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Montag, 24. Mai 2021

Johannes Schweikle: Grobe Nähte

Johannes Schweikles Buch "Grobe Nähte" ist der "Roman einer deutschen Stadt". Am Beispiel von München erzählt er von Menschen, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten oder Kulturkreisen kommen. Diese Menschen haben außer ihrer Spezies sowie ihrem derzeitigen Lebensraum keinerlei Gemeinsamkeiten. Sie sind sich fremd, werden sich - wenn überhaupt, dann eher zufällig begegnen. Der Roman beschreibt ihren Alltag über einen Zeitraum von mehreren Monaten. 

"Warum singst ausgerechnet du das hohe Lied der Integration? Wie willst du mit Menschen aus fremden Ländern zusammenleben, wenn du einem Münchner Radfahrer nicht mal deinen Windschatten abgibst? ... Moral macht Spaß, wenn sie nichts kostet. Aber wehe, einer fragt, wie Multikulti funktionieren soll - dann sagst du, das sei Hass. Hängst du deine Gesinnung so weit raus, weil du ein schlechtes Gewissen hast, dass es dir unverschämt gut geht?"

Quelle: Kröner Verlag
Um diese Menschen geht es:

Familie Moser: Vater Korbinian - stellvertretender Redakteur einer namhaften Münchner Tagesszeitung, Karrieretyp, beruflich erfolgreich; Mutter Eva - war mal beruflich erfolgreich, jetzt widmet sie sich in Vollzeit der Aufzucht ihrer beiden Kinder, unterbrochen von Gelegenheitsjobs in ihrem "alten" Beruf als Foto-Journalistin.  Familie Moser ist wohlhabend, hip und stylish sowie in jeder Hinsicht politisch korrekt, umwelt- und ernährungsbewusst. 

Musikstudent Benedikt Scholl, der sich mit seiner Tuba mehr schlecht als recht durchs Leben bläst. Seine wenigen Engagements erlauben ihm keine großen Sprünge. Also lebt er in einer WG, lässt sich von seinem Bonanzarad durch München tragen und lebt in den Tag hinein.

Der afrikanische Profi-Fußballer Victor Akbunike, Starstürmer bei Münchens Starverein Bavaria München. Der weltberühmte Fußballverein bildet mit seinem Stadion und Vereinsgelände einen Kleinstaat in Bayerns Metropole. Victor ist der Vorzeige-Schwarze im Staat Bavaria. Seine Anhänger liegen ihm zu Füßen, und er darf sich alles erlauben, solange er sich an den Verhaltenskodex des Vereins hält und seine Torbilanz stimmt. Seinem Starimage entsprechend fährt er dicke Autos und lebt in einer schicken Villa.

Victor lebt noch nicht lange in München. Er ist frisch aus Nigeria eingetroffen, wo er von einem Talentscout entdeckt wurde. Aus armen Verhältnissen ins Paradies Bavaria München - Victor hat es also geschafft.

Andere Menschen, die in München ebenfalls frisch eingetroffen sind, aber es noch lange nicht geschafft haben, sind syrische Flüchtlinge. Denn der Roman spielt in der heutigen Zeit. Die Flüchtlingssituation bildet den groben Rahmen für das Geschehen in  diesem Roman, die Flüchtlinge selbst nehmen dabei jedoch keinen Anteil an der Handlung. Dennoch bestimmt ihre Gegenwart das Geschehen in diesem Roman. Denn der bloße Gedanke an die Anwesenheit der geflohenen Menschen reicht aus, , um den Frieden in Münchens Gesellschaft zu stören.

"In München sind wir konsequent. Wir schauen genau, was wo hingehört. Den Fußball verlegen wir dorthin, wo's genug Parkplätze gibt. Auch das Rotlicht kommt nach draußen, in den Sperrbezirk, die Innenstadt bleibt sauber. Es ist eine hiesige Spezialität, ordentliche Nähte zu ziehen." 

