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Dienstag, 10. März 2020

Martha Hall Kelly: Und am Ende werden wir frei sein

Quelle: Pixabay/CarlottaSilvestrini
Drei Frauen, drei Schicksale, ein Krieg und die Zeit danach. Darum geht es in dem Roman „Und am Ende werden wir frei sein“ der Amerikanerin Martha Hall Kelly.
Ihr Roman beruht auf wahren Begebenheiten. Reale Personen lieferten die Vorlage für Charaktere in diesem Buch.

Die Handlung setzt im Jahr 1939 ein. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges steht kurz bevor. In New York lebt Caroline Ferriday, Schauspielerin ohne Engagement, Tochter aus gutem Hause und Mitglied der gehobenen Gesellschaft. Sie arbeitet ehrenamtlich im französischen Konsulat und hilft französischen Familien bei der Einreise in die USA. Immer mehr Franzosen verlassen ihre Heimat. Denn Europa steht kurz vor Ausbruch des Krieges. Die Spendenlust der High Society von New York ist groß. Charity gehört zum guten Ton.
Quelle: Limes Verlag
"Sie betrachtete die Möglichkeit, sich wohltätig zu engagieren, wie andere eine Kuchenplatte."
Zur gleichen Zeit im polnischen Llubin erleben die 16-jährige Kasia und ihre Familie den Einmarsch der Deutschen. Ihr Alltag ist plötzlich von Angst und Drangsalierung durch die deutschen Besatzer geprägt. Immer mehr Menschen werden deportiert. Auch Kasia sowie ihre Mutter und Schwester werden eines Tages in einen Zug nach Ravensbrück verfrachtet. Die Frauen haben keinen Schimmer, was sie hier erwarten wird.

In Deutschland lebt indessen Herta Oberheuser. Sie wächst in Düsseldorf auf und lässt sich zur Ärztin ausbilden. Der Nationalsozialismus hat bei ihr ganze Arbeit geleistet. Herta hat sich das nationalsozialistische Gedankengut bedingungslos zu eigen gemacht. Doch eine Sache geht ihr gegen den Strich. Als Frau darf sie den Beruf des Arztes nicht in der kompletten Bandbreite ausüben wie ein Mann. Ihre Karrieremöglichkeiten sind dadurch beschränkt. Da bietet sich die Gelegenheit, in der Forschung im Lager Ravensbrück zu arbeiten. Dass sie mit ihren Forschungen Verbrechen an der Menschlichkeit begeht, ignoriert sie völlig. Ganz im Gegenteil: Herta "forscht" aus rassenideologischer Überzeugung. 
"Die Operationen fanden zum Wohle Deutschlands statt."
Die Handlungen dieses Buches gehen über das Ende des 2. Weltkrieges hinaus. Diesen Fortgang braucht der Leser auch. Denn zum Einen ist die Frage noch nicht beantwortet, wann und wie die separaten Handlungsstränge der drei Frauen zusammenkommen werden: Abgesehen vom Aufeinandertreffen von Herta und Kasia in Ravensbrück gibt es keinen gemeinsamen Nenner, erst recht nicht mit der Geschichte von Caroline in New York.
Zum Anderen will man Antworten auf die Frage nach den Motiven einer Herta. Man kann die Beweggründe für ihre Handlungen in Ravensbrück einfach nicht nachvollziehen, will aber dennoch Hertas Unmenschlichkeit verstehen können.
Nach Kriegsende wird Herta wird in den sogenannten Ärzte-Prozessen 1947 in Nürnberg zur Rechenschaft gezogen und verurteilt. (wikipedia: Ravensbrück-Prozesse

Quelle: Wikimedia Commons
"Der See war zornig. Schaumgekrönte Wellen jagten über die Oberfläche. Wurde er vom Wind aufgewühlt oder vom Zorn der Menschen, deren Asche wir ins Wasser gekppt hatten, damit sie am Grund des Sees versickerte? Welchen Vorwurf würde man mir machen? Ich hatte die Stelle einer Lagerärztin aus purer Notwendigkeit angenommen. Es war zu spät für die Verlorenen, die mit ihren knochigen Fingern auf mich zeigten und Zeugnis gegen mich ablegen wollten."
Martha Hall Kelly geht in der Geschichte um die drei Frauen jedoch noch weiter. Ihr Roman endet in den 50er Jahren. Am Ende fügen sich schließlich die Handlungsstränge zusammen.
Denn Caroline engagiert sich mittlerweile in einer französischen Organisation, die sich nach dem Krieg mit der Betreuung Überlebender der Konzentrationslager befasste (ADIR). Durch eine Hilfsaktion, die sie ins Leben ruft, erwirkt sie, dass die Opfer der menschlichen Experimente in Ravensbrück, darunter auch Kasia und ihre Schwester, in die USA reisen dürfen. Sie werden dort medizinisch betreut, um die Schäden an Körper und Seele zu mildern.

