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Sonntag, 13. Dezember 2020

Florian L. Arnold: Die Zeit so still

Quelle: Pixabay/harutmovsisyan
Eine Stimmung wie bei Edgar Allan Poe, Lebensumstände wie bei George Orwells "1984", dazu eine Seuche, die an was wohl? erinnert. Mit anderen Worten: schaurig-schön und düster, bedrückend und realistisch ... das ist die Novelle "Die Zeit so still" von Florian L. Arnold.

Die Geschichte, welche der Autor erzählt, könnte in Kürze Wirklichkeit werden. Darum geht es:
Eines Nachts begegnen sich zwei Fremde in einer Straßenbahn. Der Eine ist der Fahrer der Bahn, der Andere ein Fahrgast - überhaupt der erste seit sehr langer Zeit. Denn in der Stadt, in der wir uns befinden, ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen. Es herrschen Ausgangssperren. Die Menschen in dieser Stadt dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen, denn eine tödliche Seuche wütet seit geraumer Zeit in dieser Gegend. Die Oberen dieser Stadt sahen sich gezwungen, einen Lockdown über die Stadt zu verhängen, der jenen, den wir selbst momentan in Corona-Zeiten erleben, als einen Wellness-Aufenthalt zuhause erscheinen lässt. In dieser Stadt werden die Menschen überwacht. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird streng bestraft. 
Quelle: Mirabilis
"Anfangs war ja nicht alles von Grund auf anders geworden.
Das hätte ihm damals mal jemand sagen sollen:
daß das alles von Grund auf anders sein wird und daß es weichen wird, dieses anfängliche Amüsement in ihm über den so aufgeregten Tonfall allerorten und den Zorn der Befürworter harter Maßnahmen und den Zorn derer, die diese Maßnahmen ablehnten ..."
Wir wissen nicht, seit wann die Menschen in der Isolation leben müssen. Vermutlich sind es bereits Jahre. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Einer, der sich über die Ausgangssperre hinwegsetzt, ist der einsame Fahrgast der Straßenbahn. Das Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten ist zunächst von Misstrauen geprägt. Zu groß ist die Furcht vor Denunziantentum. Doch im Verlauf der Nacht, in der die beiden Männer diese Stadt durchqueren, entwickelt sich das Misstrauen zu Nähe. Die Beiden beichten sich in dieser Nacht ihre persönlichen Geschichten.

Das Szenario, das wir hier erleben dürfen, erscheint surreal. Zwei Männer, die in einer beleuchteten Straßenbahn durch die stockdunkle Nacht fahren. In der Straßenbahn, auf engstem Raum, findet die Handlung in Form eines Gespräches statt. Außerhalb dieses erleuchteten Kokons herrscht Düsternis, die Stadt ist wie ausgestorben, als ob es hier kein menschliches Leben mehr gäbe. Das ist so schaurig, dass allein bei der Vorstellung dieses Szenarios der Adrenalinspiegel steigt. Und immer wieder ertappt man sich dabei, Parallelen zu unserer heutigen Zeit zu suchen.

Aber diese Novelle würde auch ohne den Bezug auf die realen Corona-Gegebenheiten funktionieren. Nicht umsonst habe ich zu Beginn meiner Besprechung den Vergleich zu Edgar Allan Poe herangezogen. Denn Stimmung und Szenerie haben große Ähnlichkeiten mit den Kurzgeschichten des Großmeisters der Schauerliteratur. Der Autor Florian L. Arnold erzeugt mit einer unglaublichen Sprachgewalt eine Stimmung, die einerseits beklemmend ist, aber dennoch durch die Bilder, die in der Phantasie entstehen, fasziniert.

Wenn man die erste Seite des Textes aufschlägt, wird man an ein sehr reduziertes Gedicht erinnert:
Im weiteren Verlauf finden sich kurze Textabschnitte, die sich jedoch mit der Zeit verdichten und kompakter werden. Diese Gestaltung ist geschickt gewählt, lassen sich doch hier Parallelen zu der Handlung sehen: aus der anfänglichen Isolation, die von Leere, Langeweile und Untätigkeit bestimmt ist - also einer erzwungenen reduzierten Lebensweise - wählt einer der Protagonisten (der spätere Fahrgast) einen Weg, der deutlich mehr zu bieten hat. Die Ereignisse, an denen er während seines Weges beteiligt ist, sind keineswegs besonders. Doch sie sind immer noch mehr als das Nichts, das er allein in seiner Wohnung hatte. Unser Protagonist kehrt also ins Leben zurück. Und gleichzeitig werden auch die einzelnen Textabschnitte dieser Novelle großzügiger. Dieses stilistische Mittel habe ich als ungewöhnlich empfunden. Und dafür hat es mich umso mehr begeistert.

Es gibt noch eine weitere Besonderheit in der Gestaltung des Textes: Die Novelle hat unzählige Randbemerkungen. Dies sind Textbruchstücke unterschiedlicher Quellen und können z. B. allgemeine Parolen der Behörden dieser Stadt sein, die im Zusammenhang mit der Seuche stehen, aber auch Funkmitschnitte, welche die Aktivitäten des Überwachungen dokumentieren oder einfach nur Gedanken, die unseren Protagonisten für einen kurzen Moment durch den Kopf schießen. Das ist einerseits originell und hat andererseits den Effekt, dass man sich intensiver mit der Geschichte auseinandersetzt, da man die einzelnen Randbemerkungen mit dem jeweiligen Handlungsstatus in Einklang bringen möchte.

