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Sonntag, 21. März 2021

Florian Knöppler: Kronsnest

Quelle: Pixabay/fsHH
Florian Knöpplers Debütroman „Kronsnest“ ist eine Zeitreise in ein ländliches Deutschland der 20er Jahre. Schauplatz ist Kronsnest, ein holsteinisches Dörfchen in der Elbmarsch.
Die Menschen in dieser dünn besiedelten Gegend leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die farbenfrohen Landschaftsbeschreibungen in diesem Roman gaukeln eine Idylle vor. Doch das Leben, in einer Zeit, in der Deutschland unter einer Rezession und einer Agrarkrise leidet, ist alles andere als idyllisch. 

Hier lebt der 15-jährige Hannes zusammen mit seinen Eltern. Die Familie betreibt einen Bauernhof, wie die meisten Bewohner dieser Gegend. 
Hannes leidet unter seinem gewalttätigen Vater, dessen Ansprüche an seinen Sohn selten erfüllt werden. Der Junge befindet sich in der Pubertät, an der Schwelle zum Erwachsensein. Anfangs wirkt Hannes noch kindlich, entwickelt sich jedoch im Verlauf der Handlung zu einem Jugendlichen, dem alles Kindliche abhandenkommt. Zwischen Vater und Sohn findet ein Kräftemessen statt, das auf eine Eskalation hinsteuert. 

Wir erleben Hannes in diesem Roman nicht nur als Sohn und Bauer, sondern auch als Jugendlicher, der die ersten Erfahrungen in Herzenssachen macht. Trotz aller Schufterei auf dem Hof und Querelen mit dem Vater sehen wir ihn inmitten von Gleichaltrigen, die ihre wenige freie Zeit miteinander verbringen. Hier lernt Hannes seine erste große Liebe kennen, Liebeskummer inklusive.
Quelle: Pendragon
"Für Mara war es nicht das Gleiche gewesen, er hatte sich das nur eingebildet, das Besondere, die Nähe, die Verbindung, so fest, dass niemand sie zerschneiden konnte."
Die Landwirtschaft sorgt leider nur mehr schlecht als recht für den Lebensunterhalt von Hannes und seinen Eltern, genauso wie für viele andere Familien aus der Landbevölkerung. Daher organisieren sich viele Bauern in der sogenannten „Landvolkbewegung“, die sich gegen die aktuelle Politik zur Wehr setzt und dabei bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich ist. 
In Deutschland entwickelt sich zur gleichen Zeit der Nationalsozialismus, der von vielen (Land)bewohnern als Heilsbringer in dieser schlechten wirtschaftlichen Lage angesehen wird. So auch in Kronsnest. 

Inmitten dieser politisch aufgeheizten Atmosphäre ist es schwierig, neutral zu bleiben. Doch Hannes, genau wie andere Bewohner von Kronsnest, hat keinerlei Ambitionen, mitzulaufen, geschweige denn, sich politisch zu engagieren. Dennoch wird die Politik in kurzer Zeit Einfluss auf den Alltag in Kronsnest nehmen. 
"'Jetzt haben wir den ganzen Mist vor der Haustür. Der Brand, die Schlägereien, ich hab die ganze Zeit gedacht, so was kann's hier nicht geben, weil sich alle kennen.'" 
Ich habe den Roman „Kronsnest“ gern gelesen. Insbesondere der Anfang, der sich auf den Konflikt zwischen Vater und Sohn konzentriert, ist spannungsgeladen und lässt die Seiten nur so dahinfliegen. Sehr gut herausgearbeitet ist auch Hannes' Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsensein. Die Geschichte wird aus der Sicht von Hannes erzählt. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, in die Gedankenwelt des schweigsamen Hannes einzudringen, dessen Introvertiertheit typisch für den Menschenschlag der damaligen Zeit in dieser Gegend ist: es werden nicht viele Worte gemacht, ausgesprochen wird nur das Nötigste, Gefühle werden nicht gezeigt und erst recht nicht darüber gesprochen.
Gespräche in diesem Roman, an denen Hannes beteiligt ist, werden daher von vielen unausgesprochenen Gedanken begleitet, die jedoch Dank der Erzählperspektive für den Leser ersichtlich sind. 

Es gibt nur wenige Personen in diesem Roman, denen sich Hannes gegenüber öffnet und ausspricht, was er denkt. Eine davon ist Mara, seine erste große Liebe. Szenen, die das Zusammensein von Mara und Hannes behandeln, unterscheiden sich deutlich vom Rest des Romans, der eine ernsthafte und melancholische Grundstimmung vermittelt, die aus dem harten und problembehafteten Leben der Charaktere resultiert. Denn Mara und Hannes gehen sehr unbeschwert miteinander um, flirten, haben Spaß. Zwischen den Beiden scheint sich eine Seelenverwandtschaft zu entwickeln. 

Leider kann der Roman das anfängliche Spannungsniveau, welches aus der intensiven Beschreibung den Vater-Sohn Konflikt resultiert, nicht halten. Denn mit der Zeit verliert sich die Handlung in Schilderungen des Alltags, der von harter Arbeit geprägt ist sowie der Bemühungen von Hannes, sein Gefühlsleben in den Griff zu bekommen. Erfreulicherweise gibt es aber immer noch spannende Momente, die etwas "Würze" in die Handlung bringen. Das sind Situationen, die das Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Gesinnungen beschreiben und ein anschauliches Bild der Gesellschaft zur damaligen Zeit und unter dem Einfluss des jungen Nationalsozialismus zeichnen. 

Ein Highlight dieses Romans waren für mich die Beschreibungen von Natur, Landschaften und Tierwelt. Man wundert sich, wie viele unterschiedliche Vogelarten in der damaligen Zeit in dieser Gegend zuhause waren. Diese Beschreibungen  vermitteln eine scheinbare Idylle, die einen starken Gegensatz zu den geschilderten Konflikten darstellt. 

Mein Fazit: 
Der Roman beginnt auf einem hohen Spannungsniveau, das allerdings im weiteren Verlauf abfällt und dem Roman dadurch einige Längen verpasst. Der Anfang dieses Romans war sicherlich stärker als das Ende. Dennoch hat mir das Gesamtpaket dieses Romans, mit seinen unterschiedlichen Themenbereichen, hier insbesondere der Vater-Sohn-Konflikt sowie der politische Aspekt gut gefallen, so dass ich ihn gern gelesen habe.

