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Mittwoch, 26. Januar 2022

Jenny Erpenbeck: Kairos

"Die Gelegenheit beim Schopf packen" ist ein Ausspruch, der seinen Ursprung in der Darstellung des griechischen Gottes Kairos hat. Kairos galt in der griechischen Mythologie als Verkörperung des günstigen Augenblickes, den man nur festhalten konnte, wenn man ihm an der Stirnlocke packte, denn ansonsten war er kahl. Zog Kairos also an seinem Gegenüber vorbei, war's das mit dem günstigen Moment.

Der Roman von Jenny Erpenbeck trägt nicht umsonst den Titel "Kairos". Denn den günstigen Moment erwischen die Protagonisten Katharina und Hans, als sie sich Ende der 80er Jahre zufällig in Ost-Berlin begegnen. Aus dieser Zufallsbegegnung entwickelt sich eine, in vielfacher Hinsicht, ungewöhnliche Beziehung.

Katharina ist eine 19-jährige Auszubildende, die bei ihrer Mutter wohnt und an der Schwelle zum Erwachsensein steht. Sie ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Der Sozialismus gehört für sie zur Normalität, sie ist genauso politisch interessiert, wie andere ihrer Generation - mal mehr, mal weniger. Hans ist Mitte fünfzig, verheiratet, Vater eines Sohnes in der Pubertät, Schriftsteller und überzeugter Sozialist. In der Liaison der beiden herrscht ein Ungleichgewicht. Hans dominiert Katharina, blendet sie mit seiner Lebenserfahrung, seinem unerschöpflichen Wissen über Kunst und Kultur. Er sonnt sich in ihrer Bewunderung und versucht, sie nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen. Katharina verwechselt Schwärmerei mit Liebe und versucht, seinen Ansprüchen zu entsprechen. Dadurch verliert sie immer mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit. Die Beziehung zwischen den beiden nimmt einen ungesunden Verlauf, über mehrer Jahre, in denen sich seelische Höhen und Tiefen abwechseln.
Quelle: Penguin Verlag

Jenny Erpenbeck hat es mir mit der Darstellung des Hans nicht einfach gemacht. Ich konnte nicht anders, als mich über diese Figur zu empören. Dabei war der Altersunterschied nicht entscheidend, sondern eher die Dominanz eines Mannes, der außerhalb dieser Beziehung ein Schwächling ist und im echten Leben wenig Rückgrat besitzt. Er nutzt die Dominanz gegenüber Katharina um sein Ego aufzumöbeln. 

Während Katharina und Hans also mit ihrer und in ihrer "Liebe" kämpfen, findet um sie herum ein politischer Umbruch statt. Das Leben wird von dem Untergang der DDR bestimmt. Die Grenzen werden geöffnet und der Westen hält Einzug in den Alltag der Menschen, die plötzlich mit abrupten Veränderungen zu tun haben, die nicht alle willkommen sind, zumindest nicht in der Schnelligkeit.

Einer, der von der Wende überfordert sein wird, ist Hans. Das Weltbild des überzeugten Sozialisten stürzt ein. Es fällt ihm schwer, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. 

Kairos ist also eine interessante Kombination aus Wende-Roman und Beziehungsgeschichte. Was mich dabei begeistert hat, ist der Aufbau des Romans. Kairos wird aus zwei Perspektive erzählt, die eng miteinander verwoben sind - enger geht es nicht. Der Wechsel der Perspektiven findet innerhalb der Kapitel des Romans völlig unvermittelt statt; Satzzeichen der wörtlichen Rede sind nicht vorhanden. Man rutscht also von einem Moment auf den anderen in die Gedankenwelt des anderen Protagonisten - zunächst völlig unbemerkt, was natürlich gewöhnungsbedürftig ist. Doch durch die sprachliche Intensität der Autorin schafft man es, eine gedankliche Abgrenzung zwischen den beiden Gedankenwelten herzustellen. 

Mein Fazit:
Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Umbruchs der DDR, wobei mir der Hintergrund besser als der Vordergrund gefallen hat. Denn die Beziehungsgeschichte hat mich nicht überzeugt, was ausschließlich an meiner Ablehnung des männlichen Protagonisten lag. Bemerkenswert sind jedoch die sprachliche Intensität von Jenny Erpenbeck sowie der ungewöhnliche Aufbau dieses Romans. Leseempfehlung!