Johannes Schweikle hat mit "Grobe Nähte" einen bitterbösen satirischen Roman geschrieben. Ziel seines Spottangriffs ist unsere Gesellschaft, denn die hat es nötig, dass man ihr den Spiegel vor das selbstgefällige Gesicht hält. Herr Schweikle siedelt seinen Roman zwar in München an, doch steht die bayrische Hauptstadt stellvertretend für jede andere Groß- und Kleinstadt in Deutschland. Nun gut, nicht jede Stadt hat einen Fußballverein in der Größenordnung eines Bavaria Münchens, der in "Grobe Nähte" mit seinem Vereinsgelände und Stadion vatikan-gleich in München residiert. Dennoch sind die gesellschaftlichen Strömungen, die in Johannes Schweikles Roman zu finden sind, an jedem anderen Ort  unserer Republik anzutreffen. 

Wir Deutschen sind ein Land voller Egoisten und Gutmenschen geworden, neuerdings vegan, aber immer politisch korrekt.  Es ist verdammt einfach, den Menschenfreund zu spielen, solange das eigene egoistische Wohlbefinden nicht beeinträchtigt wird. München rühmt sich für seine Gastlichkeit. In "Grobe Nähte" werden die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft mit offenen Armen empfangen. Doch schnell zeichnet sich ab, dass diese Gastfreundschaft nur bis an die Schwelle der Komfortzone der Münchner Gesellschaft reicht.

Ich merke, dass ich mich gerade in Rage schreibe. Denn Johannes Schweikle hat mit seinem Roman "Grobe Nähte" einen wunden Punkt bei mir getroffen. Bis vor etwa einem Jahr war in Deutschland noch von der sogenannten Flüchtlingskrise die Rede, die ausreichend Material lieferte, dass sich der Egoismus in unserer Gesellschaft selbst bloßgestellt hat. Dieses Thema ist in den Hintergrund gedrängt worden, seitdem die Corona-Epidemie einen neue Bühne für die Zurschaustellung unserer Selbstsucht liefert. (Ich will jetzt nicht über diejenigen Menschen reden, die sich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen, weil sie beim Einkaufen einen Mundschutz tragen müssen - das ist Schnee von gestern!)

Ein Paradebeispiel für den Egoismus in unserer Gesellschaft ist für mich die Impfkampagne, die vor etwa einem halben Jahr begonnen hat. Denn mittlerweile ist aus der Covid-19-Epidemie ein Impffieber geworden. Menschen, die nach sozialer Gerechtigkeit und Einhaltung der Impfpriorisierung geschrien haben - schließlich müssen die Schwachen und Gefährdetsten in unserer Gesellschaft geschützt werden - sind bereits geimpft. Und das nicht erst seit gestern, sondern bereits in einem frühen Stadium der Impfkampagne. (Es geht doch nichts über Beziehungen und einer großzügigen Interpretation des Begriffs "Systemrelevanz".) Der deutsche Gutmensch fragt sich scheinbar: "Was interessiert mich mein Schrei nach Gerechtigkeit, wenn ich mir selbst am Nächsten sein kann?" 

"Es ist dunkel geworden. Von seinem Balkon kann Korbinian Moser den Efeu im Innenhof nicht mehr erkennen. Wohlig sitzt er in der Wärme, die jetzt genau richtig ist, er braucht keine Jacke. Nimmt noch einen Schluck Gin Tonic. Saugt am Trinkhalm, es gibt ein schlürfendes Geräusch im Glas. Er sitzt links neben Eva und legt seine Hand auf ihre rechte Schulter, Versucht, sie im Sitzen zu umarmen, und sagt überwältigt: Wir sind Weltmeister in Humanität!"

Herr Schweikle, es tut mir leid, dass meine Besprechung zu "Grobe Nähte" ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist. Nein, eigentlich tut's mir nicht leid, denn ich bin wütend über die Entwicklung unserer Gesellschaft. Mit ihrem "Roman einer deutschen Stadt" sprechen sie mir aus der Seele, und ich kann mir meine Gedanken einfach nicht verkneifen. 