Die Autorin hat sich über lange Zeit mit der Recherche zu diesem Roman befasst. Sie ist zu den Schauplätzen gereist, hat mit Zeitzeugen gesprochen und einiges an Material gesichtet, das sich mit Ravensbrück und seinen Insassen befasst. Viele der Protagonisten in ihrem Roman sind realen Personen nachempfunden. Allen voran Caroline, die als Caroline Ferriday ihr Leben tatsächlich so gestaltet hat, wie die Autorin es beschreibt. Anfangs scheint das Leben der Figur Caroline oberflächlich zu verlaufen. Als Dame der gehobenen Gesellschaft lebt sie ein Leben inmitten von Parties, Galas, Kaffeekränzchen und Restaurauntbesuchen. Auch wenn ihre Events unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit laufen, steht das Vergnügen im Vordergrund. Dieser Handlungsstrang bildet daher einen krassen Gegenpol zu den Geschichten um Kasia und Herta. Zunächst habe ich Carolines Auftritt als störend empfunden, war jedoch mit Fortschreiten der Handlung froh, dass die Autorin mir einen Ausflug in die Oberflächlichkeit gönnte. Denn sobald sich die Geschichte nach Ravensbrück verlagerte, war ich froh, eine Atempause von den geschilderten Grausamkeiten in Aussicht zu haben. 
"Stundenlang beobachtete ich den Vogel, dem Luzia und ich am ersten Tag im Revier beim Nestbau zugeschaut hatten. Ich fand ihn niedlich, bis ich bemerkte, dass der kleine Zaunkönig sein neues Zuhause mit weichen Büscheln aus Menschenhaar auspolsterte und blonde, rotbraune und rote Strähnen zwischen die Zweiglein flocht."
Martha Hall Kelly hat sich bei der Darstellung ihrer Protagonistin Caroline einen literarischen Freiraum gegönnt, indem sie ihr einen Seelenverwandten hinzugeschrieben hat: Paul Rodierre, den es nie gegeben hat. Zwischen Caroline und Paul bahnt sich eine enge Verbindung an, die das normale Maß einer Freundschaft übersteigt. Sagen wir, dass Caroline und Paul Seelenverwandte und füreinander bestimmt sind, allen Widrigkeiten zum Trotz. Diese Verbindung wird bis zum Ende des Romans anhalten - mal mehr, mal weniger eng. Ob sie sich am Ende kriegen, ist irrelevant. Gegen die schriftstellerische Freiheit der Autorin ist nichts einzuwenden. Doch mich hat die Art der Darstellung der Caroline/Paul Beziehung gestört: zu viel Flirterei und Liebesgeplänkel, zu viel Herzschmerz, zu viele Zufälle und zu häufig stellt sich die Frage „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?“.
Ich habe diesen Part des Romans als störend empfunden. Wollte die Autorin ihren Roman mit diesem Ausflug in die romantische Gefühlswelt einem breiteren Publikum schmackhaft machen? Sie selbst begründet die fiktive Beziehung zwischen Caroline und Paul mit der Verdeutlichung des engen Bezugs von Caroline zu Frankreich bzw. der Dramatisierung der damaligen Ereignisse in diesem Land. Beides nehme ich ihr nicht ab. Der gewünschte Effekt ist bei mir zumindest nicht eingetreten. Denn Carolines Bezug zu Frankreich ist nebensächlich und die historischen Ereignisse sind an Dramatik sowieso nicht zu überbieten. Daher bedeutete der Caroline/Paul-Teil für mich leider eine Deklassierung dieses ansonsten sehr gelungenen Romans.

Mein Fazit:
Es gibt ein Haar in der Suppe: die romantische Darstellung der Beziehung zwischen den Protagonisten Caroline und Paul waren mir zu trivial und stufen diesen Roman leider ein wenig herab. Trotzdem ist dieser Roman absolut lesenswert. Denn allein schon die fesselnden Geschichten der drei Frauen, die hier erzählt und auf wahren Begebenheiten basieren, machen diesen Roman zu etwas so Besonderem, dass ich am Ende auch über die gefühlsduselige Romantik hinwegsehen kann.
Lesempfehlung!

© Renie





Montag, 1. Oktober 2018

Szczepan Twardoch: Der Boxer

Quelle: Wikimedia Commons
"Meinen Vater hat ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makabääischen Kämpfers getötet."
Ein erster Satz, der es in sich hat und neugierig macht, auf das, was da noch kommen wird. Und der  Anspruch ist hoch. Denn Szczepan Twardoch, der diesen vielversprechenden Einstieg in seinen Roman gewählt hat, gilt als einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur.
In seinem Buch "Der Boxer" befasst sich Twardoch auf eindrucksvolle Weise mit dem Leben in Warschau kurz vor dem 2. Weltkrieg - insbesondere mit dem jüdischen Leben.
Twardoch führt uns mit seinem Roman in die Szene des organisierten Verbrechens. Hier haben Juden das Sagen. Einer davon ist Jakub Shapiro, Boxer und Mann für's Grobe in der Verbrecherszene. Er ist der "große, gutaussehende Jude", der den Vater des Ich-Erzählers getötet hat, ebenfalls Jude.
Jakub Shapiro ist die rechte Hand des Paten Kaplica, der das organisierte Verbrechen Warschaus dominiert. Jakub hat sich nicht nur durch seine Boxkünste Respekt und Ansehen innerhalb der jüdischen Bevölkerung Warschaus verschafft, sondern auch aufgrund seines übermäßigen Gerechtigkeitsempfinden. Und trotzdem folgt er bedingungslos den Anweisungen des Paten. Er treibt Schutz- und Erpressungsgelder ein, wenn nötig mit Gewalt. Und die ist häufig nötig.
Quelle: Rowohlt
"An dem Tag, an dem wir Marylka gerächt haben, müssen wir noch in eine weitere Wohnung eindringen, das Rad des Todes weiterdrehen, Gewalt säen und Gewalt ernten, wie beim Boxen, du steckst einen Schlag ein, gibst zurück, isst und wirst gefressen, ..."
Einer, der seine Schulden nicht zahlen konnte, war Naum Bernstein, der Vater des Ich-Erzählers Mojsche  - woraufhin er von Jakub und seinen Handlangern auf bestialische Weise umgebracht wird. Ist es das schlechte Gewissen gegenüber dem Jungen? Denn Shapiro nimmt sich seiner an  und weist ihn in die kriminelle Szene von Warschau ein. Mojsche möchte aus der Rolle des Opfers, die einem Juden in der damaligen Zeit zwangsläufig zugesprochen wurde, ausbrechen. Er will Stärke beweisen. Was liegt da näher als sich dem berühmt-berüchtigsten Juden Warschaus anzuschließen - Jakub Shapiro. Und so gilt er fortan als sein Junge.

