Sonntag, 14. Februar 2021

Andrew Ridker: Die Altruisten

Quelle: Pixabay/alexas_fotos
Als Altruisten bezeichnet man eine Person, die uneigennützig und selbstlos handelt. Sie stellt ihr eigenes Wohlergehen hintenan und ist darauf fixiert, dem Wohl eines Anderen bzw. dem Gemeinwohl zu dienen, selbst, wenn es auf ihre eigenen Kosten geht.
In Andrew Ridkers Roman "Die Altruisten" geht es also um besagten Menschenschlag - sollte man meinen. Doch ich kann es drehen, wie ich will: eingefleischte Altruisten sind mir in diesem Roman nicht vor die Lesebrille gekommen. Oder doch?

Die Geschichte führt uns nach Amerika, genauer nach St Louis. Hier ist die Familie Alter auf Bestreben des Familienoberhaupts Arthur aus der Großstadt New York hergezogen. Das erfahren wir gleich in dem Epilog dieses Romans. Darin begegnet uns auch diejenige Person, die meine persönliche Heldin in diesem Roman ist: Francine, Ehefrau von Arthur und Mutter von Maggie und Ethan. Francine ist dem Ruf ihres Gatten gefolgt und hat eine gut dotierte Anstellung in New York aufgegeben, um ihrem Arthur den Karriereweg zu ebnen. Das mit der Karriere hat er sich zumindest so ausgemalt. Doch die Realität sieht anders aus: Herausgekommen ist eine befristete Stelle als Dozent an der Uni, die hoffentlich jedes Jahr verlängert wird. Dabei ist der grummelige Arthur, nicht besonders talentiert, wenn es darum geht Wissen zu vermitteln. Er selbst sieht das jedoch anders. Und so fristet der verblendete Arthur ein trübes Dasein an der Lehranstalt und redet sich sein Leben schön.
Quelle: Penguin Randomhouse
"'Wenn man sagt, dass eine Ehe eine gewisse Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft erfordert, ist oft nur einer gemeint.'"
Diejenige, die den Lebensunterhalt der Familie finanziert, ist Francine, die neben Haushalt und Kindererziehung noch so ganz nebenbei als Paartherapeutin arbeitet, wofür sie auch ein Händchen hat. Wäre sie in New York geblieben, wäre sie erfolgreich wie nur was. Aber was tut frau nicht alles für den Göttergatten. 
Oh. Da haben wir ihn ja, den Altruismus: völlig selbstlos stellt Francine ihre eigenen Interessen und Karriere hintenan, damit es der Familie und Ehemann gut geht. Francine ist meine Heldin!
Einige Jahre vergehen in der Geschichte. Leider müssen wir feststellen, dass Francine mittlerweile verstorben ist. Die beiden Kinder sind ausgezogen und haben den Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen. Aber leider sind sie das Produkt der Erziehung ihrer Eltern, wobei blöderweise der väterliche Einfluss nachhaltigere Auswirkungen auf die Persönlichkeit der Kinder hat als der Einfluss der Mutter. Der schwule Ethan konnte es seinem Vater nie Recht machen. Da konnte Arthur noch so sehr auf toleranten Akademiker machen. In Wirklichkeit konnte er nie verknusen, dass sein Sohn Männern zugetan ist. Die Komplexe, die sich bei Ethan in seiner Kindheit und Jugend enwickelt haben, wird Sohnemann nicht los. Maggie ist die Zornige der beiden Geschwister. Ist Ethans Respekt vor seinem Vater immer noch so groß, dass er seine Ablehnung ihm gegenüber nicht offen zeigen kann, hält Maggie damit nicht hinter dem Berg. Sie ist auf Krawall gebürstet, sobald es um ihren Vater geht. Komischerweise ist sie ihrem Vater am ähnlichsten. Als junger Erwachsener hatte er eine Phase, die ihn dazu brachte, wohltätig aktiv zu werden. Dass es am Ende dabei nur um seinen beruflichen Erfolg ging, ist für ihn fast nicht erwähnenswert, schließlich zählt die Geste. Auch Maggie hat dieses Wohltätigkeitsgen. Bei ihr ist es allerdings ausgeprägter, als es bei ihrem Vater jemals war. Aufopferungsvoll bringt sie ihre Hilfsbereitschaft unters Volk, am liebsten unentgeltlich. Denn schnöder Mammon ist in ihren Augen moralisch verwerflich. Noch eine Altruistin!

Es ist nicht verwunderlich, dass Arthur auch nach dem Tod seiner Frau beruflich nicht die Kurve kriegt. Sollte er sich allein von seinem Gehalt ernähren müssen, hätte dies gravierende Folgen für seinen Lifestyle. Aus der Not heraus versucht er wieder den zerrütteten Kontakt zu seinen Kindern zu kitten, in der Hoffnung, dass diese ihm finanziell unter die Arme greifen und seine Welt wieder in Ordnung bringen. Ein altruistisches Familienmitglied muss also her, das sich völlig selbstlos um den alten Arthur kümmern wird, ungeachtet aller Beweggründe, die es gab, den Kontakt seinerzeit zu ihm abzubrechen.
"Fehlten ihm seine Kinder? Das war eine Frage, die so unerträglich war, wie mit aufgerissenen Augen in die Sonne zu starren. Sie war völlig falsch gestellt. Was ihm fehlte, war sein früheres Leben, und da hatten Kinder dazugehört. Seine Frau war tot. Sein Haus würde man ihm wegnehmen. Die Kinder waren alles, was noch übrig war. Die Kinder - und das unverhoffte Geld auf ihren Namen." 
Man fragt sich natürlich, welcher Teufel Francine damals geritten hat, dass sie sich auf solch einen unleidigen Menschen wie Arthur eingelassen hat, ihn heiratete, vermutlich geliebt, 2 Kinder bekommen und über Jahre mit zusammengelebt hat. Diese Frage lässt natürlich die Vermutung zu, dass Arthur nicht immer der Unsympath gewesen ist, als den ihn seine Kinder erlebt haben. Ein Stück weit wird man Arthur verstehen. Denn Andrew Ridker lässt Rückblenden und Erinnerungen in die Handlung einfließen, die Arthur und Francine in glücklicheren Zeiten zeigen. Aber da Liebe ja bekanntlich blind macht, sieht man Francine ihre Beweggründe, sich auf Arthur eingelassen zu haben, nach.