Mein Fazit zu diesem Roman:

"Grobe Nähte" ist eine Gesellschaftssatire, die ungeheuer komische Momente hat, weil die überzogene Darstellung der Charaktere und ihres Lebens in der Wohlfühlstadt München einem Déja-Vu gleicht. Die Personen dieses Romans begegnen uns tagtäglich, und es werden leider immer mehr. Da hilft es uns nur, den Spiegel vor unser gesellschaftliches Antlitz zu halten, und hoffen, dass wir erkennen, was wir sehen. "Grobe Nähte" ist solch ein Spiegel.

Daher: Leseempfehlung, unbedingt!!!!

© Renie


"Grobe Nähte" von Johannes Schweikle (Kröner Verlag, Edition Klöpfer)

Samstag, 6. Juli 2019

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

Quelle: Pixabay/sabinevanerp
"Ich bin das älteste Haus in der Straße. Irgendwo hinterm Leopoldplatz soll es noch ältere geben, aber das habe ich natürlich nicht gesehen. Ich habe überhaupt nur gehört, was hier auf meinem Hof, zwischen meinen Wänden geredet wurde, und nur gesehen, was da geschehen ist, und das reicht mir auch."
Regina Scheers Roman "Gott wohnt im Wedding" spielt, wie der Titel schon sagt, in Berlins Stadtteil Wedding, der sich in den letzten Jahren vom schmuddeligen Kiez zum Shabby chic Hipster Viertel gewandelt hat. Die Handlung des Romans konzentriert sich dabei jedoch auf die Zeit, als sich der Wedding gerade im Umbruch befand, also mehr shabby als chic war.

Im Mittelpunkt steht ein Haus und seine Bewohner. Einer der Protagonisten ist tatsächlich dieses Haus – ein heruntergekommenes Mehrfamilienhaus, gebaut im Jahre 1890. Es hat schon einiges in seinem bisherigen Dasein gesehen, u. a. zwei Weltkriege, und natürlich auch unzählige Menschen, die hier ein- und wieder weggezogen sind. Momentan besteht der große Teil der Bewohner aus Sinti- und Roma-Familien, die versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Es sind maßgeblich Frauen, die in diesem Haus eine Rolle spielen. Allen voran die alte Gertrud, die fast schon ein Jahrhundert in diesem Haus lebt. Keine andere weiß mehr über die Geschichte des Hauses und dessen Bewohner als sie.
Quelle: Penguin
"Von den Leuten hier ist wohl kaum einer im Wedding geboren, vielleicht die kleinen Kinder oder manche der Mütter; die meisten tragen die Landschaften, aus denen sie kommen, noch in den Augen, in den Gesten, in der Schwere ihrer Körper. Sie sind hierher verschlagen worden, durch Kriege, durch Armut, auf der Suche nach einem besseren Leben, und vielleicht ist das hier jetzt ihr Zuhause."
Gleich zu Beginn fällt die Vielschichtigkeit des Romans auf. Regina Scheer packt die unterschiedlichsten Themen an, allen voran ... Judentum während des Nationalsozialismus, die Entwicklung des Lebens in Israel, die jüngste Geschichte der Sinti und Roma, der Wandel des Wedding unter dem Einfluss von Immobilienhaien, die Zusammengehörigkeit der Einwohner, Wedding als Dorf.
Dabei konzentriert sich die Autorin auf die einzelnen Lebenswege der Bewohner des Hauses, die von diesen Themen beeinflusst werden bzw. worden sind. Das kann sehr spannend sein: Gertrud hat beispielsweise ein Geheimnis, dass sie mit Leo, einem jüdischen Bekannten aus der Zeit des Nationalsozialismus, verbindet. Leo konnte damals dem Holocaust entkommen, indem er nach Israel ausgewandert ist. Jetzt, nach über 70 Jahren, taucht er wieder in Berlin auf, um den Nachlass seiner verstorbenen Frau zu regeln. Dabei wandelt er auf den Pfaden seiner Erinnerung, die ihn unweigerlich zu dem alten Haus in der Utrechter Straße im Wedding führen und somit vor Gertruds Tür. 
Leider kann die Schilderung dieser Lebenswege beim Lesen auf Dauer ermüden. Aufgrund der Vielzahl von Charakteren innerhalb der Sinti- und Roma-Familien können ihre Darstellungen sehr ausufernd sein. Sicherlich eröffnet die Autorin dem Leser einen Blick auf die Probleme, die sich einer Flüchtlingsfamilie in Deutschland stellen, angefangen bei den Vorurteilen und Steinen, die diesen Menschen in den Weg gelegt werden, während sie versuchen, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Leider ist man jedoch schnell durch die Vielzahl der Charaktere überfordert, deren Schicksale sich teilweise ähneln. Daher droht am Ende Langeweile, so dass hier weniger mehr gewesen wäre.