Warschau ist kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges ein Pulverfass. Die jüdische Bevölkerung ist verhasst, wird bestenfalls geduldet. Einzig der jüdischen Verbrecherszene begegnet man mit Angst und daraus resultierendem Respekt. Die Faschisten liefern sich mit den Juden Straßenschlachten. Polen steht kurz vor einem Putsch. Innerhalb dieses Szenarios bleibt der Pate, der sich bis dato als unantastbar ansah, auf der Strecke. Shapiro erkennt, dass sich das Leben in Warschau verändern wird. Er beschließt, sich in Palästina ein neues Leben aufzubauen.
Ob ihm das am Ende gelingen wird, ist zweifelhaft. Zumindest deutet der Ich-Erzähler an, dass Shapiros Auswanderung nicht ohne Probleme abgelaufen ist. Der Roman behandelt zwei Zeitebenen. Zum Einen geht es um die Zeit damals in Warschau, zum Anderen schreibt ein alt gewordener Ich-Erzähler in Israel Jahre später seine Erinnerungen zu den damaligen Geschehnissen nieder. Der in die Jahre gekommene Auswanderer blickt auf ein langes Leben zurück. Scheinbar ist er seinen Weg im israelischen Bürgerkrieg gegangen. Und seine Erinnerungen an die Zeit in Warschau werfen Zweifel an der Person Shapiro auf.
"Ich habe das Gefühl, mich in diesen Erinnerungen aufzulösen. Es gibt keinen Mojsche Bernstein, keinen Mojsche, keine Mojzesz, keinen Mosche Inbar, es gibt nur Jakub, Jakub, Jakub, Jakub."
Die Zeitung "Die Welt" schreibt:
"Mit Szczepan Twardoch ist Polen zurück auf der Bühne der Weltliteratur."  
Eine äußerst gewagte Aussage, die sich schlecht überprüfen lässt. Und doch kann ich bescheinigen, dass einiges an den literarischen Qualitäten von Twardoch dran ist. Mit "Der Boxer" hat er einen atmosphärischen Roman geschaffen, der ein von Gewalt geprägtes Bild der damaligen Zeit präsentiert. Der Autor lässt seinen Charakteren dabei sehr viel Raum. Fast schon detailverliebt beschreibt er seine Protagonisten und gewährt ihnen zwischenzeitlich eine Bühne auf der ihr bisheriger Lebenweg geschildert wird. Sein Protagonist Shapiro ist eine Urgewalt - stark, brutal, willensstark. Und dennoch zeigt ihn Twardoch auch von seiner schwachen und verletzlichen Seite.
"Jakub hat Angst. Keine körperliche Angst, körperlich fürchtet Shapiro nichts und niemand auf der Erde. Jakub Shapiro fürchtet weder Hitler noch seine Legion Condor, die in Spanien gegen die Republik kämpft. Jakub Shapiro fürchtet auch Franco, Stalin und Rydz-Smigly nicht. Er fürchtet weder Haie noch Bären, nicht einmal Eisbären. Fürchtet weder Kugeln, Messer noch Knüppel noch jene, die damit hantieren. Etwas fürchtet Jakub Shapiro dennoch."
"Der Boxer" ist neben aller Spannung und Thrillermentalität auch ein politisches Buch. Und an dieser Stelle hat mich Twardoch manches Mal abgehängt. Mir fehlen leider die Kenntnisse, was die politische Situation seinerzeit in Polen anging. Das Auftreten der damaligen politischen Gruppierungen bzw. realen Persönlichkeiten war für mich daher ein wenig verwirrend. 

Fazit:
Dieser Roman hat das Zeug für eine Verfilmung. Spannend, mit einem charismatischen Protagonisten, hat er Ansätze eines Thrillers. Aber dieser Roman ist noch viel mehr. Er ist politisch, historisch und ein Paradebeispiel für hohe Erzählkunst. Twardoch macht neugierig auf weitere Werke von ihm. Er wird seinem Ruf als meisterhafter Autor mehr als gerecht. Leseempfehlung!

© Renie


Über den Autor:
Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch, das Buch wurde mit dem Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet, Kritik und Leser waren begeistert. Für den ebenfalls hochgelobten Roman «Drach» wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt. Bei polnischen Lesern wie Kritikern übertraf «Der Boxer» diese Erfolge sogar noch. Szczepan Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien. (Quelle: Rowohlt)

Freitag, 15. Juli 2016

Jodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte

Eine interessante Erfahrung: Ein Buch zu lesen, ohne zu wissen, worum es geht und warum man dieses Buch überhaupt zur Hand genommen hat. Das ist mir mit Jodi Picoults Roman "Bis ans Ende der Geschichte" passiert. Ich habe mich einfach darauf verlassen, dass es einen Grund geben musste, warum ich es vor einiger Zeit auf meine Leseliste gepackt hatte. So kam ich in den Genuss, diesen Roman völlig unvoreingenommen zu lesen. Keine Buchbeschreibung, keine Rezension. Es gab nichts, was mich auf den Inhalt dieses Buches vorbereitet hat. Und was ich dann gelesen habe, hat mich schlichtweg umgehauen.
Quelle: C. Bertelsmann


Worum geht es in diesem Roman?
Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade? (Quelle: C. Bertelsmann)

