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Mittwoch, 5. Februar 2020

Ulf Schiewe: Der Attentäter

Quelle: Wikimedia Commons

Das Attentat am 28. Juni 1914 auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und seine Frau in Sarajevo war der Auslöser für den 1. Weltkrieg. Wie es dazu gekommen ist und insbesondere, was in der Woche zuvor passiert ist, schildert der historische Thriller "Der Attentäter" von Ulf Schiewe.
Der Autor, der schon einige historische Romane geschrieben hat, ist mir für seine akribische Recherchearbeit bekannt. Daher haben seine Bücher einen besonderen historischen Stellenwert, sind sie doch so dicht wie es nur irgendwie geht an der Realität dran.

Auch in "Der Attentäter" findet sich wenig Fiktion, dafür umso mehr Tatsachen, die zu einem extrem spannenden Roman verknüpft sind.

Die weltpolitische Situation der Zeit vor dem 1. Weltkrieg deutet darauf hin, dass die Machthaber auf ein kriegerisches Gerangel um die Neuverteilung der Machtpositionen in der Welt aus waren. Auf dem Balkan war die Hölle los. Die Europäer trieben die Osmanen vom Balkan, waren sich aber untereinander auch nicht grün. Das Volk der Serben fühlte sich von den Österreichern unterdrückt, was diese aber nicht wahrhaben wollten. Schließlich waren sie diejenigen, die erheblich zur Befreiung des Balkans beigetragen haben. Außerdem war der Balkan durch seine Nähe zu Europa und zum Meer strategisch reizvoll für die Russen. Daher war Österreich ein strategischer Störfaktor. Der Balkan war somit ein Pulverfass und es brauchte nur einen einzigen Funken, um die Explosion - sprich den ersten Weltkrieg - auszulösen. Und das war das Attentat eines Serben auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand.
(An dieser Stelle entschuldige ich mich für meine rudimentären Geschichtskenntnisse. Aber so ungefähr wird es gewesen sein.)
Quelle: Bastei Lübbe
"' ... Wir leben in Europa gefährlich nahe am Randes eines großen Krieges. Frankreich, England und Russland sind gegen uns verbündet. Auf Italien kann man sich nicht verlassen. Natürlich bin ich froh, dass wir mit den Deutschen einen starken Verbündeten im Rücken haben. Aber machen wir uns nichts vor: Die Machtbalance in Europa steht auf der Kippe. Eine Kleinigkeit könnte genügen, die Katastrophe auszulösen. ..."
Man beginnt "Der Attentäter" also mit dem Wissen, wie die Story ausgehen wird. Am Ende sterben Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Frau Sophie im Kugelhagel des Attentäters Gavrilo Princip, Tatort: Sarajevo. Ulf Schiewe beantwortet jedoch mit seinem Roman die Frage, was in den Tagen vor dem Attentat passiert ist bzw. passiert sein könnte, wobei Spekulationen hier nur sehr wenig Raum haben.

Der Roman ist in 7 Kapitel sowie Prolog und Epilog aufgeteilt. Einem Countdown gleich behandelt jedes Kapitel einen Tag der Woche vor dem Attentat, angefangen mit Montag, dem 22. Juni 1914.

Die Charaktere in diesem Roman sind größtenteils reale Personen, einige wenige sind fiktiv. Ein Personenverzeichnis am Ende des Buches gibt Auskunft darüber, welcher Charakter welchem Kreis zuzuordnen ist. Die Handlung wird aus wechselnden Perspektiven geschildert, allen voran die des Attentäters Gavrilo sowie seines Opfers Franz-Ferdinand, oder aber Markovic, einem fiktiven Major des österreichisch-ungarischen Geheimdienstes.