© Renie



Samstag, 9. Mai 2020

Frédéric Brun: Perla

"Mondaufgang am Meer" - Caspar David Friedrich
Der Roman "Perla" von Frédéric Bruns ist ein Buch über Liebe, Trauer und Schönheit.
Von dem Einband dieses Buches blickt mich eine wunderschöne Frau an. Sie hat ein bezauberndes Lächeln. Und dennoch strahlt ihr Blick eine Traurigkeit aus, die mir - noch bevor ich eine Seite in diesem Buch gelesen habe - zunahe geht.

Es ist Perla. Mutter des Autors.
"Perla, ich werde immer eine Mappe auf dem Rücken tragen, die Mappe eines Kindes, das zur Schule des Lebens aufbricht. Du packst mir immer noch etwas hinein. Eine Mutter ist unsterblich."
Quelle: Faber und Faber
Frédéric Brun hat mit diesem Roman ein Buch über seine Mutter geschrieben. Er beginnt ihn unmittelbar nach dem Tod von Perla. In Gedanken an das Leben mit ihr wird ihm bewusst, dass sie ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte vor ihrer Familie abgeschirmt hat: 1944 kam sie für sieben Monate nach Auschwitz. Und wie so viele Überlebende der Konzentrationslager sah Perla sich außer Stande, ihre Erinnerungen an diese Zeit mit anderen Menschen zu teilen - auch nicht mit ihrer Familie. 
"Perla verzichtete in ihrer Depression auf das Leben. Das war ihre Art, das Unverständnis über die Welt sichtbar werden zu lassen. Was gibt es nach Auschwitz noch zu erklären? Was ich davon in Erinnerung behalte, ist ihre Krankheit. Ich habe den Eindruck, dass sich meine Mutter so verständlich machen wollte, weil sie nicht fähig war, das Erlebte anders zu artikulieren, davon zu sprechen oder ein Buch darüber zu schreiben. Die Depression war umso vieles eindeutiger als alles reden. Sieben Monate in ihrem Leben bedeuteten letztendlich jahrzehntelange Qual. Wieviel benötigt ein Mensch, um ein anderes menschliches Wesen zu zerstören? Eine Woche, einen Tag, eine Stunde?" 
Um seiner Mutter auch nach ihrem Tod verbunden zu bleiben, begibt sich Frédéric Brun in die Vergangenheit und versucht zu verstehen, was mit Perla geschehen ist. Er stellt sich seine Mutter im Konzentrationslager vor, ihren Kampf ums Überleben, ihren Hunger, ihre Qual. Seine Gedanken werden ihm keine Erkenntnisse bringen, was ihr in diesen schrecklichen Monaten widerfahren ist. Über Mutmaßungen wird er nicht hinauskommen. Die Reise in Perlas Vergangenheit bringt ihn seiner Mutter Stück für Stück näher. Am Ende dieses Buches wird er mit der Trauer über den Verlust seiner Mutter leben können. Er wird anerkennen, dass Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verbunden sind, und dass Perla immer ein Teil von ihm und seinen Nachkommen sein wird.

In dem Buch "Perla" schildert also der Autor seine Gedanken über das Leben seiner Mutter, seinem eigenen Leben, dem Leben an sich. Das Buch ist dabei in mehrere Kapitel unterteilt, die sich auf einzelne Gedankengänge konzentrieren. Mit Ende eines Kapitels werden diese Gedankengänge unterbrochen und an anderer Stelle wieder aufgenommen.
Diese Gedankengänge sind
- Schilderungen über das Leben mit Perla, die unter Depressionen litt und sich in ihren düsteren Phasen aus dem Familienleben zurückzog
- Mutmaßungen über das Leben und den Alltag in Auschwitz
- Reflexionen über Frédéric Bruns Leben und den Einfluss seiner Mutter auf seine Entwicklung
- Gedanken zu den 4 Friedrichen der Romantik, deren Werke und Philosphie Wegbereiter für das  nationalsozialistische Gedankengut waren und - welch Ironie - gleichzeitig Inspiration für Bruns Schriftstellerei und sein Leben bedeuten: die Schriftsteller und Philosophen Schlegel, Novalis und Hölderlin sowie der Maler Caspar David Friedrich.

Frédéric Bruns Gedanken besitzen dabei eine Intensität und Tiefgründigkeit, die unter die Haut gehen. Von der ersten Zeile an wird in diesem Buch deutlich, welche Erschütterung Perlas Schicksal und ihr Tod für sein eigenes Leben bedeuten. Dabei verwendet er eine Sprache, die hochemotional und unfassbar poetisch ist.

In diesem Roman liegen Traurigkeit und Schönheit sehr dicht beieinander. Es ist nicht nur der Text, der berührt, sondern auch alte Schwarzweiß-Fotografien mit Motiven des Konzentrationslagers in Auschwitz. Demgegenüber stehen Abbildungen von Gemälden von Caspar David Friedrich. Somit treffen menschenverachtende Grausamkeit auf die wohltuende stille Schönheit, die Friedrichs Bilder ausstrahlen. Und Frédéric Brun stellt damit eine Frage, die sich wohl niemals beantworten lässt:
"Wie ist es möglich, dass Novalis, die deutschen Dichter und die Hitlergeneräle den gleichen Stammbaum haben?"
Fazit:
Der Titel diese Romans ist Programm. Denn dieses kleine Büchlein mit gerade mal 122 Seiten ist durch seine berührende Geschichte, seine tiefgründigen Gedanken und seinen  Abbildungen und Fotografien eine Perle von einem Buch. Hässlichkeit und Schönheit, Glück und Traurigkeit liegen dicht beieinander und machen dieses Buch zu einem ganz besonderen Leseschatz.

© Renie

Donnerstag, 12. September 2019

Uwe Schönhar: Kein Kniefall vor dem Teufel

Quelle: Pixabay/congerdesign
In "Kein Kniefall vor dem Teufel" erzählt der Autor Uwe Schönhar deutsche Geschichte am Beispiel seines Vaters Siegfried. Er plaudert quasi aus dem Familiennähkästchen. Eine schöne Idee. Und diese Biografie hätte so gut sein können .... tja, wenn da dieser eigentümliche Sprachstil nicht wäre. Doch dazu später mehr.

