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Freitag, 26. März 2021

Isabela Figueiredo: Die Dicke

Quelle: Unsplash/Michael Dziedzic
Wenn es einen Satz in dem autobiografischen Roman "Die Dicke" von Isabela Figueiredo gibt, der dessen Inhalt treffend beschreibt, dann ist es dieser:
"Ich öffne und schließe immer wieder die Türen zu der Vergangenheit, in der mich dieses unauflösliche, beengende und fesselnde Eisenband mit den Eltern verbindet, und ich weiß, ein ganzes Leben reicht noch immer nicht aus für die Liebe."
Es geht um Isabela Figueiredos Leben, es geht um ihre Vergangenheit, es geht um ihre Eltern, es geht um die Liebe...., und es geht um Türen - doch dazu später mehr. 

In 2019 erschien im Weidle Verlag das Buch "Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit". Die portugiesische Autorin Isabela Figueiredo erinnert sich darin an ihre Kindheit in Mosambik. Ich habe diese außergewöhnliche Geschichte über eine Kindheit unter dem Einfluss des Kolonialismus verschlungen und war so gespannt auf weitere Bücher der Autorin. Nun endlich ist es soweit. Isabela Figueiredo erzählt in ihrem autobiografischen Roman "Die Dicke" ihre Lebensgeschichte weiter. So vermute ich zumindest. Denn
"Alle in diesem Buch beschriebenen Figuren, Orte und Situationen sind reine Fiktion und pure Realität".
Die Protagonistin des Romans trägt den Namen Maria Luísa. Die Tochter portugiesischer Kolonialisten hat einen großen Teil ihrer Kindheit in Mosambik verbracht. Nach einem Militärputsch 1974 (Nelkenrevolution) ist das Leben in dem afrikanischen Land nicht mehr sicher ist. Daher wird Maria Luísa im Alter von 10 Jahren von ihren Eltern nach Portugal geschickt, wo sie die nächsten Jahre bei Verwandten leben wird. Erst 10 Jahre später folgen die Eltern der einzigen Tochter. Maria Luísa ist mittlerweile eine junge Frau geworden, die unter starkem Übergewicht leidet. Ihre Gewichtsprobleme nahmen in der Pubertät ihre Anfänge, so dass sie sich über die Jahre zu einem - wie sie es nennt - "Monster" entwickelt hat. Durch die damit verbundenen seelischen und körperlichen Belastungen entschließt sie sich eines Tages zu einer Magenverkleinerung, die bewirkt, dass sie innerhalb kurzer Zeit 40 Kilo ihres Körpergewichts verlieren wird. 
Quelle: Weidle Verlag
Und mit diesem Hinweis auf das, für Maria Luísa einschneidende Ereignis beginnt der autobiografische Roman "Die Dicke".
"Uns trennt ein großer Graben voller Unbekanntem. Uns fehlen zehn Jahre Wissen, diese zehn Jahre die wir getrennt waren. Wie haben wir uns in dieser Zeit der Abwesenheit entwickelt? Was für Menschen sind wir geworden?"
Nachdem Maria Luísas Eltern im Jahr 1985 ebenfalls nach Portugal zurückkehren und sich in einem Vorort Lissabons eine Wohnung kaufen, zieht die junge Frau wieder zu ihren Eltern, die sie 10 Jahre lang nicht gesehen hat. Maria Luísa wird bis zu ihrem 38. Lebensjahr mit ihren Eltern zusammen wohnen (der Vater verstirbt in 2001, die Mutter in 2013). 
Mit dieser Wohnung sind also viele Erinnerungen verknüpft, die in diesem Roman bewahrt werden.
Die Aufteilung der Wohnung bildet dabei das Gerüst für diesen Roman. Denn jedes Kapitel ist mit der Bezeichnung eines Raums betitelt. Durch diesen Aufbau entsteht der Eindruck, dass Maria Luísa durch die Wohnung streift und sich dabei in ihren Erinnerungen verliert. ("Ich öffne und schließe immer wieder die Türen zu der Vergangenheit, ...") Dieses Abschweifen in Erinnerungen stellt den Leser vor die Herausforderung, Ordnung in eine Gedankenvielfalt zu bringen, die ohne jegliche Chronologie erzählt wird. Es lohnt sich jedoch, diese Herausforderung anzunehmen.
Denn die Protagonistin zeigt sich als verletzliche Frau mit einem überaus starken Willen, die sich mit einer ungeheuren Kraft durch das Leben bewegt und eine Vielzahl an Tiefschlägen wegzustecken weiß. 
Sie erzählt uns von Menschen, die ihr wichtig waren und sie erzählt von großen Enttäuschungen, die sie erlitten hat. 

