Sonntag, 11. April 2021

Aude: Das Wanderkind

Der Roman "Das Wanderkind" der kanadischen Autorin Aude ist der literarische Beweis für die Aussage "Weniger ist mehr". Denn dieses dünne Büchlein, mit gerade mal 130 Seiten kommt mit einer Wahnsinns-Geschichte daher, die den Leser mit einer erzählerischen Wucht umbläst. Darauf war ich definitiv nicht vorbereitet.

Die Wahnsinns-Geschichte ist schnell erzählt: Eine Familie erwartet Nachwuchs. Die Mutter, Corinne, ist mit eineiigen Zwillingen schwanger. Bereits in der Schwangerschaft zeichnen sich Komplikationen ab. Einer der Jungs in ihrem Bauch ist kräftiger entwickelt als sein Bruder und raubt ihm sämtliche Energien und Lebenskraft. Er wächst und gedeiht im Bauch der Mutter auf Kosten seines Bruders. 
Dieser Zustand wird sich auch nach der Geburt nicht ändern und ein Leben lang anhalten. Der eine Bruder, Hans, ist der starke, vor Kraft strotzende Zwilling, der andere Bruder, der Kleine, ist der schwache und zurückgebliebene Zwilling. Hans ist der dominante Zwilling, der für den Zustand seines Bruders verantwortlich ist, der Kleine ist das Opfer. Doch am Ende erweist sich diese Rollenverteilung nur als eine Frage der Sichtweise.
"Corinne hat ihn nie geliebt. Da ist sich Hans sicher. Für sie ist er schon immer der Henker seines Bruders. Ein Monster! Er weiß noch genau, wie sie, als sie noch klein waren, ihm angewidert beim Essen zugesehen hat, weil er immer Hunger hatte, während der Kleine wie ein Spatz gegessen hat."
Quelle: Alfred Kröner Verlag
Dieser Roman erzählt in zeitlich aufeinander folgenden Episoden die Geschichte dieser Familie, von der Schwangerschaft der Mutter, über die Kindheit der Zwillinge, bis hin zu deren Erwachsensein. Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Zwillinge zueinander, wobei die Sichtweise von Hans die maßgebliche ist. Das Leben der Zwillinge ist wie eine Fortsetzung der Zeit, die sie im Mutterbauch verbracht haben. Hans braucht seinen Zwilling, um in Leben zurechtzukommen. Er lässt nicht zu, dass andere - weder die ältere Schwester der Beiden noch die Eltern - an dieser Verbindung teilhaben. 
"Seit ihrer Geburt haben viele Menschen auf verschiedene Weise versucht, die Zwillingszelle zum Platzen zu bringen, als ob sie eine Bedrohung wäre. Keiner hat es geschafft."
Wie andere diese Verbindung bewerten und was sie mit ihnen macht, erfahren wir durch Wechsel in der Erzählperspektive von Hans auf die Eltern sowie die Schwester. 

Eine Sichtweise fehlt: die des Kleinen - eine Bezeichnung, die sich jeder angewöhnt hat, wenn von diesem Zwilling die Rede ist. Man sollte meinen, dass er namenlos ist (er heisst Benoit). Er ist einfach nur präsent, wird von allen geliebt, nimmt aber so gut wie keinen Anteil an der Handlung. Doch seine Anwesenheit in dieser Geschichte ist immer spürbar. Mit diesem besonderen Protagonisten hat die Autorin ein Figur erschaffen, die nicht real wirkt, aber wie ein guter Geist über die Familie und über seinen Bruder im Besonderen wacht. 
Mehr möchte ich über die Familie nicht erzählen. Die Buchbeschreibung des Verlags gibt noch weniger von dem Inhalt Preis. 
"Ein Zwillingspaar, der eine groß und kräftig, der andere klein und zerbrechlich. Einem von ihnen ist es bestimmt, den anderen am Leben zu erhalten."
Doch ohne meine Angaben zum Inhalt könnte ich nicht wiedergeben, welche Entwicklung dieser Roman beim Lesen genommen hat und welche Wirkung er am Ende auf mich hatte. 

Das Szenario des einen Zwillings, der auf Kosten des Anderen überlebt, ist unvorstellbar schmerzlich und traumatisch für alle Beteiligten. Ich bin daher von einer Geschichte ausgegangen, die sich auf die Trauer über den Verlust sowie das Leben mit der vermeintlichen Schuld konzentriert. Die Autorin schlägt jedoch einen anderen Weg ein: sie erzählt die Geschichte von zwei ungleichen Brüdern und deren emotionaler Abhängigkeit voneinander. Der Eine kann nicht ohne den Anderen und nimmt Einfluss auf dessen Entwicklung. Und am Ende wird der Eine gelernt haben, ohne den Anderen zu leben.

Diese Geschichte geht zu nahe und ist aufwühlend. Denn Schmerz und Glück sind hier so eng miteinander verwoben, dass sie sich kaum voneinander trennen lassen. Ähnlich wie die beiden Zwillinge. 

Die kanadische Autorin Claudette Charbonneau (alias Aude) gilt als eine der wichtigsten Autorinnen der frankokanadischen Literaturszene. Der Roman "Das Wanderkind" hat in ihrem Land sehr viel Beachtung gefunden. Leider verstarb sie bereits im Jahre 2012 an einer Krebserkrankung. Es gibt nur 5 Romane sowie etliche Kurzgeschichten von ihr, die - soweit mir bekannt ist - bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind (Ausnahme: Das Wanderkind). Ich hoffe doch sehr, dass dies bald nachgeholt wird. Denn "Das Wanderkind" ist große Erzählkunst, welche die Gier nach weiteren Geschichten dieser Autorin bei mir geweckt hat.

