Sonntag, 20. September 2020

Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück

Quelle: Pixabay/cromaconceptovisual
Das Städtchen Holbrook, befindet sich in den USA, könnte in New York, Massachusetts, Arizona oder sonst wo liegen, könnte aber auch fiktiv sein. Was soll's? Viel interessanter ist, dass dieser Ort eine wichtige Rolle in Annette Mingels Buch "Dieses entsetzliche Glück" spielt, ist er doch das wesentliche Bindeglied zwischen unterschiedlichen Geschichten und unzähligen Protagonisten dieses Romans, der auch als Sammlung von Kurzgeschichten durchgehen könnte.

Dabei konzentrieren sich diese Geschichten auf das Gefühlsleben der Charaktere. Es sind Menschen, die auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück sind. Dabei haben sie mit Sorgen und Nöten zu kämpfen, die ihnen bei dieser Suche im Wege stehen. Ihre Sehnsüchte und Wünsche sind dabei nicht außergewöhnlich und unterscheiden sie nicht von denen anderer. Es sind also Menschen wie du und ich. Gerade diese Alltäglichkeit bewirkt, dass man als Leser sehr dicht an den Charakteren und ihren Problemen dran ist. Die Geschichten in diesem Roman durchzieht dabei eine wohltuende Melancholie, die mit der Stimmungslage der Protagonisten sowie ihren Sorgen und Nöten eine harmonische Einheit bildet. 
Quelle: Penguin
"Sie kannten einander seit mehr als dreißig Jahren, und wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er seit Langem aufgehört hatte, sie schön zu finden. Nicht dass er ihr Aussehen nicht mochte. Es war ihm einfach gleichgültig geworden. Er hatte ihr von Zeit zu Zeit gesagt, dass er sie liebte - zumindest hoffte er das. Aber so wenig er sich schön fand, so wenig fand er sie schön. Es war ihm nicht mehr wichtig gewesen, und vielleicht, dachte er jetzt, war das ein Fehler."
Zunächst lässt sich kein Zusammenhang zwischen den einzelnen Personen erkennen. Sie kommen und gehen, hinterlassen mit ihren Geschichten beim Leser mal mehr, mal weniger Eindruck. Es ist schwierig, sich die Namen der Charaktere zu merken. Erst nach und nach zeichnen sich Verbindungen ab. Die loseste Verbindung ist dabei Holbrook, denn alle Protagonisten leben in diesem Ort oder haben hier gelebt. Die engsten Verbindungen sind Verwandtschaften. Dazwischen können Bekanntschaften, Freundschaften oder der Beruf eine Verbindung zwischen den einzelnen Personen herstellen.
Eine Besonderheit dieses Romans ist sicherlich der Perspektivwechsel. Jedes Kapitel und somit jede Geschichte wird aus der Sicht eines Protagonisten erzählt. Hinzu kommt eine Verschiebung der Wahrnehmung. Lernt man die Protagonisten zunächst aus der, ihnen eigenen Sichtweise kennen, begegnet man ihnen an späterer Stelle aus der Sicht eines weiteren Protagonisten wieder, das kann als Nebendarsteller in einem anderen Kapitel sein oder auch als Gesprächsgegenstand anderer. Man wird als Leser feststellen, dass Eindrücke, die man sich von einem Protagonisten geschaffen hat, an späterer Stelle wieder revidiert werden müssen. Denn selten stimmen die Selbstwahrnehmung eines Protagonisten mit demjenigen Bild überein, das andere von ihm haben. Wie im echten Leben!

Fazit:
Die Kombination aus "Alltäglichen Geschichten, die das Leben schreibt" sowie die wohltuende Melancholie als tragende Stimmung dieses Romans, haben bei mir für Tiefenentspannung beim Lesen gesorgt. Ich konnte herrlich von meinem Alltag abschalten.
Leseempfehlung!

