Donnerstag, 13. Februar 2020

Isabelle Autissier: Klara vergessen

Quelle: Pixabay/Free-Photos
Drei Menschen, drei Generationen, Verrat, Mord, ein unbarmherziges Regime, Meer und mehr ...
Das ist Isabelle Autissiers Roman "Klara vergessen".

Den russischstämmigen Ornithologen Juri erreicht in seiner Wahlheimat USA die Nachricht, dass sein Vater Rubin im Sterben liegt. Mit seinem Vater verbindet ihn nur die Vergangenheit. Das Vater-Sohn-Verhältnis ist zerrüttet. Die Beiden haben seit Juris Kindheit keinen Kontakt mehr zueinander. Dennoch macht er sich auf den Weg ins russische Murmansk, in dem er aufgewachsen ist und das er vor 25 Jahren verlassen hat. Am Sterbebett seines Vaters trägt dieser ihm auf, den Verbleib von Klara aufzuklären.
Klara war Rubins Mutter. Als ihr Sohn 4 Jahre alt war, wurde sie von den Stalinisten verschleppt. Ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt.
"Sein Vater, der immer nur vom Siegen gesprochen hatte, war nun selbst besiegt. Der reglose Körper war Ausdruck der unausweichlichen Niederlage angesichts von Krankheit und Tod. Juri dachte daran, dass auch er eines Tages so daliegen würde, und er hatte Angst. Naturgemäß war er als Nächstes an der Reihe." 
Der Roman "Klara vergessen" ist in mehrere Teile gegliedert. Während Juri sich in Murmansk bei seinem sterbenden Vater aufhält, gibt es mehrere Rückblenden in die Vergangenheit. Zunächst konzentrieren sich diese Rückblenden auf Juris Kindheit inmitten eines Murmansk, das noch unter den Nachwehen des Kommunismus leidet, aber dennoch bereits vorsichtig optimistisch in die Zukunft blickt. Denn Gorbatschows Perestroika kündigt sich an. Vater Rubin ist Kapitän auf einem Fischtrawler und daher Wochen und Monate lang unterwegs. Juri gegenüber präsentiert er sich als brutaler und grausamer Vater, dem der Sohn nie gut genug ist. Rubin hat den Anspruch, aus Juri einen echten Mann zu machen, egal, welche vorstellbaren und unvorstellbaren Mittel dafür notwendig sind. Vaterliebe hat da keinen Platz. Als Juri alt genug ist, ergreift dieser die Chance, die ihm ein Auslandsstudium bietet und flieht aus dem Einflusskreis seines Vaters. Er geht nach Amerika und bricht den Kontakt zu seinem alten Leben völlig ab.

In einer weiteren Rückblende geht es um Rubin. Auch er ist in Murmansk aufgewachsen. Doch zu seiner Zeit wehte ein anderer politischer Wind. Das russische Volk litt unter  Stalin und dem Kommunismus. Rubins Mutter wird verschleppt, als dieser 4 Jahre alt ist. Von da an erfährt er die Grausamkeiten und den Einfluss des politischen Systems am eigenen Leib. Als Kind einer Delinquentin hat er im stalinistischen Russland kaum eine Chance, aus seinem Leben etwas zu machen. Und auch sein Aufwachsen ist von Brutalität geprägt - wie der Vater, so der Sohn. Nur bei ihm ist es nicht der Vater, der ihm das Leben zur Hölle macht, sondern die Anderen - Kinder, Lehrer, Ausbilder etc. Durch Zufall entdeckt er seine Leidenschaft für die Seefahrt und schafft es, den Beruf des Kapitäns von der Pike auf zu erlernen und sich hochzuarbeiten.

Der Titel des Romans "Klara vergessen" ist Programm. Denn spätestens mit der Geschichte über Rubin hat man das Schicksal von Klara völlig aus den Augen verloren. Sie ist die große Unbekannte in diesem Roman. Denn zunächst wissen wir nur, dass sie verschwunden ist. Doch was für ein Mensch sie war, bzw. welches Schicksal sie erdulden musste, ist bis zu diesem Zeitpunkt in dem Buch völlig in den Hintergrund gerückt. Denn die Geschichten über ihren Sohn und Enkel sind viel zu eindringlich und mitreißend, als dass man einen Gedanken an Klara verschwendet. Sie gerät also in Vergessenheit.

Doch mit einem Mal taucht sie in dem Roman wieder auf: Im letzten Teil erfährt Juri schließlich - und somit auch der Leser -, welches Schicksal seiner Großmutter widerfahren ist. Aus der Perspektive von Klara erfahren wir, was es mit ihrem Verschwinden auf sich hatte. Klara wurde zum Opfer eines willkürlichen Systems. Sie verbrachte mehrere Jahre in Gefangenschaft und berichtet schonungslos aus dieser Zeit und ihren Erlebnissen.

Jeder Teil dieses Romans hätte für sich genommen den Stoff für ein eigenes Buch ausgemacht. Doch Isabelle Autissier verknüpft die Schicksale dreier Generationen und macht daraus einen eindrucksvollen Familienroman. Anhand der Entwicklung von Rubin und Juri wird deutlich, dass ein Leben nicht losgelöst von der Vergangenheit geführt werden kann. Zumindest für Juri wird am Ende bewusst, dass die Vergangenheit - egal wie lange diese zurück liegt - ihn zu der Person gemacht hat, die er heute ist.
"'Ich habe sie nicht gekannt, und man hat mir fast nichts von ihr erzählt. Aber ich habe den Eindruck, dass die Sache wichtig für mich geworden ist. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum.'"
Hat mich die Geschichte dieser Familie schon beeindruckt, bin ich von dem Sprachstil der Autorin noch begeisterter. Isabelle Autissier scheint einen besonderen Bezug zur Natur zu haben, den sie in wundervolle Worte kleiden kann. Ihre Naturschilderungen sind atemberaubend. Sie spricht damit nahezu alle Sinne an. So fror ich in der unbarmherzigen Kälte des Polarmeers oder roch die Tundra während des Frühlings. Allein diese Naturbeschreibungen haben den Roman zu einem literarischen Hochgenuss gemacht. Ich war ein bisschen traurig, als ich am Ende des Buches angelangt war.
"Das arktische Hoch richtete sich dauerhaft ein. die Luft strömte langsamer und legte sich wie ein Daunenbett über die Insel. Höchstens eine kleine Nachmittagsbrise ließ die Staubwedel des Wollgrases wogen. Der Gesang der Vögel und das Surren von Millionen Mücken lösten das Jaulen der Windböen und das Knirschen des Reifes unter den Füßen ab. Wieder einmal gewann das Leben."

