Sonntag, 6. Juni 2021

Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete

Der niederländische Autor Arnon Grünberg tummelt sich in den unterschiedlichsten literarischen Gattungen. Er schreibt Romane, Reportagen, Essays, Gedichte, Filmskripte. Für viele seiner Werke ist er in seiner Heimat ausgezeichnet worden. Ich bin gespannt, wie sein aktueller Roman „Besetzte Gebiete“ in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Denn dieser Roman ist mutig, unbequem und vor allen Dingen schräg, wenn nicht sogar grotesk. Grünberg nimmt sich darin eines sehr sensiblen Themas an, bei dem die meisten Menschen der Nachkriegszeit sich in Zurückhaltung üben würden, aus Angst, dass ihnen die Political Correctness abgesprochen würde.

In "Besetzte Gebiete" geht es vordergründig um das Judentum und das Jüdischsein sowie die unterschiedlichen Standpunkte zu diesen Themen. Jeder, der sich öffentlich zu diesen Themen äußert, begibt sich auf dünnes Eis. Denn schnell wird man in die Nähe des Antisemitismus geschubst, sobald man nur den Verdacht einer Kritik am Judentum und dessen Auslegung äußert. Doch Grünberg scheint davor nicht bange zu sein, denn in seinem aktuellen Roman nimmt er das moderne Judentum auf brachiale Weise aufs Korn.
Quelle: Kiepenheuer und Witsch

Der Titel dieses Romans ist Programm. „Besetzte Gebiete“ – darunter versteht man in Israel das Westjordanland, in dem jüdische Siedler Land annektiert und sich dort niedergelassen haben – sehr zum Unwillen der Palästinenser, die das Westjordanland als ihr Eigentum ansehen. Vor lauter UN-Beschlüssen, die über die Jahre getroffen und wieder aufgehoben wurden sowie diversen Anektionen blickt man nicht mehr durch. Fakt ist: Jede Partei fühlt sich im Recht und beansprucht das Westjordanland für sich. Hinzu kommt auf israelischer Seite noch die vermeintlich religiöse Legitimation. Denn Palästina gehört zu demjenigen Land, das Gott den Juden verheißen hat (nachzulesen in der Hebräischen Bibel).
"... von hier aus hat er einen guten Blick auf die Siedlung, den umgebenden Zaun und etwas weiter auf eine andere Siedlung, daneben das palästinensische Dorf, leicht zu erkennen, nicht nur wegen des Minaretts, sondern auch, weil die Häuser dort nicht alle identisch aussehen, nicht wie die in der Siedlung, die man eher in einer Vorstadt von Fort Lauderdale erwarten würde. Was suchen diese Leute hier? Er würde es gerne verstehen. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Eine Schicksalsgemeinschaft? Die Sicherheit von Ritualen, durch die man sich nie mehr zu fragen braucht: Wie lebe ich richtig? Was ist ein gutes Leben? Rituale sind die Antwort auf alle Fragen, die heiligen Texte eine Gebrauchsanweisung, die keinerlei Zweifel zulässt, das Leben selbst reduziert auf die Frage der richtigen Interpretation dieser Texte."
Inmitten dieser schwierigen Verhältnisse landet ein niederländischer Psychotherapeut: Kadoke, jüdisch, wenn auch nur auf dem Papier. Kadoke ist der Protagonist dieses Romans, begleitet wird er von seinem senilen und gebrechlichen Vater.

Doch zunächst blicken wir zu Beginn des Romans auf die Zeit, vor Kadokes Ankunft im Gelobte Land. Wir erfahren, dass Kadoke in Amsterdam zuhause war und hier seine Zulassung als Psychiater verloren hat. Seine "alternativen Therapiemethoden" sorgten für einen Skandal. Die Folge für unseren Protagonisten: der Job ist weg, der Ruf ist ruiniert, er wird zum Opfer der Medien und zieht den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Seine alternativen Therapiemethoden bewirken also, dass er eine Alternative für sein bisheriges Leben benötigt. Und diese Alternative sieht er in Israel, wobei die Liebe ihm bei dieser Entscheidung geholfen hat.

Kadoke wandert also ins gelobte Land aus. Anat, die Frau, für die sein Herz schlägt, ist eine entfernte Verwandte, die ihn zufällig in Amsterdam besucht hat, und in die er sich scheinbar verguckt hat. Sie lebt in einem Kibbuz inmitten des Westjordanlandes. Hier tobt der Konflikt zwischen jüdischen und arabischen Siedlern, in dem es um die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Besiedlung des arabischen Landes durch jüdische Siedler geht. Anat ist eine, fast schon fanatische Verfechterin der jüdischen Argumentation. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Hier will nun Kadoke leben, der aus Amsterdam andere Wohn- und klimatische Verhältnisse gewohnt ist. Er versucht also, sich ein neues Leben aufzubauen, was sich als schwierig gestaltet. Denn das Leben mit seiner Freundin, der Schwiegermutter in spe sowie der Kibbuzgemeinschaft ist nicht einfach für jemanden, der zum Einen andere Lebensumstände gewohnt ist und zum Anderen überzeugter Atheist und Anti-Zionist ist.
"Der Horror dieser Leute, je wieder irgendwo eine unterdrückte Minderheit zu sein, ist so allesbeherrschend, dass sie ihre sämtlichen Aggressionen von vornherein als Notwehr gegen einen boshaften und heimtückischen Feind verteidigen."
Arnon Grünberg hat mit "Besetzte Gebiete" einen aberwitzigen und schockierenden Roman geschrieben. Vieles in dieser Geschichte scheint an den Haaren herbeigezogen, ist aber dennoch zum Brüllen komisch. Menschliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse prallen aufeinander, werden überspitzt dargestellt. Ich fühlte mich unweigerlich an die Filme von Monty Python erinnert, die sich mit ihrer Komik ständig an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt haben. Dieselbe Komik findet sich auch in diesem Roman wieder. 

