Dienstag, 7. April 2015

Lesen mit Mira: J. R. Moehringer: Tender Bar


Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen im Haus, ging J. R. in den Keller und entdeckte dort einen Schatz:

In Schachteln verstaut, auf Tischen gestapelt, in Koffer und Überseekisten gepackt waren Aberhunderte Romane und Biografien, Lehrbücher und Kunstbände, Memoiren und Ratgeber, alle zurückgelassen von verschiedenen Generationen und abgekappten Familienzweigen. Ich weiß noch, wie mir der Atem stockte.
Ich liebte diese Bücher auf der Stelle, und diese Liebe hatte meine Mutter in die Wege geleitet. Von meinem neunten Lebensmonat an bis ich zur Schule kam, hatte mich meine Mutter kontinuierlich das Lesen gelehrt und dazu hübsche Lernkarten verwendet, die sie bestellte. Mir blieben diese Karten stets klar und lebendig in Erinnerung wie Schlagzeilen, die hellroten Buchstaben auf cremefarbenem Grund, und dahinter das Gesicht meiner Mutter mit denselben hübschen Farben, dem hellen rosigen Teint, umgeben von rotbraunem Haar. Mir gefiel, wie die Wörter aussahen, ihre Form, die unterschwellige Verbindung der Schrift mit dem hübschen Gesicht meiner Mutter, aber vielleicht lag es auch nur an der Funktionalität, die mich für sie einnahm. Wörter vermochten meine Welt zu organisieren, brachten Ordnung ins Chaos, trennten Dinge säuberlich in Schwarz und Weiß...
Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" und "Minuten-Biografien, "ein bröckelnder alter Band aus den 1930ern", wurden seine ständigen Begleiter.

Berührend finde ich immer J. R.s Wunsch, nur das Beste für seine Mutter zu wollen. Er durfte nicht einfach nur sein Bestes geben, er musste perfekt sein. Er möchte studieren, um Anwalt zu werden und seinen Vater zu verklagen. Dann bräuchte sie nachts nicht immer auf dem Taschenrechner rumhacken. Denn wenn das losging, hieß es, dass man bald wieder bei Opa einziehen musste, weil das Geld nicht mehr reichte.
Selbst als eine Beziehung seiner Mutter mit einem Mann in die Brüche ging, machte er selbst sich Vorwürfe. Er hätte sich mit diesem Mann mehr Mühe geben müssen, hätte sich mit ihm verstehen müssen. Er hätte ihn dazu bringen müssen, ihn zu mögen.

Montag, 6. April 2015

Lesen mit Mira: J. R. Moehringer: Tender Bar

Nach ersten Anlaufschwierigkeiten bin ich dann ja noch gut ins Buch reingekommen. Nach den ersten 140 Seiten gefiel es mir dann so richtig gut. Lieben Dank, Mira, dass Du mir den Tritt verpasst hast, den ich brauchte, um das Buch nicht abzubrechen.

So verschieden sind unsere Kindheitserinnerungen gar nicht, wenn ich mich jetzt mal mit J. R. vergleiche. Der einzige Vorteil, den ich hatte, war, dass wir abgesichert waren. Meine Eltern brauchten sich wegen des Jobs oder der Wohnung keine Sorgen machen.
Aber gefühlsmäßig kann ich J. R. vollauf verstehen.
Das wahre Genie von J. R.s Vater lag im Verschwinden. Früh ließ er die Familie im Stich. Doch J. R. konnte ihn im Kofferradio hören. Als seine Mutter das mitbekam, sorgte sie dafür, dass sich Vater und Sohn mal trafen. Und J. R. schämte sich, dass er sich auf den Vater so freute. Doch aus dem Besuch des angekündigten Baseballspieles wurde nichts. Der Junge wartete vergeblich.
Und so macht sich J. R. auf, männliche Vorbilder zu suchen. Er versucht, sich mit dem Opa anzufreunden. Doch er hat Gewissensbisse; was würde die Mutter sagen. Und er fragt nach, warum sie nicht mit dem Opa redet:

Opa gebe keine Liebe weiter, sagte meine Mutter, als hätte er Angst, sie könnte eines Tages knapp werden.

Opa verbat ihr auch, ein College zu besuchen. Sie wollte so gerne studieren und Karriere machen.

Etwas später, kurz vor seinem achten Geburtstag, kam es dann doch noch zu einem Treffen zwischen Vater und Sohn, aber darüber hat J. R. seiner Mutter nicht die Wahrheit erzählt. Und dann war er ganz verschwunden. Er floh aus dem Bundesstaat, weil J. R.s Mutter Unterhaltszahlungen einklagen wollte. Und er drohte ihr, den Sohn zu entführen und ihr einen Killer auf den Hals zu hetzen, wenn sie damit nicht aufhörte.
Doch das und auch, was seine Mutter an ehelicher Gewalt erlebte, erfuhr J. R. erst in den folgenden Jahren.

