt. Ganz im Gegenteil. Diese Zweigleisigkeit überfordert Patience allerdings.
Quelle: AvivA
"Alles ging wie ein Kreisel im Kopf herum. Innerlich: deutsche Grübelei; äußerlich: gelassene angelsächsische Haltung, die ihre Verstörtheit nicht im geringsten verriet. Aber die große Spaltung zwischen dem Inneren und dem Äußeren wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Etwas mußte geschehen."
Irgendwann bricht sie ihre Zelte in Berlin ab und geht nach London. Eine Anstellung bei einer Zeitung macht dies möglich. Mittlerweile ist sie zu einer selbstbewussten jungen Frau geworden, die ihren eigenen Stil gefunden hat. Sie strahlt eine gewisse Exzentrik aus, da sie das Leben nun lebt, wie sie es für richtig hält, ungeachtet dessen, was die Gesellschaft als schicklich ansieht. Dennoch bleibt sie immer diskret, bei dem, was sie tut. Doch diese Exzentrik erweist sich als Fassade. Denn im tiefsten Inneren ist Patience rastlos und auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben Erfüllung bringt. Und dieses etwas wird sie zum Ende des Romans finden.

Patience geht nicht nur vorüber, sie sitzt auch zwischen den Stühlen: kulturell und gefühlsmäßig. Als Tochter eines Deutschen und einer Engländerin hat sie von kleinauf beide Kulturen und ihre Eigenarten mitbekommen. Egal, wo ihr Lebensmittelpunkt gerade war, Patience hat sich stets der anderen Kultur verbunden gefühlt, was sie immer zum Außenseiter gemacht hat.
Diese Zerrissenheit zeigt sich auch in ihrem Liebesleben. Denn Patience liebt zunächst Frauen, wird sich aber später zum anderen Geschlecht orientieren.
"Und alles, was mit Freiheit zusammenhing, alles was auch nur im geringsten nach Freiheit schmeckte, war ihr ein Fetisch geworden. 'Technik ist alles', keine dauernden Bindungen, keine Verantwortung in menschlichen Beziehungen, so viel vom Leben nehmen, wie möglich, und so wenig wie möglich geben."
Patience ist - gemessen am damaligen Zeitgeist - eine ungewöhnliche Frau: Sie ist selbstbewusst, steht ihre Frau bei der Arbeit in einer Männerdomäne und ist dabei von keinem Mann abhängig. Ganz im Gegenteil. Im Zusammensein mit Männern behält sie immer die Oberhand und ist mit ihrer exzentrischen Art sehr provokant. Mit der Zeit weiß sie, was sie will und geht zielstrebig ihren Weg, um dies zu erreichen. 

In einem sehr informativen Nachwort dieses Romans erfahren wir, dass es auffällige Parallelen zwischen dem Leben von Patience und ihrer Schöpferin Margaret Goldsmith gab. Die amerikanische Schriftstellerin, die 1895 in Amerika auf die Welt kam, wuchs in Berlin auf. Genau wie Patiences Lebensweg war auch ihrer für die damalige Zeit ungewöhnlich. Ihre berufliche Karriere verlief sehr zielstrebig. So wurde ihr Anfang der 30er Jahre eine Führungsposition im diplomatischen Dienst zugesprochen, was sie zu eine der ersten Amerikanerinnen machte, die Karriere in dieser Männerdomäne erlangte.
Margart Goldsmith lebte genau wie Patience in mehreren Kulturen. Sie ist in der Welt herumgekommen, nicht zuletzt aufgrund ihres beruflichen Werdegangs. Diese Erfahrungen fließen in ihrem Roman auf sehr humorvolle Art ein. Die Autorin schildert die Eigenarten der unterschiedlichen Kulturen aus der Sicht von Patience, die mal als Deutsche in England lebt und mal als Engländerin in Deutschland. Margaret Goldsmiths Schreibstil ist dabei sehr lebhaft und quirlig, was dieses Buch sehr modern erscheinen lässt. Kaum zu glauben, dass dieser Roman erstmalig 1931 veröffentlicht wurde.

Leider war für mich das Ende dieses Romans schwer nachvollziehbar. Die selbstbewusste Patience, die sich bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend über gesellschaftliches Rollendenken hinweggesetzt hat, findet ihre Erfüllung am Ende in einer Rolle, die jeglicher feministischer Denkweise widerspricht. Gemessen an der heutigen Zeit ist dieses Ende für mich nicht stimmig. Doch hinsichtlich der damaligen Zeit lässt sich nur mutmaßen, dass die Autorin trotz aller Modernität und feministischer Einstellung eine Frau ihrer Zeit geblieben ist und das vorherrschende Rollendenken im tiefsten Inneren nicht ablegen konnte.

Mein Fazit:
Patience hat mal eben im Vorübergehen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Denn mit "Patience geht vorüber" habe ich einen Roman über die Entwicklung einer Frau gelesen, die nach anfänglichen Startschwierigkeiten in ihr Erwachsenenleben, den für sie richtigen Lebensentwurf gefunden hat. Hätte Patiences Geschichte in unserer heutigen Zeit gespielt, könnte man dieses Buch als einen von vielen Entwicklungsromanen abtun. Doch in Anbetracht der Zeit, in der der Roman spielt, erhält Patiences Geschichte eine völlig andere Bedeutung und macht diesen Roman zu einem lesenswerten und ungewöhnlichen Stück Frauenliteratur.

© Renie










Montag, 16. November 2020

Hans Rath: Im nächsten Leben wird alles besser

Quelle: Pixabay
Hans Rath war mir bisher eher als Drehbuchautor von lustigen Filmkomödien ein Begriff. Als ich seinen aktuellen Roman "Im nächsten Leben wird alles besser" im Briefkasten hatte, war ich zunächst nicht sicher, ob ich mit diesem Buch warm werden würde. Da ich immer mit großen Vorbehalten an Romane herangehe, die einen betont lustigen Titel tragen und den Anschein von Geistreichtum und Esprit vermitteln wollen, hatte "Im nächsten Leben wird alles besser" schlechte Voraussetzungen, um vor meinem kritischen Auge bestehen zu können. (Warum denke ich bei diesem Buchtitel nur immer an "Beim nächsten Mann wird alles anders"?)
Da ich jedoch auch gerne mal was riskiere - literarisch zumindest -, habe ich mich mutig in diesen Roman gestürzt.

