Mittwoch, 20. Oktober 2021

James Sallis: Sarah Jane

Die literarische Gattung Krimi "thematisiert in der Regel ein Verbrechen und seine Verfolgung und Aufklärung durch die Polizei, einen Detektiv oder eine Privatperson. Der Schwerpunkt, Sicht- und Erzählweise einzelner Kriminalromane können sich erheblich unterscheiden." - so Wikipedia. 

"In der Regel", wohlgemerkt, denn Krimi ist nicht gleich Krimi. Wikipedia unterscheidet folgende Untergattungen: 
Schauer- und Kriminalromane für Frauen - Whodunit - Verschiedene Ermittlungsformen - Thriller - Schwarze Serie - Gangsterballaden - Komischer Krimi - Regionalkrimi 

Eine eigenwillige Unterteilung, die sicher nicht vollständig ist. Denn es gibt Krimis, die nicht in diese Schubladen passen. Einer, der keine Schubladen-Krimis schreibt, ist der amerikanische Autor James Sallis, der für einige seiner Kriminalromane bereits den Deutschen Krimi Preis (International), den amerikanischen Hammett Prize und den französischen Grand prix de littérature policière gewonnen hat. 
Sein aktueller Roman "Sarah Jane" ist momentan auf Platz 4 der Deutschen Krimibestenliste (September 2021). Und mit "Sarah Jane" hat James Sallis einen Roman geschrieben, für den es jene Krimi-Schublade geben müsste, die in der o.g. Unterteilung fehlt: der literarische Krimi.

Sarah Jane, Protagonistin des gleichnamigen Romans, ist eine Frau, die schon einiges in ihrem Leben mitgemacht hat. Vorsichtig formuliert: sie hat bisher ein "bewegtes" Leben geführt. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im Mittleren Westen Amerikas, ist sie bereits sehr jung von zuhause ausgerissen und hat sich die nächsten Jahre mehr schlecht als recht durchgeschlagen. Sie blieb nie lang an einem Ort, geriet in schlechte und bessere Gesellschaft. Das Militär bewahrte sie vor einer Haftstrafe. In Amerika wurde sie von den unterschiedlichsten Männern ein Stück ihres Lebensweges begleitet. Diese Männer taten ihr gut und mal weniger gut. Nun lebt sie in der amerikanischen Kleinstadt Farr, ist im Polizeidienst, sorgt für Recht und Ordnung und hat offene Augen und Ohren für die Probleme der Kleinstadtbewohner. Sie wird für ihre Empathie geschätzt, die Menschen mögen sie. Scheinbar kehrt endlich Ruhe in das bewegte Leben der Sarah Jane ein. Wenn da nicht die Geister ihrer Vergangenheit wären.

Und wie sich das für Geister gehört, bleiben sie weitestgehend unsichtbar und tauchen nur dann auf, wenn man nicht mit ihnen rechnet, was wiederum zu Zweifeln führt, denn Geister gibt es eigentlich nicht. Auf den Punkt gebracht: Sarah Jane hat Geheimnisse, die aus ihrer Vergangenheit resultieren, aber nicht offensichtlich sind und selbst für den Leser weitestgehend verborgen bleiben. 

Der Roman beginnt mit den Erinnerungen von Sarah Jane an ihre Zeit und die Jahre bevor sie nach Farr kam. Sie macht es dem Leser dabei nicht einfach. Denn sie erzählt ihre Erinnerungen chronologisch unsortiert und springt zwischen den Ereignissen hin und her. Der Leser wird mir einem Wirrwarr an Gedanken konfrontiert. Und irgendwo inmitten dieses Wirrwarrs blitzen immer wieder kleine Momente auf, die stutzig machen und den Verdacht erwecken, dass es in Sarah Janes bisherigem Leben schlimme Momente gab, wenn nicht sogar kriminelle Momente.

Die Buchbeschreibung des Verlages bringt es auf den Punkt: "James Sallis erzählt von einer Frau, die versucht, der Welt die Stirn zu bieten und mit dem Leben ins Reine zu kommen. "Sarah Jane" ist ein fesselnder, ungewöhnlicher Roman über Schuld, Sühne und das Ringen mit den eigenen Dämonen."