Trotzdem man weiß, dass der Ausgang dieser Geschichte unvermeidlich ist, ertappt man sich doch dabei, dass man völlig irrational auf eine Wendung in der Handlung hofft. Man zittert also mit den Charakteren und möchte sie manches Mal schütteln und sie in ihren Handlungsweisen beeinflussen können. Denn Ulf Schiewe macht deutlich, dass das Attentat auf das Thronfolger-Ehepaar auch eine Folge von Verkettungen blöder Zufälle und falscher Entscheidungen gewesen ist. Hätte der Zufall nicht geholfen, könnte man vermuten, dass die Geschichte anders ausgegangen wäre.
"Am Ende ist vielleicht gar nichts, und sie machen sich hier umsonst verrückt. Dann wird Potiorek recht gehabt haben, und beim Besuch des Erzherzogs hat es nichts als schwülstige Reden gegeben, begeistert winkende Menschen, Blumen für die Herzogin und einen Kinderchor, der den beiden ein Ständchen bringt. Am Ende reisen die Herrschaften dann wohlbehalten ab, und sie können endlich wieder aufatmen."
Besonders gut hat mir in diesem Roman die Schilderung des damaligen Zeitgeistes gefallen. Für mich war die Zeit vor dem 1. Weltkrieg nie wirklich greifbar. Viele Ereignisse und Zeitgenossen aus dieser Zeit waren mir lediglich voneinander losgelöst bekannt. Doch in "Die Attentäter" werden sie in einen Kontext gebracht. Das kann bspw. eine Berta von Suttner sein, Cousine der Frau des Thronfolgers und eine Figur in diesem Roman, die nur am Rande Erwähnung findet. Heutzutage ist Berta von Suttner vielen als Schriftstellerin und Friedensforscherin ein Begriff. In "Die Attentäter" wird deutlich, mit wieviel Widerstand die Dame zu kämpfen hatte, und unter welchen schwierigen Verhältnissen sie ihren Standpunkt vertreten musste, was ihre Arbeit rückblickend noch um einiges bemerkenswerter macht.
Genauso sind es auch die kleinen Dinge, die für den damaligen Zeitgeist stehen und dem Roman einen großen Charme verleihen. Mir war bspw. nicht bewusst, dass Mineralwasser in Glasflaschen damals eine aufsehenerregende Neuerung war und als Getränk den Reichen und Adeligen vorbehalten war. Es gibt also einige Aha-Erlebnisse in diesem Buch, die mir sehr viel Lesefreude bereitet haben.

Fazit:
Ein historischer Roman mit wenig Fiktion, dafür umso mehr Fakten, die zu einem hochkarätigen und spannenden Thriller verwoben sind.
Daher: Willst Du wissen, wie es früher war, lies einen Schiewe.

© Renie


Mittwoch, 30. März 2016

Schünemann & Volić: Pfingstrosenrot

"Ein kleines Stück Land, kleiner als das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein, war mit so viel Geschichte und Mythen beladen, und eine davon besagte, dass nur hier die Pfingstrose in solch prächtigen Rottönen blühen würde, weil der Boden mit so viel Blut getränkt ist." (S. 70)
Der Kosovo-Krieg fand von Februar 1998 bis Juni 1999. Ja, so lange ist das schon her. Doch der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen Kosovo-Albanern und Serben besteht nach wie vor. Zu groß sind Hass und Vorurteile, die sich in den Köpfen der Balkanbewohner eingenistet haben. Menschen sind vertrieben worden, Menschen haben das Bedürfnis, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Der Kriminalroman "Pfingstrosenrot" des Autorenduos Christian Schünemann und Jelena Volić ist in der Zeit nach dem Krieg angesiedelt und reicht bis in unsere Gegenwart. Dabei liefern sie ein eindrucksvolles Bild über die Gewinner und Verlierer des damaligen Krieges.

