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Sonntag, 11. April 2021

Aude: Das Wanderkind

Der Roman "Das Wanderkind" der kanadischen Autorin Aude ist der literarische Beweis für die Aussage "Weniger ist mehr". Denn dieses dünne Büchlein, mit gerade mal 130 Seiten kommt mit einer Wahnsinns-Geschichte daher, die den Leser mit einer erzählerischen Wucht umbläst. Darauf war ich definitiv nicht vorbereitet.

Die Wahnsinns-Geschichte ist schnell erzählt: Eine Familie erwartet Nachwuchs. Die Mutter, Corinne, ist mit eineiigen Zwillingen schwanger. Bereits in der Schwangerschaft zeichnen sich Komplikationen ab. Einer der Jungs in ihrem Bauch ist kräftiger entwickelt als sein Bruder und raubt ihm sämtliche Energien und Lebenskraft. Er wächst und gedeiht im Bauch der Mutter auf Kosten seines Bruders. 
Dieser Zustand wird sich auch nach der Geburt nicht ändern und ein Leben lang anhalten. Der eine Bruder, Hans, ist der starke, vor Kraft strotzende Zwilling, der andere Bruder, der Kleine, ist der schwache und zurückgebliebene Zwilling. Hans ist der dominante Zwilling, der für den Zustand seines Bruders verantwortlich ist, der Kleine ist das Opfer. Doch am Ende erweist sich diese Rollenverteilung nur als eine Frage der Sichtweise.
"Corinne hat ihn nie geliebt. Da ist sich Hans sicher. Für sie ist er schon immer der Henker seines Bruders. Ein Monster! Er weiß noch genau, wie sie, als sie noch klein waren, ihm angewidert beim Essen zugesehen hat, weil er immer Hunger hatte, während der Kleine wie ein Spatz gegessen hat."
Quelle: Alfred Kröner Verlag
Dieser Roman erzählt in zeitlich aufeinander folgenden Episoden die Geschichte dieser Familie, von der Schwangerschaft der Mutter, über die Kindheit der Zwillinge, bis hin zu deren Erwachsensein. Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Zwillinge zueinander, wobei die Sichtweise von Hans die maßgebliche ist. Das Leben der Zwillinge ist wie eine Fortsetzung der Zeit, die sie im Mutterbauch verbracht haben. Hans braucht seinen Zwilling, um in Leben zurechtzukommen. Er lässt nicht zu, dass andere - weder die ältere Schwester der Beiden noch die Eltern - an dieser Verbindung teilhaben. 
"Seit ihrer Geburt haben viele Menschen auf verschiedene Weise versucht, die Zwillingszelle zum Platzen zu bringen, als ob sie eine Bedrohung wäre. Keiner hat es geschafft."
Wie andere diese Verbindung bewerten und was sie mit ihnen macht, erfahren wir durch Wechsel in der Erzählperspektive von Hans auf die Eltern sowie die Schwester. 

Eine Sichtweise fehlt: die des Kleinen - eine Bezeichnung, die sich jeder angewöhnt hat, wenn von diesem Zwilling die Rede ist. Man sollte meinen, dass er namenlos ist (er heisst Benoit). Er ist einfach nur präsent, wird von allen geliebt, nimmt aber so gut wie keinen Anteil an der Handlung. Doch seine Anwesenheit in dieser Geschichte ist immer spürbar. Mit diesem besonderen Protagonisten hat die Autorin ein Figur erschaffen, die nicht real wirkt, aber wie ein guter Geist über die Familie und über seinen Bruder im Besonderen wacht. 
Mehr möchte ich über die Familie nicht erzählen. Die Buchbeschreibung des Verlags gibt noch weniger von dem Inhalt Preis. 
"Ein Zwillingspaar, der eine groß und kräftig, der andere klein und zerbrechlich. Einem von ihnen ist es bestimmt, den anderen am Leben zu erhalten."
Doch ohne meine Angaben zum Inhalt könnte ich nicht wiedergeben, welche Entwicklung dieser Roman beim Lesen genommen hat und welche Wirkung er am Ende auf mich hatte. 

Das Szenario des einen Zwillings, der auf Kosten des Anderen überlebt, ist unvorstellbar schmerzlich und traumatisch für alle Beteiligten. Ich bin daher von einer Geschichte ausgegangen, die sich auf die Trauer über den Verlust sowie das Leben mit der vermeintlichen Schuld konzentriert. Die Autorin schlägt jedoch einen anderen Weg ein: sie erzählt die Geschichte von zwei ungleichen Brüdern und deren emotionaler Abhängigkeit voneinander. Der Eine kann nicht ohne den Anderen und nimmt Einfluss auf dessen Entwicklung. Und am Ende wird der Eine gelernt haben, ohne den Anderen zu leben.

Diese Geschichte geht zu nahe und ist aufwühlend. Denn Schmerz und Glück sind hier so eng miteinander verwoben, dass sie sich kaum voneinander trennen lassen. Ähnlich wie die beiden Zwillinge. 

Die kanadische Autorin Claudette Charbonneau (alias Aude) gilt als eine der wichtigsten Autorinnen der frankokanadischen Literaturszene. Der Roman "Das Wanderkind" hat in ihrem Land sehr viel Beachtung gefunden. Leider verstarb sie bereits im Jahre 2012 an einer Krebserkrankung. Es gibt nur 5 Romane sowie etliche Kurzgeschichten von ihr, die - soweit mir bekannt ist - bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind (Ausnahme: Das Wanderkind). Ich hoffe doch sehr, dass dies bald nachgeholt wird. Denn "Das Wanderkind" ist große Erzählkunst, welche die Gier nach weiteren Geschichten dieser Autorin bei mir geweckt hat.

© Renie








Mittwoch, 11. November 2020

Sien Volders: Norden

Quelle: Pixabay/ArtTower
Die flämische Autorin Sien Holders stellt in ihrem Roman "Norden" einen ganz besonderen Ort vor: die Goldgräberstadt Forty Mile, welche hoch im Norden von Kanada an der Grenze zu Alaska liegt. Zu ihrer Blütezeit, Ende des 19. Jahrhunderts, zählte dieser Ort etwa 700 Einwohner. Heute ist Forty Mile nur noch eine Geisterstadt, die imTerritorium Yukon liegt und unter der Verwaltung der Territoriumsregierung sowie der Tr'ondëk Hwëch'in, den Ureinwohnern dieser Gegend, steht.
An diesen legendären Ort führt uns also die Handlung von "Norden" und deutet auf Abenteuerroman und Goldgräberstimmung hin. Doch weit gefehlt, es geht auch anders.

Zum Inhalt:
Die, in Vancouver lebende, junge Silberschmiedin Sarah erhält ein lukratives Angebot von einem bekannten Schmuckproduzenten, das sie in ihrer Karriere voran bringen könnte. Zunächst zögert sie und sieht sich noch nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Sie muss sich zunächst darüber im Klaren werden, was ihr im Leben wichtig ist. Dadurch entschließt sie sich zu einer Denkpause an einem abgelegenen Ort, um sich darauf zu besinnen, was sie tatsächlich möchte. Denn Sarah versteht ihre Schmuckarbeiten als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und tut sich schwer damit, diese einem kommerziellem Diktat zu unterwerfen. Dieser abgelegene Ort ist für sie Forty Mile. 
Quelle: Residenz Verlag