Mein Fazit:
Isabelle Autissiser ist eine Geschichtenerzählerin par excellence. Nicht nur der Inhalt ihrer Geschichten ist fesselnd, sondern auch die Art, wie sie sie erzählt. "Klara vergessen" ist daher ganz großes Erzählkino!

Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 8. Februar 2020

Isabela Figueiredo: Roter Staub - Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Quelle: Pixabay/jeanvdmeulen
"Als Kolonialismus wird die meist staatlich geförderte Inbesitznahme auswärtiger Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansässigen Bevölkerung durch eine Kolonialherrschaft bezeichnet. Kolonisten und Kolonialisierte stehen einander dabei kulturell in der Regel fremd gegenüber, was bei den Kolonialherren im neuzeitlichen Kolonialismus mit dem Glauben an eine kulturelle Überlegenheit über die sogenannten „Naturvölker“ und teils an die eigene rassische Höherwertigkeit verbunden war." (Quelle: Wikipedia)
"Kolonialismus" ist ein höchst unangenehmes Thema, an das die ehemaligen Kolonialmächte (wozu auch Deutschland gehört) nicht gern erinnert werden. Denn wer lässt sich gerne dabei ertappen, dass er sich als "kulturell überlegen" gegenüber anderen Völkern sah und dabei an die eigene "rassische Höherwertigkeit" glaubte?
Noch unangenehmer wird es, wenn jemand aus den eigenen Reihen dieses unrühmliche Thema zur Sprache bringt.
Isabela Figueiredo ist eine von denen, die den Finger in die Kolonialismus-Wunde legen.
In ihrem Buch "Roter Staub - Mosambik am Ende der Kolonialzeit" erzählt die Tochter einer portugiesischen Kolonistenfamilie von ihrer Kindheit und dem kolonialen Alltag in Mosambik in den 1960er/1970er-Jahren.
Quelle: Weidle
"Ein Weißer und ein Neger zählten nicht nur zu verschiedenen Rassen. Die Entfernung zwischen Weißen und Negern glich der, die zwischen verschiedenen Spezies besteht. Sie waren Neger, Tiere. Wir waren Weiße, als Menschen, rationale Wesen. Sie arbeiteten für die Gegenwart, für den Zuckerrohrschnaps von 'heute'; wir, um uns eines Tages die beste Urne leisten zu können, für die beste Zeremonie am Tag unseres Begräbnisses." 
In der Mitte des 20. Jahrhunderts suchten viele Portugiesen ihr Glück in Mosambik. In der Heimat lief es nicht besonders. Portugal war zu diesem Zeitpunkt politisch und wirtschaftlich instabil. Also zog es viele Portugiesen in die Kolonien, in der Hoffnung, hier zu Reichtum und Wohlstand zu gelangen. 
Dieses Motiv machte sie also zu kolonialistischen Wirtschaftsflüchtlingen. 
Steht ein Flüchtling in unserer heutigen Zeit am Rande der Gesellschaft, sah die Welt in Mosambik damals anders aus. Denn die portugiesischen Wirtschaftsflüchtlinge nahmen sich wie selbstverständlich das, was ihnen nicht zustand und setzten sich an die Spitze der Gesellschaft. Dies geschah unter dem Deckmantel der Kolonialpolitik. Die portugiesischen Wirtschaftsflüchtlinge ernannten sich zum Herrenvolk, machte sich die einheimische Bevölkerung untertan und setzten somit eine Tradition fort, die ihre Anfänge 1497 gefunden hatte, als ein portugiesischer Seefahrer erstmalig afrikanischen Boden betrat.

Wie der Kolonisten-Alltag aussah, erfahren wir von Isabela Figueiredo. Sie gibt unverblümt wieder, wie sie ihre Kindheit als Tochter einer wirtschaftsflüchtigen Kolonistenfamilie erlebt hat. Geboren wurde sie 1963 in Mosambik. Ihr Vater war Inhaber eines kleinen Elektro-Unternehmens. Seine Tätigkeit bezog sich hauptsächlich auf das Herumkommandieren und Ausbeuten seiner farbigen Arbeiter. Diese waren also für das sogenannte "Auskommen" der Familie zuständig. Die Ausbeutung beschränkte sich leider nicht nur auf seine Arbeiter. Auch in sexueller Hinsicht übte der Kolonialherr seine Macht aus. Was ihm gefiel, nahm er sich.
"Der Schwarze stand auf der Stufenleiter ganz unten. Er hatte keinerlei Rechte. Einzig vielleicht das auf Wohltätigkeit, wenn er sie denn verdiente. Sofern er demütig war. Wenn er lächelte und leise sprach, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt und die Hände gefaltet, als würde er beten."
Von klein auf lernte die Autorin also, dass die farbige Bevölkerung ausschließlich für das Wohlergehen der portugiesischen Bevölkerung zuständig war. Und wie dieser Anspruch im Alltag geltend gemacht wurde, beschreibt sie aus ihren kindlichen Erinnerungen heraus. Sie gibt einzelne Erinnerungsfragmente wieder, vermischt mit ihren Reflexionen zu dem Erlebten und ihrem Alltag in Mosambik. Dabei bedient sie sich stellenweise einer deftigen Sprache, wobei die Verwendung des Wortes "Neger" noch harmlos ist. Die "Hüter der Political Correctness" würden zwar bei diesem Wort Amok laufen. Doch man kann sicher sein, dass politische Sprachkorrektheit in diesem Buch nichts verloren hat. Hier sollte man sich auf ganz andere Dinge konzentrieren, die empörend und moralisch fragwürdig sind. Und diese Dinge dürfen sprachlich weder beschönigt noch verharmlost werden.

