Freitag, 22. Februar 2019

Paul Beatty: Der Verräter

Der amerikanische Schriftsteller Paul Beatty hat als erster US-amerikanischer Autor den britischen Literaturpreis Man Booker Prize gewonnen. Das war in 2016 für seinen Roman „The Sellout“, einer Satire, die im letzten Jahr unter dem Namen „Der Verräter“ in Deutschland veröffentlicht wurde.
Dieser Roman behandelt ein Thema, das verrückter nicht sein kann: Wiedereinführung der Rassentrennung in den USA.

Ein unangenehmes Thema, ein No Go im modernen menschlichen Miteinander und ein Verstoß gegen eine Vielzahl von Menschenrechten. Man traut den USA ja einiges zu, aber das?
Wie beruhigend, dass es sich bei dieser Vorstellung doch nur um eine Satire handelt, deren Grundidee der Autor Paul Beatty in aller Genüsslichkeit ausschlachtet. (Vergessen wir mal, dass hinter jeder Satire ein Fünkchen Wahrheit steckt;-))


Der Inhalt
In "Der Verräter" macht es sich der afroamerikanische Protagonist und Ich-Erzähler zur Aufgabe, die amerikanische Bevölkerung wieder nach Hautfarben zu unterteilen.
Quelle: Randomhouse/Luchterhand

Er ist in einem fiktiven Vorort von Los Angeles aufgewachsen: Dickens – ein Ghetto der übelsten Sorte, das aufgrund seines ländlichen Charakters (die Ausläufer der Großstadt haben Dickens noch nicht erreicht) auch ein geringes Maß an Idylle vorzuweisen hat. Drogen und Kriminalität gehören zwar zum guten Ton. Aber auch Landwirtschaft und Gartenarbeit sind hier zu finden. So ungewöhnlich wie sich Dickens präsentiert, verlief auch das bisherige Leben des Ich-Erzählers. In seiner Kindheit wurde er von den fixen Ideen seines Psychologen-Vaters und Bürgerrechtsverfechters zu eben diesen Themen malträtiert. Andere Kinder spielten auf der Straße, er spielte Studienobjekt für seinen Vater und wurde gern mal für Feldversuche eingesetzt, wenn es darum ging, unter Beweis zu stellen, dass die Einhaltung der Bürgerrechte in Amerika sehr großzügig gehandhabt wird.
"Ich hielt seinen Tod für einen Trick. Für einen seiner raffinierten Pläne, mit denen er mich in den Nöten der schwarzen Rasse unterweisen und so in mir den Wunsch wecken wollte, etwas aus mir zu machen. Ich erwartete halb, dass er aufstand, sich abklopfte und sagte: 'Wenn mir so etwas passiert, dem schlauesten Schwarzen auf der ganzen Welt, dann überleg mal, Nigger, was einen dummen Arsch wie dir passieren kann. Der Rassismus mag tot sein, aber das heißt noch lange nicht, dass man Nigger nicht ohne Vorwarnung abknallt.'"
Als sein Vater starb, war unser Ich-Erzähler auf sich allein gestellt. Er wurschtelte sich durch und entdeckte seinen Spaß und seine Begabung für Landwirtschaft. Seine quadratischen Melonen waren legendär. Sein angebautes Marihuana aber auch.
Sein Leben hätte so schön beschaulich sein können, wenn nicht die Ausläufer der Großstadt Los Angeles immer näher rückten. Und so kommt, was kommen muss: Dickens verschwindet von der Landkarte und mutiert zu einem anonymen Straßenzug. Nichts ist mehr wie es war und Schluss ist's mit der Beschaulichkeit.
Unser Ich-Erzähler möchte dies nicht akzeptieren und will sein altes Leben zurück. Die Weißen und Wohlstandsfarbigen, die ehemals "gefährliche" Gegenden für sich und ihren Lifestyle entdecken, sind ihm ein Dorn im Auge. Daher ruft er zum Protest auf. Er verlangt die Rückkehr zur Rassentrennung. Dickens soll das schwarze Ghetto bleiben, das es mal war. 
Sein Protest wird am Ende in einer Anklage münden, die bis vor den obersten Gerichtshof Amerikas gehen wird.

An dieser Stelle setzt der Roman ein. Paul Beatty hat einen Prolog geschrieben, der mich fast zur Verzweiflung gebracht hat. Ohne die Buchbeschreibung gelesen zu haben, wurde ich völlig unvorbereitet in diese Gerichtsverhandlung hineinmanövriert. Unser Ich-Erzähler hat sich während des Prozesses ein Tütchen Marihuana geraucht (sehr befremdlich!), was von den Richtern und Beamten geduldet wird (noch befremdlicher!). Dementsprechend sind seine Schilderungen ein wenig diffus – also vernebelt. Endlich, am Ende des Prologs kommt er auf den Punkt und endlich erfährt man, warum der Gute, der sich selbst als "eine legendäre Verkörperung zivilen Ungehorsams" bezeichnet, angeklagt wird:

Er ist nicht nur Verfechter der Rassentrennung, er hält sich auch noch einen Sklaven: seinen alten Nachbarn und ausrangierten Schauspieler Hominy, der in seiner Kindheit bei "Die kleinen Strolche" mitgemischt hat. 
Welch ein Paukenschlag am Ende des Prologs! Wenn Paul Beatty mit dieser Aussage nicht die volle Aufmerksamkeit bei jedem seiner Leser hat, dann weiß ich nicht. Es bleibt nichts anderes übrig, als ungläubig weiterzulesen.

