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Sonntag, 22. Dezember 2019

Helga Flatland: Eine moderne Familie

Quelle: Pixabay/eommina
Norwegen war in diesem Jahr das Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Wie zu erwarten ist der Buchmarkt daher mit vielen Veröffentlichungen norwegischer Autoren geflutet worden. Viele haben gejubelt. Ich nicht. Denn ich werde mit der norwegischen Literatur einfach nicht warm. Und ich versuche es seit Jahren. So auch in diesem mal wieder. Nach mehreren Enttäuschungen bzw. mittelmäßigen Leseerlebnissen, bin ich nun endlich auf den einen Roman gestoßen, der mich mit allem versöhnt, was ich bisher aus Norwegen gelesen habe. Mein persönlicher Gral unter den modernen norwegischen Romanen ist für mich "Eine moderne Familie" von Helga Flatland.

Dieser Roman ist weder reißerisch noch spektakulär, weder spannend, noch beschäftigt er sich mit abstrusen Problemen der Protagonisten, die fernab jeglicher Realität sind (die Probleme, nicht die Protagonisten).
Nein, er ist wohltuend unspektakulär. Ein Roman, der aus dem Leben gegriffen ist. Denn hier geht es um - wie der Buchtitel schon sagt - eine modernen Familie.

Wobei ... einen spektakulären Aspekt gibt es: gleich am Anfang eröffnen die, seit über 40 Jahren verheirateten Eltern ihren erwachsenen Kindern bei einem gemeinsamen Urlaub anlässlich des 70. Geburtstags des Vaters, dass sie sich trennen werden.
"'Es ist eine wohlüberlegte Entscheidung. Wir haben beide ein Gefühl von Leere, daß wir aus einander und aus dieser Ehe alles herausgeholt haben, was möglich war. ... Wir sehen im anderen keine Zukunft mehr.'"

Quelle: Weidle
Der Roman beginnt also mit einem Paukenschlag. Nun sollte man meinen, dass mit dem, was folgt, genüsslich auf die Ehe der beiden Eltern eingegangen wird bzw. auf die Entwicklung der Beziehung des Ehepaares. Schließlich will man doch wissen, was die Beiden dazu getrieben hat, ihre 40-jährige Ehe ad acta zu legen. Jeder andere Familienroman hätte sich mit der Beantwortung dieser Frage befasst. Amerikanische Autoren sind z. B. ganz groß in der Abhandlung dieser Thematik. Aber die Norwegerin Helga Flatland konzentriert sich in dem, was nach dem Paukenschlag kommt, auf die anderen Familienmitglieder: Zwei Töchter, Liv und Ellen sowie Håkon, der Sohn. Hier geht es also um die "Scheidungskinder" - auch wenn diese schon erwachsen sind und eigene Familie bzw. Partner haben.
Diese drei Charaktere gehen unterschiedlich mit der Ankündigung ihrer Eltern um.
Liv, die Älteste, selbst Mutter von 2 Kindern, glücklich verheiratet, kommt am wenigsten damit zurecht. Sie empfindet die Trennung ihrer Eltern als persönlichen Angriff auf ihr eigenes Lebensmodell, welches sie dem ihrer Eltern nachempfunden hat: Die Familie steht im Mittelpunkt des Lebens und gibt gleichzeitig den Rahmen vor, innerhalb dessen man sein Leben gestaltet.
"'Wir hören nicht auf, ohne es zu Ende zu bringen, wie viele Male habt ihr nicht Varianten dieses Ausspruchs von sowohl Mama als auch Papa gehört? Aber selbst geben sie einfach auf, auf der Zielgeraden - schmeißen alles über Bord, wofür sie gestanden haben, was sie gepredigt und hervorgebracht haben. Doch, das ist falsch, und es ist ein Verrat an uns, die wir sie ernst genommen haben, die zugehört und tatsächlich versucht haben, nach den Werten, die sie uns ständig einbleuten, zu leben.'"
Ellen hingegen reagiert mit Unverständnis und Zorn. Doch eigentlich ist sie zornig auf sich selbst, da sie als Frau versagt (ihre Gedanken). Denn Ellen versucht mit ihrem Lebensgefährten Nachwuchs zu bekommen. Scheinbar strebt sie ebenfalls das Lebensmodell ihrer Eltern an. Sie scheint aus ihrer Erziehung mitgenommen zu haben, dass zum Leben Kinder dazugehören bzw. Kinder erst eine Beziehung komplett machen. Dass ihre Beziehung zu ihrem Partner kinderlos bleibt, empfindet sie als persönliches Versagen. Dieser Gedanke zerrüttet sie. Obwohl Ellen eine moderne und selbstbewusste Frau ist, nimmt sie es als selbstverständlich, dass frau sich hautsächlich über die Mutterrolle definiert.
Dann haben wir noch den "Kleinen", Håkon, der eine monogame Partnerschaft ablehnt und sich dem traditionellen Familienbild gegenüber verweigert. Er will sich nicht binden, denn eine Bindung versteht er als Fremdbestimmung, die seinen Freigeist einschränkt. Er ist quasi der Hippie-Typ, der freie Liebe und Selbstverwirklichung predigt.