© Renie




Sonntag, 13. September 2020

Lucien DeLong: Ein Dieb - Bekenntnisse

Bei Protagonisten wie Felix Krull, Thomas Crown oder Arséne Lupin will man gern darüber wegsehen, dass sie Kriminelle sind. Jemandem, der höflich, stilvoll und kultiviert als Gentleman daherkommt, nimmt man die Missetaten als Leser und Zuschauer nicht krumm, zumindest fallen die Urteile über seine Vergehen milde aus. Der Begriff "Kavaliersdelikt" erhält plötzlich eine ganz andere Bedeutung. In der Rechtssprechung steht zwar das Delikt im Vordergrund, denn meistens geht es um Bagatellvergehen. Doch in der Literatur steht eher der Kavalier im Fokus, ganz gleich, was er verbrochen hat. (Natürlich wäre es schön, wenn er nicht gerade jemanden umgebracht hat.) Hochstapelei, Diebstahl und Betrug gesteht man einem Kavalier und Gentleman gerne zu. Insbesondere, wenn er gut aussieht bzw. als solches beschrieben wird.
Der Leser, der seinen Felix Krull genossen und Thomas Crown im Film bewundert hat, sollte daher nicht an dem Roman "Ein Dieb - Bekenntnisse" von Lucien DeLong vorbeigehen. Denn der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist ein Gentleman-Dieb.
"Meine Vorstellungen davon, wie ein Dieb sein sollte, orientierten sich an Cary Grants Meisterdieb Katze "über den Dächern von Nizza", an Thomas Crown und James Bond. Elegant, schnell, gewitzt. Vor allem ein Gentleman, vor allem charmant - auch wenn mir das nicht immer gelang. Selbstsicher, in jeder - auch der absurdesten Situation - souverän, furchtlos, mit einem lässigen Spruch auf den Lippen. Cool. Ein Einzelgänger, dessen eigentliches Leben ein Mysterium birgt. Das war das Bild, das ich ausfüllen wollte."
Wie wird ein junger Mann, der 1987 mit Anfang 20 noch in einer deutschen Kleinstadt schlecht bezahlt in einem Repro-Studio arbeitet, zu einem Gentleman-Dieb? Ganz einfach: Indem er die Gelegenheit beim Schopf packt. Irgendwann sagt sich unser Held, dass sein Dasein in der Kleinstadt nicht alles gewesen sein kann, was die Zukunft ihm zu bieten hat. Doch für alles, was für ihn im Leben erstrebenswert ist, benötigt er das nötige Kleingeld. Am besten so schnell wie möglich. Und was bietet sich da passenderes an als ein Raubüberfall, wenn sich die Umstände dieses Überfalls als dermaßen einladend erweisen, wie es hier der Fall ist. 
Dieser Raubüberfall ist der Beginn einer längeren verbrecherischen Karriere. Unserem Protagonisten ist klar, dass er sich von nun an hauptsächlich auf der Flucht - besser gesagt, auf Reisen befinden wird. Anfangs bescheiden, werden seine Ansprüche an die Hotels in denen er unterkommt und dem Lebensstandard, den er führt immer größer. Seine Verbrechen werden immer raffinierter und dreister. Er stiehlt Pässe und schlüpft dadurch in die unterschiedlichsten Rollen. Es gelingt ihm, nach und nach sein altes Ego und seine Herkunft abzustreifen. Zwangsläufig bekommt er Zugang zur besseren Gesellschaft.
"Ich wurde zum Chamäleon. Ich floss ein in die Welt, in der ich mich bewegte, nahm die Farbe meiner Umgebung an. Die Rolle des mysteriösen Fremden gefiel mir, wie ein Geist zwischen den Menschen zu wandeln, da zu sein und eigentlich doch nicht. Ich vergaß meine wahre Geschichte, mein eigentliches Wesen und wurde zu der Person, die ich darstellen wollte oder musste."
Sein Leben als Gentleman-Dieb hätte immer so weitergehen können, wenn ihm nicht die Liebe in die Quere gekommen wäre. Und am Ende landet er dort, wo wir ihm bereits im ersten Kapitel dieses Buches begegnet sind: im Gefängnis. Doch damit will er sich nicht abfinden.

Das Lesen dieses Romans hat Charme. Kein Wunder, der Ich-Erzähler ist ein Charmeur, der Spaß am Verbrecherleben hat. Und durch den lebhaften Sprachstil des Autors Lucien DeLong, der an Plauderei erinnert, wird dieser Spaß sehr gut dargestellt. Unser Protagonist bewegt sich unbeschwert durchs Leben. Scheinbar bieten ihm diejenigen Momente, in denen er Gefahr läuft, aufzufliegen, die thrillige Würze für sein Dasein. 

Anfangs wissen wir, dass er erwischt wird. Denn er erzählt aus der Zelle heraus seine Geschichte als Gentleman Dieb en detail. Wir reisen dabei mit ihm durch die Welt, wohnen in Luxushotels, schnuppern am Reichtum und genießen das unbeschwerte Leben der Reichen und Schönen. Doch gleichzeitig ist er sich der Einsamkeit und Rastlosigkeit, die ihm sein verbrecherisches Geheimnis zwangsweise auferlegt, genauso wie seines Identitätsverlusts durch die unterschiedlichen Rollen, die er spielen muss, bewusst. Armer Kerl, man könnte fast Mitleid mit ihm haben.
"Für mich entpuppte es sich als der 'best and worst way of life' gleichzeitig. Es vereinte all die Elemente, die mich am Leben reizten: Abenteuer, Freiheit, Abwechslung, Spannung und Luxus. Und alle, die ich am Leben am meisten fürchtete: Einsamkeit, Wurzellosigkeit, Rastlosigkeit."
Es gab eine Merkwürdigkeit in diesem Buch. Zuvor beschrieb ich den Sprachstil in diesem Roman als lebhaft. Tatsächlich trifft dies erst ab Kapitel 2 zu. Ich weiß nicht warum, aber im ersten Kapitel unterscheidet sich der Sprachstil vom Rest des Buches drastisch. Der Autor verwendet fulminante Bilder und Vergleiche, die einen dramatischen Effekt haben. Diese sprachliche Schwelgerei hört abrupt mit dem 2. Kapitel auf. Der Autor schaltet einen Gang zurück und verfällt in den lebhaften Plauderton, der sich bis zum Ende des Romans durchzieht. Dieser sprachliche Kontrast zwischen dem ersten Kapitel und allen anderen ist sehr auffällig und für mich nicht nachvollziehbar.

Dennoch hat dies dem Spaß an dem Buch keinen Abbruch getan. Der Roman ist gute Unterhaltung, mit einer Geschichte, die von einem Charmeur charmant erzählt wird.

© Renie





Samstag, 5. September 2020

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

Quelle: Pixabay
Die, für ihre Lyrik bekannte Autorin Ulrike Almut Sandig kann mit Worten und das in unterschiedlicher Ausprägung. Sie schreibt Gedichte und Erzählungen, von denen bereits einige veröffentlicht und verfilmt wurden. Sie ist Mitglied der Poetry-Band "Landschaft", mit der sie ein Musikalbum veröffentlicht hat. Hörspiele gibt es ebenfalls von ihr. Für ihr bisheriges Werk ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden.
In ihren vor Kurzem erschienenen Roman "Monster wie wir" lässt sie ihre Fähigkeiten als Lyrikerin einfließen. Das Ergebnis ist ein  Buch, das es in sich hat - sowohl inhaltlich als auch stilistisch.
Es behandelt ein Thema, das so entsetzlich ist, dass manch einer zögern wird, dieses Buch zur Hand zu nehmen: sexueller Missbrauch von Kindern.
Die Protagonisten dieses Romans sind Ruth und Viktor, zwei Menschen, die ihre Kindheit in den 80er/90er Jahren in der ehemaligen DDR verbracht haben.
Sie sind die hauptsächlichen Opfer in diesem Roman. Beide wurden als Kinder von Menschen aus ihrem familiären Umfeld über mehrere Jahre missbraucht.

