Dienstag, 25. Juni 2019

Dacia Maraini: Drei Frauen

Quelle: Pixabay/Lolame
Im gleichnamigen Roman von Dacia Maraini leben "Drei Frauen" in der Hauptstadt Italiens zusammen unter einem Dach: Oma Gesuina, ihre Tochter Maria und deren Tochter Lori. Aus den sich wechselnden Perspektiven der drei Frauen eröffnet sich eine konfliktbeladene, aber auch berührende Geschichte, die den Zeitraum eines Jahres innerhalb dieser Familie beschreibt.

Oma Gesuina war in jungen Jahren eine Schauspielerin. Als sie mit Maria schwanger wurde, war es vorbei mit ihrer Karriere. Sie hat ihre Tochter allein großgezogen. Heute hängt sie immer noch ihren Träumen von damals nach. Sie scheint kaum gealtert zu sein. Ihre Devise „Alt werden, jung bleiben“ lebt sie konsequent. Sie sieht für ihre 60 Jahre noch knackig aus, versucht ihren Hang zur Romantik mit diversen Online-Liebhabern auszuleben. Und sie erzählt von ihrem Alltag innerhalb ihrer Familie, indem sie ihre Gedanken in ein Diktiergerät spricht.
Quelle: Folio Verlag

Betrachtet man Gesuina, wundert man sich, wie es zu einer Tochter wie Maria gekommen ist. Außer dem Hang zur Romantik, den beide jedoch auf unterschiedliche Weise ausleben, haben Maria und ihre Mutter wenig gemeinsam. Maria sorgt für den Unterhalt der Familie, indem sie als Übersetzerin von Romanen arbeitet. Sie verliert sich dabei in den Geschichten, die sie übersetzt. Ihr Herz gehört einem Franzosen, mit dem sie regelmäßig verreist. Einen Alltag hat diese Beziehung bisher noch nicht erlebt bzw. überlebt. So leben Maria und ihr Liebhaber die meiste Zeit des Jahres ihr eigenes Leben. Einzig die Briefe, die sie sich schreiben, geben Maria die Kraft, mit ihrer Verantwortung als alleinige Ernährerin der Familie zurechtzukommen.
"Maria ist zerbrechlich wie ein rohes Ei. Sobald man sie berührt, ist sie verletzt. Aber sie hat auch die Perfektion eines Eies, die makellos glatte Schale. Doch wenn man nicht aufpasst, rollt es über die Tischkante, fällt auf den Boden und zerbricht."
Von den beiden anderen Frauen in diesem Haushalt ist kaum mit Unterstützung zu rechnen. Oma Gesuina lässt es sich gut gehen. Und Lori, die Jüngste in diesem Dreiergespann, ist mit Schule und Erwachsenwerden beschäftigt. Lori ist der Rebell in der Familie. Das, was ihrer sanftmütigen Mutter fehlt, hat sie zu viel. Lori bewegt sich mit einer Wut durch den Alltag, die andere gern vor den Kopf stößt. Dabei strahlt sie eine Energie aus, die eindeutig zeigt, dass sie das Enkelkind ihrer Oma ist.

Wohingegen Maria ihre Gedanken über ihr Leben und ihre Familie in den Briefen an den Franzosen niederschreibt – der Leser liest also mit -, schreibt Lori Tagebuch. Auch hier liest der Leser mit.

Eines Tages steht der Franzose vor der Tür und quartiert sich für ein paar Tage bei den drei Frauen ein. Keine von ihnen rechnet damit, dass er in der Lage ist, das Leben der Drei durcheinander zu wirbeln. Doch genau das passiert. Rollen werden vertauscht, Wunden werden zugefügt. Ob es sich hierbei um bleibende Wunden handelt, bleibt bis zum Schluss des Romans Spekulation.
"Drei Generationen unter einem Dach, die sich nur ertragen, weil es nicht anders geht. ... Das Gefühlsleben der Familie ist kompliziert, immer wieder gibt es Überraschungen. Man liebt und hasst sich gleichzeitig. Manchmal ist die Nähe erdrückend, fast unerträglich, gleichzeitig denkt man mit Schrecken an den Moment der Trennung."
Dieser wundervolle Roman hat mich gefangen genommen. Die Charaktere haben mich fasziniert.
Drei Frauen, die sehr unterschiedlich sind, aber dennoch eine Einheit bilden. Durch den Wechsel der Erzählperspektiven, ist man den Frauen ganz nah. Man blickt in ihr tiefstes Innneres, leidet und lacht mit ihnen. Und man durchlebt ihre Entwicklung innerhalb eines Jahres, die ihnen einiges abverlangt. Oma Gesuina wird von der unbeschwerten, leichtlebigen junggebliebenen Alten zu einer Frau, die auf einmal Verantwortung übernehmen muss. Aus dem rebellischen, pubertierenden und jungen Mädchen Lori wird eine ernsthafte junge Frau, die ebenfalls Verantwortung übernehmen muss. Innerhalb eines Jahres ist ihre Kindheit und Jugend vorbei. Und Maria, die zu Beginn dieses erzählten Jahres die Stärkste in dieser Dreierkonstellation war, ist am Ende die Schwächste. Wie es dazu gekommen ist, möchte ich jedoch nicht verraten.