Wie erfreulich, dass der Ich-Erzähler nicht immer zugedröhnt ist, was sich auch am Sprachstil bemerkbar macht. Unser "sandalenbewehrte Äthiopier" erzählt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das kann manchmal wirr wirken, weil er von Hündchen auf Stöckchen kommt. Doch es gibt tatsächlich einen roten Faden, der den Leser zielsicher zu der Verhandlung führt, mit der das Buch begonnen hat und mit der das Buch endet. Dazwischen finden sich Erinnerungen an seine Kindheit, an Dickens, an seinen Sklaven, an seinen Alltag und wie es letztendlich zu dem Prozess gekommen ist.
"Dieses Land braucht jemanden, den man mit Baseballbällen bombardieren, den man schwuchtelprügeln, niggerknüppeln, niedertrampeln und boykottieren kann. Ein Land, das sich ständig im Spiegel bewundert, braucht alles, was es davon abhalten kann, sich wirklich ins Gesicht zu sehen und daran zu erinnern, wo es seine Leichen begraben hat."
Leider sind die Ausführungen unseres Ich-Erzählers manchmal etwas ermüdend, da sie mit Gags, lustigen Sprüchen, Insiderwissen eines Farbigen und Respektlosigkeiten überfrachtet sind, ganz zu schweigen von den rassistischen Äußerungen, die er bis zum Exzess einfließen lässt. Das ist anfangs lustig, nutzt sich aber leider nach einiger Zeit ab. Das Lesen in mehreren Etappen hilft jedoch an dieser Stelle!
Doch lesen sollte man diesen Roman auf jeden Fall. Denn seine Thematik, sein Aufbau und sein Sprachstil machen ihn zu etwas sehr Besonderem.

© Renie

Sonntag, 17. Februar 2019

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Quelle: Pixabay/Alexas_Fotos
"Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde."
In Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist gleichnamige Errungenschaft der Zivilisation ein wichtiger Aspekt des Landlebens. Wir befinden uns in Geestdorf Brinkebüll, Nordfriesland. 
Dieser Ort vermittelt jenes Landleben, welches es in den letzten Jahrzehnten in so vielen Landstrichen in Deutschland existiert hat. In Brinkebüll herrschen eigene Gesetze des Miteinanders, an die sich alle halten, ob sie wollen oder nicht. Gerade in den 60ern und 70ern war es schwer, sich gegen die Eigendynamik des Dorflebens zur Wehr zu setzen. Entweder man fügte sich oder wurde wie eine Persona non grata behandelt.
Die Bewohner von Brinkebüll lieben und hassen sich. Hier wird getratscht, was das Zeug hält, selbstverständlich hinter vorgehaltener Hand. Schließlich weiß man, was sich gehört. Hier finden sich sämtliche Aspekte eines Zusammenlebens: Nettigkeit, Neid, Missgunst, Hilfsbereitschaft, Ablehnung.
Quelle: Randomhouse/Penguin
"Man kam mit vielen Dingen durch in Brinkebüll. Man konnte seine Kinder schlagen, die Frauen seiner Nachbarn schwängern oder das Vieh im Stall verkommen lassen. Es kamen trotzdem alle, wenn sie eingeladen wurden. Aßen, tranken, tanzten, schunkelten."
Was wäre ein Dorf ohne seinen Mittelpunkt. Nicht in seltenen Fällen war dies die Dorfkneipe. So auch in Dörte Hansens Roman. Der "alte Dorfkrug" ist der Dreh- und Angelpunkt ihrer Geschichte.
Betrieben wird die Kneipe von Sönke und Ella. Tochter Marrit hilft mit, wie es ihr gefällt. Und gefallen tut es ihr nicht in dem Maße, wie Sönke und Ella sich dies erhoffen. Denn Marrit ist in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. Sie lebt in ihrer eigenen gedanklichen Welt und lässt nur selten zu, dass andere daran Anteil nehmen. Einer, der zuviel Anteil daran nahm, war irgendein Vermesser, der in Sachen „Flurbereinigung“ (ein Fluch, der viele Landstriche seinerzeit in Deutschland traf) in Brinkebüll verweilte. Neun Monate später bringt Marrit einen Jungen zur Welt: Ingwer. Aufgrund ihrer geistigen Situation ist sie nicht in der Lage, sich um ihren Sohn zu kümmern. Sönke und Ella ziehen ihren Enkel groß.

Die Handlung verläuft auf unterschiedlichen Zeitebenen. Einerseits lernen wir die Vergangenheit von Ingwer und dessen Angehörigen in Rückblenden kennen. Und andererseits erleben wir Ingwer als Erwachsenen um die 50, wie er seine gebrechlichen und alten Großeltern in Brinkebüll unterstützt. Sein Lebensmittelpunkt hat sich mittlerweile in die Stadt verlagert. Er lebt seit 25 Jahren in Kiel in einer Dreier-WG. Nach dem Abitur hat er ein Archäologie-Studium begonnen – sehr zum Unverständnis von Sönke, für den es selbstverständlich war, dass sein Enkel die Gaststätte übernehmen wird. Doch Ingwer ist mittlerweile Hochschullehrer in Kiel. Zeitlebens hat er seine Herkunft als Makel empfunden. Umso verwunderlicher ist es, dass er nach Jahrzehnten in der Stadt an einem Punkt angelangt ist, wo er sein Leben, wie es bisher verlaufen ist, in Frage stellt. Er entschließt sich zu einem Sabbatjahr, das er in Brinkebüll zur Unterstützung seiner Großeltern verbringen wird.
"Er wollte es. Er holte sich hier etwas ab, was ihm noch fehlte. Einen Nachschlag Brinkebüll. Er fand Dinge wieder, die er noch gebrauchen konnte, manches hatte er schon fast vergessen. Die Gerüche und Geräusche dieses Hauses. Das Gefühl für dieses Dorf, das viel mehr von ihm wusste als er selbst."
Der Leser begleitet Ingwer und die Seinen während dieses Jahres. Dörte Hansen lässt dabei immer wieder Erinnerungen an die Vergangenheit des Dorfes und seiner Einwohner einfließen. So macht sich der Leser ein Bild über die einzelnen Charaktere: Wortkarg, kühl, unnahbar und stur, mit einem Hang zum Skurillem. Und gerade diese Skurriliät macht die Charaktere wieder sympatisch.