Der Plot ist schon mal vielversprechend:
Arnold, ein Miesepeter aus dem Jahr 2020, der seinem Umfeld mit seinem ewigen Pessismismus auf die Nerven geht, gerät quasi im Schlaf in das Jahr 2045. Der nun 78-Jährige kann sich nur leider nicht daran erinnern, was in den letzten 25 Jahren in seinem Leben und der Welt passiert ist. Zumindest ist ihm die Welt im Jahre 2045 völlig fremd geworden: künstliche Intelligenzen in Menschengestalt, permanente Kontrolle der Menschen durch Datenübertragungen jeglicher Form inklusive Überwachung ihrer Vitalfunktionen. 
"'... Die Reichen und Mächtigen lassen es sich eine Menge Geld kosten, uns Normalsterbliche loszuwerden. Als Arbeitskräfte werden wir nicht mehr gebraucht, weil die Bots alles erledigen. Und als Konsumenten sind nur Menschen interessant, die über entsprechende Mittel verfügen. Mehr als die Hälfte der Menschheit ist überflüssig. Wir fallen einfach durchs Raster. Wir sind zu arm, zu krank oder zu dumm, um der Welt noch länger von Nutzen zu sein, also findet unsere weitere Geschichte in einem Computernetzwerk statt.'" 
Die Welt ist komplett digitalisiert. Die Einen empfinden dies als Fluch, die Anderen als Segen. Und wem die Realität nicht gut genug ist, hat die Möglichkeit, sich eine Realität nach seinen eigenen Wunschvorstellungen zu schaffen. Wünsche werden zur Wirklichkeit - egal, wie verrückt, ungesund oder unbezahlbar sie erscheinen. 

So versucht also unser gealteter Skeptiker Arnold in seiner neuen Gegenwart zurechtzukommen und stellt vieles an, um sein Gedächtnis wiederzuerlangen.
Natürlich ist die zentrale Frage dieses Romans, wie unser Held in diese Situation gekommen ist, und was es mit seiner Amnesie auf sich hat. 

Arnold durchläuft in diesem Roman eine Entwicklung. War er im Jahre 2020 ein Protagonist zum Abgewöhnen - wer gibt sich schon gerne mit Miesepetern ab? -, wird er im Jahre 2045 zu einem angenehmen Zeitgenossen, der in die Jahre gekommen ist, und der die Welt, in der er jetzt lebt, hinterfragt. Tatsächlich entwickelt er sich zu einem Rebellen, der sich am Ende weigert, sich dem System anzupassen. 
"'Weißt du, so eine Amnesie ist wie eine Wundertüte. Man weiß nie, ob man gute oder schlechte Erinnerungen bekommt, wenn man jemanden trifft, der ein gemeinsames Kapitel aufschlägt. Es ist wie das ungute Gefühl nach einer Party, bei der man zuviel getrunken hat, weshalb man sich am nächsten Morgen nicht mehr an jedes Detail erinnern kann. Man freut sich, wenn man hört, dass es ein netter Abend war. Aber leider ist es auch nicht zu ändern, falls man sich danebenbenommen hat.'"
Eine in die Zukunft gerichtete Zeitspanne von 25 Jahren ist nicht besonders lang. War das jetzt Science Fiction, die ich gelesen habe? Ich befürchte nicht. Denn viele digitalen Errungenschaften, die sich der Autor für das Jahr 2045 ausgedacht hat, haben ihre Anfänge bereits in der heutigen Zeit. Ich habe doch sehr viele Ähnlichkeiten zu unserem jetzigen Alltag gesehen. Hans Rath mag es an manchen Stelle mit seiner Vision, was unsere Zukunft betrifft, auf die Spitze getrieben haben. Doch weit kann diese Spitze nicht entfernt sein. Mir scheint, wir stehen kurz davor. 

Plot und Gestaltung des Charakters haben mir also gut gefallen. Natürlich ist der Autor seiner humorvollen Schiene treugeblieben. Es ist schon sehr amüsant, wie der Protagonist durch sein neues Leben stolpert. Dieses Buch ist für mich daher ein humorvoller Unterhaltungsroman, der ein Zukunftsszenario kreiiert, das man nicht erleben möchte.

Leider ist der Handlungsablauf in weiten Teilen vorhersehbar. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, die begründen könnten, warum unser Protagonist auf Zukunftsreise gegangen ist. Die Auflösung dieses Rätsels lag mir zu sehr auf der Hand. Das ist schade. Denn ich möchte von einem Autor überrascht werden. Wenn ich im Vorfeld ahne, wie eine Handlung ablaufen wird, läuft eine Geschichte Gefahr, dass ich das Interesse an ihr verliere. 

Mein Fazit:
Plot und Charaktere sind gut gemacht. Die Ideen des Autors, wie unsere Welt in 25 Jahren aussehen könnte sind durchaus vorstellbar. Leider hat mir die Vorhersehbarkeit, was die Auflösung des Geheimnisses über die Geschichte des Protagonisten betrifft, meiner Freude an diesem Roman einen Dämpfer verpasst. 

© Renie

Mittwoch, 11. November 2020

Sien Volders: Norden

Quelle: Pixabay/ArtTower
Die flämische Autorin Sien Holders stellt in ihrem Roman "Norden" einen ganz besonderen Ort vor: die Goldgräberstadt Forty Mile, welche hoch im Norden von Kanada an der Grenze zu Alaska liegt. Zu ihrer Blütezeit, Ende des 19. Jahrhunderts, zählte dieser Ort etwa 700 Einwohner. Heute ist Forty Mile nur noch eine Geisterstadt, die imTerritorium Yukon liegt und unter der Verwaltung der Territoriumsregierung sowie der Tr'ondëk Hwëch'in, den Ureinwohnern dieser Gegend, steht.
An diesen legendären Ort führt uns also die Handlung von "Norden" und deutet auf Abenteuerroman und Goldgräberstimmung hin. Doch weit gefehlt, es geht auch anders.

Zum Inhalt:
Die, in Vancouver lebende, junge Silberschmiedin Sarah erhält ein lukratives Angebot von einem bekannten Schmuckproduzenten, das sie in ihrer Karriere voran bringen könnte. Zunächst zögert sie und sieht sich noch nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Sie muss sich zunächst darüber im Klaren werden, was ihr im Leben wichtig ist. Dadurch entschließt sie sich zu einer Denkpause an einem abgelegenen Ort, um sich darauf zu besinnen, was sie tatsächlich möchte. Denn Sarah versteht ihre Schmuckarbeiten als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und tut sich schwer damit, diese einem kommerziellem Diktat zu unterwerfen. Dieser abgelegene Ort ist für sie Forty Mile. 
Quelle: Residenz Verlag