Im Mittelpunkt steht also Sarahs Geschichte und die Entwicklung von einer sprunghaften und wilden Jugendlichen zu einer ernsthaften und geheimnisvollen Frau mit - wie sich in Farr herausstellt - ganz viel Empathie für ihre Mitmenschen. 

Wo bleibt also das "thematisierte" Verbrechen dieses Kriminalromans? 
Tatsächlich gibt es in "Sarah Jane" Verbrechen genauso wie es Tote gibt. Doch diese Dinge sind nebensächlich und irgendwo inmitten der Vielzahl an Sarah Janes Erinnerungen sowie den Geschichten über die Menschen um sie herum verborgen. Und dieses versteckte Böse, das irgendwo in Sarah Janes Geheimnissen existiert, gibt dem Roman die Würze und das gewisse Extra, um aus diesem Roman einen Krimi zu machen, ergänzt um das Prädikat "literarisch". Denn James Sallis ruhiger Erzählton, der eine wundervoll melancholische Stimmung erzeugt, trägt dazu bei, dass dieser Roman ein literarischer Hochgenuss ist.

Leseempfehlung!

© Renie





Dienstag, 12. Oktober 2021

Charles Lewinsky: Melnitz

Der Roman "Melnitz" ist über 900 Seiten starke Fabulierkunst, wie nur Charles Lewinsky sie beherrscht. Er erzählt darin die Geschichte der jüdisch-schweizerischen Familie Meijer über einen Zeitraum von fünf Generationen. Die Handlung beginnt im Jahre 1871 und endet 1945.

Die Familie kommt aus dem gutbürgerlichen Milieu. Familienoberhaupt Salomon, mit dem die Geschichte beginnt, ist Viehhändler. Mit den nächsten Generationen werden die Meijers ihren Lebensunterhalt im Einzelhandel verdienen. Sie haben Erfolg bei dem, was sie machen. Der Erfolg sorgt für Wohlstand, mal mehr, mal weniger bescheiden. Die nachfolgenden Generationen werden davon profitieren. Es wird Nachkommen geben, die das Vermächtnis ihrer Eltern fortführen, genauso wie es Nachkommen geben wird, die einen eigenen beruflichen Weg einschlagen werden.

Die Ehen in dieser Familie werden anfangs weniger aus Liebe, sondern eher aus Vernunft geschlossen. Erst über die Jahre wird es zu Verbindungen kommen, die aus Liebe entstanden sind.
Quelle: Diogenes

Bei den Meijers wird gemenschelt und gejüdelt. Denn die jüdische Familie lebt nach den Regeln des Talmud. Ob aus Frömmigkeit oder Tradition, der jüdische Glaube bestimmt das Leben der Meijers.

Charles Lewinsky lässt in diesem Roman Schweizer Geschichte stattfinden, denn er bettet die Handlung in einen historischen Rahmen. Erzählt wird die Geschichte des Judentums in der Schweiz, vom 19. Jahrhundert bis hin zum 2. Weltkrieg am Beispiel der Meijers. 

Der Roman "Melnitz" ist ein großes Lesevergnügen, was nicht zuletzt an dem Sprachstil des Schweizer Autors liegt. Mit großer Fabulierlust und viel Ironie schildert Charles Lewinsky die großen und kleinen Probleme und Ereignisse aus dem Familienlebens der Meijers. Die Charaktere werden von ihm überspitzt dargestellt. Persönliche Macken und Eigenheiten werden dabei genüsslich ausgeschlachtet. er Autor lässt nur wenig Spielraum, um sich ein eigenes Bild von den Figuren zu schaffen. Dafür sind seine Beschreibungen viel zu akribisch, aber dafür gestochen scharf, so dass sie ein stimmiges Bild des jeweiligen Charakters ergeben.

Und dieser Roman ist unverkennbar jüdisch. Denn die Sprache ist von jiddischen Begriffen, Aussprüchen und Lebensweisheiten durchsetzt, die aber in einem mehrseitigen Glossar am Ende des Buches für den nicht-jiddisch sprachigen Leser übersetzt werden.