© Renie








Dienstag, 6. April 2021

R. Clifton Spargo: Beautiful Fools

Der amerikanische Autor Francis Scott Fitzgerald und seine Ehefrau Zelda galten in den 20er und 30er Jahren in Hollywood als Inbegriff des Glamour-Paares. Die Ehe der Beiden wäre heutzutage sicherlich ein heiß diskutierter Gegenstand der boulevardesken Berichterstattung. 

Ohne Boulevard, dafür jedoch mit Anspruch, nimmt sich der Amerikaner R. Clifton Spargo ebenfalls des Ehelebens der beiden Promis an. In dem biografischen Roman "Beautiful Fools" konzentriert er sich dabei auf eine Zeit des Zusammenseins der Fitzgeralds, in der von Glamour nur noch wenig festzustellen ist. 

Im Jahr 1939 sind die Fitzgeralds bereits 20 Jahre verheiratet. Durch eine psychische Erkrankung war Zelda in den letzten Jahren zu mehreren Klinik-Aufenthalten gezwungen, die sie über längere Zeiträume aus dem Verkehr gezogen haben. Darunter leidet natürlich die Ehe der beiden Protagonisten, so dass sie sich zu einem gemeinsamen Urlaub in Kuba entschließen, um somit ihrer Beziehung eine letzte Chance geben zu können. 
"Dazu musste der Urlaub absolut perfekt werden, es bedurfte einiger Tage, um die aufgestaute Bitterkeit und das gallige Misstrauen abzubauen, Tage, in denen sie erst wieder lernen mussten, auf welche Weise sie einander gut taten. Das alles lag auf ihren Schultern, denn sie wollte ihn überreden, sie wieder in sein Leben zu lassen, und zugleich bat sie um ihre Freiheit. Sie musste sehr vorsichtig sein, damit sie keinen Fehler machte, so verdammt vorsichtig."
Während die beiden in Kuba ihre Eheprobleme in den Griff bekommen wollen, versuchen Sie gleichzeitig an ihrem Ruf als Glamour-Ehepaar und den damit verbundenen luxuriösen Lebensumständen festzuhalten. Zumindest einer dieser Versuche gestaltet sich aufgrund der desolaten finanziellen Situation des Ehepaares als schwierig. Und ob der andere Versuch von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt bis zum Ende des Romanes offen. 

R. Clifton Spargo hat mit diesem Roman ein Psychogramm über die Ehe seiner Protagonisten geschrieben. Dabei löst er sich von dem allgemein bekannten Bild des Glamourpaars und stellt die Schwächen und Probleme der jeweiligen Figur in den Vordergrund. F. Scott Fitzgerald haben die Jahre in Saus und Braus zum Alkoholiker gemacht. Darüber hinaus leidet er an den Folgen einer Tuberkulose. Alles in allem ist er ein gesundheitliches Wrack, mit einer Ehefrau an seiner Seite, deren Verhalten durch eine psychische Erkrankung unberechenbar, wenn nicht sogar schizophren ist. 

Das Vorhaben der Eheleute, die Beziehung zu retten, steht also unter einem ungünstigen Stern. Fitzgerald hält aus lauter Pflichtgefühl an Zelda fest. Schließlich ist sie seelisch krank und er fühlt sich für sie verantwortlich.

Die vielseitige und talentierte Zelda Fitzgerald strebt selbst eine Karriere als Autorin sowie Malerin und Tänzerin an. Erste schriftstellerische Versuche waren vielversprechend. Doch leider ließ das Ego ihres Mannes bisher nicht zu, dass sie aus seinem Schatten heraustreten konnte - ein weiterer Krisenherd in dem Konflikt zwischen den Eheleuten.
"Sie wurde nur als Ehefrau aufgeführt, als sonst nichts; aber für die Welt da draußen waren sie immer noch ein sehr bemerkenswertes Paar, der Autor und seine Frau."
Einen besonderen Charme dieses Romans macht der Schauplatz Kuba aus. Denn R. Clifton Spargo präsentiert mit der Darstellung des Inselstaates der 30er Jahre eine nostalgische Mischung aus Urlaubsflair, unbeschwertem Karibik-Lifestyle und kontrastreichem Miteinander von Einheimischen und Touristen, vorwiegend reiche Amerikaner und Europäer. Der Urlaubsalltag besteht aus Faulenzen, gutem Essen und Trinken, in den Tag hineinleben. Und für den Thrill sorgen Freizeitbeschäftigungen wie Stierkämpfe, Hahnenkämpfe oder Reitausflüge. Fast rechnet man als Leser damit, dass Ernest Hemingway auf der Bildfläche erscheinen wird, der im Übrigen ein mehr oder weniger guter Freund von F. Scott Fitzgerald war. 

Fazit 
R. Clifton Spargo hält sich in seinem biografischen Roman "Beautiful Fools" eng an die Fakten, die über das Ehepaar Fitzgerald bekannt sind. Dabei konzentriert er sich bei der Darstellung der Protagonisten auf deren Schwächen und menschlichen Abgründe, so dass das Bild des strahlenden Glamour-Paares in den Hintergrund rückt. Eine interessante Sichtweise! 