Das Buch beschreibt die Zeit der 2 Weltkriege bis hin zur Nachkriegszeit und den 50er Jahren. Anhand seiner Familie, allen voran Vater Siegfried, geb. 1926, beschreibt Uwe Schönhar das Leben in Deutschland während dieser Zeit unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Aspekten: Kindheit, Familie, Bildung, Politik. Schönhar würzt seine lehrreichen Abhandlungen durch viele Anekdoten über seinen Vater sowie seine Familie. Das ist gelebte Geschichte, die einfach nur Spaß macht.
Die Entwicklung des Nationalsozialismus und das Leben unter Hitler und während des 2. Weltkrieges nehmen sehr viel Raum in diesem Buch ein. Nationalsozialismus und Hitler mit Spaß in Verbindung zu bringen ist wagemutig und fragwürdig. Doch Schönhar gelingt an dieser Stelle der Balanceakt zwischen Witz, Ironie und Ernsthaftigkeit.
Gleichzeitig zieht der Autor immer wieder Verbindungen zu unserer heutigen Zeit und lässt seine persönliche Meinung über Gesellschaft und Politik einfließen. Dadurch erhält sein Buch einen essayistischen Charakter.
"Gesetze sind aber auch dafür da Polizisten zu schützen und nicht nur die Bürger. Freilich können festgeschriebene Rechtsbestimmungen durchaus mal in Frage gestellt werden - die hessische Landesverfassung sah beispielsweise bis vor Kurzem offiziell noch die Todesstrafe vor, deren Verhängung jedoch seit Inkrafttreten des Grundgesetzes (1949) vom Bundesrecht massiv ausgetrickst wurde. So konnten auch hessische Schwerverbrecher immerhin auf ein erbauliches Lebenslang im Bau bauen, statt zu baumeln."
Wikipedia definiert ein Essay als "eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema."

Keine Frage, Schönhars Abhandlung ist geistreich. Doch leider hat er es mit dem Geistreichtum übertrieben. Schuld daran ist sein eigentümlicher Sprachstil. Uwe Schönhar betreibt Wortakrobatik, was ganz amüsant sein kann. Denn er ist dabei bissig, wortgewandt und lustig. Doch leider übertreibt der Autor. Teilweise gewinnt man den Eindruck, dass Uwe Schönhar sich mehr auf seine witzigen Satzkreationen konzentriert als auf das, was er sagen möchte. Er ist stets bemüht, seinem Witz noch einen draufzusetzen. Hier wäre es besser gewesen, wenn der Autor sich zurückgenomen hätte. 
Anfangs habe ich diesen Erzählstil noch als unterhaltsam und besonders empfunden. Später war ich gelangweilt und wurde der Sprache überdrüssig. Daher habe ich dieses Buch nur in kleinen Dosen gelesen. Wäre die Geschichte, die Schönhar erzählt nicht so interessant, warmherzig und persönlich, hätte ich das Buch sicherlich abgebrochen.

Mein Fazit:
Sprachlich wäre weniger mehr gewesen. Inhaltlich kann man nicht genug von der Geschichte bekommen. Kann ich dieses Buch also empfehlen? Jein ;-)

© Renie

Samstag, 6. Juli 2019

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

Quelle: Pixabay/sabinevanerp
"Ich bin das älteste Haus in der Straße. Irgendwo hinterm Leopoldplatz soll es noch ältere geben, aber das habe ich natürlich nicht gesehen. Ich habe überhaupt nur gehört, was hier auf meinem Hof, zwischen meinen Wänden geredet wurde, und nur gesehen, was da geschehen ist, und das reicht mir auch."
Regina Scheers Roman "Gott wohnt im Wedding" spielt, wie der Titel schon sagt, in Berlins Stadtteil Wedding, der sich in den letzten Jahren vom schmuddeligen Kiez zum Shabby chic Hipster Viertel gewandelt hat. Die Handlung des Romans konzentriert sich dabei jedoch auf die Zeit, als sich der Wedding gerade im Umbruch befand, also mehr shabby als chic war.

Im Mittelpunkt steht ein Haus und seine Bewohner. Einer der Protagonisten ist tatsächlich dieses Haus – ein heruntergekommenes Mehrfamilienhaus, gebaut im Jahre 1890. Es hat schon einiges in seinem bisherigen Dasein gesehen, u. a. zwei Weltkriege, und natürlich auch unzählige Menschen, die hier ein- und wieder weggezogen sind. Momentan besteht der große Teil der Bewohner aus Sinti- und Roma-Familien, die versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Es sind maßgeblich Frauen, die in diesem Haus eine Rolle spielen. Allen voran die alte Gertrud, die fast schon ein Jahrhundert in diesem Haus lebt. Keine andere weiß mehr über die Geschichte des Hauses und dessen Bewohner als sie.
Quelle: Penguin
"Von den Leuten hier ist wohl kaum einer im Wedding geboren, vielleicht die kleinen Kinder oder manche der Mütter; die meisten tragen die Landschaften, aus denen sie kommen, noch in den Augen, in den Gesten, in der Schwere ihrer Körper. Sie sind hierher verschlagen worden, durch Kriege, durch Armut, auf der Suche nach einem besseren Leben, und vielleicht ist das hier jetzt ihr Zuhause."
Gleich zu Beginn fällt die Vielschichtigkeit des Romans auf. Regina Scheer packt die unterschiedlichsten Themen an, allen voran ... Judentum während des Nationalsozialismus, die Entwicklung des Lebens in Israel, die jüngste Geschichte der Sinti und Roma, der Wandel des Wedding unter dem Einfluss von Immobilienhaien, die Zusammengehörigkeit der Einwohner, Wedding als Dorf.
Dabei konzentriert sich die Autorin auf die einzelnen Lebenswege der Bewohner des Hauses, die von diesen Themen beeinflusst werden bzw. worden sind. Das kann sehr spannend sein: Gertrud hat beispielsweise ein Geheimnis, dass sie mit Leo, einem jüdischen Bekannten aus der Zeit des Nationalsozialismus, verbindet. Leo konnte damals dem Holocaust entkommen, indem er nach Israel ausgewandert ist. Jetzt, nach über 70 Jahren, taucht er wieder in Berlin auf, um den Nachlass seiner verstorbenen Frau zu regeln. Dabei wandelt er auf den Pfaden seiner Erinnerung, die ihn unweigerlich zu dem alten Haus in der Utrechter Straße im Wedding führen und somit vor Gertruds Tür. 
Leider kann die Schilderung dieser Lebenswege beim Lesen auf Dauer ermüden. Aufgrund der Vielzahl von Charakteren innerhalb der Sinti- und Roma-Familien können ihre Darstellungen sehr ausufernd sein. Sicherlich eröffnet die Autorin dem Leser einen Blick auf die Probleme, die sich einer Flüchtlingsfamilie in Deutschland stellen, angefangen bei den Vorurteilen und Steinen, die diesen Menschen in den Weg gelegt werden, während sie versuchen, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen. Leider ist man jedoch schnell durch die Vielzahl der Charaktere überfordert, deren Schicksale sich teilweise ähneln. Daher droht am Ende Langeweile, so dass hier weniger mehr gewesen wäre.