Isabela versteht sehr früh, welches Unrecht die Portugiesen, und ihr Vater im Besonderen, in Mosambik ausüben. Doch als Kind ist sie nicht in der Lage, ihren Standpunkt zum Ausdruck zu bringen. Hinzu kommt, dass sie ihren Vater abgöttisch liebt. Mit der Nelkenrevolution (1974) verabschiedet sich Portugal von der bisherigen Kolonialpolitik. Das Leben wird für Weiße in Mosambik gefährlich. Der Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit, den die Einheimischen bereits seit den 60er Jahren kämpften, eskaliert. Die Eltern schicken Isabela, die mittlerweile 12 Jahre alt ist, nach Portugal zu ihrer Großmutter zurück. Isabela wird fortan als eine von den "retornados" angesehen. Dies ist eine verächtliche Bezeichnung für Portugiesen, die es in der Fremde nicht geschafft haben und wieder zurückkehren.
Mosambik hat nach dem politischen Umschwung keinen Platz mehr für Kolonialherren. Daher sind auch Isabelas Eltern gezwungen, das Land zu verlassen.

Was sie als Kind nicht geschafft hat, schafft Isabela in späteren Jahren in Portugal. Sie geht auf Konfrontation mit ihrem Vater. Der Liebe zwischen den Beiden tut dies jedoch keinen Abbruch. Vermutlich wartete sie deshalb mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen bis nach seinem Tod.
"Ich ertrug alle Haßreden meines Vaters. Ich hörte sie zwei Zentimeter vor seinem Gesicht an. Ich spürte den Speichel seines Hasses, der schwerer wiegt als der Speichel der Liebe, und ich bot ihm die Stirn, Auge in Auge, seinem Zorn, seiner Frustration, seiner so abstoßenden Ideologie. Solange ich ihn anhörte, sagte ich nichts, keinerlei Zustimmung, keine Regung, ich selbst aber war ein felsenfestes Nein."
Mit ihrem Buch erweist sich Isabela Figureido als "Nestbeschmutzerin" (ein Begriff aus dem Buch), wobei in Isabelas Fall das "Nest" nicht nur Portugal ist, sondern insbesondere ihre eigene Familie. 
Mit der Veröffentlichung von "Roter Staub" bezieht sie nicht nur Front gegen den portugiesischen Patriotismus sondern stellt auch noch postum den eigenen Vater bloß, indem sie ihn als Paradebeispiel des portugiesischen Kolonialherren zur Schau stellt.

Fazit:
"Roter Staub" ist ein mutiges und wichtiges Buch. Selten findet man Bücher über den Kolonialismus, die von Kolonialherren geschrieben wurden. Und wenn, driften diese schnell in die Schilderung einer romantischen Traumwelt ab, die bestenfalls für eine Hollywoodverfilmung geeignet wäre.
Isabela Figureido erzählt die schmutzige Wahrheit und scheut sich dabei nicht, sich selbst und ihre Familie zu beschmutzen. Ich habe großen Respekt vor diesem Mut und dieser Offenheit.

Leseempfehlung!

Mittwoch, 5. Februar 2020

Ulf Schiewe: Der Attentäter

Quelle: Wikimedia Commons

Das Attentat am 28. Juni 1914 auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und seine Frau in Sarajevo war der Auslöser für den 1. Weltkrieg. Wie es dazu gekommen ist und insbesondere, was in der Woche zuvor passiert ist, schildert der historische Thriller "Der Attentäter" von Ulf Schiewe.
Der Autor, der schon einige historische Romane geschrieben hat, ist mir für seine akribische Recherchearbeit bekannt. Daher haben seine Bücher einen besonderen historischen Stellenwert, sind sie doch so dicht wie es nur irgendwie geht an der Realität dran.

Auch in "Der Attentäter" findet sich wenig Fiktion, dafür umso mehr Tatsachen, die zu einem extrem spannenden Roman verknüpft sind.

Die weltpolitische Situation der Zeit vor dem 1. Weltkrieg deutet darauf hin, dass die Machthaber auf ein kriegerisches Gerangel um die Neuverteilung der Machtpositionen in der Welt aus waren. Auf dem Balkan war die Hölle los. Die Europäer trieben die Osmanen vom Balkan, waren sich aber untereinander auch nicht grün. Das Volk der Serben fühlte sich von den Österreichern unterdrückt, was diese aber nicht wahrhaben wollten. Schließlich waren sie diejenigen, die erheblich zur Befreiung des Balkans beigetragen haben. Außerdem war der Balkan durch seine Nähe zu Europa und zum Meer strategisch reizvoll für die Russen. Daher war Österreich ein strategischer Störfaktor. Der Balkan war somit ein Pulverfass und es brauchte nur einen einzigen Funken, um die Explosion - sprich den ersten Weltkrieg - auszulösen. Und das war das Attentat eines Serben auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand.
(An dieser Stelle entschuldige ich mich für meine rudimentären Geschichtskenntnisse. Aber so ungefähr wird es gewesen sein.)
Quelle: Bastei Lübbe
"' ... Wir leben in Europa gefährlich nahe am Randes eines großen Krieges. Frankreich, England und Russland sind gegen uns verbündet. Auf Italien kann man sich nicht verlassen. Natürlich bin ich froh, dass wir mit den Deutschen einen starken Verbündeten im Rücken haben. Aber machen wir uns nichts vor: Die Machtbalance in Europa steht auf der Kippe. Eine Kleinigkeit könnte genügen, die Katastrophe auszulösen. ..."
Man beginnt "Der Attentäter" also mit dem Wissen, wie die Story ausgehen wird. Am Ende sterben Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Frau Sophie im Kugelhagel des Attentäters Gavrilo Princip, Tatort: Sarajevo. Ulf Schiewe beantwortet jedoch mit seinem Roman die Frage, was in den Tagen vor dem Attentat passiert ist bzw. passiert sein könnte, wobei Spekulationen hier nur sehr wenig Raum haben.

Der Roman ist in 7 Kapitel sowie Prolog und Epilog aufgeteilt. Einem Countdown gleich behandelt jedes Kapitel einen Tag der Woche vor dem Attentat, angefangen mit Montag, dem 22. Juni 1914.

Die Charaktere in diesem Roman sind größtenteils reale Personen, einige wenige sind fiktiv. Ein Personenverzeichnis am Ende des Buches gibt Auskunft darüber, welcher Charakter welchem Kreis zuzuordnen ist. Die Handlung wird aus wechselnden Perspektiven geschildert, allen voran die des Attentäters Gavrilo sowie seines Opfers Franz-Ferdinand, oder aber Markovic, einem fiktiven Major des österreichisch-ungarischen Geheimdienstes.