"Jeden Herbst, jeden Winter, jedes Frühjahr spürten sie bis in die Knochen, wie der Norden rief und lockte. Die Täler und die Tundra, die Flüsse und die Stille. Die Leere, die niederschmetternd sein konnte. Der Hunger nach Einsamkeit und nach einem Leben in der Wildnis, der die meisten in diesem letzten Städtchen im Norden der bewohnten Welt stranden ließ. Forty Mile. Wo jeder rumhing, jeder fieberte. Wo man einander am Rand der Einöde fand. Wo Kameradschaft durch die knallharten Winter brachte und es immer und überall genügend Alkohol gab, um die eigene Ohnmacht wegzusaufen."
In Forty Mile ticken die Uhren anders. Menschen, die hier leben sind Individualisten und Aussteiger. Viele von ihnen sind hierher gekommen, um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Menschen leben ein einfaches Leben, das den Regeln der Natur unterworfen ist. Sarah genießt das unverfälschte Dasein in der Goldgräberstadt. Freundschaften entwickeln sich, sie verliebt sich. Am Ende wird sie sich für die Arbeit mit der Schmuckfirma entscheiden. Doch Forty Mile und seine Menschen werden von da an immer ihre neue Heimat bleiben, in die sie immer wieder zurückkehren wird.
Es geht in diesem Roman hauptsächlich um die Protagonistin Sarah. Doch auch die Bewohner von Forty Mile haben einen großen Anteil an der Handlung. Die Autorin Sien Volders geht sehr liebevoll auf die persönlichen Geschichten dieser Menschen ein. Eine von ihnen ist Mary, die hier den einzigen Laden führt und Dreh- und Angelpunkt für den Austausch von Nachrichten der Bewohner Forty Miles ist - sowohl der Zugezogenen, der Alteingesessenen als auch der Weggezogenen. Denn Mary kennt alle und alle kennen Mary. Mary ist vor etlichen Jahren mit ähnlichen Beweggründen wie Sarah hergekommen. Doch sie entschied sich damals gegen den kommerziellen Erfolg, verliebte sich aber genauso wie Sarah in einen Bewohner Forty Mile's.
Zu Sarahs neuen Freunden in Forty Mile gehören auch die beiden Musiker Jacob und Adam. Die beiden Aussteiger sind beste Freunde, die regelmäßig in der einzigen Bar vor Ort Musik machen. Für Jacob ist die Musik ein Hobby, für Adam ist sie - ähnlich wie für Sarah ihr Silberschmuck - ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Wenn Adam auf seiner Geige spielt, verliert er sich in der Musik. Er strebt nach Perfektion, will dabei neue Wege gehen und sucht Inspiration in der Musik der Ureinwohner, die nach wie vor in dieser Gegend zu finden sind.
"Er erzählte ihr, da wäre sehr wohl noch Leben, den ganzen weiten Weg bis zum nördlichen Polarmeer, in den wenigen Dörfern und Niederlassungen der Ersten Völker. Dort würden die letzten Musiker leben, die  noch jene Musik spielten, für die er in den Norden gekommen war. Athabaskische Musik. Die Geigenlieder, die die ersten Trapper vor über hundert Jahren aus ihren irischen und schottischen Häusern und Herbergen mitgebracht hatten. Die Ureinwohner hätten diese aufgeschnappt, und diese wären mit der Musik von hier verschmolzen." 
Für Sarah bedeutet ihre Kunst eine Facette ihrer Persönlichkeit. Adams Persönlichkeit hingegen wird von seiner Musik komplett vereinnahmt. Der hochsensible Mann scheint an dem Streben nach Perfektion zu zerbrechen. Adam ist schwer depressiv und Alkoholiker. Zumindest die Liebe zu Sarah gibt ihm positive Impulse, um sein Leben lebenswert zu finden - wenn sie denn in seiner Nähe ist. 

Die Handlung verläuft über einen Zeitraum von ein paar Jahren (1982 bis 1988), umfasst auch gleichzeitig Erinnerungen aus der Zeit davor, als Mary, die Ladenbesitzerin, ihre Anfänge in Forty Mile genommen hat. Hätte die Autorin sich ausschließlich auf ihre Protagonistin Sarah konzentriert, hätte ich diesen Roman vermutlich nicht gelesen. Die Handlung hätte sich auf eine moderne junge Frau bezogen, die damit beschäftigt ist, sich selbst und den Mann fürs Leben zu finden. Dieser Plot hätte mich zu sehr an die "moderne Herz-Schmerz-Frauenbelletristik" erinnert, gegen die ich eine Abneigung habe. Doch dieser Roman ist viel viel mehr.

Indem die Autorin die Bewohner auf Forty Mile mit ihren unterschiedlichen Geschichten in die Handlung um Sarah einflicht, schafft sie ein vielfältiges Gesamtpaket, das mich von seiner literarischen Qualität überzeugt hat. Hinzu kommt dieser unglaubliche Schauplatz am Rande der Zivilisation Kanadas, an dem die Menschen, die dort leben der Natur ausgeliefert sind. Ihr Leben richtet sich nach dem Wechsel der Jahreszeiten. Dieser naturbedingte Rhytmus ist in der heutigen Zeit kaum vorstellbar und daher umso faszinierender.
"Heute setzte die Fähre zum letzten Mal über. Schon seit Tagen treiben Eisschollen vorbei, und die Eisschicht am Rand wuchs immer weiter. Wochenlang würde der Strom noch in Bewegung bleiben, ein kontinuierlich sich veränderndes Schauspiel gefrierender Eisschollen mit einer gefährlichen Unterströmung. Bis er schließlich knirschend und schabend in den Winterschlaf fiel und immer tiefer gefror, zu einer unveränderlichen Eislandschaft wurde."
Faszinierend war für mich auch der kraftvolle und gleichzeitig poetische Sprachstil von Sien Volders, der die unterschiedlichsten Stimmungen vermittelt hat. Diese Stimmungen standen oft im Kontrast zueinander. So folgten auf Szenen voller Lärm, Musik und Ausgelassenheit, Situationen inmitten der Natur, voller ohrenbetäubender Stille.

Bleibt am Ende noch die Frage, wie es Sien Volders gelungen ist, einen Kanada-Roman zu schreiben, der dermaßen authentisch wirkt, dass man ungläubig auf die Herkunft der Autorin blickt (Belgien). In einem Interview las ich, dass Sien Volders vor Jahren selbst dort war und tiefgreifende Erfahrungen in diesem Land gemacht hat. Diese Eindrücke wollte sie in einem Roman festhalten. Das hat sie hervorragend hinbekommen. Denn man merkt diesem Buch die Begeisterung der Autorin für dieses wundervolle Land an. Und von dieser Begeisterung habe ich mich sehr gern anstecken lassen.

Leseempfehlung!

© Renie

Donnerstag, 13. Juni 2019

Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie

Quelle: Pixabay/Antranias
Eine Familie mit mindestens 3 Kindern ist eine Mehrkindfamilie. Ab dem 4. Kind spricht man gern von einer kinderreichen Familie.
Die amerikanische Fernsehfamilie Walton hatte 7 Kinder - eine Großfamilie. Bei den Waltons stand trotz eines einfachen und schweren Lebens zur Zeit der Weltwirtschaftskrise der Familienzusammenhalt an oberster Stelle. Und dem Zuschauer wurde eine gehörige Portion Familienidylle vermittelt. ("Gute Nacht, John Boy").

Die Familie Cardinal in Jocelyne Sauciers Roman „Niemals ohne sie“ hat 21 Kinder und liegt somit fernab jeglicher Definition. Auch in dieser Familie steht der Familienzusammenhalt an oberster Stelle. Nur mit der Familienidylle ist es nicht weit bestellt.
Die Cardinals leben irgendwo in Kanada in einem kleinen Städtchen, das vom Zinkabbau lebt. Noch geht es den Einwohnern der Stadt gut, was nicht zuletzt Vater Cardinal zu verdanken ist, hat er doch vor einiger Zeit das Zink entdeckt und die Abbaurechte an eine Bergbaugesellschaft abgetreten. Vater Cardinal ist ein stiller und heimlicher Gesteinsexperte, den jedoch sein Talent nicht zum erhofften Wohlstand gebracht hat. So verbringt er den Großteil seiner Zeit damit, Gesteinsadern in der Gegend zu suchen und Gesteinsproben zu untersuchen. Einige Auserwählte seiner 21 Kinder haben die Ehre, ihn bei seinen Unternehmungen zu begleiten.