Wortkargheit macht auch vor der Ehe nicht halt, wie Ingwers Großeltern beweisen. Sie sind seit 70 Jahren verheiratet und hatten sich nie viel zu sagen. Sie sind sich scheinbar fremd, leben halt zusammen. Damals galt eine Ehe noch als Bund fürs Leben. Es gibt nur ganz wenige Momente, die verdeutlichen, dass irgendwo doch ein kleines bisschen Liebe  und enge Verbundenheit zwischen den beiden vorhanden ist. So selten diese Momente auch sind, strahlen sie doch eine große Wärme aus.

Das Dorfleben ändert sich mit den Jahren. In dem einstigen Idyll schleicht sich der Fortschritt ein, angefangen mit besagter Flurbereinigung in den 60er Jahren, bei der viele kleine Gemeinden auf der Strecke geblieben sind.
Trotz aller Traurigkeit über die Veränderungen auf dem Land begleiten den Leser Erinnerungen an die eigene Kindheit, was eigentlich merkwürdig ist. Denn nicht jeder Leser ist auf dem Land groß geworden. Aber es gibt nun mal im Brinkebüller Dorfleben Verhaltensmuster, die auch früher in Städten zu finden waren. Das sind Kleinigkeiten des Alltags, so z. B. das Grüßen auf der Straße, der Sonntagsfrühschoppen, den Gästen gekauften Kuchen vorzusetzen ist verpönt und natürlich besagte Mittagsstunde, in der die Mittagsruhe einzuhalten ist. 

Fazit
Die Entwicklung des Dorfes über die Jahre wird von Dörte Hansen grandios dargestellt, von der Idylle, über die Folgen des Fortschritts bis hin zur heutigen Tendenz "Zurück zur Natur und dem Natürlichen". Selbstverständlich habe ich aufgrund meiner eigenen Erinnerungen vieles durch die rosa-rote Brille betrachtet und dadurch den vermittelten Wohlfühlfaktor sehr genossen.
Denn Dörte Hansen schildert das Dorfleben liebevoll, aber ehrlich, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Dabei verwendet sie einen Sprachstil, der kaum zu beschreiben großartig ist. Sie lässt wunderschöne und berührende Bilder im Kopf entstehen, die einen auf eine faszinierende Lesereise mitnehmen.
Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 10. Februar 2019

Simone Regina Adams: Flugfedern

Quelle: Pixabay
Die Novelle "Flugfedern" von Simone Regina Adams wird in meinem Buchregal einen besonderen Platz erhalten. Denn dieses Buch ist ein echter Leseschatz. Mit gerade mal 160 Seiten und einem sehr reduzierten Cover kam es in aller Bescheidenheit daher. Doch schon nach den ersten Sätzen fiel mir die Kinnlade herunter, ob soviel gefühlvoller Ausdruckskraft. Bevor ich hier weiter schwelge:

Thibault, ein junger Mann, französischer Abstammung, wird Zeuge einer Vergewaltigung. Er nimmt das verstörte Opfer Sophie zunächst mit zu sich nach Hause. Er lebt mit seiner Großmutter Mémé allein auf einem Hof in einem kleinen Ort in Süddeutschland. Sophie wird einige Zeit hier leben. Thibault wird sich in Sophie verlieben. Scheinbar erwidert sie seine Gefühle. Doch nach einiger Zeit wird sie fürs Erste aus seinem Leben verschwinden. Es wird nicht bei diesem einen Mal bleiben. Denn Thibault spürt sie auf und sie kehrt zunächst wieder zu ihm zurück.
Quelle: Klöpfer und Meyer

Insgesamt werden die beiden über mehrere Jahre zusammen und wieder getrennt sein. Später in seinem Leben - Thibault ist mittlerweile mit Helene verheiratet, beide haben ein Kind - wird Thibault ein Schreiben von Sophie erhalten, in dem sie ihn wieder um ein Treffen bittet.
"Warum? Warum jetzt, nach all den Jahren?"
Die Geschichte ist unspektakulär - abgesehen von den ersten Seiten. Was dieses Buch jedoch so faszinierend macht, sind Aufbau und Sprachstil.