© Renie

Sonntag, 12. September 2021

Daniela Krien: Der Brand

Gegensätze ziehen sich an. Diese Binsenweisheit bewahrheitet sich immer wieder, insbesondere bei Ehepaaren. In Daniela Kriens Roman "Der Brand" fühlten sich vor vielen Jahren Rahel und Peter zueinander hingezogen. Zunächst waren die Gegensätze noch nicht offensichtlich. Die Gemeinsamkeiten überwogen. Beide Akademiker, beide in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Sie teilten die gleichen politischen Ansichten, liebten es, über Gott und die Gesellschaft zu diskutieren. Die Beiden haben geheiratet, zwei Kinder bekommen, sind mittlerweile Großeltern und stellen nun fest, dass über die Jahre Gegensätze zutage getreten sind, die das Eheleben verändert haben. Die Ehe von Rahel und Peter steht heute an einem Scheidepunkt. Doch die Beiden haben zulange miteinander gelebt, um die Ehe einfach abzuschreiben. Ein gemeinsamer Urlaub soll die Beziehung retten.
Das Vorhaben wird zunächst durch einen dummen Zufall gefährdet. Ein Brand hat die idyllische Unterkunft in den Bergen, die prädestiniert war, um müde Ehen wieder lebendig zu machen, zerstört. Als Alternative wird das Haus von Freunden herhalten, das Rahel und Peter hüten sollen. In diesem Haus sagen sich Pferd und Katze sowie ein einbeiniger Storch Gute Nacht. Also ziehen Rahel und Peter hier ein und werden die nächsten drei Wochen mit dem Versuch verbringen, ihre Ehe wieder auf Vordermann zu bringen. 
Quelle: Diogenes
"Hinter seinem Lächeln verbirgt sich etwas, und Rahel denkt, dass besonders in einer Ehe die Summe des Nichtgesagten die Summe des Gesagten bei weitem übertrifft."
Dieser Roman erzählt also die Geschichte eines Rettungsversuchs. Dabei legt die Autorin den Fokus auf die zu rettenden Personen.

Rahel, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist Psychologin. Im Verlauf der Handlung wird man den Eindruck nicht los, dass sie den Beruf verfehlt hat. Wenn sie an ihre Patienten denkt, werden ihre Gedanken von überheblichen Schwingungen begleitet. Und sie, die aufgrund ihrer Ausbildung in der Lage sein sollte, das Seelenkostüm anderer Menschen zu analysieren, scheitert an sich und den eigenen Familienmitgliedern. Denn Rahel hat ein gestörtes Verhältnis zu Tochter Selma, die übrigens auf Stippvisite bei den Eltern vorbeikommt, zusammen mit deren Enkelkindern, und die sich in diesem Roman als sprunghafte Dramaqueen präsentiert, was ihre Psychologen-Mutter überfordert.
Rahel hat Schwierigkeiten, sich mit den örtlichen Gegebenheiten zu arrangieren. Ihr fehlt die geordnete Struktur ihres Alltags zuhause, die kaum etwas dem Zufall überlässt.
Wohingegen Peter die Einfachheit, die das Tagesgeschehen in diesem Haus der Freunde bestimmt, mehr und mehr genießt. Er scheint sich selbst genug zu sein, ruht in sich selbst. Er scheint Rahel nicht zu brauchen, aber Rahel braucht einen Partner an ihrer Seite.
"Wegen des Virus begannen die Menschen, große Bögen umeinander zu machen. Sie sei eine dieser Personen, denen man ausweicht, während er zu jenen gehöre, die anderen den Vortritt ließen."
Trotz der Ernsthaftigkeit der Ehekrise und den gemeinsamen schweren Anstrengungen eines Rettungsversuchs der Eheleute, erzählt Daniela Krien diese Geschichte mit viel Humor. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass sie sich bewusst vieler Klischees bedient, die man mit einem Akademiker-Ehepaar, das Anfang 50 ist, in Verbindung bringt. Hier wird guter Wein getrunken, gut gegessen, man ist mit den modernen technischen Errungenschaften überfordert und sehnt sich nach dem Urtümlichen. Das aber bitte politisch korrekt. Dieser Humor verleiht der ernsten Geschichte eine große Leichtigkeit, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe. 

Leseempfehlung!

© Renie


Samstag, 5. September 2020

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

Quelle: Pixabay
Die, für ihre Lyrik bekannte Autorin Ulrike Almut Sandig kann mit Worten und das in unterschiedlicher Ausprägung. Sie schreibt Gedichte und Erzählungen, von denen bereits einige veröffentlicht und verfilmt wurden. Sie ist Mitglied der Poetry-Band "Landschaft", mit der sie ein Musikalbum veröffentlicht hat. Hörspiele gibt es ebenfalls von ihr. Für ihr bisheriges Werk ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden.
In ihren vor Kurzem erschienenen Roman "Monster wie wir" lässt sie ihre Fähigkeiten als Lyrikerin einfließen. Das Ergebnis ist ein  Buch, das es in sich hat - sowohl inhaltlich als auch stilistisch.
Es behandelt ein Thema, das so entsetzlich ist, dass manch einer zögern wird, dieses Buch zur Hand zu nehmen: sexueller Missbrauch von Kindern.
Die Protagonisten dieses Romans sind Ruth und Viktor, zwei Menschen, die ihre Kindheit in den 80er/90er Jahren in der ehemaligen DDR verbracht haben.
Sie sind die hauptsächlichen Opfer in diesem Roman. Beide wurden als Kinder von Menschen aus ihrem familiären Umfeld über mehrere Jahre missbraucht.