Quelle: Insel Verlag
Die Kinder erziehen sich selbst. Bei 21 Kindern ist es nur natürlich, dass sich Hierarchien herausbilden. Die Großen kümmern sich um die Kleinen, die in der Rangordnung noch ganz weit unten stehen. 
Eine Mutter gibt es auch. Doch die hat ihre eigenen Probleme. Sie ist psychisch labil, vergräbt sich den lieben langen Tag in der Küche, wo sie die Familie bekocht. Die Verantwortung für die Kinder überlässt sie lieber ihrer ältesten Tochter. 
"Sie liebte uns. Man brauchte nur die zärtlichen Blicke zu sehen, mit denen sie ihre Babys bedachte, bevor sie sie mir anvertraute. Doch ihre Liebe kam nicht gegen die Hektik an, mit der sie in die Küche stürzte. Sie vergaß das Baby, vergaß uns alle, einen nach dem anderen, jeden Einzelnen von uns, wegen der kopflosen Liebe, die sie für uns alle empfand, für die Gesamtheit ihrer Kinder, und wenn einer von uns in ihren Gedanken auftauchte, allein und als Individuum in dem Durcheinander aus Kindergesichtern, befiel sie eine panische Angst, weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie ihn oder sie vergessen hatte."
Soweit zur Vorgeschichte. Denn der Roman beginnt viel später, in einer Zeit, in der die Kinder längst erwachsen sind und selbst Nachwuchs haben (könnten). Mittlerweile sind die Kinder in alle vier Winde verstreut. Anlässlich einer Ehrung ihres Vaters, der mittlerweile 85 Jahre alt ist, kommt es zu einer Familienzusammenkunft, die bei den Kindern nur bedingt mit Wiedersehensfreude verbunden ist. Was ist also geschehen?
Der Familie ist ein Unglück widerfahren. Und was genau passiert ist, kristallisiert sich von Seite zu Seite mehr heraus. Die Autorin lässt die Kinder zu Wort kommen – nicht alle 21, sondern die Key Player in der Familie bzw. diejenigen, die mehr oder weniger an dem Unglück beteiligt waren.
In Rückblenden erinnern sie sich an die tragischen Vorkommnisse in der Zeit ihrer Kindheit. Dabei zeichnen sich 2 Dinge ab. Zum Einen, welchen Einfluss das damalige Geschehen auf die Entwicklung der einzelnen Charaktere genommen hat. Zum Anderen, welche Unbarmherzigkeit das Leben in der Cardinal Familie mit sich brachte. Die Cardinal Kinder bildeten eine Front nach Außen. Die Familie war in der Gegend gefürchtet. Immer galt es, die Familie zu schützen. Da auf die Befindlichkeiten des einzelnen Cardinals keine Rücksicht genommen wurde, und jeder seine Bedürfnisse dem Wohl der Familie untergeordnet hat, ist der eine oder andere unvermeidlich auf der Strecke geblieben. Erstaunlicherweise ist dieser ganz besondere Familiensinn nur von den Kindern gelebt worden und nicht von den Eltern. So war das bei den Cardinals.
"'In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.'"
Wir haben es also mit einem ganz besonderen Familienroman zu tun. Die Familie ist besonders, ihr Schicksal ist besonders und die Art und Weise, in der die Autorin deren Geschichte erzählt, ist ebenfalls besonders - nämlich besonders berührend.
Mit ihrem Erstlingswerk "Ein Leben mehr" hat mich Jocelyne Saucier vor 2 Jahren bereits gekriegt. Voller Ungeduld habe ich ihren nächsten Roman erwartet, der mit "Niemals ohne sie" nun erschienen ist. Meine Erwartungshaltung lag zwischen Bangen und Hoffen. Denn es sind schon viele Autoren an der Messlatte gescheitert, die sie mit einem ersten Erfolgsroman gelegt haben. Nicht so Jocelyne Saucier. Die beiden Romane sind von der Thematik her nicht vergleichbar. Aber, was für ein Glück, auch in "Niemals ohne sie" findet sich ihr schriftstellerisches Talent wieder. Sehr behutsam nähert sie sich den Charakteren an. Nach Außen erscheint die Familie als eine Einheit. Doch der Autorin gelingt es, die Eigenheiten jedes Charakters herauszuarbeiten und somit seine Einzigartigkeit innerhalb des Familienclans zu betonen. Dabei umschmeichelt die Handlung eine Melancholie, die diesen Roman zu einem wundervollen Entschleunigungsbuch macht - trotz aller Tragik, die sich in dieser Geschichte am Ende verbirgt.

Leseempfehlung!

© Renie










Samstag, 27. Oktober 2018

Tom Rachman: Die Gesichter

Quelle: Pixabay/NadineDoerle
Kind oder kein Kind? Das ist eine Frage, die sich jeder irgendwann mal in seinem Leben stellen wird. Bereichern Kinder das Leben, oder schränken Kinder das Leben ihrer Eltern ein? Welche Opfer müssen Eltern bringen und sind diese Opfer  gerechtfertigt?
Als Tom Rachman den Roman "Die Gesichter" geschrieben hat, war er kinderlos. Und ebendiese Fragen haben ihn beschäftigt. Sowohl Elternschaft als auch Autoren-Dasein fordern Opferbereitschaft und Hingabe. Was ist, wenn nicht genügend davon für beide Rollen vorhanden ist? Was ist, wenn die Vaterrolle zugunsten der schriftstellerischen Karriere auf der Strecke bleibt, und somit auch die Zuwendung für das Kind? Was macht das mit dem Kind?
In der Vater-Sohn-Beziehung, die im Mittelpunkt seines Romanes "Die Gesichter" steht, hat Tom Rachman diese Ausgangssituation für seine Protagonisten zugrunde gelegt.
Quelle: dtv

Bear Bavinsky ist ein gefeierter Maler und eine Naturgewalt. Er ist charismatisch, humorvoll und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Und ganz nebenbei macht er sich die Welt, wiedewiedewie sie ihm gefällt. Und ihm gefallen Frauen. Viele davon. Monogamie passt nicht in sein Lebenskonzept. Im Laufe der Jahre wird er es auf 17 Kinder bringen, von mehreren Frauen, mit denen er verschiedene Familien gründet, oft nacheinander, aber oft auch zeitgleich. Eines dieser Kinder ist Pinch, eigentlich Charles. Mit Pinch und Ehefrau Natalie, lebt Bear in Rom. Die Geschichte setzt 1955 ein, als Pinch 5 Jahre alt ist. Natalie ist deutlich jünger als ihr Mann. Als sich die beiden kennenlernten, war sie eine junge ambitionierte Künstlerin, die Töpferei als Kunstform betrieben hat. Mittlerweile vernachlässigt sie ihre Kunst, um sich um Bear und Pinch zu kümmern. Der charismatische Bear erdrückt die beiden mit seiner Präsenz. Er steht immer und gern im Mittelpunkt, Natalie ist dabei eine Randfigur, "nur" seine Ehefrau und ist daher für die Kunstszene als Künstlerin nicht existent. Pinch leidet unter dem großen Ego seines Vaters, er weiß es nur noch nicht. Bereits mit 5 Jahren ist er ständig auf der Suche nach Anerkennung durch seinen Vater, die er selten bekommt.
Dieses Streben nach Anerkennung wird auch nie nachlassen. Zunächst versucht Pinch in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, lässt jedoch seine Malversuche bleiben, als er ihn nicht damit beeindrucken kann. Da nützt auch nicht, dass Natalie ihm Talent bescheinigt. Das Einzige, was zählt, ist Bears Anerkennung, die Pinch jedoch nicht erhält.
"Ich konnte kein Maler sein, und jetzt darf ich nicht mal Kritiker werden. Ich bin ein Angeber, ein Simulant, ein Versager."
Der Roman ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die chronologisch aufeinanderfolgen, jedoch in unregelmäßigen Zeitsprüngen.
Hier begleitet der Leser Pinch - der Roman ist aus dessen Sicht geschrieben - ein Leben lang, bis hin zu dessen Tod.
Und ein Leben lang sucht Pinch nach Anerkennung bei seinem Vater. Als Maler konnte er ihn nicht überzeugen. Um mit der Kunstszene verbunden zu bleiben, strebt er ein Kunststudium an, zudem er jedoch nicht zugelassen wird. Am Ende bleibt ihm ein Leben in der Mittelmäßigkeit. Er wird Fremdsprachen unterrichten - wieder nichts, mit dem er bei seinem Vater punkten kann.