Der Roman behandelt die Jahre nach der unglaublichen Veröffentlichung der Eltern und konzentriert sich dabei auf die Kinder, die sich langsam mit der Trennung ihrer Eltern arrangieren. 
Die Erzählperspektiven wechseln innerhalb der drei Kinder. Dadurch gewinnen wir einen Eindruck, wie unterschiedlich man "Familie" betrachten kann.
Die drei Charaktere versuchen, ihren eigenen Begriff von Familie zu leben: Liv, die als Muttertier nach Perfektion strebt; Ellen, die unbedingt Muttertier sein möchte; Håkon, der sich selbst als Familie genug ist. Ob alles so läuft, wie sie es sich vorstellen? Wohl kaum.

Was mich an dem Buch gefesselt hat, waren die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen man eine Familie betrachten kann. Hier wird das Thema "Familie" von allen Seiten beleuchtet. Soziologisch gesehen ist Familie nicht mehr als eine Lebensgemeinschaft, die auf verwandschaftlichen Verhältnissen beruht. Doch die Realität ist komplexer. Und die drei Trennungskinder dieser Familie zeigen, wie kompliziert "Familie" sein kann, und wie unterschiedlich "Familie" wahrgenommen wird.  

Helga Flatland spricht mir, einem Familienmenschen, damit aus der Seele und macht diesen Roman zu einem sehr persönlichen Roman. Ich bin begeistert!

© Renie


Donnerstag, 19. September 2019

Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium

Quelle: Pixabay/TitanicaArt
In dem Klappentext zu dem Roman mit dem fast unaussprechlichen Titel "Das Grabenereignismysterium" des Norwegers Thure Erik Lund findet sich folgender Hinweis:
"Das Grabenereignismysterium ist eine skurrile, böse Satire auf Norwegen und das Norwegischsein - 'ein Buch, das sich kein Norweger wünscht, wir aber alle verdienen.' (Dagens Næringsliv)"
Augenscheinlich handelt es sich hierbei also um ein Buch für und über Norweger. Rückblickend kann ich dies bestätigen. Norweger bzw. Seelenverwandte der Norweger werden sich diesem Buch verbunden fühlen.

Da wird ein Norweger, der sich selbst als Geistesmensch bezeichnet, vom norwegischen Kulturministerium damit beauftragt, ein Gutachten über die Kulturdenkmäler Norwegens zu erstellen: Welche gibt es? In welchem Zustand befinden sie sich? Wie können sie der Welt zugänglich gemacht werden? Welches Potenzial haben sie hinsichtlich touristischer Attraktivität. Also begibt sich der Norweger auf eine 5-monatige Reise, während der er ausreichend Gelegenheit findet, über Land und Leute zu philosophieren. Das Gutachten fällt nicht so aus, wie die Politik es sich erhofft haben. Für die Geisteshaltung, die der begutachtende Norweger an den Tag legt, wird er angefeindet und ist gezwungen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. 
Quelle: Droschl