Tatsächlich kratzt die Beschreibung des Verlages nur an der Oberfläche dieses besonderen Romanes.
Josef Weber, ein Name deutscher Abstammung. Ein netter alter Mann, hilfsbereit, beliebt in der Gemeinde, setzt sich für andere Menschen ein, insbesondere Kinder liegen ihm am Herzen. Mit seinen 90 Jahren hat er den 2. Weltkrieg erlebt. Dieser nette alte Mann war bei Hitlers SS und er war gut in seinem Job.
Wie passt das zusammen? Der nette alte Mann von heute, von allen geschätzt, und das erbarmungslose Ungeheuer von damals? Diese Frage wird den Leser während des ganzen Buches beschäftigen.
"Der größte Fehler, den Menschen machen, wenn sie an Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus denken, ist der, sie als Monster zu sehen: vor, während und nach dem Krieg. Das waren sie nicht. Sie waren ganz gewöhnliche Menschen mit einem vollkommen funktionsfähigen Gewissen, die schlechte Entscheidungen trafen und dann für den Rest ihres Lebens, wenn sie wieder in den Alltag zurückkehrten, Ausreden erfinden mussten." (S. 100)
Jodi Picoult erzählt diesen Roman aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart und wird aus der Sicht von Sage erzählt. Zunächst ist noch nicht klar, welche Richtung, die Handlung nehmen wird. Sage steht im Mittelpunkt. Der Leser fragt sich, was bei dem tragischen Autounfall tatsächlich passiert ist und wie sie es schaffen wird, ihre Trauer um die Mutter, für deren Tod sie sich verantwortlich fühlt, zu verarbeiten. Alles deutet auf einen Roman hin, der das Seelenleben von Sage zum Thema hat. Erst mit dem Auftreten von Josef Weber ist schnell klar, dass die Handlung dieses Romanes in eine ganz andere Richtung gehen wird. In Rückblenden und aus der Perspektive von Josef wird der Leser in das Deutschland und Polen des 2. Weltkrieges zurückversetzt. Der Leser erlebt den grausamen Alltag im Konzentrationslager. Teilweise wird er mit Episoden konfrontiert, die an die Grenze des Erträglichen gehen. Neben Josef kommt auch eine andere Beteiligte der damaligen Zeit zu Wort: eine Überlebende aus dem Konzentrationslager.
"Wenn es eine Kugel gibt, dann zielt auf mein Herz, nicht auf meinen Kopf. Es wäre schön, wenn es nicht wehtäte. Ich würde lieber an einem unerwarteten Schlag als an einer Infektion sterben. Würde sogar das Gas willkommen heißen. Vielleicht fühlte sich das an wie Schlafen und nicht mehr Aufwachen. Ich weiß nicht, wann ich dazu übergegangen war, die Massenvernichtung in diesem Lager als human anzusehen - und vermutlich wie die Deutschen zu denken -, aber wenn die Alternative dazu war, dahinzuvegitieren, bis man verreckte, während der Geist aufgrund des Hungers immer weiter nachließ, also, dann wäre es wohl das Beste, es gleich hinter sich zu bringen." (S. 367)
Doch immer wieder holt uns die Autorin in die Gegenwart zurück. Wir erleben, wie Sage und Josef sich kennenlernen und anfreunden, wie sie sich gegenseitig in ihrer Trauer eine Stütze sind. Für Sage ist Josef ein guter Freund, dessen Gesellschaft sie genießt. Als er sich ihr gegenüber über seine Vergangenheit äußert, ist die jüdisch stämmige Sage fassungslos. Für sie bedeutet dieses Wissen um Josef's Vergangenheit einen riesigen Gewissenskonflikt. Sie fühlt sich gegenüber den Opfern des Nazi-Regimes sowie ihrer jüdischen Familie verpflichtet, kann aber den Josef, wie er heute ist, nicht mit dem SS-Offizier von damals in Einklang bringen. Ständig nagen Zweifel an ihr, was seine Vergangenheit angeht.
Josef sucht nach Vergebung. Aber kann man einem Mann, der unzählige Menschen auf dem Gewissen hat, vergeben? Seine Opfer können es nicht mehr. Auch Sage weigert sich, Josef die Absolution zu erteilen. Stattdessen wählt sie einen anderen Weg, um Josef für seine Taten büßen zu lassen.
"Aber wenn man Vergebung sucht, kann man doch wohl kein Ungeheuer sein? Macht einen diese Verzweiflung nicht per definitionem wieder menschlich?" (S. 491)
Mit "Bis ans Ende der Geschichte" hat Jodi Picoult einen sehr vielschichtigen Roman geschaffen, der den Holocaust und seine Nachwirkungen zum Inhalt hat. Gleichzeitig stellt dieser Roman die Frage nach Schuld und Sühne und beleuchtet diese Thematik sowohl aus Täter- als auch aus Opfersicht.  
Es ist auch ein Familienroman, der bewusst macht, welchen Einfluss das Leben unserer Vorfahren auf unser heutiges Dasein hat. Familienwurzeln lassen sich nicht verleugnen und prägen unser eigenes Leben.

Eine Schriftstellerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Roman über den Holocaust zu schreiben, diesen aber selbst nicht erlebt hat, bewegt sich auf sehr dünnem Eis. Sie möchte authentisch erscheinen. Doch gerade der Grad zwischen Authentizität und reißerischer Darstellung ist sehr schmal. Aber Jodi Picoult hat sich intensiv auf diesen Roman vorbereitet. Man merkt diesem Roman die ausführliche Recherche an. Es gab für mich keinen Moment, in dem ich ihr diese Geschichte nicht abgenommen habe. An manchen Stellen ist sie schonungslos und führt den Leser bis zur Grenze des Erträglichen. Und trotzdem hat man den Eindruck und die Befürchtung, dass diese Geschichte genauso hätte stattfinden können. Damit hat sie es geschafft, den Opfern des Holocausts den nötigen Respekt zu erweisen und hat aus ihrem Roman ein Buch „Gegen das Vergessen“ geschaffen.
"Ich glaube nicht an Gott. Aber als ich hier sitze, in diesem Raum voller Menschen, die das anders empfinden, wird mir klar, dass ich an Menschen glaube. An ihre Kraft, einander zu helfen und trotz allem weiterzumachen. Ich glaube, dass das Außergewöhnliche jeden Tage über das Gewöhnliche triumphiert. Ich glauben, wenn man Hoffnung hat - und sei es nur die auf ein besseres Morgen - ist dies die mächtigste Droge auf diesem Planeten." (S. 447)
Auch wenn ich von diesem Roman sehr angetan bin, gab es doch einen Störfaktor für mich. Jodi Picoult lässt eine angehende Liebesbeziehung von Sage in die Handlung ihres Romanes einfließen. Teilweise bewegt sich Jodi Picoult mit der Darstellung dieser Liebesgeschichte an der Grenze zum Trivialen. Diese manchmal kitschige und blumige Darstellung passt nicht zu dem ernsthaften Thema dieses Romanes. Ich habe den Wechsel zwischen den Handlungsfäden "Leben im KZ" und "Liebesbeziehung Sage" als sehr störend empfunden. Vielleicht liegt es auch an mir. Aber in einem Abschnitt zu lesen, welcher Brutalität die KZ-Insassen ausgesetzt waren und im nächsten Abschnitt über "Liebe, Lust und Leidenschaft" zu lesen, ist verstörend.
Glücklicherweise sind diese Momente in diesem Roman sehr rar gesät. Daher überwiegt bei mir die Bewunderung für diesen großartigen Roman, insbesondere seines Aufbaus, der Tiefgründigkeit der Charaktere und dem Sprachtalent von Jodi Picoult. Von der ersten Seite an konnte sie mich fesseln. Die Spannung hat in keinem Moment nachgelassen. Darüber hinaus ist es ein Buch, das einen beschäftigt, auch nachdem man es aus der Hand gelegt hat. Denn durch die Fragen nach Schuld und Sühne, die einen in diesem Roman begleiten, wird das eigene Gerechtigkeitsempfinden auf die Probe gestellt.
Es gibt noch soviel mehr über dieses Buch zu berichten. Tatsächlich konnte ich mit meiner Buchbesprechung - genau wie die Beschreibung des Verlags - nur an der Oberfläche dieses Romanes kratzen. Je länger ich mich mit meiner Rezension beschäftige, umso mehr fällt mir noch ein. Daher mache ich hier einen Cut und kann nur jedem empfehlen, sich selbst mit diesem besonderen Buch auseinanderzusetzen.