"Jeden Herbst, jeden Winter, jedes Frühjahr spürten sie bis in die Knochen, wie der Norden rief und lockte. Die Täler und die Tundra, die Flüsse und die Stille. Die Leere, die niederschmetternd sein konnte. Der Hunger nach Einsamkeit und nach einem Leben in der Wildnis, der die meisten in diesem letzten Städtchen im Norden der bewohnten Welt stranden ließ. Forty Mile. Wo jeder rumhing, jeder fieberte. Wo man einander am Rand der Einöde fand. Wo Kameradschaft durch die knallharten Winter brachte und es immer und überall genügend Alkohol gab, um die eigene Ohnmacht wegzusaufen."
In Forty Mile ticken die Uhren anders. Menschen, die hier leben sind Individualisten und Aussteiger. Viele von ihnen sind hierher gekommen, um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Menschen leben ein einfaches Leben, das den Regeln der Natur unterworfen ist. Sarah genießt das unverfälschte Dasein in der Goldgräberstadt. Freundschaften entwickeln sich, sie verliebt sich. Am Ende wird sie sich für die Arbeit mit der Schmuckfirma entscheiden. Doch Forty Mile und seine Menschen werden von da an immer ihre neue Heimat bleiben, in die sie immer wieder zurückkehren wird.
Es geht in diesem Roman hauptsächlich um die Protagonistin Sarah. Doch auch die Bewohner von Forty Mile haben einen großen Anteil an der Handlung. Die Autorin Sien Volders geht sehr liebevoll auf die persönlichen Geschichten dieser Menschen ein. Eine von ihnen ist Mary, die hier den einzigen Laden führt und Dreh- und Angelpunkt für den Austausch von Nachrichten der Bewohner Forty Miles ist - sowohl der Zugezogenen, der Alteingesessenen als auch der Weggezogenen. Denn Mary kennt alle und alle kennen Mary. Mary ist vor etlichen Jahren mit ähnlichen Beweggründen wie Sarah hergekommen. Doch sie entschied sich damals gegen den kommerziellen Erfolg, verliebte sich aber genauso wie Sarah in einen Bewohner Forty Mile's.
Zu Sarahs neuen Freunden in Forty Mile gehören auch die beiden Musiker Jacob und Adam. Die beiden Aussteiger sind beste Freunde, die regelmäßig in der einzigen Bar vor Ort Musik machen. Für Jacob ist die Musik ein Hobby, für Adam ist sie - ähnlich wie für Sarah ihr Silberschmuck - ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Wenn Adam auf seiner Geige spielt, verliert er sich in der Musik. Er strebt nach Perfektion, will dabei neue Wege gehen und sucht Inspiration in der Musik der Ureinwohner, die nach wie vor in dieser Gegend zu finden sind.
"Er erzählte ihr, da wäre sehr wohl noch Leben, den ganzen weiten Weg bis zum nördlichen Polarmeer, in den wenigen Dörfern und Niederlassungen der Ersten Völker. Dort würden die letzten Musiker leben, die  noch jene Musik spielten, für die er in den Norden gekommen war. Athabaskische Musik. Die Geigenlieder, die die ersten Trapper vor über hundert Jahren aus ihren irischen und schottischen Häusern und Herbergen mitgebracht hatten. Die Ureinwohner hätten diese aufgeschnappt, und diese wären mit der Musik von hier verschmolzen." 
Für Sarah bedeutet ihre Kunst eine Facette ihrer Persönlichkeit. Adams Persönlichkeit hingegen wird von seiner Musik komplett vereinnahmt. Der hochsensible Mann scheint an dem Streben nach Perfektion zu zerbrechen. Adam ist schwer depressiv und Alkoholiker. Zumindest die Liebe zu Sarah gibt ihm positive Impulse, um sein Leben lebenswert zu finden - wenn sie denn in seiner Nähe ist. 

Die Handlung verläuft über einen Zeitraum von ein paar Jahren (1982 bis 1988), umfasst auch gleichzeitig Erinnerungen aus der Zeit davor, als Mary, die Ladenbesitzerin, ihre Anfänge in Forty Mile genommen hat. Hätte die Autorin sich ausschließlich auf ihre Protagonistin Sarah konzentriert, hätte ich diesen Roman vermutlich nicht gelesen. Die Handlung hätte sich auf eine moderne junge Frau bezogen, die damit beschäftigt ist, sich selbst und den Mann fürs Leben zu finden. Dieser Plot hätte mich zu sehr an die "moderne Herz-Schmerz-Frauenbelletristik" erinnert, gegen die ich eine Abneigung habe. Doch dieser Roman ist viel viel mehr.

Indem die Autorin die Bewohner auf Forty Mile mit ihren unterschiedlichen Geschichten in die Handlung um Sarah einflicht, schafft sie ein vielfältiges Gesamtpaket, das mich von seiner literarischen Qualität überzeugt hat. Hinzu kommt dieser unglaubliche Schauplatz am Rande der Zivilisation Kanadas, an dem die Menschen, die dort leben der Natur ausgeliefert sind. Ihr Leben richtet sich nach dem Wechsel der Jahreszeiten. Dieser naturbedingte Rhytmus ist in der heutigen Zeit kaum vorstellbar und daher umso faszinierender.
"Heute setzte die Fähre zum letzten Mal über. Schon seit Tagen treiben Eisschollen vorbei, und die Eisschicht am Rand wuchs immer weiter. Wochenlang würde der Strom noch in Bewegung bleiben, ein kontinuierlich sich veränderndes Schauspiel gefrierender Eisschollen mit einer gefährlichen Unterströmung. Bis er schließlich knirschend und schabend in den Winterschlaf fiel und immer tiefer gefror, zu einer unveränderlichen Eislandschaft wurde."
Faszinierend war für mich auch der kraftvolle und gleichzeitig poetische Sprachstil von Sien Volders, der die unterschiedlichsten Stimmungen vermittelt hat. Diese Stimmungen standen oft im Kontrast zueinander. So folgten auf Szenen voller Lärm, Musik und Ausgelassenheit, Situationen inmitten der Natur, voller ohrenbetäubender Stille.

Bleibt am Ende noch die Frage, wie es Sien Volders gelungen ist, einen Kanada-Roman zu schreiben, der dermaßen authentisch wirkt, dass man ungläubig auf die Herkunft der Autorin blickt (Belgien). In einem Interview las ich, dass Sien Volders vor Jahren selbst dort war und tiefgreifende Erfahrungen in diesem Land gemacht hat. Diese Eindrücke wollte sie in einem Roman festhalten. Das hat sie hervorragend hinbekommen. Denn man merkt diesem Buch die Begeisterung der Autorin für dieses wundervolle Land an. Und von dieser Begeisterung habe ich mich sehr gern anstecken lassen.

Leseempfehlung!

© Renie

Samstag, 7. November 2020

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

Quelle: Pixabay/capri23auto
Eine Geschichte, deren Handlung hauptsächlich auf dem Friedhof stattfindet, ist entweder todtraurig, gruselig spannend oder übersinnlich. Die Eigenschaften "lustig" und "komisch" verbindet man eher selten damit. Doch Kerstin Hensel hat mich mit ihrer Novelle "Regenbeins Farben" eines Besseren belehrt. 