Dies ist die Schmalspurzusammenfassung des Inhalts dieses Romans. Hätte der Autor an meiner Stelle eine Beschreibung wiedergegeben, wäre diese wahrscheinlich viel ausschweifender und kurioser ausgefallen. Denn er legt in diesem satirischen Roman einen unnachahmlichen Sprachstil an den Tag: eigentümliche Wortkreationen, die jedes Scrabblebrett sprengen würden; Schachtelsätze in rekordverdächtiger Länge. Man ahnt es.... Das Lesen dieses Buches ist eine Herausforderung. Im Nachhinein schwanke ich zwischen Faszination über die Kreativität des Autors bei der Wortschöpfung und leider aber auch Langeweile. Denn machen wir uns nichts vor, von Lesefluss kann bei der Lektüre keine Rede sein. Dafür zwingt einen der ausufernde Sprachstil des Autors in die Knie.
"... und so bekam das Gutachten eine dramatischere Ausprägung, ja, in Wirklichkeit war es eine lange Beschimpfung des Norwegischen, nicht des falschen urtümlichen Norwegischen, dessen Definition Touristen, Filmproduzenten, Featureschreiberlinge und erlebnisorientierte Verbrauchsmenschen zustande gebracht hatten, sodass sie es mochten, und die es deshalb für passend hielten, sondern dieses andere, das schwache, unsichere, doppelgesichtige, genierte, zurückgezogene Norwegische, das gegenüber allen anderen auch fremdenfeindlich, nicht gastfreundlich, unwirtschaftlich, isolationistisch, selbstbewusst war ..."
Was den satirischen Aspekt dieses Romans betrifft: Dieser Roman ist für Norweger gemacht. Ich habe keinen Bezug zu Norwegen, bin daher auf das angewiesen, was man sich über die Mentalität der Norweger anlesen kann. Ist der hier beschriebene Umgang der Norweger mit ihren Kulturgütern typisch norwegisch? Ich glaube nicht. Die hier geschilderten Ambitionen sind meines Erachtens typisch für jedes touristische Land: Man will zeigen, was man hat. In einer Art und Weise, die sich am Ende auszahlt. Auch der Typ Mensch, den der Protagonist verkörpert – er bezeichnet sich als Geistesmensch, ich bezeichne ihn als Eigenbrötler – ist eine Spezies, die Norwegen nicht allein für sich beanspruchen kann.

Vielleicht ist dieser Roman daher doch nicht so norwegisch, wie es anfangs scheint. Auf jeden Fall war es schwierig für mich, die Satire vollständig zu verstehen. Über einige  wenige Ansätze bin ich leider nicht hinausgekommen.

Kann ich diesen Roman empfehlen? Jein. Er ist amüsant, wortschöpferisch kreativ, aber auch stellenweise langweilig. Und natürlich mehr oder weniger norwegisch.Tatsächlich ist dieser Roman in seinem Heimatland hochgelobt. Eine renommierte norwegische Tageszeitung setzte ihn auf die Liste der 25 besten Bücher der letzten 25 Jahre. Die Norweger werden wissen, warum.

© Renie


Dienstag, 30. Juli 2019

Dag Solstadt: T. Singer

Quelle: Pixabay/Sorbyphoto
Mit "T. Singer" hat der norwegische Schriftsteller Dag Solstadt eine rätselhafte Geschichte über einen rätselhaften Mann geschrieben. 
Er schildert das Leben seines Protagonisten T. Singer, an dem eigentlich so gar nichts besonderes ist, aber dennoch unendlich viele Rätsel aufgibt.