Der Roman ist auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte, die auf kleinem Raum im Wedding stattgefunden hat. Hier werden viele Geschehnisse und historische Personen benannt. Doch auch hier wird man förmlich von der Flut der Ereignisse, Personen und Jahreszahlen erschlagen. Daher ist auch hier der Grat zwischen Faszination und Langeweile ein sehr schmaler.

Ich möchte jedoch nicht außer Acht lassen, dass bei allem Erzählten immer eine große Portion Empathie der Autorin durchschwingt. Denn Regina Scheer legt den Fokus auf die Menschen und das Menscheln. Die Bewohner des Stadtteils Wedding kümmern sich umeinander, sehen sich als verantwortlich für ihre Mitbewohner. Das ist ein sehr wohltuender Aspekt an diesem Buch, der natürlich auch eine Verbindung zu dem Titel des Romans herstellt.

Mein Fazit:
In diesem Roman hat mir der Spannungsbogen gefehlt. Regina Scheer konzentriert sich auf die Lebenswege der Protagonisten, die mit Sicherheit jeder für sich sehr interessant sind, doch in der Masse zuviel. Die empathische Art der Autorin berührt an vielen Stellen. Natürlich war auch die ausgefallene Idee, ein Haus zu einem Protagonisten zu machen, ein sehr gelungene Überraschung. Doch am Ende wäre weniger mehr gewesen. Denn der Stoff, den sie hier zu Papier gebracht hat, hätte mindestens für einen weiteren Roman gereicht. 

© Renie

Samstag, 5. Januar 2019

Vera Buck: Das Buch der vergessenen Artisten

Quelle: Pixabay/Bru-nO
Der Titel "Das Buch der vergessenen Artisten" ist Programm. Denn in diesem 750 Seiten starken Schmöker von Vera Buck geht es um vergessene Artisten und Künstler. Diese Menschen waren selbst zu Lebzeiten nur bei einigen wenigen bekannt, was jedoch ihre Besonderheiten und Talente nicht herabmindern darf. Vera Buck führt uns in ihrem Roman in das Schausteller-Milieu zur Zeit des Nationalsozialismus. In einem Interview betont sie, wieviel Recherche-Arbeit sie in dieses Buch investiert hat. Denn tatsächlich sind die Menschen, über die sie schreibt, in Vergessenheit geraten. Selbst in Zeiten von www und Wikipedia musste die Autorin ordentlich kramen, um an die wenigen überlieferten Informationen über diese Menschen zu gelangen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. "Das Buch der vergessenen Artisten" gehört für mich zu einem meiner Lesehighlights in 2018.
Quelle: Limes

Der Roman beginnt im Leben von Mathis Bohnensack, Schausteller, ehemals Virtuose an der Durchleuchtungsmaschine. Im Jahr 1935 ist er 48 Jahre alt. Er, seine Lebensgefährtin Meta, die als Kraftfrau auftritt sowie Metas geistig zurückgebliebener Bruder Ernsti, kampieren zusammen mit anderen Schaustellern vor den Toren Berlins.
"Meta hob verschiedene schwere Kugeln über den Kopf und hielt einen erwachsenen Mann mit ausgestreckten Armen auf einem Stuhl hoch. Mit einer Kette im Genick konnte sie einen 200 Pfund schweren Stein anheben. Sie zerbrach Nägel und Eisenstäbe, als wären es trockene Stöckchen."
Das Leben eines Schaustellers zur Zeit der Nationalsozialisten ist gefährlich. Die Gefahren entstehen jedoch nicht durch die teilweise aberwitzigen Kunststücke, die die Schausteller beherrschen. Die Gefahren, die von den politischen Machthabern und deren Schergen ausgehen, sind weitaus größer. Noch sind viele von den Künstlern geduldet, tragen doch viele durch ihre Engagements in den Clubs von Berlin zu einer schillernden und dekadenten Künstlerszene bei, in der sich auch die Nazis gerne tummeln. Doch mit Zunahme der Macht der Nationalsozialisten werden die Gefahren für die Schausteller, die selten dem idealen Menschenbild der Machthaber entsprechen, größer. Nach und nach "verschwinden" die Weggefährten von Meta und Mathis. Es ist, als hätte es sie nie gegeben. Mathis sieht sich in der moralischen Pflicht, gegen das Vergessen dieser besonderen Menschen vorzugehen. Er möchte ein Buch der vergessenen Artisten schreiben, welches die Lebensgeschichten seiner Schaustellerkollegen dokumentiert.
"'Es ist nicht fertig, nein. Vielleicht hätte ich es nie fertig bekommen. Wann immer ich denke, dass ich einen Punkt setzen könnte, kommt mir eine weitere Lebensgeschichte in den Sinn, die es wert wäre, aufgeschrieben zu werden.'"
Mathis ist im Alter von 15 Jahren zum Rummel gekommen. Dies erfährt man in einem 2. Handlungsfaden, der Mathis' Werdegang bei den Schaustellern schildert. Er ist einer von unzähligen Söhnen eines Bohnenbauerns. Mit einem verkrüppelten Bein, als Ergebnis einer Kinderlähmung, ist Mathis leider der schwächste Sohn in der Familie und damit auch der Unnützeste. Daher wird er von keinem vermisst, als er sich still und heimlich den Schaustellern anschließt, die eines Tages in seinem Dorf, mit dem bezeichnenden Namen Langweiler, auftreten. Meister Bo und dessen Röntgenapparat haben es ihm angetan. Er wird Bos Assistent und entwickelt eine Kreativität bei den Auftritten mit der Röntgenmaschine, die ihresgleichen sucht. Leider ist sich Mathis - wie alle anderen auch - der gesundheitlichen Gefahren, die von dem ungeschützten Umgang mit Röntgenstrahlen ausgehen, nicht bewusst. Die Konsequenzen werden sich erst später zeigen.