Auf dem Klappentext steht unter dem 1. von drei Punkten der Grund, warum es für Frauen gut ist, das Buch zu lesen: "Weil Männer viel einfühlsamer und liebenswürdiger sind, als man denkt."

Diese einfühlsamen und liebenswürdigen Männer fehlen mir bisher. Der Opa ist der Familie gegenüber ein Ekel:

Gegenüber seinen Kindern verhielt Opa sich kalt und seine Enkel ließ er meist abblitzen, aber zu Oma war er hässlich. Er setzte sie herab, schikanierte sie, quälte sie zum Spaß, und seine Grausamkeit gipfelte in dem Namen, den er ihr gab. Ich hörte ihn nie Margaret zu ihr sagen. Er nannte sie dumme Frau, was sich ein wenig wie die Pervertierung bestimmter indianischer Namen in Hiawatha anhörte - zum Beispiel Großer Bär oder Lachendes Wasser ... Jeder Tag der Erniedrigung und Scham war Oma anzusehen. Selbst wenn sie schwieg, sprach ihr Gesicht Bände.


Dabei hielt er ihr Haushaltsgeld so kurz, dass sie sich nicht mal etwas für ein neues Kleid beiseitelegen konnte...



Neu erworben

Ist es das Alter, dass man sich wieder mehr an seine Kinder- und Jugendliteratur erinnert? Dass man das ein oder andere Buch sogar noch einmal lesen möchte? Kinderbücher! Jetzt, mit 50?
Liegt es in den Genen oder sind es einfach nostalgische Gründe?

In den letzten zwei, drei Jahre habe ich es gespürt, erinnere ich mich immer öfter. Einige Jugendbücher habe ich noch aus meiner Lesevergangenheit retten können, einige habe ich mir schon antiquarisch nachgekauft.

Meinen ersten Kauf an Kinderbüchern habe ich nun getätigt. Kinderbücher, in meinem Fall sind es DDR-Bücher. Bin ja in Rostock geboren und dort aufgewachsen.


Hier nun meine ersten Schätze, die sogar noch neu aufgelegt wurden:




Benno Pludra: Lütt Matten und die weiße Muschel
Klappentext
"Na, Lütt Matten", sagt Mariken, "bist du schon an der Reuse gewesen?"
"Ja, man eben", sagt Lütt Matten.
Mariken fragt: "War wieder nichts drin?"
Lütt Matten schüttelt den Kopf. Er bückt sich ins Gras, damit er Mariken nicht ansehen muss.
Seit Tagen kommt sie und fragt sie, und seit Tagen sagt Lütt Matten: "Nein, nichts, kein Stück. Aber morgen, pass auf, morgen ganz bestimmt."


Fred Rodrian / Werner Klemke: Hirsch Heinrich
Klappentext
Hirsch Heinrich kommt aus einem Wald in China in einen deutschen Tierpark. Weil alle Leute gut zu ihm sind, überwindet er sein Heimweh. Doch dann steht Weihnachten vor der Tür und die Besucher werden immer weniger. Da springt Hirsch Heinrich über das Gatter seines Geheges und macht sich auf den langen Weg nach China.


Hansgeorg Stengel / Karl Schrader: So ein Struwwelpeter
Klappentext
Seht mal her, hier steht er, so ein Struwwelpeter! Haarschopf wüst und speckig, Hemd und Hose fleckig. Finger, Ohren und Gesicht wusch er sich seit Wochen nicht. Socken trägt er keine, putzte niemals seine schief gelatschten Treter.Schäm dich, Struwwelpeter!


Peter Brock: Ich bin die Nele
Klappentext
Nele ist ein tapferes Mädchen. Schließlich lebt sie mit ihrem Vater allein, muss in eine fremde Stadt umziehen, hat (noch) keine Freunde, nur einen kleinen Vogel, den sie auch noch zu versorgen hat.
Wenn sie sich da nicht die wunderbarsten Geschichten ausdenken würde, wäre es eigentlich schlecht um sie bestellt. Aber Nele ist ein mutiges Mädchen, auch wenn manch einer sagt - die spinnt. Doch immer öfter werden Neles "Spinnereien" Wirklichkeit und das auf recht abenteuerliche Weise.


Karl Neumann: Das Mädchen hieß Gesine...
Klappentext
Gesine ist ein mutiges Mädchen, das im Zweiten Weltkrieg heimlich einem sowjetischen Kriegsgefangenen hilft.

Zitat der Woche





J. R. Moehringer: Tender Bar

"Bobo sagt, kaltes Bier an einem heißen Tag ist Grund genug, keinen Selbstmord zu begehen."
"Bobo scheint ein sehr weiser Mann zu sein."