Pinch war schon immer ein Eigenbrötler. Schüchtern, ohne jegliches Selbstvertrauen, hat er von klein auf Schwierigkeiten, sich auf Menschen einzulassen, wozu nicht nur die Frauen zählen. Daher lassen sich diejenigen Personen, die er auch als Erwachsener als Freunde bezeichnen kann, an einer Hand abzählen. Immer wieder versucht er in seiner Rolle als Sohn eines berühmten Vaters bei anderen Aufmerksamkeit zu erregen. Mit den Jahren findet er sich mit seinem durchschnittlichen Leben ab, wobei ihm auch immer wieder seine regelmäßigen Ausflüge in die, für sich wiederentdeckte Malerei helfen. In diesen Momenten verliert er sich und lässt sein gewöhnliches Leben für kurze Zeit hinter sich. Aber immer treibt ihn die Frage um, ob seine künstlerischen Fähigkeiten vor den Augen des Vaters bestehen können.
"Um als Künster Erfolg zu haben, braucht es ein seltenes Zusammentreffen von Persönlichkeit, Talent und Glück - alle in eine einzige Lebensspanne gebündelt. Was für ein Typ mein Dad doch war! Pinch sagt sich, dass er vielleicht die nötige Fertigkeit besessen hätte, doch das allein genügt nicht: Ihm fehlt es an Persönlichkeit. Die Kunstwelt wird ihm immer verschlossen bleiben."
Tom Rachman hat mit "Die Gesichter" einen sehr berührenden Roman geschrieben. Anfangs konzentriert er sich auf die Naturgewalt Bear und stimmt den Leser darauf ein, welch ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis sich hier anbahnen wird. Nach dieser Einstimmung wird die Geschichte aus der Sicht von Pinch erzählt. Es tut beim Lesen fast schon weh, wenn Pinch seine Bemühungen um Anerkennung und die damit verbundenen Enttäuschungen schildert. Der Verlauf der Handlung schildert Pinchs Leben als Erwachsener. Bear tritt fast in den Hintergrund. Aber nur fast. Denn auch wenn er keinen großen Anteil an der Handlung hat, ist sein übermächtiger Einfluss auf Pinch trotzdem spürbar. Mit den Jahren passiert nicht viel im Durchschnittsleben von Pinch. Sobald man als Leser jedoch meint, dass Pinch sich mit seinem "gewöhnlichen" Leben abgefunden hat, nimmt die Handlung eine Entwicklung an, die mehr als überraschend ist. Auf einmal entsteht ein Sog, der mitreisst, verblüfft und fesselt. Es scheint, dass sich Pinch am Ende seines Lebens von dem Einfluss seines Vaters befreien wird, und er Anerkennung erhält, allerdings nicht in der Form, wie er und der Leser es erwartet haben. Ein sehr versöhnliches Ende, das den Leser mit einem guten Gefühl zurücklässt.
"Kritiker nennen irgendwas wichtig, bis es wichtig ist, was sie selbst dann wiederum wichtig macht."
Besonders und hochinteressant sind die Einblicke die Tom Rachman in die Kunstszene gewährt. Er beschreibt diese Gemeinschaft fernab von jeglicher Künstlerromantik. Hier wird deutlich, dass die Kunstszene eine Tummelplatz für Über-Egos und Eitelkeiten ist. Und am Ende geht es immer nur ums Geld.

Fazit:
Ganz großes Erzähl-Kino. Ein sehr persönlicher Roman, der berührt, mitreisst und überrascht.
Leseempfehlung!

© Renie






Über den Autor:
Tom Rachman, geboren 1974 in London, wuchs in Vancouver auf. Er war Auslandskorrespondent der Associated Press in Rom, die ihn u. a. nach Japan, Südkorea, Ägypten und in die Türkei entsandte. Später arbeitete er als Redakteur des International Herald Tribune in Paris. Rachmans erster Roman ›Die Unperfekten‹ wurde gleich nach Erscheinen zu einem internationalen Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in London. (Quelle: dtv)






Freitag, 30. Dezember 2016

A. P. Glonn: Die andere Seite der Realität

Ein phantastischer Jack-the-Ripper-Roman ....

Vom Jahre 1888 an hat Jack the Ripper in London sein Unwesen getrieben. Auf sein Konto sollen damals mindestens fünf Opfer gegangen sein. Wahrscheinlich waren es mehr. Doch woher kam er und wohin ging er? Gefasst hat man ihn nie. Es gab zwar einige Verdächtige, u. a. auch innerhalb der gehobenen Kreise Londons. Man munkelte sogar, dass ein enger Verwandter der damaligen Königin Viktoria der Ripper wäre. Aber wer letztendlich hinter Jack the Ripper steckte, ist nie herausgekommen. Die deutsche Schriftstellerin A. P. Glonn hat in Die andere Seite der Realität aus einer eigenwilligen Theorie einen Roman entwickelt, der die Frage nach der Person Jack the Ripper auf phantastische Art beantworten könnte.

Der Anfang dieses Romanes führt uns nach London. Wie in jedem guten Jack-the-Ripper-Krimi findet eine Unzahl an bestialischen Frauenmorden statt. Im Mittelpunkt steht der Agent Seth Aspen mit seinen Ermittlungen. Er beißt sich an dem Fall fest. Für die Öffentlichkeit erscheinen die Ermittlungen erfolglos. Die Bevölkerung wird unruhig. Die Polizei steht unter Druck. Diverse Verdächtige tauchen auf der Bildfläche auf, leider erweisen sich die Anschuldigungen als falsch. Und in dem Moment, in dem man als Leser denkt "Ok, wieder eine Leiche und ein Verdächtiger mehr", nimmt die Handlung Fahrt auf. Auf einmal wird aus dem „gemütlichen“ Krimi ein Fantasyroman, der es in sich hat.
"'...Hier geht es um weitaus mehr als einen simplen Verrückten, der keine Frauen mag. Das ist politisch hochbrisant. Die Verdächtigenliste liest sich inzwischen wie das Who is Who der englischen Gesellschaft.'" 
Es gibt eine heiße Spur, die nach Amerika führt. Seth nimmt die Verfolgung auf. Man beachte, in der Zeit um 1890 war man noch mit Pferdekutschen und Dampfschiffen unterwegs. Eine Überfahrt von Europa nach Amerika hat ein paar Wochen gedauert. Jack the Ripper hat einen Vorsprung von nur wenigen Tagen, der sich aber in einem riesigen Land wie Amerika als uneinholbar erweisen kann. Doch Seth bekommt Unterstützung von den amerikanischen Behörden. Die Spur des Rippers führt mittlerweile bis nach Kanada. Und dort passiert es: Der Ripper und Seth treffen aufeinander. Nun sollte man meinen, dass die liebe Seele Ruhe hat. Der Ripper ist gefasst? Falsch gedacht. Denn der Ripper besitzt sehr überraschende Fähigkeiten. Die Handlung geht von jetzt an in eine Richtung, mit der man in keinster Weise gerechnet hat, nämlich auf die "andere Seite der Realität".
"Er war ein Mann der Moderne, doch alles, was ihm hier begegnete, war primitiv oder magisch. Wo blieb die Vernunft?"
Seth findet sich auf einmal in einer Parallelwelt wieder. Er, der Kopfmensch, hat es plötzlich mit einer Welt zu tun, in der die Bevölkerung die unterschiedlichsten magischen Fähigkeiten aufweist. Die Jagd nach dem Ripper geht hier weiter. Seth findet dabei Unterstützung in den Bewohnern dieser Welt, die erkannt haben, dass der Ripper auch ihr Dasein bedroht. 