Namensgebende Figur dieses Romans ist übrigens ein Verwandter - Onkel Melnitz -, um wieviele Ecken er mit den Meijers verwandt ist, lässt sich schwer sagen. Doch irgendwie scheint er zur Mischpoche dazuzugehören. Und wie das häufig mit Verwandten ist, taucht der Onkel meistens dann auf, wenn man nicht mit ihm rechnet und sorgt für verstörende Unruhe. Doch wie jeder weiß, kann man sich Verwandtschaft bekanntlich nicht aussuchen.

Fazit:

Über 900 Seiten jüdische Familiengeschichte und keine Seite zuviel. Der Geschichtenerzähler Lewinsky hat wieder Höchstform bewiesen und mich mit seinem Roman verzaubert. Meine Begeisterung für diesen Autor hält an.

Samstag, 25. September 2021

Jonathan Coe: Mr. Wilder und ich

Billy Wilder, amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent, war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Seine größten Erfolge konnte er in den 40er, 50er und 60er Jahren verzeichnen. Insgesamt drehte er über 60 Filme. „Sabrina“, „Das verflixte 7. Jahr“, „Zeugin der Anklage“, „Manche mögen’s heiß“, „Das Mädchen Irma la Douce“ waren einige davon.
Im Jahr 1978 erschien sein vorletzter Film "Fedora", bei dem Billy Wilder nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb. Viele sahen darin Parallelen zu Wilders eigenem Hollywood Dasein. "Fedora" erzählt die Geschichte über den Mythos einer verstorbenen Filmdiva und wurde von den Kritiker u. a. wie folgt beschrieben: 
„ein Abgesang auf Hollywood, auf das Kino alter Schule, auf Billy Wilders klassische Filme nicht zuletzt. […] Ein Alterswerk, das seinen Rang vornehmlich dadurch erreicht, dass es in Kauf nimmt, von allen missverstanden zu werden."

Der Roman „Mr. Wilder und ich“ erzählt von der Entstehung dieses Films und ist gleichzeitig eine berührende und humorvolle Biografie über die Hollywood-Legende Billy Wilder, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits Anfang 70 war. 
Quelle: Folio Verlag

Die Geschichte von Billy Wilder wird dabei in einen weiteren Handlungsrahmen eingebettet. Denn erzählt wird sie Jahre später von einer fiktiven Figur - Callista, einer Komponistin für Filmmusik, Ehefrau und Mutter von 2 erwachsenen Töchter. Sie berichtet von ihren ersten Gehversuchen beim Film, an denen Billy Wilder maßgeblich beteiligt war. Callista ist in den 50er/60er Jahren in Athen aufgewachsen. Ihre griechischen Wurzeln und der Zufall haben ermöglicht, dass sie in den 70er Jahren in das Filmgeschäft gerutscht ist. Denn im Alter von 21 Jahren begegnet sie in Hollywood das erste Mal Billy Wilder, der ihr einen Job als griechische Übersetzerin für die geplanten Dreharbeiten von „Fedora“ am Drehort Lefkada, einer verschlafenen griechischen Insel, anbietet. Die Tochter eines Griechen und einer Engländerin, die zu diesem Zeitpunkt einen Trip durch Amerika macht, ergreift die Chance, und von da an wird sie die nächsten Jahre im Filmgeschäft in unterschiedlichen Funktionen arbeiten. Doch zunächst geht es um die Dreharbeiten zu „Fedora“. Mit ihrer unkomplizierten und bodenständigen Art sticht Callista aus der Menge der Filmleute, die an dieser Produktion beteiligt sind, heraus. Das merkt auch Billy Wilder sowie sein bester Freund und Co-Drehbuchautor Iz Diamond. Die beiden Männer suchen immer wieder die Gesellschaft von Cal, die herzerfrischend anders ist, als diejenigen Menschen, mit denen der Starregisseur beruflich zu tun hat: Schmeichler, Neider, Opportunisten und Sensationslüsterne. Cal erinnert sich Jahre später an diese Zeit und erzählt von den Begegnungen und Gesprächen mit den beiden Männern. Insbesondere durch die Sichtweise des besten Freundes Iz, lernt sie einen anderen Billy Wilder kennen, als denjenigen, der sich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit präsentiert.