Die Beziehung zu ihren Eltern nimmt dabei einen großen Part in diesem Buch ein. Maria Luísa begegnet ihren Eltern auf unterschiedliche Weise. Das Verhältnis zu ihrem Vater zeichnet sich durch Herzlichkeit und Unbeschwertheit aus. Wohingegen das Verhältnis zu ihrer Mutter eher distanziert wirkt. 
"Ich werfe ein funkelndes Feuerwerk auf die Vielfalt und Reichhaltigkeit des Lebens, das Papa geführt hat. Mit ihm habe ich das Staunen der Sinne erfahren. Von Mama habe ich gelernt, dass wir alle Exzesse kontrollieren und nach Möglichkeit vermeiden, ihnen schweren Herzens und siegreich widerstehen müssen. Wenn es gut schmeckt, ist es ein Laster, das es auszulöschen gilt. Der Unterschied zwischen Papa und Mama war: mach, mach es nicht, iß, iß es nicht, geh, geh nicht. Papa lebte und Mama hielt das Boot über Wasser, deshalb soll ein zweites Feuerwerk speziell für Mama erstrahlen."
Durch den Titel entsteht der Eindruck, dass im Mittelpunkt des Romans das massive Übergewicht von Maria Luísa steht. Ich hatte geahnt, dass dies nicht der Fall sein wird. Denn Isabela Figueiredo schreibt viel zu tiefgründig, als dass sie ihre Protagonistin auf ihre Fettleibigkeit reduziert. Maria Luísas Übergewicht und dessen Auswirkung auf ihre Psyche bilden nur eine Facette ihrer Persönlichkeit, neben vielen vielen anderen. Die Autorin hat es tatsächlich geschafft, dass ich die Statur ihrer Protagonistin zwischenzeitlich völlig aus den Augen verloren habe und Maria Luísa als eine junge Frau, wie viele andere, wahrgenommen habe. 

Isabela Figueiredo hat eine besondere Gabe, mit Worten umzugehen. Ihre Sprache ist geistreich. Immer wieder laden lebenskluge Sätze zum gedanklichen Verweilen ein, die nur Kommentare wie "Stimmt!" oder "Wie wahr" zulassen. Die Autorin spricht mir mit ihren Betrachtungen, was das Leben betrifft, aus der Seele. Das habe ich schon in ihrem ersten Buch so empfunden und werde es vermutlich auch in ihren nächsten Romanen so empfinden. Ich bin daher neugierig, welche Geschichten Sie uns noch erzählen wird. 

Leseempfehlung!