© Renie


Freitag, 26. März 2021

Isabela Figueiredo: Die Dicke

Quelle: Unsplash/Michael Dziedzic
Wenn es einen Satz in dem autobiografischen Roman "Die Dicke" von Isabela Figueiredo gibt, der dessen Inhalt treffend beschreibt, dann ist es dieser:
"Ich öffne und schließe immer wieder die Türen zu der Vergangenheit, in der mich dieses unauflösliche, beengende und fesselnde Eisenband mit den Eltern verbindet, und ich weiß, ein ganzes Leben reicht noch immer nicht aus für die Liebe."
Es geht um Isabela Figueiredos Leben, es geht um ihre Vergangenheit, es geht um ihre Eltern, es geht um die Liebe...., und es geht um Türen - doch dazu später mehr. 

In 2019 erschien im Weidle Verlag das Buch "Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit". Die portugiesische Autorin Isabela Figueiredo erinnert sich darin an ihre Kindheit in Mosambik. Ich habe diese außergewöhnliche Geschichte über eine Kindheit unter dem Einfluss des Kolonialismus verschlungen und war so gespannt auf weitere Bücher der Autorin. Nun endlich ist es soweit. Isabela Figueiredo erzählt in ihrem autobiografischen Roman "Die Dicke" ihre Lebensgeschichte weiter. So vermute ich zumindest. Denn
"Alle in diesem Buch beschriebenen Figuren, Orte und Situationen sind reine Fiktion und pure Realität".
Die Protagonistin des Romans trägt den Namen Maria Luísa. Die Tochter portugiesischer Kolonialisten hat einen großen Teil ihrer Kindheit in Mosambik verbracht. Nach einem Militärputsch 1974 (Nelkenrevolution) ist das Leben in dem afrikanischen Land nicht mehr sicher ist. Daher wird Maria Luísa im Alter von 10 Jahren von ihren Eltern nach Portugal geschickt, wo sie die nächsten Jahre bei Verwandten leben wird. Erst 10 Jahre später folgen die Eltern der einzigen Tochter. Maria Luísa ist mittlerweile eine junge Frau geworden, die unter starkem Übergewicht leidet. Ihre Gewichtsprobleme nahmen in der Pubertät ihre Anfänge, so dass sie sich über die Jahre zu einem - wie sie es nennt - "Monster" entwickelt hat. Durch die damit verbundenen seelischen und körperlichen Belastungen entschließt sie sich eines Tages zu einer Magenverkleinerung, die bewirkt, dass sie innerhalb kurzer Zeit 40 Kilo ihres Körpergewichts verlieren wird. 
Quelle: Weidle Verlag
Und mit diesem Hinweis auf das, für Maria Luísa einschneidende Ereignis beginnt der autobiografische Roman "Die Dicke".
"Uns trennt ein großer Graben voller Unbekanntem. Uns fehlen zehn Jahre Wissen, diese zehn Jahre die wir getrennt waren. Wie haben wir uns in dieser Zeit der Abwesenheit entwickelt? Was für Menschen sind wir geworden?"
Nachdem Maria Luísas Eltern im Jahr 1985 ebenfalls nach Portugal zurückkehren und sich in einem Vorort Lissabons eine Wohnung kaufen, zieht die junge Frau wieder zu ihren Eltern, die sie 10 Jahre lang nicht gesehen hat. Maria Luísa wird bis zu ihrem 38. Lebensjahr mit ihren Eltern zusammen wohnen (der Vater verstirbt in 2001, die Mutter in 2013). 
Mit dieser Wohnung sind also viele Erinnerungen verknüpft, die in diesem Roman bewahrt werden.
Die Aufteilung der Wohnung bildet dabei das Gerüst für diesen Roman. Denn jedes Kapitel ist mit der Bezeichnung eines Raums betitelt. Durch diesen Aufbau entsteht der Eindruck, dass Maria Luísa durch die Wohnung streift und sich dabei in ihren Erinnerungen verliert. ("Ich öffne und schließe immer wieder die Türen zu der Vergangenheit, ...") Dieses Abschweifen in Erinnerungen stellt den Leser vor die Herausforderung, Ordnung in eine Gedankenvielfalt zu bringen, die ohne jegliche Chronologie erzählt wird. Es lohnt sich jedoch, diese Herausforderung anzunehmen.
Denn die Protagonistin zeigt sich als verletzliche Frau mit einem überaus starken Willen, die sich mit einer ungeheuren Kraft durch das Leben bewegt und eine Vielzahl an Tiefschlägen wegzustecken weiß. 
Sie erzählt uns von Menschen, die ihr wichtig waren und sie erzählt von großen Enttäuschungen, die sie erlitten hat. 

Die Beziehung zu ihren Eltern nimmt dabei einen großen Part in diesem Buch ein. Maria Luísa begegnet ihren Eltern auf unterschiedliche Weise. Das Verhältnis zu ihrem Vater zeichnet sich durch Herzlichkeit und Unbeschwertheit aus. Wohingegen das Verhältnis zu ihrer Mutter eher distanziert wirkt. 
"Ich werfe ein funkelndes Feuerwerk auf die Vielfalt und Reichhaltigkeit des Lebens, das Papa geführt hat. Mit ihm habe ich das Staunen der Sinne erfahren. Von Mama habe ich gelernt, dass wir alle Exzesse kontrollieren und nach Möglichkeit vermeiden, ihnen schweren Herzens und siegreich widerstehen müssen. Wenn es gut schmeckt, ist es ein Laster, das es auszulöschen gilt. Der Unterschied zwischen Papa und Mama war: mach, mach es nicht, iß, iß es nicht, geh, geh nicht. Papa lebte und Mama hielt das Boot über Wasser, deshalb soll ein zweites Feuerwerk speziell für Mama erstrahlen."
Durch den Titel entsteht der Eindruck, dass im Mittelpunkt des Romans das massive Übergewicht von Maria Luísa steht. Ich hatte geahnt, dass dies nicht der Fall sein wird. Denn Isabela Figueiredo schreibt viel zu tiefgründig, als dass sie ihre Protagonistin auf ihre Fettleibigkeit reduziert. Maria Luísas Übergewicht und dessen Auswirkung auf ihre Psyche bilden nur eine Facette ihrer Persönlichkeit, neben vielen vielen anderen. Die Autorin hat es tatsächlich geschafft, dass ich die Statur ihrer Protagonistin zwischenzeitlich völlig aus den Augen verloren habe und Maria Luísa als eine junge Frau, wie viele andere, wahrgenommen habe. 