Billy Wilder, Sohn jüdischer Eltern, ist 1906 in Österreich geboren, hat später lange Jahre in Berlin gelebt und ist mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika emigriert, wo er als Drehbuchschreiber ins Filmgeschäft einstieg und kurz darauf in Hollywood Regie führte. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und die kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde ein Teil seines Lebens. Billy Wilder war also kein Regisseur. der sich auf leichte Filmkomödien reduzieren ließ. Er begegnete der Welt zwar mit Humor, was aber nicht über seine Ernsthaftigkeit hinwegtäuschen sollte. 
"'... Das Leben ist hässlich. Wir alle wissen das. Du brauchst nicht ins Kino zu gehen, um zu erfahren, dass das Leben hässlich ist. Du gehst ins Kino, damit diese zwei Stunden dein Leben ein klein wenig heller machen, sei es durch Komik oder Lachen, oder einfach nur ... keine Ahnung, durch ein paar schöne Kleider und gutaussehende Schauspieler oder so - irgendein Lichtblick, der vorher nicht da war. Ein bisschen Freude, Heiterkeit ... .'"
Jonathan Coe hat mit diesem Roman einen Billy Wilder geschaffen, wie ich ihn mir gern vorstellen möchte: ein netter, älterer und humorvoller Herr, der menschliche Wärme ausstrahlt und mit Güte über die Fehler seiner Mitmenschen hinwegsieht. Ob Mr. Wilder tatsächlich so gewesen ist, ist für mich dabei zweitrangig. Ich will dem Autoren die Charakterisierung seines Protagonisten gerne abnehmen, zumal Jonathan Coe in seinen Anmerkungen und Quellenangaben am Ende des Romans nicht den Eindruck vermittelt, dass die Eigenschaften, die er seiner Figur zuschreibt, seiner Fantasie entsprungen sind. 

Der Protagonist Billy Wilder in Verbindung mit dem glamourösen Hollywood-Flair, das die Handlung begleitet, machen die Geschichte daher zu einem großen Vergnügen. Jonathan Coe hat mit "Mr. Wilder und ich" einen Roman geschaffen, der der humorvollen Leichtigkeit eines Films des berühmten Regisseur in nichts nachsteht.

Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 12. September 2021

Daniela Krien: Der Brand

Gegensätze ziehen sich an. Diese Binsenweisheit bewahrheitet sich immer wieder, insbesondere bei Ehepaaren. In Daniela Kriens Roman "Der Brand" fühlten sich vor vielen Jahren Rahel und Peter zueinander hingezogen. Zunächst waren die Gegensätze noch nicht offensichtlich. Die Gemeinsamkeiten überwogen. Beide Akademiker, beide in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Sie teilten die gleichen politischen Ansichten, liebten es, über Gott und die Gesellschaft zu diskutieren. Die Beiden haben geheiratet, zwei Kinder bekommen, sind mittlerweile Großeltern und stellen nun fest, dass über die Jahre Gegensätze zutage getreten sind, die das Eheleben verändert haben. Die Ehe von Rahel und Peter steht heute an einem Scheidepunkt. Doch die Beiden haben zulange miteinander gelebt, um die Ehe einfach abzuschreiben. Ein gemeinsamer Urlaub soll die Beziehung retten.
Das Vorhaben wird zunächst durch einen dummen Zufall gefährdet. Ein Brand hat die idyllische Unterkunft in den Bergen, die prädestiniert war, um müde Ehen wieder lebendig zu machen, zerstört. Als Alternative wird das Haus von Freunden herhalten, das Rahel und Peter hüten sollen. In diesem Haus sagen sich Pferd und Katze sowie ein einbeiniger Storch Gute Nacht. Also ziehen Rahel und Peter hier ein und werden die nächsten drei Wochen mit dem Versuch verbringen, ihre Ehe wieder auf Vordermann zu bringen. 
Quelle: Diogenes
"Hinter seinem Lächeln verbirgt sich etwas, und Rahel denkt, dass besonders in einer Ehe die Summe des Nichtgesagten die Summe des Gesagten bei weitem übertrifft."
Dieser Roman erzählt also die Geschichte eines Rettungsversuchs. Dabei legt die Autorin den Fokus auf die zu rettenden Personen.