Diese Ausgabe von "Die Zeit so still" ist von dem Autor Florian L. Arnold gestaltet worden. Sowohl die Illustration des Umschlags als auch die vorhandenen Schwarz-Weiß-Grafiken in diesem Buch stammen von ihm. Die Grafiken unterstreichen dabei perfekt die beklemmende Stimmung in diesem Buch genauso wie das Überwachungsszenario. Jede Grafik hat ein kreisrundes Format, das mich doch sehr an den überwachenden Blick durch ein Teleobjektiv erinnert hat

Fazit:
Die Novelle "Die Zeit so still" erzählt eine schaurig-schöne Geschichte, die dystopisch und unglaublich realistisch ist. Bemerkenswert ist dabei die Sprachgewalt des Autors genauso wie die ungewöhnliche Gestaltung dieses Buches. Es fällt mir schwer, mit meiner Rezension diesem Buch nur ansatzweise gerecht zu werden. Wer diese Geschichte nicht liest, dem entgeht etwas.

© Renie


Donnerstag, 20. August 2020

Ryū Murakami: In Liebe, dein Vaterland - II: Der Untergang

Bis ins Jahr 1945 war die koreanische Halbinsel über 100 Jahre lang eine Kolonie Japans. Koreaner waren während dieser Zeit für die Besatzer Menschen zweiter Klasse und sind es leider bei vielen Japanern heute noch. In dem zweiteiligen Japan-Nordkorea Epos "In Liebe, dein Vaterland" von Ryū Murakami wird der Spieß umgedreht und Nordkorea ist plötzlich die Macht, die eine japanische Halbinsel besetzt und deren Bevölkerung in die Unterwerfung zwingt. 
In Anbetracht der Historie und dem schlechten Ruf, den Nordkorea in der Welt hat, wäre dies ein Schreckensszenario, das man sich durchaus vorstellen könnte, und das der Autor in seinem Zweiteiler genüsslich inszeniert hat.
In dem ersten Teil "In Liebe, dein Vaterland I. Die Invasion", den ich vor ein paar Monaten gelesen habe, konzentriert sich die Handlung auf die unmittelbaren Anfänge der Besatzung von Fukuoka durch eine militärische Eliteeinheit Nordkoreas. Nach einem offenen Ende dieses Teils, war ich natürlich gespannt, wie die weitere Entwicklung in Fukuoka sein würde. Und wie das bei Mehrteilern so ist, fragt man sich natürlich, ob die Fortsetzung genauso gut wie der erste Teil ist. Soviel vorweg: Der 2. Teil steht dem 1. Teil in nichts nach.
Eine nordkoreanische Militärtruppe besetzt also die japanische Halbinsel Fukuoka. Sie errichtet hier ihr Hauptquartier und bildet gleichzeitig die Vorhut für weitere 120.000 nordkoreanische Soldaten, die sich auf dem Seeweg nach Japan befinden. 
"Die Nordkoreaner schienen überhaupt sehr darauf zu achten, keine Ressentiments bei der Bevölkerung zu schüren. Nicht dass sie Waisenhäuser gestiftet, älteren Bürgern über die Straße geholfen oder Unkraut im Park gejätet hätten, doch beispielsweise achteten sie strikt darauf, ihr Lager sauber zu halten. Außerdem waren sie höflich und verstießen nie gegen die guten Sitten."
Zu Beginn des zweiten Teils "Der Untergang" erleben wir, dass mittlerweile der Alltag in Fukuoka eingekehrt ist. Die Bevölkerung ist bemüht, sich mit den Besatzern zu arrangieren. Bis auf wenige Ausnahmen in der Bevölkerung haben die wenigsten jedoch Grund, sich über die Nordkoreaner zu beschweren, sind diese doch ausgesprochen höflich und zurückhaltend im Umgang mit den Einheimischen - vorausgesetzt, dass man nach nordkoreanischen Regeln spielt. Der Feind scheint nicht Nordkorea sondern die eigene Regierung zu sein. Denn durch den fehlgeschlagenen Versuch der Regierungsbehörden, einen versteckten Angriff auf die Besatzer zu wagen, mussten Menschen sterben, darunter viele Einheimische.
Daraufhin wird man vorsichtig bei der Wahl der Mittel. Wer will schon Schuld am Tod der eigenen Landsleute haben? Die japanische Regierung stellt Fukuoka zunächst unter Blockade. Flug- und Schiffsverkehr sowie jeglicher Warenverkehr werden  eingestellt. Da es keine Alternativen für die Bewohner der isolierten Halbinsel gibt, lassen sich die Einheimischen auf Geschäftsbeziehungen mit den nordkoreanischen Besatzern ein. Denn diese müssen die Versorgung und Unterbringung der 120.000 Soldaten organisieren, die in Kürze eintreffen werden.
"Wieviele Handys würden sie wohl benötigen, wenn die 120.000 eintrafen. Bei der schwächelnden Wirtschaft Fukuokas würden sich eine Menge Händler die Hände reiben. 120.000 Zuwanderer würden die Nachfrage enorm steigern."
Nicht alle Einwohner Fukuokas wollen die Besatzung der Nordkoreaner hinnehmen. Und hier begegnen mir meine persönlichen Helden aus dem ersten Teil wieder: Eine Gruppe von Aussenseitern will den Kampf gegen die feindlichen Besatzer aufnehmen, wobei die Bezeichnung "Aussenseiter" nur eine harmlose Vorstellung über diese Gruppe suggeriert. Tatsächlich handelt es sich um Soziopathen, vorwiegend in jugendlichem Alter, die durch die direkte oder indirekte Beteiligung an unvorstellbar brutalen Verbrechen und den daraus resultierenden Konsequenzen eine sehr spezielle Kindheit verbracht haben. Das Verrückte an Murakamis Darstellung der einzelnen Charaktere dieser Gruppe ist, dass man trotz der individuellen Vorgeschichten ein hohes Maß an Empathie für diese Charaktere entwickelt - zumindest für die Jüngeren unter ihnen. Dies liegt nicht nur daran, dass sie als Underdogs dem nordkoreanischen Feind die Stirn bieten wollen. Tatsächlich stellt der Autor Ryū Murakami das Menschliche dieser Charaktere in den Vordergrund. Letztendlich haben wir es hier mit jungen Menschen zu tun, die ihre Kindheit unter extrem schlechten Bedingungen verbracht haben, und die als "Problemkinder" von der   Gesellschaft ins Abseits gestellt wurden. Nun haben sie sich in Fukuoka zu einer Gruppe zusammen gefunden, in der ihre persönliche Geschichte und Herkunft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Hier steckt also hinter jedem Charakter ein Schicksal. Und genau das stellt Murakami in den Vordergrund.
"Endlich hatten sie ein äußeres Ziel, auf das sie all die zerstörerische Energie richten konnten, die in ihnen schlummerte. Woher dieser Drang zur Zerstörung kam, war unklar, aber Mori wusste, dass alle hier davon beherrscht waren."
Ryū Murakami schreibt nicht nur Romane, sondern er ist auch Regisseur und Drehbuch-Autor. Das merkt man diesem Buch an. Genau wie der 1. Teil ist "Der Untergang" unglaublich spannend und bietet genügend Potenzial, um einen Actiothriller daraus zu drehen. Der Sprachstil des Japaners ist dabei sehr visuell. Er lässt Bilder im Kopf des Lesers entstehen, die streckenweise sehr drastisch sind. Wie sich das für einen guten Actionstreifen gehört, knallt und scheppert es, dass es eine wahre Wonne ist. Explosionen, Schießereien, Blut und reichlich Tote und Verletzte ... hier hat Murakami alles in seinem Buch untergebracht, was das Action-Thriller-Herz begehrt. 

Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, diesen Roman auf Action, Mord und Totschlag zu reduzieren. Denn, genau wie der erste Teil, ist dieser Roman mehreren Genres zuzuordnen. Er ist eine anspruchsvolle Dystopie, die sich mit einer nahen Zukunft beschäftigt. Er ist Satire, die sich die japanische Gesellschaft vorknöpft und er ist Politthriller. Und auch hier gilt: Fiktion und Realität liegen sehr dicht beieinander.

Leseempfehlung!

© Renie






Und hier geht es zu meiner Buchbesprechung des ersten Teils: "In Liebe, dein Vaterland - Teil I: Die Invasion)

Donnerstag, 21. März 2019

Ryū Murakami: In Liebe, dein Vaterland - Teil I: Die Invasion

Quelle: Pixabay/OpenClipart-Vectors
So viel ist sicher, aus einem Stoff, wie ihn der Roman "In Liebe, dein Vaterland" des Japaners Ryū Murakami beschreibt, werden in Hollywood die reißerischsten Action-Filme gedreht:
Eine nordkoreanische Soldatentruppe bringt das Baseball-Stadion der japanischen Stadt Fukuoka in seine Gewalt und nimmt somit mal eben 30.000 Geiseln. Bei den Hollywoods würde irgendwann eine heldenhafte Truppe, angeführt von einem kernigen Supermann, dem Ganzen ein Ende bereiten und die Geiseln befreien, natürlich nicht ohne spektakuläre Knalleffekte. Auf jeden Fall würden am Ende die Guten siegen. Denn die Guten siegen immer.
In "In Liebe, dein Vaterland (Teil I)" ist jedoch nicht ganz einfach zu entscheiden, wer hier die Guten sind. Daher lässt sich auch nicht vorhersagen, welchen Ausgang die Geiselnahme und die daraus resultierenden Folgen nehmen werden. Am Ende dieses Buches, welches das erste von zwei Teilen ist, sowieso nicht. Wir müssen schon bis zum Ende des zweiten Buchs (Der Untergang) warten, um zu wissen, wie die ganze Chose ausgehen wird.
Quelle: Septime