© Renie




Samstag, 8. Februar 2020

Isabela Figueiredo: Roter Staub - Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Quelle: Pixabay/jeanvdmeulen
"Als Kolonialismus wird die meist staatlich geförderte Inbesitznahme auswärtiger Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansässigen Bevölkerung durch eine Kolonialherrschaft bezeichnet. Kolonisten und Kolonialisierte stehen einander dabei kulturell in der Regel fremd gegenüber, was bei den Kolonialherren im neuzeitlichen Kolonialismus mit dem Glauben an eine kulturelle Überlegenheit über die sogenannten „Naturvölker“ und teils an die eigene rassische Höherwertigkeit verbunden war." (Quelle: Wikipedia)
"Kolonialismus" ist ein höchst unangenehmes Thema, an das die ehemaligen Kolonialmächte (wozu auch Deutschland gehört) nicht gern erinnert werden. Denn wer lässt sich gerne dabei ertappen, dass er sich als "kulturell überlegen" gegenüber anderen Völkern sah und dabei an die eigene "rassische Höherwertigkeit" glaubte?
Noch unangenehmer wird es, wenn jemand aus den eigenen Reihen dieses unrühmliche Thema zur Sprache bringt.
Isabela Figueiredo ist eine von denen, die den Finger in die Kolonialismus-Wunde legen.
In ihrem Buch "Roter Staub - Mosambik am Ende der Kolonialzeit" erzählt die Tochter einer portugiesischen Kolonistenfamilie von ihrer Kindheit und dem kolonialen Alltag in Mosambik in den 1960er/1970er-Jahren.
Quelle: Weidle
"Ein Weißer und ein Neger zählten nicht nur zu verschiedenen Rassen. Die Entfernung zwischen Weißen und Negern glich der, die zwischen verschiedenen Spezies besteht. Sie waren Neger, Tiere. Wir waren Weiße, als Menschen, rationale Wesen. Sie arbeiteten für die Gegenwart, für den Zuckerrohrschnaps von 'heute'; wir, um uns eines Tages die beste Urne leisten zu können, für die beste Zeremonie am Tag unseres Begräbnisses." 
In der Mitte des 20. Jahrhunderts suchten viele Portugiesen ihr Glück in Mosambik. In der Heimat lief es nicht besonders. Portugal war zu diesem Zeitpunkt politisch und wirtschaftlich instabil. Also zog es viele Portugiesen in die Kolonien, in der Hoffnung, hier zu Reichtum und Wohlstand zu gelangen. 
Dieses Motiv machte sie also zu kolonialistischen Wirtschaftsflüchtlingen. 
Steht ein Flüchtling in unserer heutigen Zeit am Rande der Gesellschaft, sah die Welt in Mosambik damals anders aus. Denn die portugiesischen Wirtschaftsflüchtlinge nahmen sich wie selbstverständlich das, was ihnen nicht zustand und setzten sich an die Spitze der Gesellschaft. Dies geschah unter dem Deckmantel der Kolonialpolitik. Die portugiesischen Wirtschaftsflüchtlinge ernannten sich zum Herrenvolk, machte sich die einheimische Bevölkerung untertan und setzten somit eine Tradition fort, die ihre Anfänge 1497 gefunden hatte, als ein portugiesischer Seefahrer erstmalig afrikanischen Boden betrat.

Wie der Kolonisten-Alltag aussah, erfahren wir von Isabela Figueiredo. Sie gibt unverblümt wieder, wie sie ihre Kindheit als Tochter einer wirtschaftsflüchtigen Kolonistenfamilie erlebt hat. Geboren wurde sie 1963 in Mosambik. Ihr Vater war Inhaber eines kleinen Elektro-Unternehmens. Seine Tätigkeit bezog sich hauptsächlich auf das Herumkommandieren und Ausbeuten seiner farbigen Arbeiter. Diese waren also für das sogenannte "Auskommen" der Familie zuständig. Die Ausbeutung beschränkte sich leider nicht nur auf seine Arbeiter. Auch in sexueller Hinsicht übte der Kolonialherr seine Macht aus. Was ihm gefiel, nahm er sich.
"Der Schwarze stand auf der Stufenleiter ganz unten. Er hatte keinerlei Rechte. Einzig vielleicht das auf Wohltätigkeit, wenn er sie denn verdiente. Sofern er demütig war. Wenn er lächelte und leise sprach, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt und die Hände gefaltet, als würde er beten."
Von klein auf lernte die Autorin also, dass die farbige Bevölkerung ausschließlich für das Wohlergehen der portugiesischen Bevölkerung zuständig war. Und wie dieser Anspruch im Alltag geltend gemacht wurde, beschreibt sie aus ihren kindlichen Erinnerungen heraus. Sie gibt einzelne Erinnerungsfragmente wieder, vermischt mit ihren Reflexionen zu dem Erlebten und ihrem Alltag in Mosambik. Dabei bedient sie sich stellenweise einer deftigen Sprache, wobei die Verwendung des Wortes "Neger" noch harmlos ist. Die "Hüter der Political Correctness" würden zwar bei diesem Wort Amok laufen. Doch man kann sicher sein, dass politische Sprachkorrektheit in diesem Buch nichts verloren hat. Hier sollte man sich auf ganz andere Dinge konzentrieren, die empörend und moralisch fragwürdig sind. Und diese Dinge dürfen sprachlich weder beschönigt noch verharmlost werden.