Der Leser begegnet den unterschiedlichsten phantastischen Charakteren: Schattenläufer, Wolfsmänner, Windläufer, Glengalls ... um nur einige zu nennen. Das Zusammenspiel zwischen Seth und den magischen Charakteren, die ihn auf der Jagd nach dem Ripper unterstützen, ist dabei sehr amüsant. Er kann den englischen Gentleman einfach nicht ablegen, was seine magischen Freunde einerseits befremdlich, andererseits aber sehr amüsant finden. 
"Er war hier gestrandet, ein Glengall, ein unmagischer Fremder, dem jeder Bewohner dieser seltsamen Welt etwas antun konnte, dem die Häscher eines Yorcks mit unglaublichen Fähigkeiten auf den Fersen waren, und der möglicherweise von dem Ungeheuer gejagt wurde, das in Whitechapel all diese unglücklichen Frauen abgeschlachtet hatte."
Dem Leser eröffnet sich also mit der "anderen Seite der Realität" eine interessante Phantasiewelt, die aufgrund der magischen Charaktere zu faszinieren weiß. A. P. Glonn hat diese Phantasiewelt akribisch ausgetüftelt. Daher bleibt zu hoffen, dass es nicht bei dieser einen Geschichte bleibt, sondern Glonns Welt Schauplatz für weitere Romane sein wird. Das Ende ist so gestaltet, dass eine Fortsetzung durchaus möglich wäre.

Fazit:
A. P. Glonn ist mit diesem Roman eine faszinierende Mischung aus Krimi, Steampunk und High Fantasy gelungen. Ich gebe zu, dass ich nicht darauf vorbereitet war. Ich habe mich von dem Stichwort „Jack the Ripper“ auf die falsche Fährte führen lassen und mit einem Krimi gerechnet, den man tatsächlich auch im ersten Teil dieses Romanes findet. Jedoch mit Eintritt in die Parallelwelt findet man sich in einem völlig anderen Buch wieder, was der Qualität dieses Romanes jedoch keinen Abbruch tut. Ganz im Gegenteil. Ich lasse mich gern überraschen, insbesondere, wenn diese Überraschung mit soviel Spannung und Unterhaltung verbunden ist wie dieser ungewöhnliche Roman von A. P. Glonn.

© Renie


Die andere Seite der Realität von A. P. Glonn, erschienen im Luzifer Verlag
Ersterscheinung 2014
ISBN: 978-3-943408-40-9







Freitag, 29. Juli 2016

Hans Christoph Buch: Elf Arten, das Eis zu brechen

„Eissuppe, Eisbrei, Plätzcheneis, Pfannkucheneis, Torteneis, Tafeleisberge, Eisburgen, Eisschlösser, Eispaläste, Eispyramiden und Eiskathedralen …“ - Dies sind die elf Arten Eis, die es in der Antarktis gibt. Es gibt allerdings noch eine 12. Art - das Eis des Schweigens. Der Autor Hans Christoph Buch versucht mit seinem autobiografischen Roman dieses Eis zu brechen. Denn unter Anderem offenbart sich dem Leser in diesem Roman das dunkle Geheimnis der Familie Buch.
Diesen Roman allerdings auf dieses Familiengeheimnis zu reduzieren, wäre ein fataler Fehler.

Selten ist es mir so schwierig gefallen, einen Roman zu beschreiben. Daher konzentriere ich mich zunächst auf seinen Aufbau: es besteht aus 3 Abschnitten (Bücher) mit insgesamt 11 Kapiteln. Diesen 3 Büchern ist ein Vorspann vorangestellt. Der Vorspann führt uns auf einen Eisbrecher auf dem Weg in die Antarktis. Hans Christoph Buch befindet sich auf diesem Schiff. Warum er diese Reise macht, ergibt sich erst zum Schluss des Romanes.

Erstes Buch: Wer bin ich?
In diesem Abschnitt erlebt man den Autor in seiner Funktion als reisender Schriftsteller. Die Geschichten, die er in diesem Abschnitt erzählt, könnten einem Reisetagebuch entnommen sein. Er führt uns dabei in Länder wie Russland, den Kaukasus und Kambodscha. In diesen Ländern hat er während seines Aufenthaltes einiges erlebt, das er teilweise mit einem Augenzwinkern zum Besten gibt. In diesen Reiseanekdoten klingen jedoch auch kritische Töne zu dem jeweiligen Land durch. Er scheut sich nicht, auf Missstände in den einzelnen Ländern hinzuweisen und macht auch nicht Halt vor kritischen Äußeren gegenüber dem jeweiligen Regime. Diese Beschreibungen sind hochinteressant und gewähren dem Leser einen intensiveren Blick auf das jeweilige Land als er es vielleicht von anderer Reiseliteratur gewohnt ist.
„Zusammen mit Vann Nath besuche ich das außerhalb von Phnom Penh gelegene Choeung EK, eins von Hunderten über ganz Kambodscha verstreuten Killing Fields. In der als Mahnmal dienenden Pagode sind 8985 Schädel aufgeschichtet, nach Alter und Geschlecht geordnet, darunter die Köpfe von neun Europäern - die Überreste von den Roten Khmer ermordeter Amerikaner wurden in die USA überführt. Obwohl oder weil erst 86 der 129 Massengräber geöffnet worden sind, habe ich das Gefühl auf einem Leichenberg zu stehen.“ (S. 81)
Zweites Buch: Woher komme ich?
Dieser Abschnitt ist der persönlichste Teil in diesem Roman. Hier geht der Autor auf seine familiären Wurzeln ein. Im Mittelpunkt steht sein Vater - ein außergewöhnlicher Mensch. Die Erinnerungen, die Buch hier wiedergibt, beziehen sich auf die Zeit vor Beginn des zweiten Weltkrieges bis zu seines Vaters Tod im Jahre 2003. Der Autor geht dabei nicht chronologisch vor, sondern erzählt einzelne Episoden aus dem Familienleben, sowohl aus seiner eigenen Erinnerung heraus als auch aus den Erzählungen anderer, insbesondere denen seiner Eltern.Der Leser erfährt auch, dass die Geschichte der Familie Buch noch früher ansetzt. Die Familie hat ein Geheimnis, das in ihren haitianischen Wurzeln begründet ist. Ein Geheimnis, das während des Dritten Reiches zu einer latenten Bedrohung gewachsen ist.
„Ausschlaggebend für den Weggang aus Deutschland aber war die Tatsache, dass er sich als Kind eines Deutschen und einer Haitianerin persönlich bedroht fühlte durch die Rassengesetze der Nazis, für die er ein Mischling mit negroidem Einschlag war: Frau Best, die alte Jungfer, zu der sein Vater ihn als Kind in Pflege gab, hatte die Haut des Jungen mit Ata und Imi geschrubbt, um seinen Teint ‚aufzunorden‘, wie es damals hieß.“ (S. 129)
Buchs Vater war ein Bildungsbürger: Jurastudium, kritischer Umgang mit der Politik der Nationalsozialisten, Politiker, Diplomat, Ratgeber und Freund für Adelige, Künstler und andere Politiker. Und trotzdem immer noch Vater geblieben. 
Aufgrund seiner politischen Arbeit blieb nicht viel Zeit für ein Miteinander zwischen Vater und Sohn. Wenn Buch über seinen Vater spricht klingt großer Respekt und Ehrfurcht vor den Errungenschaften seines Vaters durch. Und dennoch gibt es Momente, die dem Autor in Erinnerung geblieben sind, die auf eine besondere Verbindung zwischen Vater und Sohn hindeuten. Leider haben sich Vater und Sohn mit den Jahren voneinander entfernt. Jetzt, Jahre später startet Buch den Versuch anhand der Erinnerungen seinem Vater posthum näher zu kommen. 