Diese Familie ist für mich das Negativbeispiel einer Bildungsfamilie. Die Eltern sind Akademiker, wovon der eine Teil ein wenig weltfremd ist. Sie versuchen ihren eigenen Ansprüchen an ein moralisch einwandfreies Leben gerecht zu werden. Francine hat dabei nie den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Nur Arthur entwickelt sich zum Moralapostel, der ganz groß darin ist, über die Ungerechtigkeit in der Welt und der Ungerechtigkeit, die ihm seiner Meinung nach persönlich zuteil wird, zu lamentieren.
What a man! Bleibt nur zu hoffen, dass die Äpfel diesmal ganz weit vom Stamm fallen.

Fazit:
Ein sehr unterhaltsamer amerikanischer Familienroman mit Antihelden, die eine Lebenseinstellung an den Tag legen, für die man sowohl Mitleid als auch Kopfschütteln übrig hat.

© Renie


Sonntag, 7. Februar 2021

Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf

Honoré Daumier: Crispin et Scapin
Trivialliteratur und ich ... das geht selten gut. Der Titel des Romans "Agata und ihr fabelhaftes Dorf" der Italienerin Tea Ranno sowie dessen Covergestaltung verleiten zwar dazu, an Friede-Freude-Eierkuchen in ländlich-mediterraner Idylle zu denken. Doch ich habe mich darauf verlassen, dass ein Verlag wie Nagel & Kimche, den ich in den letzten Jahren als Herausgeber anspruchsvoller Literatur schätzen gelernt habe, sich etwas bei soviel Kreativität gedacht hat. 
Was hat es also mit dem scheinbar trivialen Roman auf sich?
Man ist schnell dahinter gestiegen, was einen inhaltlich in diesem Roman erwartet: Agata ist die frisch verwitwete Tabacchera eines sizilianischen Dorfes unserer Zeit und die Verkörperung des Feindbildes von Bürgermeister Pallante. Dieser herrscht in diesem Dorf wie ein Souverän. Die Dorfgemeinschaft ist in zwei Lager gespalten: diejenigen, die sich Pallante unterworfen haben und seine majestätischen Allüren sowie seine korrupten Machenschaften hinnehmen, nicht zuletzt, weil sie selbst davon profitieren. Und diejenigen, die gegen Pallante sind - allen voran Agata, deren Ehemann vor Kurzem verstarb. Seine Gesundheit hat bei den ewigen Auseinandersetzungen und Kämpfen, die er mit Pallante austragen musste, schlapp gemacht. 
Quelle: Nagel und Kimche
Dieser Roman erzählt nun die Geschichte der Kämpfe, die in diesem Dorf ausgefochten werden. Gut kämpft gegen Böse, die Lager werden gewechselt, der Souverän verliert an Einfluss und Macht. Über allem schwebt der Geist der Mafia sowie der heilige Geist. Denn was wäre ein sizilianischer Roman ohne Mafia und Kirche? Und am Ende siegt das Gute.
Das hört sich jetzt irritierend einfach an. Und ich gebe zu, dass ich eine Weile gebraucht habe, bis ich hinter das Rätsel dieses Romans gestiegen bin.
"Die Frauen sahen sich einen Augenblick verwirrt an, während der Hund nun den Pulcinella gab und sich quasi nach links und rechts verbeugte. Zwangsläufig musste man lachen."
Viele Dinge kamen mir bekannt vor, allen voran die Charaktere. Wir haben die schöne und kluge Agata sowie den bösen Bürgermeister. Wir haben jemanden, der sich alles herausnehmen darf, weil er geisterhaft an dem Geschehen teilnimmt. Wir haben Tollpatsche und Feiglinge, die immer die "Prügel kassieren", egal, ob sie Schuld haben oder nicht. Wir haben einen resoluten Pfarrer und wir haben einen Polizisten. Die Männer sind Machos und glauben, sie hätten zuhause das Sagen. Die Frauen wissen ihre weiblichen Reize den Männern gegenüber überzeugend einzusetzen und sind in Wirklichkeit diejenigen, die zuhause das Sagen haben. 
Und in diesem Dorf wird getratscht, was das Zeug hält. Es gibt nichts, was der Dorfgemeinschaft verborgen bleibt. Und wenn doch, wird wild spekuliert und "alternative Fakten" werden geschaffen. Die Gerüchteküche brodelt, was für irritierende Überraschungen sorgen kann. 
Die Menschen sind leidenschaftlich und temperamentvoll. Es wird geflucht, gelacht, geweint, geliebt. 