Der Einstieg in dieses Buch ist rätselhaft. Den Auftakt des Romans bildet eine Szene in der Gegenwart: die erwachsene Ruth, die Musikerin geworden ist und kurz vor einem ihrer Auftritte hinter dem Vorhang steht und das Publikum betrachtet. Sie scheint jemanden im Publikum zu suchen. Sie spricht in Gedanken mit einer Person, die zunächst nicht zuzuordnen ist. Dabei macht sie verwirrende Andeutungen, die auf eine Geschichte hinweisen, die man eigentlich nicht hören möchte. Das hat etwas Tieftrauriges, aber auch Bedrohliches. Es ist jedoch nicht so, dass Ruth uns nicht gewarnt hätte, vor dem, was sie erzählen wird. 
"Also falls du mitwillst, zu diesem unwirtlichen Stück Land, auf dem ich mich befinde, dann komm."
Und schon taucht sie in ihre Kindheitserinnerungen ein, die den ersten Abschnitt dieses Buches bilden. Auf den ersten Blick hatte sie eine unbeschwerte Kindheit in einem intellektuellen Elternhaus. Der Vater war Pfarrer. Er, der schon vorher Schwierigkeiten hatte, sich dem sozialistischen System anzupassen, träumte von der Freiheit und engagierte sich entsprechend mit anderen Gleichgesinnten. Wir wissen, wie sich die Wende in der DDR vollzogen hat. Daher lassen sich die Erinnerungen an Ruths Kindheit nicht von denen des politischen Umschwungs und der Maueröffnung trennen. Nun sollte man annehmen, dass das Aufwachsen in einem intellektuellen und moralisch integrem Elternhaus die besten Voraussetzungen für einen Start ins Leben bietet. Intellektuell gesehen vielleicht schon. Doch hinter der Fassade von Bildung und Freidenkertum schien nicht alles gold zu sein, was glänzte. Die Ehe der Eltern kriselte und der Vater legte manchmal eigenwillige  Verhaltensweisen im Umgang mit seiner Familie an den Tag. 
Ruth wurde von einem engen Verwandten missbraucht. Alles deutet darauf hin, dass mindestens einer in ihrer Familie wusste, was mit ihr passierte, aber dennoch die Augen vor dem verschloss, was Ruth widerfuhr.
Ihr Schulfreund, Viktor, mit dem sie viel Zeit verbrachte, spürte ihre tiefe Traurigkeit, auch wenn sie sich ihm gegenüber nicht öffnen konnte. Die beiden Kinder waren Leidensgenossen. Denn auch Viktor wurde das Opfer sexuellen Missbrauchs. Und auch er war kaum in der Lage, das Unfassbare in Worte zu fassen.
"Wir lachten, weinten, verstanden nichts und aßen Eis, wir verstanden alles und vergaßen es wieder."
Jahre später erleben wir einen fast erwachsenen Viktor, den es kurz nach der Schule ins Ausland zog. In Südfrankreich arbeitete er bei einer wohlhabenden Familie als Aupair und hütete die Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Und hier machte er die Erfahrung, dass das, was ihm in seiner Kindheit widerfahren ist, leider in den besten Familien vorkommt. Dieser Part bildet den 2. Abschnitt dieses Buches.
Der letzte Teil dieses Buches führt uns wieder zur Szene des Romananfangs zurück: wir befinden uns immer noch hinter der Bühne des Konzertsaals. Erneut folgen wir Ruths Gedanken vor ihrem Auftritt. Und langsam zeichnet sich ab, wen Ruth im Zuschauerraum sucht. So viel sei gesagt: so niederschmetternd die Erinnerungen von Ruth und Viktor sind, umso positiver ist das Ende dieses Romans. Denn Ruth zeigt, dass sie auf dem besten Wege ist, die Opferrolle abzulegen.

Der Aufbau dieses Romans ist sehr besonders. Indem die Autorin jedem ihrer Protagonisten einen eigenen Abschnitt widmet, stellt sie die Individualität des Einzelnen in den Vordergrund und reduziert sie nicht auf ein Opfer sexuellen Missbrauchs. Daher könnten diese beiden Abschnitte losgelöst voneinander betrachtet werden, was sich auch in den unterschiedlichen Erzählweisen der Autorin,  bemerkbar macht.
Diese Abschnitte werden dabei vom Anfang und Ende dieses Romans schützend umschlossen. Es scheint, als ob die Autorin ihren Protagonisten dadurch genügend Distanz zur Leserschaft ermöglicht, um ihre schmerzhaften Erinnerungen überhaupt wieder aufleben lassen zu können.
Bemerkenswert ist, dass die Protagonisten dem Leser nicht als Opfer in Erinnerung bleiben werden. Am Ende sehen wir Viktor und Ruth (insbesondere) als Menschen,  deren persönliche Entwicklung zwar von ihren traumatischen Erlebnissen geprägt wurde, die aber auf dem besten Weg sind, sich mit dieser seelischen Last zu arrangieren und nach vorn zu blicken.
"Alles ist gleichzeitig da, Vergangenheit und Gegenwart, das wiegt schon einiges. Und wir sind auch immer noch da. Also gibt es keinen Grund, es nicht zu wagen."
Wie ich eingangs erwähnte ist Ulrike Almut Sandig eine Lyrikerin. Wer gute Lyrik schreibt, beherrscht die Kunst des Weglassens. Denn mit wenigen Worten, beschränkt auf Verse und Strophen, werden Bilder im Kopf des Lyriklesers geschaffen, die sich zu komplexen Szenarien verdichten. Die Fantasie des Lesers muss mitspielen, sonst berührt Lyrik nicht. Die Autorin beherrscht diese Kunst des Weglassens par Excellence. Auch in "Monster wie wir" weckt sie die Vorstellungskraft des Lesers, indem sie Dinge verschweigt oder zwischen den Zeilen versteckt. Und nennt sie die Dinge beim Namen, geschieht das sehr subtil. Gerade deshalb entstehen ungeheuerliche Bilder im Kopf des Lesers, die sich an der Grenze zur Erträglichkeit abspielen und daher sehr schmerzhaft sind.
"Danach war er wieder mein Großvater, der im Sessel saß und Nachrichten hörte. Seine Wangen leicht gerötet, als hätte er einen Spaziergang im Garten gemacht, die Augen geschlossen. Aber ich war immer noch eine Puppe und stakste mit steifen Beinen aus der Stube. Die Radiowellen rollten durch die Stubenluft und erschwerten das Vorankommen."
Mein Fazit:
"Monster wie wir" - Auch wenn die Geschichte aufgrund der Thematik wehtut, bin ich von diesem Roman restlos begeistert. Die Entwicklung der Protagonisten vom Opfer zum Individuum sowie der bewundernswerte Erzählstil der Autorin haben dazu beigetragen. Leseempfehlung!