Für mich ist "Besetzte Gebiete" eine groteske Satire. Doch hier kommt der Punkt, der mich durchgängig während der Lektüre dieses Romans beschäftigt hat: Was genau kritisiert Arnon Grünberg? Seine Kritik ausschließlich auf den Konflikt des Westjordanlandes zu begrenzen, erscheint im ersten Moment offensichtlich, hinterlässt jedoch Zweifel. 

Tatsächlich wäre ich nicht in der Lage, die Thematik dieses Romans in einem Satz zusammenzufassen . Allerdings könnte ich eine Riesen-Liste an Schlagwörtern erstellen, die mir während des Lesens eingefallen sind und bei denen ich jedes Mal gedacht habe: Stimmt ja, darum geht es auch.
Selbstverständlich würden die Wörter Judentum und Westjordanland ("Besetzte Gebiete") darauf stehen. Doch mir ist es zu wenig, diesen Roman darauf zu begrenzen. Ich sehe andere Aspekte. Um bei meiner Schlagwortliste zu bleiben: Standpunkte, Opfer/Täter, Selbstwahrnehmung, Gerechtigkeit, Moral, Doppelmoral, Glaube, Schubladendenken, Political Correctness, Leben und Lebenlassen ... und es gäbe noch vieles mehr, je länger ich darüber nachdenke.
Aber ich schaffe einfach nicht, diese Schlagwörter miteinander in Einklang zu bringen. Obwohl sie doch irgendwie zusammengehören, kriege ich die Aussage dieses Buches nicht auf den Punkt gebracht, was mich aber nicht stört. Stattdessen weiß ich, dass mich dieser Roman noch lange beschäftigen wird. Und ich mag Bücher, die mich nicht loslassen. Es gibt zuviele Bücher, die ich gelesen und für gut befunden habe. Nach ein paar Wochen hatte ich aber schon wieder vergessen, warum mir das Buch gefallen hatte. Bei diesem Buch wird mir das garantiert nicht passieren.

Fazit:
Eine verrückte Satire mit einem Humor, der sich an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt. So etwas muss man mögen, ich mag es. Die Kernaussage dieses Romans lässt sich kaum in Worte fassen, so dass dieser Roman mich noch lange beschäftigen wird. 

© Renie



Montag, 24. Mai 2021

Johannes Schweikle: Grobe Nähte

Johannes Schweikles Buch "Grobe Nähte" ist der "Roman einer deutschen Stadt". Am Beispiel von München erzählt er von Menschen, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten oder Kulturkreisen kommen. Diese Menschen haben außer ihrer Spezies sowie ihrem derzeitigen Lebensraum keinerlei Gemeinsamkeiten. Sie sind sich fremd, werden sich - wenn überhaupt, dann eher zufällig begegnen. Der Roman beschreibt ihren Alltag über einen Zeitraum von mehreren Monaten. 

"Warum singst ausgerechnet du das hohe Lied der Integration? Wie willst du mit Menschen aus fremden Ländern zusammenleben, wenn du einem Münchner Radfahrer nicht mal deinen Windschatten abgibst? ... Moral macht Spaß, wenn sie nichts kostet. Aber wehe, einer fragt, wie Multikulti funktionieren soll - dann sagst du, das sei Hass. Hängst du deine Gesinnung so weit raus, weil du ein schlechtes Gewissen hast, dass es dir unverschämt gut geht?"

Quelle: Kröner Verlag
Um diese Menschen geht es:

Familie Moser: Vater Korbinian - stellvertretender Redakteur einer namhaften Münchner Tagesszeitung, Karrieretyp, beruflich erfolgreich; Mutter Eva - war mal beruflich erfolgreich, jetzt widmet sie sich in Vollzeit der Aufzucht ihrer beiden Kinder, unterbrochen von Gelegenheitsjobs in ihrem "alten" Beruf als Foto-Journalistin.  Familie Moser ist wohlhabend, hip und stylish sowie in jeder Hinsicht politisch korrekt, umwelt- und ernährungsbewusst. 

Musikstudent Benedikt Scholl, der sich mit seiner Tuba mehr schlecht als recht durchs Leben bläst. Seine wenigen Engagements erlauben ihm keine großen Sprünge. Also lebt er in einer WG, lässt sich von seinem Bonanzarad durch München tragen und lebt in den Tag hinein.

Der afrikanische Profi-Fußballer Victor Akbunike, Starstürmer bei Münchens Starverein Bavaria München. Der weltberühmte Fußballverein bildet mit seinem Stadion und Vereinsgelände einen Kleinstaat in Bayerns Metropole. Victor ist der Vorzeige-Schwarze im Staat Bavaria. Seine Anhänger liegen ihm zu Füßen, und er darf sich alles erlauben, solange er sich an den Verhaltenskodex des Vereins hält und seine Torbilanz stimmt. Seinem Starimage entsprechend fährt er dicke Autos und lebt in einer schicken Villa.

Victor lebt noch nicht lange in München. Er ist frisch aus Nigeria eingetroffen, wo er von einem Talentscout entdeckt wurde. Aus armen Verhältnissen ins Paradies Bavaria München - Victor hat es also geschafft.

Andere Menschen, die in München ebenfalls frisch eingetroffen sind, aber es noch lange nicht geschafft haben, sind syrische Flüchtlinge. Denn der Roman spielt in der heutigen Zeit. Die Flüchtlingssituation bildet den groben Rahmen für das Geschehen in  diesem Roman, die Flüchtlinge selbst nehmen dabei jedoch keinen Anteil an der Handlung. Dennoch bestimmt ihre Gegenwart das Geschehen in diesem Roman. Denn der bloße Gedanke an die Anwesenheit der geflohenen Menschen reicht aus, , um den Frieden in Münchens Gesellschaft zu stören.