"Der Plan war unschlagbar und Pak Yong-su konnte seine Aufregung kaum zügeln. Die Landsleute im Süden würden verschont bleiben, und die Heimat auch. Der Krieg würde auf überseeischem Territorium stattfinden. Blut würde fließen und Städte würden zerstört, doch nur in jenem Land, das einst das Vaterland beherrscht, zahllose Menschen zwangsumgesiedelt und damit die Ursache für die Teilung geschaffen hatte. Im verhassten Japan."
Die Geiselnahme gehört im Übrigen zu einem Plan, der am Ende vorsieht, den Süden Japans in eine Provinz Nordkoreas zu verwandeln. Es bleibt also nicht bei der Handvoll Nordkoreaner, die sich in Fukuoka breit machen. Sie machen nur den Anfang. Kurz nach dem Überfall auf das Baseball-Stadion treffen auch schon die nächsten nordkoreanischen Spezialeinheiten ein und besetzen das Zentrum der Stadt. In verblüffender Geschwindigkeit richten sich die Truppen hier ein, stellen ihre Forderungen und diktieren den Verantwortlichen der Stadt, wie die Übernahme verlaufen soll. Die Politiker sind überfordert, ganz Japan ist überfordert. Denn dieses Land hat seit geraumer Zeit andere Probleme, insbesondere seitdem der ehemalige Freund USA sich von Japan abgewandt hat und mit China und Nordkorea sympathisiert. Japan steht am wirtschaftlichen Abgrund, was sich in extremem Ausmaß bei der Bevölkerung bemerkbar macht. Hinzu kommt, dass Japan mit der militärischen Präzisionsarbeit der Nordkoreaner überfordert ist. Japan ist nicht gewohnt, mit Militärschlägen konfrontiert zu werden. Die Zeiten, in denen das japanische Militär gefordert war, liegen schon Ewigkeiten zurück.
"Der Wunsch aufzugeben breitete sich wie ein Gestank nach faulen Eiern am Runden Tisch aus. Aufgeben bedeutete, sich einer überlegenen Macht zu unterwerfen und jeden Gedanken an Widerstand fallen zu lassen. An die Macht kam man durch Gewalt, und durch Gewalt hielt man sie aufrecht. Menschen, die lange im Frieden gelebt hatten und nicht an Gewalt gewöhnt waren, empfanden sie als unmenschlich und konnten sich nicht einmal vorstellen, wie es war, Gewalt ausgesetzt zu sein. Und wer keine Vorstellung von Gewalt hatte, konnte sie auch nicht anwenden."
Japans Politiker-Elite reagiert mit Hilflosigkeit auf die Bedrohung. Und was ein guter (japanischer) Politiker ist, der weist erstmal jegliche Verantwortung von sich und sucht sich mindestens einen Schuldigen, der bei etwaigen Fehlentscheidungen geopfert wird. Das Wohl der Bürger von Fukuoka steht hintenan. Zunächst gilt es, die eigene Haut und Polit-Karriere zu retten.

Die Besetzung der Stadt erfolgt anfangs relativ unspektakulär. Die Besatzer erweisen sich als sehr höflich und versuchen, die Unannehmlichkeiten für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. Ein feiner Zug von ihnen, der von den Einwohnern wohlwollend registriert wird. Doch sollte man die Nordkoreaner nicht unterschätzen. Sie sind nämlich nicht zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel, sobald sie auf den kleinsten Widerstand stoßen. 

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Murakami konzentriert sich dabei auf mehrere Gruppen, die an dem Szenario beteiligt sind. Diese Gruppen können nordkoreanische Militärgruppen, japanische Politiker, Journalisten etc. sein. Irritierend ist dabei eine Gruppe von kriminellen jungen Japanern, teilweise mit terroristischem Hintergrund. Diese Gruppe spielt zu Beginn des Roman eine Rolle, taucht aber später nicht mehr auf. Diese Japaner scheinen die Underdogs in der Geschichte zu sein. Eine Gruppe von kriminellen Außenseitern, die in der japanischen Gesellschaft keinen Fuß fassen konnten, aber das Zeug dazu haben, hinterher als Helden an dem Geschehen in Fukuoka mitzuwirken. So liefe das zumindest in Hollywood. Und man hofft, dass sich diese Entwicklung auch bei Murakami findet. Doch, ob es dazukommt, wird sich erst im zweiten Teil dieser Geschichte zeigen. Denn wie gesagt, diese Gruppe findet im Verlauf des ersten Teils nicht mehr statt, aber dennoch spürt man, dass sie eine besondere Bedeutung haben werden.

Der erste Teil endet mit dem Belagerungszustand in Fukuoka und dem Moment, wo die netten Besatzer zu Herrschern werden und nicht mehr so freundlich sind, wie sie ursprünglich waren.

Dieser Roman wird als Dystopie, Satire und Politthriller bezeichnet. Das kann ich nur unterschreiben, denn dieser Roman ist so vielschichtig, dass man ihn auf keinen Fall einem einzigen Genre zuordnen kann. Diesen Roman zu lesen verursacht Spannung, ungläubiges Kopfschütteln, aber auch Unwohlsein bei dem Gedanken wie schmal die Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität ist. Auf jeden Fall ist er ein grandioser Roman mit einem ungeheuren Spannungsaufbau, der mich neugierig auf den 2. Teil macht.

Leseempfehlung!

© Renie




Montag, 26. November 2018

Eckhart Nickel: Hysteria

Quelle: Pixabay/pixel2013
"Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht."
Dies ist der erste Satz aus Eckhart Nickels Roman "Hysteria".
Nun ja, wenn's nur die Himbeeren wären. Aber mit der ganzen Geschichte stimmt etwas nicht.
Dieser Roman ist eine Dystopie, ist aber ganz dicht an unserer Gegenwart dran.