© Renie

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult, erschienen im C. Bertelsmann Verlag
Erscheinungsdatum: August 2015
ISBN: 978-3-570-10217-6

Über die Autorin:
Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, New York, lebt heute nach ihrem Studium in Princeton und Harvard mit ihrem Mann und den drei Kindern in Hanover, New Hampshire. Sie gehört zu den faszinierendsten angelsächsischen Erzählern und besitzt die seltene Gabe, die Zerbrechlichkeit und Komplexität menschlicher Beziehungen in ihren Romanen festhalten zu können. 2003 wurde sie mit dem New England Book Award ausgezeichnet. Zuletzt erschienen auf deutsch mit großem Erfolg ihre Romane »Beim Leben meiner Schwester« und die »Die Wahrheit meines Vaters«. (Quelle: C. Bertelsmann)

Donnerstag, 14. April 2016

Lasha Bugadze: Der Literaturexpress

Im Jahr 2000 gab es ein paneuropäisches Projekt namens "Literaturexpress 2000": Über 100 Autoren aus 43 europäischen Ländern, bestiegen in Lissabon den Literaturexpress und begaben sich auf eine Reise quer durch Europa. Über einen Zeitraum von 6 Wochen waren sie in besagtem Literaturexpress unterwegs, um Europa die Vielfalt der europäischen Literatur näher zu bringen. Während ihrer Stopps fanden Lesungen und Podiumsdiskussionen statt, bei denen die teilnehmenden Autoren die Gelegenheit hatten, ihre Werke dem geneigten Ohr der europäischen Leserschaft zu präsentieren.

Lasha Bugadze hat zu dieser spektakulären Literaturreise quer durch Europa einen Roman geschrieben, die - laut Klappentext - ein "paneuropäischer Irrsinn" war.

Im Mittelpunkt dieses Roman steht der 28-jährige Zaza, ein georgischer Autor, der bisher einen einzigen, leider wenig erfolgreichen Erzählband in seiner Heimat veröffentlicht hat. Er erhält die Einladung zur Teilnahme an dem Literaturexpress und fragt sich, warum man ausgerechnet auf ihn gekommen ist. Berechtigte Frage! Hat Georgien nichts Besseres zu bieten? Nun gut, zur georgischen Delegation gehört noch Zwiad. Aber der ist Lyriker. Und einen Lyriker mit einem Prosaisten zu vergleichen? Das ist, als ob man Äpfel mit Birnen vergleicht. Warum also Zaza? Leider erhält Zaza keine Antwort auf diese Frage, die er sich so häufig in diesem Roman stellen wird.
"Es ist schrecklich, als georgischer Schriftsteller geboren zu werden! Niemand interessiert sich für dich, du aber, durch diese Scheißegal-Haltung deiner Mitbürger bedrückt, schreibst trotzdem weiter ... Wobei es immer noch besser ist, Lyriker zu sein als Prosaist. Als Lyriker kannst du dich in deinem Hotelzimmer einsperren, dich besaufen, die anderen angiften, und später, wenn du Glück hast, schreibst du ein paar wutentbrannte Strophen runter. Und ich? Was zum Geier soll ich machen? Mit dem Trinken habe ich aufgehört, und Gedichte schreiben kann ich auch nicht." (S. 134 f.)
Zaza steckt voller Selbstzweifel. Während der Reise vergleicht er sich mit den anderen Schriftstellern. Er beobachtet und wundert sich. Die europäischen Kollegen stecken voller Ehrgeiz, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Eindrücke dieser Reise in möglichst geniale schriftstellerische Ergüsse einfließen zu lassen.
Zaza kann deren Ehrgeiz und Elan nicht teilen. Fehlt ihm das Schriftsteller-Gen, das ihn dazu bringt aus einer Idee eine Geschichte entwickeln zu können? Und so verbringt er seine Zeit in dem Literaturexpress mit Nachdenken. Dabei versucht er, möglichst unauffällig zu bleiben - bloß nicht auffallen, und beim nächsten Halt noch eine Lesung durchführen müssen!

Im Klappentext dieses Romans wird folgende Frage gestellt:
"Was passiert, wenn man hundert Schriftsteller in einen Zug steckt und quer durch Europa schickt?"
Eine Frage, die große Erwartungen beim Leser schürt! Hundert unterschiedliche, (hoffentlich) exzentrische Charaktere, die aufeinander prallen und über etliche Wochen miteinander klar kommen müssen. Das schreit doch nach einem Festival der Eitelkeiten! Aber das bietet dieses Buch leider nicht. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Teilnehmergruppe fast ausschließlich aus osteuropäischen Autoren besteht. Zwischendurch taucht mal ein Westeuropäer auf, der aber keinen Einfluss auf die Handlung hat und auch keinen bleibenden Eindruck beim Leser hinterlässt. Die Osteuropäer scheinen unter sich zu bleiben. Hier hätte ich mir doch mehr Konfliktpotenzial beim Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Mentalitäten erhofft. Zudem findet generell wenig Interaktion zwischen den Autoren statt. Insofern ist die Frage aus dem Klappentext ein wenig irreführend.
"Ich war mir sicher, dass alle ihre jeweiligen gegenwärtigen Eindrücke beschreiben und ihre romantisch-professionellen Seelenzustände schriftstellerisch, lyrisch oder was weiß ich noch wie festhalten wollten. Vor meinen Augen entstand bereits ein Riesenberg an literarischem Schund - der reinste Literaturersatz ohne jede Bedeutung! Ja, niemand hätte mich davon überzeugen können, dass genau jetzt, wenige Augenblicke nachdem sich unser Zug in Gang gesetzt hatte, auch nur einer imstande war, etwas literarisch Wertvolles und Interessantes zustande zu bringen. Alles nur Schwindler, weiter nichts!" (S. 48)
Bei diesem Roman bekommt man es also nicht mit einem Kulturkampf zu tun. Stattdessen präsentiert Lasha Bugadze eine Satire auf osteuropäische Schriftsteller. Dabei bedient er sämtliche Klischees, angefangen bei der Trinkfestigkeit, dem ungehobelten Benehmen und dem Ehrgeiz, in den Texten eine politische Botschaft zu verpacken und ihnen somit einen pseudo-intellektuellen Anstrich zu verpassen. Bugadze verwendet dabei einen Sprachstil, der mich überrascht hat. Mit osteuropäischer Literatur verbinde ich eine schwermütige, ein wenig düstere Sprache. Nicht so bei Bugadze. Er ist witzig, vermittelt die Geschehnisse während der Reise in einem sehr lockeren Stil, der an manchen Stellen fast schon eine heitere Stimmung produziert. Eine Stimmung, die einen stellenweise an die Ausgelassenheit einer Oberstufenklasse bei einem Schulausflug erinnert.
"Oder interessiert sich der New Yorker ausschließlich für Bulgarien? Wie soll ein Autor erraten, welche Region zum Beispiel im kommenden Jahr dran sein wird? Wo etwa ist der nächste Krieg geplant? Wo werden als Nächstes die Köpfe von Entführungsopfern rollen? Man sollte Ausschreibungen machen wie: 'Im Jahre 2030 werden Romane gefragt sein, die sich mit der UN beschäftigen!'" (S. 198)
Neben der Satire präsentiert Bugadze dem Leser noch eine  Liebesgeschichte, die doch gewisse Parallelen zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther" aufweist. Also er (Zaza) verliebt sich in sie (Helena), sie erwidert seine Liebe .... oder auch nicht ... blöderweise ist sie jemand anderem versprochen (bei Bugadze ist sie schon verheiratet)... zurück bleibt der unglücklich Verliebte, der sich bei Goethe das Leben nimmt, bei Bugadze aber nicht. Unglücklich ist Zaza trotzdem. Während der Zugfahrt schmachtet er Helena an, sucht ständig ihre Nähe und gewährt dem Leser einen tiefen Einblick in seine von Liebeskummer durchtränkte Seele. Die Gedanken, welche sich um seine Angebetete drehen, haben streckenweise spätpubertierende Ausmaße. Das kann für den Leser nervig werden, kann aber auch amüsant sein, vermutlich je nach Altersklasse des Lesers.