Ich beurteile ein Buch immer danach, ob ich es gern gelesen habe, oder nicht. Hier gibt es keine Zweifel und kein Zögern. Ich habe dieses Buch geliebt!

© Renie

Donnerstag, 13. Juni 2019

Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie

Quelle: Pixabay/Antranias
Eine Familie mit mindestens 3 Kindern ist eine Mehrkindfamilie. Ab dem 4. Kind spricht man gern von einer kinderreichen Familie.
Die amerikanische Fernsehfamilie Walton hatte 7 Kinder - eine Großfamilie. Bei den Waltons stand trotz eines einfachen und schweren Lebens zur Zeit der Weltwirtschaftskrise der Familienzusammenhalt an oberster Stelle. Und dem Zuschauer wurde eine gehörige Portion Familienidylle vermittelt. ("Gute Nacht, John Boy").

Die Familie Cardinal in Jocelyne Sauciers Roman „Niemals ohne sie“ hat 21 Kinder und liegt somit fernab jeglicher Definition. Auch in dieser Familie steht der Familienzusammenhalt an oberster Stelle. Nur mit der Familienidylle ist es nicht weit bestellt.
Die Cardinals leben irgendwo in Kanada in einem kleinen Städtchen, das vom Zinkabbau lebt. Noch geht es den Einwohnern der Stadt gut, was nicht zuletzt Vater Cardinal zu verdanken ist, hat er doch vor einiger Zeit das Zink entdeckt und die Abbaurechte an eine Bergbaugesellschaft abgetreten. Vater Cardinal ist ein stiller und heimlicher Gesteinsexperte, den jedoch sein Talent nicht zum erhofften Wohlstand gebracht hat. So verbringt er den Großteil seiner Zeit damit, Gesteinsadern in der Gegend zu suchen und Gesteinsproben zu untersuchen. Einige Auserwählte seiner 21 Kinder haben die Ehre, ihn bei seinen Unternehmungen zu begleiten.