Isabela versteht sehr früh, welches Unrecht die Portugiesen, und ihr Vater im Besonderen, in Mosambik ausüben. Doch als Kind ist sie nicht in der Lage, ihren Standpunkt zum Ausdruck zu bringen. Hinzu kommt, dass sie ihren Vater abgöttisch liebt. Mit der Nelkenrevolution (1974) verabschiedet sich Portugal von der bisherigen Kolonialpolitik. Das Leben wird für Weiße in Mosambik gefährlich. Der Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit, den die Einheimischen bereits seit den 60er Jahren kämpften, eskaliert. Die Eltern schicken Isabela, die mittlerweile 12 Jahre alt ist, nach Portugal zu ihrer Großmutter zurück. Isabela wird fortan als eine von den "retornados" angesehen. Dies ist eine verächtliche Bezeichnung für Portugiesen, die es in der Fremde nicht geschafft haben und wieder zurückkehren.
Mosambik hat nach dem politischen Umschwung keinen Platz mehr für Kolonialherren. Daher sind auch Isabelas Eltern gezwungen, das Land zu verlassen.

Was sie als Kind nicht geschafft hat, schafft Isabela in späteren Jahren in Portugal. Sie geht auf Konfrontation mit ihrem Vater. Der Liebe zwischen den Beiden tut dies jedoch keinen Abbruch. Vermutlich wartete sie deshalb mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen bis nach seinem Tod.
"Ich ertrug alle Haßreden meines Vaters. Ich hörte sie zwei Zentimeter vor seinem Gesicht an. Ich spürte den Speichel seines Hasses, der schwerer wiegt als der Speichel der Liebe, und ich bot ihm die Stirn, Auge in Auge, seinem Zorn, seiner Frustration, seiner so abstoßenden Ideologie. Solange ich ihn anhörte, sagte ich nichts, keinerlei Zustimmung, keine Regung, ich selbst aber war ein felsenfestes Nein."
Mit ihrem Buch erweist sich Isabela Figureido als "Nestbeschmutzerin" (ein Begriff aus dem Buch), wobei in Isabelas Fall das "Nest" nicht nur Portugal ist, sondern insbesondere ihre eigene Familie. 
Mit der Veröffentlichung von "Roter Staub" bezieht sie nicht nur Front gegen den portugiesischen Patriotismus sondern stellt auch noch postum den eigenen Vater bloß, indem sie ihn als Paradebeispiel des portugiesischen Kolonialherren zur Schau stellt.

Fazit:
"Roter Staub" ist ein mutiges und wichtiges Buch. Selten findet man Bücher über den Kolonialismus, die von Kolonialherren geschrieben wurden. Und wenn, driften diese schnell in die Schilderung einer romantischen Traumwelt ab, die bestenfalls für eine Hollywoodverfilmung geeignet wäre.
Isabela Figureido erzählt die schmutzige Wahrheit und scheut sich dabei nicht, sich selbst und ihre Familie zu beschmutzen. Ich habe großen Respekt vor diesem Mut und dieser Offenheit.

Leseempfehlung!

