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Donnerstag, 12. September 2019

Uwe Schönhar: Kein Kniefall vor dem Teufel

Quelle: Pixabay/congerdesign
In "Kein Kniefall vor dem Teufel" erzählt der Autor Uwe Schönhar deutsche Geschichte am Beispiel seines Vaters Siegfried. Er plaudert quasi aus dem Familiennähkästchen. Eine schöne Idee. Und diese Biografie hätte so gut sein können .... tja, wenn da dieser eigentümliche Sprachstil nicht wäre. Doch dazu später mehr.

Das Buch beschreibt die Zeit der 2 Weltkriege bis hin zur Nachkriegszeit und den 50er Jahren. Anhand seiner Familie, allen voran Vater Siegfried, geb. 1926, beschreibt Uwe Schönhar das Leben in Deutschland während dieser Zeit unter den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Aspekten: Kindheit, Familie, Bildung, Politik. Schönhar würzt seine lehrreichen Abhandlungen durch viele Anekdoten über seinen Vater sowie seine Familie. Das ist gelebte Geschichte, die einfach nur Spaß macht.
Die Entwicklung des Nationalsozialismus und das Leben unter Hitler und während des 2. Weltkrieges nehmen sehr viel Raum in diesem Buch ein. Nationalsozialismus und Hitler mit Spaß in Verbindung zu bringen ist wagemutig und fragwürdig. Doch Schönhar gelingt an dieser Stelle der Balanceakt zwischen Witz, Ironie und Ernsthaftigkeit.
Gleichzeitig zieht der Autor immer wieder Verbindungen zu unserer heutigen Zeit und lässt seine persönliche Meinung über Gesellschaft und Politik einfließen. Dadurch erhält sein Buch einen essayistischen Charakter.
"Gesetze sind aber auch dafür da Polizisten zu schützen und nicht nur die Bürger. Freilich können festgeschriebene Rechtsbestimmungen durchaus mal in Frage gestellt werden - die hessische Landesverfassung sah beispielsweise bis vor Kurzem offiziell noch die Todesstrafe vor, deren Verhängung jedoch seit Inkrafttreten des Grundgesetzes (1949) vom Bundesrecht massiv ausgetrickst wurde. So konnten auch hessische Schwerverbrecher immerhin auf ein erbauliches Lebenslang im Bau bauen, statt zu baumeln."
Wikipedia definiert ein Essay als "eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema."

Keine Frage, Schönhars Abhandlung ist geistreich. Doch leider hat er es mit dem Geistreichtum übertrieben. Schuld daran ist sein eigentümlicher Sprachstil. Uwe Schönhar betreibt Wortakrobatik, was ganz amüsant sein kann. Denn er ist dabei bissig, wortgewandt und lustig. Doch leider übertreibt der Autor. Teilweise gewinnt man den Eindruck, dass Uwe Schönhar sich mehr auf seine witzigen Satzkreationen konzentriert als auf das, was er sagen möchte. Er ist stets bemüht, seinem Witz noch einen draufzusetzen. Hier wäre es besser gewesen, wenn der Autor sich zurückgenomen hätte. 
Anfangs habe ich diesen Erzählstil noch als unterhaltsam und besonders empfunden. Später war ich gelangweilt und wurde der Sprache überdrüssig. Daher habe ich dieses Buch nur in kleinen Dosen gelesen. Wäre die Geschichte, die Schönhar erzählt nicht so interessant, warmherzig und persönlich, hätte ich das Buch sicherlich abgebrochen.

Mein Fazit:
Sprachlich wäre weniger mehr gewesen. Inhaltlich kann man nicht genug von der Geschichte bekommen. Kann ich dieses Buch also empfehlen? Jein ;-)

© Renie

Montag, 7. Mai 2018

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

Quelle: Pixabay/MustangJoe
Ich habe noch nie eine Kreuzfahrt mitgemacht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das unbedingt möchte. Denn eine Kreuzfahrt mit einem Luxusdampfer erscheint mir Fluch und Segen zugleich. Segen - da man mit jedem denkbaren und undenkbaren Luxus überhäuft wird. Fluch - weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, mit über 1000 Menschen auf einem Schiff gepfercht zu sein und die einzige Rückzugsmöglichkeit für mich in einer ca. 15 qm kleinen Innenkabine (ohne Fenster) besteht. Wenn mir allerdings jemand eine derartige Reise schenken würde, würde ich nicht lange überlegen. Denn einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul - insbesondere wenn der Gaul ein wertvolles Rassepferd ist.
Genau dies ist David Foster Wallace, dem Autor des Essays "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich", passiert. Er erhielt den Auftrag einer amerikanischen Zeitung, seine Eindrücke über eine Luxuskreuzfahrt zu Papier zu bringen. Selbstverständlich wurde ihm der All-Inclusive-Trip finanziert. Erwartet wurde von ihm nichts, außer schonungsloser Offenheit gepaart mit dem berüchtigten David Foster Wallace Humor. Also hat er sich "geopfert" und eine Seereise von Florida in die Karibik und wieder zurück gemacht. Zusammen mit über 1500 Landsleuten, größtenteils Kreuzfahrtveteranen, die meine schlimmsten Befürchtungen, was das Publikum auf einem Luxusliner betrifft, bestätigt haben.
Herausgekommen ist ein Essay über eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff, dem Bordleben sowie der Reisegefährten, vor denen sich David Foster Wallace nicht verstecken konnte.
Der Autor glänzt dabei durch bitterbösen und schwarzen Humor. Schonungslos zieht er seine Mitreisenden und das Luxusschiffsleben durch den Kakao, macht dabei auch nicht Halt vor seiner eigenen Person. Er ist nicht der neutrale Beobachter, sondern er ist Opfer. Er wird mit dem Luxus, der ihm auf dem Dampfer begegnet förmlich erschlagen. Als Neuling an Bord lässt er kein Fettnäpfchen aus. Es gibt nunmal eine Etikette auf einem Luxusliner, die ihm natürlich völlig fremd ist und gegen die er häufig - mehr oder weniger absichtlich - verstößt. Was David Foster Wallace während seiner Reise erlebt hat, hätte manch anderen in die Flucht geschlagen. Doch wohin fliehen? Denn die Fluchtmöglichkeiten auf einem Schiff sind nun mal begrenzt.