Der Roman ist auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte, die auf kleinem Raum im Wedding stattgefunden hat. Hier werden viele Geschehnisse und historische Personen benannt. Doch auch hier wird man förmlich von der Flut der Ereignisse, Personen und Jahreszahlen erschlagen. Daher ist auch hier der Grat zwischen Faszination und Langeweile ein sehr schmaler.

Ich möchte jedoch nicht außer Acht lassen, dass bei allem Erzählten immer eine große Portion Empathie der Autorin durchschwingt. Denn Regina Scheer legt den Fokus auf die Menschen und das Menscheln. Die Bewohner des Stadtteils Wedding kümmern sich umeinander, sehen sich als verantwortlich für ihre Mitbewohner. Das ist ein sehr wohltuender Aspekt an diesem Buch, der natürlich auch eine Verbindung zu dem Titel des Romans herstellt.

Mein Fazit:
In diesem Roman hat mir der Spannungsbogen gefehlt. Regina Scheer konzentriert sich auf die Lebenswege der Protagonisten, die mit Sicherheit jeder für sich sehr interessant sind, doch in der Masse zuviel. Die empathische Art der Autorin berührt an vielen Stellen. Natürlich war auch die ausgefallene Idee, ein Haus zu einem Protagonisten zu machen, ein sehr gelungene Überraschung. Doch am Ende wäre weniger mehr gewesen. Denn der Stoff, den sie hier zu Papier gebracht hat, hätte mindestens für einen weiteren Roman gereicht. 

© Renie

Mittwoch, 3. Juli 2019

Lukas Hartmann: Der Sänger

Der Ohrwurm "Ein Lied geht um die Welt" ist bereits über 80 Jahre alt. Der damalige Interpret dieses Liedes war ein "kleiner Mann, ganz groß": Joseph Schmidt, ein begnadeter Sänger in den 30er Jahren, der mit seiner Stimme die ganze Welt begeisterte. Und davon nicht nur die Frauenwelt, aber diese besonders.
Doch Joseph Schmidt hatte für die damalige Zeit einen Makel. Das war nicht seine geringe Körpergröße von 1,54 m - auch wenn dies selbst sein Selbstwertgefühl beeinträchtigte -, sondern Schmidt gehörte der falschen Religion an. Joseph Schmidt war Jude. Und so groß war die anfängliche Begeisterung der Nationalsozialisten für den Sänger dann doch nicht. Denn Josef Schmidt sollte - Promi-Status hin oder her - wie jeder andere Jude behandelt werden, sprich "Endlösung".
Es hat lange gedauert, bis Joseph Schmidt erkannt hat, dass seine einzigartige Stimme und seine Berühmtheit keinen Schutz vor Verfolgung boten. Im letzten Moment entschloss er sich zur Flucht aus Deutschland, besser noch aus Europa. Nachdem ihm die Ausreise von Frankreich nach Übersee verwehrt wurde - er hatte mit seiner Entscheidung zur Flucht zu lange gezögert - suchte er Schutz in der neutralen Schweiz.
"Hitlers Krieg verschlang alles, er hatte auch ihn schon verschlungen, seine Kräfte aufgezehrt, und die Nazis würden nicht ruhen, bis er, der Jude, endlich schwieg."
Quelle: Diogenes
Lukas Hartmann erzählt in seinem Roman "Der Sänger" die Geschichte der Odyssee von Joseph Schmidt. Auch wenn er sich dabei auf den Sänger konzentriert und anhand von Josephs Träumen und Erinnerungsfragmenten ein Bild des Tenors zeichnet, steht am Ende doch das Flüchtlingsthema im Fokus. Denn es gibt erschreckende Parallelen zwischen dem Umgang mit Flüchtlingen damals wie heute.