"In München sind wir konsequent. Wir schauen genau, was wo hingehört. Den Fußball verlegen wir dorthin, wo's genug Parkplätze gibt. Auch das Rotlicht kommt nach draußen, in den Sperrbezirk, die Innenstadt bleibt sauber. Es ist eine hiesige Spezialität, ordentliche Nähte zu ziehen." 

Johannes Schweikle hat mit "Grobe Nähte" einen bitterbösen satirischen Roman geschrieben. Ziel seines Spottangriffs ist unsere Gesellschaft, denn die hat es nötig, dass man ihr den Spiegel vor das selbstgefällige Gesicht hält. Herr Schweikle siedelt seinen Roman zwar in München an, doch steht die bayrische Hauptstadt stellvertretend für jede andere Groß- und Kleinstadt in Deutschland. Nun gut, nicht jede Stadt hat einen Fußballverein in der Größenordnung eines Bavaria Münchens, der in "Grobe Nähte" mit seinem Vereinsgelände und Stadion vatikan-gleich in München residiert. Dennoch sind die gesellschaftlichen Strömungen, die in Johannes Schweikles Roman zu finden sind, an jedem anderen Ort  unserer Republik anzutreffen. 

Wir Deutschen sind ein Land voller Egoisten und Gutmenschen geworden, neuerdings vegan, aber immer politisch korrekt.  Es ist verdammt einfach, den Menschenfreund zu spielen, solange das eigene egoistische Wohlbefinden nicht beeinträchtigt wird. München rühmt sich für seine Gastlichkeit. In "Grobe Nähte" werden die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft mit offenen Armen empfangen. Doch schnell zeichnet sich ab, dass diese Gastfreundschaft nur bis an die Schwelle der Komfortzone der Münchner Gesellschaft reicht.

Ich merke, dass ich mich gerade in Rage schreibe. Denn Johannes Schweikle hat mit seinem Roman "Grobe Nähte" einen wunden Punkt bei mir getroffen. Bis vor etwa einem Jahr war in Deutschland noch von der sogenannten Flüchtlingskrise die Rede, die ausreichend Material lieferte, dass sich der Egoismus in unserer Gesellschaft selbst bloßgestellt hat. Dieses Thema ist in den Hintergrund gedrängt worden, seitdem die Corona-Epidemie einen neue Bühne für die Zurschaustellung unserer Selbstsucht liefert. (Ich will jetzt nicht über diejenigen Menschen reden, die sich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen, weil sie beim Einkaufen einen Mundschutz tragen müssen - das ist Schnee von gestern!)

Ein Paradebeispiel für den Egoismus in unserer Gesellschaft ist für mich die Impfkampagne, die vor etwa einem halben Jahr begonnen hat. Denn mittlerweile ist aus der Covid-19-Epidemie ein Impffieber geworden. Menschen, die nach sozialer Gerechtigkeit und Einhaltung der Impfpriorisierung geschrien haben - schließlich müssen die Schwachen und Gefährdetsten in unserer Gesellschaft geschützt werden - sind bereits geimpft. Und das nicht erst seit gestern, sondern bereits in einem frühen Stadium der Impfkampagne. (Es geht doch nichts über Beziehungen und einer großzügigen Interpretation des Begriffs "Systemrelevanz".) Der deutsche Gutmensch fragt sich scheinbar: "Was interessiert mich mein Schrei nach Gerechtigkeit, wenn ich mir selbst am Nächsten sein kann?" 

"Es ist dunkel geworden. Von seinem Balkon kann Korbinian Moser den Efeu im Innenhof nicht mehr erkennen. Wohlig sitzt er in der Wärme, die jetzt genau richtig ist, er braucht keine Jacke. Nimmt noch einen Schluck Gin Tonic. Saugt am Trinkhalm, es gibt ein schlürfendes Geräusch im Glas. Er sitzt links neben Eva und legt seine Hand auf ihre rechte Schulter, Versucht, sie im Sitzen zu umarmen, und sagt überwältigt: Wir sind Weltmeister in Humanität!"

Herr Schweikle, es tut mir leid, dass meine Besprechung zu "Grobe Nähte" ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist. Nein, eigentlich tut's mir nicht leid, denn ich bin wütend über die Entwicklung unserer Gesellschaft. Mit ihrem "Roman einer deutschen Stadt" sprechen sie mir aus der Seele, und ich kann mir meine Gedanken einfach nicht verkneifen. 

Mein Fazit zu diesem Roman:

"Grobe Nähte" ist eine Gesellschaftssatire, die ungeheuer komische Momente hat, weil die überzogene Darstellung der Charaktere und ihres Lebens in der Wohlfühlstadt München einem Déja-Vu gleicht. Die Personen dieses Romans begegnen uns tagtäglich, und es werden leider immer mehr. Da hilft es uns nur, den Spiegel vor unser gesellschaftliches Antlitz zu halten, und hoffen, dass wir erkennen, was wir sehen. "Grobe Nähte" ist solch ein Spiegel.

Daher: Leseempfehlung, unbedingt!!!!

© Renie


"Grobe Nähte" von Johannes Schweikle (Kröner Verlag, Edition Klöpfer)

Mittwoch, 19. Mai 2021

Peter Terrin: Blanko


In dem Roman "Blanko" des flämischen Autors Peter Terrin will ein Vater nichts dem Zufall überlassen. Denn der Zufall könnte ihm das Wertvollste nehmen, das ihm noch geblieben ist. Also handelt er.
Bedeutungsschwere Worte, die aber in etwa wiedergeben, was in diesem Roman passiert.

Die Geschichte beginnt mit einer Beerdigung. Viktors Frau und Mutter des gemeinsamen Sohnes Igor wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Plötzlich ist Viktor also alleinerziehender Vater. Kaum auszumalen, was der Verlust der Mutter für Vater und Sohn bedeutet. Der Versuch, wieder in die Normalität zurückzukehren ist zum Scheitern verurteilt. Denn von Tag zu Tag wird die Welt für Viktor bedrohlicher. Der Tod seiner Frau hat in ihm Verlustängste ausgelöst, die sich ins Unermessliche steigern und seinen Beschützerinstinkt wecken.