Anfangs präsentiert sich Singer als ewiger Student, der mehr oder weniger planlos vor sich hin studiert und in den Tag hineinlebt. Irgendwann gelangt er an einen Punkt, an dem er seinem Leben eine neue Wendung geben möchte. Er wird Bibliothekar und nimmt eine Stelle in Nottoden an, tiefstes dunkelstes Norwegen, irgendwo in der Telemark. Nottoden ist ein kleiner Ort, der nicht viel zu bieten hat. Vor zig Jahren hat der Norwegische Großkonzern Norsk Hydro Nottoden als Firmensitz auserkoren. Es gab ambitionierte Unternehmenspläne für Notodden, die jedoch alle im Sande verlaufen sind. Übrig geblieben ist nur ein nichtssagender Ort, der seinen Einwohnern nicht viel zu bieten hat. Doch die sind zufrieden. In Nottoden lernt Singer Merete kennen. Scheinbar verlieben sich die beiden ineinander. Denn man wird den Verdacht nicht los, dass die beiden nur die eigene Vorstellung von dem jeweils anderen lieben. Sie heiraten. Merete bringt ihre kleine Tochter Isabella mit in die Ehe. Kennenlernen werden sich Merete und Singer nie.
Quelle: Dörlemann
"Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist."
Singer ist als Person nicht zu charakterisieren. Man erfährt, was er nicht möchte. Man erfährt jedoch noch nicht einmal im Umkehrschluss, was er möchte. Er scheint sich den Vorstellungen, die Merete von ihm hat, anzupassen. Aber warum er das macht, bleibt ein Rätsel. Die Ehe ist zum Scheitern verurteilt. Man wundert sich nicht. Und kurz bevor Singer und Merete sich scheiden lassen, stirbt sie bei einem Autounfall und lässt Singer als Witwer zurück. Ist mann ein Witwer, wenn die Scheidung schon beschlossene Sache war? Ist mann in der Verpflichtung ein Stiefvater zu sein, wenn die Stieftochter mit der Scheidung aus seinem Leben verschwunden wäre, und er auch vorher keinen Bezug zu dem Kind hatte? Singer weiss keine Antwort auf diese Fragen. Ich auch nicht. Er entschließt sich, Isabella bei sich zu behalten. Eine rätselhafte Entscheidung, denn ihn verbindet nichts mit dem Kind, außer den paar Jahren, die sie unter einem Dach gelebt haben. Er geht mit Isabella nach Oslo, wo er eine Stelle als Bibliothekar annimmt.
"Singer hielt ehrerbietig und ängstlich Abstand zu ihr. Was war das? Er fühlte sich überflüssig, doch gleichzeitig war er da, in derselben Wohnung wie das fünfzehnjährige Mädchen, das er versorgte."
In Isabella scheint Singer seine Meisterin gefunden zu haben. Sie steht ihm in Verschlossenheit in nichts nach, was ihn zu wurmen scheint. Denn er versucht sie aus ihrer Reserve zu locken. Nicht, dass er Gefühle für das Mädchen hegt. Warum er sich also um sie bemüht, bleibt ein weiteres Rätsel. Die beiden leben nebeneinander her. Singer scheint Isabella gleichgültig zu sein. Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau und sie verschwindet aus seinem Leben. Und was bleibt zurück? Singer. Nur wer Singer ist, bleibt bis zum Ende des Romans ein Rätsel.

Habe ich dieses Buch gemocht? Ich weiß es nicht. Es ist schon ein großes Kunststück, einen Protagonisten zu schaffen, der so gar nicht zu charakterisieren ist. Doch genau das hat der Autor Dag Solstadt hinbekommen. Singer lässt sich nicht beschreiben - weder äußerlich noch innerlich. Er lässt sich bestenfalls erahnen, wobei jeder Wesenszug, den man Singer andichtet, von Zweifeln begleitet wird. Es herrscht eine große Distanz zwischen Leser und Singer, wozu der häufige Wechsel zwischen der Erzählperspektive Singers und einer auktorialen Erzählperspektive in diesem Roman noch beiträgt. Diese Distanz zum Protagonisten sowie der vergebliche Versuch, ihn zu charakterisieren machen diesen Roman zu etwas Besonderem: einem experimentellen Leseerlebnis, das den Leser fordert, da er stetig bemüht sein wird, das Rätsel um das Wesen des Protagonisten zu lösen.

© Renie


Donnerstag, 1. September 2016

Ingvar Ambjørnsen: Aus dem Feuer


Die Schriftsteller, denen ich bisher begegnet sind, habe ich alle als sehr sympathische Zeitgenossen erlebt. Und dann traf ich in dem Roman „Aus dem Feuer“ von Ingvar Ambjørnsen auf einen Krimiautor namens Alexander Irgens. Diesen Alexander Irgens kann man durchaus als echtes Ekel seiner Zunft bezeichnen. Nur gut, dass es sich bei ihm um eine fiktive Person handelt - das hoffe ich zumindest ;-)

Quelle: Edition Nautilus

Worum geht es in diesem Roman?
Norwegens Krimikönig Alexander Irgens schlägt gemeinsam mit seiner Geliebten Vilde einen zudringlichen Fan krankenhausreif - nach einem opulenten Dinner mit elf Buchhändlerinnen. Daraufhin flieht er vor der skandalbegeisterten Presse, seiner Geliebten und seiner Ehefrau und taucht in Island und Deutschland ab. Zurück in Norwegen, scheint er unverhofft zu sich selbst und zu etwas wie Heimat zu finden. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein - und dieser Roman wird selbst zum Krimi. (Klappentext)