Worum geht es in diesem sehr speziellen Roman?
Die Künstlichkeit hält Einzug in unser Leben. Was heutzutage z. B. die Tomaten sind, die nicht mehr nach Tomaten schmecken, aber dafür wie gemalt aussehen, ist in diesem Roman das kleinste Übel. Denn hier wird die "Verbesserung" von Lebensmitteln fast schon als Kunstform betrieben und beeinflusst unser Leben. Das vorrangige Ziel dieser "Verbesserung" ist die Wahrung unserer Natur. Die Natur und deren Produkte werden künstlich nachempfunden, um so nicht auf die natürlichen und begrenzten Ressourcen zurückgreifen zu müssen. Aber wenn dies so einfach wäre. Natürlich gibt es durchaus vernünftige Ansätze. Aber vieles, was entwickelt wird, weist mehr oder weniger offensichtliche Mängel auf. Da ist der wässrige Geschmack der Tomate durchaus noch zu tolerieren. 
Quelle: Piper
"'... Eine hochmoderne Arche Noah, ein multidimensionales Terrarium mit allen Tier- und Pflanzenarten der lebendigen Welt. Jede Spezies hat ihre Nische, ihren Raum, ihr ureigenes Biotop. .. Und wie schön unsere Kreaturen sind! Sie werden sprachlos sein, weil Sie ihresgleichen nicht einmal in alten Büchern oder Filmen jemals so gesehen haben. Und alles ist wirklich und lebendig.... das Beste beider Welten. Absolute Vollkommenheit und absolute Natürlichkeit friedlich vereint. Ein Meisterwerk, fraglos.'"
Es gibt da dieses "Kulinarische Institut", das federführend in der Disziplin der "Künstlichkeit" ist. Zum Einen hat es sich auf die Fahne geschrieben, Perfektion bei der Nachbildung zu erlangen. Zum Anderen sieht es sich auch als Bewahrer der Natur. 
Und in diesem Institut passieren scheinbar mysteriöse Dinge.

Das zum Rahmen der Handlung. Der Roman beginnt mit Himbeeren und Bergmann. Bergmann ist der Ich-Erzähler dieses Romans, der auch den Zustand der Beeren in Frage stellt. Er ist hypersensibel, d. h. seine Sinneswahrnehmungen sind stärker ausgeprägt als bei anderen Menschen. Dadurch nimmt er Reize und Veränderungen in sehr extremer Weise auf.
So, wie Bergheim die Geschichte schildert, kommt er fast schon autistisch rüber, was das Lesen nicht einfach macht. Er ist dermaßen auf die Reize seiner Umwelt konzentriert, dass er diese auch in den kleinsten Details schildert.
Bergmann landet nun in diesem Institut. Aber warum er dort landet, ist mir nicht klargeworden. Hat es an den Himbeeren gelegen? Keine Ahnung. Er ist auf jeden Fall irgendetwas auf der Spur. Was er jetzt sucht, wird bis zum Ende des Romans nicht deutlich. Was den Eindruck der autistischen Schilderungen angeht, haben diese im weiteren Verlauf des Romans keinen Bestand, genausowenig, wie Bergmanns Hypersensibilität. Die tritt tatsächlich in den Hintergrund. Einerseits wurde das Lesen dadurch leichter, andererseits fand ich es schade, dass dieser wichtige Aspekt des Protagonisten vernachlässigt wurde. 
"Bergheim fiel wieder einmal auf, wie gut sauber gehaltenen Tiefgaragen rochen. Der Geruch von Waschmittel verband sich mit Benzin, einer Note von Wandfarbe und frisch verputztem Zement. Hier war auch noch Magnesium im Spiel. Falls ihn jemand fragen sollte, wie seine Wohnung im Idealfall zu riechen habe, dann so reinlich wie hier."
Wer allerdings glaubt, dass die Handlung sich von jetzt an auf die Aufdeckung des Geheimnisses um das Institut konzentriert, liegt falsch. Denn tatsächlich besteht der größte Teil des Romans aus Erinnerungen des Protagonisten Bergmann an seine Studentenzeit. Und, oh Wunder, in dem Institut läuft er seiner Studentenliebe und einem Freund aus dieser Zeit über den Weg. Die beiden sind in irgendeiner Form in die geheimnisvollen Geschehnisse in dem Institut involviert. Die Welt ist klein. 

Im letzten Viertel des Romans geht es dann endlich zur Sache. Hier kommt dann auch Spannung auf, und es gibt so etwas wie einen Showdown. Das Geheimnis wird gelüftet, hat aber vermutlich wenig damit zutun, dass Bergheim in dieses Institut gegangen ist. 

Insgesamt lässt sich sagen: Eine gute Idee, die vom Autor schlecht umgesetzt wurde. "Der geheime Einzug der Künstlichkeit in unsere Welt" ist ein sehr interessantes Thema, finden sich doch bereits viele offensichtliche Ansätze in unserer heutigen Welt. So geheim ist dieser Einzug daher eigentlich nicht. Aber, egal. Leider legt der Autor den Fokus auf Bergheim und seine Erinnerungen. Der dystopische Gedanke liefert dabei lediglich den Rahmen. Bergmann ist für mich jedoch nicht greifbar. Anfangs der Eindruck des autistischen Verhaltens, zwischendurch ein Mensch, der sich mit seinen Erinnerungen beschäftigt, die zwar künstlich, durch irgendein Zauber-Gadget hervorgerufen werden, aber dadurch immer noch ein lang andauernder Rückblick auf die Vergangenheit bleiben. Und zum Ende entwickelt Bergmann heldenhafte Anwandlungen. Das ist mir zu diffus. Dieser Roman hat für mich zuviele Ansätze, die nicht konsequent weiterverfolgt werden. 