"Ist denn nicht selbstverständlich, dass sich unter den Tausenden von Lehrern, die hier im Land arbeiten, auch ein paar schwarze Schafe befinden? Ich kann doch nicht der einzige Vater sein, der diese Möglichkeit in Betracht zieht?"

Peter Terrin erzählt mit "Blanko" eine Geschichte, die fassungslos macht. Es gibt sie in diesem Buch zuhauf - beklemmenden Lesemomente, die für großes Unbehagen sorgen. Die Geschichte wird aus der Sicht des Vaters erzählt wird, der in relativ kurzen Sätzen, die wohl überlegt und sachlich erscheinen, den Eindruck vermitteln, dass er aus tiefster Überzeugung handelt. Mit einer Selbstverständlichkeit, die schmerzt, Gefahren sieht, wo keine Gefahren sind und diesen mit wilder Entschlossenheit trotzt. Dieser sich steigernden Besessenheit des Vaters steht die Hilflosigkeit des Sohnes gegenüber.  Igor ist 10 Jahre alt. Durch die Erzählperspektive des Vaters betrachtet der Leser ihn ausschließlich aus der Sicht von Viktor. Die Entwicklung der Persönlichkeit von Igor hat so gut wie keinen Platz in der Gedankenwelt des Vaters. Denn diese wird von seinem übergroßen Schutzgedanken dominiert. Der Sohn erscheint daher lediglich als wertvolles Objekt, das es zu schützen gilt. Man kann nur vermuten, was in dem Jungen vorgeht, der durch das Urvertrauen, das Kinder ihren Eltern entgegenbringen, der Fürsorge seines Vater hilflos ausgeliefert ist.

"Er dachte an die Luft, die sein zehnjähriger Sohn in diesem Moment durch die Lungenbläschen einsog. Im Vergleich zu anderen Vätern kann ich mich glücklich schätzen, dachte er schließlich. Ich bin informiert und kann wenigstens Maßnahmen ergreifen."

Von Beginn an wird der Leser das Gefühl nicht los, dass das obssessive Verhalten des Vaters in eine Katastrophe münden wird. Der stetig ansteigende Spannungsbogen ist dabei kaum zu ertragen, so dass man den Ausgang der Geschichte leider als Erleichterung empfinden wird.

Fazit:

"Blanko" von Peter Terrin ist ein unbequemer Roman, dessen Lektüre von Unbehagen und Fassungslosigkeit begleitet wird. Denn der belgische Autor erzählt auf eine sehr eindringliche und Nerven zerreissende Weise die Geschichte eines Vaters, der doch nur seinen Sohn beschützen wollte. "Blanko" ein Roman, der den Begriff "Helikopter-Eltern" zu neuen Dimensionen führt!

Leseempfehlung!

© Renie

"Blanko" von Peter Terrin (Liebeskind Verlag, ET Februar 2021)

Samstag, 8. Mai 2021

Peter Blickle: Andershimmel

Johannes, Protagonist des Romans "Andershimmel" von Peter Blickle, hat seine Kindheit und Jugend in einem schwäbischen Dorf mit dem klangvollen Namen Himmelreich verbracht

Mit 17 haute er ab und ließ seine Zwillingsschwester Miriam zurück. Er ging nach Amerika, baute sich hier sein Leben auf und kehrt erst Jahre später nach Himmelreich zurück. Und der Himmel ist anders geworden, als derjenige, den er vor 30 Jahren verlassen hat. 

„Andershimmel“ - ein Roman von Peter Blickle, der von den Menschen in eben diesem Himmelreich erzählt. 

Die Bewohner des Dorfes Himmelreich gehören einer christlichen Gemeinschaft an. Das Leben verläuft in streng geordneten Bahnen nach Gottes Geboten und in Demut vor dem Herrn. Die Gemeinschaft unterliegt dem Patriarch. Männer sind die Bewahrer des Glaubens und Seiner Gebote. Frauen spielen eine untergeordnete Rolle. Und Kinder werden als Geschenk Gottes angesehen und geliebt. Denn Himmelreich ist ein Ort der Liebe. 
"Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten." (Quelle: Lutherbibel 2017, Sprüche13,24)
Solange diese Kinder klein sind, ist für sie das Leben in einem Dorf wie Himmelreich eine Normalität, die von ihnen nicht in Frage gestellt wird. Doch spätestens mit der Pubertät kommen Zweifel auf, und die Jugendlichen geraten an einen Scheideweg: ein Leben führen wie die Eltern? Himmelreich für ein eigenes Leben verlassen? Die Entscheidung fällt den Jungen leichter als den Mädchen. Denn Mädchen werden in Himmelreich zur Demut, Keuschheit und Gehorsam erzogen, nicht nur vor den Eltern, sondern auch vor Gott.
Quelle: Alfred Kröner Verlag

"Er war das Dürfen. Sie war das Sollen. Sie war das Gute, Züchtige, Fleißige, Ordentliche, Saubere und Treue. Er war das Gehen, das Sehen, das Neugierige.
Sie war, wie sie war. GOtt wollte, dass sie so war."
Von den Zwillingsgeschwistern dieses Romans wird daher Miriam ihr Leben in Himmelreich weiterleben, Ehefrau und Mutter werden sowie dem Herrn dienen. Johannes wird mit 17 nach Amerika gehen, hier ein eigenes Leben aufbauen und seine Vergangenheit hinter sich lassen. So denkt er.

Der Roman setzt 30 Jahre später ein, aus Johannes ist ein anerkannter Wissenschaftler geworden. Eines Morgens erhält er einen Anruf aus der alten Heimat: Miriam hat sich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen und braucht nun ihren Bruder. 