Der Autor zeichnet dabei kein verklärtes Bild des Ausnahmemusikers. Ganz im Gegenteil. Joseph Schmidt zeigt gerade zu Beginn des Romans viele Facetten, die bei mir auf Ablehnung stießen. Er war ein schwächlicher Mensch, der in anderen Sphären zu leben schien. Er war nicht für die Realität gemacht, schien auch nicht alltagstauglich zu sein. Er benötigte Menschen, die sich um ihn kümmerten und ihm die lästigen Dinge des Alltags abnahmen. Dies waren insbesondere Frauen. Denn sein Ruhm und sein Schmalz in der Stimme machten sexy. Da schaute frau auch großzügig über seine geringe Körpergröße hinweg. Josephs Frauenverschleiß war nicht ohne. Pech, wenn eine von ihm ein Kind bekam. Aber dies war kein Problem, das sich nicht mit Geld lösen ließ. Davon abgesehen, dass Joseph menschlich nicht fähig gewesen wäre, die Vaterrolle zu übernehmen. Denn er war kaum in der Lage, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
"Er war ja nicht bloß Sänger, sondern, wenn es sein musste, auch Schauspieler. Nicht auf der Bühne, die seine Kleinheit verriet, aber im Film, wo man das Publikum mit Tricks täuschen konnte, und im wirklichen Leben, wo er zu viele Frauen, die an seiner Berühmtheit teilhaben wollten, im Stich gelassen hatte."
Dieser Roman heißt nicht umsonst "Der Sänger". Denn Joseph Schmidt war Musik und lebte Musik. Sein Denken wurde von Musik bestimmt. Alles andere trat in den Hintergrund. Umso verstörender war es für Joseph, als er in die grausame Realität gezwungen wurde und feststellen musste, dass ihm seine Stimme und seine Musik nicht helfen konnten. Ganz im Gegenteil, der Promi-Status wurde von denjenigen, die über seine Rettung in der Schweiz entscheiden sollten, als Makel betrachtet. Die neutrale Schweiz machte keinen Unterschied zwischen prominentem Juden und "Otto Normal" Juden. Nicht zuletzt wollte die Schweiz sich ein Hintertürchen offenhalten, sollten die Deutschen doch einen Weg über die Alpen finden.
Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich mit diesem Roman nicht warm geworden. Denn die Charaktereigenschaften, die Joseph Schmidt zugeschrieben werden, sind bei mir auf Ablehnung gestoßen. Doch Lukas Hartmann hat seinen Protagonisten Schmidt eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen lassen. Auf einmal wird aus dem Ausnahmesänger ein armer kranker Flüchtling, der in erbärmlichen Verhältnissen in einem Schweizer Übergangslager leben muss.
"'Ich weiß nicht, ob ich noch an die Musik glauben soll. Sie war mein Leben, ihr habe ich alles untergeordnet. Wer lässt denn all das Üble zu, das uns zu wehrlosen Opfern macht?'"
Joseph Schmidt verliert im Verlauf der Handlung seine Identität. Nicht nur diejenigen, die über sein Leben und seine Zukunft entscheiden, sprechen ihm diese ab. Nein, auch "Der Sänger" gibt sich auf und sieht sich selbst nur noch als Flüchtling. Zwischendurch blitzen noch kleine Hoffnungsgedanken an eine Rückkehr zu seinem alten Leben auf. Doch Josef Schmidt scheint zu verlöschen.
Damit hat Lukas Hartmann einen Nerv bei mir getroffen, der mich zum Innehalten und Nachdenken gebracht hat. Joseph Schmidts Entwicklung vom Individuum zum Flüchtling steht stellvertretend für Menschen, die heutzutage auf der Flucht sind. Sie sind gezwungen ihr altes Leben hinter sich zu lassen, von dem auch kaum jemanden interessiert, wie dieses Leben ausgesehen hat. Stattdessen mutieren sie zu einer fremden Spezies... der Spezies "Flüchtling".