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten

Quelle: Pixabay/PublicDomainPictures
Am 4. April 1968 erschoss James Earl Ray im amerikanischen Memphis den Bürgerrechtler Martin Luther King. Rays anschließende Flucht führte ihn nach Lissabon, der Hauptstadt Portugals, die er als Zwischenstation nutzen wollte, um sich in eine der portugiesischen Kolonien in Afrika abzusetzen und somit vor dem Gesetz unterzutauchen. Der spanische Autor Antonio Muñoz Molina verbrachte etwa 40 Jahre später den ersten von mehreren Aufenthalten in Lissabon. Inmitten der Schaffensphase seines Romans "Der Winter in Lissabon" zog es ihn ebenfalls in Portugals Hauptstadt. Hier wollte er seinen Roman unter dem Einfluss des Flairs dieser Stadt mit der richtigen Würze versehen. Dieser Besuch hat gerade mal schlappe 3 Tage gedauert. 

In seinem aktuellen Roman "Schwindende Schatten", um den es in meiner Buchplauderei geht, erzählt er zum Einen James Earl Rays Geschichte, zum Anderen gewährt er einen tiefen Einblick in seine eigene schriftstellerische Arbeit sowie sein Seelenleben. Ray und Molina sind also die Protagonisten dieses Romans. Sie sind sich nie begegnet und haben keine Gemeinsamkeiten - abgesehen von dem Aufenthalt in Lissabon. Was hat Molina bewogen, sich auf diese schriftstellerische Verrücktheit einzulassen? Wie passen die unterschiedlichen Themen zusammen? Ein faszinierendes Rätsel, das durch den Roman „Schwindende Schatten“ hoffentlich gelöst wird.
Quelle: Penguin
"Für jemand, der von der Mitte des Platzes oder von den Kolonnaden aus um diese menschenleere Zeit zum Fluss hin schaut, muss ich eine einsame Silhouette sein, vollkommen abstrakt, die Hieroglyphe einer menschlichen Erscheinung, ein Schatten. Mit einem Mal kommt mir der Gedanke, dass vielleicht auch er einmal eine solche Silhouette war, eines Morgens im Mai vor fünfundvierzig Jahren, in dieser unveränderlichen Landschaft des leer gefegten viereckigen Platzes, der Bögen aus weißem Stein, gegenüber der Fluss, das Bronzepferd auf dem Sockel und der König mit dem Helmbusch, ..." 
Die beiden Geschichten werden parallel erzählt. Netterweise hält sich Molina an eine strikte Aufteilung seiner Kapitel: die ungeraden Kapitel behandeln sein Schriftstellerleben inkl. Schaffenskrisen. Die geraden Kapitel schildern die Flucht von Ray nach seiner verstörenden Tat. Insbesondere mit diesem Part hat mich Molina geflasht. Er lässt Ray selbst erzählen. Dabei taucht der Leser in die Gedankenwelt eines psychisch labilen Mannes. Man bekommt eine ungefähre Ahnung, was Ray dazu getrieben hat, das Attentat zu verüben. Eine schwere Kindheit, eine rassistisch geprägte Umgebung, kriminelle Veranlagung, Haftstrafen etc. etc. etc. Die Gedankenwelt des Ray ist jedoch schwer zu verstehen. Denn im Großen und Ganzen wird man das Gefühl nicht los, dass er sich seine eigene, leider völlig irrationale, Realität geschaffen hat, in der er nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen lebt. Er ist auf der Suche nach Anerkennung und Berühmtheit, die ihm das Verbrechen, das er begangen hat, verschaffen soll. Armer Wicht! Denn er überschätzt sich selbst, dichtet sich Fähigkeiten an, die er im Leben nicht besitzt bzw. besaß. Soviel zum interessanten Teil dieses Buches.