Erinnerungen, die Johannes bis dato verdrängt hat, werden wieder erschreckend präsent. Und Johannes erinnert sich an seine Vergangenheit in Himmelreich, so dass sich nach und nach ein Bild aufbaut, das das Leben in dem Dorf in aller Klarheit beschreibt.

Etwa zur Hälfte des Romans werden die Erinnerungen von der Gegenwart abgelöst. Denn Johannes folgt dem Hilferuf seiner Schwester und reist nach Deutschland, um ihr in der schweren Zeit beizustehen. Doch Miriam, die ihm in der Kindheit eine Seelenverwandte war, ist ihm mittlerweile fremd geworden. Erst nach und nach kommt es wieder zu der Nähe und Vertrautheit, die die beiden Zwillinge in ihrer Kindheit und Jugend erlebt haben.  

Johannes muss feststellen, dass auch das Himmelreich nicht vor Veränderungen gefeit ist. Im Dorf hat über die Jahre ein langsamer Wandel stattgefunden. Zum Dorfbild gehören plötzlich Menschen anderer Hautfarben und Religionen. Die Gemeinde hat syrische Flüchtlingsfamilien aufgenommen und unterstützt sie bei den Bemühungen, sich ein neues Leben in Deutschland aufzubauen. 
Diese Veränderungen im Alltag des Himmelreichs bewirken, dass der Begriff "Heimat" für Johannes langsam seinen Schrecken verliert. Und wie schon vor 30 Jahren steht er wieder vor einer Entscheidung, welche sein weiteres Leben betreffen wird.
"Durchgefallen war sie. Bei der Führerscheinprüfung. Dabei habe sie alles richtig gemacht. ... Nur eine Sache hatte sie nicht ganz richtig gemacht. ... Beim Paralleleinparken war sie durchgefallen. ... Drei Jahre Fahrpraxis in Kriegsgebieten und auf Wüstenstraßen, Bombenkrater ausgewichen und einen Ziegenbock in der Nacht getötet - all das zählte nicht, wenn man in Deutschland nicht parallel parken konnte."
Peter Blickle beschreibt das Leben in einer religiösen Gemeinschaft, die den Glauben an Gott auf extreme Weise praktiziert. Seine Kritik an dieser Religionsauslegung erfährt man durch Zweideutigkeiten und dem Lesen zwischen den Zeilen. Textpassagen, welche sich auf den religiösen Aspekt seiner Geschichte konzentrieren, werden von Bibelversen und Frömmigkeit durchtränkt. Sobald sich der Text auf Gott und dessen Gebote konzentriert, wählt der Autor eine eigene Schreibweise, in dem er das Wort "Gott" sowie dessen Synonymen, Pronomen u. ä. mit zwei Großbuchstaben beginnen lässt:
"Sie lebten in diesem Dorf auf IHn zu. In IHm. Durch IHn. Mit IHm. Gelobt sei DEr, DEr da kommt. Der EInzige. Der EWige. Der HÖchste. Der GEbieter über Himmel und Erde."
Durch diese stilistische Übertreibung wird eine fast schon atemlose Ehrfürchtigkeit und Demut demonstriert, die man einfach nicht ernst nehmen möchte. 

Dies ist nicht die einzige Eigenwilligkeit, die sich in Peter Blickles Sprachstil finden lässt. Die Handlung wird bis kurz vor dem Ende des Romans aus der Sicht von Johannes geschildert. Dabei tauchen wir in seine Gedankenwelt ein, die sehr analytisch ist. Jede Überlegung, jeder Gedanke wird von ihm nahezu seziert. Er durchspielt dabei unterschiedliche Sichtweisen, in dem er versucht, sich in die Denkweise anderer hineinzuversetzen. Das Resultat ist dabei ein Gedankenchaos, das sich glaubhaft in einer stakkatoartigen und bruchstückhaften Sprache ergießt. 

Die offensichtliche Meinung des Autors zu der Religionsauslegung in Himmelreich legt natürlich nahe, dass er beim Leser dieselbe Ablehnung hervorrufen möchte. Ich habe generell ein gestörtes Verhältnis zu Romanen, die den Gutmenschen im Leser ansprechen, in dem sie mit einer Geschichte plumpe Empörung hervorrufen wollen. Diese Effekthascherei ist in "Andershimmel" in keinster Weise zu finden. Ganz im Gegenteil. Auf sehr subtile Art liefert Peter Blickle viele unterschiedliche Denkansätze, die eine eigene Meinungsbildung des Lesers zulassen.

Der Roman "Himmelreich" zeichnet sich durch seine Vielschichtigkeit aus. Man beginnt dieses Buch als eine Geschichte, die die religiöse Weltanschauung einer christlichen Gemeinschaft auf den Prüfstand stellt. Doch im Verlauf der Geschichte zeichnen sich weitere Aspekte ab, die dieses Thema ergänzen: Geschlechterrollen, Integration und Identitätsfindung.

Am Ende wird man feststellen, dass es in diesem Buch nicht so sehr um Religion geht, sondern eher um die Frage, welchen Anteil Religion und Weltanschauung sowie Geschlecht und Nationalität an der Identität eines Menschen haben. Eine schwierige Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Daher ist "Andershimmel" kein Buch für zwischendurch, sondern ein Roman, der den Leser fordert - während der Lektüre und noch lange danach.

Leseempfehlung!

© Renie


Donnerstag, 29. April 2021

Helga Schubert: Vom Aufstehen

Aus sportlicher Sicht bin ich eher der Mittelstrecken-Leser. Ab und zu wage ich mich auch an die Langstrecke. Aber Kurzstrecke ist nicht so meins. Denn habe ich gerade meine Lesegeschwindigkeit erreicht, ist der Leselauf bereits vorbei. 