Drittes Buch: Wohin gehe ich?
Dieser dritte Teil führt den Leser wieder auf den Eisbrecher aus dem Vorspann zurück. Langsam offenbart sich, warum Hans Christophs Weg hierhin geführt hat. Hans Christoph Buch begibt sich auf Antarktisexpedition, weil er einem Geheimnis auf der Spur ist. 

Ich bin jetzt ehrlich und gebe zu, dass ich Schwierigkeiten habe, den Roman in seiner Gesamtheit zu verstehen. Ich kann die 3 Abschnitte nicht so ganz miteinander in Einklang bringen und ertappe mich immer wieder bei dem Versuch, eine Verbindung hineinzuinterpretieren. Anhand der Überschriften der einzelnen Abschnitte - "wer bin ich?", "woher komme ich?", "wohin gehe ich?" - ist es natürlich nahe liegend, dass es hier um die Person Hans Christoph Buch geht. Trotzdem fallen meine Antworten auf diese drei Fragen nur dürftig aus. Insbesondere die letzte Frage "wohin gehe ich" ist für mich anhand des Inhalts des dritten Abschnittes nicht zu beantworten. Daher ist der nachfolgende Ausspruch der Süddeutschen Zeitung für mich eine rettende Lösung:

„Hans Christoph Buch ist reisender Schriftsteller, literarischer Reporter, Seelenerkunder, Chronist menschlicher Befindlichkeiten, politischer Kommentator und Geschichtenerzähler.“
Diese Beschreibung ist eindrucksvoll in diesem Roman unter Beweis gestellt worden. Sie ist sehr treffend, gleichzeitig auch unverfänglich, zumal sie nicht den Versuch startet, in den Menschen Buch etwas hineininterpretieren zu wollen. Ein autobiografischer Roman verleitet dazu, den Menschen, um den es in diesem Buch geht, in seiner Gesamtheit erfassen zu wollen. Nicht so in diesem Roman. 

Dieser Roman ist kein gefälliges Buch. Der Schreibstil ist an manchen Stellen sehr speziell und variabel. Gerade im 2. Teil begegnet man immer wieder Aneinanderreihungen von Erinnerungsfetzen, scheinbar willkürlich gewählt. Nicht selten trifft man auf  Auszüge aus geschichtlichen Dokumenten. Der Lesefluss gerät häufig ins Stocken. Dieses Buch erfordert daher die komplette Aufmerksamkeit des Lesers. Wenn man sich jedoch auf diesen Stil eingelassen hat, wird man belohnt - insbesondere in den Momenten, in denen man das Gefühl hat, ein Stück Zeitgeschichte miterleben zu dürfen.

Mein Fazit:
Ein anspruchsvolles Buch, auf das man sich einlassen muss. Wer sich für fremde Länder, geschichtliche Hintergründe und Politik interessiert, sollte es mit diesem Roman versuchen, sich jedoch von dem Gedanken lösen, einen Roman im herkömmlichen Sinne zu erwarten. Dieser Roman ist anders, aber besonders.

© Renie

Elf Arten, das Eis zu brechen von Hans Christoph Buch, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt.
Erscheinungsdatum: Juli 2016
ISBN: 978-3-627-00230-5


Über den Autor:
Hans Christoph Buch, Romancier, Essayist und Reporter, geboren 1955 in Wetzlar, war 1963 mit nur neunzehn Jahren der jüngste Teilnehmer der Gruppe 47. 2004 erhielt er den Preis der Frankfurter Anthologie, 2011 den Schubart-Preis der Stadt Aalen. In der FVA erschienen seine Novelle Tod in Habana (2007). die Romane Reise um die Welt in acht Nächten (2009) und Baron Samstag (2013), gefolgt von der Poetikvorlesung Boat people. Literatur als Geistesschiff (2014) für die er den Ehrendoktor der Universität Bern bekam. (Quelle: Klappentext)

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite der Frankfurter Verlagsanstalten sowie auf der Autorenseite von Hans Christoph Buch.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Anne Enright: Rosaleens Fest

Ein Roman, der faszinierend und deprimierend zugleich ist. Faszinierend, weil er sprachlich auf sehr hohem Niveau ist und mich mit seiner Ausdrucksstärke beeindruckt hat. Deprimierend, weil hier eine Geschichte erzählt wird, die eigentlich nichts Besonderes ist. Das, was hier passiert, findet sich wahrscheinlich in viel zu vielen Familien wieder. Aber gerade dieses Alltägliche macht betroffen. Es ist, als ob Anne Enright ihren Lesern einen Spiegel vor das eigene Familienleben hält und am Ende hofft man, dass man sich doch um einiges von der hier beschriebenen Familie unterscheidet.




Worum geht es in dem Buch?
Rosaleen ist eine Frau, die nichts tut und von den anderen alles erwartet. Sie ist Mitte siebzig, die vier Kinder sind schon lange aus dem Haus. Die Brüder Dan und Emmett sind vor der Enge der irischen Heimat in die Ferne geflohen; das Nesthäkchen Hanna wollte auf den Theaterbühnen der Welt reüssieren, spricht aber nun dem Alkohol zu, und Constance, die Älteste, hat sich selbst verloren. Doch abgenabelt hat sich keines der Kinder. Noch immer versucht jedes auf seine Weise, es dieser besten aller Mütter recht zu machen. Und scheitert. 
Da kommt die Einladung zu einem letzten Weihnachtsfest in Ardeevin. Rosaleen möchte das Haus, in dem die Kinder groß geworden sind, das voller Erinnerungen an glückliche Momente und Verletzungen steckt, verkaufen. Die Geschwister reisen mit diffuser Hoffnung auf Versöhnung an – und doch endet es, wie noch jedes Weihnachten geendet hat. (Quelle:DVA Verlag)
Der Roman wird aus Sicht der Familie Madigan erzählt. Die ersten Kapitel konzentrieren sich dabei auf die Kinder. Jedes der ersten Kapitel trägt den Namen eines der Kinder. Hier stellt Anne Enright ihre Protagonisten vor. Gleich im ersten Kapitel geht es um Hanna, die Jüngste. Aus ihrer Sicht wird das Familienleben ihrer Kindheit in den 80er Jahren geschildert. Im Mittelpunkt steht dabei die Mutter, die sich als Meisterin der Dramatik präsentiert. Alles dreht sich um diese Person, die Kinder dienen ihrer Selbstverwirklichung. Und wenn die Kinder nicht so funktionieren, wie sie es von ihnen erwartet, stürzt sie in eine Depression, unter der sie alle bewusst leiden lässt. 
„Ein kleines unartikuliertes Stöhnen entrang sich ihr. Das Geräusch schien sie nicht nur zu überraschen, sondern auch zu erfreuen, und so versuchte sie es gleich noch einmal. Das nächste Stöhnen begann verhalten und dauerte an, und als es ein letztes Mal anschwoll und abklang, hörte es sich fast wie Sprechen an. ‚O Gott‘, sagte sie. Sie warf den Kopf zurück und blinzelte ein, zwei Mal zur Decke empor. ‚O du lieber Gott.‘ Tränen begannen zu fließen, eine nach der anderen, bis zum Haaransatz; eine, zwei-drei, vier. So verharrte sie einen Augenblick lang, während die Kinder zusahen, aber so taten, als sähen sie nicht zu,…“ (S. 18 f.)
Statt mit Liebe werden die Kinder mit Schuldgefühlen aufgezogen. Anne Enright gibt ihrer Protagonistin in den ersten Kapiteln keinen Namen. Sie taucht hier lediglich als „Mutter“ auf. Für mich ist dies klar ein Indiz dafür, dass dieser Charakter sich über die Mutterrolle definiert. Sie ist die Über-Mutter.