"Jeden Sonntag suchte er um neun Uhr abends eine Bar, die einen Fernseher hatte, um sich die Sendung FBI: Die zehn meistgesuchten Verbrecher anzusehen. Auf dem Höhepunkt der Sendung wurde rückläufig die Liste der zehn in den Vereinigten Staaten meistgesuchten Verbrecher präsentiert. Jeden Sonntag erwartete er, seinen Namen und sein Foto vom Haftbefehl auf der Liste zu entdecken."
Molina hat sein Schriftstellerdasein und die damit verbundenen Schaffenskrisen zum Anlass genommen, aus dem Schriftsteller-Nähkästchen zu plaudern. Schade, dass ihm diese Plauderei nicht gelungen ist. Denn leider fühlt man sich oft gelangweilt, zumal der Autor seine ganze Energie auf die Beschreibung eben dieser Schaffensprozesse verwendet. Dabei steht ihm seine Detailverliebtheit im Weg. Denn akribisch genau seziert er die Prozesse, beschreibt sein Gefühlsleben als Schriftsteller in einer Intensität, die mir stellenweise zuviel war. Stilistische Mittel wie Endlos-Aneinanderreihungen und verschachtelte Sätze, machen das Lesen nicht einfach. Dennoch blitzt zwischendurch immer wieder das schriftstellerische Können von Molina durch. Es gab tatsächlich Sätze, die mich innehalten ließen. Molina ist nicht umsonst ein angesehener Schriftsteller in Spanien, der bereits einige wichtige Literaturpreise absahnen konnte. Insofern schwankt man bei der Lektüre dieses Romans zwischen Faszination über die verquere Gedankenwelt eines Mörders und Langeweile bei der Schilderung des Schriftstellerdaseins eines bekannten Autors. Man kommt nicht umhin, zwischendurch immer wieder die Frage nach den Parallelen zwischen den beiden Handlungssträngen zu stellen. Eine Antwort wird man nicht so ohne weiteres erhalten, auch wenn man sich noch so sehr Mühe gibt.
"Ein Roman ist ein Geisteszustand, ein warmes Interieur, in das man sich zurückzieht, solange man schreibt; wie ein Kokon, den man Faser für Faser von innen webt und in den man sich einschließt, die Außenwelt jenseits dieser lichtdurchlässigen Hülle nur noch als vage Helligkeit wahrnehmend."
Mit der Zeit verwischt die strikte Unterteilung der beiden Handlungsstränge. Der Roman, der Anlass für den ersten Besuch von Molina in Lissabon war, ist mittlerweile geschrieben. Der Autor reist jedoch später wieder dorthin, um über den Aufenthalt von Ray in Lissabon zu recherchieren und daraus eine Geschichte entstehen zu lassen. Der Roman wird zu einem Matrjoschka-Buch - will heißen: Ich habe ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch ("Ein Winter in Lissabon") gelesen. Dann habe ich ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch (die Entstehung von "Schwindende Schatten"), über ein Buch (Rays Geschichte), in dem der Protagonist (Ray) ein Buch (im Gefängnis) schreibt, gelesen. Und ich bin sicher, dass ich irgendein Buch vergessen habe. Verwirrend!