Man kann diesen Roman natürlich mit viel verklärter Nostalgie-Romantik betrachten. Für viele wird dies wahrscheinlich auch der Grund sein, dieses Buch zu lesen. Joseph Schmidts vergangener Promi-Status zieht immer noch beim Leser. Aber viel wichtiger ist für mich die Entwicklung dieses Romans: von einem biografischen Roman über einen prominenten Sänger hin zu einem zeitkritischen Roman, der die Flüchtlingsthematik in der Schweiz und natürlich Deutschland und sonst wo, eindringlich zur Sprache bringt.
Leseempfehlung!

© Renie




Freitag, 28. Dezember 2018

Juan Pablo Villalobos: Ich hatte einen Traum

Quelle: Pixabay/Jeffdiabolus
"Wir haben ein Flüchtlingsproblem" - ein Satz, der in Deutschland häufig zu hören ist. Was auch immer dieses Problem sein mag, ist es doch nichts im Vergleich zu den Problemen, die Flüchtlinge selber haben. Flucht ist immer mit Angst verbunden. Und wie groß die Angst sein muss, dass ein Mensch seine Existenz aufgibt, um auf eine ungewisse Zukunft in einem völlig fremden Land, sogar völlig fremder Kultur, zu bauen, ist für mich unvorstellbar.
Noch viel weniger kann ich mir vorstellen, dass sich Kinder und Jugendliche gezwungen sehen, ihr Zuhause und ihre Familie zu verlassen, ganz einfach, weil die Angst um ihr Leben keine andere Entscheidung zulässt. Tatsächlich passiert dies in Mittelamerika täglich. In den letzten 5 Jahren haben etwa "189.000 Minderjährige ihre Heimat Guatemala, Honduras oder El Salvador verlassen, und wurden in den USA als 'unbegleiteter Minderjähriger' erfasst." (aus dem Buch) Diese Kinder und Jugendlichen träumen von einer Zukunft, zumindest von einem Leben in Sicherheit. Wenn sie Glück haben, lebt in den USA, dem Ziel ihrer Flucht,  bereits ein Verwandter. Der Fluchtweg führt sie dabei über Mexiko. Sind sie einmal über die Grenze in die USA gelangt, kommen sie in Auffangstationen, wo zunächst einmal ihr Status "unbegleiteter Minderjähriger" festgelegt wird. Der offizielle Flüchtlingsstatus gemäß Genfer Konventionen steht ihnen nicht zu. Daher haben sie auch keinen Anspruch auf jegliche Flüchtlingsrechte, allen voran das Recht auf Nichtabschiebung. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 definiert, welche Angst einem Menschen zugestanden wird, dass er sich offiziell "Flüchtling" nennen darf: "die begründete Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung". Die flüchtigen Kinder und Jugendlichen Mittelamerikas treibt eine andere Angst um. Denn sie kommen aus Ländern, mit den höchsten Mordraten der Welt.
© Marius Kowalski
"... Mordraten, die die Zahlen mancher Länder übertreffen, in denen offener Krieg herrscht." 
Nahezu alle dieser "unbegleiteten Minderjährigen" haben bereits am eigenen Leib erfahren, was es heißt, um das eigene Leben bzw. das, seiner Angehörigen zu fürchten. Sie werden in ihrer Heimat nicht aufgrund ihrer Rasse, Religion etc. bedroht, sondern einfach, weil ihr Alltag von skrupellosen Menschen dominiert wird, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Wer kann es den Kindern und Jugendlichen also verdenken, wenn sie ihrem persönlichen Albtraum entfliehen wollen, mit der Hoffnung auf eine Zukunft in Sicherheit?
"Aber ich fühlte mich nicht mehr sicher, ich hatte Angst, dass sie mir an der nächsten Ecke auflauern und mich umbringen würden. Sie haben Taschenmesser, andere Messer, vielleicht sogar Schusswaffen. Ich habe gehört, dass sie andere Jungs zusammengeschlagen haben, und ich habe mir Sorgen gemacht, dass sie mir oder meiner Familie etwas antun könnten, denn dort kann alles passieren, man ist vor nichts sicher, manchmal bringen sie die ganze Familie um, und das machte mir am meisten Angst."
Juan Pablo Villalobos, mexikanischer Autor, ist einigen von ihnen begegnet und hat sich von ihren Träumen erzählen lassen - sowohl von ihren Albträumen zuhause und während der Flucht in die USA als auch von ihren Zukunftsträumen. In seinem Buch "Ich hatte einen Traum" lässt er sie zu Wort kommen.