Quelle: Diogenes
Worum geht es in diesem Kriminalroman?
Was geschah in jener Nacht, als ein serbisches Ehepaar, Miloš und Ljubinka Valetic, in seinem Haus im Kosovo brutal ermordet wurde? Milena Lukin wäre dieser Frage vielleicht nie nachgegangen, wenn nicht ihr Onkel Miodrag in der Ermordeten seine Jugendliebe wiedererkannt hätte. Sie nimmt Kontakt zu den hinterbliebenen Kindern auf, wagt sich an den Ort des Verbrechens und in die Niederungen der Politik. Und allmählich erhärtet sich der Verdacht, dass die Täter nicht in der Ferne, sondern ganz in ihrer Nähe zu finden sind – im schönen Belgrad. In ›Pfingstrosenrot‹ wird erzählt, wie ein politischer Konflikt hinter den Kulissen geschürt und aufrechterhalten wird, weil beide Seiten kräftig davon profitieren. (Quelle: Diogenes)

Der Kriminalfall, der hier geschildert wird, basiert auf einem wahren Verbrechen, welches seinerzeit sowohl von serbischen als auch albanischen Regierungs- und Medienvertretern instrumentalisiert worden ist, um die eh schon explosive Stimmung zwischen den Bevölkerungsgruppen weiter aufzuheizen.

Im Mittelpunkt steht Milena Lukin, eine Kriminologin, die mit ihrer Mutter und ihrem Sohn in Belgrad lebt und unterrichtet. Sie ist eine warmherzige Frau und ein Familienmensch. Deshalb zögert sie auch nicht, der Bitte ihres kranken Onkels nachzukommen, ein paar Nachforschungen in dem Doppelmord Valetic anzustellen. Bei der ermordeten Ljubinka Valetic handelt es sich um Onkel's Jugendliebe.
Da Milena als Kriminologin u. a. mit der Europäischen Kommission zusammen arbeitet, hat sie Zugang zu den unterschiedlichsten Kreisen in Belgrad. Dadurch stehen ihr viele Möglichkeiten offen, die sie bei der Aufklärung dieses Verbrechens unterstützen.
"Wenn sie sich vorstellte, wie da oben jetzt die Diplomaten und Politiker beisammensaßen und mit abstrakten Zielvorgaben über das Schicksal von Tausenden von Flüchtlingen entschieden. Diese Herren waren von allem Möglichen getrieben, nur nicht von der Sorge um die Menschen." (S. 74)
In Serbien ist die Kluft zwischen Armen und Reichen sehr groß. Insbesondere die Folgen des Krieges tragen dazu bei. Von den EU-Geldern, die dem Wiederaufbau dienen, profitieren nur einige wenige, in der Regel Beamte und Regierungsmitglieder. Wer sich vor dem Krieg nicht gescheut hat, die Hand aufzuhalten und sich korrumpieren ließ, hat auch jetzt keine Probleme damit. Die EU ist großzügig, nur leider kommt das Geld nicht bei denen an, die es dringend benötigen: den Bewohnern des Kosovo und den Rückkehrern, die während des Krieges nach Serbien geflohen sind und jetzt wieder in die Heimat zurück wollen.
Korruption und Vetternwirtschaft sind in Serbien und im Kosovo an der Tagesordnung. Und gerade diejenigen, denen es vor dem Krieg schon gut ging, profitieren am meisten von den Folgen des Krieges. 
"'... Ob Minister oder Bürgermeister - jeder fühlt sich zuerst seinem eigenen Clan verantwortlich, und dann kommt lange Zeit nichts. Und die Internationalen sind längst Vettern in dieser Vetternwirtschaft geworden. Irgendwann erliegt der eine oder andere Bürokrat dann doch der Versuchung, sich hier und da an einer kleinen Privatisierung und am Ausverkauf des Kosovo zu beteiligen. Oder man lässt sich fürs Weggucken bezahlen - auch ein schönes Zubrot zu einem Gehalt,...'" (S. 328)
Die Reichen genießen ihr Leben. Sie haben einen Höllenspaß daran, ihren Reichtum zur Schau zu stellen. Die Dekadenz kennt dabei keine Grenzen. Ist diese Dekadenz übertrieben dargestellt? Auf jeden Fall geben Schünemann und Volić die "High Society" Belgrad's der Lächerlichkeit preis. Denn egal, mit welchen Statussymbolen die Reichen aufwarten, alles wirkt übertrieben, protzig und geschmacklos.
"Der Politiker hatte sich in der laufenden Legislaturperiode interessanterweise vor allem dadurch hervorgetan, dass er öffentlich mit nacktem Oberkörper und einer riesigen Kreuzotter um den Hals posierte. Milena seufzte. Frauen legten sich bei der ersten Gelegenheit bereitwillig unters Messer, ließen sich liften, spritzen und straffen, dass ihnen die Anstrengung teilweise ins Gesicht geschrieben stand, während Männer kompensierten und sich keinen Deut darum scherten, dass ihnen die Wampe über dem Gürtel hing und Haare in Fülle nur noch auf dem Rücken wuchsen." (S. 272)
Belgrad ist eine Stadt der Kontraste. Hier treffen marode Bauwerke auf High-Tech-Neubauten (finanziert von der EU). Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in ärmlichen Verhältnissen, ein anderer Teil weiß nicht wohin mit seinem Reichtum. Die wenigen albanisch-stämmigen Bewohner Belgrads werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Der Hass, der damals zu dem Krieg geführt hat, ist in den Köpfen der Menschen tief verwurzelt. Und es ist fraglich, ob sich die Balkanvölker jemals von diesem Hass befreien können. 
"Einem Albaner in Serbien wurde die Krankenhausbehandlung nicht verweigert, aber er hatte sich bitte schön zu gedulden, Schmerzen auszuhalten und hinzunehmen, dass jeder andere Patient Vorrang hatte. Jeder Notfallpatient, Privatpatient, Patient serbischer Staatsangehörigkeit oder serbischer Herkunft wurde ihm vorgezogen. Und dieser Fakt war, wie Schwester Dunja es wohl ausdrücken würde, 'keine Diskriminierung, sondern völlig normal.'" (S. 209)
Dieser Kriminalroman kommt gänzlich ohne Brutalität aus. Es geht zwar um einen Doppelmord - es bleibt übrigens nicht bei dem einen - doch als Leser erlebt man nie die Tat sondern wird immer nur mit dem Ergebnis - also der Leiche - konfrontiert. Und selbst hier hat sich das Autoren-Duo in der Beschreibung zurück gehalten und den Leser mit blutigen Details verschont. Trotzdem ist der Roman sehr spannend geschrieben. Durch einen stetigen Wechsel in der Erzählperspektive kommt der Leser in den Genuss, die Geschichte von mehreren Seiten zu durchleuchten. Die Hintergründe des Doppelmordes offenbaren sich erst mit der Zeit, obwohl sich relativ schnell abzeichnet, wer zu den Bösen und wer zu den Guten gehört.