Der Anfang behandelt die Zeit nach der Vergewaltigungsszene. Drei Menschen leben auf einem Hof: Großmutter Mémé, Thibault und Sophie. Anhand der Erinnerungen von Mémé und Thibault, die die ersten Kapitel dieser Novelle bestimmen, kann man sich ein gestochen scharfes Bild der Lebenswege von Großmutter und Enkel machen. Einzig Sophie bleibt profillos. Sie ist die große Unbekannte in dieser Dreier-Konstellation. Selbst Thibault schafft es nicht, die Persönlichkeit von Sophie zu fassen, was umso erstaunlicher ist, da er bis über beide Ohren in sie verliebt ist. Was liebt er also an ihr?
Die Antwort auf diese Frage schafft ganz viel Interpretationsansätze. Daher lässt sich zurecht behaupten, dass dieses kleine Büchlein den Leser intensiv beschäftigen wird.
"Ein Wesen, dachte Thibault, das gesehen und gleichzeitig nicht gesehen werden will. Und nun wurde auch das zu einem der vielen Bilder von Sophie. ... So, wie der Engel, der sein Gesicht in den Handflächen verbarg - und dabei zwischen den Fingern herausschaute. Der sich versteckte und sich dennoch so offensichtlich danach sehnte, dass man ihn sah. In all seiner Hoffnung und in all seiner Angst, erkannt zu werden."
Anhand großer Zeitsprünge betrachtet man die Entwicklung des Protagonisten Thibault. War er zunächst noch der junge schüchterne Mann, den der Zufall mit einer großen Liebe beschert hat, ist er im nächsten Moment Ehemann und Vater, der nicht mehr viel gemein hat, mit seinem früheren Leben. Er ist beruflich vorwärtsgekommen. Er ist reifer und selbstbewusster. Thibault ist ein völlig anderer Mensch. Und doch kommt er von seiner Vergangenheit mit Sophie nicht los.

Die Novelle wird in sehr leisen Tönen erzählt. Die Symbolik vieler Sätze, die einem   immer und immer wieder begegnet, stimmt nachdenklich. Der Sprachstil von Simone Regina Adams strahlt dabei sehr viel Zärtlichkeit aus, so dass nahezu jeder Satz tief unter die Haut geht. 

Fazit:
Ein Leseschatz! Gefühlvoll, zärtlich, faszinierend und tief berührend.
Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 3. Februar 2019

Robert Galbraith: Weißer Tod

Quelle: Pixabay/Tania_delosbosques
Robert Galbraith reitet mit seiner Krimi-Reihe um den Londoner Privatermittler Cormoran Strike auf der Erfolgswelle. Mittlerweile gibt es 4 Bände, wovon der letzte, "Weißer Tod", gerade veröffentlicht wurde. Verfilmt sind die Bücher ebenfalls bereits und haben in der TV-Serienwelt unter dem Titel "Strike" hohen Anklang gefunden. Robert Galbraith sollte sich mittlerweile an den Ritt auf der Erfolgswelle gewöhnt haben, ist dieser Name doch ein Pseudonym, hinter dem keine andere als J. K. Rowling steckt.
Von den Harry Potter Büchern kenne ich alle, von ihren anderen Büchern - alias hin oder her - kenne ich keines. Insofern war ich gespannt, was es mit Cormoran Strike in "Weißer Tod" auf sich hat.
Quelle: Randomhouse/blanvalet

Die Serie ist in London angesiedelt, was mir als Fan dieser Metropole schon mal sehr gut gefällt. Robert Galbraith lässt Cormoran Strike quer durch London agieren, mal mit dem Auto, mal mit der U-Bahn, notgedrungen auch zu Fuß. Denn diese Art der Fortbewegung ist für den Ermittler nicht einfach, hat er doch während seines Militärdienstes in Afghanistan einen Teil seines Beines verloren. Er ist also gehändicapt, hat mit Schmerzen zu kämpfen, was ihn jedoch nicht davon abhält, seiner Arbeit mit großem Ehrgeiz nach zu gehen. Fast schon verbissen arbeitet er sich in die Fälle seiner Auftraggeber ein. Aufgrund spektakulärer Aufklärungserfolge ist er mittlerweile eine Berühmtheit in London. Unterstützung erhält er u. a. von seiner Mitarbeiterin Robin Ellacott. Die beiden verbindet mehr als ein Arbeitsverhältnis. Sie sind befreundet. Und es könnte sogar noch mehr daraus werden, wenn Robin nicht anderweitig gebunden wäre. Ganz davon abgesehen, dass Cormoran und Robin eine gemeinsame Beziehung aus Gründen der Professionalität ausschließen würden. Wer's glaubt ;-)
In "Weißer Tod" wird Strike von Kulturminister Chiswell beauftragt, Nachforschungen über Geraint Winn, den Ehemann einer Ministerkollegin, anzustellen. Chiswell wird erpresst. Ein Geheimnis soll publik gemacht werden. Um welches Geheimnis es sich dabei handelt, soll für die Ermittlungsarbeit irrelevant sein. Chiswell geht es nur darum, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, sprich: "Welche Leichen hat Winn im Keller?".
Robin, eine Meisterin der Verkleidung, soll dabei als Mitarbeiterin von Chiswell in das Unterhaus eingeschleust werden, um Winn auf die Pelle zu rücken.
Doch dies ist nicht der einzige Fall, der Strike beschäftigt. Kurz vor dem Minister-Auftrag nimmt Billy, der geistig behinderte jüngere Bruder des berühmt berüchtigten linksgerichteten Aktivisten Jimmy Knight, Kontakt zu ihm auf, weil er sich an einen vermeintlichen Mord an einem kleinen Mädchen erinnert. Diesen Mord hat er als kleiner Junge miterlebt. Ob das Verbrechen Billies Fantasie entspringt oder tatsächlich verübt worden ist, bleibt fraglich. Strike hat Zweifel. Insbesondere als sich herausstellt, dass es eine Verbindung zwischen dem Minister-Fall und Billy gibt.
Es wird noch weitere Verbindungen geben. Es wird auch nicht bei diesen Verbindungen bleiben. Irgendwann wird jemand sterben. Die Handlung wird immer verwirrender, da Robert Galbraith etliche Spuren legt, die den Leser häufig hinters Licht führen. Das macht Spaß, jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Denn irgendwann kam bei mir der Punkt, an dem ich den Faden verloren habe. Dankenswerterweise hat Galbraith einen sehr geschmeidigen Sprachstil, der einen nicht besonders fordert, aber durch seine Lebhaftigkeit angenehm zu lesen ist und diesen Roman sehr kurzweilig macht. So nimmt man die Verwirrungen in der Handlung zunächst hin und freut sich über den Moment, an dem man den roten Faden wieder aufnehmen kann.
"'Wir übersehen irgendetwas, Robin. Und zwar das verbindende Element.'
'Vielleicht gibt es so ein Element gar nicht', sagte Robin. ' So ist das Leben, oder nicht? Wir haben es mit mehreren Personen zu tun, von denen jede ihre eigenen Probleme und Ziele hat. Einige hatten gute Gründe Chiswell zu verabscheuen oder einen Groll gegen ihn zu hegen, aber das heißt noch lange nicht, dass alles perfekt zusammenpassen muss. Vieles ist wahrscheinlich völlig irrelevant.'"
Robert Galbraith konzentriert sich in seiner Romanreihe um Cormoran Strike nicht nur auf die Detektivarbeit, sondern lässt auch dem Gefühls- und Liebesleben seiner Protagonisten viel Raum. Zunächst steht natürlich das Vor und Zurück in einer möglichen Beziehung zwischen Strike und Robin im Mittelpunkt. Aber bis es soweit ist (und in "Weißer Tod" ist es noch lange nicht so weit), haben auch jeder für sich ein Privatleben. Robin verbringt dies mit ihrem frisch angeheirateten Matthew, den sie seit ihrer Jugend kennt. Keine Ahnung, warum die beiden geheiratet haben. Denn sie passen partout nicht zusammen. Er erweist sich als Ekel, der sich einen Deut um Robins Seelenleben schert. Aber Liebe, die bei Robin anfangs vorhanden war, macht ja bekanntlich blind. Doch hinterher ist frau immer schlauer. Und das wird auch Robin feststellen.