Während der Leser das Leben von Mathis, Meta und Ernsti in Berlin zur Zeit der Nazis verfolgt, kommt er gleichzeitig in den Genuss, durch Rückblenden auf Mathis Werdegang der letzten 30 Jahre, eine Abhandlung über die Geschichte des Schaustellertums zu bekommen. Natürlich hält sich Vera Buck dabei ganz dicht an Mathis und Metas Leben. Denn irgendwann treffen die beiden aufeinander und man wundert sich, dass solch unterschiedliche Menschen ein Paar werden. Er, der zurückhaltende und schüchterne junge Mann, von schwächlicher Statur; und sie, die muskelbepackte und impulsive Naturgewalt. Aber gleichzeitig entführt die Autorin den Leser an faszinierende Orte, die von der Geschichte des Schaustellertums nicht zu trennen sind. Sie bringt uns an Orte wie Zürich, mit seinem Panoptikum, Wien mit seinem Prater, Paris mit seinen Folies Bergère, München mit seinem Oktoberfest etc. etc. etc. Und es sind nicht nur die Orte, die faszinieren, sondern auch die Mischung der Charaktere, die dem Leser begegnen. Vera Buck bringt fiktive und reale Personen zusammen. Durch ihre Recherchearbeit zu diesem Roman ist sie auf viele real existierende Schausteller getroffen, die sich einen Namen in der Szene gemacht haben - auch wenn dieser bei den wenigsten Lesern bekannt ist bzw. in Vergessenheit geraten ist.
Ein paar Beispiele gefällig?
Siegmund Breitbart - der "Eisenkönig" und jüdischer Kraftathlet
Cora Eckers - eine "dicke, bärtige Zwergin"
Rosendo Fibolo - "das menschliche Nadelkissen"
Charlotte Rickert - eine Kraftfrau, die so ganz nebenbei als einzige Frau bei den olympischen Spielen 1936 beim Gewichtheben angetreten ist und ihren männlichen Konkurrenten demonstriert hat, wozu frau in der Lage ist
(Der Roman endet mit einer interessanten Übersicht der historischen Personen, die in die Handlung eingebunden sind. Allein diese Liste ist es schon wert, diesen Roman zu lesen)
"Es gab da ein Problem mit dem Männerbild, das Adolf Hitler in Deutschland postulieren wollte. Und das rührte daher, dass jeder Hanswurst sah, wie wenig Hitler selbst seine Kriterien erfüllte."
Es ist nicht nur die Faszination des Schaustellertums, die dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Einmal mehr wird der Finger in die nie verheilende Geschichtswunde, die durch den deutschen Nationalsozialismus verursacht wurde, gelegt. Und das ist gut so. Somit wird "Das Buch der vergessenen Artisten" zu einem Buch "Gegen das Vergessen", was es moralisch wertvoll macht.
Dabei wird der moralische Aspekt auf sehr ansprechende Weise vermittelt. Denn es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, was auf die gelungene Kombination aus der Darstellung des exotischen Schaustellerlebens und dem Sprachstil der Autorin zurückzuführen ist. Vera Buck beweist Humor, wo er angebracht ist, Respektlosigkeit gegenüber den Machthabern, Feingefühl gegenüber Artisten, von denen manche körperliche Gebrechen zu einer Attraktion machen, um überleben zu können. Die starken Frauen sind bei Vera Buck nicht nur aufgrund ihrer Körperkräfte und Muckis stark. Das Buch liest sich weg wie nichts. Hier ist keine Seite zuviel. Ich war schon ein bisschen traurig, als ich das Buch beendet habe. Die Geschichte hätte ewig weitergehen können.

Leseempfehlung! Leseempfehlung! Leseempfehlung!

© Renie

Freitag, 5. Oktober 2018

Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen


Quelle: Pixabay/ShonEjai
Eines meiner Roman-Highlights des letzten Jahres war "Das kalte Blut" von Chris Kraus. Wen wundert's, dass ich ungeduldig auf den Nachfolger gewartet habe. Vor ein paar Wochen ist dieser nun erschienen: "Sommerfrauen, Winterfrauen". Der Titel hat bei mir allerdings für Irritationen gesorgt: Chris Kraus hat also einen Frauenroman geschrieben, also einen Roman über Frauen - wenn auch besondere Frauen - und womöglich für Frauen? Och nö.
Doch wie gut, dass der erste Eindruck nicht immer der Richtige ist. Die Buchbeschreibung hat mich eines Besseren belehrt und wieder hoffen lassen. Und die Hoffnung wurde bestätigt: Das Warten hat sich gelohnt!

In "Sommerfrauen, Winterfrauen" (eine Meerjungfrau gibt es im Übrigen auch in diesem Buch) geht es um den Regiestudenten Jonas und einige wenige Frauen, die großen Einfluss auf sein Leben nehmen. Jonas zieht es im Rahmen seines Filmstudiums nach New York. Er bildet die Vorhut für eine Studentengruppe des bekannten Regisseurs Lila von Dornbusch, die ein paar Wochen in New York verbringen wird. New York soll dabei die Quelle der Kreativität und Inspiration für die Filmversuche der Studenten sein. Bei seinen ersten Gehversuchen durch die Stadt, ist Jonas mit dem Großstadtleben völlig überfordert. Dank der Kontakte von Lila - warum muss ich nur immer an Rosa von Praunheim denken? - kommt er bei dem legendären und exzentrischen Filmemacher Jeremiah unter, der in den letzten Jahren eher durch seine adipöse Erscheinung und seinem divenhaften Gemüt als durch cineastische Erfolge im Gespräch war. Und doch hat er sich einen Namen in der Künstlerszene gemacht, von dem auch Jonas profitiert. 
"Vor vielen Jahren muss Jeremiah ein schöner Mann gewesen sein. Auf den Schwarz-Weiss-Fotos aus jener Zeit sieht man ein weiches, melancholisches, fast mageres Gesicht, in dem ausdrucksvolle Augen etwas scheu und gebrochen in die Welt blicken. Wenn man jung ist, ist Gebrochenheit schön und faszinierend, später will man es nicht mehr sehen. Nun ist der Mann wie ein Walfisch am Leben gestrandet, erfüllt von Bitternis, oft zynisch."
Quelle: Diogenes
Schon nach ein paar Tagen gewinnt Jonas an Selbstbewusstsein und lernt, mit der aggressiven Stadt zurechtzukommen. Unterstützung erhält er dabei von Nele, die ihn und die anderen Studenten, die mittlerweile eingetroffen sind, betreut. Doch Jonas bekommt den Kopf nicht frei für seine Aufgaben. Was zum Einen an seiner daheimgebliebenen eifersüchtigen Freundin Mah liegt, die ihn mit obskuren Anrufen nervt; und zum Anderen an Tante Paula, die in einer Seniorenresidenz in New York lebt und mit ihm über seinen Großvater reden möchte. Denn Jonas Großvater hat sich und seine Familie durch seine Karriere als Mitglied der SS nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Eine Familiengeschichte, mit der sich Jonas höchst ungern auseinandersetzen möchte. Doch Tante Paula, die eigentlich nicht seine Tante ist, sie war jedoch das Kindermädchen seines Vaters und gehört daher zur Familie, hat überzeugende Argumente, um ihn (und dem Leser) ihre Geschichte und die des Großvaters zu erzählen.
"... Wer sich in den Nazischeiß begibt, kommt darin um. Und ich will das nicht. Ich will nicht im Nazischeiß umkommen. Apapa war ein Täter. Tante Paula mag ihn trotzdem. Ist das mein Problem?"
"Sommerfrauen, Winterfrauen" ist ein Buch des Gegensatzes:
Banalität trifft auf Tiefsinn! Komik trifft auf Ernsthaftigkeit! Zum Einen haben wir die ersten Laufversuche eines Filmemachers in der großen weiten Künstlerwelt, verbunden mit fast schon slapstickhaften Einlagen. Zum Anderen geht es um den ernsthaften Umgang von Jonas mit der Nazivergangenheit eines sehr nahestehenden Familienmitgliedes. Diese Themen scheinen zunächst einmal nicht zusammenzupassen. Und doch gelingt dem Autor das Kunststück, beide Themen miteinander in Einklang zu bringen. Denn trotz aller humoristischen Einlagen in diesem Buch, wird der Aufenthalt in New York zu einer Reise zu sich selbst. Die Zeit in Amerika lässt den anfangs flapsigen und unbedarft erscheinenden Jonas reifen. Die Auseinandersetzung mit Tante Paula und der Familiengeschichte trägt dazu bei, dass er sein bisheriges Leben und das, was er tut, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
"Ich könnte mit vierzig sterben. 
Ich könnte mit dreißig sterben, zerspant von all den Martern, die ich mir zumute oder gönne oder was auch immer. 
Ich könnte morgen sterben. 
Doch im Augenblick, in diesem vorüberstreichenden Augenblick totaler Ungewissheit, will ich ewig leben."
Dabei wird es mit Chris Kraus nie langweilig. Sein Sprachstil zeichnet sich durch Sprachwitz, Lust am Fabulieren und Sarkasmus aus. Dieser Sarkasmus kann manchmal richtig biestig sein. Das macht Spaß. Aber trotzdem weiß der Autor immer ganz genau, wann Sarkasmus deplatziert und wann Ernsthafigkeit gefragt ist.