Anders ausgedrückt: Ich lese höchst selten Kurzgeschichten und Erzählungen. Wenn allerdings die Autorin einer Erzählung das Prädikat Bachmann Preisträgerin trägt, begebe ich mich auch mal auf eine Kurzstrecke, so geschehen bei Helga Schuberts Lebensgeschichten "Vom Aufstehen". Mit der titelgebenden Geschichte gewann Frau Schubert in 2020 den Ingeborg Bachmann Preis.

Die Geschichten in diesem Buch beinhalten Erinnerungen und Episoden aus Helga Schuberts Leben, genauso wie Gedanken über das Leben und Alter(n) an sich. Frau Schubert ist mittlerweile Anfang 80 und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren und aufgewachsen in der DDR, hat sie sich in späteren Jahren bereits hier einen Namen als Schriftstellerin gemacht. Als erfolgreiche DDR-Schriftstellerin hatte sie das Privileg, berufliche Reisen in fremde Länder zu unternehmen. Sie erlebte die Wende und die Maueröffnung, engagierte sich politisch und schrieb auch später noch das eine oder andere Buch. Ihre Heimat hat sie nie verlassen. Sie lebt nach wie vor in den neuen Bundesländern (sofern man heute noch von "neu" sprechen kann). Mittlerweile ist es ruhiger um Frau Schubert geworden. Doch sie hat immer  noch viel zu erzählen, wie sie mit dem Buch "Vom Aufstehen" unter Beweis stellt.

Sie erzählt darin von ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, sie erzählt von ihrem Leben als DDR-Schriftstellerin und Bürgerin der DDR, sie erzählt von ihrem Leben als Bürgerin der BRD und sie erzählt vom Alter(n). 
"In allen Zügen sitze ich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sehe in die entschwindende undeutlicher werdende Landschaft, sie trennt sich von mir und bleibt doch da, bei jeder Fahrt erkenne ich sie erst, wenn sie schon vorüber ist. In der Fahrtrichtung sitzend, bin ich der Zukunft ohnmächtig ausgeliefert, kann ich nicht entweichen, müsste die Augen schließen oder wegsehen, mich unterhalten, lesen, die Sonne mit all ihren Schatten stürzt durch die Scheibe, in mich hinein, ist in mir gefangen.
Ich sehe in die Vergangenhiet, wende mein Gesicht in die Schatten und spüre die Wärme der Sonne in meinem Rücken."
Ich kann nicht behaupten, dass mich jedes Kapitel abgeholt hat. In Summe waren es diejenigen Kapitel, die das Alter(n) betreffen, die mir sehr viel gegeben haben. Frau Schubert legt im Alter eine Haltung an den Tag, die ich mir für mich ebenfalls erhoffe: Gleichmut und Freude gegenüber dem, was noch kommt, ohne die bange Frage zu stellen, wieviel Zeit noch bleibt. Unduldsamkeit gegenüber Menschen und Dingen, die einem nicht gut tun. Niederlagen, Verluste und Tiefschläge als Teil seines Lebens zu akzeptieren, und die dazu beigetragen haben, dass man zu dem Menschen geworden ist, der man ist.

Die Eindrücke, die ich aus diesen besonderen Episoden über das Alter(n)mitgenommen habe, überdecken die Ratlosigkeit oder Ungerührtheit, die andere Geschichten dieses Buches bei mir erwirkt haben. Dies sind Geschichten über das Leben und Ereignisse in der DDR. Oder aber auch Geschichten, deren tieferer Sinn sich mir entzog und meine Interpretationsfähigkeit an ihre Grenze brachten. 

Schriftstellerisch betrachtet beherrscht Frau Schubert die Schreibkunst ganz hervorragend. Diejenigen Geschichten, die mir gefallen haben, strahlen eine große Ruhe und Poesie aus. Die Autorin ist unglaublich wortgewandt und tiefgründig. Aber diese Tiefgründigkeit findet sich erst, wenn man Frau Schuberts Geschichten die volle Aufmerksamkeit schenkt, sich also weder äußerlich noch innerlich von irgendetwas ablenken lässt. Bei Frau Schubert scheint jedes Wort wohl überlegt zu sein. Sie schreibt nicht, um dem Leser zu gefallen, sondern um mit sich selbst im Einklang zu sein. Auch ein Vorzug des Alter(n)s: Das zu machen, was man will und nicht das, was andere von einem erwarten.
Viele werden dieses Buch vermutlich anders wahrnehmen als ich. Aber das macht gute Literatur aus: wenn bei jedem Leser eine eigene Wirkung erzielt wird, wird das Gelesene für den Leser sehr persönlich. Und das kriegen nur die wenigsten Autoren hin.
"Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht auch hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz.
Mein unveräußerlicher."
Wie bewerte ich nun einen Erzählband, dessen Geschichten mir mal mehr und mal weniger gefallen haben? Nach dem Mehrheitsprinzip? Je mehr positiv wahrgenommene Geschichten, umso besser fällt das Gesamturteil aus? Nein, ich bewerte dieses Buch anhand der Nachhaltigkeit dieses Buches, die bei mir durch einzelne Kapitel hervorgerufen werden. Es reichen einige wenige Geschichten aus, die bei mir den nötigen bleibenden Eindruck hinterlassen, um dieses Buch als besonderes Lesevergnügen weiter zu empfehlen.

© Renie

Sonntag, 25. April 2021

Fiona Mozley: Elmet

Das kleine Königreich Elmet, das zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert inmitten Britanniens lag, war den Königreichen in seiner Nachbarschaft ein Dorn im Auge. Und frei nach Schillers „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt", wurde Elmet in schöner Regelmäßigkeit von den Nachbarkönigreichen gestürmt und erobert.
Der Debütroman "Elmet" von Fiona Mozley spielt in der heutigen Zeit, etwa zum Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts. Doch geändert hat sich in Bezug auf die Nachbarschaft seither nicht viel.