Trotzdem man weiß, dass der Ausgang dieser Geschichte unvermeidlich ist, ertappt man sich doch dabei, dass man völlig irrational auf eine Wendung in der Handlung hofft. Man zittert also mit den Charakteren und möchte sie manches Mal schütteln und sie in ihren Handlungsweisen beeinflussen können. Denn Ulf Schiewe macht deutlich, dass das Attentat auf das Thronfolger-Ehepaar auch eine Folge von Verkettungen blöder Zufälle und falscher Entscheidungen gewesen ist. Hätte der Zufall nicht geholfen, könnte man vermuten, dass die Geschichte anders ausgegangen wäre.
"Am Ende ist vielleicht gar nichts, und sie machen sich hier umsonst verrückt. Dann wird Potiorek recht gehabt haben, und beim Besuch des Erzherzogs hat es nichts als schwülstige Reden gegeben, begeistert winkende Menschen, Blumen für die Herzogin und einen Kinderchor, der den beiden ein Ständchen bringt. Am Ende reisen die Herrschaften dann wohlbehalten ab, und sie können endlich wieder aufatmen."
Besonders gut hat mir in diesem Roman die Schilderung des damaligen Zeitgeistes gefallen. Für mich war die Zeit vor dem 1. Weltkrieg nie wirklich greifbar. Viele Ereignisse und Zeitgenossen aus dieser Zeit waren mir lediglich voneinander losgelöst bekannt. Doch in "Die Attentäter" werden sie in einen Kontext gebracht. Das kann bspw. eine Berta von Suttner sein, Cousine der Frau des Thronfolgers und eine Figur in diesem Roman, die nur am Rande Erwähnung findet. Heutzutage ist Berta von Suttner vielen als Schriftstellerin und Friedensforscherin ein Begriff. In "Die Attentäter" wird deutlich, mit wieviel Widerstand die Dame zu kämpfen hatte, und unter welchen schwierigen Verhältnissen sie ihren Standpunkt vertreten musste, was ihre Arbeit rückblickend noch um einiges bemerkenswerter macht.
Genauso sind es auch die kleinen Dinge, die für den damaligen Zeitgeist stehen und dem Roman einen großen Charme verleihen. Mir war bspw. nicht bewusst, dass Mineralwasser in Glasflaschen damals eine aufsehenerregende Neuerung war und als Getränk den Reichen und Adeligen vorbehalten war. Es gibt also einige Aha-Erlebnisse in diesem Buch, die mir sehr viel Lesefreude bereitet haben.

Fazit:
Ein historischer Roman mit wenig Fiktion, dafür umso mehr Fakten, die zu einem hochkarätigen und spannenden Thriller verwoben sind.
Daher: Willst Du wissen, wie es früher war, lies einen Schiewe.

© Renie


Freitag, 31. Januar 2020

Yangsze Choo: Nachttiger

Quelle: Pixabay/InspiredImages
"Ein Tiger. Gelegentlich brachten die Zeitungen grausige Berichte von Menschen, die von Pythons erwürgt, Krokodilen gefressen oder Elefanten totgetrampelt worden waren. Aber ein Tiger war etwas anderes. Vor Tigern musste man besonderen Respekt haben. Wenn man sich in den Dschungel begab, musste man die Tiger mit Zaubersprüchen besänftigen. Es hieß, dass ein Tiger, der zu viele Menschen verschlungen hatte, in der Lage sei, menschliche Gestalt anzunehmen und sich unerkannt unter uns zu mischen."
Der Roman "Nachttiger" der Malayin Yangsze Choo führt uns nach British Malaya, dem heutigen Malaysia der 1930er Jahre. Malaysia war zu diesem Zeitpunkt eine Kolonie Großbritanniens. Viele der englischen Kolonialisten ließen es sich hier gutgehen. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit freundlicher Unterstützung der malayischen Bevölkerung, natürlich unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit. Schließlich galt es, den unterentwickelten Einwohnern den rechten Glauben und die rechte Kultur nahezubringen.
(Das soll es an dieser Stelle an unterschwelliger Kritik an dem Kolonialismusgedanken gewesen sein)

Der Roman "Nachttiger" spielt in einem Tal Malaysias, das für seine enormen Zinkvorkommen bekannt war und ist - das Kinta-Tal. Wir treffen zunächst auf Ren, einem 10jährigen chinesisch-stämmigen Jungen, der einem Doktor MacFarlane als Hausboy zur Verfügung steht. Der Doktor liegt im Sterben und nimmt dem Jungen das verrückte Versprechen ab, den amputierten Finger des Arztes zu finden und in dessen letzte Ruhestätte zu packen. Dabei muss eine Frist von 49 Tagen, beginnend mit dem Zeitpunkt des Todes, eingehalten werden. Zurecht erscheint diese Aufgabe merkwürdig und skurril und hat folgenden abergläubischen Hintergrund: ein Körper muss vollständig sein, will die Seele des Verstorbenen zur Ruhe kommen. Sollte diese Aufgabe nicht erfüllt werden, wird die Seele auf ewig und ruhelos durch die Welt irren. Und welche Seele will das schon?