Dieser Roman hat es zwar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 geschafft.  Dennoch konnte er mich nicht überzeugen. Schade!

© Renie



Über den Autor:
Eckhart Nickel, geboren 1966 in Frankfurt/M., studierte Kunstgeschichte und Literatur in Heidelberg und New York. Er gehörte zum popliterarischen Quintett »Tristesse Royale« (1999) und debütierte 2000 mit dem Erzählband »Was ich davon halte«. Nickel leitete mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift Der Freund in Kathmandu. Heute schreibt er vorwiegend für die FAS, die FAZ und ihr Magazin. Bei Piper erschien u.a. die »Gebrauchsanweisung für Portugal«. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017 wurde er für den Beginn von »Hysteria« mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet und war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. (Quelle: Piper)

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Christian Dittloff: Das Weiße Schloss

Quelle: Pixabay/DikaRukmana
Vor 30 Jahren wurde Louise Brown, das erste Kind aus der Retorte, geboren. Seitdem sind Millionen von Kindern weltweit mit Hilfe der Reproduktionsmedizin auf die Welt gekommen. Allein hier in Deutschland kommen jedes Jahr zwischen zehn- und 13tausend Kinder zur Welt, die außerhalb des Mutterleibs gezeugt wurden. (Quelle: Deutschlandfunk, 2016)

Was vor 30 Jahren für eine Sensation gesorgt hat, ist heutzutage Alltag geworden. Die Möglichkeiten, den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, sind vielfältig geworden.

Eine dieser Möglichkeiten bietet die Grundlage für Christian Dittloffs Dystopie "Das Weiße Schloss", indem ein Ehepaar von einer Leihmutter ein Kind austragen lässt. Die Vermittlung dieser Leihmutter ist durch die fiktive Institution "Das Weiße Schloss" erfolgt. Hier müssen sich Eltern "bewerben", um den Service, den "Das weiße Schloss" bietet, in Anspruch zu nehmen. In diesem Institut erfolgt die ärztliche Betreuung. Gleichzeitig lebt hier die ausgewählte Leihmutter während der Schwangerschaft - zusammen mit zahlreichen anderen Leihmüttern. Denn das Geschäft boomt.
"'Auf dem Weißen Schloss sind wir uns darüber im Klaren ..., dass wir mit jeder Empfängnis vor einer wichtigen und komplexen Aufgabe stehen. Die assistierte Empfängnis und die Tatsache, dass das Kind der intendierten Eltern durch eine Tragemutter zur Welt gebracht wird, die es sogar im Alltag erzieht, löst traditionelle Familiengrenzen auf. ... Es ist ein Balanceakt zwischen sozialer Fremdheit und biologischer Nähe.'"
Quelle: Piper/Berlin Verlag
Der Roman begleitet das Ehepaar Ada und Yves von den ersten Kontakten zum Weißen Schloss bis hin zum Ende der Schwangerschaft.

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Dazu gehören sowohl jegliche ärztliche Leistungen im Rahmen der Leihmutterschaft als auch die Vermittlung von Leihmüttern. Ganz anders in Ländern wie Russland, Thailand und Teile der USA. Doch der Roman spielt in Deutschland, in naher Zukunft. Wer es sich leisten kann, leistet sich eine Tragemutter des Weißen Schlosses, inklusive Rundum-Sorglos-Programm, das eine perfekte Schwangerschaft garantiert, ohne dass (Mutter) Ada die Unannehmlichkeiten, die mit einer Schwangerschaft verbunden sind, erdulden muss. Gleichzeitig wird den Eltern auch die Unannehmlichkeiten der Kindererziehung abgenommen. Denn die Leihmutterschaft hört nicht mit der Geburt auf. Das Kind wird von der Leihmutter großgezogen. Ada und Yves werden die Entwicklung ihres Kindes aus der Ferne begleiten. Gelegentliche Besuche und E-Mails werden sie auf dem Laufenden halten.
Dadurch kommen sie in den Genuss, ihr bisheriges Leben weiterzuleben und sich gleichzeitig Eltern nennen zu dürfen.
"'Es wird ein großartiges Kind. Und immer wenn wir es besuchen, können wir es lieben. Wir können gute Eltern sein.'"
Ada und Yves repräsentieren einen Teil der Gesellschaft, welcher jegliche Fremdbestimmung ablehnt und in dem Konsum, Vergnügen und Egoismus den größten Teil des Lebens ausmacht.