Fazit:
Mich konnte dieser Roman leider nicht überzeugen. Aufgrund des Klappentextes hatte ich auf eine Satire gehofft, die sich auf Eitelkeiten, Neid und Missgunst unter Autoren konzentriert. Ich habe auf Streitereien und Zickereien gehofft. Doch aufgrund der fehlenden Interaktion der Autoren, blieben die erhofften Reibereien zwischen unterschiedlichen Mentalitäten aus. Stattdessen bekam ich einen Einblick in die osteuropäische Schriftstellerseele.
Hinzu kommt, dass die Handlung mich nicht mitreißen konnte. Stetiges Dahinplätschern ist auf Dauer langweilig. Ein paar unvorhersehbare Wendungen hätten dem Spannungsbogen sicherlich gut getan.
Positiv hervorheben möchte ich den Sprachstil von Bugadze. Seine Leichtigkeit und Ironie entschädigen den Leser um einiges in diesem Buch. Auf alle Fälle hat Bugadze mit seinem Sprachstil bewiesen, dass man ihn als Schriftsteller durchaus auf dem Leseradar behalten sollte.

© Renie

Der Literaturexpress von Lasha Bugadze, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum: 1. März 2016
ISBN: 978-3-627-00223-7

Über den Autor:
Lasha Bugadze, geboren 1977 in Tbilissi, zählt zu den meistgelesenen Autoren Georgiens. Seine Romane und Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der International Radio Playwriting Competition der BBC. Lasha Bugadze lebt in Tbilissi und ist bekannt für seine Literatursendungen in Radio und Fernsehen.




Donnerstag, 10. März 2016

Evgenij Vodolazkin: Laurus

Evgenij Vodolazkin hat mit "Laurus" einen ungewöhnlichen Roman geschrieben, der phantasievoll ist, mit den Träumen und Visionen der Protagonisten spielt und den Leser manchmal mit seinen spirituellen Ansätzen überfordert.

Quelle: Dörlemann

Worum geht es in diesem Roman?
Der Tod seiner großen Liebe, die er nicht zu retten vermag, treibt einen jungen kräuterkundigen Heiler fort aus seinem Dorf, um Vergessen und Vergebung zu finden. Auf seiner Wanderung durch das pestverseuchte Europa des 15. Jahrhunderts bietet er seine Heilkünste an, wo immer sie gebraucht werden. Auf seiner Reise durch Welten und Zeiten begleiten ihn die unterschiedlichsten Weggefährten, und er muss zahlreiche Gefahren bestehen.
(Klappentext)


Im Mittelpunkt dieses Romanes steht Arseni, der später den Namen Ustine annehmen und sein Leben als Laurus beenden wird.
Arseni wächst zunächst bei seinem Großvater auf, der selbst ein Heiler ist. Der Großvater weiht Arseni in die Geheimnisse der Heilkunst ein und vermittelt ihm sein komplettes Wissen. Als der Großvater stirbt, übernimmt Arseni seine Patienten. Die Leute kommen teilweise von weit her, denn seine Erfolge als Heiler haben sich bereits  herumgesprochen. Eines Tages taucht Ustina bei ihm auf. Sie wird zur Liebe seines Lebens.
"Arseni dachte nicht an Ustina allein. Er vertiefte sich nach und nach in eine ganz eigene, vollkommene Welt, die aus Ustina und ihm bestand. In dieser Welt war er Ustinas Vater und ihr Sohn. Er war ihr Freund, ihr Bruder, vor allem aber ihr Mann. Dadurch, dass Ustina Waise war, blieben all diese Funktionen unbesetzt. Er erfüllte sie. Und da er selbst ebenso Waise war, ergaben sich dieselben Pflichten auch für Ustina. Der Kreis schloss sich: Sie wurden alles füreinander. Die Vollkommenheit dieses Kreises machte die Anwesenheit von Dritten für Arseni unmöglich. Sie waren zwei Hälften eines Ganzen, und alles, was darüber hinausging, schien ihm nicht nur überflüssig, sondern unzulässig. " (S. 74)
Ustina wird schwanger und stirbt bei der Geburt - genau wie ihr gemeinsamer Sohn. Arseni zerbricht fast an diesem Schicksalsschlag, zumal er sich die Schuld an Ustinas Tod gibt. Er verlässt das Dorf, in dem er sein bisheriges Leben verbracht hat und reist durch das Land, immer auf der Suche nach Kranken und Menschen, die seine Hilfe benötigen. Denn dies ist die Buße, die er sich auferlegt hat. Die Leiden anderer zu heilen, um der Seele Ustinas Absolution zu ermöglichen, die ihr bisher verwehrt war, da sie vor ihrem Tod nicht beichten konnte.