Der Einstieg in dieses Buch ist rätselhaft. Den Auftakt des Romans bildet eine Szene in der Gegenwart: die erwachsene Ruth, die Musikerin geworden ist und kurz vor einem ihrer Auftritte hinter dem Vorhang steht und das Publikum betrachtet. Sie scheint jemanden im Publikum zu suchen. Sie spricht in Gedanken mit einer Person, die zunächst nicht zuzuordnen ist. Dabei macht sie verwirrende Andeutungen, die auf eine Geschichte hinweisen, die man eigentlich nicht hören möchte. Das hat etwas Tieftrauriges, aber auch Bedrohliches. Es ist jedoch nicht so, dass Ruth uns nicht gewarnt hätte, vor dem, was sie erzählen wird. 
"Also falls du mitwillst, zu diesem unwirtlichen Stück Land, auf dem ich mich befinde, dann komm."
Und schon taucht sie in ihre Kindheitserinnerungen ein, die den ersten Abschnitt dieses Buches bilden. Auf den ersten Blick hatte sie eine unbeschwerte Kindheit in einem intellektuellen Elternhaus. Der Vater war Pfarrer. Er, der schon vorher Schwierigkeiten hatte, sich dem sozialistischen System anzupassen, träumte von der Freiheit und engagierte sich entsprechend mit anderen Gleichgesinnten. Wir wissen, wie sich die Wende in der DDR vollzogen hat. Daher lassen sich die Erinnerungen an Ruths Kindheit nicht von denen des politischen Umschwungs und der Maueröffnung trennen. Nun sollte man annehmen, dass das Aufwachsen in einem intellektuellen und moralisch integrem Elternhaus die besten Voraussetzungen für einen Start ins Leben bietet. Intellektuell gesehen vielleicht schon. Doch hinter der Fassade von Bildung und Freidenkertum schien nicht alles gold zu sein, was glänzte. Die Ehe der Eltern kriselte und der Vater legte manchmal eigenwillige  Verhaltensweisen im Umgang mit seiner Familie an den Tag. 
Ruth wurde von einem engen Verwandten missbraucht. Alles deutet darauf hin, dass mindestens einer in ihrer Familie wusste, was mit ihr passierte, aber dennoch die Augen vor dem verschloss, was Ruth widerfuhr.
Ihr Schulfreund, Viktor, mit dem sie viel Zeit verbrachte, spürte ihre tiefe Traurigkeit, auch wenn sie sich ihm gegenüber nicht öffnen konnte. Die beiden Kinder waren Leidensgenossen. Denn auch Viktor wurde das Opfer sexuellen Missbrauchs. Und auch er war kaum in der Lage, das Unfassbare in Worte zu fassen.
"Wir lachten, weinten, verstanden nichts und aßen Eis, wir verstanden alles und vergaßen es wieder."
Jahre später erleben wir einen fast erwachsenen Viktor, den es kurz nach der Schule ins Ausland zog. In Südfrankreich arbeitete er bei einer wohlhabenden Familie als Aupair und hütete die Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Und hier machte er die Erfahrung, dass das, was ihm in seiner Kindheit widerfahren ist, leider in den besten Familien vorkommt. Dieser Part bildet den 2. Abschnitt dieses Buches.
Der letzte Teil dieses Buches führt uns wieder zur Szene des Romananfangs zurück: wir befinden uns immer noch hinter der Bühne des Konzertsaals. Erneut folgen wir Ruths Gedanken vor ihrem Auftritt. Und langsam zeichnet sich ab, wen Ruth im Zuschauerraum sucht. So viel sei gesagt: so niederschmetternd die Erinnerungen von Ruth und Viktor sind, umso positiver ist das Ende dieses Romans. Denn Ruth zeigt, dass sie auf dem besten Wege ist, die Opferrolle abzulegen.

Der Aufbau dieses Romans ist sehr besonders. Indem die Autorin jedem ihrer Protagonisten einen eigenen Abschnitt widmet, stellt sie die Individualität des Einzelnen in den Vordergrund und reduziert sie nicht auf ein Opfer sexuellen Missbrauchs. Daher könnten diese beiden Abschnitte losgelöst voneinander betrachtet werden, was sich auch in den unterschiedlichen Erzählweisen der Autorin,  bemerkbar macht.
Diese Abschnitte werden dabei vom Anfang und Ende dieses Romans schützend umschlossen. Es scheint, als ob die Autorin ihren Protagonisten dadurch genügend Distanz zur Leserschaft ermöglicht, um ihre schmerzhaften Erinnerungen überhaupt wieder aufleben lassen zu können.
Bemerkenswert ist, dass die Protagonisten dem Leser nicht als Opfer in Erinnerung bleiben werden. Am Ende sehen wir Viktor und Ruth (insbesondere) als Menschen,  deren persönliche Entwicklung zwar von ihren traumatischen Erlebnissen geprägt wurde, die aber auf dem besten Weg sind, sich mit dieser seelischen Last zu arrangieren und nach vorn zu blicken.
"Alles ist gleichzeitig da, Vergangenheit und Gegenwart, das wiegt schon einiges. Und wir sind auch immer noch da. Also gibt es keinen Grund, es nicht zu wagen."
Wie ich eingangs erwähnte ist Ulrike Almut Sandig eine Lyrikerin. Wer gute Lyrik schreibt, beherrscht die Kunst des Weglassens. Denn mit wenigen Worten, beschränkt auf Verse und Strophen, werden Bilder im Kopf des Lyriklesers geschaffen, die sich zu komplexen Szenarien verdichten. Die Fantasie des Lesers muss mitspielen, sonst berührt Lyrik nicht. Die Autorin beherrscht diese Kunst des Weglassens par Excellence. Auch in "Monster wie wir" weckt sie die Vorstellungskraft des Lesers, indem sie Dinge verschweigt oder zwischen den Zeilen versteckt. Und nennt sie die Dinge beim Namen, geschieht das sehr subtil. Gerade deshalb entstehen ungeheuerliche Bilder im Kopf des Lesers, die sich an der Grenze zur Erträglichkeit abspielen und daher sehr schmerzhaft sind.
"Danach war er wieder mein Großvater, der im Sessel saß und Nachrichten hörte. Seine Wangen leicht gerötet, als hätte er einen Spaziergang im Garten gemacht, die Augen geschlossen. Aber ich war immer noch eine Puppe und stakste mit steifen Beinen aus der Stube. Die Radiowellen rollten durch die Stubenluft und erschwerten das Vorankommen."
Mein Fazit:
"Monster wie wir" - Auch wenn die Geschichte aufgrund der Thematik wehtut, bin ich von diesem Roman restlos begeistert. Die Entwicklung der Protagonisten vom Opfer zum Individuum sowie der bewundernswerte Erzählstil der Autorin haben dazu beigetragen. Leseempfehlung!