© Renie

Samstag, 29. April 2017

Lucas Grimm: Nach dem Schmerz

Quelle: Pixabay/falco
In zwei Jahren werden wir den 30. Jahrestag der Maueröffnung feiern. Die Machenschaften des ehemaligen DDR-Regimes liegen also schon lange zurück, haben aber immer noch, nach so langer Zeit, große Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen. Von diesen Auswirkungen erzählt der spannend-düstere Thriller "Nach dem Schmerz" von Lucas Grimm.

Die Kindheit der heute 34-jährigen Star-Cellistin Hannah Gold nahm ein brutales Ende, als sie im Alter von 7 Jahren im Keller der russischen Botschaft in Ostberlin aufs grausamste gefoltert wurde. Ihr Vater, Max Gold, musste dabei zusehen. Als hoher DDR-Funktionär war er Geheimnisträger vieler brisanter Informationen über Ost und West. Mit der Gewalt an seiner Tochter versuchte man, bestimmte Geheimnisse aus ihm herauszupressen, die er jedoch nicht Preis geben konnte oder wollte. Hannah kam damals mit dem Leben davon, ihr Vater nach Sibirien, wo er während seiner Gefangenschaft verstarb.

Heute, nach 27 Jahren, ist Hannah zwar eine gefeierte Cellistin, doch aller Ruhm lenkt nicht davon ab, dass sie damals in Berlin massive seelische Schäden erlitten hat, die sie ihr Leben lang begleiten werden. Einige Zeit nach dem entsetzlichen Vorfall stellte man fest, dass sich Hannahs Schmerzempfinden verändert hatte. Sie kann bis heute keine körperlichen Schmerzen empfinden.
"'... Noch vor vier, fünf Jahren habe ich in den Fingerkuppen die Saiten gespürt. Ich habe gespürt, wenn ich über die Windungen geglitten bin. Seitdem wird es immer weniger. Ich fühle die Saiten nicht mehr. Weißt du, was das heißt? Vielleicht ist es egal, wenn man Bläser ist, oder Paukist, aber nicht, wenn man ein Streichinstrument spielt. Das ist wie ein Koch, der seinen Geschmackssinn verliert. Irgendwann werde ich gar nichts mehr fühlen.'" (S. 186)
Quelle: Piper
Hannah versucht, mit ihrer Vergangenheit ins Reine zu kommen. Denn die Frage, die sie permanent begleitet und nicht zur Ruhe kommen lässt, ist die nach der Schuld ihres Vaters. Konnte er die heiß begehrten Geheimnisse, die der Anlass für ihre Folterei waren, nicht zur Verfügung stellen, weil er sie nicht hatte? Oder wollte er die Informationen nicht zur Verfügung stellen, weil diese ihm wertvoller erschienen als die Gesundheit seiner Tochter?
Sie erhofft sich Antworten auf diese Fragen, indem sie herausfinden will, um welche Geheimnisse es damals ging.

Auch heute noch scheinen diese Informationen einen unermesslichen Wert zu haben. Warum tauchen auf einmal Leute auf, die sich immer noch für diese Informationen interessieren und auch nicht davor zurückschrecken, diese mit aller Gewalt zu erhalten.