Als Leser ahnt man, dass sich die Handlung dahingehend entwickeln wird, dass der kleine Junge sich an die scheinbar unlösbare Aufgabe begibt. Denn Malaysia ist groß und der Junge hat so gut wie keine Anhaltspunkte. Zunächst einmal kommt er in dem Haushalt eines Kollegen von Dr. MacFarlane unter. Er wird sozusagen "vererbt".
Quelle: Wunderraum
" ..., dass die Europäer kommen und gehen. Einige sind schon nach zwei Jahren wieder weg, während andere für immer bleiben; sie haben sich so an ihr tropisches Luxusleben mit Bediensteten gewöhnt, dass sie in England überhaupt nicht mehr zurechtkämen."
Parallel zu der Geschichte um Ren und seiner Suche nach dem Finger tut sich ein weiterer Handlungsstrang auf. Hier geht es um Jin Lee, eine junge Dame, die in in einer Schneiderei in Ipoh arbeitet, der größten Stadt des Kinta-Tals. Die Schneiderei ist jedoch nur ein Vorwand. Denn aus finanziellen Gründen arbeitet Jin Lee heimlich als Eintänzerin in einem Tanzpalast. Hier steht sie zahlungswilligen Kunden als Tanzpartnerin zur Verfügung. Nicht mehr und nicht weniger. Ihre Familie lebt im benachbarten Falim. Ihr verhasster Stiefvater ist Zinnhändler, wohlhabend und gewalttätig. Trotzdem Jin Lees Mutter unter ihrem Mann zu leiden hat, scheint es doch so etwas wie Liebe zwischen den beiden zu geben. Der Stiefvater hat seinen leiblichen Sohn Shin bereits aus dem Haus geekelt. Dieser studiert nun Medizin in Singapur, ist aber dennoch häufig zuhause. Shin und Jin Lee sind etwa gleichaltrig. Nicht nur die Tatsache, dass sie am selben Tag Geburtstag haben, macht sie zu Seelenverwandten. Die beiden verbindet mehr als eine geschwisterliches Verhältnis vermuten lässt.
Mit dem Handlungsstrang um Jin Lee zeichnet sich ab, mit welchen Schwierigkeiten frau im malayischen Kulturkreis zu kämpfen hat(te). Als gehorsame Tochter steht Jin Lee unter der Fuchtel des strengen Stiefvaters. Dieser zwang sie, von der Schule zu gehen, da er ihren "unschicklichen" Wunsch nach einer Ausbildung zur Krankenschwester auf gar keinen Fall dulden wollte. Jetzt wartet er darauf, Jin Lee endlich unter die Haube bringen zu können und damit die Verantwortung für sie in andere männliche Hände geben darf. Durch Jin Lees hart erkämpften Freiraum, der ihr das Leben unter der Woche in einer anderen Stadt gewährt, bewegt sie sich insbesondere in Anbetracht ihrer Tätigkeit als Tänzerin auf sehr gefährlichem Terrain. Wenn das rauskommt!
Nun fragt man sich, welches der gemeinsame Nenner zwischen den beiden Handlungssträngen um den kleinen Jungen Ren und Jin Lee ist. Denn scheinbar gibt es keine Verbindung zwischen den Beiden.
Scheinbar ... Denn irgendwann werden sich Ren und Jin Lee über den Weg laufen. Und der verlorengegangene Finger des Dr. MacFarlane wird dabei eine große Rolle spielen.
"'Nun ja, die Malaien sagen, jeder Finger habe eine Persönlichkeit: Der Daumen ist der Mutterfinger oder ibu jari. Dann kommt der Zeigefinger, jari telunjunk, der den Weg weist. Der dritte Finger, jari hantu, ist der Geisterfinger, weil er länger ist als die anderen. Der vierte ist der Ringfinger; in manchen Dialekten nennt man ihn den Namenlosen. Der kleine Finger ist der schlauste.'"
Dieser Roman hat mich auf vielfältige Weise fasziniert.
Wir haben eine verrückte Geschichte über die Suche nach einem verloren gegangenen Finger. Einem Europäer mag der Hintergrund dieser sehr speziellen Bitte eines sterbenden Mannes merkwürdig erscheinen. Für jemanden, der aus einer Kultur stammt, für die Tradition und Aberglaube zum Leben dazugehören, ist sie verständlich.

Wir treffen auf Exotik pur. Dabei denke ich nicht nur an den Schauplatz sondern auch an den Sprachstil der Autorin. Sie transportiert diese Exotik in ihrer Ausdrucksweise und lässt Bilder im Kopf entstehen, die einen den Dschungel Malaysias hören, riechen und fühlen lassen. Dabei verwendet sie viele Vergleiche, die einem Europäer eigentümlich erscheinen, aber gerade deshalb einen großen Reiz ausmachen.

Yangsze Choo lässt den Leser in eine Welt voller Traditionen und Mythen eintauchen. Wer meinen Lesegeschmack kennt, weiß, dass ich Schwierigkeiten mit Büchern aus dem Mystik- und Esotherik-Regal habe. In dem Moment, wo Logik und gesunder Menschenverstand nicht zu gebrauchen sind, fange ich an, über ein Buch zu schimpfen. Doch in dem Fall des "Nachttiger" hat es mich nicht gestört. Hier begegnen wir einer Mystik und einem Aberglauben, den ich als schmückendes Beiwerk empfunden habe, um die Exotik dieses Romans zu untermalen. Hinzu kommt, dass die Mystik weitestgehend in den Träumen der Protagonisten stattfindet. Und in der Traumwelt wie im Märchen ist alles möglich und erlaubt.
Stichwort "Märchen": Tatsächlich könnte man diesen Roman als ein modernes exotisches  Märchen bezeichnen. Es gibt die Guten und die Bösen. Und am Ende gewinnen die Guten. Es gibt eine nahezu unlösbares Rätsel in Form des verschwundenen Fingers, das aber am Ende gelöst wird. Es gibt Monster und Geister. Denn dieser Roman heißt nicht umsonst "Nachttiger". Am Ende bekommt der Prinz seine Prinzessin. Und wenn sie nicht gestorben sind ....

Und wem das Märchen an dieser Stelle nicht genug ist. Ein großes Stück Krimi findet sich ebenfalls in diesem Roman. Alles in allem ist "Nachttiger" ein fantasievoller, exotischer Schmöker, der den Alltag vergessen lässt, weil er den Leser in eine völlig fremde Welt entführt. Leserherz, was willst du mehr?!

© Renie

Donnerstag, 23. Januar 2020

Mick Herron: Dead Lions

Quelle: Dušan Smetana on Unsplash
Die lahmen Gäule sind wieder unterwegs. Diesmal haben sie es mit toten Löwen zu tun. Wer die Gäule sind, wissen wir seit dem ersten Teil um den Agenten Jackson Lamb und seine Mitarbeiter - allesamt Agenten, die sich nicht mit Ruhm bekleckert haben und daher strafversetzt wurden. Zumindest steckte man sie in eine Abteilung, wo sie keinen großen Schaden anrichten können. Sie sind die besagten "Slow Horses" (lahme Gäule).
Doch was es mit den toten Löwen auf sich hat, erfahren wir in Mick Herrons zweitem Roman "Dead Lions".