Sein persönliches Elmet hat sich John Smythe mit seinen Kindern Cathy und Daniel erschaffen, als sie sich in einem Waldstück in der Nähe von Doncaster, einer Stadt in Middle England, niederlassen. Vater John ist eine Naturgewalt. Sehr groß und bärenstark hat er sich über Jahre seinen Lebensunterhalt als Faustkämpfer bei illegalen Wettkämpfen verdient. Darüber hinaus nahm er immer wieder Aufträge an,  die darin bestanden, Gefallen und Forderungen seiner Auftraggeber mit dem nötigen körperlichen Nachdruck einzufordern. John Smythe ist also kein Mann, dem man allein im Dunkeln begegnen möchte.
Doch diese brutalen Zeiten will er hinter sich lassen. Denn man glaubt es kaum, aber John ist ein liebevoller Vater, der seinen Kindern ein Zuhause bieten möchte, in dem sie sich frei entfalten können. Die ersten Jahre ihrer Kindheit haben Cathy und Daniel bei ihrer Oma in Doncaster verbracht – der Vater war „beruflich“ viel im Land unterwegs, und die Mutter zeigte kein Interesse an ihren Kindern.
"So brutal Daddy auch sein konnte, er mochte andere Menschen. Er empfand für sie die gleiche Zuneigung wie ein Jäger für seine Beute, tief und ernsthaft, aber mit kühlem Blick. Er hatte nur wenige Freunde und sah sie fast nie, doch die Menschen, die er schätzte, hielt er in Ehren wie seltene Souvenirs. Um diese Leute kümmerte er sich."
Als die Oma stirbt, verlässt die Familie die Stadt und sucht sich ein neues Domizil in einem abgelegenen Waldstück in der Umgebung. Die Kinder sind mittlerweile im Teenageralter. Vater John baut ein Haus, wird zum Selbstversorger und versucht, das Stadtleben weitestgehend zu meiden. Cathy und Daniel wachsen anders als Jugendliche ihres Alters auf. Sie gehen nicht zur Schule, lernen, in und mit der Natur zu leben und sind sich innerhalb ihrer kleinen Familie genug.
Doch einigen Menschen aus Doncaster ist der eigenwillige Mann mit seinen ungewöhnlichen Kindern ein Dorn im Auge. Wie die kleine Familie damit umgeht, und wie sich ihr Leben entwickeln wird, erzählt der Roman „Elmet“. 

Natürlich stellt sich die Frage, wie man in unserer heutigen Zeit losgelöst von Konventionen und Gesetzen leben kann - so, wie John es mit seinen Kindern macht. Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Schauplatz begründet. Die Autorin Fiona Mozley konzentriert sich in ihrem Roman auf die hässlichen Seiten einer Industriestadt: Ihr Doncaster ist ein Ort, der von Menschen besiedelt ist, die am Rand der Gesellschaft leben. Arm, arbeitslos, kriminell, gewalttätig – die Menschen vereinen sämtliche Eigenschaften, die man bei seinen Nachbarn nicht oder höchst ungern haben möchte. Die Häuser sind heruntergekommen, die Grundstücke sind verdreckt. Entweder hat der Staat die Menschen in Doncaster vergessen oder diese haben alles dafür getan, dass sie vergessen werden. Die Menschen lösen ihre Konflikte auf ihre eigene Art. Das einzige Gesetz, das hier Anwendung findet, ist das Recht des Stärkeren. Und die Starken sind in dieser Gegend die Männer mit Geld und Macht, die sie sich mit zwielichtigen Geschäften und Gewalt erkämpft haben und erhalten wollen. 
In Doncaster ist die Welt also nicht in Ordnung und das Leben in dieser Stadt kein glückliches und zufriedenes, sondern ein entbehrungsreiches, inmitten von Armut und Hässlichkeit. 
Es ist daher nachvollziehbar, dass ein Vater wie John Smythe, der sein Leben bisher unter diesen Umständen gelebt hat, seinen Kindern eine bessere und behütetere Zukunft bieten möchte und sie von dem Einfluss von Doncaster fern halten will. 
Der Leser wird durch diesen Roman in eine dystopische Stimmung versetzt. Der Text atmet förmlich Brutalität, Armut, Schmutz und Hässlichkeit. Dem gebenüber steht der Sprachstil der Autorin, der es schafft, dieser Hässlichkeit, einen wunderschönen und poetischen Anstrich zu verpassen. 
"Aber unser Haus war stabiler als andere seiner Art. Es war aus besseren Ziegeln, besserem Mörtel, besseren Steinen und besserem Holz gebaut. Ich wusste, es würde viel länger stehen bleiben als die anderen Häuser an den in die Stadt führenden Straßen. Und es war schöner. Das grüne Moos und der Efeu aus dem Wald waren begieriger, nach seinen Wänden zu greifen, bereitwilliger, es in die Landschaft zurückzuholen. Mit jeder neuen Jahreszeit sah es älter aus, als es war, und je länger es da zu sein schien, desto länger würde es bleiben. Wie alle richtigen Häuser und jene, die sie ihr Zuhause nennen."
John und seine Kinder, von denen Daniel der Ich-Zerzähler ist, sind sehr introvertierte Menschen, die zurückgezogen leben und nur ungern etwas von sich Preis geben. Und genauso begegnet einem dieser Roman. Man muss sich diese Geschichte erarbeiten. Ich-Erzähler Daniel ist sehr zurückhaltend mit seinen Informationen, die die Geschichte seiner Familie betreffen. Erst nach und nach öffnet er sich dem Leser, so dass dieser weiß, wo die Handlung hinführen wird. Und ich kann nur jedem, der sich für dieses Buch interessiert, empfehlen, die Buchbeschreibung des Verlages nicht zu lesen, die leider einige Informationen vorab liefert. Dieses Nichtwissen, was einen in diesem Buch erwartet und das Hangeln von Information zu Information, die während der Handlung hinzukommt, erhöhen die Spannnung auf ein fast schon unerträgliches Maß. 