Isabela Figueiredo hat eine besondere Gabe, mit Worten umzugehen. Ihre Sprache ist geistreich. Immer wieder laden lebenskluge Sätze zum gedanklichen Verweilen ein, die nur Kommentare wie "Stimmt!" oder "Wie wahr" zulassen. Die Autorin spricht mir mit ihren Betrachtungen, was das Leben betrifft, aus der Seele. Das habe ich schon in ihrem ersten Buch so empfunden und werde es vermutlich auch in ihren nächsten Romanen so empfinden. Ich bin daher neugierig, welche Geschichten Sie uns noch erzählen wird. 

Leseempfehlung!

© Renie




Sonntag, 21. März 2021

Florian Knöppler: Kronsnest

Quelle: Pixabay/fsHH
Florian Knöpplers Debütroman „Kronsnest“ ist eine Zeitreise in ein ländliches Deutschland der 20er Jahre. Schauplatz ist Kronsnest, ein holsteinisches Dörfchen in der Elbmarsch.
Die Menschen in dieser dünn besiedelten Gegend leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die farbenfrohen Landschaftsbeschreibungen in diesem Roman gaukeln eine Idylle vor. Doch das Leben, in einer Zeit, in der Deutschland unter einer Rezession und einer Agrarkrise leidet, ist alles andere als idyllisch. 

Hier lebt der 15-jährige Hannes zusammen mit seinen Eltern. Die Familie betreibt einen Bauernhof, wie die meisten Bewohner dieser Gegend. 
Hannes leidet unter seinem gewalttätigen Vater, dessen Ansprüche an seinen Sohn selten erfüllt werden. Der Junge befindet sich in der Pubertät, an der Schwelle zum Erwachsensein. Anfangs wirkt Hannes noch kindlich, entwickelt sich jedoch im Verlauf der Handlung zu einem Jugendlichen, dem alles Kindliche abhandenkommt. Zwischen Vater und Sohn findet ein Kräftemessen statt, das auf eine Eskalation hinsteuert. 

Wir erleben Hannes in diesem Roman nicht nur als Sohn und Bauer, sondern auch als Jugendlicher, der die ersten Erfahrungen in Herzenssachen macht. Trotz aller Schufterei auf dem Hof und Querelen mit dem Vater sehen wir ihn inmitten von Gleichaltrigen, die ihre wenige freie Zeit miteinander verbringen. Hier lernt Hannes seine erste große Liebe kennen, Liebeskummer inklusive.
Quelle: Pendragon
"Für Mara war es nicht das Gleiche gewesen, er hatte sich das nur eingebildet, das Besondere, die Nähe, die Verbindung, so fest, dass niemand sie zerschneiden konnte."
Die Landwirtschaft sorgt leider nur mehr schlecht als recht für den Lebensunterhalt von Hannes und seinen Eltern, genauso wie für viele andere Familien aus der Landbevölkerung. Daher organisieren sich viele Bauern in der sogenannten „Landvolkbewegung“, die sich gegen die aktuelle Politik zur Wehr setzt und dabei bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich ist. 
In Deutschland entwickelt sich zur gleichen Zeit der Nationalsozialismus, der von vielen (Land)bewohnern als Heilsbringer in dieser schlechten wirtschaftlichen Lage angesehen wird. So auch in Kronsnest. 

Inmitten dieser politisch aufgeheizten Atmosphäre ist es schwierig, neutral zu bleiben. Doch Hannes, genau wie andere Bewohner von Kronsnest, hat keinerlei Ambitionen, mitzulaufen, geschweige denn, sich politisch zu engagieren. Dennoch wird die Politik in kurzer Zeit Einfluss auf den Alltag in Kronsnest nehmen. 
"'Jetzt haben wir den ganzen Mist vor der Haustür. Der Brand, die Schlägereien, ich hab die ganze Zeit gedacht, so was kann's hier nicht geben, weil sich alle kennen.'" 
Ich habe den Roman „Kronsnest“ gern gelesen. Insbesondere der Anfang, der sich auf den Konflikt zwischen Vater und Sohn konzentriert, ist spannungsgeladen und lässt die Seiten nur so dahinfliegen. Sehr gut herausgearbeitet ist auch Hannes' Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsensein. Die Geschichte wird aus der Sicht von Hannes erzählt. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, in die Gedankenwelt des schweigsamen Hannes einzudringen, dessen Introvertiertheit typisch für den Menschenschlag der damaligen Zeit in dieser Gegend ist: es werden nicht viele Worte gemacht, ausgesprochen wird nur das Nötigste, Gefühle werden nicht gezeigt und erst recht nicht darüber gesprochen.
Gespräche in diesem Roman, an denen Hannes beteiligt ist, werden daher von vielen unausgesprochenen Gedanken begleitet, die jedoch Dank der Erzählperspektive für den Leser ersichtlich sind. 

