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Dienstag, 7. Dezember 2021

Eduardo Lago: Brooklyn soll mein Name sein

"Brooklyn soll mein Name sein" des spanischen Autors Eduardo Lago ist ein Buch, das sich schwer beschreiben lässt. An der Qualität dieses Romans liegt dies definitiv nicht. Ganz im Gegenteil!!! Denn "Brooklyn soll mein Name sein" ist ein literarischer Hochkaräter. Eduardo Lago erhielt für seinen Debütroman im Jahr 2006 in seiner Heimat den Premio Nadal des Novela, dem ältesten und renommierten Literaturpreis Spaniens, der bisher fast ausschließlich an bedeutende Persönlichkeiten der spanischen Literatur des 20. Jahrhunderts verliehen wurde. (Dies nur zum „Warmwerden“ für den nachfolgenden Versuch, dieses Buch zu beschreiben und um dem Leser ein Gefühl dafür zu geben, welche literarische Besonderheit im Alfred Kröner Verlag erschienen ist, der diesen Roman vor Kurzem und erstmalig im deutschsprachigen Raum veröffentlicht hat.)

Titel und Titelbild dieses Romans deuten darauf hin: Schauplatz der Handlung ist Brooklyn, ein Stadtbezirk von New York, der heutzutage u. a. für seine multikulturelle Bevölkerungsmischung bekannt ist.
Doch Brooklyn ist nur einer der Schauplätze dieses Romans, genauso wie es unterschiedliche Handlungsstränge, Zeitebenen, Erzählperspektiven und – man glaubt es kaum – Ich-Erzähler und Protagonisten gibt.
Einer dieser Protagonisten und derjenige Charakter, um den sich die Handlung hauptsächlich dreht, ist Gal Ackerman, ein Schriftsteller, der vor Kurzem gestorben sein muss, das erfährt zumindest der Leser gleich zu Beginn des Romans.
"Gestern Vormittag haben wir Gal beerdigt."
Buchseite und Rezensionen zu 'Brooklyn soll mein Name sein: Roman' von Eduardo Lago
Quelle: Alfred Kröner Verlag
Wir schreiben gegenwärtig das Jahr 1991. Derjenige, der diesen Satz äußert ist Néstor Oliver Chapman, einer der Ich-Erzähler und Freund von Gal Ackermann, der mit dessen Tod die Aufgabe hat, Gals Nachlass zu sichten und zu verwalten. Diese Information hört sich einfach an, ist von mir jedoch hart erarbeitet worden. Hilfestellung hat dabei ein Personenregister am Ende des Romans geleistet, genauso wie es eine chronologische Übersicht der Ereignisse gibt und ein Glossar. Ohne diese Hilfestellungen wäre man aufgeschmissen, denn in diesem Roman begegnen uns eine Flut an realen und fiktiven Haupt- und Nebenfiguren, Zeitebenen sowie historische und fiktive Ereignisse. Man sollte meinen, dass der Autor Eduardo Lago mit dieser bunten Mischung in seinem Roman ein Pendant zu Brooklyn, dem bevölkerungsreichsten Stadtteil New Yorks, schaffen wollte.