Ada arbeitet in einer Behörde, die sich mit der Auswahl und Bewertung neuer Mitglieder der Gesellschaft befasst. Wer in Deutschland einreisen möchte, wird auf Herz und Nieren geprüft. Nichts bleibt verborgen. Die Qualifikationsvoraussetzungen sind sehr anspruchsvoll und von elitärem Denken bestimmt. Auf diesem Weg hat sich Ada ihren Partner ausgewählt: Yves, ein Bildhauer aus Frankreich. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie ihn als schmückendes Beiwerk zu ihrem Leben ansieht. Ada gibt den Ton vor. Ihr Anspruch ist, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Fremdbestimmung ist ihr ein Gräuel. Sie will sich ihre Einzigartigkeit bewahren.
Ein Kind ist für sie ein Statussymbol und Luxus. Es ist ein "Nice-to-have", darf aber keine Einfluss auf das bisherige Leben nehmen. Insofern bietet "Das Weiße Schloss" den richtigen Service.
"Sie wollte keine Liebe spüren, die größer war als die Liebe zu sich selbst."
Der Roman "Das Weiße Schloss" ist eine Dystopie, die erschreckend nah an der Gegenwart ist. Man vergisst schnell, dass es sich hierbei um eine Zukunftsvision handelt. Denn die Episoden des Alltags, die hier geschildert werden, finden sich auch in unserer Gegenwart wieder und dürften dem dem Leser daher nicht fremd sein. Fast wird man ein bisschen eingelullt: ein Ehepaar mit Kinderwunsch, Arbeitsalltag, Freizeitvergnügen, das Prozedere der Reproduktionsmedizin sowie Schwangerschaft (viele Leser werden hier keine Erfahrungen haben, aber dennoch sind die Vorgänge nachvollziehbar)
Doch dann gibt es diese Momente in dem Roman, die einen beim Lesen zusammenzucken lassen und deutlich machen, dass doch nicht alles so normal ist, wie es scheint. Dazu trägt auch der nüchterne und emotionslose Sprachstil von Christian Dittloff bei.
Anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten mit diesem Sprachstil. Das Buch lässt sich nicht flüssig lesen. Teilweise wirken Textpassagen sperrig. Daher benötigt man viel Ruhe für dieses Buch. Erst dann lernt man den eigenwilligen Sprachstil schätzen. Denn die Emotionslosigkeit spiegelt die Stimmung dieses Romanes perfekt wider. Elternschaft hat im wirklichen Leben ganz viel mit Gefühl zu tun. Doch die Gefühle finden in der Elternschaft um "Das Weiße Schloss" nicht statt. Hier steht die Reproduktionsmaschinerie im Vordergrund und Eltern, die sich bestenfalls Gefühle gegenüber sich selbst erlauben.

Fazit:
Eine Dystopie, die irgendwie keine ist. Denn dafür sind die Überschneidungen zu unserer Gegenwart zu gravierend. Ein hochinteressantes Thema! Leseempfehlung!

© Renie


Über den Autor:
Christian Dittloff, geboren 1983 in Hamburg, studierte Germanistik und Anglistik in Hamburg. Während des Studiums arbeitete er in einer Psychiatrie sowie als Kulturjournalist in allen Formaten von Print bis Podcast. Anschließend studierte er Literarisches Schreiben in Hildesheim. Seit 2014 ist er Social Media-Manager für die Komische Oper Berlin. Christian Dittloff lebt, arbeitet und schreibt in Berlin. »Das Weiße Schloss« ist sein erster Roman. (Quelle: Berlin Verlag)