Mit "Sommerfrauen, Winterfrauen" hat mich Chris Kraus genau wie in seinem ersten Roman als unterhaltsamer und ernsthafter Geschichtenerzähler überzeugt. Und wieder bin ich gespannt auf den nächsten Roman, dem ich selbstverständlich wieder voller Ungeduld entgegenfiebern werde. Leseempfehlung

© Renie







Montag, 13. August 2018

Erich Hackl: Am Seil

Quelle: Pixabay/Pexels
Es gibt da diese Bücher, die klein und unscheinbar daher kommen, sich aber als literarische Naturgewalt erweisen. "Am Seil" von Erich Hackl ist solch ein Buch. Man wundert sich, dass in gerade mal 117 Seiten soviel Inhalt und Aussagekraft steckt.
Erich Hackl ist ein Autor, der sich Geschichten erzählen lässt - wahre Geschichten. Die Geschichtenerzähler sind in ihrem Leben durch ein besonderes Ereignis geprägt worden. Erich Hackl führt Gespräche mit diesen Menschen, interviewt sie. Und am Ende schreibt er ein Buch über diese besondere Geschichte. So auch in dem vorliegenden: "Am Seil".
Der Mensch, der sich erinnert ist Lucia Heilmann, Jüdin, die ihre Kindheit während der  Nazizeit in Wien verbracht hat. Sie ist mit dem Leben davongekommen. Genau wie ihre Mutter Regina. Wenn Reinhold Duschka nicht gewesen wäre, hätten Mutter und Tochter das gleiche Schicksal erlitten wie Millionen andere Juden, die dem Naziterror zum Opfer gefallen sind.
"..., daß Regina und Lucia auf Reinholds Gegenwart und auf seine Gesundheit angewiesen waren. Stieß ihm etwas zu, waren sie verloren. Regina kannte niemanden, der sie dann bei sich aufgenommen oder anderswo untergebracht hätte, ..."
Quelle: Diogenes

Wer war Reinhold Duschka?

Niemand besonderes. Ein Jedermann, Kunsthandwerker in Wien, passionierter Bergsteiger, lose befreundet mit Regina. Ein Merkmal zeichnet ihn besonders aus: er ist selbstlos. Als Regina eines Tages auf der Flucht vor den Nazis mit ihrer kleinen Tochter Lucia bei ihm vor der Tür steht, gewährt er ihnen ohne zu zögern Schutz. Er versteckt sie über einen Zeitraum von 4 Jahren in seiner Werkstatt. Sie leben auf engem Raum. Reinhold kümmert sich fast 24 Stunden am Tag um die beiden. Ständig droht die Gefahr, von den Nazis entdeckt zu werden. Reinhold geht das Risiko ein.
"'Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast...'" (S. 101)
Die Geschichte, die Erich Hackl hier nacherzählt, basiert auf den Erinnerungen an eine Zeit, die Lucia als Kind erlebt hat. Dementsprechend spiegelt sich hier die Sichtweise eines Kindes wieder, d. h. die Ereignisse, wie Lucia sie als Kind wahrgenommen hat. Reinhold war ihr Held. Liebevoll versuchte er Lucia trotz der angespannten Situation bei Laune zu halten.
Erfahrungsgemäß gibt es Lücken in der Erinnerung eines Kindes. Diese Lücken macht Erich Hackl kenntlich. Er und Lucia stellen in ihren Gesprächen Vermutungen an, die aber auch als solche deutlich werden.
Der Schreibstil gibt den Interviewcharakter wieder, wirkt häufig sehr nüchtern. Doch Hackl gelingt das Kunststück, trotz aller Nüchternheit eine große Emotionalität beim Leser hervorzurufen. Das ist ganz großes Erzählkino.

Fazit:
Ein kleine, grandios erzählte Geschichte, mit ganz viel wichtigem Inhalt, über einen stillen unscheinbaren Helden, der mit seiner Selbstlosigkeit und Zivilcourage, damals wie heute ein Vorbild ist. Leseempfehlung!

© Renie




Über den Autor:
Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. ›Auroras Anlaß‹ und ›Abschied von Sidonie‹ sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet. (Quelle: Diogenes)

Freitag, 16. Juni 2017

Chris Kraus: Das kalte Blut

Bücher mit über 1000 Seiten schrecken mich ja eher ab. Manche mögen das merkwürdig finden, denn schließlich sollte die Buchbloggerin Spaß an umfangreichem Lesestoff haben. Wenn eine Bücher in dieser Größenordnung stemmen kann, dann ist es doch die Vielleserin. Sollte man meinen. 
Meine Abneigung gegen dicke Bücher hat jedoch einen praktischen Grund. Wenn ich mich auf solch einen Wälzer einlasse, bleiben andere Rezensionsexemplare liegen. Mein kompletter Leseplan wird dadurch strubbelig gemacht, sehr zum Leidwesen anderer Verlage, die dadurch lange auf die Rezensionen ihrer Bücher warten müssen. 