Schauplatz ist ein Friedhof, der in der Einflugschneise eines Flughafens liegt. Von morgens bis abends donnern Flugzeuge mit einem Höllenlärm über diesen Friedhof hinweg. Die Toten stört es nicht, und die Trauernden haben sich daran gewöhnt. So auch unsere 4 Protagonisten:
Karline Regenbein - bisher unentdeckte Malerin, schüchtern und unscheinbar, Witwe eines Fotografen, der sich in der Ehe als eifersüchtiger Kontrollfreak erwies.
Lore Müller-Kilian - verwitwete Industriellengattin, die sich schon immer ihre langweilige Existenz durch die schönen und luxuriösen Dinge des Lebens, versüßt hat. Lore besitzt eine Kunstsammlung.
Ziva Schlott - 80-jährige Kunstprofessorin und kettenrauchende Zynikerin. Sie war mit einem Kollegen verheiratet, der jedoch keine maßgebliche Rolle in ihrem Leben gespielt hat.
Eduard Wettengel - junggebliebener Galerist, den die Trauer über den Verlust eines Ehepartners von allen Protagonisten am meisten zu treffen scheint.
Quelle: Luchterhand
Jeden Tag kommen diese vier Personen zum Friedhof, um nach den Gräbern ihrer Liebsten zu sehen und zu trauern - jeder auf seine Weise.
"'Heul nicht', befiehlt Ziva. 'Trauer muss man treten. Das ist nur gerecht! Am Anfang hätschelst du sie wie einen Welpen, das ist bereits der erste Fehler. Sie macht mit dir, was sie will, weil du denkst, sie liebt dich. Aber sie will nur fressen, wachsen und den, der sie füttert, beherrschen. Wenn du sie nach ein paar Monaten nicht gelehrt hast, dir zu gehorchen, wird sie dich irgendwann reißen.'"
Im Verlauf der Friedhofsgeschichte zeichnet sich ab, dass sich die Vier nicht erst hier kennengelernt haben. Durch ihre Verbindung zur Kunst kennen sich die Protagonisten bereits seit vielen Jahren.

Die Buchbeschreibung zu dieser Novelle verleitet dazu, eine Komödie über 3 lustige Witwen zu erwarten, die auf der Suche nach einem Mann sind. Keine Frage, selbstverständlich buhlen die Damen um Eduards Gunst - sonst wäre es ja nicht lustig. Doch tatsächlich bildet dieser Aspekt nur einen Bruchteil dessen, was einen in dieser Geschichte erwartet.

Ich habe diese Novelle auch als Entwicklungsgeschichte gesehen, die verdeutlicht, dass Trauer als Chance betrachtet werden kann. Insbesondere die Namensgeberin der Novelle, Karline Regenbein, deren Ego während ihrer Ehe unter der kranken Dominanz ihres Gatten leiden musste, lernt langsam, aber stetig, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen und sich auf ihre eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Dieses neue Ich findet Ausdruck in ihren Bildern, die wiederum ihren Weg in die Öffentlichkeit finden - natürlich mit Unterstützung der anderen beiden Witwen sowie dem Galeristen. 
Darüberhinaus ist "Regenbeins Farben" ein Satire, in der die Scheinwelt der Kunstszene genussvoll abgewatscht wird. Die Autorin läuft dabei zur Höchstform auf. 
"Auf dem Hausvorplatz versammeln sich Leute, einander in ihrer Kunstsinnigkeit übertrumpfend. Damen tragen, mit akrobatischem Ehrgeiz, hohe Schuhe aus Lackleder. Auch Herren sind der Kothurnmode erlegen und üben auf Plateausohlen Standfestigkeit. Anzüge, Kleider, Hüte werden in einer Show exquisiter Labels vorgeführt. Man setzt auf Naturstoffe und Einzeldesign. Die Frisuren der Galeriebesucher zeigen ebenfalls Ergebnisse kreativer Farb- und Formgestaltung."
Durch den eigenwilligen Sprachstil der Autorin, die eine Meisterin der Ironie ist, wird der Leser durch die Handlung gewirbelt. Denn Kerstin Hensel hat Spaß an anspruchsvollen Wortspielereien, von denen ich in diesem Buch nicht genug kriegen konnte.

Fazit:
Ein gelungenes literarisches Paket aus Komödie, Entwicklungsgeschichte und Satire, das durch die anspruchsvollen Wortspielereien von Kerstin Hensel zu einem großen Lesevergnügen wird. 

Leseempfehlung!

© Renie


Dienstag, 3. November 2020

Charles Lewinsky: Der Halbbart

Mittlerweile kann ich mich blind darauf verlassen, dass mir ein Roman gefallen wird, sobald das Prädikat "Lewinsky" auf dem Buchcover zu finden ist. "Lewinsky" steht für mich für literarische Überraschungen. Denn selten bin ich darauf vorbereitet, was mich in einem Buch des Autors Charles Lewinsky erwarten wird. Ob er nun die Geschichte eines berühmten Schauspielers erzählt oder eines kriminellen Stotterers oder einer Familie über mehrere Generationen, ob er eine Biografie, einen Krimi oder ein Kinderbuch schreibt, ich bin jedes Mal aufs Neue verblüfft, was der Autor aus einem Thema macht - so auch dieses Mal bei seinem aktuellen Roman "Der Halbbart".
"Der Halbbart" ist ein Roman, der auf einem historischen Ereignis basiert: der Marchenstreit zwischen dem Schweizer Kloster Einsiedeln und dem Ort Schwyz im 13./14. Jahrhundert. Hierbei ging es um Besitzrechte an den Ländereien in dieser Gegend. 

Charles Lewinsky hat sich also diesmal ein unpopuläres historisches Thema vorgenommen, denn welcher Nicht-Schweizer kennt sich schon mit der Schweizer Geschichte zur Zeit des späten Mittelalters aus. Der Freiheitskämpfer Wilhelm Tell, der zur selben Zeit gelebt hat, mag vielen noch ein Begriff sein. Aber "Marchenstreit"? (s. Wikipedia)
Daher war ich doch sehr gespannt, wie der Autor an dieses Thema herangeht, und vor allem, was er daraus macht.
Quelle: Diogenes

Der erzählende Protagonist dieses Romans ist Eusebius, Sebi genannt, ein 13-jähriger Zeitzeuge, der mit seiner Familie in Schwyz gelebt hat.

"'Die Menschheit ist wie ein Körper', hat er mir erklärt, 'Die Geistlichkeit ist der Kopf, der alles lenkt, die Ritter sind die Arme, die es zum Kämpfen braucht, und die Bauern sind die stinkigen Füße und müssen die anderen tragen.'"

Dieser Sebi ist ein herzerfrischender Charakter. Er hat eine blühende Fantasie, ist ein cleveres Kerlchen und ein aufmerksamer Beobachter. Doch in einem Dorf, dessen Leben von Ackerbau bestimmt und eher Muskelkraft als Klugheit benötigt wird, sind Sebis Fähigkeiten kaum gefragt. Daher wird er leider selten für voll genommen. Einer der wenigen, die ihn ernst nehmen, ist der geheimnisvolle Halbbart. 