Dieses Temperament findet sich auch in dem Erzählstil dieses Romans wieder. Tea Rannos Sprache ist lebhaft und quirlig. So wenig wie ihre Charaktere ein Blatt vor den Mund nehmen, so wenig macht es Tea Ranno. Es kann daher auch schon mal derbe und frivol werden.
"Er weinte. Nicht männlich und nicht hochmütig, wie man es von einem Mann erwartet, der sich die Schwäche einiger verdrückter Tränchen zugesteht, nein: Wie ein Idiot heulte er, wie einer, der gerade noch gedacht hatte, die Welt gehöre ihm und alles würde nach seiner Pfeife tanzen, aber stattdessen muss er feststellen, dass er die Marionette in den Händen eines unheilvollen Puppenspielers ist."
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines auktorialen Erzählers. Dadurch entsteht Distanz zu dem Geschehen in diesem Roman. Man blickt von Außen auf das Zusammenspiel der Charaktere. Das Dorf wird somit zur Bühne, der Leser wird zum Zuschauer.
Und damit wären wir beim casus knacksus dieses Romans. Tea Ranno hat mit "Agata und ihr fabelhaftes Dorf" einen Roman im Geiste der traditionellen italienischen Volkskomödie "Commedia dell'arte" geschrieben. Diese Kunstform hatte zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ihre Blütezeit. Tea Ranno hat sie nun auf die Gegenwart adaptiert und ihr somit einen modernen Anstrich verpasst. Typisch für die Commedia dell'arte sind die immergleichen Charaktere, egal in welchem Stück wir uns befinden. So finden sich auch bspw. eine Colombina, ein Arlecchino und ein Brighella in Tea Rannos Roman - nur unter anderem Namen.

Die Stücke der Commedia dell'arte sind lustig, haben einen derben Humor und sind oftmals frivol. Die Geschichten sind einfach strukturiert, die Handlung ist vorhersehbar. Und am Ende siegt das Gute über das Böse. Streng genommen, haben wir es also bei der Commedia dell'arte mit trivialer Unterhaltung zu tun. Und ja, der Roman "Agata und ihr fabelhaftes Geheimnis" ist genauso trivial wie die Commedia dell'arte. Und indem die Autorin Tea Ranno einen offensichtlichen Bezug zu dieser Kunstform des traditionellen Theaters herstellt, wird dieser Roman zu etwas Besonderem - Trivialität hin oder her.
"Agata und ihr fabelhaftes Dorf" ist daher ein ungewöhnlicher Roman, der völlig anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint: eine Commedia dell'arte in literarischer Form.

© Renie


Sonntag, 31. Januar 2021

Ann Petry: The Street

Der Roman "The Street" der afroamerikanischen Schriftstellerin Ann Petry ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur. Als der Roman 1946 erschien, wurde er zu einem Sensationserfolg. Denn der Roman, in dessen Mittelpunkt Themen wie Rassismus und Sexismus stehen, kam in einer Zeit heraus, als afroamerikanische Literatur bis dahin eine Männerdomäne war und Frauenliteratur in Amerika von weißen Autorinnen geschrieben wurde. Die Bürgerrechtsbewegung steckte zu diesem Zeitpunkt noch in ihren Kinderschuhen und entwickelte ihre Kraft erst Mitte der 50er Jahre. Der legendäre Marsch auf Washington (Martin Luther King, "I have a dream") geschah erst 1963. Fast 20 Jahre zuvor tauchte also eine farbige Autorin auf und schrieb einen Roman, in dem die weibliche Protagonistin eine Farbige ist, die nicht nur unter dem Rassismus der damaligen Zeit litt, sondern sich auch mit dem, in den 40er Jahren vorherrschenden Frauenbild der, von Männern dominierten Gesellschaft auseinandersetzen musste. 
Quelle: Nagel und Kimche
"Sie stieg aus und merkte erneut, dass sie erst wieder wirklich Mensch war, wenn sie Harlem erreichte und die feindseligen Blicke der weißen Frauen los war, die sie downtown und in der Subway anstarrten. Die berechnenden Blicke der weißen Männer los war, die sich durch ihre Kleider bis zu ihren langen braunen Beinen zu bohren schienen. ... Vor den fiebernd heißen Blicken hätte sie schreiend davonlaufen mögen."
Lutie Johnson, Protagonistin von "The Street", zieht in ein heruntergekommenes Mietshaus in der 116ten Straße in New Yorks Stadtteil Harlem. Zu dieser Zeit leben hier fast ausschließlich Afroamerikaner. Lutie ist Ende 20/Anfang 30 und alleinerziehende Mutter eines 8-jährigen Jungen, Bubb. Harlem ist übervölkert, Wohnraum ist knapp, Amerika befindet sich in einer Wirtschaftskrise. Ein Großteil der männlichen Bevölkerung ist arbeitslos, so auch Luties Ehemann. Wie viele Mütter und Ehefrauen auch, sucht sich Lutie eine Arbeit als Hausangestellte bei reichen Weißen, um ihre Familie am Leben zu erhalten. Während sie also für den Lebensunterhalt ihrer Familie sorgt, fängt ihr Mann ein Verhältnis mit einer anderen Frau an. Lutie verlässt ihn daraufhin.