Daher mache ich in der Regel einen großen Bogen um Bücher dieses Kalibers. Es sei denn, ich treffe auf einen Autor, der mir eine spektakuläre und fast unglaubliche Geschichte verspricht. Und genau so einer ist Chris Kraus, der in seinem Roman "Das kalte Blut" beweist, dass er ein begnadeter Erzähler ist.

Ich habe für dieses Buch tatsächlich 6 Wochen gebraucht. Und es hat sich gelohnt. Es gab keinen Moment, in dem ich das Interesse an diesem Roman verloren habe oder ich mich gelangweilt habe, weil ich mich durch überflüssige Textpassagen kämpfen musste. Denn die gibt es nicht in diesem Buch. Hier hat jedes Wort und jeder Satz seine Daseinsberechtigung, 1200 Seiten lang. 
So genial dieses auch Buch ist, so schwierig tue ich mich mit meiner Buchbesprechung. Seit Tagen sitze ich nun schon an dieser Rezension. Ich habe mehrmals angefangen, wieder verworfen, umgestellt und umformuliert. Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, schießen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf, die sortiert werden müssen, was nicht ganz einfach ist.
Daher ist meine Buchbesprechung ein Versuch, von dem ich mit Bestimmtheit sagen kann, dass er dem Roman "Das kalte Blut" in keinster Weise gerecht wird.
Quelle: Diogenes

Worum geht es in diesem Roman?
  • es geht um 2 Brüder: Koja und Hubert, deren Liebe zueinander zu Hass wird
  • es geht um Liebesgeschichten
  • es geht um Spionage
  • es geht um deutsche Geschichte: 2. Weltkrieg, Kalter Krieg, Geschichte der BRD, des BND, ....
  • es geht um Schuld und Sühne
  • es geht um einen alten Mann und einen Hippie
Zwei Brüder - aus Liebe wird Hass
Die beiden deutschstämmigen Brüder Konstantin (genannt Koja) und Hubert Solm erleben ihre Kindheit und Jugend in Riga zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihr unbeschwertes Leben vorbei ist. Denn mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, ändert sich für sie alles. Sie sind mehr deutsch als baltisch. Insofern ist es für sie fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich einer deutschen geheimen Bewegung anschließen, um den Weg zur angestrebten Vormachtstellung der Nationalsozialisten in Estland zu ebnen. Dies ist der Beginn ihrer Agentenlaufbahn, bei der sie sich erste Lorbeeren verdienen. Schon bald werden sie Mitglieder der SS. Hubert ist dabei die treibende Kraft. Er macht Karriere in der SS und zieht seinen jüngeren Bruder mit. Nach Kriegsende gehören die Brüder zu denjenigen, die trotz ihrer Verbrechen, zunächst unbeschadet davonkommen. Denn die Alliierten gehen sehr großzügig mit den ehemaligen Mitgliedern der SS um. Schnell haben sie erkannt, dass diese über ein Wissen verfügen, dass sich die Geheimdienste der Siegermächte gern zunutze machen. Koja ist derjenige, dem es gelingt, in dem neuen System Karriere zu machen. Er beginnt als Agent, wird zum Doppel-Agenten, ja sogar zum Dreifach-, wenn nicht Vierfach-Agenten. Mit viel Raffinesse findet er sich in den russischen, amerikanischen, deutschen und sogar israelischen Geheimdiensten zurecht. 
"Denn der BND war stolz auf mich. Die CIA profitiert von meinen Erkenntnissen. Der KGB ließ mich in Ruhe. Und der Mossad gewann mich lieb." (S. 903)
Während Kojas stetigem Aufstieg, beginnt Huberts stetiger Abstieg. Er kann keinen Fuß in der neuen Organisation des mittlerweile gegründeten BND fassen und fällt sogar in Ungnade bei den Oberen. Die Bruderliebe und die Verantwortung, die Koja und Hubert früher füreinander empfanden, existiert schon lange nicht mehr. Ausschlaggebend für das zerrüttete Verhältnis, das die beiden jetzt haben, ist ein Vertrauensbruch von Koja, der während des Krieges ein Verhältnis mit Huberts Frau beginnt. Sein späterer Erfolg im Geheimagentenmetier und Huberts Misserfolg und Neid, tragen ihr Übriges dazu bei, dass die Brüder mit den Jahren einen tödlichen Hass füreinander empfinden und sich bis aufs Blut bekämpfen. Kain und Abel sind Waisenknaben dagegen.
"Mein Schild war er und meine Vernichtung und der Grund, warum ich war, was ich war, und warum ich wurde, was ich wurde." (S. 471)
Liebesgeschichten
Die Familie Solm nimmt während ihrer Zeit in Estland das jüdische Mädchen Ev bei sich auf. Die beiden Brüder und Ev wachsen wie Geschwister auf. Aus geschwisterlicher Zuneigung wird tiefe Liebe mit allen Konsequenzen. Ev entscheidet sich für Hubert, den sie heiratet. Doch sie kann ihre Gefühle für Koja nicht zurückhalten. So entsteht ein Dreiecksverhältnis, das sich lange vor Hubert geheim halten lässt. Koja ist hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen für Ev und seinen Skrupeln und schlechtem Gewissen gegenüber seinem Bruder. Eine Zeit lang gelingt es ihm, seine Gefühle für Ev auszublenden. Es bleibt jedoch nicht bei der einen Liebe zu Ev. Koja verliebt sich in die Russin Maja, zu der er lange Jahre eine Beziehung auf Distanz halten muss (erzwungen durch den KGB). Später kommen Ev und Koja wieder zusammen. Allerdings bilden sie eher eine Zweckgemeinschaft inklusive körperlicher Nähe. Sie gehen als Mann und Frau nach Israel. Sie als Jüdin, die sie schon immer war, er als Geheimagent, getarnt als ihr jüdischer Ehemann.