Dabei fällt zunächst auf, wie emotionslos und distanziert, die Kinder und Jugendlichen ihre Geschichten wiedergeben. Sie sind zwischen 10 und 17 Jahren und ihnen ist Schreckliches widerfahren. Dient diese Art, ihre Geschichte zu erzählen, ihrem  Selbstschutz, um den seelischen Schmerz nicht wieder und wieder erdulden zu müssen? Auf jeden Fall lösen diese Emotionslosigkeit und Distanz beim Leser das genaue Gegenteil aus. Man kann sich vor ihren Schicksalen nicht verschließen. Die Geschichten gehen sehr sehr nahe.
Die Kinder und Jugendlichen scheinen während der Flucht in einem eigenen Mikrokosmos zu leben. Dabei beweisen sie eine Willensstärke, die sie seltsam erwachsen erscheinen lässt. Ihr Denken ist nur davon bestimmt, den Weg unbeschadet in das gelobte Land zu schaffen. Wem kann ich vertrauen? Wem muss ich misstrauen? Andere Gedanken, außer dem Traum von einer besseren Zukunft, lassen sie nicht zu. Dieser Traum scheint ihnen die Kraft zu geben, um die Gefahren auf ihrem Weg zu meistern.
"Vielleicht kann ich ja Pilot werden, wenn ich groß bin."
Fazit
Der Autor gibt die Geschichten dieser Kinder ungeschönt wieder. Die Emotionslosigkeit der Kinder auf der Flucht geht dabei sehr nahe. Juan Pablo Villalobos ist mir aufgrund seines humoristischen Romans "Ich verkauf dir einen Hund" ein Begriff. Doch in "Ich hatte einen Traum", inmitten des Flüchtlingsdramas um die Kinder Mittelamerikas, ist dem Autor nicht nach Lachen zumute. Ganz im Gegenteil! Der Autor prangert die Situation in Mittelamerika und den USA an, zu Recht. Dabei wird er in einem sehr aussagekräftigen Nachwort von seinem Journalistenkollegen Alberto Arce unterstützt, der die Hintergründe zu diesem Drama liefert. 

Mir hat gefallen, dass Villalobos am Ende des Buches in wenigen Sätzen erwähnt, was aus jedem der interviewten Kinder und Jugendlichen geworden ist. Und sie haben es alle geschafft, am Ende durften sie in den USA bleiben. Für wie lange, bleibt jedoch bei vielen offen. Denn die USA macht es Menschen, die immigrieren wollen, nicht einfach. Und das Risiko, am Ende doch ausgewiesen zu werden, bleibt bestehen.

© Renie