Die Pest wütet in dem Land. Arseni mangelt es nicht an Möglichkeiten, seine Heilkünste unter Beweis zu stellen. Irgendwann entschließt sich Arseni, nach Jerusalem zu pilgern. 
Sein Weg ins Heilige Land führt ihn quer durch Europa. Und egal, wo er hinkommt, überall sind seine Heilkräfte gefragt.
Nach seiner Rückkehr und Jahren der Aufopferung geht er als Mönch in ein Kloster. Seine letzten Lebensjahre verbringt er als Einsiedler ... und immer noch kommen die Leidenden zu ihm, um von ihm geheilt zu werden.
"Mein Freund, eine Begegnung ist immer mehr als ein Abschied. Vor der Begegnung war Leere, Nichts, nach dem Abschied aber bleibt keine Leere. Wenn man sich erst einmal begegnet ist, trennt man sich nie wieder ganz. Der andere bleibt einem im Gedächtnis, er wird ein Teil davon. Dieser Teil, den der andere geschaffen hat, lebt weiter in uns, und gelegentlich nimmt er Kontakt mit seinem Schöpfer auf. Wie anders ließe sich erklären, dass wir Menschen, die uns am Herzen liegen, auch aus der Ferne spüren?" (S. 296)

Evgenij Vodolaz verlangt dem Leser mit diesem Roman einiges ab. Anfangs erinnert das Buch an einen Historienroman. Hier wird über einen Heiler aus dem späten Mittelalter berichtet, der während seines Lebens viele aufregende und ungewöhnliche Abenteuer zu bestehen hat. Doch spätestens mit dem Tod von Arsenis Lebensgefährtin wird man auf einmal mit Inhalten konfrontiert, die fernab von jeglicher Realität sind und auf die man sich als Leser einlassen muss. Ein Gemisch aus Visionen, Träumen und Erinnerungen, zusammengehalten von einem Handlungsfaden, an dem man sich als Leser klammert, weil man sich sonst in diesem Buch verliert. Es ist schwierig die Übersicht zu behalten, Realität von Vision zu unterscheiden. Und doch gelingt es Vodolaz den Leser immer wieder aufzufangen. Jedesmal, wenn man kurz vor dem Verzweifeln steht, führt Vodolazkin den Leser von der Vision wieder in die eigentliche Handlung zurück, indem er ein neues Abenteuer einfließen lässt oder mit Wechseln in der Erzählperspektive arbeitet.

"Foma kam am Fluss an und tauchte prüfend den großen Zeh ins Wasser. Er schüttelte betrübt den Kopf, dann trat auch er auf das Wasser. Arseni und die Sawelitschjer sahen schweigend zu, wie die Narren in Christo hintereinander hergingen. Sie schwankten leicht auf den Wellen und ruderten komisch mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sieht so aus, als könnten sie auf dem Wasser nur gehen, sagten die Sawelitschjer. Das Rennen müssen sie erst noch lernen." (S. 184)
Der Sprachstil von Vodolazkin ist sehr kraftvoll. Er beschreibt die Dinge so, wie sie sind. Das Schöne und Idyllische (wenn es auch sehr selten in diesem Roman vorkommt) beschreibt er sehr poetisch, das Schlechte und Hässliche wird dem Leser in einer ungeschönten und verstörenden Weise präsentiert. Dabei verwendet er teilweise eine sehr altertümliche Sprache, die durchaus der Zeit, in der der Roman spielt gerecht wird. Dies wird noch unterstützt, indem Vodolazkin von Zeit zu Zeit alt-russische Satzelemente, die ins Deutsche übersetzt sind, einfließen lässt. Oder aber auch seine Protagonisten von gelegentlich einzelne alt-russische Sätze sagen lässt. Hier ist ein Beispiel:
"Der Kaufmann Negoda ist bankrott, und seine Familie verzeret sich am garben hunger. Um Almosen zu bitten schämt er sich seiner lichten gewande halben." (S. 187)

Im Nachwort von Olga Radetzkaja, die diesen Roman aus dem Russischen übersetzt hat, wird dieses Buch als sprachlicher Paternoster bezeichnet: "Hier kommt ein Fragment aus dem 14. Jahrhundert in Sicht, dort sowjetisch gefärbter Bürokratenjargon oder moderne urbane Umgangssprache." (S. 415) Ich vermute, dass dieses Sprachengemisch mehrerer Epochen durch die Übersetzung verloren gegangen ist. Mir ist dieses Gemisch zumindest nicht eindeutig bewusst gewesen. Leser, die der russischen Sprache mächtig sind, haben hier mit Sicherheit andere Möglichkeiten, an dieses Buch heranzugehen, sollten sie es in der Originalfassung lesen.


Im Nachwort heißt es auch "Nicht die konkrete Zeitschicht, in der man sich jeweils aufhält, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die Bewegung durch sie hindurch." (S. 415)

Hiermit lässt sich vielleicht erklären, warum man während des Lesens den Eindruck hat, dass manche Dinge in diesem Roman nicht gerade typisch für die Zeit des Späten Mittelalters sind. Für mich gab es einen fast schmerzhaften Einschnitt in diesem Buch, als mir im Text eine neuzeitliche westliche Errungenschaft begegnet ist, die definitiv nicht in diese Zeit gehört. Fehler im Buch oder Absicht des Autors? Diese Frage stellte ich mir. Leider bin ich mir auch, nachdem ich diesen Roman gelesen habe, nicht sicher, wie die Antwort auf die Frage lauten könnte. Der Hinweis, dass es sich bei diesem Buch um eine Reise durch Welten und Zeiten handelt, rechtfertigt nicht diesen gravierenden Einschnitt, zumal sich auch keine weiteren Fälle in dieser Größenordnung in der Geschichte finden lassen. 

Fazit:
Dieses Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Einerseits hat es Spaß gemacht, Arseni auf seinem Lebensweg und seinen Abenteuern zu begleiten. Aber gerade dieser eben geschilderte Einschnitt hat mir ein wenig die Freude an diesem Buch genommen. Hinzu kamen die vielen übersinnlichen und spirituellen Komponenten in diesem Roman, die die interessante Handlung oft in den Hintergrund drängten.
Dieser Roman ist mehrfach ausgezeichnet worden und wird von anderen als eigenwilliger Roman bezeichnet. Das stimmt, eigenwillig ist dieser Roman auf alle Fälle. Und man muss sich darauf einlassen können, was mir leider sehr schwer gefallen ist.