Die alleinerziehende Mutter träumt von einem besseren Leben und greift nach jedem Strohhalm, der Aussicht auf mehr Geld bietet. Denn mehr Geld bedeutet eine Zukunft fernab der 116. Straße, in der sie mit ihrem Sohn nun gestrandet ist. Während Lutie also nach Möglichkeiten sucht, sich und ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen, wird sie immer wieder an Männern scheitern, die ihr zunächst Hoffnung geben, sich jedoch später als Enttäuschung erweisen. Aus anfänglichem Optimismus wird Mutlosigkeit. Lutie sieht ihre Träume dahinschwinden. Der Roman endet in einer Tragödie. 
"Es gab im Leben krasse Gegensätze, dachte sie, und wenn die Welt der Reichen abgeschottet blieb, damit Menschen wie sie selbst sie nur von außen begaffen konnten, ohne jemals auf Zutritt hoffen zu dürfen, dann wäre es besser, blind auf die Welt zu kommen, damit man sie nicht sehen, taub, damit man sie nicht hören, ohne Tastsinn, damit man sie nicht fühlen musste. Oder noch besser ohne Gehirn, damit man von alledem erst gar nichts mitbekam, damit man nie erfuhr, dass es sonnendurchflutete Orte gab, wo man gut aß und die Kinder in Sicherheit lebten."
In diesem Roman gibt es eine Handvoll Charaktere, welche die Handlung dominieren. Neben der Protagonistin Lutie gibt es noch eine zwei weitere Frauen. Eine davon ist Mrs. Hedges, die sich mit dem Leben in all seiner Schlechtigkeit in Harlem arrangiert hat. Als Überlebenksünstlerin hat sie sich eine Nische geschaffen, die ihr ein lukratives Einkommen sichert. Sie betreibt ein Bordell und steht unter dem Schutz der lokalen Verbrechergröße. Denn ohne männlichen Schutz hat eine Frau in Harlem schlechte Karten, wie Lutie feststellen muss. Die anderen maßgeblichen Charaktere in diesem Roman sind Männer., die sich als Fieslinge erweisen. Ann Petry hat ihnen Rollen zugeschrieben, die einem literarischen Thriller alle Ehre machen würden. Sie sind kriminell, sie sind verhaltensgestört, sie sind skrupellos und auf ihren Vorteil bedacht. Eine gutaussehende Frau wie Lutie wird als Sexobjekt betrachtet, das man um jeden Preis in seinen Besitz bringen möchte. 

Dieser Roman trägt nicht umsonst den Titel "The Street" - die Straße. Denn der Alltag in dieser Straße hat einen großen Anteil an der Handlung. Die einzelnen Kapitel beginnen oder enden gern mit einem Straßenbild. Das kann ein Windstoß sein, der Blätter über die Straße weht oder Kinder, die ausgelassen spielen. Diese Szenen wirken fast schon poetisch und stehen im Kontrast zu dem harten Kampf ums Überleben, den die ärmliche Bevölkerung, und insbesondere Lutie tagtäglich zu führen hat. Die Straße steht stellvertretend für den Rassismus und die daraus resultierende Armut. Wer einmal in die Fänge der 116. Straße geraten ist, kommt nicht so schnell von ihr los. So scheint die Straße ein eigenständiger Charakter in diesem Roman zu sein, was auch durch das stilistische Mittel der Personifizierung, welche Ann Petry an vielen Stellen anwendet, unterstrichen wird.

Anfangs habe ich den Roman als unspektakulär empfunden. Durch das gemächliche Sprachtempo baut sich zu Beginn nur wenig Spannung auf. Scheinbar wird die Geschichte einer alleinerziehenden farbigen Mutter erzählt, die trotz aller Hindernisse am Ende doch ihren Weg Richtung Happy End gehen wird. Der Roman wird zunächst aus der Sicht von Lutie erzählt. Doch mit dem sehr überraschenden Wechsel - übrigens einer von vielen in diesem Roman - der Erzählperspektive auf einen der männlichen Charaktere nimmt die Handlung Fahrt auf. Ab diesem Moment steigt die Spannung in diesem Roman stetig an, die Geschichte wird zu einer anderen als ursprünglich angenommen. Scheinbar fehlte bis zu diesem Zeitpunkt eine Prise Boshaftigkeit, die der Geschichte die besondere Würze verleiht und von jetzt an zu finden ist. Die Spannung hält sich bis zum Schluss und lässt die Handlung unaufhörlich auf ein trauriges Ende dieses Romans zu steuern. 

Fazit:

The Street ist als Anklageschrift gegen ein rassistisches Amerika der 40er Jahre zu verstehen. Einer Zeit, in der Farbige der Bodensatz der Gesellschaft waren, und farbige Frauen im Besonderen. Was scheinbar als optimistische Geschichte mit einem vorhersehbaren Handlungsverlauf beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Roman voller Wut, Ungerechtigkeit und Traurigkeit. Ein Roman, der mich noch lange beschäftigen wird! Leseempfehlung!

© Renie


Freitag, 22. Januar 2021

Colum McCann: Der Tänzer

Der Inhalt des Romans "Der Tänzer" von Colum McCann ist schnell und einfach zusammengefasst: Erzählt wird die Lebensgeschichte von Rudolf Chametowitsch Nurejew, der Ikone des klassischen Balletts. Er galt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als einer der besten Tänzer dieses Genres.
Doch so simpel sich diese Zusammenfassung des Inhalts anhören mag, umso spektakulärer ist das, was der irische Schriftsteller Colum McCann daraus gemacht hat.