Ich-Erzähler Néstor Oliver Chapman befasst sich also mit dem Nachlass seines verstorbenen Freundes, den er als einen Menschen kennengelernt hat, der eine Leidenschaft für das Schreiben besaß. Dabei ging es ihm nicht um das Ergebnis, sondern um den Schaffensprozess als solchem. Gal Ackerman war also nicht darauf aus, für andere zu schreiben, sondern in erster Linie schrieb er für sich. Sein Arbeitszimmer über einer Bar in Brooklyn ist über die Jahre zu einem „Manuskript-Friedhof“ geworden, einer wilden und chaotischen Sammlung an Gedanken, Geschichten und Erinnerungen, die nicht nur von Gal stammten, sondern auch von anderen Verfassern. Alles, was Gal jemals an Texten in die Finger bekommen hat, fand Einzug in diesen gigantischen „Blätterwald“.
"Mit beiden Armen hast du in den Papieren gewühlt, unfähig, mit dem Lachen aufzuhören. Dutzende und Aberdutzende von Manuskripten! Hier gibt es alles, Ness: Romane, Märchen, Theaterstücke, Essays, Memoiren, unerträgliche Texte, die überhaupt niemanden interessieren. Unglaublich, nicht wahr, sie haben alle eines gemeinsam: Niemand wird sie jemals lesen, und niemals wird einer von ihnen eine Druckerei von innen sehen. So viele Träume: Ruhm, Geld und Eitelkeit. Das sind die Dinge, von denen all diejenigen träumen, die unbedingt etwas veröffentlichen wollen."
Was macht man nun mit diesen Texten? Wohin mit den Geschichten und Erinnerungen? Diese Fragen hat sich auch Gal Ackerman gestellt und daher zu Lebzeiten den Versuch gestartet, ein Buch zu schreiben – eine Hommage an Brooklyn. Denn in Brooklyn hat er gelebt und geliebt. Er liebte nicht nur die Stadt und seine Menschen, sondern hier lernte er auch seine große Liebe kennen. Brooklyn spielte also eine wichtige Rolle in seinem Leben.
Inmitten der Entstehung dieses Buches stirbt Gal Ackerman und sein Freund fühlt sich verpflichtet, das Buch anhand der Notizen seines Freundes zum Abschluss zu bringen.
Während sich Néstor also durch die Unterlagen seines Freundes arbeitet, bereits fertiggestellte Geschichten aus diesem Buch liest, eigene Geschichten formuliert und diesen Roman fortsetzt, begleiten wir ihn durch die Lebensgeschichte seines Freundes und seiner Stadt.
Wir werden uns dabei häufig in den Gedankengängen von Nestor und Gal verlaufen. Denn es gibt weder eine chronologische Reihenfolge noch eine klare Abgrenzung zwischen Ich-Erzähler Nestor und Ich-Erzähler Gal. Erzählt wird über einen Zeitraum von fast 250 Jahren, denn auch diejenigen Generationen aus Gal Ackermans Familie, die vor ihm gelebt haben, gehören zu seiner Lebensgeschichte dazu. Genauso, wie seine spanischen Wurzeln in diesem Roman eine Rolle spielen sowie die Ära Spaniens zur Zeit des Bürgerkrieges.

Man muss viel Geduld haben mit diesem Roman. Seinen Reiz macht die unstrukturierte Erzählweise aus, die den Leser zwingt, sich die Handlung nach und nach zu erarbeiten. Doch dafür wird er mit intensiven Geschichten über Freundschaften, Liebe und Leidenschaft belohnt. Oft ist es schwierig zu unterscheiden, ob die Geschichten, die Einzug in Gals Buch halten, seiner Fantasie entsprungen sind oder auf tatsächlich Erlebtem basieren. Genauso, wie sich kaum unterscheiden lässt zwischen Gals bzw. Nestors Erzählungen.

Neben den beiden Hauptcharakteren gibt es eine Protagonistin, die eine gleichsam große Rolle spielt: Brooklyn – der Schauplatz dieses Romans.
Der Autor dieses Romans, Eduardo Lago, lebt in New York und hat daher eine besondere Verbindung zu diesem Schauplatz. Diese Verbundenheit ist durch seinen Protagonsiten Gal Ackerman mit jeder Silbe in diesem Roman spürbar. Zu Lebzeiten streifte Gal Ackerman durch Brooklyn, widmete seine Aufmerksamkeit den bekannten und weniger bekannten Orten. Er hatte eine Blick für die Bewohner dieses Stadtteils, unabhängig welcher Herkunft sie waren, wobei er den Hispano-Amerikanern durch seine eigenen Wurzeln sicherlich näher stand als anderen Bevölkerungsgruppen. Die Beschreibungen der Umgebung sind sehr akribisch und detailliert. Wenn Eduardo Lago einmal anfängt, den Schauplatz und damit verbundene Stimmungen zu beschreiben, lässt er nicht locker, bis die kleinste Kleinigkeit der Szenerie dargestellt ist und der Leser in die Atmosphäre dieses Schauplatzes eingetaucht ist. Eduardo Lago macht Brooklyn also spürbar. Und wer bis jetzt noch nicht in Brooklyn war, findet sich durch die Lektüre dieses Romans zumindest gedanklich in dem Brooklyn eines Eduardo Lago wieder.