Fazit:
Ich schwanke zwischen Langeweile und Faszination. Auf jeden Fall ist dieser Roman eine interessante Leseerfahrung und Herausforderung an den anspruchsvollen Leser.

© Renie

Donnerstag, 14. April 2016

Lasha Bugadze: Der Literaturexpress

Im Jahr 2000 gab es ein paneuropäisches Projekt namens "Literaturexpress 2000": Über 100 Autoren aus 43 europäischen Ländern, bestiegen in Lissabon den Literaturexpress und begaben sich auf eine Reise quer durch Europa. Über einen Zeitraum von 6 Wochen waren sie in besagtem Literaturexpress unterwegs, um Europa die Vielfalt der europäischen Literatur näher zu bringen. Während ihrer Stopps fanden Lesungen und Podiumsdiskussionen statt, bei denen die teilnehmenden Autoren die Gelegenheit hatten, ihre Werke dem geneigten Ohr der europäischen Leserschaft zu präsentieren.

Lasha Bugadze hat zu dieser spektakulären Literaturreise quer durch Europa einen Roman geschrieben, die - laut Klappentext - ein "paneuropäischer Irrsinn" war.

Im Mittelpunkt dieses Roman steht der 28-jährige Zaza, ein georgischer Autor, der bisher einen einzigen, leider wenig erfolgreichen Erzählband in seiner Heimat veröffentlicht hat. Er erhält die Einladung zur Teilnahme an dem Literaturexpress und fragt sich, warum man ausgerechnet auf ihn gekommen ist. Berechtigte Frage! Hat Georgien nichts Besseres zu bieten? Nun gut, zur georgischen Delegation gehört noch Zwiad. Aber der ist Lyriker. Und einen Lyriker mit einem Prosaisten zu vergleichen? Das ist, als ob man Äpfel mit Birnen vergleicht. Warum also Zaza? Leider erhält Zaza keine Antwort auf diese Frage, die er sich so häufig in diesem Roman stellen wird.
"Es ist schrecklich, als georgischer Schriftsteller geboren zu werden! Niemand interessiert sich für dich, du aber, durch diese Scheißegal-Haltung deiner Mitbürger bedrückt, schreibst trotzdem weiter ... Wobei es immer noch besser ist, Lyriker zu sein als Prosaist. Als Lyriker kannst du dich in deinem Hotelzimmer einsperren, dich besaufen, die anderen angiften, und später, wenn du Glück hast, schreibst du ein paar wutentbrannte Strophen runter. Und ich? Was zum Geier soll ich machen? Mit dem Trinken habe ich aufgehört, und Gedichte schreiben kann ich auch nicht." (S. 134 f.)
Zaza steckt voller Selbstzweifel. Während der Reise vergleicht er sich mit den anderen Schriftstellern. Er beobachtet und wundert sich. Die europäischen Kollegen stecken voller Ehrgeiz, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Eindrücke dieser Reise in möglichst geniale schriftstellerische Ergüsse einfließen zu lassen.
Zaza kann deren Ehrgeiz und Elan nicht teilen. Fehlt ihm das Schriftsteller-Gen, das ihn dazu bringt aus einer Idee eine Geschichte entwickeln zu können? Und so verbringt er seine Zeit in dem Literaturexpress mit Nachdenken. Dabei versucht er, möglichst unauffällig zu bleiben - bloß nicht auffallen, und beim nächsten Halt noch eine Lesung durchführen müssen!