Quelle: Insel Verlag
Die Kinder erziehen sich selbst. Bei 21 Kindern ist es nur natürlich, dass sich Hierarchien herausbilden. Die Großen kümmern sich um die Kleinen, die in der Rangordnung noch ganz weit unten stehen. 
Eine Mutter gibt es auch. Doch die hat ihre eigenen Probleme. Sie ist psychisch labil, vergräbt sich den lieben langen Tag in der Küche, wo sie die Familie bekocht. Die Verantwortung für die Kinder überlässt sie lieber ihrer ältesten Tochter. 
"Sie liebte uns. Man brauchte nur die zärtlichen Blicke zu sehen, mit denen sie ihre Babys bedachte, bevor sie sie mir anvertraute. Doch ihre Liebe kam nicht gegen die Hektik an, mit der sie in die Küche stürzte. Sie vergaß das Baby, vergaß uns alle, einen nach dem anderen, jeden Einzelnen von uns, wegen der kopflosen Liebe, die sie für uns alle empfand, für die Gesamtheit ihrer Kinder, und wenn einer von uns in ihren Gedanken auftauchte, allein und als Individuum in dem Durcheinander aus Kindergesichtern, befiel sie eine panische Angst, weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie ihn oder sie vergessen hatte."
Soweit zur Vorgeschichte. Denn der Roman beginnt viel später, in einer Zeit, in der die Kinder längst erwachsen sind und selbst Nachwuchs haben (könnten). Mittlerweile sind die Kinder in alle vier Winde verstreut. Anlässlich einer Ehrung ihres Vaters, der mittlerweile 85 Jahre alt ist, kommt es zu einer Familienzusammenkunft, die bei den Kindern nur bedingt mit Wiedersehensfreude verbunden ist. Was ist also geschehen?
Der Familie ist ein Unglück widerfahren. Und was genau passiert ist, kristallisiert sich von Seite zu Seite mehr heraus. Die Autorin lässt die Kinder zu Wort kommen – nicht alle 21, sondern die Key Player in der Familie bzw. diejenigen, die mehr oder weniger an dem Unglück beteiligt waren.
In Rückblenden erinnern sie sich an die tragischen Vorkommnisse in der Zeit ihrer Kindheit. Dabei zeichnen sich 2 Dinge ab. Zum Einen, welchen Einfluss das damalige Geschehen auf die Entwicklung der einzelnen Charaktere genommen hat. Zum Anderen, welche Unbarmherzigkeit das Leben in der Cardinal Familie mit sich brachte. Die Cardinal Kinder bildeten eine Front nach Außen. Die Familie war in der Gegend gefürchtet. Immer galt es, die Familie zu schützen. Da auf die Befindlichkeiten des einzelnen Cardinals keine Rücksicht genommen wurde, und jeder seine Bedürfnisse dem Wohl der Familie untergeordnet hat, ist der eine oder andere unvermeidlich auf der Strecke geblieben. Erstaunlicherweise ist dieser ganz besondere Familiensinn nur von den Kindern gelebt worden und nicht von den Eltern. So war das bei den Cardinals.
"'In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.'"
Wir haben es also mit einem ganz besonderen Familienroman zu tun. Die Familie ist besonders, ihr Schicksal ist besonders und die Art und Weise, in der die Autorin deren Geschichte erzählt, ist ebenfalls besonders - nämlich besonders berührend.
Mit ihrem Erstlingswerk "Ein Leben mehr" hat mich Jocelyne Saucier vor 2 Jahren bereits gekriegt. Voller Ungeduld habe ich ihren nächsten Roman erwartet, der mit "Niemals ohne sie" nun erschienen ist. Meine Erwartungshaltung lag zwischen Bangen und Hoffen. Denn es sind schon viele Autoren an der Messlatte gescheitert, die sie mit einem ersten Erfolgsroman gelegt haben. Nicht so Jocelyne Saucier. Die beiden Romane sind von der Thematik her nicht vergleichbar. Aber, was für ein Glück, auch in "Niemals ohne sie" findet sich ihr schriftstellerisches Talent wieder. Sehr behutsam nähert sie sich den Charakteren an. Nach Außen erscheint die Familie als eine Einheit. Doch der Autorin gelingt es, die Eigenheiten jedes Charakters herauszuarbeiten und somit seine Einzigartigkeit innerhalb des Familienclans zu betonen. Dabei umschmeichelt die Handlung eine Melancholie, die diesen Roman zu einem wundervollen Entschleunigungsbuch macht - trotz aller Tragik, die sich in dieser Geschichte am Ende verbirgt.

Leseempfehlung!

© Renie










Mittwoch, 5. Juni 2019

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Quelle: Pixabay/Pavlofox
"Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde" - ein Ausspruch des französischen Autors Sorj Chalandon. Und was soll ich sagen: Man nimmt es ihm ab. Wenn man einen Roman von Sorj Chalandon liest, kann man spüren, dass dieser mit Blut und Tränen geschrieben wurde. So auch sein aktuelles Buch "Am Tag davor".

In diesem etwa 300 Seiten starken Roman bringt der Autor so einiges unter:
Es ist eine Geschichte über den Bergbau in Frankreich.
Es ist ein Justizroman.
Es ist ein Roman über Schuld und Sühne.

Der Roman beginnt im Jahr 1974, in Liévin, einem Ort im Norden Frankreichs. Hier regiert der Bergbau. Familien, die hier leben, sind vom Bergbau geprägt. Kaum ein erwachsener Mann, der nicht Untertage in die Zeche Saint-Amé einfährt. Auch wenn die Familie des 14-jährigen Michel Flavent (Ich-Erzähler) bis jetzt von der Landwirtschaft gelebt hat, unterliegt auch sie den Einfluss  des Bergbaus. Ein Onkel von Michel ist vor einigen Jahren bei einem Zechenunglück ums Leben gekommen. Nun findet Michels älterer Bruder Jojo eine Anstellung untertage. 
Quelle: dtv
"Um halb fünf aufstehen. Im Dunkeln das Haus verlassen, im Korb in den Berg einfahren wie Vieh im Käfig, stundenlang im Fels schürfen, überkopf, in einem schmalen Schlauch, liegend, inmitten von ohrenbetäubendem Lärm, ohne Schutzmaske, ohne Schutzbrille, ohne irgendeinen Schutz, ohne alles, was die Menschenwürde verlange."
Es passiert schließlich das, was passieren muss. Jojo kommt während eines Grubenunglücks mit 42 anderen Bergleuten ums Leben. Ein traumatisches Ereignis für die Familie. Michel kann den Tod seines Bruders nicht verarbeiten. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass kaum einer der Verantwortlichen für dieses Unglück zur Rechenschaft gezogen wurde. Vierzig Jahre später kehrt Michel unerkannt in die Stadt zurück. Er will Rache nehmen und denjenigen, der für den Tod seines Bruders und seiner Kumpel verantwortlich ist, töten.