Nurejew wurde 1938 in Sibirien geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Ufa, einer russischen Industriestadt. Hier nahm seine Ausbildung zum Balletttänzer ihren Anfang. Schnell war klar, dass Nurejew außergewöhnlich talentiert war. Es folgten in Kürze Engagements in Leningrad und Moskau sowie Auftritte im Ausland. 
Bei einem seiner Auslandsaufenthalte (1961, Paris) setzte er sich ab und beantragte politisches Asyl. Von da ab dominierte er die Welt des klassischen Balletts, machte sich jedoch nicht nur durch sein tänzerisches Können einen Namen. 
Quelle: Rowohlt
"Natürlich tanzte er perfekt: leicht und schnell, flüssig, mit gesammelter, beherrschter Form, doch da war noch etwas, das über das Körperliche hinausging - es war nicht nur in seinem Gesicht, seinen Fingern, seinem langen Hals, seinen Hüften, es war etwas Ungreifbares, etwas, das mit dem Kopf nicht zu erfassen war, eine kinetische Wildheit und Durchdrungenheit -, und als der Applaus erklang, emfpand ich geradzu ein wenig Hass auf ihn."
Der Ausnahmetänzer war für sein aufbrausendes Temperament und seine Arroganz berühmt berüchtigt. Er hatte den Ruf eines Exzentrikers, der in der Welt des Balletts und ihrem Orbit, Bewunderer um sich scharrte. Künstler, Politiker, Reiche und Schöne - alle suchten seine Nähe wie die Motten das Licht. Es gab jedoch nur sehr wenige Personen, die Nurejew an sich heranließ. Während er Menschen, die ihm nahe standen mit seiner Großzügigkeit überhäufte und in einer ungelenken Weise seiner Liebe zeigte, begegnete er allen anderen mit großer Verachtung. Es schien, als wollte Nurejew ausreizen, wie weit er mit seinem abweisenden und verletzendem Verhalten gehen konnte, bis seine Verehrer sich von ihm abwandten. Doch das geschah nie. Egal, welche Eskapaden sich Nurejew erlaubte, seine Gefolgschaft ließ es ihm durchgehen.
Nurejew starb im Alter von 53 Jahren (1993) an den Folgen von AIDS.

Colum McCann erzählt die Geschichte von Nurejew genauso virtuos, aber auch unberechenbar, wie sich der Tänzer zeitlebens präsentiert hat. Vom Anfang bis zum Ende - man weiß nie, was in diesem Roman als Nächstes passieren wird - selbst, wenn man glaubt die Lebensgeschichte Nurejews zu kennen. Es gibt unzählige Erzählperspektiven, u. a. mit wechselnden Ich-Erzählern. Diese Wechsel kommen unvorbereitet und sind lediglich an dem veränderten Sprachstil zu erkennen, der sich an dem jeweiligen erzählenden Charakter orientiert. Wer gerade erzählt, erschließt sich anhand des Inhalts des jeweiligen Abschnittes. Wir haben extrovertierte Charaktere, die nur so sprudeln vor lauter ausschweifender Erzähllust. Und es gibt die stillen, Introvertierten, die McCann nur sehr zögerlich erzählen lässt. Die Sprache wirkt reduziert. Die Wirkung dieser Textabschnitte entsteht durch das, was zwischen den Zeilen steht. 

Die erzählenden Charaktere sind Menschen, die dem Tänzer nahe standen, die also wichtig für den privaten Nurejew waren. Doch McCann lässt auch den Tänzer selbst zu Wort kommen. Dabei bestätigt Nurejew den Eindruck, den man durch die Schilderungen der anderen Charaktere von ihm gewonnen hat. Er gibt nur sehr wenig von seinem Innersten Preis. Doch das reicht aus, um seine Verletzlichkeit hinter der Fassade des arroganten Künstlers, der seinen Mitmenschen mit Verachtung begegnet, zu erkennen.
"Die französischen Kritiker sagen, dass Sie, wenn Sie tanzen, ein Gott sind.
Ich bezweifle das.
Sie zweifeln an den Kritikern?
Ich zweifle an den Franzosen.
(Allgemeines Gelächter)
Ich zweifle auch an den Göttern.
Wie meinen Sie das?
Ich würde sagen, die Götter sind so beschäftigt, dass ich und alle anderen ihnen scheißegal sind."
Neben den Perspektiven der verschiedenen Charaktere gibt es überraschende Einschübe über Aufzählungen, die Nurejews Kultstatus dokumentieren. Gleich zu Beginn gibt es eine Übersicht von Dingen sein, die Fans während seiner ersten Saison in Paris auf die Bühne geworfen haben. 
(z. B. russischer Tee, aus dem Louvre gestohlene Blumen, ein Nerzmantel, Mengen an Damenslips, erotische Fotos, Glasscherben, Todesdrohungen, Hotelschlüssel etc. etc.)
Diese Einschübe sind unterhaltsame Intermezzos. Denn man wundert sich, mit welchen Problemen und Problemchen sich ein Star herumschlagen muss.

"Der Tänzer" ist nicht nur als biografischer Roman zu verstehen. Denn die Handlung, die den Lebensweg Nurejew beschreibt, wird begleitet von der neuzeitlichen Geschichte Russlands. Nurejew ist 1961 aus der Sowjetunion geflohen. Seine Engagements im Ausland, die der russische Staat seinem prominenten Aushängeschild erlaubte, boten ihm die Möglichkeit sich abzusetzen. Die Menschen, die er in der Heimat zurückließ, rückten durch seine Flucht in den Fokus des Überwachungsstaats. Auch diese Menschen haben ihren Anteil an der Handlung in diesem Buch. Durch ihre Erzählung geben sie nicht nur wieder, welchen Einfluss sie auf Nurejews Entwicklung hatten sondern stehen auch stellvertretend für das Leben in der Sowjetunion in der Zeit vom 2. Weltkrieg bis hin zum Ende des Regimes.

Das Ende dieses Romans ist fulminant und hat mich tief berührt. Nurejew ist 1993 an den Folgen seiner AIDS Erkrankung gestorben. Diesem Roman nun einen Schluss mit den letzten Atemzügen Nurejews am Krankenbett zu schreiben, wäre zu einfach und zu leicht zu durchschauen gewesen. Colum McCann wählt ein Ende für seinen Roman, das einem Ausnahmekünstler wie Nurejew würdig ist. Gäbe es bei mir eine Rangliste der besten Schlussszenen in Romanen, stünde das Ende von "Der Tänzer" an erster Stelle und lange käme erstmal nichts. 