Strikes Beziehungen zu Frauen ist da einfacher gestrickt. Er hat Bindungsängste, was ihn jedoch nicht davon abhält, oberflächliche Beziehungen einzugehen. Sobald jedoch eine seiner Frauen den Eindruck erweckt, sich mehr von der Beziehung zu versprechen, als Sex, zieht er die Reißleine. Das war bei ihm nicht immer so. Denn auch einem Cormoran Strike kann das Herz gebrochen werden, was in seiner Vergangenheit auch passiert ist.

Fazit
Es gab Momente in diesem Buch, da hätte ich mir weniger Verwirrung gewünscht. Die unterschiedlichen Ansätze und Hinweise auf Spuren sind zwar hochinteressant und nie vorhersehbar. Dennoch waren mir diese zuviel. Da hätte man ein paar Seiten von den etwa 850 einsparen können und der Krimi wäre trotzdem noch ein guter geblieben.
Denn das ist er zweifelsohne. Wenig reißerisch, aber fantasievoll in der Entwicklung und die zwischenzeitliche Verlagerung der Handlung auf das Miteinander von Strike und Cormoran machen ihn zu einem sehr unterhaltsamen und spannenden Krimi.

© Renie

Freitag, 25. Januar 2019

Paulo Coelho: Hippie

Quelle: Pixabay/PeterKraayvanger
Was für den Einen heutzutage der Jakobsweg ist, war für den Anderen in den 60er und 70ern der Hippie Trail. Dieser führte von Europa auf dem Landweg nach Südostasien. Endstation war Kathmandu.
Es gehörte zum guten Ton des Hippie-Lebens, diese Reise durchzuführen. Denn am Ende stand die Aussicht auf Erfüllung? Ein Leben in Frieden und Freiheit? Selbstverwirklichung? Was auch immer. Mögen diejenigen, die sich auf den Hippie Trail begaben, am Ende das gefunden haben, was sie sich erhofft hatten.

Auch Paulo Coelho war Hippie aus Überzeugung, wie so viele junge Leute in der damaligen Zeit.
In seinem autobiografischen Roman "Hippie" beschreibt er durch den Protagonisten Paulo, seine eigene Reise von Amsterdam in Richtung Kathmandu im sogenannten Magic Bus, einem alten klapperigen Bus, der zwischen Amsterdam und Kathmandu pendelte. Man ahnt es. Mit einem klimatisierten Luxusreisebus hatte dieser Magic Bus herzlich wenig zu tun. Doch dafür war die Reise günstig.
© Marius Kowalski
"Viele, denen Karla und Paulo begegneten, trugen ebenfalls Blumen im Haar. Einige spielten Blockflöte, andere Geige, Gitarre oder Sitar. Ein bunter Klangteppich lag über allem, ... . Einige boten Weihrauchstäbchen, Armbänder, bunte Jacken feil, die wahrscheinlich in Peru oder Bolivien hergestellt worden waren, und er hätte ihnen am liebsten alles abgekauft, weil sie sein Lächeln erwiderten und ihn nicht wie die Verkäufer in den Läden zum Kaufen drängten."
Amsterdam war zur damaligen Zeit eine Anlaufstelle für Hippies aus aller Welt. Die Niederlande waren und sind für ihren toleranten Umgang mit Drogen bekannt. Drogen waren für Hippies ein probates Mittel, um das Leben zu genießen. Daher wundert es nicht, dass hier viele Hippies ihre Zelte aufschlugen. Für viele von ihnen war Amsterdam eine Zwischenstation auf ihrem Weg nach Südostasien. So auch für den Protagonisten Paulo. Auf der Suche nach seinem Ich will er die Welt bereisen, bis ihm das Geld ausgeht.