Fazit:
"Elmet" ist ein unglaublich eindringliches Buch, das mich durch seine ungewöhnliche Mischung aus dystopischer Hässlichkeit und poetischer Schönheit mehr als überzeugt hat. In seiner Heimat Großbritannien ist dieser Debütroman von Fiona Mozley in der Presse gefeiert worden und stand im Erscheinungsjahr 2017 auf der Short List des Man Booker Prizes. Ich kann mich dieser Begeisterung nur anschließen. 

© Renie




Sonntag, 18. April 2021

Dana Grigorcea: Die nicht sterben

Was habe ich da nur gerade gelesen? Der Roman "Die nicht sterben" von Dana Grigorcea ist ungewöhnlich, außergewöhnlich, rätselhaft, mysteriös, politisch, blutig, satirisch ..... und einiges mehr. Er ist also vieles, aber eines ganz sicher nicht: langweilig ... auf gar keinen Fall! 
Die Autorin Dana Grigorcea wurde in Rumänien geboren und in Rumänien spielt auch ihr Roman - genauer gesagt in der Walachei. Die Walachei grenzt an Transsilvanien, und ist die Rede von Transsilvanien denkt man sofort an Graf Dracula, der dort ein Schlösschen hatte und eigentlich ein Fürst war, nämlich Fürst Vlad III, auch als "der Pfähler" bekannt. 

Und die Aura des, vor ca. 700 Jahren lebenden legendären Adeligen ist auch heute noch in diesem Landstrich zu spüren - genauso wie in dem Roman "Die nicht sterben". Der vielsagende Titel dieses Romanes erweckt Assoziationen, die man mit unsterblichen Vampiren in Verbindung bringt. Alles in allem versetzt uns die Autorin an ein Setting, das den Mythos Dracula förmlich "atmet". 
„Nun will ich Ihnen aber die blutrünstige Geschichte erzählen, die sich in B. zugetragen hat; ich rufe ihn als Zeugen auf, meinen Vorfahren Vlad den Pfähler, dessen Blut in meinen Adern fließt."
Quelle: Penguin
Ich-erzählende Protagonistin dieses Romans ist eine Kunststudentin, die den Sommer bei ihrer Großtante "Mamamargot" im rumänische B. verbringt, wie jeden Sommer seit sie denken kann. In der Kindheit der Protagonistin war die Sommerresidenz von Margot zur Zeit Ceaucescus vom Staat enteignet. Die Großtante mietet sich daher in das eigene Anwesen ein, um hier den Urlaub in vertrauter Umgebung verbringen zu können. Margot gehört der höheren Gesellschaft an und scharrt einen großen Freundeskreis aus Adeligen, Künstler, Intellektuellen um sich. Diese Freunde geben sich in Margots Sommerresidenz quasi die Klinke in die Hand und gemeinsam frönt man dem Laissez-faire. 

Nach dem Sturz des Diktators Ceaucescu und dem damit verbundenen politischen Umbruch geht das Anwesen wieder in Margots Besitz über. Der Ort verändert sich. Die Menschen ziehen aus der abgelegenen Gegend weg. Die Häuser verfallen. Das Dorf scheint auszusterben. 

Mit dem Namen Dracula verbinden sich Mythen und Geschichten, deren Faszination  sich keiner entziehen kann. Was die politischen Oberen dieses Ortes für sich ausschlachten und somit dem wirtschaftlichen Niedergang dieser Gegend entgegenwirken wollen. Tourismus muss her.
„Ansonsten schlenderten die Touristen umher und schauten sich nach einem möglichen Dracula oder nach Vampiren um; und sie legten dabei eine ungewöhnliche Bereitschaft an den Tag, alles hier bizarr zu finden, primitiv und abstoßend. Wie bestellt kamen die wenigen Bauern aus ihren Häusern hervor und liefen mit grimmigen Mienen umher, lebendige Beweise für ihre vermeintliche Andersartigkeit." 
Doch nicht nur die Touristen lassen sich von den Geschichten um Dracula vereinnahmen. Auch die Ich-Erzählerin verfällt dem Bann des Mythos. Doch ist es nur ein Mythos? Denn irgendetwas geschieht in der Gegend und mit der Ich-Erzählerin - Dinge, die sich nicht mit dem gesunden Menschenverstand erklären lassen. 

In Dana Grigorceas Roman treffen Aberglauben und Tradition auf das moderne Leben und seine "Errungenschaften". Dieses Aufeinanderprallen von Archaismus und Fortschritt ist schon sehr krass. Ein Bild das dies mehr als verdeutlicht ist sicherlich ein Moment, wenn mit Handys bewaffnete Touristen über uralte Gräber trampeln, auf der Suche nach einem Hintergrundmotiv für das ultimative Selfie. Dabei entsteht beim Lesen ein merkwürdiges Unbehagen, das nicht durch die Respektlosigkeit gegenüber der Geschichtsträchtigkeit entsteht, sondern eher durch drohende Konsequenzen auf diese Respektlosigkeiten. Man wartet voller Spannung auf das, was da kommen könnte – selbst wenn sich dies nicht mit Logik und Verstand erklären ließe. 
„Ich erinnere mich an viele Details, die ich aber mit den späteren Berichten aus den Medien vermischen mag, wobei mir das persönlich Erlebte rückblickend unwirklich erscheint. Ich habe mit mir gehadert. Ist mein Vorsatz, bei der Wahrheit zu bleiben, überhaupt einzuhalten, wenn sich die Erinnerung bruchstückhaft darstellt?"
Die Autorin setzt dabei auf die Vorstellungskraft des Lesers. Denn sie lässt vieles im Ungewissen, wobei Unausgesprochenes und Andeutungen eine ganz eigene Wirkung erzielen, die durch einen poetischen Sprachstil voller Farbenpracht und kraftvoller Bilder noch verstärkt wird. 
Ein ungewöhnlicher und rätselhafter Roman! Leseempfehlung!

© Renie