Doch bis man in diesem Roman am Ende angelangt ist, hat man erstmal das Lesevergnügen von knapp 460 Seiten Fabulierkunst vor sich: Die Geschichte eines beeindruckenden Künstlers auf beeindruckende Weise erzählt! Leseempfehlung!

© Renie


Sonntag, 10. Januar 2021

Andreas Kollender: Mr. Crane

Quelle: Pixabay/GregMontani
Da musste ich erst den Roman eines deutschen Autoren lesen, um zu lernen, dass es Ende des 19. Jahrhunderts einen amerikanischen Schriftsteller namens Stephen Crane gab, dessen Romane und Erzählungen heutzutage als Klassiker der amerikanischen Literatur gehandelt werden. Scheinbar kenne ich mich doch nicht in dem Maße mit amerikanischer Literatur aus, wie ich immer angenommen bzw. gehofft habe;-)
Der Roman, der mich auf den Weg der Erkenntnis gebracht hat, ist "Mr. Crane" von Andreas Kollender.

Stephen Crane (geboren 1871) war - wie der Roman von Andreas Kollender beschreibt - zeitlebens ein charismatischer und lebenslustiger Abenteurer, der diese Lebenslust jedoch nicht lange genießen durfte. Denn Crane starb im Jahre 1900 mit gerade mal 29 Jahren an Tuberkulose. 
Cranes bekanntester Roman ist "Die rote Tapferkeitsmedaille", mit dem er 1895 seinen literarischen Durchbruch erzielte und der ihm den Weg in ein turbulentes Leben ebnete. Der junge Autor wurde als Kriegsberichterstatter engagiert und wurde in diverse Krisengebiete der damaligen Zeit entsendet. 
Die letzten Tage seines Lebens verbrachte der todkranke Crane in einem Sanatorium in Badenweiler (Schwarzwald), wo er trotz schlechter Prognosen immer noch auf Heilung hoffte.
Quelle: Pendragon
"Das Leben sei schön, sagte Mr. Crane, es komme immer darauf an, wohin man sehe. Komme darauf an, wo das Rettungsboot sich gerade befinde, auf dem Wellenkamm oder im Tal, umschlossen von grauem Wasser."
"Mr. Crane" erzählt unter anderem die Geschichte von Cranes Zeit in Badenweiler. Eigentliche Protagonistin ist jedoch die Krankenschwester Elisabeth, die zum Zeitpunkt des Aufenthalts des Amerikaners für dessen Pflege zuständig ist. Die junge Frau, die die Bücher von Crane geradezu verschlungen hat, verliebt sich in ihren Patienten. Sie sieht ihn als Seelenverwandten und stößt bei Crane ebenfalls auf Interesse. 
Die Handlung dieses Romans findet auf 2 Zeitebenen statt. 14 Jahre später - Elisabeth ist mittlerweile zur Oberschwester in dem Sanatorium in Badenweiler aufgestiegen - erinnert sie der Umgang mit einem Soldaten, der als Kriegsverletzter in ihre Obhut kommt, an die sehr intensive Zeit mit Stephen Crane, die gleichzeitig die letzten Tage seines Lebens waren.

Bei diesem Roman bin ich wieder mal auf Klappentext und Verlagsbeschreibung reingefallen. In diesem Fall bin ich jedoch positiv überrascht worden. Was ich als Liebesroman begonnen habe, der scheinbar den Fokus auf den Schriftsteller Stephen Crane richtet, hat sich zu viel mehr entwickelt. Im Mittelpunkt steht für mich nicht Stephen Crane, sondern Krankenschwester Elisabeth, die die Romanze mit ihrem Stephen als Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ergreift - auch, wenn es ihr zu dem Zeitpunkt der Romanze noch nicht bewusst ist. Crane wird dadurch für mich zum Nebendarsteller, der mich aber dennoch zu unterhalten weiß. Denn durch seine Erinnerungen an die Abenteuer, die er erlebt hat, macht er mich neugierig auf seine Bücher. In vielen von ihnen hat er seine Erlebnisse verarbeitet. 

"Mr. Crane" ist gleichzeitig ein Buch gegen den Krieg, wobei die Sichtweise von Elisabeth eine große Rolle spielt: der Krieg ist ein Spiel von Männern, bei dem es um Ruhm und Ehre geht. Dieser männliche Wunsch nach Heldentum ist für Elisabeth nicht ernst zu nehmen und wird von ihr in dem Handlungsverlauf mehr als einmal der Lächerlichkeit preisgegeben - wenn auch auf sehr subtile Weise. 

Die Entwicklung von Elisabeth hat mir ausgesprochen gut gefallen: aus der sittsamen und duldsamen Frau, die in einer von Männern dominierten Ära lebt, wird am Ende eine selbstbewusste Frau, die ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, ungeachtet dessen, was die Gesellschaft von einer Frau ihrer Zeit erwartet.

"Mr. Crane" war also eine Überraschung für mich, da sich hinter dem "biografischen Liebesroman" ein vielschichtiger Entwicklungsroman verbarg, der durch den Mythos Crane und seine Erinnerungen noch eine besondere Note erhielt. Großes Erzählkino!

© Renie


Sonntag, 3. Januar 2021

Chris Kraus: Scherbentanz

Quelle: Pixabay/TanteTati
Wikipedia sagt: "Eine Literaturverfilmung, von der Literatur detaillierter als Filmadaption betrachtet, ist die Umsetzung einer literarischen Vorlage im Medium Film."
Zuerst kommt also der Roman und danach der Film. Der deutsche Regisseur und Schriftsteller Chris Kraus zäumt das Pferd jedoch scheinbar gern von hinten auf: erst der Film und dann der Roman. Sein erster Film "Scherbentanz" kam 2002 in die Kinos. Erst ein Jahr später veröffentlichte Chris Kraus den gleichnamigen Roman. 

Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist Jesko, Anfang 30, Spross der deutschen Zementfabrikanten-Familie Solm, baltische Wurzeln, Mode-Designer mit Hang zum Tragen von Männerröcken, ein Zyniker wie er im Buche steht, das schwarze Schaf der Familie und todkrank.
Jesko hat nicht mehr lange zu leben, bestenfalls sind es noch Monate. Denn eine Krebserkrankung hat ihm einen Strich durch seine Zukunftspläne gemacht. Die bisherigen Therapieversuche sind gescheitert, eventuell könnte noch die Knochenmarkspende eines Verwandten sein Leben verlängern. Familie hat er reichlich, aber keiner scheint in das nötige Knochenmarkprofil zu passen. 
"'Ein Meter achtzig. Ungefähr siebzig Kilo. Dünn. Schmächtig. Leukämie. Anfang dreißig. Hat Angst, dass sich die ganze Welt, wenn er die Deckung auch nur für eine Sekunde aufgibt, in ein Chaos verwandelt. Trägt Röcke. Aus Wut vielleicht. Von Beruf Schneider. Wäre lieber Coco Chanel oder so. ... Hält nette kleine Beobachtungen für das einzig Wichtige im Leben. Legt sich mit allen an, die anderer Ansicht sind. ...'"
Die Hoffnung von Jeskos Familie lastet nun auf Käthe, Jeskos Mutter. Die Sache hat nur einen Haken: Käthe ist seit Jahren von dem Familienpatriarchen Gebhard, der Jeskos Vater ist, geschieden. Zudem ist sie geistig nicht ganz auf der Höhe, weshalb ihr Verhalten unberechenbar ist und sie äußerst aggressiv werden lässt. Insbesondere Ex-Mann und Familienoberhaupt Gebhard musste schon einiges einstecken. Auch Jesko und sein älterer Bruder Ansgar hatten in ihrer Kindheit unter den Ausbrüchen von Käthe zu leiden, was nun die Entscheidung für Jesko, die Hilfe von Käthe in Anspruch zu nehmen, nicht einfach macht. Am Ende siegen Jeskos Lebenswille sowie Geld und Einfluss der wohlhabenden Familie, um Käthe auf dem Anwesen der Familie Solm einzuquartieren. Auch Jesko wird für die nächsten Wochen hier wohnen. Schließlich gilt es zu prüfen, ob Käthe überhaupt als Knochenmarkspender geeignet ist. In dieser Zeit des Wartens passiert so einiges in dieser Familie. Der Leser lernt nach und nach die einzelnen Familienmitglieder kennen und solche, die es werden wollen. Dabei stellt sich heraus, dass es Geheimnisse in dieser Familie gibt, über die man nicht sprechen möchte.
"Das Gehirn meiner Mutter ist einen anderen Weg gegangen. Es hat sich aus einen vielversprechenden mentalen Hyperzyklus in pure Materie zurückverwandelt, in ein heißes, klebriges Stück Teer, aus dem es kein Entrinnen gab für die wenigen Gedanken, die noch hinauswollten."
"Scherbentanz" ist Kopfkino pur. Denn man merkt diesem Roman an, dass hier ein Filmemacher am Werk war. Ich habe selten einen Roman gelesen, der dermaßen präzise Bilder vor dem geistigen Auge entstehen lässt. Die Geschichte birgt natürlich sehr viel Potenzial für eine Verfilmung: eine verkorkste und reiche Familie, die von ihren Geheimnissen aus der Vergangenheit eingeholt wird, schräge Charaktere, Emotionen, bissiger Humor und Tragik.

Die Charaktere in diesem Roman sind gewöhnungsbedürftig, teilweise sogar klischeehaft, was ich jedoch mochte, da die Klischees sehr originell rübergebracht werden. Der Protagonist und Ich-Erzähler Jesko ist natürlich besonders, da er sich im Verlauf der Handlung von einem todgeweihten, zynischen Ekel zu einem Charakter entwickelt, der sensibel und verletzlich ist, und völlig andere Seiten von sich zeigt, als man es ihm anfangs zugetraut hätte. 

So schräg die Charaktere in "Scherbentanz" sind, so geradlinig ist der Sprachstil in diesem Roman. Ich mag es, wenn ein Autor nicht lange palavern muss, um Bilder in meinem Kopf entstehen zu lassen. Hier sitzt jeder Satz. Chris Kraus gelingt es, mit wenigen Worten, aber viel Wortwitz das Kopfkino zum Laufen zu bringen. Der schwarze Humor, der dem Leser dabei begegnet, trägt zur Unterhaltung bei. Dennoch verliert dieser Roman nie seine Ernsthaftigkeit.

Schön sind auch die Überraschungen in diesem Buch, welche häufig klitzekleine Momente sind (bspw. in einem Nebensatz), die jedoch einen umso größeren Effekt auf die Handlung haben. Das sorgt für Spannung, so dass in diesem Buch immer etwas los ist.

Fazit:
Eine schräge Geschichte mit schrägen Charakteren in einer geradlinigen Sprache erzählt. Ein unglaublich guter Roman!