In dem neuen Fall der Slow Horses befasst man sich mit den Nachwehen des Kalten Krieges. Der Feind ist der Russe. Der KGB lässt grüßen. Mitten in London treiben russische Spione ihr Unwesen. Jackson Lamb holt die Vergangenheit ein. Auch er war damals in die Agentenscharmützel zwischen Ost und West involviert. Kaum zu glauben, dass ein längst abgeschlossenes Kapitel der Spionagegeschichte wieder geöffnet wird.
Quelle: Diogenes 
"Der Kalte Krieg war Geschichte, aber seine Granatsplitter waren noch überall."
Es ist nicht so, dass die Slow Horses den Auftrag haben, das Agentenproblem zu lösen. Denn man darf nicht vergessen, dass die Slow Horses auf dem Abstellgleis sind. Dass sie auf einmal doch ihre Hufe im Spiel haben, haben sie ihrem Boss Jackson Lamb zu verdanken, der sich in Eigenregie in die Ermittlungen einschaltet. Jackson Lamb macht, was er will. Und seine Mitarbeiter machen, was er will.
Sie sind Kummer gewöhnt. Auf dem Abstellgleis, mit stumpfsinnigen Aufgaben betraut, hat das Selbstbewusstsein jedes Mitarbeiters von Lamb gelitten. Die ruppige und verächtliche Art und Weise, die Jackson Lamb im Umgang mit seinen Mitarbeitern an den Tag legt, sind da auch nicht förderlich. Und dennoch wachsen sie über sich selbst hinaus, wenn es darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Insbesondere, wenn dabei einer von ihnen in Gefahr ist.
"Lamb konnte einen fertigmachen, allein schon indem er vor einem stand, und man hielt ihn solange für bedrohlich, bis er wegging und man sich fragte, wer das Licht ausgeschaltet hatte."
Mick Herron ist seiner Linie, die er im ersten Band eingeschlagen hat, erfreulicherweise treu geblieben. Nach wie vor präsentiert er einen Jackson Lamb, der ein menschenverachtender Widerling ist. Doch spätestens in dem Moment, wo Lamb seinen machtverliebten und karrieregeilen MI6 Mitstreitern in die Parade fährt, hat man ihn ins Herz geschlossen. Schadenfreude ist nicht umsonst die schönste Freude.

Mick Herron ist ein Meister des Verwirrspiels. Er schafft mehrere Handlungsstränge, die irgendwie miteinander zusammenhängen und aus unterschiedlichsten Perspektiven erzählt werden. Doch bis zum Schluss lässt er den Leser im Unklaren, welches der große gemeinsame Nenner ist. Dabei treibt er den Leser durch die einzelnen Kapitel, die er gemeinerweise gern mit einem Cliffhanger enden lässt. Die Spannung ist dementsprechend extrem hoch.
"Wenn Löwen gähnen, heißt das nicht, dass sie müde sind. Es heißt, dass sie aufwachen."
Hat mir der erste Teil der Serie um Jackson Lamb schon sehr gut gefallen, hat Mick Herron mit "Dead Lions" noch einen drauf gesetzt. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass immer noch mehr geht und bin daher gespannt auf das, was von Mick Herron noch kommen wird.
Leseempfehlung!

© Renie



Montag, 13. Januar 2020

Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee

Quelle: Pixabay/olleaugust
Der amerikanische Autor Daniel Mendelsohn ist Professor für Altphilologie. In seinem Buch "Eine Odyssee" geht es, wie der Titel schon sagt, um das klassische Heldenepos aus der Antike. 

Odysseus brauchte 10 Jahre um aus dem Trojanischen Krieg nach Hause zu kommen. Während dieser 10 Jahre erlebte er mehr oder weniger spektakuläre Abenteuer. Am Ende kehrte er mit Hilfe der Götter in seine Heimat Ithaka zurück, wo sich seine Frau Penelope in seiner Abwesenheit diverser Annäherungsversuche seiner Konkurrenten erwehren musste. Ihre Ehre konnte sie retten. Sie konnte jedoch nicht vermeiden, dass sich Odysseus' Konkurrenten an Ithakas Hof einquartiert und durchgeschnorrt haben. Als Odysseus wieder in seine Heimat zurückkehrte, machte er kurzen Prozess mit den Schnorrern.
Dies ist meine persönliche Schmalspur-Version der Odyssee, die es im Original insgesamt auf 24 Gesänge (Strophen) und 12110 Verse bringt.

Worum geht es sonst noch in Daniel Mendelsohns "Eine Odyssee"?
Der Autor gibt ein Seminar über die Odyssee. Überraschenderweise wird auch sein Vater Jay, 81 Jahre und pensionierter Mathematiker, an diesem Kurs teilnehmen.
Das Seminar geht über mehrere Wochen, ist aber der Anfang eines Jahres, das Vater und Sohn einander näher bringen wird. Leider ist es auch das letzte Jahr im Leben von Jay Mendelsohn.
Quelle: Siedler
"Eine lange Reise, die wir beide einmal unternommen haben. Im Interesse von Präzision, auf die mein Vater großen Wert legte, sollte ich sagen, dass die Reise, die wir gemeinsam unternahmen, eine Heimkehr war. Die Geschichte beginnt mit einem Sohn, der aufbricht, seinen Vater zu retten, aber die Heimreise endet, wie das bei Reisen manchmal eben passiert, mit einem noch viel größeren Drama als demjenigen, das alles in Gang gesetzt hat."
Ich gestehe, ich hatte es in meinem bisherigen Leseleben nicht so sehr mit Sachbüchern. Was hat mich also dazu gebracht, zu diesem Buch zu greifen? 
Zunächst bin ich nicht nur Sachbuch-Muffel sondern auch ein Kulturbanause, wenn es um die alten Griechen geht. Wie vermutlich viele andere, habe ich nur ein rudimentäres Wissen, was die griechischen Klassiker angeht. Mein Interesse an den Klassikern ist groß, mein Respekt vor der Lektüre von Klassikern ist noch größer. Daher fand ich den Gedanken ganz charmant, ein Buch von einem Altphilologen zu lesen, der mir die Geschichte von Odysseus ein Stück näher bringt. Hinzu kam die Aussicht auf eine Verbindung zwischen dem antiken Heldenepos und dem Leben von heute. Denn Daniel Mendelsohn stellt in seinem Buch Parallelen zwischen dem alten Griechen und dem Leben seines Vaters Jay sowie der Vater-Sohn-Beziehung (Jay/Dan) her.

Wie hat Daniel Mendelsohn die beiden Aspekte umgesetzt?