Eine Kreuzfahrt ist "schrecklich amüsant", wobei die Betonung auf "schrecklich" liegt.  Hier gibt es von vielen Dingen zu viel: zuviel Luxus, zuviel Essen, zuviel Vergnügen, zuviel Menschen, zuviel Bespaßung. Jeder, der sich an Bord eines Luxusliners begibt, gibt jede Verantwortung für das eigene Vergnügen ab. Hier gibt es Profis, die dafür bezahlt werden, dass sie die Passagiere bespaßen. Auf das Wie der Bespaßung hat man keinen Einfluss. Man wird permanent mit "Vergnügen" konfrontiert. Man entkommt ihm einfach nicht. Und am Ende der Reise wird man sagen, dass es Spaß gemacht hat, dass man verwöhnt wurde, dass man erholt ist. Was auch sonst? Bei dem Preis, den man für die Reise bezahlt hat. 
"Egal, ob unten im Gewusel des Hafens oder ganz oben an der Reling von Deck 12, ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass ich ein amerikanischer Tourist bin und dadurch per se ein stiernackiger, lauter, vulgärer, großkotziger Fettsack, eitel, verwöhnt, gierig und zugleich gepeinigt von Scham und Verzweiflung. In diesem Sinne ist der amerikanische Tourist wirklich einzig auf der Welt: ein bovines Herdentier und ein Fleischfresser." 
Der zweite Teil des Titels des Essays "aber in Zukunft ohne mich" sagt natürlich aus, zu welcher Erkenntnis der Autor gekommen ist. Es gab Dinge in David Foster Wallaces Leben (er starb in 2008), die brauchte er nicht, wozu definitiv eine Kreuzfahrt zählte. Aber hinterher ist man immer schlauer. Und er hat es schließlich versucht.
Das Essay ist erstmalig im Jahre 1997 veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Edition Büchergilde aus dem Jahre 2018 werden die Erlebnisse des Autors von den ganzseitigen Illustrationen von Chrigel Farner begleitet, die für sich schon ein Erlebnis sind. Der Illustrator hat sich dabei akribisch an den Text gehalten und diesen mit plakativen Zeichnungen versehen. In Chrigel Farners Illustrationen finde ich mein Wunschdenken zu einer Kreuzfahrt wieder: das Meer in sämtlichen Blauschattierungen, die man sich vorstellen kann, idyllische Inselparadiese, Stille und Einsamkeit. Denn die Zeichnungen sind größtenteils menschenleer, vereinzelt findet sich darin eine Handvoll Passagiere oder Crewmitglieder. Die Menschenmassen auf dem Luxusdampfer hinterlassen kaum Spuren. Die Illustrationen bilden dadurch einen wohltuenden Kontrast zu dem turbulenten Geschehen, das David Foster Wallace in seinem Essay wiedergibt. 

Fazit:
David Foster Wallace geht in seinem Essay mit gewohnt bissigem Humor auf Freud und Leid einer Luxuskreuzfahrt ein. Überzeugungskreuzfahrer werden ihn dafür verteufeln, Zweifler, Neider und Kreuzfahrtgegner werden ihn bejubeln. Die wunderschönen Illustrationen von Chrigel Farner stellen eine Kreuzfahrt dar, wie sie sein sollte und sind für sich ein Genuss. Wie schade, dass die Realität anders aussieht.


© Renie





Über David Foster Wallace im Autorenschaufenster bei Whatchareadin .....

Über Chrigel Farner (Ill.):
Chrigel Farner wurde 1972 in Schaffhausen, Schweiz, eingebürgert. Während seiner Zeit in Dublin bricht er, inspiriert durch die Reportagen des Magazins Egg and Hole, sein Studium ab und widmet sich ganz der Zeichnung und Malerei. Er tingelt nach Berlin, um Schlagzeug zu spielen. Mit seinen Illustrationen ist zuletzt D. W. Lovelaces King Kong erschienen. (Quelle: Büchergilde)