© Renie


Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mick Herron: Real Tigers

Quelle: Pixabay/Peggy_Marco
Der Autor, der sich bei der Namensgebung seiner Krimireihe um den Ermittler Jackson Lamb bisher gerne der Tierwelt bedient hat, hat wieder zugeschlagen. Mit "Real Tigers" ist dem britischen Autor Mick Herron ein neues Husarenstück geglückt.
Angefangen hat alles mit Pferden, danach kamen Wildkatzen - zunächst Löwen und nun Tiger -, und mittendrin befindet sich  immer ein Lamm. Besagtes Lamm ist der Protagonist dieser Krimiserie und hat nichts, aber auch gar nichts mit dieser niedlichen Spezies zu tun. Denn Jackson Lamb ist streng genommen ein Held zum Abgewöhnen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen: als Leser wird man von diesem Charakter magisch angezogen - ähnlich wie von einem ekligen Insekt, das man angewidert, aber fasziniert aus der Nähe betrachten möchte. 
"Lamb starrte ihn gefühlt eine volle Minute lang an, und da Lamb Lamb war, hätte es durchaus eine volle Minute sein können, bevor er anfing zu lachen. Und da er nun mal Lamb war, erfasste das Lachen seinen ganzen Körper: Er bebte von Kopf bis Fuß, und sein Gewieher erfüllte den Raum. Mit zurückgeneigtem Kopf sah er aus wie ein bösartiger Clown. An der Stelle, wo ein Hemdknopf abgeplatzt war, lugte ein behaarter Streifen Bauch hervor."
Quelle: Diogenes
Jackson Lamb geht gar nicht, weder als Chef - es sei denn, Menschenverachtung und Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeitern werden als Führungsqualitäten angesehen - und menschlich erst recht nicht. Der Mann besitzt weder innere noch äußere Werte. Doch dafür ist er als Agent unschlagbar und mit allen Wassern gewaschen. Mit dieser fürchterlichen Mischung aus Ekelpaket und brillantem Ermittler haben seine Mitarbeiter tagtäglich zu kämpfen, insbesondere da die Brillanz eines Jackson Lamb so gut wie nie hinter seiner großmäuligen und schmierigen Fassade zum Vorschein kommt. Es muss schon viel passieren, dass dieser in Geheimagenten-Aktion tritt. In dem vorliegenden Fall "Real Tigers" ist dies die Entführung einer Mitarbeiterin. Lamb und seine Truppe mit dem vielsagenden Namen "Slow Horses" (Lahme Gäule) macht also mobil. 

Warum "Slow Horses"? In Anlehnung an die Londoner Büro-Adresse dieser Einheit (Slough House), hat sich diese Abwandlung aufgrund der Besonderheit dieser Truppe etabliert. Die Einheit von Lamb ist das Auffangbecken für Ermittler, die sich in ihrer bisherigen Karriere nicht mit Ruhm sondern eher mit Mist bekleckert haben. Für ihre Fehler werden sie ausrangiert, kommen zu Lamb und werden mit anspruchslosen Aufgaben betreut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Langeweile freiwillig den Dienst quittieren - was bisher aber noch keiner gemacht hat. Die Leidensfähigkeit eines britischen Beamten scheint enorm zu sein.
Der Entführung der Kollegin scheint die lahmen Gäule jedoch auf Trab zu bringen, insbesondere wenn Jackson Lamb die Peitsche schwingt.
Hinter der Entführung steckt ein niederträchtiges Komplott übler Charaktere aus Politik und britischem Geheimdienst. Diesmal wird es bei Mick Herron also politisch.
"'..., das klingt nach politischem Kram. Und das ist genau der Kram, in den man sich tunlichst nicht einmischen sollte.'"
Es ist schon eine Weile her, dass ich "Dead Lions", den Vorgänger von "Real Tigers", gelesen habe. Doch sobald ich die erste Seite von "Real Tigers" aufgeschlug, hat es sich angefühlt, als ob ich nach Hause gekommen wäre. Nach wenigen Sätzen war ich wieder gefangen in der Welt der lahmen Gäule. Was diese Krimi-Serie auszeichnet, ist zunächst einmal das schräge Setting sowie der Unsympath Jackson Lamb, der zusammen mit einem Team aus tragischen Gestalten, den Geheimdienst aufmischt. Der Aufbau dieses Teils ähnelt denen, der anderen Romane dieser Krimireihe. Mick Herron greift also auf eine bewährte Vorgehensweise zurück. Doch tatsächlich kann ich davon nicht genug bekommen, solange die Spannung stimmt. Und die stimmt in "Real Tigers" definitiv. Relativ kurze Kapitel, die gerne mit einem Cliffhanger enden sowie Tempowechsel in der Erzählung sorgen dafür, dass dem Leser nicht langweilig wird. Mick Herron zieht im Zusammenspiel mit der Handlung gerne mal das Tempo an. Wenn es also zur Sache geht - denn auch ein lahmer Gaul kann zum Schlachtross werden -, fährt Mick Herron das Erzähltempo bis zur Atemlosigkeit hoch. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. 
"Es geht nicht nur darum, dass man ab und an über ein Minenfeld tanzen muss, mein Junge, hatte irgendein alter Sack zu ihm im Parlament gesagt. Die Kunst ist, dass du's mit einem Lächeln auf der Visage tust."
Hinzu kommt der knochentrockene Humor in diesem Roman. Trotz aller Aversionen, die Jackson Lamb hervorruft, ist durch sein sehr spezielles Auftreten und seinen eigentümlichen Verhaltensweisen für Spaß gesorgt. Der unberechenbare Lamb sorgt für schräge und lustige Überraschungsmomente. Und dank verblüffender Lebensweisheiten, die zwar ironisch gemeint sind, lernt der Leser noch für's Leben. 

Mein Fazit:
Spannend, lustig und schräg. Mit Mick Herron und seinen Slow Horses wird es nie langweilig. Eine Krimi-Serie der besonderen Art!

© Renie