Rahel, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist Psychologin. Im Verlauf der Handlung wird man den Eindruck nicht los, dass sie den Beruf verfehlt hat. Wenn sie an ihre Patienten denkt, werden ihre Gedanken von überheblichen Schwingungen begleitet. Und sie, die aufgrund ihrer Ausbildung in der Lage sein sollte, das Seelenkostüm anderer Menschen zu analysieren, scheitert an sich und den eigenen Familienmitgliedern. Denn Rahel hat ein gestörtes Verhältnis zu Tochter Selma, die übrigens auf Stippvisite bei den Eltern vorbeikommt, zusammen mit deren Enkelkindern, und die sich in diesem Roman als sprunghafte Dramaqueen präsentiert, was ihre Psychologen-Mutter überfordert.
Rahel hat Schwierigkeiten, sich mit den örtlichen Gegebenheiten zu arrangieren. Ihr fehlt die geordnete Struktur ihres Alltags zuhause, die kaum etwas dem Zufall überlässt.
Wohingegen Peter die Einfachheit, die das Tagesgeschehen in diesem Haus der Freunde bestimmt, mehr und mehr genießt. Er scheint sich selbst genug zu sein, ruht in sich selbst. Er scheint Rahel nicht zu brauchen, aber Rahel braucht einen Partner an ihrer Seite.
"Wegen des Virus begannen die Menschen, große Bögen umeinander zu machen. Sie sei eine dieser Personen, denen man ausweicht, während er zu jenen gehöre, die anderen den Vortritt ließen."
Trotz der Ernsthaftigkeit der Ehekrise und den gemeinsamen schweren Anstrengungen eines Rettungsversuchs der Eheleute, erzählt Daniela Krien diese Geschichte mit viel Humor. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass sie sich bewusst vieler Klischees bedient, die man mit einem Akademiker-Ehepaar, das Anfang 50 ist, in Verbindung bringt. Hier wird guter Wein getrunken, gut gegessen, man ist mit den modernen technischen Errungenschaften überfordert und sehnt sich nach dem Urtümlichen. Das aber bitte politisch korrekt. Dieser Humor verleiht der ernsten Geschichte eine große Leichtigkeit, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe. 

Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 4. September 2021

Barbara Frandino: Das hast du verdient

Ein eisernes Gesetz, das die meisten Kinder kennen, lautet: "Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen". Als Erwachsener geht man jedoch großzügiger mit dieser Regel um, was Scheidungsraten beweisen. 
Der Roman „Das hast du verdient“ der italienischen Autorin Barbara Frandino beschreibt den Versuch zweier Eheleute, das Versprechen, das sie sich einst gegeben haben, krampfhaft einzuhalten.