Fazit:
Ein faszinierender Roman, der die Lebensgeschichte eines charismatischen, leider fiktiven Mannes erzählt und dabei gleichzeitig eine Hommage an Brooklyn darstellt. In Verbindung mit seiner eigenwilligen Konstruktion ist dieser Roman eine Besonderheit, die mit nichts vergleichbar ist, was ich bisher gelesen habe.

© Renie

Sonntag, 31. Januar 2021

Ann Petry: The Street

Der Roman "The Street" der afroamerikanischen Schriftstellerin Ann Petry ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur. Als der Roman 1946 erschien, wurde er zu einem Sensationserfolg. Denn der Roman, in dessen Mittelpunkt Themen wie Rassismus und Sexismus stehen, kam in einer Zeit heraus, als afroamerikanische Literatur bis dahin eine Männerdomäne war und Frauenliteratur in Amerika von weißen Autorinnen geschrieben wurde. Die Bürgerrechtsbewegung steckte zu diesem Zeitpunkt noch in ihren Kinderschuhen und entwickelte ihre Kraft erst Mitte der 50er Jahre. Der legendäre Marsch auf Washington (Martin Luther King, "I have a dream") geschah erst 1963. Fast 20 Jahre zuvor tauchte also eine farbige Autorin auf und schrieb einen Roman, in dem die weibliche Protagonistin eine Farbige ist, die nicht nur unter dem Rassismus der damaligen Zeit litt, sondern sich auch mit dem, in den 40er Jahren vorherrschenden Frauenbild der, von Männern dominierten Gesellschaft auseinandersetzen musste. 
Quelle: Nagel und Kimche
"Sie stieg aus und merkte erneut, dass sie erst wieder wirklich Mensch war, wenn sie Harlem erreichte und die feindseligen Blicke der weißen Frauen los war, die sie downtown und in der Subway anstarrten. Die berechnenden Blicke der weißen Männer los war, die sich durch ihre Kleider bis zu ihren langen braunen Beinen zu bohren schienen. ... Vor den fiebernd heißen Blicken hätte sie schreiend davonlaufen mögen."
Lutie Johnson, Protagonistin von "The Street", zieht in ein heruntergekommenes Mietshaus in der 116ten Straße in New Yorks Stadtteil Harlem. Zu dieser Zeit leben hier fast ausschließlich Afroamerikaner. Lutie ist Ende 20/Anfang 30 und alleinerziehende Mutter eines 8-jährigen Jungen, Bubb. Harlem ist übervölkert, Wohnraum ist knapp, Amerika befindet sich in einer Wirtschaftskrise. Ein Großteil der männlichen Bevölkerung ist arbeitslos, so auch Luties Ehemann. Wie viele Mütter und Ehefrauen auch, sucht sich Lutie eine Arbeit als Hausangestellte bei reichen Weißen, um ihre Familie am Leben zu erhalten. Während sie also für den Lebensunterhalt ihrer Familie sorgt, fängt ihr Mann ein Verhältnis mit einer anderen Frau an. Lutie verlässt ihn daraufhin.