© Renie

Freitag, 28. August 2020

Clemens Berger: Der Präsident

Quelle: DonkeyHotey - Donald Reagan, CC BY-SA 2.0 
Vom Tellerwäscher zum Millionär ...
Vom Schauspieler zum US-Präsidenten ...
Vom Polizisten zum Double des  US-Präsidenten ...

In Clemens Bergers satirischem Roman "Der Präsident" geht es um den amerikanischen Traum. Ich kenne zwar keinen Tellerwäscher, der es zum Millionär gebracht hat. Doch ich kenne einen Schauspieler, der es zum US-Präsidenten gebracht hat: Ronald Reagan. Und wie so viele Promis, hatte Mr. President ein Double: Julius Koch aus Österreich, der als Kind mit seiner Familie in die USA auswanderte. Clemens Berger erzählt die Geschichte dieses Mannes, der in diesem  Roman den Namen Jay Immer trägt.
Jay Immer lebte den amerikanischen Traum. Nach der Auswanderung in die USA im Jahre 1929 baute sich die Familie mit Anstand, Fleiß und Bescheidenheit ein Leben auf. Jay ist Polizist und wurde Amerikaner durch und durch. Er hat eine eigene Familie gegründet und lebt mit Ehefrau Lucy in einem Häuschen in Chicago. Tochter Barbara ist mittlerweile bereits erwachsen. Nun steht er mit 55 Jahren kurz vor der Pensionierung und freut sich auf den Ruhestand. Doch das kann nicht alles gewesen sein. Denn das Leben hält für Jay noch eine Überraschung bereit. Da Jay dem amtierenden Präsidenten Ronald Reagan verblüffend ähnlich sieht, wird er bei einer Agentur als Präsidenten-Double unter Vertrag genommen. Wäre Lucy nicht gewesen, die Jays Bewerbung ohne sein Wissen an die Agentur geschickt hat, würde er vermutlich einem unaufgeregten Ruhestand entgegensehen. Doch nichts ist mit der Ruhe.
"Er eröffnete Automessen, pries neue Gesichtscremes an und ließ sich mit Menschen ablichten, die bis zu hundert Dollar ausgaben, um sich in eine lange Schlange für ein Foto mit jenem Mann einzureihen, den man unter anderen Umständen für Ronald Reagan gehalten hätte. Lokalpolitiker ließen sich die Fotos rahmen, Unternehmer hängten sie an ihre Bürowände, Menschen trieb es Tränen in die Augen, wenn er ihnen zuwinkte."
In seiner Funktion als "der andere Präsident" tingelt er während Reagans Amtszeit von Engagement zu Engagement und vertritt seinen Doppelgänger: Geschäftseröffnungen, Hot Dog Wettessen, Firmenfeiern, Fototermine etc. etc. etc. Der Job ist lukrativ und ermöglicht Lucy und ihm ein Leben in bescheidenem Luxus. Doch etwas geschieht mit Jay. Hat ihn anfangs noch die Ähnlichkeit mit Reagan gestört, schlüpft er mit der Zeit immer mehr in die Rolle des US-Präsidenten. In seinem persönlichen Sprachgebrauch wird sein Häuschen in Chicago zum Weißen Haus, Lucy ist die First Lady (wenn auch die andere). Er kleidet sich für einen Präsidenten angemessen und genießt die Vergünstigungen, die das vermeintliche Präsidentenamt mit sich bringt. Jay wird überall erkannt, ob als der Echte oder der Andere lässt sich im Verlauf der Handlung nicht mehr bestimmen. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Sein Alltag ist vom Händeschütteln, Schulterklopfen, Lächeln und dem Posieren vor der Kamera geprägt.
Politische Gruppierungen, Menschenrechtler, Umweltaktivisten ... alle versuchen, ihn für ihre Zwecke einzuspannen. Anfangs gelingt es Jay, sich gegen diese Versuche zu behaupten. Doch mit der Zeit entwickelt er, der sein Leben lang völlig unpolitisch war, ein politisches Gewissen. Reagan ist daran nicht unschuldig. Denn während seiner 2 Amtszeiten hat er reichlich umstrittene Entscheidungen getroffen, die bei seinem Double, je länger dieses den anderen Präsidenten spielt, für Unwillen sorgt. Jay sieht sich in der moralischen Pflicht, die eine oder andere Korrektur vorzunehmen.
"Jay kannte kaum jemanden, der an etwas glaubte und danach handelte. Reagan glaubte nur an sein Bild in den Medien. Er hatte den Menschen Gefühle verkauft. Die strahlende Stadt auf dem Hügel; ein neuer Morgen für Amerika. Aber er betrieb eine Politik gegen die Menschen, gegen den Planeten und für ein paar steinreiche Unternehmer."
Der österreichische Autor Clemens Berger hat Jays Entwicklung vom aufrechten amerikanischen Staatsbürger, der nie im Mittelpunkt stehen wollte, zum "anderen Präsidenten" sehr detailliert herausgearbeitet. Anfangs haben wir es mit einem Protagonisten zu tun, dem etwas Spießiges anhaftet, dem die Pfege seines Gartens und seines Autos extrem wichtig sind. Ein Mann, zu dem der Beruf des Polizisten perfekt passt. Er ist der Hüter von Sitte, Moral und Anstand. Werte wie Fleiß und Bescheidenheit bestimmten sein bisheriges Leben. Bloß nicht negativ auffallen, am besten gar nicht auffallen. Er hätte sich nie zugetraut, die Rolle des Ronald Reagan zu leben, wenn seine Ehefrau ihn nicht zu seinem "Glück" gezwungen hätte. Anfangs versteckt er sich noch hinter der Rolle des händeschüttelnden Staatsmannes. Doch je mehr positives Feedback er erhält, umso besser fühlt er sich in dieser Rolle aufgehoben. Er wird selbstbewusst und mutig, entwickelt ein eigenes politisches Gewissen (mit freundlicher und berechnender Unterstützung anderer) und ist bemüht, für seine Überzeugungen einzustehen. 
Clemens Berger betrachtet in diesem Roman die Amtszeit von Ronald Reagan. Er hält sich dabei an die historischen Fakten und gewährt dem Leser einen Auffrischungskurs in Sachen amerikanischer Geschichte und den Einfluss der Reagan-Ära auf das Weltgeschehen. Dabei zieht Berger den amerikanischen Way of Life durch den Kakao. Das gelingt ihm, indem er seinen österreichisch stämmigen Protagonisten amerikanischer als jeden Amerikaner wirken lässt. Jays Handlungen wirken teilweise völlig überzogen, so dass dem Leser in diesem Roman ganz viel Situationskomik begegnet. 
"Vor allem kannte er seine Landsleute. Sie liebten die Show. Sie liebten Berühmtheiten. Sie liebten den Schein. Und doch hatten nicht wenige, selbst wenn er den Mund gehalten hatte, den Schein für Wirklichkeit gehalten. Sie waren nach Hause gekommen und hatten Freunden und Familien erzählt, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten begegnet zu sein."
Ich habe diesen satirischen Roman, der auf einer wahren Geschichte basiert, mit großem Vergnügen gelesen. Denn hier wird die Oberflächlichkeit der amerikanischen Gesellschaft sowie ihr Streben nach Schein und Sein auf sehr lustige Weise angeprangert. Ungewöhnlich ist dabei der Protagonist, der aufgrund eines kuriosen Zufalls in die Rolle seines Lebens gedrängt wird und dabei versucht, nach seinen eigenen Regeln zu spielen, was ihm am Ende mehr oder weniger gelingt.  