Es gibt nur wenige Personen in diesem Roman, denen sich Hannes gegenüber öffnet und ausspricht, was er denkt. Eine davon ist Mara, seine erste große Liebe. Szenen, die das Zusammensein von Mara und Hannes behandeln, unterscheiden sich deutlich vom Rest des Romans, der eine ernsthafte und melancholische Grundstimmung vermittelt, die aus dem harten und problembehafteten Leben der Charaktere resultiert. Denn Mara und Hannes gehen sehr unbeschwert miteinander um, flirten, haben Spaß. Zwischen den Beiden scheint sich eine Seelenverwandtschaft zu entwickeln. 

Leider kann der Roman das anfängliche Spannungsniveau, welches aus der intensiven Beschreibung den Vater-Sohn Konflikt resultiert, nicht halten. Denn mit der Zeit verliert sich die Handlung in Schilderungen des Alltags, der von harter Arbeit geprägt ist sowie der Bemühungen von Hannes, sein Gefühlsleben in den Griff zu bekommen. Erfreulicherweise gibt es aber immer noch spannende Momente, die etwas "Würze" in die Handlung bringen. Das sind Situationen, die das Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Gesinnungen beschreiben und ein anschauliches Bild der Gesellschaft zur damaligen Zeit und unter dem Einfluss des jungen Nationalsozialismus zeichnen. 

Ein Highlight dieses Romans waren für mich die Beschreibungen von Natur, Landschaften und Tierwelt. Man wundert sich, wie viele unterschiedliche Vogelarten in der damaligen Zeit in dieser Gegend zuhause waren. Diese Beschreibungen  vermitteln eine scheinbare Idylle, die einen starken Gegensatz zu den geschilderten Konflikten darstellt. 

Mein Fazit: 
Der Roman beginnt auf einem hohen Spannungsniveau, das allerdings im weiteren Verlauf abfällt und dem Roman dadurch einige Längen verpasst. Der Anfang dieses Romans war sicherlich stärker als das Ende. Dennoch hat mir das Gesamtpaket dieses Romans, mit seinen unterschiedlichen Themenbereichen, hier insbesondere der Vater-Sohn-Konflikt sowie der politische Aspekt gut gefallen, so dass ich ihn gern gelesen habe.

© Renie



Dienstag, 16. März 2021

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Nach seiner Veröffentlichung war der Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ der Südkoreanerin Cho Nam-Joo innerhalb kürzester Zeit auf den Bestsellerlisten vieler Länder zu finden. Das ist kein Wunder, denn die Autorin spricht auf sehr plakative Weise ein Thema an, das mindestens der Hälfte der Weltbevölkerung auf den Nägeln brennen sollte. Denn dieser Roman ist eine Anklageschrift gegen die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft – egal in welchem Land. 

Protagonistin des gleichnamigen Romans ist Kim Jiyoung, geboren 1982, wohnhaft in Seoul, die zu Beginn 33 Jahre alt ist, vor Kurzem Mutter einer Tochter wurde und Ehefrau von Daehyon ist. Jiyoung legt plötzlich Verhaltensweisen an den Tag, die zwar für ihr Umfeld befremdlich sind, jedoch ein gewisses Maß an Komik beinhalten - zumindest für den Leser dieses Buches. Die Frage, die nun alle beschäftigt ist, warum Jiyoung dieses merkwürdige Verhalten zeigt. 

Die nachfolgenden Kapitel in diesem Buch sind chronologisch angeordnet und beschreiben die Entwicklung von Jiyoung von ihrer Geburt an bis hin zum heutigen Tage. Dabei erleben wir sie in den Phasen ihrer Kindheit und Schulzeit, lernen ihre Familie kennen - ihre Eltern, eine ältere Schwester und ein jüngerer Bruder. Jiyoung wird nach der Schule studieren, einen Beruf ergreifen, der ihr gefällt und in dem sie Karriere machen möchte. Währenddessen lernt sie ihren Mann kennen, heiratet, bekommt ein Kind und hängt ihren Job an den Nagel. 

Quelle: Kiepenheuer + Witsch
Jiyoungs Geschichte ist also typisch für den Werdegang von Millionen und Abermillionen Frauen auf dieser Welt. Untypisch ist allerdings das, was dieser Weg aus ihr gemacht hat: eine Frau mit merkwürdigen Verhaltensweisen, die nicht mehr so funktioniert, wie andere es von ihr erwarten. 

Jiyoung wird vielen Frauen bekannt vorkommen. Denn sie wird von klein auf bis zum heutigen Tage mit Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen unterschiedlicher Ausprägung konfrontiert, die nur daraus resultieren, dass sie eine Frau ist. 
„Die Zeiten, in denen Eltern dachten, ein Mädchen bräuchte keine gute Ausbildung, schienen vorbei zu sein. … Es war geradezu ein gesellschaftlicher Hype ausgebrochen, Frauen zu ermuntern, alles erreichen zu wollen und zu können. 1999, Jiyoungs Schwester wurde gerade 19, erließ man ein Gesetz, das Geschlechterdiskriminierung untersagte, und zwei Jahre später, als Jiyoung selbst in dieses Alter kam, wurde sogar ein eigenes Frauenministerium geschaffen. Dennoch gab es im Leben einer Frau in entscheidenden Situationen immer wieder Momente, in denen ihr das Stigma, eine Frau zu sein, anhaftete wie Pech und ihr den Erfolg versagte. Für die Betroffenen war diese Diskrepanz verwirrend und frustrierend.“
Cho Nam-Joo hat mit „Kim Jiyoung, geboren 1982“ einen Roman geschrieben, der als Anklageschrift gegen die Diskriminierung von Frauen zu verstehen ist. Denn die Autorin bürdet ihrer Protagonistin wirklich jedes Benachteiligungsszenario auf, das frau sich vorstellen kann. Sie unterlegt diese Anschuldigungen mit Fakten und Statistiken, die sie gekonnt in den Romantext einfließen lässt. Und wer bis dahin dachte, dass diese Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in großen Teilen der Fantasie von Feministinnen entsprungen sind, wird dadurch eines Besseren belehrt. Ganz zu schweigen, von den Effekten der Wiedererkennung, die diese Geschichte mit sich bringt. Frau muss nicht in Südkorea leben, um bestätigen zu können, dass Benachteiligungen von Frauen - egal in welcher Ausprägung - leider zum weiblichen Alltag dazugehören. 