Fazit:
Ich mag Krimis, deren Autoren es schaffen Spannung aufzubauen, und dabei auf Gewaltexzesse und Blutorgien verzichten können. In "Pfingstrosenrot" bin ich dabei voll auf meine Kosten gekommen. Hinzu kommt der politische Hintergrund, der in diesem Roman eine große Rolle spielt und fast schon informativen Charakter hat. Denn wie anfangs erwähnt, der Kosovo-Krieg liegt lange zurück. Und wie der Balkan sich mit dem Wiederaufbau rumgeschlagen hat und noch schlägt, haben doch viele aus den Augen verloren.

Leseempfehlung für diesen intelligenten, politischen, unblutigen und spannenden Krimi!

© Renie


Pfingstrosenrot von Schünemann und Volić, erschienen im Diogenes Verlag
ISBN978-3-257-06957-0



Über die Autoren:
Christian Schünemann, geboren 1968 in Bremen, studierte Slawistik in Berlin und Sankt Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina und absolvierte die Evangelische Journalistenschule in Berlin, wo er auch lebt. Er hat im Diogenes Verlag bereits vier Kriminalromane um den Münchner Starfrisör und Amateurdetektiv Tomas Prinz veröffentlicht.

Jelena Volic, geboren in Belgrad, studierte Allgemeine Literaturwissenschaft und Germanistik in Belgrad, Münster und Berlin. Mitarbeiterin in diversen Foren, die sich mit Serbien im europäischen Einigungsprozess befassen. Jelena Volic lehrt in Belgrad Neuere deutsche Literatur und Kulturgeschichte und ist Expertin für deutsch-serbische Beziehungen. Sie lebt in Belgrad und Berlin.