Früher haben sie sich geliebt: Claudia und Antonio, er – ein bekannter Fernsehstar, sie – eine Ghostwriterin, die gewohnt ist, im Schatten zu stehen. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Lange Jahre sind sie glücklich gewesen. Doch aus Verliebtheit wurde Gewohnheit, an der man aus Feigheit vor einer endgültigen Entscheidung festhält. Das Bewusstsein der eigenen Feigheit macht wütend. Und die Wut richtet sich gegen den Menschen, den man lieben sollte.
"Mir ist, als würde jedes Lob im Grunde eine Lüge oder Falle sein, also tue ich so, als ob ich es nicht gehört hätte, während die Beleidigungen, auch die geflüsterten, laut wie Schreie sind. Ich höre tagelang ihr Echo." 
Quelle: Folio Verlag
Die Trennungsgeschichte der beiden Eheleute wird aus der Perspektive von Claudia erzählt. Sie berichtet von den Kränkungen, die sie durch Antonio erfahren muss. Als Mensch mit wenig Selbstbewusstsein sucht sie die Gründe für diese Kränkungen zunächst bei sich. Mit der Zeit gewinnt sie jedoch in dem Konflikt mit ihrem Ehemann an Stärke, aber leider auch an Verbitterung, die sich in Gegenangriffen äußert. Das Zusammenleben der beiden wird zum Kriegsschauplatz. Anfangs ergreift man Partei für die zarte Ehefrau, die unter ihrem Mann zu leiden hat. 
Trotz des Blickwinkels der Ehefrau gelingt es aber der Autorin, den Leser im weiteren Verlauf der Geschichte zum Unparteiischen zu machen. Diese Entwicklung hat mir ausgesprochen gut gefallen, da sie der Realität entspricht. Denn zu einer Trennung gehören immer zwei.
"So vergeht die Zeit, in Form kleiner Verluste. Wir gewöhnen uns an die Abwesenheit, machen immer wieder kleine Anpassungen. Bis wir feststellen, dass wir mehr dem ähneln, was fehlt, als dem, was geblieben ist."
Der Roman „Das hast du verdient“ ist zwar eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen ist, denn leider sind Ehetrennungen mittlerweile zur Normalität geworden, doch gleichzeitig ist diese Geschichte erschütternd, denn sie verdeutlicht, wie schmal der Grat zwischen Liebe und Ablehnung gegenüber demjenigen Menschen sein kann, dem man einst ewige Treue und ein Zusammensein bis zum Tod versprochen hat. Dieser Roman ist dabei nicht reißerisch und weit entfernt von Trennungsgeschichten wie "Der Rosenkrieg" (Autor: Warren Adler), der durch seine Verfilmung im Jahr 1989, mit Michael Douglas und Katherine Turner in den Hauptrollen, bekannt wurde, und in dem eine Ehe in Zerstörung, Mord und Totschlag endet. 
Barbara Frandino wählt in ihrem Roman den subtilen Weg und kommt mit leisen Tönen daher, was diesem Roman Glaubhaftigkeit und Intensität verleiht.

Leseempfehlung!

© Renie

Samstag, 28. August 2021

Katharina Kramer: Die Sprache des Lichts

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. (1.Mose 1,1-2,4)

Diese Sätze der biblischen Schöpfungsgeschichte sind den meisten Menschen bekannt. Nur die wenigsten sehen jedoch die linguistische Bedeutung, die in diesen Worten steckt: Gott spricht, und einmal ausgesprochen, ist das, was er gesagt hat, existent. Gottes Sprache eröffnet also ungeahnte Möglichkeiten. Allein schon die Konsequenz des Satzes "Es werde Gold." bietet einen ungeheuren Anreiz, die Sprache der Schöpfung zu erlernen - vorausgesetzt, dass sich in Erfahrung bringen lässt, aus welchem Vokabular und Regelwerk diese göttliche Sprache besteht. 

In Katharina Kramers historischem Roman "Die Sprache des Lichts" geht es um die Suche nach dem Buch Soyga, das die Sprache der Schöpfung in codierter Form enthalten soll. Dabei führt uns die Handlung zum Ende des 16. Jahrhunderts. Die unterschiedlichsten Protagonisten durchqueren dabei Europa, angefangen in den französischen Pyrenäen und dem Osten Deutschlands. Die Protagonisten haben unterschiedliche Nationalitäten und kommen aus den unterschiedlichsten Berufen, allen voran:
Quelle: Droemer Knaur
die französische Spionin und Übersetzerin Margarète Labé, 
der deutsche Jacob Greve, Lehrer, Kryptologe und Sprachgenie
der englische Edward Kelley, Alchemist und Betrüger
der englische John Dee, Wissenschaftler

Das Interessante an den Protagonisten dieses Romans ist die Zusammensetzung aus fiktiven und non-fiktiven Figuren. Einige der fiktiven Charaktere sind historischen Personen entlehnt. So sind die Engländer Kelley und Dee reale Figuren; die Figur der Spionin Margarète vereint in sich eine Übersetzerin der damaligen Zeit (Margaret Tyler) sowie eine Lyrikerin (Louise Labé); Jacob Greve hingegen ist eine rein fiktive Figur. 