Eines Tages taucht dieser Halbbart in Sebis Dorf auf und lässt sich hier nieder. Keiner weiß, woher er gekommen ist, keiner weiß, was ihm Schreckliches widerfahren ist. Denn dass ihm etwas Schlimmes zugestoßen ist, ist deutlich sichtbar. Das Gesicht des Halbart ist durch große Brandnarben verunstaltet. Die Dörfler sind zunächst misstrauisch gegenüber dem unheimlichen Fremden. Einzig der Sebi freundet sich mit dem Halbbart an. Nach und nach erfährt er dessen Geschichte. Auch die Dorfbewohner gewöhnen sich langsam an den Fremden, und er wird zu einem festen Bestandteil der Dorfgemeinschaft, was nicht zuletzt an seinem Wissen über Kräuterkunde und Heilmethoden liegt. 
"Es ist etwas Eigenes mit dem Halbbart: Die Menschen werden entweder ganz schnell seine Freunde, oder sie mögen ihn überhaupt nicht."
Der Titel dieses Romans verleitet natürlich dazu, die Geschichte des Halbbart in den Mittelpunkt zu rücken. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich entwickelt sich dieser Charakter zu einem Nebendarsteller, der anfangs größeren Einfluss auf die Handlung hat als zum Ende hin. Der Halbbart ist der väterliche Freund des Protagonisten Sebi und prägt dessen Entwicklung.
Unser Sebi reift in diesem Roman. Vom anfänglichen Lausbuben, der träumerisch durchs Leben geht, entwickelt er sich in kurzer Zeit zu einem jungen Menschen, der weiß, was er will und der vernünftiger erscheint als manch einer, der mehr Lebenserfahrung besitzt als er. Wodurch sich Sebi jedoch immer auszeichnet, ist sein Mitgefühl und sein gesunder Menschenverstand. Diese beiden Eigenschaften unterscheiden ihn deutlich von den Meisten der Charaktere in diesem Buch. Man sollte meinen, dass der Sebi zu gut für die Welt ist - zumindest für die Welt des Jahres 1313, indem die Handlung dieses Romans stattfindet.

Sebi muss lernen, dass scheinbar jeder Mensch eine dunkle Seele in sich birgt, die sich selten unterdrücken lässt. Diese Erkenntnis trägt dazu bei, dass Sebi seine Naivität und Gutgläubigkeit im Umgang mit den Menschen um ihn herum langsam  verliert.
"'... Man meint bei vielen Sachen, sie könnten nicht anders sein, als sie sind, so wie die Sonne aufgeht und wieder unter oder der Mond voll wird und wieder leer. Aber was zwischen den Menschen passiert, das hat nicht der Himmel gemacht, sondern wir selber, und manchmal könnte man glauben, es sei der Teufel gewesen. ...'"
In diesem Roman spielen Kirche und Religion eine große Rolle. Der Einfluss der Kirche auf das damalige Leben war unermesslich, wobei die Kirche weniger als geistlicher Beistand anzusehen war, denn als Großgrundbesitzer. Denn der Kirche gehörten große Teile der Ländereien, die von der Bevölkerung bewirtschaftet wurde, inklusive der Wälder. Und wie es sich für Großgrundbesitzer gehört, lebten die Klerikalen in besseren Verhältnissen als der Rest der Bevölkerung, was natürlich zu Unzufriedenheit führte. Losgelöst von der Vorherrschaft der Kirchen waren die Menschen streng religiös. Glaube und Aberglaube bestimmte deren Alltag. Jede Lebenslage hatte ihren Heiligen, an dessen Wundertaten voller Ehrfurcht geglaubt wurde.

Genauso wie der Halbbart wird auch der Marchenstreit in den Hintergrund dieser Geschichte treten. Dieser Konflikt gibt zwar immer noch den Rahmen für die Handlung vor. Dennoch werden die Menschen dieser Gegend, mit all ihren Tugenden und Lastern, im Mittelpunkt stehen. Der Sebi wird uns viele bunte Geschichten über seine Zeitgenossen erzählen, die diesen Roman zu einem großen Vergnügen machen.
"Geschichten ausdenken ist wie lügen, aber auf eine schöne Art."
Der Sprachstil in diesem Roman ist auf die damalige Zeit, seinem jugendlichen Ich-Erzähler aus einfachen Verhältnissen sowie dem Schauplatz angepasst. Wir befinden uns im dunklen Mittelalter. Demenstprechend düster erscheint die Stimmung in dieser Geschichte, wird aber immer wieder von der herzerfrischend jugendlichen Erzählweise des Sebi aufgelockert. 

In der Sprache dieses Romans finden sich viele Begriffe aus dem Schweizerdeutschen. Diese sind wie selbstverständlich in die Geschichte  integriert. Anfangs mag das befremdlich erscheinen, doch schnell wird man feststellen, dass sich das Verständnis dieser Ausdrücke aus dem Zusammenhang ergibt. (Und wer es genau wissen will, kann in einem Glossar auf der Diogenes Seite nachschlagen). Sebi ist ein Junge aus einfachen Verhältnissen, der weder lesen noch schreiben kann. Er spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, inklusive freizügiger Grammatik und simpler Wortwahl. Doch gerade diese simple Ausdrucksweise in Kombination mit dem Schweizerdeutsch erhöht die Glaubwürdigkeit des Sprachstils. Man nimmt dem Autor das Mittelalter ab. 

Mein Fazit:
Auf das Prädikat "Lewinsky" kann man sich blind verlassen. Denn Erzählkünstler Charles Lewinsky ist mit "Der Halbbart" zur Höchstform aufgelaufen und hat aus einem unpopulären historischen Thema ein schillerndes literarisches Kunstwerk gemacht. 
Ich bin restlos begeistert von diesem Roman!

Leseempfehlung!

© Renie

Dienstag, 27. Oktober 2020

Sue Monk Kidd: Das Buch Ana


Jesus Christus war verheiratet? Eine verrückte Idee, aber dennoch nicht abwegig. Denn Kleriker, Historiker und Wissenschaftler können schließlich auch irren. Außerdem haben Frauen in Religion und Geschichte schon immer eine untergeordnete Rolle gespielt. Daher würde mich nicht wundern, wenn eine mögliche Ehefrau von Jesus, bestenfalls nur "ferner liefen" in der Bibel erwähnt würde. Und wenn bekanntlich hinter jedem starken Mann eine starke Frau steht, könnte dies auch für Jesus gegolten haben.
Diese Überlegungen bilden die Grundlage für den Roman "Das Buch Ana" der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd, in welchem das Leben der Jüdin Ana beschrieben wird - der fiktiven Ehefrau von Jesus Christus.