Dieser Roman erzählt also eine Geschichte, über die man sich empören muss. 

Ich gebe zu, dass ich mich immer schwer mit "Empörungsbüchern" tue. Daher versuche ich bei derartigen Geschichten aus all den negativen Gedanken, mit denen ich bombardiert werde, etwas Positives für mich mitzunehmen. Die Autorin hat es mir an dieser Stelle leicht gemacht. Denn in diesem Roman gibt es Momente, die mich hoffen ließen. Das waren Momente des Widerstands und der Rebellion von Frauen in diesem Buch - ganz gleich, ob diese Momente von Erfolg gekrönt waren oder nicht. 

Positiv stimmte mich auch die Entwicklung von Jiyoung zu einer selbstbewussten Frau, welche die Dominanz der Männer in Südkoreas Gesellschaft in Frage stellt. 
„Jiyoung verspürte ein kleines Erfolgsgefühl. Sie hatten sie gemeinsam gegen die übergeordnete Autorität aufgelehnt, und eine Ungerechtigkeit war dadurch beseitigt worden.“
Und hier zeigt sich für mich die Schwäche des Romans. 
Ich hätte mir erhofft, dass die Autorin diese Entwicklung ihrer Protagonistin konsequent weiterverfolgt. Stattdessen rudert Cho Nam-Joo zurück und betont die Opferrolle von Jiyoung, die an dem gesellschaftlichen Druck, der auf ihr lastet, nervlich zerbricht. Die Autorin bringt die Geschichte damit zu einem niederschmetternden und pessimistischen Ende. Dieses Ende mag die Realität der Frau in der Gesellschaft widerspiegeln, setzt aber für mich die falschen Signale. Denn Problem erkannt, ist nicht gleich Problem gebannt. Und ein Hoffnungsschimmer zum Schluss hätte diesem Buch gut getan. 

Dennoch habe ich diesen Roman gern gelesen. Der Blick auf Südkoreas moderne Gesellschaft, die immer noch von alten Traditionen und Familienrollen geprägt ist, ist hochinteressant. Genauso wie die Fakten, Statistiken etc., die die Autorin in die Handlung eingeflochten hat, und welche die Anklage gegen die Benachteiligung von Frauen untermalen. „Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist also alles in allem ein Buch, das eine interessante Geschichte erzählt, die nah an einer unschönen Realität ist - vielleicht aber auch zu nah.

© Renie





Sonntag, 7. März 2021

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde

Quelle: Pixabay/Natalia Kollegova

Kamtschatka (Камчатский край) ist eine Halbinsel in Nordostasien und gehört zum russischen Föderationskreis Ferner Osten. Auf einer Fläche von etwa 370.000 Quadratkilometer (ca. 5% größer als die Fläche Deutschlands) leben ca. 310.000 Menschen. Nach Kamtschatka kommt man nur per Schiff oder mit dem Flugzeug, denn eine Anreise auf dem Landweg ist so gut wie unmöglich. Straßen, die das russische Festland mit dieser Halbinsel verbinden, gibt es nicht. Man muss also einen enormen Aufwand betreiben, um nach Kamtschatka zu gelangen. Und man sollte sich warm anziehen, wenn man dorthin will (Jahresdurchschnittstemperatur 2 Grad Celsius).

Diese abgelegene Region ist der Handlungsort des Romans "Das Verschwinden der Erde" der Amerikanerin Julia Phillips, die es mit diesem Titel, der als literarischer Thriller bezeichnet wird, im Jahr 2019 bis auf die Short List für den National Book Award geschafft hat.  
Quelle: dtv

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: in Kamtschatkas Hauptstadt Petropawlowsk werden am helllichten Tage 2 kleine Mädchen entführt. Weder wissen wir, wer der Entführer ist, noch wie es mit den Mädchen weitergeht. Die Entführung hat im Juli stattgefunden. Von da ab lernen wir über einen Zeitraum von 12 Monaten Frauen aus Kamtschatka kennen. Jede Frau hat ihr eigenes Kapitel, das als Überschrift einen Monatsnamen dieses Jahres trägt. Das Alter der Frauen bewegt sich von Anfang 20 bis Mitte/Ende 30, vielleicht ein bisschen älter. Als Bewohnerinnen der Halbinsel Kamtschatka haben sie eines gemeinsam: sie sind unzufrieden, wenn nicht sogar unglücklich mit dem Leben, das sie führen.
"Schmuggler, klar. Oder Wilderer, Grenzverletzer, Brandstifter, betrunkene Fahrer, Tierhändler, Männer, die sich im Streit an die Kehle gingen, Wanderarbeiter, die auf dem Bau vom Gerüst stürzten, Menschen, die in den Wintermonaten erfroren ... das waren alltägliche Nachrichten in Kamtschatkas Medien. Zwei entführte kleine Mädchen waren etwas anderes."
Zwischen den einzelnen Charakteren gibt es Querverbindungen. Wer in dem einen Kapitel eine Nebenrolle hatte, kann in einem anderen Kapitel zur Protagonistin werden. Um hier nicht den Überblick zu verlieren - was allein schon durch die russische Namensgebung, die mit unserer Namensgebung nicht viel gemein hat, passieren kann, gibt es am Anfang des Buches eine Übersicht der maßgeblich beteiligten Personen und ihrer Familien.