Unterstützung erhalten sowohl Hannah als auch ihre Feinde von dem Journalisten David Berkoff, der sich vor einiger Zeit einen Namen als Kriegs- und Enthüllungsreporter gemacht hat, seinen besten Zeiten aber schon lange hinterher rennt. Er ist eher ein abgewrackter Schreiberling als ein strahlender Starreporter, wozu sein Alkohol- und Drogenkonsum einiges beiträgt. So spielt er also ein doppeltes Spiel, das er sich fürstlich entlohnen lassen möchte. Er präsentiert sich Hannah als Retter und Unterstützer in der Not und hofft so, an die wichtigen Informationen zu geraten, für die seine Auftraggeber bereit sind zu töten.
"Aber die meiste Zeit war sein Alkoholpegel hoch genug gewesen, um zu glauben, er sei nicht wirklich bestechlich. Er könnte sich moralisch sauber halten. Wenn der Pegel allerdings, wie jetzt, unter ein Promille fiel, sah er, dass das eine Lüge war." (S. 123)
Hannah und Berkhoff geben eine interessante Paarung ab. Beide sind mit einem labilen Seelenkostüm ausgestattet, beide ecken bei ihren Mitmenschen an, beide sind auf ihren eigenen Willen fixiert und versuchen, diesen ohne Rücksichtnahme auf andere durchzusetzen.

Auffällig ist, dass in Lucas Grimms Thriller kein Charakter dabei ist, auf den man als Leser mit Sympathie reagiert: Hannah hat mit ihrer Schmerzlosigkeit etwas von einem Freak, Berkhoffs unmäßiger Alkoholkonsum ist ekelerregend, sein falsches Spiel gegenüber Hannah liefert auch keine Sympathiepunkte, und seine Auftraggeber nebst Entourage sind die Verkörperung von Skrupellosigkeit und Boshaftigkeit.

Dieser Thriller ist megaspannend. Lucas Grimm beschreibt in seinem Roman einige dunkle Abgründe, in die sich ein Mensch begeben kann. Beim Lesen wird man kein Wohlgefühl empfinden sondern eher Beklemmung und Fassungslosigkeit über die geschilderten Machenschaften. Besonders gelungen sind die Verfolgungsjagden in dieser Geschichte. Verfolgt wird i. d. R. Hannah. Da der Roman u. a. aus ihrer Perspektive geschrieben ist (eine weitere Erzählperspektive ist die von Berghoff), spürt man die Bedrohung, der Hannah ausgesetzt ist, fast schon körperlich. Der Adrenalinpegel steigt daher beim Lesen fast schon ins Unerträgliche an.
"Sie spürte, dass ihre Wut stärker wurde. Wechsel von Moll zurück nach Dur. Irgendeine schwere Tonart. Fis-Dur, weil es mit seinen sieben Kreuzen synästhetisch Wut bedeutet." (S. 34)
Eine Besonderheit dieses Thrillers ist seine Sprache. Denn Lucas Grimm unternimmt - ganz im Sinne seiner Protagonistin - immer wieder sprachliche Ausflüge in die Musik, indem er Stimmungen in Tonarten beschreibt. Dadurch ergibt sich ein faszinierender Kontrast zwischen der Schönheit von Musik und der Hässlichkeit der hier geschilderten menschlichen Abgründe.

Fazit:
Ein sehr gelungener Thriller, der uns Einblick in verstörende seelische Abgründe verschafft und durch seine kontrastreiche Sprache besticht. Der Leser wird unter Hochspannung gesetzt, zum Durchatmen kommt er erst zum Ende des Romans. Leseempfehlung!

© Renie





Über den Autor:
Lucas Grimm ist das Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautors, der sein Leben jahrelang als Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Entrepreneur gefristet hat. Nach einem Schicksalsschlag ist er mehrere Monate durch Amerika, Indien, Tansania und Israel gereist und hat begonnen zu schreiben. 2017 erschien sein erster Roman "Nach dem Schmerz".



Donnerstag, 16. April 2015

Benno Pludra: Lütt Matten und die weiße Muschel

Zur Bestellung


Lütt Matten lebt mit seinen Eltern am Bodden. Dort leben die Leute hauptsächlich vom Fischfang. Jeden Morgen geht es hinaus zu den Reusen.
Und die Männer kommen immer mit einem Fang zurück. Nur Lütt Mattens Reuse bleibt leer. Tag für Tag. Auch die Freundin Mariken kann ihn nicht mehr trösten.
Bis eines Tages, Lütt Matten kann es kaum fassen, Mariken ihm eine Plötze zeigt, die in der Reuse war. Stolz wie Oskar trägt Lütt Matten sie durchs Dorf nach Hause. Und wartet ganz gespannt auf den Vater.
Doch der kann es gar nicht glauben, dass diese Plötze in Lütt Mattens Reuse gewesen sein soll.
So macht sich Lütt Matten des Nachts mit Vaters Boot auf den Bodden und sucht die weiße Muschel, von der es in einer Legende heißt:

Alle sieben Meere singen in der weißen Muschel. Eure Not hat jetzt ein Ende: Denn die Muschel singt euch den Frühling herbei, den Frühling, den Fisch und das Glück.

Ob Lütt Matten die weiße Muschel findet und ob seine Reuse noch Fisch fängt - lest selbst.

Eine schöne Kindergeschichte, die ich gar nicht mehr so richtig in Erinnerung hatte. Geschrieben schon 1963, aber man merkt ihr ihr Alter gar nicht an. Gespickt mit einigen plattdeutschen Sätzen, ein Platt, wie man es an der Ostsee spricht. Ich habe mich in die Heimat versetzt gefühlt.