Samstag, 4. April 2015

Lesen mit Mira: J. R. Moehringer: Tender Bar

Zu Beginn tat ich mich sehr schwer mit diesem Buch. Vielleicht lag es daran, dass ich mit den Amerikanern irgendwie nicht warm werde.
Das Buch ist autobiografisch. Ich lese zwar gerne Biografien, aber bisher haben mich da hauptsächlich Frauen interessiert. Noch dazu ist der Autor Jahrgang 1964. Mein Jahrgang. Diese Zeit finde ich persönlich nicht so wahnsinnig interessant.
Aber: Ich hatte eine Retterin. Ein Telefongespräch mit Mira und der Knoten ist geplatzt.

Moehringer ist ein US-amerikanischer Journalist. Tender Bar ist sein literarisches Erstlingswerk. Er hat das Buch seiner Mutter gewidmet.

Freitag, 3. April 2015

Günter Görlich: Den Wolken ein Stück näher





Ab 1944 nahm Görlich als Flakhelfer am Zweiten Weltkrieg teil. Er war in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und musste dort Zwangsarbeit leisten. 1949 wurde er nach Ost-Berlin entlassen, arbeitete als Bauarbeiter, bei der Volkspolizei und nach einem Pädagogikstudium als Erzieher.
Er erhielt diverse Auszeichnungen. Seit 1961 war er als IM bei der Stasi. Er wurde auf Mitglieder des Schriftstellerverbandes angesetzt. Diese "Tätigkeit" endete, als er Mitglied des ZK der SED wurde.

Klaus Herper erzählt in Den Wolken ein Stück näher seine Geschichte. Die Familie zieht aus dem beschaulichen Potsdamer Haus mit Garten nach Berlin in ein Hochhaus. Neue Umgebung, neue Schule, er hat zu tun, sich einzugewöhnen. Gleich am ersten Tag stößt er mit Heinz Mateja zusammen, bester Schüler der Klasse und bei allen, Schülern wie Lehrern, hoch angesehen. Alfred Magnus ist der beliebte Lehrer der 8b.
Nach einer Rangelei und erstem Beschnuppern freunden sich Klaus und Mateja leicht an. Richtige Freundschaft schließt Klaus schon mal mit Bully, der ständig ein Kofferradio mit sich rumschleppt, und Karin, aus der er noch nicht gang schlau wird.
Eine Klassenfahrt nach Hiddensee wird geplant. Mateja fungiert als Organisator und Klaus wird als "Sicherheitsobmann" vorgeschlagen. Lehrer Magnus hatte mit der Schulleitung abgeklärt, dass die Klasse während dieser Fahrt in den Jugendverband aufgenommen werden kann. Das geschieht dann während einer Nachtwanderung zum "Toten Kerl", wo Magnus das Gedicht Linker Marsch von Wladimir Wladimirowitsch Majakowski rezitiert. Er hat es vor 40 Jahren an eben dieser Stelle das erste Mal gehört, von dem jungen Schauspieler Arthur Hilmer. Dem jungen Magnus war das Gedicht damals zu aggressiv, so dass er mit Hilmer in Streit geriet.
Lehrer Magnus stirbt, und die Klasse fiel nun in ihren Leistungen merklich ab. Noch nicht öffentlich, dass es in der Schule bemerkbar wurde, aber so langsam, aber sicher.
Die neue Lehrerin, Frau Morgenstern, hat einen äußerst schweren Stand, Heinz Mateja lässt sie dermaßen auflaufen, dass sie es ohne die Unterstützung von Klaus und Karin hätte nicht schaffen können. Unterstützung kommt da auch aus dem Werk 8. Mai, in dem die Väter von Klaus und Karin arbeiten.

Es ist wirklich sehr "sozialistisch belehrend"-lastig. In meiner 8. Klasse damals gab es keinen Jungen oder Mädchen, der oder das so vernünftig gedacht hat, wie dieser Klaus Harper. Ich kann mich zumindest nicht dran erinnern.
Aber irgendwie ist mir das damals beim Lesen nicht bewusst geworden.

Mittwoch, 1. April 2015

Lesen mit Mira: J. R. Moehringer: Tender Bar





Und wieder ist ein Monat vorbei.Diesmal hat sich Mira schon sehr früh für das diesmonatige Buch entschieden.

Klappentext
Eine Kindheit in Long Island, in einer verrauchten Bar voller liebenswürdiger Gestalten, eine Mutter, die mit lebensklugen Lügen die Moral aufrechterhält, und mittendrin der kleine Junge JR, der lernt, dass zwischen Bier und Whisky manchmal Welten liegen. Ein abwechselnd anrührender und witziger Roman über tapfere Kinder, mitfühlende Männer, starke Mütter und die Kraft von Träumen.


Dies ist das erste von zwei Büchern von Moehringer. Ich kenne beide noch nicht und bin gespannt.