Das Geheimnis über das Schicksal der beiden entführten Mädchen begleitet die Geschichten der Frauen in diesem Roman nur am Rande. Das erscheint merkwürdig, da dieser Roman in den Feuilletons als literarischer Thriller angepriesen wird, und man daher erwartet, dass das Verbrechen im Mittelpunkt steht. Stattdessen entfernen wir uns mit jeder neuen Protagonistin weiter weg von der Aufklärung des Geheimnisses. Wären nicht kleine, beiläufig erwähnte Gedächtnishilfen, wie z. B.  die Erwähnung der beiden Mädchen in einem Nebensatz, würden wir das Schicksal dieser Kinder aus den Augen verlieren. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die Frauen Kamtschatkas. Glaubt man Julia Phillips, ist Kamtschatka kein Ort, an dem eine Frau glücklich sein kann.Ein schlechter Arbeitsmarkt, frustrierte Macho-Männer, die angestrengt versuchen, sich das Leben schön zu trinken, keine Perspektiven - weder beruflich noch privat; auf Kamtschatka gibt es nur wenig, was das Leben für eine Frau lebenswert macht. Und diese Frustrationen kommen in den Geschichten der einzelnen Frauen zum Ausdruck.
"Ohnehin war Kamtschatka keine Gegend mehr, in der man eine Familie großziehen wollte. Man musste sich nur ihre Cousine ansehen, die Lücke in ihrem Leben, in die ihre Tochter gehörte. Die Gemeinden, in denen Rewmira aufgewachsen waren, lösten sich auf, das machte es einfacher, sie zu vergessen, es waren Orte, die verschwanden. Rewmiras Eltern hatten sie in einer starken Gemeinschaft erzogen, in einem idyllischen Dorf, mit Menschen, die noch Prinzipien hatten, in einer lebendigen ewenischen Tradiiion, einer solzialistischen Nation mit großen Errungenschaften. Diese Nation war zusammengebrochen, und an ihre Stelle war eine große Leere getreten."

Der große Pluspunkt dieses Romans ist sicherlich sein besonderer Handlungsort und die schwierigen Lebensverhältnisse, die sich daraus ergeben. Julia Phillips gelingt es, Alltag und Leben der Frauen in Kamtschatka auf sehr eindringliche Weise zu schildern. Ich fühlte mit den Frauen, zumindest anfangs. Da es unter den Protagonistinnen nicht eine Figur gibt, die nur ansatzweise zufrieden mit ihrem Leben ist, nutzte sich mein Mitgefühl für die Frauen mit der Zeit ab. Zuviel Schicksal, zuviel Unglück, zuviel Traurigkeit sorgten bei mir für Ermüdungserscheinungen beim Lesen. Julia Phillips hätte sicherlich auf die eine oder andere Frauengeschichte verzichten können. Der Eindruck, den ich von einem Leben in Kamtschatka hätte, wäre derselbe gewesen.

Hinsichtlich der Konzentration auf die Schicksale der Frauen in diesem Roman, fällt es schwer, diesen Roman als Thriller zu betrachten. Doch zum Schluss bewegt die Autorin ihren Roman wieder in die Richtung dieses Genres. Mit einem fulminanten Ende hat sie mich für die ermüdenden Lesemomente entschädigt. 
Mein Fazit ist daher zweigeteilt:
Positiv: Ein eindrucksvoller Schauplatz, Kamtschatkas Alltag, der seinen Bewohnern seelisch einiges abverlangt; sehr einfühlsame Schilderung der Frauenschicksale
Negativ: Zuviel Unzufriedenheit und Unglück; zu wenig Thrill, so dass der Anspruch, den man an einen literarischen Thriller stellt, nur bedingt erfüllt wird.

Gebe ich eine Leseempfehlung? Ja, denn allein die Beschreibungen des Schauplatzes und das Bild, das vom Alltag in Kamtschatka vermittelt wird, machen diesen Roman lesenswert.