Es fällt mir schwer, in Kürze diejenigen Dinge aufzuzählen, die mir an diesem Roman besonders gefallen haben:

Da ich seit gefühlten Ewigkeiten im Ruhrgebiet lebe, hat die Thematik "Bergbau" für mich einen besonderen Charme. In diesem Roman merkt man dem Autor den Journalisten an. Er hat akribisch recherchiert, entwickelt ein authentisches Bild des Zechenalltags und die Auswirkungen des Bergbaus auf die Menschen. Einen wesentlichen Beitrag zur Authentizität leistet dabei die Bergarbeitersprache in diesem Buch. Das Leben der Stadt wird von der Zeche dominiert. Man kann förmlich den Kohlenstaub fühlen, riechen und schmecken.
"Sie schaute nicht, sie sah. Ihr Blick aus einer anderen Welt. Die schreckliche Schönheit ihrer Augen. Kein Leiden in ihrem Gesicht. Die Stirn, die Hände entspannt, die Lippen verhinderten ihren letzten Atemzug. Sie sah mich an. Mit einem einzigen Wimpernschlag ermutigte sie ihren schwächlichen Kerl. So nahe sie dem Tod auch war, gab sie mir noch Glück und Kraft."
Der Protagonist Michel Flavent. Als er den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen will, ist Michel mittlerweile in den Fünfzigern. Und meine Güte, was hat der Mann sein Leben lang gelitten. Der Schmerz um den Verlust seines Bruders, zu dem er aufgeschaut hat, der ihm ein Freund und Vorbild war, verfolgt ihn. Michel hält es nach dem Tod seines Bruders zuhause nicht mehr lange aus. Er geht nach Paris. Und auch hier macht der Tod nicht vor den Menschen, die er liebt, halt. Es ist herzzerreißend, wie sehr Michel der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Lediglich die Idee, den Mann, der für den Tod seines Bruders verantwortlich ist, zur Rechenschaft zu ziehen, scheint sein einziger Antrieb im Leben zu sein.

Nun sollte man meinen, dass so viel seelischer Schmerz, wie er hier geschildert wird, der Geschichte eine melodramatische und pathetische Note verleiht. Doch weit gefehlt. Denn wir haben es bei Sorj Chalandon mit einem virtuosen Schriftsteller zu tun, dem jegliche Gefühlsduselei fremd ist. Stattdessen schafft er es, mit wenigen Worten Gefühle zu kreieren, die bis ins Mark gehen. Lesen mit Kloß im Hals, darauf muss man sich bei ihm einstellen. Das Unausgesprochene ist bei ihm entscheidend. Bei ihm steht ganz viel zwischen den Zeilen. Er macht nicht nur wenige Worte, sondern ist auch ein Freund kurzer Sätze, die er fast schon stakkatohaft zu Papier bringt. Das macht beim Lesen atemlos.

Mein Fazit:
Kloß im Hals, Atemlosigkeit, Gefühle, die bis ins Mark gehen. Ein unbeschreiblich gutes Buch von einem Ausnahme-Schriftsteller.

© Renie





Ein weiterer Titel, den ich von Sorj Chalandon gelesen habe:











Freitag, 24. Mai 2019

Birgit Vanderbeke: Alle, die vor uns da waren

Quelle: Wikimedia Commons
"Die Zeit, von der man denkt, dass man sie sich von vorne aus der Zukunft holt, dann lebt man sie, und dann kommt sie auf den riesigen Berg Vergangenheit, der abgetan hinter einem liegt und verrottet, diese Zeit gibt es so nicht."
In Birgit Vanderbekes Roman "Alle, die vor uns da waren" geht es um ebendiese Zeit.
Die Autorin tritt den Beweis an, dass alles, was in der Vergangenheit passiert, einen Einfluss auf Gegenwart und Zukunft hat. Genauso, dass "Alle, die vor uns da waren", uns unser Leben lang begleiten - in welcher Form auch immer.
Dieser Roman ist der letzte Teil ihrer autobiografischen Trilogie. In Band 1 "Ich freue mich, dass ich geboren bin" behandelt Birgit Vanderbeke die Flucht ihrer Familie aus der DDR und die erste Zeit in der BRD. Band 2 "Wer dann noch lachen kann" beschreibt ihre unvorstellbar traumatische Kindheit. Mit dem letzten Band "Alle, die vor uns waren" konzentriert sie sich auf ihre jüngste Geschichte.
Quelle: Piper