Leseempfehlung!


© Renie


Donnerstag, 20. August 2020

Ryū Murakami: In Liebe, dein Vaterland - II: Der Untergang

Bis ins Jahr 1945 war die koreanische Halbinsel über 100 Jahre lang eine Kolonie Japans. Koreaner waren während dieser Zeit für die Besatzer Menschen zweiter Klasse und sind es leider bei vielen Japanern heute noch. In dem zweiteiligen Japan-Nordkorea Epos "In Liebe, dein Vaterland" von Ryū Murakami wird der Spieß umgedreht und Nordkorea ist plötzlich die Macht, die eine japanische Halbinsel besetzt und deren Bevölkerung in die Unterwerfung zwingt. 
In Anbetracht der Historie und dem schlechten Ruf, den Nordkorea in der Welt hat, wäre dies ein Schreckensszenario, das man sich durchaus vorstellen könnte, und das der Autor in seinem Zweiteiler genüsslich inszeniert hat.
In dem ersten Teil "In Liebe, dein Vaterland I. Die Invasion", den ich vor ein paar Monaten gelesen habe, konzentriert sich die Handlung auf die unmittelbaren Anfänge der Besatzung von Fukuoka durch eine militärische Eliteeinheit Nordkoreas. Nach einem offenen Ende dieses Teils, war ich natürlich gespannt, wie die weitere Entwicklung in Fukuoka sein würde. Und wie das bei Mehrteilern so ist, fragt man sich natürlich, ob die Fortsetzung genauso gut wie der erste Teil ist. Soviel vorweg: Der 2. Teil steht dem 1. Teil in nichts nach.
Eine nordkoreanische Militärtruppe besetzt also die japanische Halbinsel Fukuoka. Sie errichtet hier ihr Hauptquartier und bildet gleichzeitig die Vorhut für weitere 120.000 nordkoreanische Soldaten, die sich auf dem Seeweg nach Japan befinden. 
"Die Nordkoreaner schienen überhaupt sehr darauf zu achten, keine Ressentiments bei der Bevölkerung zu schüren. Nicht dass sie Waisenhäuser gestiftet, älteren Bürgern über die Straße geholfen oder Unkraut im Park gejätet hätten, doch beispielsweise achteten sie strikt darauf, ihr Lager sauber zu halten. Außerdem waren sie höflich und verstießen nie gegen die guten Sitten."
Zu Beginn des zweiten Teils "Der Untergang" erleben wir, dass mittlerweile der Alltag in Fukuoka eingekehrt ist. Die Bevölkerung ist bemüht, sich mit den Besatzern zu arrangieren. Bis auf wenige Ausnahmen in der Bevölkerung haben die wenigsten jedoch Grund, sich über die Nordkoreaner zu beschweren, sind diese doch ausgesprochen höflich und zurückhaltend im Umgang mit den Einheimischen - vorausgesetzt, dass man nach nordkoreanischen Regeln spielt. Der Feind scheint nicht Nordkorea sondern die eigene Regierung zu sein. Denn durch den fehlgeschlagenen Versuch der Regierungsbehörden, einen versteckten Angriff auf die Besatzer zu wagen, mussten Menschen sterben, darunter viele Einheimische.
Daraufhin wird man vorsichtig bei der Wahl der Mittel. Wer will schon Schuld am Tod der eigenen Landsleute haben? Die japanische Regierung stellt Fukuoka zunächst unter Blockade. Flug- und Schiffsverkehr sowie jeglicher Warenverkehr werden  eingestellt. Da es keine Alternativen für die Bewohner der isolierten Halbinsel gibt, lassen sich die Einheimischen auf Geschäftsbeziehungen mit den nordkoreanischen Besatzern ein. Denn diese müssen die Versorgung und Unterbringung der 120.000 Soldaten organisieren, die in Kürze eintreffen werden.
"Wieviele Handys würden sie wohl benötigen, wenn die 120.000 eintrafen. Bei der schwächelnden Wirtschaft Fukuokas würden sich eine Menge Händler die Hände reiben. 120.000 Zuwanderer würden die Nachfrage enorm steigern."