Freitag, 16. Februar 2018

Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

Quelle: Pixabay / RyanMcGuire
Amerika(s Wirtschaft) geht den Bach runter - eine abstrakte Floskel, die in Lionel Shrivers Roman "Eine amerikanische Familie" Wirklichkeit wird. Welche Auswirkungen Schulden, Inflation und Geldpolitik auf den Mikrokosmos einer Familie haben können, demonstriert die Autorin mit einem unnachahmlichen und sehr vergnüglichen Sarkasmus.
Der Roman setzt im Jahre 2029 ein, also quasi demnächst. Von ferner Zukunft kann man nicht sprechen, steht sie doch fast vor unserer Tür.
Am Beispiel der Familie Mandible kann man sich ungefähr vorstellen, was mit dem Einzelnen passiert, wenn das Große und Ganze zusammenbricht.
Die Mandibles des Jahres 2029 haben sich halbwegs mit dem Alltag, der aus der verqueren Finanzpolitik Amerikas resultiert, arrangiert. Vieles, was sich in den Jahren zuvor bereits angekündigt hat, ist in 2029 Wirklichkeit geworden. Doch immer noch herrscht bei vielen Amerikanern das Verständnis, ihr Land sei heimlicher Herrscher dieser  Welt. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Weltpolitik hat sich geändert. Amerika wird in der Welt nicht mehr ernst genommen, der Dollar hat seinen Status, diejenige Währung zu sein, die die Weltwirtschaft dominiert, verloren. Amerika kann mit den anderen Ländern nicht mehr mithalten, China hat jetzt das Sagen. Dank einer eigentümlichen Schuldenpolitik, verabschiedet sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in die Isolation. Es gibt weder Export noch Import. Die Inflation schießt in unendliche Höhen.
"Seit Monaten schon beschrieben die Moderatoren die Ereignisse mit Begriffen wie Krise, Kollaps, Katastrophe und Kalamitäten, bis ihnen die K-Wörter ausgingen. Worte wie Unheil, Debakel, Verheerung, Not, Tragödie, Drangsal und Leiden verloren ihre Bedeutung, sie funktionierten nicht mehr, bezeichneten Erfahrungen, die nichts Besonderes waren. So litt auch die Sprache unter einer Inflation, und als sich alles immer noch weiter verschlechterte waren die Fernsehleute praktisch aufgeschmissen." (S. 272)
Quelle: Piper
Die derzeit 4 Generationen der Mandibles haben bis jetzt ein normales, mehr oder weniger sorgenfreies Leben geführt, da sie es zu mehr oder weniger Wohlstand gebracht haben. Den einzigen Ausreisser bildet der Älteste der Sippe, Urgroßvater TGM (Toller großer Mann), der es in jüngeren Jahren durch geschickte Spekulationsgeschäfte und Investitionen zu sehr viel Vermögen gebracht hat, und somit der Hoffnungsträger für die Zukunft der anderen Familienmitglieder ist, winkt doch eine hohe Erbschaft.
Doch die Inflation macht TGM und seinen Nachkommen einen Strich durch dir Rechnung. Innerhalb kürzester Zeit steht die Familie am finanziellen Abgrund. Sie sind gezwungen näher zusammenzurücken. Familienmitglieder, die sich früher geliebt und gehasst haben, die sich gern besucht haben, aber auch froh waren, wenn die Verwandschaft wieder weg war, müssen auf einmal auf engstem Raum zusammenleben. Das birgt Zündstoff, insbesondere, wenn die einzelnen Familienmitglieder einen unterschiedlichen Umgang mit der Krise pflegen. Optimisten treffen auf Pessimisten. Da sind diejenigen, die nicht wahr haben wollen, dass Amerikas Wirtschaft in den Supergau geschliddert ist, und diejenigen, die ahnen, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Da sind diejenigen, die nicht die nötige Sparsamkeit im Umgang mit dem wenigen, was die Familie noch hat, an den Tag legen, und diejenigen, die zum Hamster mutieren und  eine hohe Erfindungsgabe beweisen, wenn es darum geht, die Familie am Leben zu erhalten.
"Avery fühlte sich wie eine Idiotin. Sie war stolz darauf, angesichts der zu meisternden Schwierigkeiten eine gewisse Cleverness im täglichen Überlebenskampf entwickelt zu haben. Doch trotz all der abgebrochenen Fingernägel, weil sie jetzt selbst mit anfasste, flatterte da offenbar noch der Washingtoner Gesellschaftsschmetterling in ihr. Sie schien nach wie vor in einer Welt von Essensverabredungen, Kaffeekränzchen und Sammelaktionen für die Brustkrebsforschung zu leben, einer Welt, in der das Schlimmste, was einem passieren konnte, ein Gast war, der mit einer beleidigend billigen Flasche Rotwein zum Essen kam." (S. 330)
Einer der Realisten der Familie ist Willing, mit seinen 13 Jahren einer der jüngsten der Mandibles und ein Jugendlicher, der so völlig anders ist als andere Jugendliche seines Alters. Willing hat vor der Wirtschaftskrise Dinge getan, die andere als merkwürdig empfanden: Er hat sich für Amerikas Politik interessiert. Daher war er auch in der Lage, das Chaos und die Auswirkungen auf den Alltag vorherzusagen. Nur keiner hat ihm geglaubt, war er ja nur ein Jugendlicher mit verrückten Ideen. Zumindest seine Mutter Florence erkennt, dass er in den schrecklichen Zeiten zu einem Überlebenskünstler wird, an dem man sich durchaus orientieren sollte.
Der erste Teil des Romanes endet damit, dass die Großfamilie gezwungen ist, ihr Haus aufzugeben und in den nächstgelegenen Stadtpark zu ziehen, wie viele andere Familien auch.  Was dort passiert, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. 
An dieser Stelle gibt es in dem Roman einen Cut. Die Handlung setzt etwa 20 Jahre später wieder ein. Die Kinder Willing und seine Cousins und Cousinen sind erwachsen geworden. Dank einer stringenten Politik hat Amerika sein Chaos in den Griff bekommen. Doch der Alltag in Amerika nimmt Orwellsche Ausmaße an. Die Meisten nehmen dies hin und versuchen sich mit dem neuen  Leben zu arrangieren. Einige wenige - wozu auch Willing gehört - begeben sich auf die Suche nach einem besseren Ort in diesem verrückten Land.
"'Die Amerikaner leiden nicht unter Depressionen, .... Sie wollen nur die Wahrheit nicht sehen. Alle denken, wir befänden uns in einer vorübergehenden Krise und dass wir morgen wieder anfangen, in Cafés zu sitzen und Cappuccino zu schlürfen. Unsere früheren Wirtschaftskrisen waren auch irgendwann vorbei. Im schlimmsten Fall sorgen wir uns  um ein 'verlorenes Jahrzehnt'. Der Gedanke, alles zu verlieren und einen fortdauernden, unumkehrbaren Abstieg zu erleben, passt nicht zur Psyche dieses Landes.'" (S. 279)
Lionel Shrivers Roman ist ein Lehrstück der Ökonomie. Auf sehr amüsante und anschauliche Weise zeigt sie auf, wie die Prozesse innerhalb eines Wirtschaftssystem ineinandergreifen und welche Konsequenzen eine abstrakte Finanzpolitik auf den Mikrokosmos eines Familienalltags hat. Der amerikanische Traum wird zum Albtraum. Verzweiflung wird zum ständigen Begleiter im Leben der Familie Mandible. Die Autorin bedient sich dabei eines genüsslichen und manchmal süffisanten Sprachstils, der diesen Roman, den man fast schon als Dystopie bezeichnen kann, sehr amüsant und unterhaltsam macht. Man kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus. Insbesondere, wenn Familiencharaktere aufeinanderprallen und die Eitlen unter ihnen dabei manches Mal abgewatscht werden.
Alles in allem ist dieser Roman ein großer Spaß, jedoch mit ernstem Hintergrund, der zum Nachdenken anregt und den Leser mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Am Ende wird sich der Gedanke einschleichen, dass nicht viel fehlt, damit der hier skizzierte Albtraum zur Wirklichkeit wird. 
© Renie