Das Buch beginnt im Jahr 16 n. Chr.. Ich-Erzählerin Ana ist 14 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer wohlhabenden Familie in Sepphoris in Galiläa. Der Vater ist oberster Schriftgelehrter und Berater des Herrschers Herodes Antipas. Im Unterschied zu den meisten Mädchen dieser Zeit hat Ana lesen und schreiben gelernt. Das Schreiben bietet ihr die Möglichkeit, Gedanken festzuhalten, die eine Frau nicht haben dürfte. Sie schreibt Geschichten über Dinge, die sie beschäftigen, und über die sie ansonsten mit keinem reden könnte. Denn es gibt nur sehr wenige Themen, mit denen sich eine Frau befassen sollte. Und diese Themen beschränken sich auf Ehe, Haushalt und Fortpflanzung. Das ist Ana zu wenig. Natürlich hält sie ihre Geschichten unter Verschluss. Ihr Vater hat ihr zwar die Möglichkeit geboten, Lesen und Schreiben zu lernen. Doch je näher sie dem heiratsfähigen Alter kommt, umso weniger werden diese Fähigkeiten von ihren Eltern geduldet.
"Eine halbe Millionen Schriftrollen und Kodizes waren in diesen heiligen Hallen untergebracht, und bis auf einige wenige waren sie alle von Männern verfasst. Was wir von der Welt wussten, das hatten Männer geschrieben."
Ana begegnet einem einfachen Mann aus dem Volk, der durch sein Charisma bleibenden Eindruck bei ihr hinterlässt. Es ist Jesus, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rolle spielt, die er einmal spielen wird. Anas Eltern haben Pläne für die Zukunft ihrer Tochter, die jedoch nicht dem entsprechen, was Ana möchte. Das Schicksal und Anas eigenwillige Persönlichkeit tragen dazu bei, dass Jesus und Ana heiraten. Von da an lebt Ana im Familienclan ihres Mannes. Anfangs hat die Tochter aus vornehmen Haus Schwierigkeiten, sich in ihr neues bescheidenes Leben einzufinden. Doch der willensstarken Frau gelingt es, ein fester Bestandteil dieser Familie zu werden. Ana, die von Kindheit an, die untergeordnete Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft instinktiv in Frage gestellt hat, hat in Jesus einen Ehemann gefunden, dem dieses Rollendenken völlig fremd ist und der Ana als gleichberechtigt behandelt. Die Beiden sind Seelenverwandte.
Jesus' Lebensweg wird irgendwann diejenige Richtung nehmen, die uns aus dem Neuen Testament bekannt ist. Doch Ana wird ihn dabei nur aus der Ferne unterstützen können. Denn ihr Selbstbewusstsein und ihre starke Persönlichkeit haben dazu beigetragen, dass sie sich Feinde gemacht hat. Sie ist gezwungen, das Land zu verlassen. Erst Jahre später werden die Beiden sich wiedersehen - allerdings unter entsetzlichen Umständen.
"So war das, seit wir verheiratet waren - diese Hingabe an Gott, diese Labsal -, und ich hatte mich nie daran gestört, doch als ich ihm heute nachblickte, wie er im Dämmerlicht davonging, begriff ich, was ich bislang übersehen hatte. Gott war der Boden unter seinen Füßen, er war der Himmel über ihm, er war die Luft, die er atmete, und das Wasser, das er trank. Und genau das versetzte mich in Unruhe."
Die Faszination an diesem Buch macht zweifelsohne die, für ihre Zeit ungewöhnliche Protagonistin Ana aus. Sie verkörpert in diesem Roman ein Frauenbild, das es zu dieser Zeit eigentlich gar nicht hätte geben dürfen: eine Feministin in einer von Männern dominierten Welt. Dabei hatte sie in dieser Rolle denkbar schlechte Voraussetzungen. Denn Frauenrechte gab es nicht. Frauen wurden als Besitz betrachtet, der ausschließlich dem Wohle des Mannes sowie der Fortpflanzung diente. Insofern ist eine Protagonistin wie Ana, die von klein auf bemüht ist, ihren eigenen Weg zu gehen und auf Augenhöhe und gleichberechtigt mit ihrem Mann zu leben, etwas sehr besonderes und Grund genug, sich für diesen Roman zu interessieren.

Sue Monk Ki erzählt die Geschichte von Ana vor dem Hintergrund des Neuen Testaments. Dabei verknüpft sie die Handlung um Ana mit den bekannten Überlieferungen um das Leben von Jesus Christus.  Die Geschehnisse sind daher bekannt, Protagonisten aus der Bibel finden auch in "Das Buch Ana" einen Platz. So ist z. B. Judas in diesem Roman der Bruder von Ana. 

"Das Buch Ana" ist ein spannender Frauenroman. Bis auf wenige Ausnahmen kommen Männer in dieser Geschichte nicht gut weg. Leider fällt mir die Einschätzung schwer, ob die Autorin einen trivialen oder einen anspruchsvollen Roman geschrieben hat. Von der Thematik her, ist dieser Roman sicherlich anspruchsvoll. Doch gab es Momente, in denen mich die Protagonistin eher an eine Heldin aus einer trivialen Romanreihe erinnert hat. Dazu hat mit Sicherheit der Sprachstil der Autorin beigetragen, der sehr lebhaft ist, aber auch blumig. Und an manchen Stellen einfach zu blumig.
"Wahrlich, ich sage euch, es gibt Zeiten, da sind Worte so glücklich, am Leben zu sein, dass sie auf ihren Tafeln und Schriftrollen lachen und tanzen und springen. So war das auch mit den Worten, die ich schrieb. Sie feierten, bis der Morgen graute."

Mein Fazit:
Dieser Roman konnte mich nicht völlig überzeugen. Die Grundidee, Jesus Christus eine selbstbewusste Ehefrau an seine Seite zu stellen, ist hervorragend. Die Geschichte dieser Frau ist packend erzählt. Die Überlieferungen aus dem Neuen Testament aus Sicht einer Frau zu schildern, war hochinteressant. Doch leider gab es einige triviale Momente in diesem Buch, die meine Freude an diesem Roman gemindert haben.

© Renie




Samstag, 17. Oktober 2020

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

Quelle: Pixabay
Ich war nicht immer verrückt nach Büchern. Meine Leidenschaft für die Literatur hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. In meiner Schulzeit, als Brandt, Schmidt und Kohl noch Bundeskanzler waren ;-), war sie noch nicht vorhanden. Der Deutschunterricht war nicht meins. Was ich noch viel weniger mochte, waren allerdings die Naturwissenschaften, allen voran Physik. An meinem Desinteresse für diese Disziplin hat sich mit den Jahren nicht viel geändert. Daher wunderte es mich nicht, dass ich mit dem Namen Hermann Oberth nichts anfangen konnte, als dieser (der Name ;-)) mir vor Kurzem das erste Mal begegnete.