Nicht alle Einwohner Fukuokas wollen die Besatzung der Nordkoreaner hinnehmen. Und hier begegnen mir meine persönlichen Helden aus dem ersten Teil wieder: Eine Gruppe von Aussenseitern will den Kampf gegen die feindlichen Besatzer aufnehmen, wobei die Bezeichnung "Aussenseiter" nur eine harmlose Vorstellung über diese Gruppe suggeriert. Tatsächlich handelt es sich um Soziopathen, vorwiegend in jugendlichem Alter, die durch die direkte oder indirekte Beteiligung an unvorstellbar brutalen Verbrechen und den daraus resultierenden Konsequenzen eine sehr spezielle Kindheit verbracht haben. Das Verrückte an Murakamis Darstellung der einzelnen Charaktere dieser Gruppe ist, dass man trotz der individuellen Vorgeschichten ein hohes Maß an Empathie für diese Charaktere entwickelt - zumindest für die Jüngeren unter ihnen. Dies liegt nicht nur daran, dass sie als Underdogs dem nordkoreanischen Feind die Stirn bieten wollen. Tatsächlich stellt der Autor Ryū Murakami das Menschliche dieser Charaktere in den Vordergrund. Letztendlich haben wir es hier mit jungen Menschen zu tun, die ihre Kindheit unter extrem schlechten Bedingungen verbracht haben, und die als "Problemkinder" von der   Gesellschaft ins Abseits gestellt wurden. Nun haben sie sich in Fukuoka zu einer Gruppe zusammen gefunden, in der ihre persönliche Geschichte und Herkunft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Hier steckt also hinter jedem Charakter ein Schicksal. Und genau das stellt Murakami in den Vordergrund.
"Endlich hatten sie ein äußeres Ziel, auf das sie all die zerstörerische Energie richten konnten, die in ihnen schlummerte. Woher dieser Drang zur Zerstörung kam, war unklar, aber Mori wusste, dass alle hier davon beherrscht waren."
Ryū Murakami schreibt nicht nur Romane, sondern er ist auch Regisseur und Drehbuch-Autor. Das merkt man diesem Buch an. Genau wie der 1. Teil ist "Der Untergang" unglaublich spannend und bietet genügend Potenzial, um einen Actiothriller daraus zu drehen. Der Sprachstil des Japaners ist dabei sehr visuell. Er lässt Bilder im Kopf des Lesers entstehen, die streckenweise sehr drastisch sind. Wie sich das für einen guten Actionstreifen gehört, knallt und scheppert es, dass es eine wahre Wonne ist. Explosionen, Schießereien, Blut und reichlich Tote und Verletzte ... hier hat Murakami alles in seinem Buch untergebracht, was das Action-Thriller-Herz begehrt. 

Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, diesen Roman auf Action, Mord und Totschlag zu reduzieren. Denn, genau wie der erste Teil, ist dieser Roman mehreren Genres zuzuordnen. Er ist eine anspruchsvolle Dystopie, die sich mit einer nahen Zukunft beschäftigt. Er ist Satire, die sich die japanische Gesellschaft vorknöpft und er ist Politthriller. Und auch hier gilt: Fiktion und Realität liegen sehr dicht beieinander.

Leseempfehlung!

© Renie






Und hier geht es zu meiner Buchbesprechung des ersten Teils: "In Liebe, dein Vaterland - Teil I: Die Invasion)

Sonntag, 9. August 2020

Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

Es gibt unzählige zuckersüße und klebrige Sprüche zum Thema "Mutterliebe". Hier sind einige davon
"Die Tochter einer guten Mutter wird die Mutter einer guten Tochter" .... "Die Liebe zwischen Mutter und Tochter ist für immer" ... "Es gibt nur eine ganz selbstlose, ganz reine, ganz göttliche Liebe, und das ist die der Mutter für ihr Kind" (Georg Moritz Ebers) ... "Die höchste und tiefste Liebe ist die Mutterliebe" (Ludwig Feuerbach)

Zuviel Zucker ist ungesund. Und auch Mutterliebe kann ungesund sein, wie der Debüt-Roman "Mutters Puppenspiel" von Ulla Coulin-Riegger eindrucksvoll verdeutlicht.