Angefangen mit dem Auszug von Zuhause und dem Sich Lösen vom Einfluss ihres Vaters, beschreibt sie ihr Leben. Einen wichtigen Teil nimmt dabei ihr fast schon liebevoller Blick auf ihre Freunde und Bekannten ein und deren Einfluss auf ihren persönlichen Werdegang. Allen voran Heinrich Böll, der sie einlädt, zusammen mit ihrem Mann Gianni in Bölls irischem Ferienhaus zu leben. Er bietet ihr dadurch eine unschätzbare Rückzugsmöglichkeit und Gelegenheit, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen: Die Flucht aus der DDR, die Kindheit unter ihrem dominanten Vater, die ersten Schritte im Westen und die Unterstützung durch die Freunde.
"Es ist ganz erstaunlich, wie wenig man davon weiß, was wann wie gelaufen ist und warum. Manchmal bekommt man so Pi mal Daumen noch etwa die Reihenfolge hin, obwohl das auch schon tückisch sein kann und sich urplötzlich umdreht. Und plötzlich ist alles vertauscht und verdreht und passt überhaupt nicht mehr zusammen, weil aus Ursachen Wirkungen geworden sind und umgekehrt."
Doch Birgit Vanderbeke konzentriert sich in ihren Schilderungen nicht nur auf ihr eigenes Leben, sondern sie blickt über ihren persönlichen Tellerrand hinaus. Denn in diesem 3. Teil ihrer Autobiografie nutzt sie die Gelegenheit, ihre Sorgen hinsichtlich der Entwicklung unserer Gesellschaft und der Umwelt in Worte zu kleiden. So kommt es zu einem Rundumschlag, der viele Themen, die unsere heutige Gesellschaft beschäftigen, anstupst. Insofern wird aus der Autobiografie ein gesellschaftskritischer Roman. Das erscheint im Kontext mit den anderen beiden Romanen der Trilogie nicht stimmig. Die Autorin scheint zuviel zu wollen. Denn sie packt unzählige Themen an, die sie jedoch nur kurz andeutet. Dadurch vermisse ich in diesem Roman leider diejenige Intensität, die mich in dem 2. Teil ihrer autobiografischen Serie ("Wer dann noch lachen kann") berührt hat.
"Ich war etwas zerschlagen und zerschunden aus meiner Kindheit rausgekommen, fühlte mich benommen und hatte keine Ahnung, warum manche zerschlagen und zerschunden werden und andere nicht."
Was Birgit Vanderbeke jedoch immer lesenswert macht, ist ihr unnachahmlicher Sprachstil. Man stelle sich vor, man sitzt mit einer guten Bekannten bei einem Kaffee und plaudert über Gott und die Welt. Man kommt von Hund auf Stöckchen. Die Unterhaltung verläuft unkompliziert. Man spricht, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Diese Stimmung vermittelt mir Frau Vanderbeke in ihren Büchern, so auch in diesem. Da wechseln Trivialitäten mit Tiefgründigem. Doch das ist nicht schlimm. Ganz im Gegenteil, vermittelt diese Art der Erzählung doch eine große Vertrautheit. Daher ist es immer ein großes Vergnügen, einen Roman von Birgit Vanderbeke zu lesen. So auch dieses Mal. Denn wenn sie mich mit "Alle, die vor uns da waren" inhaltlich nicht überzeugen konnte, ist es am Ende ihr Sprachstil, der mich diesen Roman genießen ließ.

Leseempfehlung!

© Renie

Freitag, 17. Mai 2019

Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Photo by Alex Avalos on Unsplash
Frei nach der Devise: "Was nicht passt, wird passend gemacht" hat Joël Dicker mit "Das Verschwinden der Stephanie Mailer" einen Roman geschrieben, der weit unter dem Niveau liegt, das er mit seinen beiden Erfolgen „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ erreicht hat. Was für ein Flop. Ich bin enttäuscht.