Die Lebensphilosophie, welche die Hippies verfolgten, hatte durchaus ihren Charme: ein Leben, frei von Zwängen und Tabus; ein Leben in einer "alternativen" Lebensform; ein Leben in Frieden; ein Leben, in dem sich jeder selbst verwirklichen kann.

Mit diesem Anspruch ist auch der junge Brasilianer Paulo unterwegs. In Amsterdam lernt er die Holländerin Karla kennen. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen. Aber irgendwie fehlt ihnen der letzte Schritt zu einer Beziehung. So geht ihr Umgang miteinander nicht über ein freundschaftliches Verhältnis hinaus, auch wenn jeder von den beiden insgeheim zu mehr bereit wäre, dies aber nicht wahrhaben möchte.
"Sie waren - wieder einmal - in gegensätzliche Richtungen aufgebrochen, sosehr sie auch versuchten, einander zu begegnen."
Karla und Paulo zieht es nach Südostasien. Also finden sie sich eines Tages im Magic Bus nach Kathmandu wieder, zusammen mit anderen Gleichgesinnten, deren Hintergründe im Verlauf der Handlung nach und nach von Coelho beschrieben werden. Die Route führt über den Balkan bis nach Istanbul, wo Paulo und Klara eine einschneidende Erfahrung machen, die Einfluss auf den Fortgang der Reise hat.

Der brasilianische Erfolgsautor Paulo Coelho, der für seine spirituellen Romane und Erzählungen berühmt geworden ist, polarisiert. Die Themen seiner Werke sind i. d. R. die Liebe, die Suche nach dem Sinn des Lebens sowie die Selbstfindung. Seine Fans lieben seine Bücher gerade wegen dieses spirituellen Aspekts. Nicht selten werden diese Bücher als Seelenratgeber wahrgenommen. Dann gibt es aber Leser wie mich, die nichts mit dieser Art von Literatur anfangen können.

Stellt sich natürlich die Frage, warum ich mir "Hippie" vorgenommen habe. Ganz einfach. Als Jugendliche habe ich die Hippie-Bewegung in den 70er Jahren bewusst wahrgenommen. Leute meiner Generation waren der Hippie-Faszination erlegen und sind es wahrscheinlich immer noch, unabhängig davon, ob sie selbst in das Hippie-Leben schlüpfen konnten bzw. durften. Daher war meine nostalgische Erinnnerung an die damalige Zeit Motiv genug, um zu diesem Roman zu greifen.
Und ich wurde nicht enttäuscht. Coelho hat mit diesem Roman eine unterhaltsame Abhandlung über das damalige Hippie-Dasein geschrieben, in dem er nichts zu diesem Thema auslässt. Er liefert interessante Hintergründe zu dieser Bewegung. Sehr schnell stellt man fest, dass sich ein Hippie nicht auf Flower Power, Musik und Drogen reduzieren lässt. Coelho beleuchtet das damalige Hippie-Leben aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dabei macht er auch nicht vor bekannten Vorurteilen halt und stellt diese richtig.
Diese detailreichen und faszinierenden Schilderungen haben das Buch zu etwas Besonderem für mich gemacht. Mein Durst nach Hippie-Nostalgie wurde vollends gestillt.

Aber der Coelho wäre kein Coelho, wenn man nicht auch in diesem Roman einige seiner Lebensweisheiten finden würde. So werden auch seine Fans mit diesem Buch nicht zu kurz kommen. Denn, wenn man will, kann man sich intensiver mit dem spirituellen Aspekt dieses Romans auseinander setzen. Muss man aber nicht.

Wer also ein bisschen Hippie-Spirit schnuppern und in Nostalgie schwelgen möchte, ist mit diesem Buch bestens bedient. Wer dieses Buch unter einem spirituellen Aspekt lesen möchte, wird ebenfalls auf seine Kosten kommen.