Freitag, 3. April 2015

Günter Görlich: Den Wolken ein Stück näher





Ab 1944 nahm Görlich als Flakhelfer am Zweiten Weltkrieg teil. Er war in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und musste dort Zwangsarbeit leisten. 1949 wurde er nach Ost-Berlin entlassen, arbeitete als Bauarbeiter, bei der Volkspolizei und nach einem Pädagogikstudium als Erzieher.
Er erhielt diverse Auszeichnungen. Seit 1961 war er als IM bei der Stasi. Er wurde auf Mitglieder des Schriftstellerverbandes angesetzt. Diese "Tätigkeit" endete, als er Mitglied des ZK der SED wurde.

Klaus Herper erzählt in Den Wolken ein Stück näher seine Geschichte. Die Familie zieht aus dem beschaulichen Potsdamer Haus mit Garten nach Berlin in ein Hochhaus. Neue Umgebung, neue Schule, er hat zu tun, sich einzugewöhnen. Gleich am ersten Tag stößt er mit Heinz Mateja zusammen, bester Schüler der Klasse und bei allen, Schülern wie Lehrern, hoch angesehen. Alfred Magnus ist der beliebte Lehrer der 8b.
Nach einer Rangelei und erstem Beschnuppern freunden sich Klaus und Mateja leicht an. Richtige Freundschaft schließt Klaus schon mal mit Bully, der ständig ein Kofferradio mit sich rumschleppt, und Karin, aus der er noch nicht gang schlau wird.
Eine Klassenfahrt nach Hiddensee wird geplant. Mateja fungiert als Organisator und Klaus wird als "Sicherheitsobmann" vorgeschlagen. Lehrer Magnus hatte mit der Schulleitung abgeklärt, dass die Klasse während dieser Fahrt in den Jugendverband aufgenommen werden kann. Das geschieht dann während einer Nachtwanderung zum "Toten Kerl", wo Magnus das Gedicht Linker Marsch von Wladimir Wladimirowitsch Majakowski rezitiert. Er hat es vor 40 Jahren an eben dieser Stelle das erste Mal gehört, von dem jungen Schauspieler Arthur Hilmer. Dem jungen Magnus war das Gedicht damals zu aggressiv, so dass er mit Hilmer in Streit geriet.
Lehrer Magnus stirbt, und die Klasse fiel nun in ihren Leistungen merklich ab. Noch nicht öffentlich, dass es in der Schule bemerkbar wurde, aber so langsam, aber sicher.
Die neue Lehrerin, Frau Morgenstern, hat einen äußerst schweren Stand, Heinz Mateja lässt sie dermaßen auflaufen, dass sie es ohne die Unterstützung von Klaus und Karin hätte nicht schaffen können. Unterstützung kommt da auch aus dem Werk 8. Mai, in dem die Väter von Klaus und Karin arbeiten.

Es ist wirklich sehr "sozialistisch belehrend"-lastig. In meiner 8. Klasse damals gab es keinen Jungen oder Mädchen, der oder das so vernünftig gedacht hat, wie dieser Klaus Harper. Ich kann mich zumindest nicht dran erinnern.
Aber irgendwie ist mir das damals beim Lesen nicht bewusst geworden.

Sonntag, 23. Juni 2013

Benno Pludra: Bootsmann auf der Scholle

Bootsmann auf der Scholle ist ein Kinderbuch aus DDR-Zeiten und erschien 1959. Es gehört zu der Reihe "Die kleinen Trompeterbücher".

 Die Bücher im Format 15 x 10,5 cm hatten einen Hartpappeinband und kosteten − staatlich subventioniert − 1,75 Mark bzw. 2,40 Mark für den Doppelband. Der Name der Reihe geht auf Fritz Weineck zurück, der nach dem gleichnamigen Lied über ihn auch als „Der kleine Trompeter“ bekannt war. Die Geschichte über diese kommunistische Märtyrerfigur ist als Band 1 der Reihe erschienen. 
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_kleinen_Trompeterb%C3%BCcher

Hier gibt es eine schöne Seite, wo man mal nach den Trompeterbüchern stöbern kann.

Nun aber zu diesem Büchlein: Bootsmann ist ein junger Hund, der bei Kapitän Putt Bräsing auf dem Schlepper zu Hause ist. Am Hafen spielen die Kinder Uwe, Jochen und Katrinchen. Putt Bräsing erlaubt den Kindern, Bootsmann mitzunehmen. Sie sollen aber nicht lange wegbleiben, da der Schlepper bald los muss.
An der Bucht im Schilf laufen die Kinder mit Bootsmann aufs Eis. Jochen vorneweg, er will der Mutigste und Größte sein. Und Bootsmann immer hinterher. Bis das Eis zu knirschen beginnt. Jochen hört weder das noch die warnenden Rufe von Uwe, der ihn bewegen will, zurückzukommen. Doch zu spät: Eine Eisscholle bricht ab und schwimmt auf die Ostsee hinaus. Während Jochen es noch schafft, an Land zu springen, sitzt Bootsmann auf der Scholle fest.
Jochen, der nun gar nicht mehr der Größte und Mutigste ist, verschwindet. Und Uwe muss nun versuchen, Bootsmann zu retten.