Im Klappentext dieses Romans wird folgende Frage gestellt:
"Was passiert, wenn man hundert Schriftsteller in einen Zug steckt und quer durch Europa schickt?"
Eine Frage, die große Erwartungen beim Leser schürt! Hundert unterschiedliche, (hoffentlich) exzentrische Charaktere, die aufeinander prallen und über etliche Wochen miteinander klar kommen müssen. Das schreit doch nach einem Festival der Eitelkeiten! Aber das bietet dieses Buch leider nicht. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Teilnehmergruppe fast ausschließlich aus osteuropäischen Autoren besteht. Zwischendurch taucht mal ein Westeuropäer auf, der aber keinen Einfluss auf die Handlung hat und auch keinen bleibenden Eindruck beim Leser hinterlässt. Die Osteuropäer scheinen unter sich zu bleiben. Hier hätte ich mir doch mehr Konfliktpotenzial beim Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Mentalitäten erhofft. Zudem findet generell wenig Interaktion zwischen den Autoren statt. Insofern ist die Frage aus dem Klappentext ein wenig irreführend.
"Ich war mir sicher, dass alle ihre jeweiligen gegenwärtigen Eindrücke beschreiben und ihre romantisch-professionellen Seelenzustände schriftstellerisch, lyrisch oder was weiß ich noch wie festhalten wollten. Vor meinen Augen entstand bereits ein Riesenberg an literarischem Schund - der reinste Literaturersatz ohne jede Bedeutung! Ja, niemand hätte mich davon überzeugen können, dass genau jetzt, wenige Augenblicke nachdem sich unser Zug in Gang gesetzt hatte, auch nur einer imstande war, etwas literarisch Wertvolles und Interessantes zustande zu bringen. Alles nur Schwindler, weiter nichts!" (S. 48)
Bei diesem Roman bekommt man es also nicht mit einem Kulturkampf zu tun. Stattdessen präsentiert Lasha Bugadze eine Satire auf osteuropäische Schriftsteller. Dabei bedient er sämtliche Klischees, angefangen bei der Trinkfestigkeit, dem ungehobelten Benehmen und dem Ehrgeiz, in den Texten eine politische Botschaft zu verpacken und ihnen somit einen pseudo-intellektuellen Anstrich zu verpassen. Bugadze verwendet dabei einen Sprachstil, der mich überrascht hat. Mit osteuropäischer Literatur verbinde ich eine schwermütige, ein wenig düstere Sprache. Nicht so bei Bugadze. Er ist witzig, vermittelt die Geschehnisse während der Reise in einem sehr lockeren Stil, der an manchen Stellen fast schon eine heitere Stimmung produziert. Eine Stimmung, die einen stellenweise an die Ausgelassenheit einer Oberstufenklasse bei einem Schulausflug erinnert.
"Oder interessiert sich der New Yorker ausschließlich für Bulgarien? Wie soll ein Autor erraten, welche Region zum Beispiel im kommenden Jahr dran sein wird? Wo etwa ist der nächste Krieg geplant? Wo werden als Nächstes die Köpfe von Entführungsopfern rollen? Man sollte Ausschreibungen machen wie: 'Im Jahre 2030 werden Romane gefragt sein, die sich mit der UN beschäftigen!'" (S. 198)
Neben der Satire präsentiert Bugadze dem Leser noch eine  Liebesgeschichte, die doch gewisse Parallelen zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther" aufweist. Also er (Zaza) verliebt sich in sie (Helena), sie erwidert seine Liebe .... oder auch nicht ... blöderweise ist sie jemand anderem versprochen (bei Bugadze ist sie schon verheiratet)... zurück bleibt der unglücklich Verliebte, der sich bei Goethe das Leben nimmt, bei Bugadze aber nicht. Unglücklich ist Zaza trotzdem. Während der Zugfahrt schmachtet er Helena an, sucht ständig ihre Nähe und gewährt dem Leser einen tiefen Einblick in seine von Liebeskummer durchtränkte Seele. Die Gedanken, welche sich um seine Angebetete drehen, haben streckenweise spätpubertierende Ausmaße. Das kann für den Leser nervig werden, kann aber auch amüsant sein, vermutlich je nach Altersklasse des Lesers.

Fazit:
Mich konnte dieser Roman leider nicht überzeugen. Aufgrund des Klappentextes hatte ich auf eine Satire gehofft, die sich auf Eitelkeiten, Neid und Missgunst unter Autoren konzentriert. Ich habe auf Streitereien und Zickereien gehofft. Doch aufgrund der fehlenden Interaktion der Autoren, blieben die erhofften Reibereien zwischen unterschiedlichen Mentalitäten aus. Stattdessen bekam ich einen Einblick in die osteuropäische Schriftstellerseele.
Hinzu kommt, dass die Handlung mich nicht mitreißen konnte. Stetiges Dahinplätschern ist auf Dauer langweilig. Ein paar unvorhersehbare Wendungen hätten dem Spannungsbogen sicherlich gut getan.
Positiv hervorheben möchte ich den Sprachstil von Bugadze. Seine Leichtigkeit und Ironie entschädigen den Leser um einiges in diesem Buch. Auf alle Fälle hat Bugadze mit seinem Sprachstil bewiesen, dass man ihn als Schriftsteller durchaus auf dem Leseradar behalten sollte.

© Renie

Der Literaturexpress von Lasha Bugadze, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum: 1. März 2016
ISBN: 978-3-627-00223-7

Über den Autor:
Lasha Bugadze, geboren 1977 in Tbilissi, zählt zu den meistgelesenen Autoren Georgiens. Seine Romane und Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der International Radio Playwriting Competition der BBC. Lasha Bugadze lebt in Tbilissi und ist bekannt für seine Literatursendungen in Radio und Fernsehen.