Die Protagonisten agieren zunächst in eigenen Handlungssträngen losgelöst voneinander, erst nach und nach verbinden sich diese Handlungsstränge.

"Die Sprache des Lichts" ist nicht nur ein Roman, der sich mit der Suche nach der göttlichen Sprache befasst. Die Jagd nach dieser einzigartigen und legendären Sprache findet vor dem Hintergrund der Religionskriege der damaligen Zeit zwischen Katholizismus und Protestantismus statt. Im Hintergrund agierten die Geheimdienste der beteiligten Nationen. Die Kommunikationsmöglichkeiten dieser Geheimdienste waren sehr reduziert, so dass die Kryptologie eine sehr große Rolle spielte. 
"Das Buch war handgeschrieben. Auf den ersten Seiten gab es viele astrologische Zeichnungen, manche prachtvoll, in glitzernden roten, grünen und blauen Farben. Dann folgten Beschwörungsformeln und Listen von Engeln, Luft-, Erd-, Feuer- und Wassergeistern. Über, neben oder unter den Formeln und Listen standen zahlreiche Wörter, die, wie in vielen magischen Büchern, rückwärts zu lesen waren: Supal stand für Lapus, der Stein; Retap retson für Pater noster."
In diesem Roman geht es also um Sprache und ihren Facettenreichtum, den Katharina Kramer sehr kurzweilig demonstriert. 
Was mir neben der interessanten Thematik dieses Romans ausgesprochen gut gefallen hat, sind die Erklärungen der Autorin zu den geschichtlichen Hintergründen ihrer Geschichte. So finden sich am Ende des Buches zu den meisten der Kapitel  Erläuterungen zu der Handlung oder zu einzelnen Figuren. 

Mein Fazit:
Ein kurzweiliger und hochinteressanter historischer Roman, der durch seine lebhafte Handlung besticht sowie durch die Mischung aus fiktiven und non-fiktiven Charakteren. Der Facettenreichtum von Sprache wird in einen historischen Kontext gebunden und macht aus diesem Roman einen spannenden und lehrreichen Geschichtsunterricht.

© Renie


Sonntag, 22. August 2021

Kate Grenville: Ein Raum aus Blättern

Mr. und Mrs. John Macarthur wanderten 1788 von England nach Australien aus. John war ein britischer Offizier, der dem Ruf der Krone folgte und seinen Dienst in der frisch errichteten Strafkolonie New South Wales antrat. Über die Jahre machte John Karriere als Soldat, Politiker und Unternehmer. Er gilt heute in Australien als Begründer der Schafzucht. 

Von Mrs. John Macarthur, die ihren John als Elizabeth Veale kennenlernte, ist nicht viel bekannt. Was für eine Frau Elizabeth war oder hätte gewesen sein können, erzählt der Roman "Ein Raum aus Blättern" der australischen Autorin Kate Grenville.
Dabei lässt sie Elizabeth ihre eigene Geschichte erzählen. Mit Anfang 80 blickt diese auf ihr Leben zurück: einer Kindheit in Südengland, die Heirat mit John als sie 21 war, die 6 Monate dauernde Seereise nach Australien und ihre Anfänge auf dem, zur damaligen Zeit noch unerschlossenen Kontinent.