Die Reaktionen der Presse auf Alexanders Angriff auf seinen Fan sind Fluch und Segen zugleich. Alexander steht kurz vor der Veröffentlichung eines weiteren Krimis aus seiner Erfolgsserie rund um seinen Helden Stig Hammer. Und scheinbar gibt es seitens des Verlages keinerlei Skrupel, die negative Publicity für den Erfolg seines neuen Buches auszuschlachten. Alexander setzt sich zwar ins Ausland ab, doch Negativ-Werbung ist auch eine Werbung. Und so ist sein Buch in aller Munde. Ein weiterer Bestseller aus der Stig Hammer-Reihe scheint damit vorprogrammiert.
„‚…Solange er nicht den Geist aufgibt, bringt dir das nur jede Menge Aufmerksamkeit. Man könnte fast glauben, das sei so arrangiert worden.’“ (S. 153)
Apropos Skrupel. Skrupel scheint generell für Alexander Irgens ein Fremdwort zu sein. Sein bisheriger Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Alexander Irgens gestaltet sein Leben nach seinen eigenen Gesetzen. Ich habe selten einen derart selbstherrlichen, überheblichen und egoistischen Protagonisten in einem Roman erlebt, wie Alexander Irgens. Der Mittelpunkt seiner Welt ist Alexander Irgens. Er ist das Maß aller Dinge, und seiner Ansicht nach ist er zu gut für diese Welt. Schuldempfinden hat er sich abgewöhnt. So ist der Betrug an seiner Ehefrau eine Selbstverständlichkeit für einen Mann seines Kalibers. Und dass er einen seiner Fans krankenhausreif geprügelt hat, ist diesem selbst zuzuschreiben. Warum ist er dem großen Alexander Irgens auch auf die Nerven gegangen? Die Liste der Negativ-Eigenschaften von Alexander Irgens ließe sich endlos weiterführen. Aber eine Schwachstelle hat er doch. Er wäre gern ein „richtiger“ Schriftsteller und nicht nur jemand, der massentaugliche Krimis schreibt. In seinen Anfängen hat er sich mit Novellen versucht, die vielversprechend für seinen weiteren schriftstellerischen Werdegang waren. Nur leider hat er diesen Weg nicht weiterverfolgt. Es ist halt einfacher, Krimis nach Schema F zu produzieren, als ein literarisch anspruchsvolles Werk zu schreiben.

Donnerstag, 3. September 2015

Martin Bühler: Schattenlicht (Gesamtausgabe)

Martin Bühler entdeckt bei einer Entrümpelungsaktion die Tagebücher seines verstorbenen Vaters Matthias. Beim Lesen der Aufzeichnungen seines Vaters stellt er fest, dass dieser mit der Beschreibung seines Lebens ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte zu Papier gebracht hat, die man anderen nicht vorenthalten darf. Basierend auf diesen Tagebuchaufzeichnungen ist dieser biografische Roman entstanden.



Die Geschichte beginnt in den 20er Jahren und beschreibt den Lebensweg von Matthias bis in die 70er Jahre: seine Kindheit, sein Erwachsenwerden, Nationalsozialismus und Krieg sowie die Nachkriegszeit mit dem Wiederaufbau und dem deutschen Wirtschaftswunder.



Als ich die ersten Seiten dieses Buches gelesen habe, fühlte ich mich tatsächlich in meine Kindheit zurück versetzt. Meine Großeltern entstammten derselben Generation wie Matthias. Und die Erzählungen über sein Leben erinnern mich wohltuend an die Geschichten, die mir meine Großmutter immer erzählt hat. Als Kind hing ich immer völlig fasziniert an ihren Lippen, wenn sie aus ihrer Vergangenheit erzählt hat. Ich habe die Erzählungen meiner Großmutter immer als sehr spannend und stimmungsvoll empfunden. Und genauso ging es mir mit dem Erzählstil von Martin Bühler. Er versteht es, den Leser mit seiner Geschichte zu fesseln, indem er sehr intensive Stimmungen vermittelt: Matthias‘ harte Kindheit, die Verzweiflung und Angst während des Krieges, aber auch das Nachvorneblicken und die Hoffnung in der Nachkriegszeit.