Zum Inhalt:
Besagte Stephanie Mailer ist eine Journalistin und angehende Buchautorin, die bei den Nachforschungen um einen Vierfach-Mord im idyllischen Orphea einem Geheimnis auf die Spur kommt. Orphea ist ein fiktiver Touristenort in den Hamptons, einem Landstrich in der Nähe New Yorks, der ein Urlaubsmekka für wohlhabende Amerikaner ist. Der Vierfach-Mord hat vor 20 Jahren stattgefunden - 1994. Die Mordopfer waren der damalige Bürgermeister Gordon sowie seine Frau und der gemeinsame Sohn. Die Vierte im Bunde war eine Joggerin, die zur falschen Zeit am falschen Ort war und augenscheinlich unerwünschte Zeugin des Verbrechens wurde. 
Quelle: Piper

Der Vierfach-Mord wurde seinerzeit vom FBI Ermittlerduo Jesse und Derek erfolgreich aufgeklärt. So dachte man zumindest. Doch nun, 20 Jahre später, stellt sich heraus, dass scheinbar der Falsche für die Verbrechen zur Verantwortung gezogen wurde. Der mittlerweile pensionierte Derek und sein Kollege Jesse rollen das Verbrechen noch einmal auf. Auch Jesse befindet sich so gut wie im Ruhestand - eine Woche hat er noch bis zu seiner Pensionierung. Natürlich bleibt es nicht bei dem 20 Jahre alten Verbrechen. Denn, wie der Titel dieses Romans schon sagt, verschwindet Stephanie Mailer auf mysteriöse Weise. Auch bei diesem Mysterium wird es nicht bleiben. Stattdessen kommen zu den vier Toten aus dem Jahre 1994 nun, 20 Jahre später, weitere Opfer hinzu.
Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte ist das Städtchen Orphea, das vom Tourismus lebt. Damals wie heute ist ein Theaterfestival, das jährlich in der Stadt stattfindet, ein wichtiger Meilenstein bei der Aufklärung der Verbrechen.
Die Stunde der Wahrheit scheint das Premierenstück des Theaterfestivals zu sein, zumindest soll es hier einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung der Verbrechen geben. Und tatsächlich hat Joël Dicker einen Countdown eingebaut, der auf einen High Noon hinausläuft. Denn vom Beginn des Romans werden die verbleibenden Tage bis zu diesem wichtigen Ereignis herunter gezählt. Aber bei Dicker schlägt es leider Dreizehn. Denn das Premierenstück ist zwar spektakulär, verwirrt jedoch mehr, als dass es Klarheit in die Mordfälle bringt. Die kommt dann aber zum Schluss des Romans.
"'Wenn man das Maß an Respekt betrachtet, das bestimmten Genres gezollt wird, steht in der Reihe ganz zuoberst der unverständliche Roman, dann der intellektuelle Roman, dann der historische Roman, dann der Roman überhaupt und erst danach, an vorletzter Stelle, kurz vor der Liebesromanze, steht der Krimi.'"
Wie in seinen bisherigen Romanen bleibt Joël Dicker seinen Konstruktionsplänen treu: Viele unterschiedliche Erzählperspektiven, mehrere Handlungsebenen, ein munteres Hin- und Her in den Zeitebenen und natürlich verblüffende Entwicklungen in der Geschichte. Alles zusammen ergibt dies ein fröhliches Rätselraten, das eigentlich großartige Unterhaltung und einen quirligen Lesespaß garantieren sollte. Eigentlich! Denn tatsächlich tritt in diesem Roman ein Effekt ein, den ich bisher bei der Lektüre von Joël Dickers Büchern nicht erlebt habe: Der Effekt der Müdigkeit.

Anfangs habe ich die Geschichte sehr genossen. Joël Dickers eigene Art, einen Roman aufzubauen, hat mich zunächst mitgerissen. Doch nach der Hälfte des Buches stellte ich fest, dass ich die Geschichte nur noch gezwungenermaßen gelesen habe. Die Luft war raus. Stellt sich die Frage, wie es dazu gekommen ist. Ich habe dem Roman Folgendes anzukreiden: Zunächst sind es die Charaktere. Einige unter ihnen sind dermaßen überzeichnet und als Lachnummern dargestellt, dass es fast schon weh tut. Dank meiner hohen Schmerztoleranz käme ich damit noch klar. Doch darüber hinaus nimmt die Handlung Entwicklungen an, die eigentlich gar nicht gehen. Im Sinne von "Was nicht passt, wird passend gemacht" wird hier konstruiert, dass man sich als Leser schon auf den Arm genommen fühlt. Bestenfalls und mit viel Wohlwollen kann man Joël Dicker den Versuch, sich in an einer Satire zu versuchen oder einen humoristischen Roman unterstellen. Aber so weit geht mein Wohlwollen nicht. Für mich ist dieser Roman daher ein Flop.