Als Kind habe ich das Buch sicher verschlungen. Es ist eine spannende Geschichte, aus der Kinder etwas lernen können. Schön sind die Illustrationen von Werner Klemke.

Sonntag, 9. Juni 2013

Karl Neumann: Frank




Frank ist ein Buch aus meiner Jugendzeit. Ein sogenanntes DDR-Buch. Es ist ein Dreiteiler, was ich damals noch nicht wusste. Ich kannte bisher nur Frank und Frank und Irene. Der dritte Teil heißt Frank bleibt Kapitän.
Karl Neumann, ein deutscher Kinder- und Jugendschriftsteller (30.6.1916 - 9.4.1985) lernte das Malerhandwerk und arbeitete auch in dem Beruf. Im Zweiten Weltkrieg verlor er ein Bein und konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben.
Er wurde Lehrer und arbeitete als Internatsleiter. 1972 ließ er sich als freier Schriftsteller bei Brandenburg an der Havel nieder.

Von Frank, seinem Erstling, gab es bis 2005 20 Auflagen. Sogar ein Theaterstück gibt es davon. Auch der zweite Teil schaffte es bis auf elf Auflagen.

Karl Neumann erzählt die Geschichte von Frank, seiner Familie und seinen Schulkameraden. Sie spielt in den 50er-Jahren. Franks Vater, Polier Brinkmann, musste seine drei Kinder, Frank hat noch zwei kleinere Geschwister, in der Obhut der Tante lassen. Die lässt die Kinder jedoch verwahrlosen. Von dem Geld, dass der Vater ihr regelmäßig überweist, lässt sie es sich gutgehen. Die Kinder werden nicht gewaschen, bekommen nichts Vernünftiges zu essen, und Frank muss im Haushalt und Garten mit anpacken. Doch er versteht es, sich regelmäßig dünne zu machen. Er durchstromert mit seinem Klassenkameraden und Freund Pepo die Gegend.
Als sie auf Studenten mit einem Kanu stoßen, wächst in ihnen ein Wunsch. Doch bevor der in Erfüllung geht, erleben Frank, Pepo und ihre Klassenkameraden noch so einiges.
In dieser Geschichte geht es um Freundschaft, Vertrauen, Zusammenhalten, Siege und Niederlagen.

Montag, 27. August 2012

Nikolai Ostrowski: Wie der Stahl gehärtet wurde

Mit ca. vierzehn Jahren habe ich dieses Buch als Schullektüre lesen müssen. Ich kann mich nicht mehr dran erinnern, ob ich damals wusste, dass Nikolai Ostrowski hier über sich selbst schrieb. Ich weiß aber, dass ich von dem Buch beeindruckt war. Beeindruckt davon, dass Pawel schon in jungen Jahren an der Revolution teilnahm. Beeindruckt auch davon, dass dieser junge Mensch noch vor seinem älteren Bruder Artjom politisch schon so gefestigt war. Und vor allem nur für die Arbeit und die Partei lebte.
Der erste Teil des Buches wird mit einem Wort vom französischen Schriftsteller Romain Rolland eingeleitet:
Alles in Ostrowski ist Flamme der Aktion und des Kampfes - und diese Flamme wuchs und dehnte sich aus, je enger Nacht und Tod ihn umringten. Er strömte von unermüdlichem Lebensmut und Optimismus über. Und diese Freude verband ihn mit allen kämpfenden und vorwärtsschreitenden Völkern der Erde. 

Diese Sätze passen voll auf Kortschagin/Ostrowski. Je kränker Pawel wurde, desto größer sein Kampfgeist und der Wille, nicht außen vor zu stehen.

Zu Beginn des zweiten Teils gibt es ein Wort von Julius Fucik, einem tschechischen Autoren und Antifaschisten:
Ein Kommunist fürchtet nichts - das ist die Schlussfolgerung aus diesem Buch, das ist die Bilanz des Lebens des Verfassers.

 Aber fürchtet ein Kommunist wirklich nichts? Oder sind alle Bücher dieser Art nur Propaganda? Wie ich einmal gelesen habe, soll es ja Schriftsteller gegeben haben, die eigens dafür bezahlt wurden, solche Bücher zu schreiben. Die Liebe zur Heimat, zur Familie, Mütterchen Russland, der unerschütterliche Glaube an den Frieden und die Freiheit.
Gehörte Nikolai Ostrowski auch zu denen, die dafür bezahlt wurden, solch ein Buch zu schreiben? Oder gibt oder gab es wirklich solche Helden? Die nie schwach wurden, nie wankten, nie Fehler machten?

Die bekanntesten Sätze in diesem Buch kommen von Pawel:
Das Wertvollste was der Mensch besizt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf um die Befreiung der Menschheit - gewidmet. 
 Ich finde, sie sind heute noch so gültig wie damals.