Hermann Oberth war ein Pionier auf dem Gebiet der Raketenforschung. Seine Visionen waren wegweisend für diese Wissenschaft, viele seiner Forschungen bildeten die Grundlage dessen, was heute durch den Weltraum schwirrt. Warum ich das auf einmal weiß? Ich habe ein Buch gelesen:
"Die Erfindung des Countdown" von Daniel Mellem. Der Autor, selbst promovierter Physiker, hat in seinem biografischen Roman die Geschichte dieses ungewöhnlichen Mannes erzählt.

Hermann Oberth ist 1894 in Siebenbürgen geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Siebenbürgen ist vielen vermutlich eher unter dem Namen Transsilvanien bekannt und liegt mitten im heutigen Rumänien. Hermann kam aus einer der vielen deutschstämmigen Familien, die damals in Siebenbürgen lebten. Der Roman, der in mehreren Episoden den größten Teil des Lebens dieses Physikers erzählt, setzt in der Kindheit von Hermann ein. Hier zeichnet sich bereits ab, dass der Junge anders als andere Kinder ist. Hermann ist überaus neugierig, er will den Dingen auf den Grund gehen. Der Klassiker "Reise zum Mond" von Jules Vernes ist dasjenige Buch, welches die ersten Anregungen für Hermanns Traum, mit einer Rakete das Weltall zu erforschen, liefert. Hermanns Vater konnte leider mit den Träumereien seines Sohnes nicht viel anfangen. Als Arzt und Leiter eines Krankenhauses hatte er andere Pläne mit seinem Erstgeborenen. Wie viele Söhne dieser Zeit, wurde von Hermann erwartet, beruflich in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Nach Ansicht des Vaters standen Hermann seine Träumereien dabei nur im Weg. Allen väterlichen Widerständen zum Trotz schaffte Hermann es dennoch, seinen eigenen Weg zu gehen. 
"Ein Glücksgefühl durchströmte ihn. Es gab kein Oben mehr und kein Unten, so fühlte sich die Schwerelosigkeit an, so war es, durch den Weltraum zu gleiten!"
Wir begleiten den Physiker in unregelmäßigen Zeitsprüngen durch sein Leben. Er übersteht den 1. Weltkrieg, heiratet seine Frau Tilla, bekommt mit ihr vier Kinder. Er versucht, als Wissenschaftler Anerkennung zu erlangen, was gerade am Anfang nicht leicht war, da seine Vision von einer Rakete als Unfug abgetan wurde. Die Physik steckte damals noch in den Kinderschuhen und wurde zunächst der Esotherik zugeordnet, wofür etliche Scharlatane gesorgt haben, die sich durch abstruse Theorien einen fragwürdigen Ruf erworben haben. Von einer erstzunehmenden Wissenschaft war die Physik zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt. Hermanns verrückte Raketenvisionen passten zunächst ganz gut in diese Szenerie. 

Erst mit dem 2. Weltkrieg fanden seine Ideen größere Beachtung. Insbesondere die Überlegung, mit einer Rakete nicht nur ins All fliegen zu können, sondern diese auch als Super-Waffe einsetzen zu können, besaß für die Kriegsparteien einen großen Charme. Nazi-Deutschland finanzierte ein groß angelegtes Forschungsprogramm, an dem auch Hermann Oberth mitarbeitete. Für dieses Projekt trug Wernher von Braun, ein weiterer Pionier der Raketenforschung, welcher bei Hermann Oberth gelernt hatte, die Verantwortung. Nach dem Krieg ging Hermann Oberth zusammen mit Wernher von Braun nach Amerika, um hier die Forschungen fortzusetzen. Der Roman endet mit dem Start der amerikanischen Rakete Apollo 11, der ersten bemannten Raumfahrtmission mit einer Mondlandung.
"Früher hatte er einen Kampf führen und die Welt überzeugen müssen, dass es überhaupt möglich war, zum Mond zu kommen. Doch nun glaubten die Menschen das längst, und sie würden dorthin fliegen, früher oder später."
Welches Bild vermittelte mit der Autor Daniel Mellem von dem Physiker Hermann Oberth?

Es gibt nur sehr wenige belastbare Quellen, die Hermann Oberth und sein Leben beschreiben. Diese Quellen hat Daniel Mellem als Grundlage für seine Romanfigur genutzt und diese durch seine eigenen Überlegungen zum Charakter Hermann Oberth ergänzt. 

Eingestiegen bin ich in dieses Buch, indem ich voller Ehrfurcht Hermann Oberth als Pionier und Genie der Physik betrachtet habe. Beendet habe ich diesen Roman mit einem Hermann, der einzigartige Visionen hatte, aber nicht in der Lage war, diese umzusetzen, weil ihm seine Persönlichkeit im Weg stand. Der Mann war ein Theoretiker durch und durch, der sich an seiner Forschungsarbeit verbissen hat und dabei das Leben um sich herum vergessen hat. Mit profanen Dingen wie Alltag und Lebensführung wollte er sich nicht beschäftigen, konnte es vermutlich auch nicht. Ein Wunder, dass die Ehe zwischen seiner Frau Tilla und ihm zustande gekommen ist, von den 4 gemeinsamen Kindern ganz zu schweigen.

Hermann Oberths Visionen und Forschungen waren ihm wichtiger als alles andere, so dass sogar seine Familie zur Nebensache wurde. 
Leider war er nicht in der Lage, sich mit anderen Menschen auseinander zu setzen. In seine Forschungen ließ er sich nicht gern reinreden, mit Kritik konnte er nicht umgehen. Das Ergebnis waren Überheblichkeit und Selbstüberschätzung, die dazu geführt haben, dass er über seine einzigartigen Visionen nicht hinausgekommen ist. Es blieb also bei der Theorie. Wenn andere Forscherkollegen, allen voran Wernher von Braun, nicht gewesen wären und hätten Oberths Visionen zur Realität werden lassen, hätte dieser sicher nicht seinen Ruhm erlangt. 
"'Jahrelang hat mir niemand geglaubt und jetzt ist die Rakete endlich in der Welt und man treibt nur Schindluder damit!'"
Nun sollte man meinen, dass soviel negative Publicity, die ich hier Hermann Oberth zuteil werden lasse, ein Beleg dafür ist, dass mir dieser Roman nicht gefallen hat.

Ganz im Gegenteil! Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen. Daniel Mellem hat es mir mit seiner lockeren und humorvollen Erzählweise dabei einfach gemacht. Es gibt Momente in diesem Buch, in denen der Autor seinen Protagonisten sehr tollpatschig erscheinen lässt. Dadurch betont er die menschliche Seite dieses Mannes und nimmt somit die Ehrfurcht vor dem Genie. Merke: "Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit." (Aristoteles)

Die Geschichte von Hermann Oberth, die sich nicht von der Geschichte der Raketenwissenschaft trennen lässt, war hochinteressant und sehr informativ. Allerdings ist Hermann Oberth in diesem Roman ausschließlich als literarische Figur zu betrachten. Der Autor Daniel Mellem hat sich an die Fakten gehalten, hat sich aber auch einen Gestaltungsspielraum gelassen, was für die Darstellung eines literarischen Charakters völlig in Ordnung ist. Daher sollte man diesen Roman nicht mit der Absicht lesen, eine lückenlose Biographie über Hermann Oberth zu erhalten. Wer jedoch an einer unterhaltsamen, aber anspruchsvollen Geschichte über einen eigenwilligen, aber genialen Physiker interessiert ist, gepaart mit Informationen über die Entwicklung der Raketenforschung, wird hier voll auf seine Kosten kommen. 

Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 10. Oktober 2020

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman

Quelle: Markus Winkler auf Unsplash
Das kann doch nicht wahr sein: Die Geschichte, die Christoph Poschenrieder in seinem Buch "Der unsichtbare Roman" erzählt, klingt so verrückt, dass sie ein Hirngespinst sein muss. Ist sie aber nicht. Denn der Autor macht in seinem aktuellen Roman das, was er immer macht und bis zur Perfektion beherrscht: er greift ein historisches Ereignis auf, nimmt es zum Thema für ein Buch und macht daraus einen Roman, der anspruchsvolle Unterhaltung und Tatsachen miteinander vereint. Dabei hält er sich streng an die historischen Vorgaben, die sich aus seiner Recherchearbeit für sein Buch ergeben haben.
Bei Poschenrieder muss es kein Großereignis sein. Auch die kleinen Dinge, die am Rand des Weltgeschehens stattfinden, können unglaublich spektakulär sein, wie "Der unsichtbare Roman" beweist.
Quelle: Diogenes
Diesmal wird ein Schuldiger für den 1. Weltkrieg gesucht und gefunden. Nichts einfacher als das. Ein Bevollmächtigter der deutschen Regierung sucht den Kontakt zu dem Bestseller-Autoren Gustav Meyrink (geboren 1868, gestorben 1932). Er beauftragt ihn damit, einen Roman zu schreiben, der die Schuldigen für den Ausbruch des 1. Weltkriegs benennt: die Freimaurer. Einer muss schließlich schuld sein. Und die Freimaurerei, deren Mitglieder einflussreiche Positionen in Politik, Wirtschaft und sonst wo bekleiden, bietet sich da an. Schließlich waren Freimaurer immer und irgendwie in Ereignisse involviert, die die Welt bewegten. Warum nicht auch dieses Mal?
"'Warum nicht die Freimaurer? Keiner traut ihnen, aber jeder traut ihnen alles zu. Es gibt sie überall. Sie tun geheimnisvoll. Jeder hat von ihnen gehört, keiner weiß etwas Genaues. Außer was die Leute sagen. Und die erzählen viel. Wenn man das ganze Brimborium wegpustet, bleibt nicht viel mehr als ein Karnevalsverein übrig."'
Auch wenn Meyrink sofort begreift, dass diese Anschuldigung jeglicher Grundlage entbehrt und seine literarische Kunst für Propagandazwecke der Regierung missbraucht werden soll, nimmt er das Angebot an. Schließlich muss er seinen teuren Lebenswandel und den seiner Familie finanzieren. Da muss man als ernsthafter Schriftsteller auch mal über seinen Schatten springen.
Doch dem ernsthaften Schriftsteller stehen dann doch sein Gewissen und seine Schriftsteller-Ehre im Weg. Meyrink fällt es schwer, eine passende Geschichte aus dem Ärmel zu schütteln. Und so quält er sich durch die Wochen und hält seine Auftraggeber hin. Doch am Ende wollen diese Ergebnisse sehen.

Christoph Poschenrieder lässt die Geschichte um den "unsichtbaren Roman" in den Jahren 1917 und 1918 stattfinden. Der 1. Weltkrieg ist in vollem Gange. Dennoch bekommt das Deutschland in Poschenrieders Roman, nicht viel davon mit. Poschenrieders Charaktere führen ein Leben, das vom Krieg scheinbar nicht beeinträchtigt wird. Der Alltag findet wie gewohnt statt. Wären da nicht diese kleinen Momente in diesem Buch, die wachrütteln und für Unbehagen sorgen. Das kann z. B. ein Soldat in einem Zugabteil sein, der seinen Heimaturlaub beendet hat und nun wieder an die Front muss, oder ein Krankentransport, der von der Front kommt und auf der Durchreise ist. Ohne diese kleinen Kriegsmomente wäre die Geschichte um Gustav Meyrink einfach nur eine amüsante Posse, die Poschenrieder scheinbar mit einem schelmischen Augenzwinkern erzählt: ein Autor, der dafür bezahlt wird, dass er falsche Gerüchte verbreitet und am Ende diese Aufgabe sehr eigenwillig interpretiert. 
Indem Poschenrieder den Krieg durch diese speziellen Momente nicht vergessen lässt, schafft er einen ernsten Hintergrund für seine Possengeschichte und nimmt ihr somit die Harmlosigkeit. 
"' ... Worte sind heute Schlachten Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten. Wir führen, neben dem stählernen dort draußen, einen Krieg der Worte.'"
"' ... Weniger das, was gesagt wird, ist wichtig, sondern, wer es sagt.'" 
Deutschland scheint ein Land der Verschwörungstheoretiker zu sein. Das war damals so, das ist auch heute so. Die Theorie, dass die Freimaurer für den Ausbruch des 1. Weltkrieges verantwortlich waren, war grober Unfug und ein Versuch, ein ganzes Volk auf den Arm zu nehmen. Das ist historisch belegt. Was uns Deutschen in Corona-Zeiten ein Unheil verkündender Koch namens Attila und ein Schlagerfuzzi namens Michael sind, wäre damals fast der renommierte Schriftsteller Gustav Meyrink geworden. Damals wurde bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien wenigstens noch Wert auf Niveau gelegt. Wie erfreulich, dass Meyrink am Ende sein Verstand und sein Gewissen im Weg standen. Die Idee einer Verschwörung blieb somit nur eine Idee. Fragt sich nur, wer unseren heutigen weltrettenden Corona-Aufklärern, den Floh ins Ohr gesetzt hat, dass u. a. Bill Gates und das Mobilfunknetz die Schuld an unserer Pandemie Misere haben. Aber ich befürchte, dass sie sich das allein ausgedacht haben oder -  was wahrscheinlicher ist - diese Hirngespinste irgendwo aufgeschnappt haben und nun in die Welt hinausplärren. Es wird ihnen hoffentlich für die Verbreitung dieses Schwachsinns keiner Geld gegeben haben. Doch das ist eine andere Verschwörungstheorie ;-)

Mein Fazit:
Ein grandioser Roman von Christoph Poschenrieder, der seine Aktualität wahrscheinlich nie verlieren wird. Denn Verschwörungstheoretiker wird es immer geben.
Leseempfehlung!

© Renie