Die alleinerziehende Mutter träumt von einem besseren Leben und greift nach jedem Strohhalm, der Aussicht auf mehr Geld bietet. Denn mehr Geld bedeutet eine Zukunft fernab der 116. Straße, in der sie mit ihrem Sohn nun gestrandet ist. Während Lutie also nach Möglichkeiten sucht, sich und ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen, wird sie immer wieder an Männern scheitern, die ihr zunächst Hoffnung geben, sich jedoch später als Enttäuschung erweisen. Aus anfänglichem Optimismus wird Mutlosigkeit. Lutie sieht ihre Träume dahinschwinden. Der Roman endet in einer Tragödie. 
"Es gab im Leben krasse Gegensätze, dachte sie, und wenn die Welt der Reichen abgeschottet blieb, damit Menschen wie sie selbst sie nur von außen begaffen konnten, ohne jemals auf Zutritt hoffen zu dürfen, dann wäre es besser, blind auf die Welt zu kommen, damit man sie nicht sehen, taub, damit man sie nicht hören, ohne Tastsinn, damit man sie nicht fühlen musste. Oder noch besser ohne Gehirn, damit man von alledem erst gar nichts mitbekam, damit man nie erfuhr, dass es sonnendurchflutete Orte gab, wo man gut aß und die Kinder in Sicherheit lebten."
In diesem Roman gibt es eine Handvoll Charaktere, welche die Handlung dominieren. Neben der Protagonistin Lutie gibt es noch eine zwei weitere Frauen. Eine davon ist Mrs. Hedges, die sich mit dem Leben in all seiner Schlechtigkeit in Harlem arrangiert hat. Als Überlebenksünstlerin hat sie sich eine Nische geschaffen, die ihr ein lukratives Einkommen sichert. Sie betreibt ein Bordell und steht unter dem Schutz der lokalen Verbrechergröße. Denn ohne männlichen Schutz hat eine Frau in Harlem schlechte Karten, wie Lutie feststellen muss. Die anderen maßgeblichen Charaktere in diesem Roman sind Männer., die sich als Fieslinge erweisen. Ann Petry hat ihnen Rollen zugeschrieben, die einem literarischen Thriller alle Ehre machen würden. Sie sind kriminell, sie sind verhaltensgestört, sie sind skrupellos und auf ihren Vorteil bedacht. Eine gutaussehende Frau wie Lutie wird als Sexobjekt betrachtet, das man um jeden Preis in seinen Besitz bringen möchte. 

Dieser Roman trägt nicht umsonst den Titel "The Street" - die Straße. Denn der Alltag in dieser Straße hat einen großen Anteil an der Handlung. Die einzelnen Kapitel beginnen oder enden gern mit einem Straßenbild. Das kann ein Windstoß sein, der Blätter über die Straße weht oder Kinder, die ausgelassen spielen. Diese Szenen wirken fast schon poetisch und stehen im Kontrast zu dem harten Kampf ums Überleben, den die ärmliche Bevölkerung, und insbesondere Lutie tagtäglich zu führen hat. Die Straße steht stellvertretend für den Rassismus und die daraus resultierende Armut. Wer einmal in die Fänge der 116. Straße geraten ist, kommt nicht so schnell von ihr los. So scheint die Straße ein eigenständiger Charakter in diesem Roman zu sein, was auch durch das stilistische Mittel der Personifizierung, welche Ann Petry an vielen Stellen anwendet, unterstrichen wird.

Anfangs habe ich den Roman als unspektakulär empfunden. Durch das gemächliche Sprachtempo baut sich zu Beginn nur wenig Spannung auf. Scheinbar wird die Geschichte einer alleinerziehenden farbigen Mutter erzählt, die trotz aller Hindernisse am Ende doch ihren Weg Richtung Happy End gehen wird. Der Roman wird zunächst aus der Sicht von Lutie erzählt. Doch mit dem sehr überraschenden Wechsel - übrigens einer von vielen in diesem Roman - der Erzählperspektive auf einen der männlichen Charaktere nimmt die Handlung Fahrt auf. Ab diesem Moment steigt die Spannung in diesem Roman stetig an, die Geschichte wird zu einer anderen als ursprünglich angenommen. Scheinbar fehlte bis zu diesem Zeitpunkt eine Prise Boshaftigkeit, die der Geschichte die besondere Würze verleiht und von jetzt an zu finden ist. Die Spannung hält sich bis zum Schluss und lässt die Handlung unaufhörlich auf ein trauriges Ende dieses Romans zu steuern. 

Fazit:

The Street ist als Anklageschrift gegen ein rassistisches Amerika der 40er Jahre zu verstehen. Einer Zeit, in der Farbige der Bodensatz der Gesellschaft waren, und farbige Frauen im Besonderen. Was scheinbar als optimistische Geschichte mit einem vorhersehbaren Handlungsverlauf beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Roman voller Wut, Ungerechtigkeit und Traurigkeit. Ein Roman, der mich noch lange beschäftigen wird! Leseempfehlung!