Diejenige, welche unter der Liebe ihrer Mutter zu leiden hat, ist Ich-Erzählerin Lisette, 38 Jahre alt, HNO-Ärztin mit gut gehender Praxis und Single. Jeden Sonntagnachmittag besucht sie ihre Mutter, Frau Dornbusch, die seit ein paar Jahren Witwe ist. Einmal Kind, immer Kind. Auch wenn Lisette mitten im Leben steht, übernimmt sie zwanghaft die Rolle der unmündigen und unselbständigen Tochter, die Frau Dornbusch immer in ihr gesehen hat. Eine Tochter, die ihre Karriere der aufopfernden Erziehung ihrer Eltern, insbesondere ihrer Mutter zu verdanken hat. Eine Tochter, die niemals die Ansprüche ihrer Mutter erfüllen kann. Denn alles, was sie anpackt, kann nur zum Scheitern verurteilt sein. Frau Dornbusch hat sich mit dieser Einstellung gegenüber ihrer Tochter nie zurückgehalten. Dennoch hat sie ihrer Tochter von klein auf beigebracht, für Mutter da zu sein, sich um sie zu kümmern und zu ehren. Und das fordert sie immer noch ein. Kein Wunder. Denn Frau Dornbusch ist ein zutiefst narzisstischer Mensch, der sich und seine Befindlichkeiten immer in den Mittelpunkt stellt, ungeachtet der Probleme anderer, also auch diejenigen ihrer Tochter. Und Probleme hat ihre Tochter mehr als genug. 
"Mutter erträgt mein Glück nicht, auch nicht meinen Erfolg, sie konnte es einfach nicht zulassen, immer war sie die Schönere, die Intelligentere, die Praktischere, die Fleißigere, diejenige, die mehr liebte und ganz selbstlos geliebt wurde. Nicht einmal mit inzwischen achtundreißig Jahren habe ich es geschafft, aus ihrem Schatten zu treten Meine Schultern bleiben hochgezogen in ihrer Nähe. So und nur so duldet sie mich. Dort, hinter sich."
Das Leben von Lisette ist ein Balanceakt zwischen einer eigenständigen erwachsenen Frau und einer Tochter voller Versagensängste, die sie dank ihrer Mutter mit sich herumträgt. Erst als Lisette sich verliebt, gelingt ihr langsam, sich mit dem übergroßen Einfluss, den ihre Mutter auf sie hat, zu arrangieren. Natürlich ist dieser Weg der Befreiung ein sehr steiniger, der Lisette einiges abverlangen wird. 

Die Autorin Ulla Coulin-Riegger, die seit vielen Jahren als Verhaltens- und Familientherapeutin arbeitet, konzentriert sich in ihrem Buch auf eine Zeitspanne, die einen Wendepunkt in Lisettes bisherigem Leben darstellt. Zu Beginn des Romans verschafft sie einen Eindruck des Miteinanders von Mutter und Tochter. Schnell wird deutlich, um welches Kaliber es sich bei Frau Dornbusch handelt. Die Tochter hat die Verhaltensweisen und Eskapaden der Mutter durchschaut. Vermutlich war ihr schon in jungen Jahren bewusst, welch ein Mensch ihre Mutter ist. Das beweisen zumindest Lisettes Kindheitserinnerungen, die in die Handlung einfließen. Dennoch kann sie sich nicht vom Einfluss der Mutter befreien. Im weiteren Verlauf der Handlung tritt die Mutter scheinbar in den Hintergrund. Die Geschichte konzentriert sich auf die Höhen und Tiefen der Liebesbeziehung von Lisette zu einem verheirateten Mann. In Lisette findet ein innerer Kampf statt, an dem der Einfluss der Mutter natürlich einen großen Anteil hat. Sie fühlt sich zerrissen zwischen ihrem Anspruch auf Glück und ihren Schuldgefühlen gegenüber der Ehefrau des Mannes. 

Neben dem sehr speziellen Mutter-Tochter-Verhältnis greift die Autorin einen Gedanken auf, den es eigentlich in der heutigen Zeit nicht mehr geben dürfte, der aber leider immer noch weit verbreitet ist. Insbesondere Frauen der Generation von Frau Dornbusch lebten nach einem fragwürdigen Rollenkodex. Diesen Kodex hat auch Lisette dank ihrer speziellen Erziehung verinnerlicht: die oberste Aufgabe einer Frau ist es, dem Mann Kinder zu gebären. Eine Frau definiert sich demnach ausschließlich über die Mutterrolle.
"Mutter hat mich gelehrt: eine Frau ist zuallererst eine Gebärende, eine Nährende und eine Sorgende, sofern sie denn keine Schlange oder ein Flittchen ist."
Das ist natürlich harter Tobak für die moderne weibliche Leserschaft. Unweigerlich wird es bei diesem Buch zu dem einen oder anderen Aufschrei der Empörung kommen. Man möchte die Protagonistinnen schütteln - die Eine, wegen ihrer schädlichen Mutterschaft und ihrem antiquierten Frauenverständnis; die Andere, weil sie sich nie zur Wehr gesetzt hat und immer das Spiel ihrer Mutter gespielt hat.
Der Name dieses Romans ist daher Programm: In "Mutters Puppenspiel" zog und zieht Frau Dornbusch die Fäden und Puppe Lisette bewegt sich durch das Leben wie Mutter es gefällt. Nur, dass sich zum Ende des Romans die Fäden lockern. Und das ist gut so. 
Denn "Mutters Puppenspiel" ist ein schmerzvoller und aufwühlender Roman. Da braucht es schon ein kleinen Hoffnungsschimmer zum Schluss, den man als Leser dankbar entgegen nimmt.
Dieser Roman wird insbesondere für weibliche Leser erhebliche Nachwirkungen haben. Es wird wohl nur wenige geben, welche die eigene Einstellung zur Rolle einer Mutter, Tochter und Frau nach der Lektüre dieses Romans nicht auf den Prüfstand stellen werden. 