©Renie

Laurus von Evgenij Vodolazkin, erschienen im Dörlemann Verlag
ISBN: 9783038200277




Über den Autoren:

Evgenij Vodolazkin
1964 in Kiew geboren, arbeitet seit 1990 in der Abteilung für Altrussische Literatur im Puschkinhaus (Institut für russische Literatur) in St. Petersburg. Er hat zahlreiche akademische Werke und Artikel publiziert. Aufgrund von Forschungsstipendien der Alfred Toepfer- und der Alexander von Humboldt-Stiftung verbrachte er mehrere Jahre in Deutschland. Sein zweiter Roman Laurus ist ein internationaler Erfolg, der in 17 Ländern erscheint. Evgenij Vodolazkin lebt mit seiner Familie in St. Petersburg. (Quelle: Dörlemann)

Donnerstag, 3. September 2015

Martin Bühler: Schattenlicht (Gesamtausgabe)

Martin Bühler entdeckt bei einer Entrümpelungsaktion die Tagebücher seines verstorbenen Vaters Matthias. Beim Lesen der Aufzeichnungen seines Vaters stellt er fest, dass dieser mit der Beschreibung seines Lebens ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte zu Papier gebracht hat, die man anderen nicht vorenthalten darf. Basierend auf diesen Tagebuchaufzeichnungen ist dieser biografische Roman entstanden.



Die Geschichte beginnt in den 20er Jahren und beschreibt den Lebensweg von Matthias bis in die 70er Jahre: seine Kindheit, sein Erwachsenwerden, Nationalsozialismus und Krieg sowie die Nachkriegszeit mit dem Wiederaufbau und dem deutschen Wirtschaftswunder.



Als ich die ersten Seiten dieses Buches gelesen habe, fühlte ich mich tatsächlich in meine Kindheit zurück versetzt. Meine Großeltern entstammten derselben Generation wie Matthias. Und die Erzählungen über sein Leben erinnern mich wohltuend an die Geschichten, die mir meine Großmutter immer erzählt hat. Als Kind hing ich immer völlig fasziniert an ihren Lippen, wenn sie aus ihrer Vergangenheit erzählt hat. Ich habe die Erzählungen meiner Großmutter immer als sehr spannend und stimmungsvoll empfunden. Und genauso ging es mir mit dem Erzählstil von Martin Bühler. Er versteht es, den Leser mit seiner Geschichte zu fesseln, indem er sehr intensive Stimmungen vermittelt: Matthias‘ harte Kindheit, die Verzweiflung und Angst während des Krieges, aber auch das Nachvorneblicken und die Hoffnung in der Nachkriegszeit.

„Da spürte ich zum ersten Mal, dass Worte größere Wunden schlagen können als die schärfsten Schwerter. Die Tragik dabei war jedoch, dass Menschen, die bislang nichts als Arbeit und Pflichterfüllung gekannt hatten, plötzlich provozierend in die Unmoral der Politik manövriert wurden, von der sie eigentlich gar nichts wissen wollten.“
Im Verlauf der Geschichte lernt man viele Zeitgenossen aus Matthias’ Leben kennen. Das können Dorfbewohner sein, Verwandte, Kriegskameraden, Nazis etc.. Die Beschreibung dieser Charaktere aus der Sicht von Matthias ist schon sehr besonders, da sie sehr akribisch ist. Da wird auf das kleinste Detail geachtet, kein Charakterzug ausgelassen. Dadurch gewinnt der Leser ein sehr lebhaftes Bild der jeweiligen Person. 

Genauso akribisch wie die Charaktere beschreibt Martin Bühler auch andere Themen, die seinen Vater beschäftigten, wie z. B. Pflanzenkunde, Chemie etc. Was bei den Personenbeschreibungen unterhaltsam ist, wirkt in anderen Themenbereichen jedoch manchmal sehr ausufernd. Hier wäre weniger mit Sicherheit mehr gewesen.

Sehr gut hat mir die Entwicklung des Charakters von Matthias gefallen. Ich gebe zu, anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten, da Matthias nicht viel von sich Preis gab. Aber wie bei einem guten Bekannten, der sich mit der Zeit zum guten Freund entwickelt, ist es mir auch mit Matthias ergangen. Man lernt ihn im Verlauf der Geschichte besser kennen. Anfangs ein Junge, der sich trotz harter und arbeitsreicher Kindheit noch ein gewisses Maß an Unbeschwertheit zu bewahren weiß; der ein Romantiker sein kann und einen Sinn für die schönen Dinge des Lebens entwickeln kann. Später zeigen sich sein Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit. Zum Ende des Buches präsentiert sich Matthias als geradliniger Typ, der es immer geschafft hat, sich von der breiten Masse zu distanzieren und seinen Weg auf seine eigene Art zu gehen.
„Ich war kein Charmeur, kein Salonlöwe oder Schmeichler, sondern im Gegenteil herb und geradeheraus, ohne Rücksicht auf Nachteile, die mir aus meinem Benehmen entstehen konnten. Aber ich war fähig zuzuhören, mich in das Schicksal anderer hineinzuleben und Anteil zu nehmen an der Tragik leidgeprüfter Menschen. Das war wohl der Schlüssel, warum andere sich mir anvertrauten, warum sie mir ihr Herz ausschütteten und ich oft mehr Geheimnisse erfuhr, als ich in jungen Jahren verdauen konnte.“
Ich könnte mich jetzt noch über die politischen Stimmungen der damaligen Zeit in Deutschland auslassen, die einen großen Teil dieser Trilogie ausmachen. Da die Zeit des Nationalsozialismus jedoch ein Thema ist, über das ich mich endlos auslassen könnte, halte ich mich lieber zurück. Nur soviel, Martin Bühler regt zum Nachdenken an. Die Geschichten, die er durch seinen Vater aus dieser Zeit erzählt, machen betroffen, wütend – aber auch Angst. Insbesondere, wenn man doch gewisse Parallelen zur heutigen Zeit sieht. Ich habe Schattenlicht im Rahmen einer Leserunde bei „Whatchareadin“ gelesen. Ein Mitleser hat es ganz treffend formuliert, ich gebe es sinngemäß wieder: Als wir in der Schule den Nationalsozialismus durchgenommen haben, haben wir geschworen, dass in Deutschland so etwas nie wieder passiert. Wir dachten, wir Deutschen hätten aus unserer Geschichte gelernt. Was sind wir naiv!

Ich freue mich, dass ich Martin Bühler und die Geschichte seines Vaters bei „Whatchareadin“ entdeckt habe. Wenn er sein Buch dort nicht präsentiert hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht auf ihn aufmerksam geworden und um einen besonderen Lesegenuss gebracht worden. Daher kann ich nur hoffen, dass viele sich von meiner Buchbewertung inspirieren lassen und sich ebenfalls auf dieses Stück deutscher Zeitgeschichte einlassen werden.

© Renie

Schattenlicht Gesamtausgabe
Autor: Martin Bühler
CreateSpace Independent Publishing Platform
ISBN: 978-1516849185