© Renie


Freitag, 20. April 2018

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Quelle: Pixabay/brogers718
Ein Buch über Freundschaft und das Erwachsenwerden in New Yorks Brooklyn der 70er Jahre. Im Mittelpunkt dieses sehr einfühlsamen Romans "Ein anderes Brooklyn" der Amerikanerin Jacqueline Woodson, stehen 4 Freundinnen, die ihre Kindheit und Jugend in diesem Viertel verbringen. Sie erleben die Veränderung von Brooklyn. Die ehemals beliebte Wohngegend verkommt, die Weißen fühlen sich in einem hispano- und afroamerikanisch-geprägten Umfeld nicht mehr wohl und ziehen weg. Das Straßenbild ändert sich. Kriminalität und Drogen bestimmen den Alltag. Nicht gerade eine ansprechende Umgebung für Kinder. Wie schaffen es also die Mädchen in Brooklyn zurecht zu kommen? Die Antwort lautet: Gemeinsam. Denn gemeinsam sind sie stark, sind für einander da und bilden eine Einheit gegen die Anderen.
Sylvia, Angela, Gigi und August - vier Mädchen mit unterschiedlichen Begabungen und einem Traum - Herauszukommen aus Brooklyn und aus ihrer Begabung etwas zu machen.
Ob es den Mädchen gelingt, ihren Traum zu leben, hofft und wünscht man ihnen.
Quelle: Piper

Ich-Erzählerin August erzählt von der gemeinsamen Kindheit im Rückblick, anhand von Erinnerungsfragmenten. Sie konnte etwas aus ihrem Leben machen, ist sie doch heute Anthropologin und bereist die ganze Welt. Sie kommt zur Beerdigung ihres Vaters wieder nach Brooklyn. Damit beginnt der Roman. Der Gegensatz zwischen dem Brooklyn von heute und damals könnte nicht krasser sein. Sie erinnert sich an die ersten Jahre in Brooklyn, als die Kinder noch auf der Straße spielen konnten und das Leben auf der Straße noch mit großer Leichtigkeit ablief. Mit den Jahren wird das Straßenleben feindseliger: Drogen, Verbrechen, Bandenkriege. Und mittendrin die 4 Mädchen, die sich gegenseitig Kraft und Mut geben.
"In der großen Hitze des Sommers beobachteten wir, wie Kinder die Heroinsüchtigen umkreisten und darauf wetteten, ob sie umfielen oder nicht. Einmal rannte ein kleiner Junge die Straße entlang und hielt eine verbogene Spritze, die er eben gefunden hatte, wie einen Revolver gezückt."
August erzählt mit großer Wärme von ihren drei Freundinnen. Sie scheint die Einzige in dem Quartett zu sein, die sich nicht durch eine besondere Fähigkeit hervortut. Sie ist weder besonders hübsch, noch besonders schlau, noch tänzerisch oder schauspielerisch begabt. Das spielt jedoch keine Rolle. Denn den Freundinnen ist jeglicher Neid fremd. Ganz im Gegenteil. Sie träumen gemeinsam davon, dass jede von ihnen es schafft, aus Brooklyn herauszukommen.
Der Roman könnte ein Tagebuch sein, welches den Leser an den Gefühlen und Ängsten der Ich-Erzählerin teilhaben lässt. In kleinen, manchmal nur 5 Zeilen großen Abschnitten, gibt sie ihre Erinnerungen wieder. Das wirkt bruchstückhaft, bleibt es aber nicht. Denn am Ende ergeben diese Bruchstücke ein großes Ganzes, das ein eindrucksvolles Bild von dieser Kindheit in Brooklyn widerspiegelt.
"Mein Bruder und ich wuchsen zwar ohne Mutter, aber dennoch wohlbehütet auf. Mein Bruder hatte den Glauben, an den mein Vater ihn herangeführt hatte, und ich hatte lange Zeit Sylvia, Angela und Gigi, mit denen gemeinsam ich das Aufwachsen als Mädchen in Brooklyn schulterte wie einen Sack voller Steine, den wir uns weiterreichten: Da. Hilf mir tragen."
Der Sprachstil ist dabei sehr poetisch, fast schon magisch. Denn Jacqueline Woodson versteht es, den Leser mit ihrer eindringlichen Sprache zu fesseln. Ich habe mich mit diesem Buch sehr wohl gefühlt und war am Ende schon ein bisschen traurig, dass die Geschichte zu Ende war.
Jacqueline Woodson hat bisher Kinder- und Jugendliteratur geschrieben. "Ein anderes Brooklyn" ist ihr erster Roman für Erwachsene, und ich bin neugierig, was sie sonst noch an Romanen zaubern wird.