„Da spürte ich zum ersten Mal, dass Worte größere Wunden schlagen können als die schärfsten Schwerter. Die Tragik dabei war jedoch, dass Menschen, die bislang nichts als Arbeit und Pflichterfüllung gekannt hatten, plötzlich provozierend in die Unmoral der Politik manövriert wurden, von der sie eigentlich gar nichts wissen wollten.“
Im Verlauf der Geschichte lernt man viele Zeitgenossen aus Matthias’ Leben kennen. Das können Dorfbewohner sein, Verwandte, Kriegskameraden, Nazis etc.. Die Beschreibung dieser Charaktere aus der Sicht von Matthias ist schon sehr besonders, da sie sehr akribisch ist. Da wird auf das kleinste Detail geachtet, kein Charakterzug ausgelassen. Dadurch gewinnt der Leser ein sehr lebhaftes Bild der jeweiligen Person. 

Genauso akribisch wie die Charaktere beschreibt Martin Bühler auch andere Themen, die seinen Vater beschäftigten, wie z. B. Pflanzenkunde, Chemie etc. Was bei den Personenbeschreibungen unterhaltsam ist, wirkt in anderen Themenbereichen jedoch manchmal sehr ausufernd. Hier wäre weniger mit Sicherheit mehr gewesen.

Sehr gut hat mir die Entwicklung des Charakters von Matthias gefallen. Ich gebe zu, anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten, da Matthias nicht viel von sich Preis gab. Aber wie bei einem guten Bekannten, der sich mit der Zeit zum guten Freund entwickelt, ist es mir auch mit Matthias ergangen. Man lernt ihn im Verlauf der Geschichte besser kennen. Anfangs ein Junge, der sich trotz harter und arbeitsreicher Kindheit noch ein gewisses Maß an Unbeschwertheit zu bewahren weiß; der ein Romantiker sein kann und einen Sinn für die schönen Dinge des Lebens entwickeln kann. Später zeigen sich sein Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit. Zum Ende des Buches präsentiert sich Matthias als geradliniger Typ, der es immer geschafft hat, sich von der breiten Masse zu distanzieren und seinen Weg auf seine eigene Art zu gehen.
„Ich war kein Charmeur, kein Salonlöwe oder Schmeichler, sondern im Gegenteil herb und geradeheraus, ohne Rücksicht auf Nachteile, die mir aus meinem Benehmen entstehen konnten. Aber ich war fähig zuzuhören, mich in das Schicksal anderer hineinzuleben und Anteil zu nehmen an der Tragik leidgeprüfter Menschen. Das war wohl der Schlüssel, warum andere sich mir anvertrauten, warum sie mir ihr Herz ausschütteten und ich oft mehr Geheimnisse erfuhr, als ich in jungen Jahren verdauen konnte.“
Ich könnte mich jetzt noch über die politischen Stimmungen der damaligen Zeit in Deutschland auslassen, die einen großen Teil dieser Trilogie ausmachen. Da die Zeit des Nationalsozialismus jedoch ein Thema ist, über das ich mich endlos auslassen könnte, halte ich mich lieber zurück. Nur soviel, Martin Bühler regt zum Nachdenken an. Die Geschichten, die er durch seinen Vater aus dieser Zeit erzählt, machen betroffen, wütend – aber auch Angst. Insbesondere, wenn man doch gewisse Parallelen zur heutigen Zeit sieht. Ich habe Schattenlicht im Rahmen einer Leserunde bei „Whatchareadin“ gelesen. Ein Mitleser hat es ganz treffend formuliert, ich gebe es sinngemäß wieder: Als wir in der Schule den Nationalsozialismus durchgenommen haben, haben wir geschworen, dass in Deutschland so etwas nie wieder passiert. Wir dachten, wir Deutschen hätten aus unserer Geschichte gelernt. Was sind wir naiv!

Ich freue mich, dass ich Martin Bühler und die Geschichte seines Vaters bei „Whatchareadin“ entdeckt habe. Wenn er sein Buch dort nicht präsentiert hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht auf ihn aufmerksam geworden und um einen besonderen Lesegenuss gebracht worden. Daher kann ich nur hoffen, dass viele sich von meiner Buchbewertung inspirieren lassen und sich ebenfalls auf dieses Stück deutscher Zeitgeschichte einlassen werden.

© Renie

Schattenlicht Gesamtausgabe
Autor: Martin Bühler
CreateSpace Independent Publishing Platform
ISBN: 978-1516849185