Beenden möchte ich daher meine Besprechung dieses beeindruckenden Romandebüts mit folgendem Ausspruch der Autorin:
"Schreiben bedeutet für mich einige Schritte von mir selbst und anderen zurückzutreten, um aus dieser Distanz heraus einen freien Blick auf menschliche Verstrickungen und Abhängigkeiten zu wagen. Schreibend versuche ich zu verstehen, anzunehmen und dabei vielleicht das goldene Tor zur Selbstliebe und Selbstachtung für mich und meine Leser aufzustoßen."
Frau Coulin-Riegger, dieser Versuch ist ihnen definitiv gelungen!

Leseempfehlung!

© Renie



Montag, 3. August 2020

Lorenzo Marone: Der erste Tag vom Rest meines Lebens

Quelle: Pixabay/ErikaWittlieb

Bei manch einem fängt das Leben mit 66 an, bei anderen erst mit 77. Besser zu spät, als nie. Derjenige, der diese Ansicht vertritt ist Cesare Annunziata, der Ich-Erzähler des Romans "Der erste Tag vom Rest meines Lebens" von Lorenzo Marone. Cesare stellt im hohen Alter von 77 Jahren fest, dass er "zweiundsiebzig Jahre und einhundertelf Tage seines Lebens verplempert hat".

 Und nun beschließt er, es richtig krachen zu lassen und sein Leben in vollen Zügen zu genießen, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen.


Es ist nicht so, dass er jemals Rücksicht auf andere genommen hat. Seine Frau Caterina hatte es nie leicht mit ihm. Irgendwann ist die Liebe zwischen den beiden erloschen. Seine mehr oder weniger versteckten Seitensprünge haben ihren Teil dazu beigetragen. Dennoch blieben sie zusammen, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Kinder: Sveva, mittlerweile ebenfalls Ehefrau und Mutter sowie Dante. Als die Kinder klein waren, konnte und wollte Cesare nicht viel mit ihnen anfangen. Nun sind sie erwachsen und lassen ihren Vater spüren, dass sie während ihrer Kindheit gerne mehr von ihrem Vater gehabt hätten. Mehr aus Pflichtgefühl, denn aus Zuneigung kümmern sie sich ab und an um den alten Cesare. Über die gelegentlichen Anstandsbesuche geht die Verbindung zu Cesare nicht hinaus. Mittlerweile ist er Witwer, vor 5 Jahren ist Caterina gestorben.
Quelle: Piper
"Es stimmt, ich bin ein echter Stoffel, und sollte eins meiner Kinder jemals den Mut finden, sich in Lobreden über meine zahlreichen Vorzüge zu ergehen, würden sie mich doch niemals einen umgänglichen Menschen nennen. Es ist nicht so, dass ich die Leute hasse, aber mich mit ihnen zu beschäftigen, ist mir einfach lästig."
Nun lebt er also allein und alleingelassen, was ihm eigentlich gut in den Kram passt. War er bereits früher ein Soziopath, dessen Freiheiten jedoch durch Beruf und Familie eingeschränkt wurden, kann er nun sämtliche Verhaltensregeln über Bord werfen und leben, wie er es möchte. Das denkt er zumindest. Denn mit einem Mal stellt er fest, je mehr er sich von den Menschen, die ihn umgeben, distanzieren möchte, desto intensiver wird die Beziehung zu ihnen. Zu diesen Menschen gehören seine Kinder, genauso wie eine spezielle Freundin, die sich um sein körperliches Wohlbefinden kümmert, oder eine neue Nachbarin, die in einer Notlage seine Hilfe benötigt. Diese Menschen tragen dazu bei, dass der alte Miesepeter die Welt ein Stückchen positiver betrachtet. Missverständnisse werden aus der Welt geschafft, Vorwürfe werden ausgesprochen und bereinigt. Cesare beginnt, seine Kinder zu verstehen und seine Kinder verstehen ihn. Und am Ende dieses Romans beginnt Cesare tatsächlich, sein Leben in vollen Zügen zu genießen und aus dem Soziopath wird ein Mensch, dem die Gesellschaft seiner Familie und seiner Freunde sehr am Herzen liegt. 
"Die Wahrheit ist: Man kann nicht immer griesgrämig und unfreundlich sein, sonst fangen die anderen an, dir das zu glauben."
Cesare ist ein Unikum. Er liebt es, die Leute zu schockieren oder vor den Kopf zu stoßen. Als Ausrede für seine merkwürdigen Eskapaden muss immer sein Alter herhalten. Mit dem, was Cesare gerade zu Beginn des Romans von sich gibt, ist man sich als Leser gar nicht sicher, ob man den biestigen Greis mögen soll oder von seiner fehlenden Rücksichtnahme gegenüber seiner Mitmenschen abgestoßen wird. Irgendwann kippt jedoch die Einstellung zu Gunsten von Cesare, und man beginnt, den alten Mann zu mögen. So, wie er sich langsam gegenüber seinen Mitmenschen öffnet und Interesse an ihnen zeigt, lässt man selbst diesen Charakter nach und nach an sich herankommen und hat ihn spätestens am Ende des Romans in sein Herz geschlossen.
Daran haben seine einzigartigen persönlichen Wahrheiten einen sehr großen Anteil. Ich könnte jetzt ketzerisch behaupten, dass "Der erste Tag vom Rest meines Lebens" ein Buch der Kalendersprüche ist. Denn davon gibt es einige in diesem Roman. Doch man bedenke, dass Cesares "Kalendersprüche" richtig gut und originell sind. Dieses Buch steckt voller Lebensweisheiten, die man gern beherzigen möchte. "Der erste Tag vom Rest meines Lebens" ist daher ein großer Spaß, der Lust auf das Älterwerden macht. Vorausgesetzt, man macht es wie Cesare.

© Renie