© Renie



Freitag, 30. Juni 2017

Stephanie Danler: Sweetbitter

"Sweetbitter" von Stephanie Danler ist ein Roman über das Genießen und über das Leben in einer Parallelwelt, welche zwar dicht dran am Alltag von uns Normalos, aber trotzdem fremd und einzigartig ist: die Gastronomie und der Arbeitsalltag in einem "Tempel des Genusses". 
Gleich vorweg: da ich selbst einige Jahre in ähnlicher Position wie die Hauptprotagonistin gearbeitet habe, führt mich Stephanie Danler zurück in meine Vergangenheit. Es ist zwar schon Urzeiten her, aber ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Daher habe ich dieses Buch sozusagen als kritischer Insider gelesen und hatte dadurch so manches Déjavu.

Das erwartet den Leser in diesem Roman:
Tess, ein Mädchen vom amerikanischen Lande, zieht es in die Großstadt. New York ist das Ziel. Hier begibt sie sich auf Jobsuche und landet als Hilfskellerin in einem Nobelrestaurant. Von jetzt an bestimmt die Arbeit ihr Leben. Sie versucht, sich in der Maschinerie des Restaurants zurechtzufinden, zahlt natürlich gerade in der Anfangszeit "Lehrgeld". Doch mit der Zeit wird sie immer sicherer. Die Arbeit fängt an, ihr Spaß zu machen. 
Innerhalb einer Restaurant-Crew gibt es strenge Hierarchien, die notwendig sind, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Es gibt "Despoten" innerhalb dieser Hierarchien, die ihre Tätigkeit als "uneingeschränkte Herrschaft" verstehen (allen voran der Chefkoch) und dementsprechend launisch und aufbrausend mit ihren untergeordneten Mitarbeitern umgehen. Doch dieses Verhalten scheint zu einem Restaurant dazuzugehören. Zumindest nimmt niemand daran Anstoß.
"' ... - alle scheinen im Restaurant geboren und aufgewachsen zu sein. ...'" (S. 95)
Schnell hat Tess gelernt, dass sie und ihre Kollegen sich in einer eigenen Welt befinden, die herzlich wenig mit dem Alltag außerhalb zutun hat. Hier wird die Nacht zum Tag gemacht. Nach Dienstschluss zieht die Crew erst einmal durch die Nachtwelt, wobei der Trip seinen Anfang immer an der Bar des Restaurants nimmt. Die Mitarbeiter beginnen mit einem Feierabend-Drink. Im Laufe der Nacht werden sie sich zudröhnen - mit Alkohol und anderen Drogen. Am nächsten Tag werden sie ihren Rausch ausschlafen, denn am Abend werden sie wieder fit für die Arbeit im Restaurant sein müssen.
Quelle: aufbau

Nur die wenigsten von Tess' Kollegen haben ein Privatleben. Mit der Zeit lernt Tess ihre Kollegen besser kennen. Anfangs als die Neue beäugt, wird sie schnell in die Gemeinschaft integriert. Kaum einer der Restaurantmitarbeiter macht seinen Job aus Berufung. In erster Linie geht es um's Geld verdienen, mit dem Ziel, der Verwirklichung eines persönlichen Traumes näher zu kommen.
"Bei Geschmack, sagte Chef, geht es immer um Ausgewogenheit. Das Saure, das Salzige, das Süße, das Bittere. ... Ein Zeugnis von Geschmack, ein eindeutiger Hinweis darauf, wie du der Welt begegnest, ist die Fähigkeit, das Bittere zu schätzen, ja, danach ebenso zu gieren wie nach dem Süßen." (S. 25)
Der Roman ist in 4 Abschnitte unterteilt - Sommer, Herbst, Winter, Frühling - und schildert somit ein Jahr als Restaurantmitarbeiterin. Die Handlung setzt im Sommer ein, als Tess von der Provinz nach New York kommt. Die Entwicklung, die Tess im Verlauf dieses Jahres von der schüchternen Landpomeranze bis hin zur selbstbewussten New Yorkerin macht, ist dabei bemerkenswert. 