© Renie

Montag, 1. März 2021

Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont

Quelle: Pixabay/Hans
Liz Taylor hat sich neben der Schauspielerei an der Schriftstellerei versucht? Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als mir der Roman "Mrs Palfrey im Claremont" das erste Mal begegnete. Doch weit gefehlt (und Glück gehabt ;-)). Denn Elizabeth Taylor ist nicht gleich Elizabeth Taylor. Die Eine mag für ihr Aussehen und schauspielerisches Talent berühmt geworden sein, die Andere für ihre Gabe, Geschichten zu erzählen. Die Geschichtenerzählerin Elizabeth Taylor wurde 1912 geboren und verstarb 1975, ein paar Jahre, nachdem ihr Roman "Mrs Palfrey im Claremont" erstmalig veröffentlicht wurde. Dieser schaffte es sogar im Jahr seiner Veröffentlichung (1971) auf die Shortlist des Booker Prizes. Nachdem ich nun diesen Roman gelesen habe, freue ich mich, dass Mrs. Taylor sehr fleissig in ihrer Schriftstellerei war. Denn insgesamt umfasst ihr Werk 12 Romane sowie unzählige Kurzgeschichten, also noch ausreichend literarisches Futter, auf das ich mich nach dem Appetitanreger "Mrs Palfrey im Claremont" sehr freue.
Quelle: Dörlemann
"Altwerden war schwere Arbeit. Vergleichbar mit der Babyzeit, nur umgekehrt. Ein Säugling lernte jeden Tag eine Kleinigkeit dazu; einem alten Menschen kam jeden Tag eine abhanden. Namen rutschten weg, Daten sagten einem nichts, Reihenfolgen gerieten durcheinander, Gesichter verschwammen. Die frühe Kindheit und das Alter sind anstrengende Zeiten."
Das zentrale Thema dieses Romans ist das Alter(n). Die Geschichte beginnt mit dem Einzug von besagter Mrs Palfrey in das Claremont Hotel, South Kensington, London. Wir befinden uns in den 60er Jahren. Die Dame möchte hier ihren Lebensabend verbringen. Das Claremont ist ein Hotel, das in die Jahre gekommen ist, gerne von Touristen gebucht wird, oder auch von betagten Dauergästen, i. d. R alte Damen und seltener alte Herren. Diese Senioren kommen meist aus Englands traditionsbewusster Mittelschicht und erhoffen sich im Claremont einen angenehmen Lebensabend in bescheidenem Luxus. 
Doch leider ist das Leben in dieser Gemeinschaft von Neid und Missgunst geprägt. Natürlich geschieht dies nicht offensichtlich, sondern unter Einhaltung von Etikette und Anstand. Hier wird Gutes Benehmen nun mal großgeschrieben, schließlich sind wir in Great Britain. Man stelle sich folgende Szenerie vor: alte Damen mit Betonfrisuren, Cardigans und Perlenketten, die herrlich kultiviert und rücksichtsvoll  miteinander umgehen. Am liebsten würden sie sich jedoch mit Nachdruck und in aller Deutlichkeit die Meinung sagen. Doch leider steht ihnen dabei die Höflichkeit im Weg, so dass bei Tee und Sherry die Dauerfaust in der Tasche gemacht wird.
"Die Zeit verging. Das ließ sich beweisen, obwohl so wenig geschah."
Es passiert nicht viel in diesem Roman - genauso wenig wie im Alltag dieser Charaktere. Denn die Protagonisten sind in einem Alter, in dem das Leben nicht mehr viel Abwechslung zu bieten hat. Jeder Tag verläuft nach einem eintönigen Muster. Die Highlights des Tages sind die Mahlzeiten. Zwischen den Mahlzeiten wird die Zeit totgeschlagen. 
Die Gemeinschaft der Dauergäste besteht zu Beginn des Romans aus 
Mrs Palfrey: eine resolute Dame, verwitwet, die viele Jahre ihres Lebens in den britischen Kolonien verbracht hat. Sie will sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass das Leben für sie nichts mehr zu bieten hat.
Mrs. Burton: die Lustige, die sich das Leben schön trinkt
Mrs. Post: die Schüchterne und Zurückhaltende
Mrs. Arbuthnot: boshaftes Alphatier in der Gruppe der Frauen
Mr. Osmond: griesgrämiger Platzhirsch, der seinen Ärger über die Ungerechtigkeiten dieser Welt in Leserbriefen, die er an die Londoner Zeitungen schickt, zum Ausdruck bringt

Der Aufenthalt im Claremont hat aus ihnen eine Zweckgemeinschaft gemacht. Mangels Alternativen verbringen sie viel Zeit miteinander, aufgelockert durch Gelegenheitsbesuchen von Verwandten oder solchen, die vorgeben, Verwandte zu sein. Doch keiner der Protagonisten würde sich die Blöße geben zuzugeben, dass er sich einsam und traurig fühlt. Stattdessen ist jeder für sich bemüht, eine Fassade aufrechtzuerhalten, die beweisen soll, dass das Seniorenleben großartig ist.
"Während sie auf die Backpflaumen wartete, fasste Mrs Palfrey den vor ihr liegenden Tag ins Auge. Der Vormittag wäre auf recht schöne Art gefüllt; Nachmittag und Abend dagegen würden sich lange hinziehen. Ich darf mein Leben nicht fortwünschen, schalt sie sich; doch sie wusste, dass sie immer häufiger auf die Uhr schaute, je älter sie wurde, und dass es jedes Mal früher war, als sie gedacht hatte. In ihren jüngeren Jahren war es immer später gewesen."
Die Autorin Elizabeth Taylor thematisiert in diesem Roman das Alter(n). Dabei schafft sie eine Realität, die nichts beschönigt, denn das Alter(n) bringt nun mal Begleiterscheinungen mit sich, die nicht von der Hand zu weisen sind. Dieser Kampf der Protagonisten mit dem offensichtlichen Verfall und der Einsamkeit im Alter ist traurig. Doch dank der Einstellung der Charaktere, in jeder erdenklichen Situation Haltung zu wahren, sorgen die Unwägbarkeiten des Alters auch für komische Momente. Mrs. Taylor hat einen Blick für Details, die sie mit einem knochentrockenen Humor ausschlachtet. Sie nutzt jede Gelegenheit, dem Leser bei der Lektüre ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn nicht sogar den einen oder anderen lauten Lacher. 

Nach diesem Roman muss ich gestehen, dass ich mich in Elizabeth Taylor verliebt habe. Mit "Mrs Palfrey im Claremont" erzählt sie mit großer Leichtigkeit eine herzerfrischend amüsante Geschichte. Dennoch verlor ich nie die Ernsthaftigkeit des zentralen Themas aus dem Blick und erst recht nicht den Respekt vor dem Altern(n).

Leseempfehlung!

© Renie