© Renie





Mittwoch, 8. Mai 2019

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen

Quelle: Unsplash/Mohan Murugesan
"Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein." (Eine Kindheitserinnerung)

Egal, ob Christentum, Judentum oder Islam. In jeder Glaubensrichtung werden Kinder von klein auf an Religion herangeführt.
Es gehört in den meisten Familien zur Erziehung, dass Kinder, sehr früh lernen, dass es einen Gott gibt, der sowohl über die guten als auch die schlechten Menschen richtet. Gute Menschen kommen in den Himmel, böse in die Hölle. Und welches Kind will schon in die Hölle?
In einigen Elternhäusern wird die Religion intensiver gelebt, in anderen werden die Glaubensgrundsätze sehr großzügig ausgelegt. Aber egal wie, Religion ist immer präsent.

In dem Roman "Worauf wir hoffen" von Fatima Farheen Mirza geht es um eine Familie, in welcher Religion sehr intensiv gelebt wird. Die muslimische Familie stammt aus Indien, die Eltern Rafik und Laila sind kurz nach ihrer arrangierten Hochzeit nach Amerika ausgewandert. Hier sind sie ein wichtiger Bestandteil der islamisch-indischen Gemeinde ihrer Stadt geworden. Über die Jahre haben sie zwei Töchter, Hadia und Huda, bekommen. Zum Schluss kam der ersehnte männliche Nachkomme, Amar.

Quelle: dtv
Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Hadia. 
Bereits hier zeichnet sich ab, dass ein Bruch durch die Familie gegangen sein muss. Amar hat vor ein paar Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Er folgt jedoch der Einladung seiner Lieblingsschwester Hadia und kommt zu ihrer Hochzeit. 
"Die drei Jahre hatten ihren Bruder verändert, sein Gesicht war ernster geworden: Schatten lagen unter seinen Augen, eine frische Narbe am Kinn gesellte sich zu den alten Narben an Lippe und Augenbraue. Er hielt die Schultern krumm, und sie merkte, dass ihm das Selbstvertrauen abhandengekommen war, als hätte eine selbstgewisse Körperhaltung ebenso zu ihm gehört wie sein gewinnendes Schmunzeln. ... und wieder überfiel sie bei diesem Anblick die alte Furcht: Er versuchte immer noch zu verschwinden."
Dieses Buch beschreibt, wie es zu dem Bruch innerhalb der Familie gekommen ist. Die Erzählperspektiven wechseln zwischen Laila, Hadia und Amar. Huda ist zunächst eine Randfigur, die im Hintergrund wahrgenommen wird, die aber später an Profil gewinnt. Und auch der Vater Rafik ist zwar allzeit präsent, wird aber immer nur aus Sicht der anderen geschildert. Das Bild, das dabei von ihm gezeichnet wird, ist das eines Patriarchen, der Gott gleich über allem herrscht, und den es aus Sicht seiner Kinder zu beeindrucken und stolz zu machen gilt. Nur so verdienen die Kinder seine Liebe.
Dieser befremdliche Umgang mit dem Vater resultiert aus der traditionellen und religiösen Erziehung der Kinder. „Du sollst Vater und Mutter ehren“.
Trotzdem wachsen die 3 Geschwister in einem liebevollen Elternhaus auf, was nicht zuletzt Lailas Verdienst ist. Die Mädchen entwickeln sich, wie es sich für „anständige“ muslimische Frauen gehört. Ihnen wird am Ende die Gratwanderung zwischen ihrer traditionellen Kultur Indiens und der modernen Kultur Amerikas gelingen. Einzig Amar schlägt aus der Art. Von klein auf lässt er sich nicht in die Verhaltensmuster pressen, die man einem muslimischen Jungen auferlegt. Das sorgt für ständiges Konfliktpotenzial, insbesondere zwischen seinem Vater und ihm. Amar kann den Ansprüchen seines Vaters einfach nicht gerecht werden, so sehr er sich auch anstrengt. Irgendwann wird es zum Eklat zwischen Amar und Rafik kommen, woraufhin der Sohn die Familie verlassen wird.
"Sie kennt ihren Vater. Seinen Stolz, seine Werte, sein striktes Befolgen der religiösen Vorschriften. All dies ist ihm wichtiger als die Liebe zu seinen Kindern. Hadia hat immer gespürt, dass die Liebe ihrer Eltern an Bedingungen geknüpft ist. Für Amar ist das eine Herausforderung, er möchte herausfinden, wie weit er gehen kann, bis sie ihn aufgeben."
Dieser Roman beschreibt die Anfänge der Familie bis hin zum Erwachsenenalter der Kinder. Erzählt wird in Rückblenden, wobei die Erinnerungen von Laila, Rafik und Hadia in nichtchronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Dabei kommt es zu enormen Zeitsprüngen, die das Lesen nicht einfach machen. Gerade zu Beginn eines Kapitels braucht man einige Zeit, um festzustellen, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Es werden die kleinen und großen Geschichten einer Familie erzählt, und welche Auswirkungen diese Geschichten auf die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder haben. Dabei steht das Leben innerhalb von Tradition und Religion im Vordergrund. Zwischenzeitlich muss man sich als Leser in Erinnerung rufen, dass die Geschichte tatsächlich im heutigen Amerika spielt. Denn der amerikanische Alltag findet nicht statt. Die Familie ist in die indische Gemeinde integriert. Die Freunde und Bekannten sind Bestandteil dieser Gemeinde. Und das komplette Gemeindeleben wird von der indischen Tradition bestimmt.