Die Odyssee
Bei Daniel Mendelsohn würde ich auch gern in der Vorlesung sitzen. Er hat eine lebhafte Art, die Odyssee zu erläutern bzw. Interpretationsansätze zu vermitteln. Er weist auf viele sprachliche Eigenheiten hin, genauso wie auf Verbindungen zu anderen klassischen Werken der griechischen Antike. Zugegeben: Das kann manchmal zu einem Informations-Overflow führen. Gerade am Anfang des Buches, versucht man möglichst viel Wissen in sich aufzusaugen. Man sollte beim Lesen jedoch die Schwäche zulassen, nur ein Teil dessen zu verarbeiten, was man tatsächlich an Informationen mitbekommt. Denn machen wir uns nichts vor. Die Odyssee existiert seit etwa 3000 Jahren. Viele Gelehrte haben sich aufgrund unterschiedlicher Interpretationsansätze an die Köpfe gekriegt. Da kann man als Leser dieses Buches doch nicht erwarten, dass man das, wofür andere Jahre lang studiert haben, innerhalb von knapp 350 Seiten verinnerlicht. Mut zur Wissens-Lücke! Denn am Ende dieses Buches hat man immer noch reichlich Input zur Odyssee bekommen, dass man die Lektüre dieses Buches als Bereicherung empfindet.
"Der beste Pädagoge ist derjenige, der einen für Dinge begeistern kann, die er schön findet, sodass das Gefühl für die Schönheit dieser Dinge ihn überdauern wird. Und weil dem ein Bewusstsein von der Endlichkeit des Lebens zugrunde liegt, sind gute Lehrer gute Vaterfiguren."
Eine andere Form der Bereicherung erhält man durch die Darstellung der

Vater-Sohn-Beziehung
Jay war zeitlebens ein verschlossener und ernsthafter Mensch, der seinen Söhnen (Dan hat noch einen Bruder) einen Mordsrespekt, wenn nicht sogar Angst eingeflößt hat. Stärke zeigen, in allen Lebenslagen. Diesen Anspruch hatte Jay nicht nur an sich, sondern natürlich auch an seine Mitmenschen. Seine Verächtlichkeit gegenüber Schwäche konnte sehr verletzend sein, wobei er seinen Söhnen gegenüber jedoch nie ausfallend geworden ist. Seine Kritik war eher eine stille und zurückhaltende, die aber gerade deswegen umso heftiger spürbar war.
Jay ist ein Bücherwurm. Es gab quasi nichts, was er sich nicht selbst aneignen konnte. Und darauf war er stolz. Nur bei einem Punkt hatte er Nachholbedarf: das Erlernen von Latein und das Lesen der griechischen Klassiker. Wie sein Sohn Dan hat Jay schon früh sein Interesse an der Altphilologie entdeckt. Aus unbekannten Gründen schlug er jedoch den Weg der Mathematik ein - an und für sich kein falscher Weg, denn auch hier hat er großes Talent. Umso mehr freut es ihn, dass Dan sich für den Studienzweig der Altphilologie entscheidet.
Nun taucht also der Vater bei seinem Sohn in der Vorlesung auf. Eine unangenehme, wenn nicht gar peinliche Situation für den Sohn. Von Woche zu Woche sitzt ihm also sein Vater wortwörtlich im Nacken - auf einem Stuhl in einer Ecke des Seminarraums verfolgt Jay die Vorlesung. Dabei hält er nicht mit Kritik hinter dem Berg. Nicht an der Unterrichtsmethodik seines Sohnes sondern an Odysseus, dem Helden selbst.
"Mein Vater machte ein Gesicht, als hätte er die Dinge bessser im Griff gehabt als Odysseus, als hätte er die zwölf Schiffe mit ihren Besatzungen heil nach Hause gebracht. Du gibst also zu, sagte er, dass er alle Männer verloren hat? 

Ja, sagte ich, fast trotzig. Ich kam mir wie ein Elfjähriger vor, und Odysseus war ein frecher Klassenkamerad, zu dem ich halten würde, auch wenn das hieß, dass ich mit ihm bestraft würde."
Jay liefert interessante Denkansätze und trägt somit zur Diskussion der Studenten über den Lernstoff bei. Dan kann einfach den Missmut über die Teilnahme seines Vaters an seinem Seminar nicht ablegen, obwohl er häufig durch dessen Beiträge überrascht wird. Im Verlauf des Seminars entdeckt Dan viele Facetten an seinem Vater, die ihm bis dato nicht bewusst waren. Und so zeichnet sich ab, dass die bisherige Vater-Sohn-Beziehung neu definiert wird.

Dazu trägt auch eine gemeinsame Kreuzfahrt bei, welche die beiden im Anschluss an das Seminar unternehmen werden. Die Grundidee für diese Reise war zunächst, die Seminarinhalte mit Leben zu füllen, indem man die Originalschauplätze der Odyssee besucht. Doch tatsächlich wird diese Reise ein weiterer Beitrag, um die Vater-Sohn-Beziehung in einem völlig anderen Licht aufleben zu lassen.

Die Parallelen, die Daniel Mendelsohn zwischen der Odyssee und einem persönlichen Teil seines Lebens herstellt, sind in diesem Buch überall zu finden. Jay ist Dans Odysseus. Jays Leben im Ganzen, aber auch das letzte Jahr, indem sich Vater und Sohn näher kommen, ist die Odyssee. Es gibt Charaktere in der Odyssee, die auf Protagonisten im Leben von Dan und Jay adaptiert werden können.
Der grobe Aufbau der Odyssee sowie stilistische Mittel finden sich in der Erzählung über die Vater-Sohn-Beziehung wieder.
Mendelsohn zieht seine Kreise in der Erzählung. Er kommt vom "Hündchen" aufs "Stöckchen". Zu manchen Gegebenheiten holt er weit aus, kramt in der Vergangenheit, findet aber immer den Weg zurück in das Seminar über die Odyssee und der Beschreibung des letzten Lebensjahres seines Vaters.
"Der Zukunft können wir uns nur zuwenden, wenn wir uns mit unserer Vergangenheit versöhnt haben."
Fazit:
Ich bin restlos begeistert von diesem Buch. Es ist lebhaft geschrieben. Durch den steten Wechsel zwischen den Erläuterungen zur Odyssee und der Vater-Sohn-Beziehung kommt es zu keinerlei Ermüdungserscheinungen innerhalb des wissenschaftlichen Teils, was ich anfangs befürchtet hatte. Tatsächlich habe ich zwischenzeitlich vergessen, dass es sich um ein Sachbuch handelt. Es gab Entwicklungen in der Geschichte um die Vater-Sohn-Beziehung, in der ich die Fantasie des Autors bewundert habe. Aber von wegen Fantasie. Dies ist eine Geschichte aus dem echten Leben und für mich der Beweis, dass das Leben die schönsten Geschichten schreibt.