© Renie


Freitag, 11. Januar 2019

Silke Knäpper: Das Lieben der Anderen

Quelle: Pixabay/jarmoluk
Dieser eine Buchstabe, der den Unterschied macht, kann kein Zufall sein. "Das Leben der Anderen" - wer denkt nicht an den deutschen Spielfilm aus 2006, wenn er den Titel des Romans von Silke Knäpper liest: "Das Lieben der Anderen"
Wie im Film geht es in diesem Roman um Überwachung, Kontrolle und einen unfassbaren Eingriff in die Privatsphäre.
Das wäre aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Denn die Person, die sich in Silke Knäppers Roman anmaßt, das Leben eines Anderen zu kontrollieren, tut dies nicht, weil sie, von wem auch immer, dazu aufgefordert wurde und dafür bezahlt wird, sondern weil sie von einer fixen Idee besessen ist.
Quelle: Klöpfer und Meyer
"Das Leben der anderen war erfüllt, dachte Helen, und aufregend. Bunt. Nicht so blass wie ihr eigenes Dasein, das ihrem schmächtigen Körper glich, so hager und androgyn, unweiblich, flachbrüstig, ohne Höhen und Tiefen."
Helen ist Durchschnitt: Sie hat ein durchschnittliches Aussehen, lebt ein durchschnittliches Leben, ist unsichtbar. Sie wird von Anderen nicht wahrgenommen. Ihr bisher einziger Lebensgefährte hat sie vor Jahren verlassen. Freunde hat sie keine. Sie arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten - von irgendetwas muss der Mensch schließlich leben. Es gibt nichts, was ihr Leben besonders macht. Da wird sie eines Tages Zeugin eines Selbstmordes, bleibt aber dabei anonym. Claire, eine Frau aus der Nachbarschaft, die alles hat, was Helen nicht hat, bringt sich um. Und von einem Moment auf den anderen, schlüpft Helen in die Rolle der Toten. Wie das geht? Unauffällig und zunächst subtil. Keiner findet heraus, dass Helen den Haustürschlüssel von Claire an sich genommen hat. Sie stöbert in Claires Leben herum und redet sich mit der Zeit ein, dass sie einen Anspruch auf deren Leben hat, inklusive Lebenspartner Simon, der als Psychotherapeut eine eigene Praxis betreibt. Anfangs versucht Helen, Simon als Patientin zu erobern. Dieser hat zwar während seiner Ehe mit Claire bei anderen Frauen nichts anbrennen lassen. Helen hält er jedoch auf Distanz. Warum sollte er sich auch auf sie einlassen. Sein Ehrenkodex als Therapeut verbietet es ihm. Außerdem ist sie nicht sein Typ. Doch irgendetwas hat sie an sich ...
"Aber irgendetwas beunruhigte ihn an dieser Patientin. ... Er suchte nach Worten, um die seltsame Anziehung zu umschreiben, die Helen auf ihn ausübte. Ungreifbar, ätherisch, androgyn. Kontrolliert, auch das. Dabei ängstlich-nervös und zart. Sie hatte etwas Klirrendes an sich, etwas Zerbrechlich-Kaltes."
Silke Knäpper lässt die Handlung aus 2 Perspektiven ablaufen. Zum Einen kommt man in den Genuss der verqueren und irrationalen Sichtweise von Helen, die sich immer mehr in das fremde Leben und die (nicht vorhandene) Beziehung zu Simon hineinsteigert. Dem gegenüber steht die Rationalität von Simon, die im Verlauf der Handlung in Hilflosigkeit und Verzweiflung mündet. Auch wenn man sein notorisches Fremdgehen während seiner Ehe nicht gut heißen kann, bleibt er doch das Stalking-Opfer einer Verrückten.

Silke Knäppers Roman hat das Potenzial zu einem Psychothriller. Der Roman ist zwar in keiner Weise reißerisch, doch trotzdem herrscht eine Spannung, die es in sich hat. Die Darstellung der Entwicklung von Helen ist bemerkenswert. Vom anfänglichen Durchschnitts-Mauerblümchen zur selbstbewussten, aber verblendeten und fanatischen  Frau. Dieses Selbstbewusstsein besitzt sie jedoch nur, weil sie in die Rolle und das Leben einer Toten geschlüpft ist. Man wird erstaunt sein, zu welchen Gedankengängen die besessene Helen fähig ist, um Simon zu erobern. Man wird aber genauso erstaunt sein, zu welchen Rachehandlungen sie fähig ist, sobald sie erkennt, dass Simon, das Objekt ihrer Begierde, partout nicht zu ihrem Glück zu zwingen ist.

"Das Lieben der Anderen" ist ein spannender Roman über ein Thema, das jeden treffen kann, ob man möchte oder nicht.
Leseempfehlung!

© Renie

Samstag, 5. Januar 2019

Vera Buck: Das Buch der vergessenen Artisten

Quelle: Pixabay/Bru-nO
Der Titel "Das Buch der vergessenen Artisten" ist Programm. Denn in diesem 750 Seiten starken Schmöker von Vera Buck geht es um vergessene Artisten und Künstler. Diese Menschen waren selbst zu Lebzeiten nur bei einigen wenigen bekannt, was jedoch ihre Besonderheiten und Talente nicht herabmindern darf. Vera Buck führt uns in ihrem Roman in das Schausteller-Milieu zur Zeit des Nationalsozialismus. In einem Interview betont sie, wieviel Recherche-Arbeit sie in dieses Buch investiert hat. Denn tatsächlich sind die Menschen, über die sie schreibt, in Vergessenheit geraten. Selbst in Zeiten von www und Wikipedia musste die Autorin ordentlich kramen, um an die wenigen überlieferten Informationen über diese Menschen zu gelangen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. "Das Buch der vergessenen Artisten" gehört für mich zu einem meiner Lesehighlights in 2018.
Quelle: Limes