Merkwürdigerweise nehmen die Jahreszeiten keinen Einfluss auf den Tagesablauf der Restaurant-Crew. Einzig, was die Beschreibungen der Speisen und Getränke angeht, die in diesem Roman sehr viel Raum bekommen, wird man einen saisonalen Unterschied feststellen. Als Leser sollte man sich darauf gefasst machen, Appetit zu bekommen. Denn Essen und Trinken werden in einer Bildhaftigkeit geschildert, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.
" ... Oregano aus Mexiko, der verbrannt aussieht und dessen Duft so betörend ist wie der von Marihuana. Große Dosen hinter den riesigen Olivenöl-Behältern - darin versteckt Chef seinen persönlichen Vorrat an Anchovis aus Katalonien. Kisten gefüllt mit grasigem Sencha und winzigen, von Stein gemahlenen Matcha-Kugeln. Gefrierbeutel mit Maseca. In einigen Spinden findet sich Sriracha-Sauce. Diverse Flaschen billiger Whiskey, versteckt zwischen Mehl und Zucker. Schokoladenriegel in den Manager-Büros, zwischen den Büchern im Regal." (S. 107)
Leider hat dieser Roman nicht viel an Handlung zu bieten. Die Geschichte konzentriert sich auf das Restaurantleben, was für mich als Insiderin eine gern unternommene Reise in die Vergangenheit war.

Auch wenn der Restaurantalltag und das Miteinander der Kollegen sehr authentisch geschildert ist, bin ich mir nicht sicher, ob dies ausreicht, um andere Leser begeistern zu können. Die Autorin, die übrigens ebenfalls in einem Restaurant gearbeitet hat, schmückt die Handlung ein wenig aus, indem sie Tess eine Liebesgeschichte zuschreibt. Doch diese Liebesgeschichte nimmt in diesem Roman nicht viel Raum ein und geht in der Schilderung der Tagesabläufe und der Arbeit in einem Restaurant leider unter.

Ich kann diesen Roman Lesern empfehlen, die Freude am Genuss von gutem Essen und Trinken haben. Denn hier werden sie voll auf ihre Kosten kommen. Vielleicht gibt es auch Leser, die "Restaurant-Luft" schnuppern wollen und sich für die Parallelwelt eines "Tempel des Genusses" interessieren. Dann sind auch sie mit diesem Roman bestens bedient. Denn die Authentizität dieses Romanes garantiert einen realitätsnahen Einblick.

© Renie




Über die Autorin:
Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt „Sweetbitter“. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York. Mehr Informationen zur Autorin unter www.stephaniedanler.com (Quelle: aufbau)

Mittwoch, 12. April 2017

André Milewski: Die Totentafel

Quelle: Pixabay/ESD-SS
Wer mich und meinen Blog kennt, weiß, dass meine zweite Leseheimat die Lesecommunity Whatchareadin ist. Hier bin ich schon auf viele Buch-Affine und somit Gleichgesinnte gestoßen. Bei Whatchareadin tummeln sich nicht nur Leser sondern auch Autoren. Einer davon ist André Milewski. Wir sind uns virtuell schon häufiger in diversen Threads begegnet. Auf der Leipziger Buchmesse trafen wir uns dann live und in Farbe. Hier hatte ich das Vergnügen, Andrés aktuellen Thriller "Die Totentafel", den er kurz zuvor veröffentlicht hat, kennenzulernen. Und eines ist schon mal klar: aus diesem Lesestoff werden in Hollywood Filme gedreht.