Spionage
Koja lebt in einem Spionagesumpf. Seine Anfänge hatte er in Hitlers SS. Zu diesem Zeitpunkt hat er noch großes Glück und einen großen Bruder, der ihn protegiert. Mit der Ankunft der Alliierten stehen die Talente der SS-Mitglieder auf einmal hoch im Kurs. Deutschland wird als Tummelplatz der Großmächte genutzt, die sich gegenseitig ausspionieren - mit Hilfe der ehemaligen SSler. Koja ist es egal, für wen er spioniert. Er lässt sich von den unterschiedlichen Geheimdiensten rekrutieren, die teilweise von seiner Doppelagententätigkeit wissen. So funktioniert nun mal das Spionagegeschäft.
"Eines müssen Sie aber wissen: Ein Geheimdienst arbeitet umso besser, je weniger er von demokratischer Kompetenz versteht. Und Legalität und Grundgesetztreue helfen nicht viel, wenn man sowjetische Spione umbringen muss (Rauschmittel hingegen schon)." (S. 630)
Deutsche Geschichte
Über einen Zeitraum von ca. 70 Jahren begegnen dem Leser Ereignisse wie der 2. Weltkrieg, der Holocaust, der Kalte Krieg, der Aufbau der Bundesrepublik Deutschland sowie des BND, bis hin zu Strauß' Waffengeschäften mit Israel sowie einen Ausschnitt aus der Geschichte der deutschen Justiz. Der Autor Chris Kraus bringt dabei fiktive und reale Persönlichkeiten zusammen und lässt sie an der Handlung teilhaben. So spielen Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Franz-Josef Strauß oder Otto John (1. Chef des deutschen Verfassungsschutzes) und viele mehr wichtige Rollen in diesem Roman. Chris Kraus zeichnet dabei ein Bild dieser Persönlichkeiten, das nicht unbedingt schmeichelhaft ist. Wer stellt sich gern Franz-Josef Strauß in langen Unterhosen vor? Doch genauso trifft man den damaligen Bundesminister für besondere Aufgaben an, der Jahre später Ambitionen zum Amt des Bundeskanzlers hatte. Die Personen werden mit all ihren menschlichen Schwächen dargestellt, was teilweise überzogen erscheint, aber immer interessant ist.

Schuld und Sühne
In diesem Buch geht es um viel Schuld und weniger Sühne. Schuld ist etwas, was die Brüder ihr Leben lang begleiten wird, ihre Tätigkeit bei der SS hat den Grundstein dafür gelegt. Sie haben auch gesühnt, insbesondere Koja musste schwere Schicksalsschläge erleiden, an denen sein Bruder nicht ganz unbeteiligt war. Aber Schuld und Sühne dürfen und werden in diesem Roman nicht gegeneinander aufgewogen.
Die beiden Brüder stehen stellvertretend für einen großen Teil der Deutschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus Schuld auf sich genommen haben. Durch diesen Roman ist mir erst einmal bewusst geworden, wie einfach es in der Nachkriegszeit war, die eigene Schuld zu verschweigen und der Verantwortung zu entgehen. Einem großen Teil der ehemaligen SS-Angehörigen und Nazi-Verbrecher fand sich in der Nachkriegszeit in hoher Stellung in Politik und Wirtschaft wieder. Hier konnten sie mit aller zur Verfügung stehenden Scheinheiligkeit und Doppelmoral dafür sorgen, dass sie auch juristisch gesehen für ihre Taten nicht weiter behelligt werden.

Ev wird in diesem Roman zur Nazi-Jägerin. Dabei spürt sie weltweit Nazi-Verbrecher auf und lässt dabei Personen auffliegen, die es bis in die deutschen Regierungskreise gebracht haben. Die Ironie an der Sache ist, dass sie bei ihrer Arbeit Unterstützung von Koja erhält, der aufgrund seiner SS-Historie selber Dreck am Stecken hat, dies jedoch erfolgreich vertuschen kann.
"Wem daher vor Gericht nicht mit letzter Gewissheit nachgewiesen werden konnte, dass er mit voller Absicht und leidenschaftlicher Begeisterung Kehlen durchgeschnitten oder jüdische Kinder ertränkt hatte, entkam der Nachstellung - selbst dann, wenn er in irgendeinem schlechtgeführten Konzentrationslager in die Verlegenheit gekommen sein sollte, dies und jenes durchschnitten oder ertränkt zu haben, sofern er es eben aus reiner Hilfsbereitschaft den Hihiheys (Hitler, Himmler, Heydrich) gegenüber getan hatte und nicht aus Jux und Dollerei." (S. 1023)
Ein alter Mann und ein Hippie
Die Handlung dieses Romanes findet auf 2 Ebenen statt. Er beginnt in der Gegenwart, in einem Krankenhaus. Der alte Koja sowie ein Hippie sind Bettnachbarn. Beide sind schwer krank. Koja erzählt dem Hippie seine ungeschönte Lebensgeschichte. Es geht ihm vor allem um Absolution und Erleichterung seines Gewissens. Da der Hippie Anhänger der buddhistischen Lehre ist, bedeutet dieses Gespräch einen Angriff auf seine friedliebende Lebenseinstellung und stürzt ihn in tiefe seelische Konflikte. Mit der Zeit sind die Erzählungen Kojas für den Hippie kaum noch zu ertragen. Doch er muss zuhören.  Ihm bleibt nichts anderes übrig, zumal auch seine kontinuierlich schlechter werdende körperliche Verfassung keine Flucht vor seinem Bettnachbarn zulässt. Er ist ihm ausgeliefert, was Koja ausnutzt und seinen Seelenmüll bei ihm ablädt.

Man sieht also, dass Chris Kraus in diesem vielschichtigen Roman eine Menge zu erzählen hat. Eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung hat den Satz formuliert: "Chris Kraus ist ein besessener Erzähler". Treffender kann man den Autor nicht beschreiben. Denn diese Besessenheit kommt fast schon naturgewaltig in jeder Zeile durch. Als Leser gerät man in einen Leserausch, von dem man sich nicht lösen kann. Der fantasievolle und ausdrucksstarke Sprachstil ist ein Hochgenuss, die erzeugte Spannung kann durchaus mit einem Thriller mithalten. 1200 Seiten und keine einzige Seite zu viel! Leseempfehlung!

© Renie

"Das kalte Blut" von Chris Kraus, erschienen im Diogenes Verlag (März 2017)
ISBN: 978-3-257-06973-0 


Über den Autor:
Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Romancier. Seine Filme (darunter ›Scherbentanz‹, ›Poll‹) wurden vielfach ausgezeichnet, ›Vier Minuten‹ mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung gewann 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Sein neuer Film, die Tragikomödie ›Die Blumen von gestern‹, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, startete im Januar 2017 in den Kinos. ›Das kalte Blut‹ ist Chris Kraus’ zweiter Roman. Der Autor lebt in Berlin. (Quelle: Diogenes)