Der Roman beginnt im Leben von Mathis Bohnensack, Schausteller, ehemals Virtuose an der Durchleuchtungsmaschine. Im Jahr 1935 ist er 48 Jahre alt. Er, seine Lebensgefährtin Meta, die als Kraftfrau auftritt sowie Metas geistig zurückgebliebener Bruder Ernsti, kampieren zusammen mit anderen Schaustellern vor den Toren Berlins.
"Meta hob verschiedene schwere Kugeln über den Kopf und hielt einen erwachsenen Mann mit ausgestreckten Armen auf einem Stuhl hoch. Mit einer Kette im Genick konnte sie einen 200 Pfund schweren Stein anheben. Sie zerbrach Nägel und Eisenstäbe, als wären es trockene Stöckchen."
Das Leben eines Schaustellers zur Zeit der Nationalsozialisten ist gefährlich. Die Gefahren entstehen jedoch nicht durch die teilweise aberwitzigen Kunststücke, die die Schausteller beherrschen. Die Gefahren, die von den politischen Machthabern und deren Schergen ausgehen, sind weitaus größer. Noch sind viele von den Künstlern geduldet, tragen doch viele durch ihre Engagements in den Clubs von Berlin zu einer schillernden und dekadenten Künstlerszene bei, in der sich auch die Nazis gerne tummeln. Doch mit Zunahme der Macht der Nationalsozialisten werden die Gefahren für die Schausteller, die selten dem idealen Menschenbild der Machthaber entsprechen, größer. Nach und nach "verschwinden" die Weggefährten von Meta und Mathis. Es ist, als hätte es sie nie gegeben. Mathis sieht sich in der moralischen Pflicht, gegen das Vergessen dieser besonderen Menschen vorzugehen. Er möchte ein Buch der vergessenen Artisten schreiben, welches die Lebensgeschichten seiner Schaustellerkollegen dokumentiert.
"'Es ist nicht fertig, nein. Vielleicht hätte ich es nie fertig bekommen. Wann immer ich denke, dass ich einen Punkt setzen könnte, kommt mir eine weitere Lebensgeschichte in den Sinn, die es wert wäre, aufgeschrieben zu werden.'"
Mathis ist im Alter von 15 Jahren zum Rummel gekommen. Dies erfährt man in einem 2. Handlungsfaden, der Mathis' Werdegang bei den Schaustellern schildert. Er ist einer von unzähligen Söhnen eines Bohnenbauerns. Mit einem verkrüppelten Bein, als Ergebnis einer Kinderlähmung, ist Mathis leider der schwächste Sohn in der Familie und damit auch der Unnützeste. Daher wird er von keinem vermisst, als er sich still und heimlich den Schaustellern anschließt, die eines Tages in seinem Dorf, mit dem bezeichnenden Namen Langweiler, auftreten. Meister Bo und dessen Röntgenapparat haben es ihm angetan. Er wird Bos Assistent und entwickelt eine Kreativität bei den Auftritten mit der Röntgenmaschine, die ihresgleichen sucht. Leider ist sich Mathis - wie alle anderen auch - der gesundheitlichen Gefahren, die von dem ungeschützten Umgang mit Röntgenstrahlen ausgehen, nicht bewusst. Die Konsequenzen werden sich erst später zeigen.

Während der Leser das Leben von Mathis, Meta und Ernsti in Berlin zur Zeit der Nazis verfolgt, kommt er gleichzeitig in den Genuss, durch Rückblenden auf Mathis Werdegang der letzten 30 Jahre, eine Abhandlung über die Geschichte des Schaustellertums zu bekommen. Natürlich hält sich Vera Buck dabei ganz dicht an Mathis und Metas Leben. Denn irgendwann treffen die beiden aufeinander und man wundert sich, dass solch unterschiedliche Menschen ein Paar werden. Er, der zurückhaltende und schüchterne junge Mann, von schwächlicher Statur; und sie, die muskelbepackte und impulsive Naturgewalt. Aber gleichzeitig entführt die Autorin den Leser an faszinierende Orte, die von der Geschichte des Schaustellertums nicht zu trennen sind. Sie bringt uns an Orte wie Zürich, mit seinem Panoptikum, Wien mit seinem Prater, Paris mit seinen Folies Bergère, München mit seinem Oktoberfest etc. etc. etc. Und es sind nicht nur die Orte, die faszinieren, sondern auch die Mischung der Charaktere, die dem Leser begegnen. Vera Buck bringt fiktive und reale Personen zusammen. Durch ihre Recherchearbeit zu diesem Roman ist sie auf viele real existierende Schausteller getroffen, die sich einen Namen in der Szene gemacht haben - auch wenn dieser bei den wenigsten Lesern bekannt ist bzw. in Vergessenheit geraten ist.
Ein paar Beispiele gefällig?
Siegmund Breitbart - der "Eisenkönig" und jüdischer Kraftathlet
Cora Eckers - eine "dicke, bärtige Zwergin"
Rosendo Fibolo - "das menschliche Nadelkissen"
Charlotte Rickert - eine Kraftfrau, die so ganz nebenbei als einzige Frau bei den olympischen Spielen 1936 beim Gewichtheben angetreten ist und ihren männlichen Konkurrenten demonstriert hat, wozu frau in der Lage ist
(Der Roman endet mit einer interessanten Übersicht der historischen Personen, die in die Handlung eingebunden sind. Allein diese Liste ist es schon wert, diesen Roman zu lesen)
"Es gab da ein Problem mit dem Männerbild, das Adolf Hitler in Deutschland postulieren wollte. Und das rührte daher, dass jeder Hanswurst sah, wie wenig Hitler selbst seine Kriterien erfüllte."
Es ist nicht nur die Faszination des Schaustellertums, die dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Einmal mehr wird der Finger in die nie verheilende Geschichtswunde, die durch den deutschen Nationalsozialismus verursacht wurde, gelegt. Und das ist gut so. Somit wird "Das Buch der vergessenen Artisten" zu einem Buch "Gegen das Vergessen", was es moralisch wertvoll macht.
Dabei wird der moralische Aspekt auf sehr ansprechende Weise vermittelt. Denn es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, was auf die gelungene Kombination aus der Darstellung des exotischen Schaustellerlebens und dem Sprachstil der Autorin zurückzuführen ist. Vera Buck beweist Humor, wo er angebracht ist, Respektlosigkeit gegenüber den Machthabern, Feingefühl gegenüber Artisten, von denen manche körperliche Gebrechen zu einer Attraktion machen, um überleben zu können. Die starken Frauen sind bei Vera Buck nicht nur aufgrund ihrer Körperkräfte und Muckis stark. Das Buch liest sich weg wie nichts. Hier ist keine Seite zuviel. Ich war schon ein bisschen traurig, als ich das Buch beendet habe. Die Geschichte hätte ewig weitergehen können.

Leseempfehlung! Leseempfehlung! Leseempfehlung!

© Renie