„Die Totentafel“ ist ein Thriller, dessen Handlung uns nach New York führt, genauer: ins  Metropolitain Museum of Art, noch genauer: in die ägyptische Abteilung dieses Museums.

Der Einstiegsmord dieses Thrillers ist schon sehr spektakulär. Der Mörder hat sich  Anregungen für seine Tat scheinbar beim ägyptischen Totenkult gesucht. Der Tote ist ein Archäologe des Museums. Natürlich bleibt es nicht bei der einen Leiche. Die Aufklärung des Verbrechens übernimmt Detective Heather Rollins. Zusätzlich zu dem Kriminalfall macht André Milewski einen zweiten Handlungsstrang auf: Detective Heather hat sich von ihrem Mann und Kollegen David getrennt. Momentan steuern beide auf eine schmutzige Scheidung zu. Heather und ihr Noch-Ehemann tragen den Scheidungskrieg nicht nur vor Gericht aus. Der Konflikt überträgt sich auch auf ihre Arbeit, so dass aus ehemaligen Kollegen erbitterte Feinde geworden sind.
"Blut fehlte. Das war das Erste, was Heather auffiel, als sie am Tatort ankam. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden, der immer noch jungfräulich weiß schimmerte." (S. 7)
Der Thriller wird aus der Sicht von Heather erzählt. Kurzzeitig gibt es jedoch einen Wechsel in der Erzählperspektive. Und hier hat sich André Milewski ein besonderes Schmankerl einfallen lassen: Der Leser schlüpft in die Rolle des Täters und verfolgt dadurch dessen Gedankengänge oder nimmt teil an seinen Gesprächen. Trotzdem lässt sich nicht vorhersagen, wer der Täter ist. 

Die Handlung wird von einer permanenten unterschwelligen Spannung begleitet, die allein schon dem Szenario geschuldet ist: New York im Winter, die ägyptische Abteilung im Museum, die Exponate, allen voran der Nachbau eines Tempels und natürlich die Totentafel, die eine wichtige Rolle in diesem Thriller spielt. Bei einigen Schlüsselszenen und natürlich beim Wechsel der Erzählperspektive auf den Täter steigt die Spannung extrem an.
"Heather atmete tief durch, drehte sich von der Säule weg und stellte sich direkt in den Durchgang zum Tempel. Das Licht hatte mittlerweile ins Bläuliche gewechselt. Langsam schritt Heather weiter auf den kleinen Tempel zu, dessen Eingang tiefschwarz vor ihr lag. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie war sich nicht sicher, ob dort in der Dunkelheit des Tempels der Schütze lauerte oder ob dieser bereits geflüchtet war." (S. 226)
Die Aufklärung des Verbrechens erweist sich als echte Überraschung. Die subtilen Spuren, die André Milewski während der Handlung auslegt, führen den Leser auf etliche falsche Fährten, so dass man am Ende durch die Enthüllung des Mörders völlig überrumpelt wird. 

Ich habe einen Kritikpunkt der Rubrik „Jammern auf hohem Niveau“: Ich hätte mir gern ausführlichere Informationen über die Totentafel gewünscht, dem Artefakt, das eine wichtige Rolle in diesem Thriller spielt. Als alter „Indiana Jones“-Fan hätte ich mir ein sagenumwobenes Geheimnis um diese Tafel gewünscht. Im Ansatz ist dieses Geheimnis vorhanden, lässt allerdings für meinen Geschmack zu viel Raum für Spekulationen.

Fazit:
Ein sehr gelungener Thriller, der durch seinen Aufbau und den Spannungsbogen überzeugt. Die Handlung durchläuft vom Anfang bis zum Ende eine unterschwellige Spannung, die sich jedoch in gewissen Schlüsselszenen und dem Wechsel der Erzählperspektive ins Extreme steigert. Hinzu kommt der interessante Charakter der Heather Rollins. Hier hat sich der Autor viel Spielraum für weitere Thriller mit ihr gelassen, die er hoffentlich auch noch schreiben wird. 

© Renie


"Die Totentafel" von André Milewski (CreateSpace Independent Publishing Platform)
ISBN: 978-1543281651