Leseempfehlung!

© Renie




Donnerstag, 2. Januar 2020

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Quelle: Pixabay/Kranich17
Durch die Adern der amerikanischen Schriftstellerin Louise Erdrich fließt Indianerblut. Ihr Großvater mütterlicherseits war Häuptling der Chippewas in North Dakota. Ihr indianisches Erbe findet sich in ihren Werken wieder. Für eines dieser Werke - " The Round House" - wurde sie 2012 mit dem National Book Award ausgezeichnet.

Das große Thema in Erdrichs Romanen ist also das Leben der Indianer. Dabei siedelt sie ihre Romane in der Zeit nach 1912 bis zur Gegenwart an. Mit Wildwest-Romantik, Cowboy und Indianer-Kämpfpen haben ihre Romane daher herzlich wenig zu tun. 

In ihrem aktuellen Roman "Die Wunder von Little No Horse" geht es um den Stamm der Ojibwe, der in dem Reservat "Little No Horse" angesiedelt wurde. Protagonist dieses Romans ist Agnes alias Father Damien Modeste.
Agnes, die für kurze Zeit in einem Kloster lebte, jedoch ihren Glauben an Gott nicht mit den ihr auferlegten Regeln einer Nonne in Einklang bringen konnte, sucht ihr Heil außerhalb der Klostermauern. Der Zufall will, dass sie in die Identität eines gerade verstorbenen Priesters schlüfen kann, der sich gerade auf dem Weg nach Little No Horse befand, um den dort lebenden Indianern geistlichen Beistand zu leisten und christliche Ordnung in das heidnische Leben dieser Menschen zu bringen.
Agnes wird also unbemerkt zu Father Damien, lebt sich in Little No Horse ein und wird ein wichtiger Bestandteil der indianischen Gemeinschaft. Er ist neugierig und aufgeschlossen gegenüber der fremden Kultur. Das Leben der Indianer ist eine Gratwanderung, gilt es doch einerseits, die indianische Kultur zu bewahren und andererseits, sich dem, von den Weißen für sie vorgesehenen Leben anzupassen.
Quelle: Aufbau
"Es ist schwer, jemanden zu hassen, der einen liebt. Egal, was sie einem antun, man erwidert es mit einem Geflecht dieser beiden Gefühle. Nicht dem einen, nicht dem anderen. Aber schmerzvoll ist es."
Der Roman wird in zwei Zeitebenen erzählt. Er beginnt 1996. Damien ist mittlerweile ein gebrechlicher alter Priester, der sein Leben gelebt hat. Er erhält Besuch von Father Jude, der die Aufgabe hat, die Heiligsprechung einer ehemaligen Nonne aus Little No Horse vorzubereiten. Dafür befragt Jude Menschen, die diese Schwester zeitlebens gekannt haben. So auch Father Damien. Im Rahmen dieser Befragungen erinnert sich Damien an sein Leben in Little No Horse. Es gibt also einen stetigen Wechsel zwischen der Gegenwart und den Episoden aus Father Damiens Leben. Dabei lernen wir Menschen kennen, die Damien begleitet haben und ihm ans Herz gewachsen sind. Leider ist es mir nicht gelungen, den Charakteren nahe zu kommen. Durch die episodenhafte Schilderung hat man kaum Gelegenheit, sich mit den einzelnen Personen vertraut zu machen. Da ist der Figurenstammbaum zu Beginn des Buchs eine große Hilfe, die ich bis zum Ende des Romans ständig in Anspruch nehmen musste.

Die Charaktere in diesem Roman sind von Louise Erdrich sehr liebevoll angelegt. Man spürt die Verbundenheit der Autorin mit den Indianern. Daher scheint es verwunderlich, dass Louise Erdrich bei vielen Charakteren, die Grenze zur Skurrilität überschreitet und man manchmal den Eindruck hat, dass sie diese Figuren der Lächerlichkeit Preis gibt. Hier hätte ich von der Autorin einen respektvolleren Umgang mit ihren Charakteren erwartet.

In gewisser Weise versteht Louise Erdrich, den Leser zu faszinieren. Dabei ist das "Wie", also die Art und Weise, wie sie die Geschichte erzählt entscheidend. Denn ihr Sprachstil ist malerisch bildhaft. Sie schafft Bilder im Kopf, die verzaubern können. Gleichzeitig legt sie einen Humor zutage, der mir viele kleine besondere Momente in diesem Roman beschert hat, die an Situationskomik nicht zu überbieten waren. Probleme hatte ich da eher mit dem "Was", also den Inhalten. Denn in diesem Roman findet sich eine gehörige Portion indianischer Mystik wieder, auf die man sich als Leser einlassen muss. Da kann einem der gesunde Menschenverstand bei der Lektüre im Weg stehen. So auch mir. Diesen magischen Realismus, der für Louise Erdrichs Romane bezeichnend ist, muss man also mögen.
"Die Stimmen mischten sich mit ihren Sinnen, drangen ihr in den Kopf. Sie bemühte sich, ruhig zu atmen, nicht in Panik zu geraten, doch da wurde sie schon von einer gewaltigen Schwäche verschlungen und hörte oder wusste, auch das war nicht sicher - gab es jenseits der Erfahrungen, die sie bisher hatte machen dürfen, Geister? ... Sie bekreuzigte sich und öffente die Tür der einsamen Hütte, aus der ihr der Gestank von Gespenstern entgegenschlug."
Bleibt zum Schluss noch die Frage, was es mit der Wandlung von Agnes zu Damien auf sich hat. Merkwürdigerweise war dies in diesem Roman über lange Zeit kein relevantes Thema. Agnes wird zu Damien und keinen stört es, am wenigsten Agnes? Hier habe ich gehofft, dass der Agnes/Damiens Konflikt deutlicher herausgearbeitet wird. Doch über lange Strecken ist diese Wandlung als gegeben hingenommen worden und spielte keine Rolle. Erst zum Ende wird dieser Handlungsfaden noch einmal aufgegriffen, und wir lernen das Seelenleben der Agnes ein bisschen besser kennen. Magischer Realismus hin oder her. Dieser Aspekt hat mich dann doch ein wenig milder in meinem Urteil über dieses Buch gestimmt. 

© Renie