Frau sein in Großbritannien zur Zeit von Jane Austen war alles andere als romantisch. Keine Gleichberechtigung, keine politische Mitbestimmung, kein Recht auf Bildung, auf Arbeit oder eigenen Besitz. Stattdessen war Frau jedoch der Besitz des eigenen Ehemannes. Und ein Ehemann musste her, denn ohne diesen konnte Frau kaum überleben. Häufig musste Frau den Mann nehmen, der zu kriegen war. Und das war nicht immer ein Glücksgriff.
Quelle: Nagel und Kimche
"Überrascht war ich über das Ausmaß meines Zorns. Zorn auf Mr. Macarthur natürlich, aber auch auf die grausame Maschinerie aus generationenalten Gesetzen, Glaubenslehren und Gepflogenheiten, die eine Frau der Möglichkeiten raubte, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen."
Pech hatte auch Elizabeth, die ihren John, der sich in dieser Geschichte als skrupelloses und selbstherrliches Ekelpaket erweist, sicherlich nicht aus Liebe geheiratet hat, sich von ihm nach Australien verfrachten lassen musste und verpflichtet war, für Johns Wohlergehen zu sorgen - in jeder Hinsicht. Als Gattin eines britischen Offiziers sorgte sie dafür, dass das gepflegte gesellschaftliche Leben Fortbestand hatte - was merkwürdig erschien, denn der Versorgungsnachschub aus der britischen Heimat war mehr als dürftig und ein 5-o'clock-Tea inmitten der Wildnis erschien eher deplatziert. Da jedoch von einer Mrs. John Macarthur die Einhaltung der englischen Etikette erwartet wurde, hat sie diesen Anspruch auch erfüllt. Sie hatte ja sonst nichts zu tun, anfangs zumindest. Später widmete sie sich der Schafzucht, die eigentlich die Aufgabe ihres Mannes gewesen wäre. Aber das musste in der Öffentlichkeit ja keiner wissen.

Kate Grenvilles Geschichte über Elizabeth Macarthur ist unglaublich spannend und ereignisreich. Als Leser wird man vom Schicksal dieser Frau vereinnahmt. Rückblickend war es für sie sicherlich kein schlechtes Leben, denn mit den Jahren gelang es ihr, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Beste für sich herauszuholen. Dennoch sind die Bedingungen, unter denen sie ihr Leben geführt hat, unvorstellbar. Das Festhalten an gesellschaftlichen Traditionen und Etikette mutete fast schon absurd an. Das Leben an der Seite eines skrupellosen Soziopathen schien aussichtslos.
Wie wohltuend ist da die Entwicklung des Charakters Elizabeth, die lernt, mit den Befindlichkeiten ihres Mannes umzugehen. Genauso wie sie lernt, das Land zu lieben, dem sie anfangs mit soviel Widerwillen und Ablehnung begegnet ist. Australien wird ihre Heimat.
"Ich will mich in diesem Bericht nicht besser machen, als ich es war. Ich musste mich mit diesem Ehemann abfinden und war feige genug, die Früchte seiner Schurkerei zu genießen."
Ich möchte gern glauben, dass die Geschichte der Elizabeth Macarthur tatsächlich so passiert ist. 

Doch genau das ist der springende Punkt in diesem Buch. Man glaubt, was man glauben will bzw. das, was Elizabeth, als Erzählerin dieser Geschichte, den Leser glauben machen will. In diesem Fall hat Kate Grenville mit "Ein Raum aus Blättern" einen "spielerischen Tanz der Möglichkeiten zwischen dem Realen und Erfundenen" aufgeführt. Mit Hilfe von Informationen, die sie den Biografien über die Macarthurs sowie Schriftstücken von damaligen Zeitzeugen entnommen hat, schreibt sie eine eigene Geschichte über Elizabeth, die so lebensecht wirkt, dass der Leser darin die Biografie einer heroischen Frau sehen will, die sich gegen die "Knechtschaft" ihres Mannes so gut es ging zur Wehr setzte und ihren eigenen Weg gegangen ist. Der Leser glaubt, was er glauben will, ungeachtet der Möglichkeit, dass Elizabeth in Wirklichkeit ein anderer Mensch hätte sein können.

Mein Fazit:
Ein außergewöhnlicher Roman, der mit dem Leser spielt. Das, was sich Kate Grenville vorgenommen hat, nämlich einen Roman zu schreiben, der die "Macht der Geschichte" demonstriert, hat sie großartig umgesetzt. Ich bin ihr auf den Leim gegangen, habe die Protagonistin zunächst gesehen, wie ich sie sehen sollte bzw. wollte. Der Ausspruch von Elizabeth Macarthur, der den Roman eröffnet und in einer Anmerkung der Autorin beendet
"Glaubt nicht zu geschwind!"
sagt alles aus.

Leseempfehlung!

© Renie