Sonntag, 26. August 2012

Irene Oberthür: Mein fremdes Gesicht

Claudia B. kommt sehr, sehr langsam zu sich. Um sich herum hört sie Stimmen. Von einem zermatschten Auge ist die Rede. Dann hört sie die schrillen Töne der Schnellen Medizinischen Hilfe. Wachsein und Dunkelheit wechseln sich ab. Schmerzen im Mund, den Kopf am besten nicht bewegen, vom Nabel abwärts fehlt jedes Gefühl.
Claudia hatte einen Unfall. Ein Auto ist frontal auf sie zugefahren, sodass sie mit dem Gesicht vorneweg durch die Windschutzscheibe flog. Als Krankenschwester weiß sie eigentlich, wie sie sich als Patientin zu verhalten hat. Eigentlich. Noch hat sie keinerlei Vorstellungen ihrer Verletzungen im Gesicht. Sie weiß nicht, wie sie aussieht. Und als sie sich endlich im Spiegel sehen darf, ist sie am Boden zerstört.
Der erste Gedanke ist: Sterben, so will sie nicht leben.
Und doch lebt sie. Von einem Tag zum anderen. Der Körper erholt sich so weit, dass sie nicht mehr auf der Intensivstation bleiben will. So wird sie in ein Mehrbettzimmer verlegt, in dem sie es kaum aushält. Frühzeitig verlässt sie die Klinik und geht nach Hause. An ihrem letzten Tag im Krankenhaus schreibt sie ins Brigadetagebuch der Station: "Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur ein einziges Mal gegeben..." Wer "Wie der Stahl gehärtet" von Nikolai Ostrowski gelesen hat, wird sich sicher an diese Worte erinnern.
Doch nun beginnt der Kampf. Jeden Tag aufs Neue... Und wie sie kämpft, finde ich bewunderungswürdig. Es gibt Rückschläge, die sie meistern muss, um wieder ins Leben zurückzufinden.

Jurek Becker: Jakob der Lügner

Jurek Becker hat seine Kindheit im Ghetto und in verschiedenen KZs verbracht. Seine Mutter, obwohl nach dem Krieg schon in Freiheit, starb noch an Unterernährung. Sein Vater überlebte Auschwitz und fand seinen Sohn. Ungefähr 20 Familienmitglieder waren umgebracht worden.
Da sollte man wirklich meinen, dass Jurek Becker in seinem Buch weiß, worüber er schrieb. Er lässt einen Ich-Erzähler über Jakob berichten. Dieser Ich-Erzähler lebte gemeinsam mit Jakob und vielen anderen in einem polnischen Ghetto in einer unbekannten Stadt.
Als Jakob Mischa, einem jungen Burschen, bei der Arbeit beim Bahnhof das Leben retten will, weil der eine ungeheure Dummheit begehen wollte (er wollte nämlich Kartoffeln aus einem Waggon stehlen), schafft er es nur ihn davon abzuhalten, indem er ihm erzählt, dass die Russen schon 20 Kilometer vor Bezanika sind.
Auf die Frage, woher er das wisse, sagt er, er habe ein Radio.

Was natürlich nicht stimmt. Aber Jakob kommt nicht mehr dazu, schnell ein klärendes Wort mit Mischa zu reden, nachdem er ihn von den Kartoffeln abgelenkt hatte, und so macht diese Nachricht wie ein Lauffeuer die Runde durchs Ghetto. Und Jakob ist nun gezwungen, jeden Tag eine neue gute Nachricht aus dem Hut zu zaubern.

Jurek Becker hat einen wunderbaren Schreibstil. Er erzählt, wie die Menschen in dem Ghetto gelebt haben. Wie sie jeden Tag versuchten, etwas Normalität in ihr Leben zu bringen, und doch täglich Angst haben mussten, zum Transport abgeholt zu werden.

Samstag, 21. Juli 2012

Helmut Sakowski: Daniel Druskat




Daniel Druskat kam mit einem Flüchtlingstreck ins Dorf. Seitdem sorgte er immer wieder für Aufsehen. Nachdem seine noch junge Frau gestorben ist, lebt er mit Tochter Anja alleine. Es gab genügend Frauen, die ein Auge auf den gutausehenden schwarzhaarigen Daniel geworfen haben und die Mutterstelle bei Anja einnehmen wollten. Doch mit Daniel war es kein einfaches Leben und so blieb keine lange.
Nun ist er Vorsitzender der LPG in Altenstein. Eines Abends stehen zwei Männer vor der Tür und holen ihn ab.
Anjas erster Weg führt sie zu Max Stephan, der Vorsitzender im Nachbardorf Horbeck ist und der mit dem Vater viele Jahre befreundet war. Und gleichzeitig waren sie Rivalen. Bei der letzten Auseinandersetzung zwischen den beiden war Anja dabei. Und sie hörte, wie Stephan ihrem Vater drohte, dass er ihn vernichten könne.
Hat er diese Drohung wahrgemacht? Hat Stephan dafür gesorgt, dass man Druskat abholt? Anja muss rausbekommen, was zwischen den Männern vorgefallen ist.
Diese Geschichte beschreibt die frühen Aufbaujahre in der Landwirtschaft der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie berichtet von zwei Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die vom sozialistischen Aufbau unterschiedliche Auffassungen haben. Kann diese Freundschaft Bestand haben, noch dazu, wo einer der Freunde den anderen mit einem Geheimnis aus der Vergangenheit in der Hand hat?
Helmut Sakowskis Schreibstil ist wunderbar. Ich habe den ersten Satz gelesen und war sofort gefangen.