Wer so aufwächst, hat später mit sich und seinem Umfeld zu kämpfen. Ein derartiges Mutter-Kind-Verhältnis kann nicht spurlos an einem Menschen vorübergehen. Und so lernt man die Kinder in den folgenden Kapiteln kennen: Dan, der schwul ist, aber Schwierigkeiten hat, zu seinem Schwulsein zu stehen; Emmet, der Bindungsunfähige, der nicht in der Lage ist, Gefühle zu zeigen und die Frauen, die ihn lieben dazu bringt, ihn zu verlassen; Hanna, die Alkoholikerin, die ihre Träume aufgeben musste, weil sie ein Baby bekommen hat und mit ihrer Mutterrolle und dem Alltag völlig überfordert ist; und Constance, die versucht, es jedem Recht zu machen und unter mangelndem Selbstbewusstsein leidet.

Constance Madigan ähnelt in ihrem Verhalten erschreckend dem ihrer Mutter. Auch sie hat Kinder, auch sie neigt dazu, sich eine „depressive“ Auszeit zu nehmen, wenn es mal wieder mit ihrer Familie nicht so läuft, wie sie erwartet. Es ist nicht von ungefähr, dass mit dem ersten Kapitel über Constance, Rosaleen erstmalig beim Namen genannt wird. Die beiden bewegen sich sozusagen auf Augenhöhe. Nur die eine Mutter kann verstehen, was die andere Mutter erdulden und erleiden muss. Constance ist die Einzige der Kinder, die sich um die „alte“ allein lebende Rosaleen kümmert. Dabei ist sie – wie in ihrer Kindheit – den Bevormundungen und abfälligen Sticheleien ihrer Mutter ausgesetzt und erträgt sie.
"Denn Rosaleen tat nie etwas. Diese unerträgliche Frau, sie verbrachte ihr ganzes Leben damit, anderen Menschen Dinge abzuverlangen und anderen Menschen die Schuld zu geben, sie lebte in einem Zustand der Hoffnung oder des Bedauerns und wollte nicht, konnte sich nicht damit befassen, was vor ihr lag, was immer es war. Oh, ich habe vergessen, zur Bank zu gehen, Constance, ich habe vergessen, zur Post zu gehen. Sie kam mit den Dingen nicht klar. Mit Geld. Details. Hier. Heute." (S. 312)
Jedes Jahr erwartet Rosaleen ihre Kinder zum Weihnachtsfest im Familienkreis, was eigentlich alle Kinder als Horrorszenario empfinden. So auch dieses Mal. Das Weihnachten 2005 verläuft anders als die bisherigen. Ob es daran liegt, dass es das letzte Mal in dem Haus ihrer Kindheit stattfindet? Schwer zu sagen, zumindest versuchen alle nachgiebiger im Umgang miteinander zu sein. Zwischendurch keimt bei mir die Hoffnung auf, dass die Familie versucht, nach all den Jahren der Distanziertheit doch wieder zueinander zu finden. Aber dann wird es doch wieder wie all die Jahre zuvor. Zu tief sitzen die seelischen Wunden, die man sich zugefügt hat.
"Für Emmet's Familie war das Weihnachtsessen zäher als kenianische Blutsuppe, deshalb konnte keiner der Menschen, die Emmet am liebsten hatte, dabei sein, nicht einmal Menschen, deren Gesellschaft er genoss. Es gab nur einen Weg zum Weihnachtstisch der Madigans, und der führte durch einen vorab akkreditierten Schoß. Verheiratet. Gesegnet. Es tut mir leid. Ich kann dich Weihnachten nicht zu mir nach Hause einladen, denn ich bin Ire, und meine Familie ist verrückt." (S. 264)
Was mich an diesem Roman fasziniert hat, ist die Ausdrucksstärke von Anne Enright. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, aber in jeder Erzählperspektive hatte ich den Eindruck, dass sie einen anderen Erzählstil annimmt: 5 Protagonisten – 5 unterschiedliche Sprachstile. Dadurch wird dieser Roman sehr authentisch. Jeder Protagonist hat seine eigenen seelischen Probleme, die sich in dem jeweiligen Erzählstil widerspiegeln.

In dem Buch tauchen immer wieder Begriffe auf, bei denen man als Leser nicht zimperlich sein sollte. Anne Enright lässt urplötzlich Wörter einfließen, die das Gelesene mit einem Mal hässlich erscheinen lassen. Sie benutzt Ausdrücke, die schockieren und den Lesefluss zum Stocken bringen. Aber dieser Erzählstil passt zu der Geschichte. Denn er verdeutlicht, dass hinter dem schönen Schein der von der Familie Madigan angestrebten Familienidylle immer auch eine hässliche Seite steckt.

In krassem Gegensatz dazu, steht Anne Enright's Wortwahl, wenn es um Irland geht. Bei jeder Landschaftsbeschreibung merkt man die Liebe zu diesem Land.
"Es war Juni. In wenigen Wochen, wenn das Torfmoor nach Klee duftete, würde sie mit den Kindern ans Meer fahren. Sie könnte sich darauflegen - auf den flachen aromatischen Teppich aus Grün, der das Land hinter den Dünen bedeckte -, ...., und selbst die zähen kleinen Saftpflanzen lockten mit ihrem überraschend süßen Duft die Bienen durch die Salzluft an." (S. 131)
Fazit: Ein aufwühlender Roman, der sehr ausdrucksstark geschrieben ist. Es ist die Geschichte einer zerrütteten Familie. Hier wird aufgezeigt, was erdrückende und vereinnahmende Mutterliebe bei einem Menschen anrichten kann. Ein sehr gutes Buch, das nachdenklich macht.

© Renie


Rosaleens Fest
Autorin: Anne Enright
Verlag: DVA Verlag
ISBN: 978-3-421-04700-7


Der Verlag über die Autorin:
Anne Enright wurde 1962 in Dublin geboren und lebt heute im irischen Bray, County Wicklow. Die vielfach ausgezeichnete Autorin zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Schriftstellern der Gegenwart und wurde jüngst zur ersten Laureate for Irish Fiction ernannt. Ihr Roman „Das Familientreffen“ wurde unter anderem 2007 mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet, ist in gut dreißig Sprachen übersetzt und weltweit ein Bestseller. Nach "Anatomie einer Affäre" (2011), der die Andrew Carnegie Medal for Excellence in Fiction erhielt, legt sie nun mit „Rosaleens Fest“ ihren sechsten Roman vor, der wieder Leser wie Kritiker begeistert, auf der Shortlist für den Costa Prize steht und den Irish Book Award 2015 gewonnen hat. (Quelle: DVA Verlag)

Samstag, 26. September 2015

Helmut Exner: Alfies Bestattungsladen

"Eine bitterböse Krimikomödie aus dem Harz", die mich anfangs amüsiert und unterhalten, in der Mitte überrascht und zum Ende enttäuscht hat.