Fazit:
Dieses Buch ist ein sehr berührender Familienroman, der das Familienleben unter dem Einfluss von Religion und Tradition schildert. Er zeigt auf, wie schwierig es ist, zwischen den Traditionen und dem modernen Leben zu bestehen. Dennoch ist gerade die junge Generation, die ein Leben in Indien nie gelebt hat, mit den Traditionen tief verwurzelt. Und die meisten von ihnen schaffen das Kunststück, sowohl Tradition als auch Moderne miteinander in Einklang zu bringen. 
Für mich war dieser Roman so etwas wie ein Aufklärungsroman, gewährt er doch tiefe Einblicke in das muslimische Leben. Da mein Verständnis vom Islam und der damit verbundenen Lebensweise sehr oberflächlich ist, habe ich die Lektüre als echte Bereicherung empfunden.
Leseempfehlung!

© Renie


Freitag, 3. Mai 2019

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Quelle: Pixabay/Peggychoucair
Elizabeth Strout ist eine großartige Geschichtenerzählerin. Mit ihrer Sprache trifft sie mich immer mitten ins Herz. Daher war der neue Roman "Alles ist möglich" ein absolutes Muss für mich.
Sie erzählt darin die Geschichten von Einwohnern einer Kleinstadt im mittleren Westen Amerikas. Der Vietnamkrieg liegt schon viele Jahre zurück. Und dennoch sind die seelischen Nachwehen derjenigen, die im Krieg waren, immer noch zu spüren.

Es ist nicht nur der Wohnort, der die Protagonisten miteinander verbindet. Manche sind verwandt, andere benachbart oder befreundet. Die meisten von ihnen leben hier seit einer gefühlten Ewigkeit. Andere wiederum sind mittlerweile aus ihrer Heimat weggezogen, sind aber immer noch eng mit ihr verwurzelt.
Quelle: Luchterhand
"Die Menschen konnten einen schon überraschen. Nicht nur durch ihre Güte, sondern auch durch ihre plötzliche Fähigkeit, genau die richtigen Worte zu finden."
Elizabeth Strout hat diesen Roman wie eine Sammlung von Erzählungen aufgebaut. Jede der Erzählungen behandelt die aktuelle Lebenssituation eines anderen Protagonisten. Dennoch sind diese Geschichten miteinander verwoben. Denn in einer Kleinstadt kennt man sich schließlich und redet mit- und übereinander.

Die Charaktere in diesem Roman werden von der Autorin auf eine sehr feinfühlige und behutsame Weise gezeichnet. Sie sind verletzlich, kämpfen mit den Albträumen ihrer Vergangenheit. Einige hat dieser Kampf stark gemacht, andere wiederum hat dieser Kampf in die Knie gezwungen. Sie haben Sehnsüchte, träumen von einem besseren Leben oder sind zufrieden mit dem, was sie haben. So ist das Leben.
"Wie fern sie jetzt schienen, die Zeiten, als Charakter noch alles war, der Altar, vor dem die Welt sich neigte."
Und bei Elizabeth Strout ist das Leben ein langer ruhiger Fluss. So meint man zumindest, wenn man in ihren entspannten und unaufgeregten Sprachstil eintaucht. Einen Spannungsbogen, der zu einem Höhepunkt führt, braucht sie nicht. Der Weg ist das Ziel. Und der Weg ist in dem Fall die Zeichnung ihrer Charaktere in zarten wohltuenden Farben.
Dieses Buch wird nicht zu meinen Strout-Favoriten gehören. Ich mag lieber diejenigen aus ihrer Sammlung, die von Anfang bis Ende einen Handlungsstrang haben. Doch das ist Geschmackssache."Alles ist möglich" ist jedoch immer noch so gut, dass ich es gerne weiterempfehle.

© Renie