Das Buch ist in 3 Teilen geschrieben.


Teil 1 (Harz)

In Goslar betreibt Alfie - Alfons Witzki - mit seiner Familie ein Bestattungsunternehmen. Alfie ist jetzt nicht das, was man sich klischeehaft unter einem Bestatter vorstellt. Ganz im Gegenteil, er betreibt sein Geschäft auf sehr unkonventionelle Weise und ist immer auf der Idee nach neuen Geschäftsideen.
"Wenn er nur ein Prozent des deutschen Suizid-Marktes für sich bekäme, wäre er ein gemachter Mann. Mal ganz abgesehen von den Vorteilen für die Sterbewilligen. Die könnten in aller Ruhe in einer schönen Umgebung der Welt Lebewohl sagen. Mit etwas Fantasie könnte ein Hotelier hübsche Arrangements für den Tag X anbieten. Ein letztes gutes Essen, Musik, schöne Frauen oder auch Männer, auf Wunsch geistlichen Beistand oder ein letztes Besäufnis."
Eines Tages verschwindet ein junges Mädchen in Goslar und wird kurz darauf tot aufgefunden. Da das Mädchen eine gute Bekannte von Alfie's Tochter Rebecca war, hat Familie Witzki natürlich ein besonderes Interesse an der Aufklärung des Verbrechens.

Die Anekdoten, die der Autor rund um die Arbeit eines Bestatters liefert sind schon sehr komisch und strotzen nur so vor schwarzem Humor. Die Charaktere in dem Buch sind teilweise sehr skurril und kauzig dargestellt, aber trotzdem immer noch liebenswert. Als Leser hat man sie schnell ins Herz geschlossen. Dieser Teil des Buches hat mich großartig unterhalten. Er ist amüsant und spannend - genau das, was ich mir unter einer Krimikomödie vorstelle. Es hätte so weitergehen müssen ....

Teil 2 (Kanada)

Und plötzlich nach der Hälfte des Buches befindet man sich auf einer weiteren Handlungsebene. Der Autor entführt den Leser nach Kanada, in die Gemeinschaft der Hutterer.
"Die Hutterer sind eine Täufergemeinde, die sich am Ur-Christentum orientiert. Es werden ausschließlich erwachsene Menschen getauft, die darüber selbst entscheiden können... Und sie sind strikte Pazifisten. Am unheimlichsten ist den Menschen aber wohl bis heute, dass die Hutterer ihren ganzen Besitz zusammentun und alles miteinander teilen. Sie leben in Kolonien, und alle besitzen gleich viel. Es gibt in dieser Gemeinschaft keine Armen und Reichen. Sie leben weitgehend abgeschottet von der Welt und führen ein Leben nach strengen moralischen Vorstellungen."
Die Geschichten um die Hutterer sind hoch interessant. Ich habe mich jedoch die ganze Zeit gefragt, was das Leben der Hutterer mit den Geschehnissen in Goslar zu tun hat. Erst zum Ende des 2. Teils erfährt man den Zusammenhang. 

Teil 3 (Harz)

Der letzte Teil setzt nahtlos bei dem Ende des ersten Teils an. Dadurch wirkt der 2. Teil noch deplatzierter, als ob er erst nachträglich eingefügt worden wäre.
In dem letzten Teil wird das Verbrechen schließlich aufgeklärt. Es kommt zu einem kleinen "Showdown". 
Leider war dieser Teil für mich sehr enttäuschend. Die Handlung um das Verbrechen wirkte auf einmal konstruiert. Die Handlungen einiger Protagonisten waren für mich nicht nachvollziehbar. Kommissar Zufall hat eine zu große Rolle gespielt.

Wenn der erste Teil nicht so wundervoll gewesen wäre, hätte ich dieses Buch mit Sicherheit abgebrochen. Als Krimi war dieses Buch für mich enttäuschend. Dafür waren die Geschichten aus dem Berufsleben des Bestatters Alfie sehr amüsant und unterhaltsam. Wenn es also hierzu eine eigene Buchreihe gäbe, wäre ich mit Sicherheit dabei.
© Renie

Alfies Bestattungsladen
Autor: Helmut Exner
Verlag: EPV Elektronik-Praktiker
ISBN: 978-3943403374

http://www.helmutexner.de/

Donnerstag, 16. Juli 2015

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben





Klappentext:
"Robert Seethaler erzählt von dem Seilbahnarbeiter Andreas Egger, dem Unglück und Glück widerfährt, über den die Zeit hinweggeht und der am Ende versöhnt und staunend auf die Jahre blickt, die hinter ihm liegen. Es ist eine einfache und tief bewegende Geschichte. Die Geschichte eines ganzen Lebens."

Andreas Egger hat es nicht leicht gehabt. Als Waise von seiner Verwandtschaft aufgenommen, verbringt er eine harte Kindheit in einem Tal in Österreich. Er wird von niemandem akzeptiert und immer als der Außenseiter angesehen. Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Er wird von seinem Onkel zum Krüppel geprügelt und bewegt sich fortan hinkend durch´s Leben. Sein einziger Lichtblick ist Marie, in die er sich verliebt und mit der er den Rest seines Lebens verbringen möchte.
"'Noch einen?', fragte die junge Frau und Egger nickte. Sie brachte ein neues Glas, und als sie sich nach vorne beugt, um es auf den Tisch zu stellen, berührte sie mit einer Falte ihrer Bluse seinen Oberarm. Die Berührung war kaum zu spüren∫ doch hinterließ sie einen feinen Schmerz, der mit jeder Sekunde tiefer in sein Fleisch zu sinken schien. Er sah sie an, und sie lächelte." (S. 13 ff.)

Mittlerweile hält der Fortschritt Einzug in das Tal. Es gibt Elektrizität, Telefon, Seilbahnen werden gebaut. Die Natur wird zurückgedrängt. Was die Talbewohner als Segen empfinden, hat gleichzeitig etwas Bedrohliches: Die Natur scheint nur darauf zu lauern, ihr Terrain mit aller Macht wieder zurückzugewinnen, was dann auch passiert. Das Schicksal trifft Egger hart. In dem Moment, in dem er dachte, dass das Leben es gut mit ihm meint, trifft ihn ein fürchterlicher Schicksalsschlag. 

"Das Leben geht weiter" - eigentlich eine abgedroschene Phrase, die jedoch perfekt Egger's Einstellung zum Leben beschreibt. Egal wie tief das Schicksal ihn in die Knie zwingt, Egger akzeptiert es und schafft es immer wieder aufzustehen.
photo by unsplash.com / Dorothy Lin


Der 2. Weltkrieg beginnt. Egger wird eingezogen und nach Russland geschickt, wo er zum Ende des Krieges in Kriegsgefangenschaft gerät. Nach vielen Jahren kommt er wieder in "sein" Dorf in Österreich. Alles hat sich verändert. Der Tourismus boomt: Zuviel Menschen und zuviel Lärm. Egger passt mit seiner bescheidenen ruhigen Art nicht in die "moderne" Umgebung hinein. Er fühlt sich nicht wohl und sucht daher die Einsamkeit. Er bezieht eine Berghütte fernab von dem Trubel. Hier verbringt er die letzten Jahre seines Lebens.

"Manchmal war es etwas einsam hier oben, aber er betrachtete seine Einsamkeit nicht als Makel. Er hatte niemanden, doch er hatte alles, was er brauchte, und das war genug." (S. 139)

Das Leben Egger's ist nicht ungewöhnlich. Es ist ein Leben wie viele andere auch. Und trotzdem war ich tief berührt von der Einfachheit und Schlichtheit, die einem beim Lesen vermittelt wird. Es braucht scheinbar nicht viel, um eine gute Geschichte zu schreiben. Ein ganzes Leben reicht aus.